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Melancholie und gute Laune

Als Kenner des deutschen Liedguts weiß ich, dass sich Liebeskummer nicht lohnt. Dennoch musste ich Erfahrungen machen, die mich trotz gesummter Vorsätze in ganz andere Ecken unseres Popkulturkanons führten. So konnte ich am Wochenende ein Gefühl wieder erkennen, dem ich schon lange nicht mehr begegnet war. Ich fühlte mich abseits, leer und betrachtete mit leiser Melancholie all die Menschen, die ganz selbstverständlich mit dem beschäftigt waren, was normaler Weise ebenfalls ein bedeutsamer Teil meines Lebens ist: dem Fußball. Am Samstag sah ich die Bochumer vor mir, wie sie angespannt dem entscheidenden Spiel entgegen harrten. Ich sah die Münchner in Erwartungsfreude auf die Meisterschale und die Berliner in ihrer gemeinsamen Trauer. Ich sah die Freiburger zum letzten Saisonspiel ins Stadion schlendern. Überall nahm ich Gefühle wahr, die in meinem eigenen Erleben keine Gegenwart besaßen. In mir war nichts.

Nichts war da, wenn ich an das Spiel des MSV Duisburg gegen Alemannia Aachen dachte. Zum ersten Mal seit Jahren. In solchen Zeiten ist Entwicklung auf sprunghafte Weise möglich. Der Platz für etwas Neues scheint unendlich groß zu sein. Ich mache mir nämlich weiter Gedanken um dieses Neue. Denn das Nichts wird nur in einem geringen Teil durch das Nichterreichen von Zielen des MSV Duisburg verursacht. In den letzten Jahren wurden Ziele öfter verpasst. Da ging es mir nicht so. Dieses Nichts in mir hat mehr mit dem Fußball der Gegenwart und den Strukturen dieses Geschäfts zu tun; sowie meinem schon öfter erwähnten Misstrauen der Mannschaft gegenüber, was ich von ihr für das Eingehen meiner emotionale Bindung zu erwarten habe.

Wie dem MSV Duisburg geht es vielen Vereinen bei der Suche nach Erfolg. Wieso lese ich nach Misserfolgen immer wieder von den „jungrigen“ Spielern, also den Jungen und Hungrigen, die sich identifizieren und mit denen ein Neuaufbau versucht werden soll?  Ich habe es schon oft erwähnt, da gibt es etwas nicht leicht Fassbares wie Identifikation, um das sich der Fußball der Gegenwart ganz dringend kümmern muss. Die Fan-Ausschreitungen nach Misserfolgen lassen sich auch als Symptom dieser ungelösten Probleme einer Professionalisierung des Sports deuten.

Der MSV Duisburg hat sich bislang diesen Mechanismen des Fußballs der Gegenwart nicht entziehen können. Anders formuliert, bislang gab es kaum Überlegungen beim MSV Duisburg zum MSV Duisburg, die über den sportlichen Erfolg hinaus gingen. Kann es in einem Verein wie dem MSV Duisburg auch etwas anderes als den sportlichen Erfolg zur Identifikation geben? Muss es das nicht sogar geben? So eine Frage ist beim FC St. Pauli scheinbar beantwortet. Dieser Verein bietet seinen Anhängern die Möglichkeit kraft ihres Anhängertums ein Statement abzugeben, das über den Sport hinaus geht. Wie lange das noch funktioniert, bleibt abzuwarten. Der FC St. Pauli bringt ja seit einiger Zeit, das Freibeuter-Image mit dem Geschäfte machen in Einklang. Interessant wird es zu beobachten, wie der geschäftliche Erfolg als notwendige Grundlage für den sportlichen Erfolg in die Vereinskultur rund um den FC St. Pauli integriert werden kann.

Das ist auch so ein Zeichen dieser Leere. Immer wieder kommen einem lose Gedanken und unausgegorene Überlegungen. Eigentlich müssen solche Gedanken dann noch einmal hervor geholt und bearbeitet werden. Die Saison ist vorbei. Zu einem letzten Sieg hat es anscheinend viele Chancen gegeben. Es passt zur Saison, dass auch diese vergeben wurden. Und deshalb stelle ich mir jetzt den in Duisburg geborenen und aufgewachsenen Fred Bertelmann vor, wie er auf der Meidericher Bahnhofstraße an einem Sonnensonntag vom ehemaligen Markplatz aus Richtung Westender Straße zum Trainingsgelände läuft. Dabei singt er seinen „lachenden Vagabund„. Auf seinem Weg wird er begleitet von den blau-weiß gekleideten Anhängern des MSV Duisburg. Alle diese Anhänger haben sich an der guten Laune von Fred Bertelmann aufgerichtet und ihre Gesichter strahlen beim Gedanken an die neue Saison. Denn des lachenden Vagabunden „Welt ist bunt“ und wir wissen ebenfalls, „Tina“, die sogar einen „Lord“ liebte, lief dem gleich fort, als sie den lachenden Vagabund sah. Wollen wir doch mal sehen, ob die Schlagerwirklichkeit nicht in der Fußballgegenwart wieder zu finden ist, wenn der lachende Vagabund Bruno Hübner mit neuen Spielern Kontakt aufnimmt.


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