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Spieltagslyrik: Der Stoppelkamp

Der Stoppelkamp

Wo Sand aus jedem Boden wächst,
verhungert Mensch und Tier.
Ertrag auf Binnendüne: Null.
Sandhausen heißt das hier.

Der Lichtblick ist ein Stoppelkamp,
dort gibt es Grün fürs Vieh und Beeren.
So können Gäste in Sandhausen
den Stoppelkamp zufrieden ehren.

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Pyrotechnik ist Körperverletzung

Pyrotechnik mag kein Verbrechen sein, Pyrotechnik, Unterkategorie geworfener Böller, ist aber eine Körperverletzung. Als juristischer Laie sage ich, das war vorsätzliche Körperverletzung, als nach dem Spiel des MSV in Sandhausen zwischen den Anhängern auf dem etwa zwei Meter breiten Weg zum Parkplatz ein Böller unauffällig fallen gelassen wurde.

Das Ding explodierte zwischen den MSV-Fans, die das Spiel beredeten, die sich fürs Finale  gegen Leipzig Mut zusprachen. Das Ding explodierte, erschreckte fast alle in der Nähe und danach standen zwei Männer mit schmerzverzerrtem Gesicht an dem Zaun, der diesen zwei Meter breiten Weg auf der einen Seite begrenzte. Sie mussten sich anlehnen, wirkten wie im Schock, hielten sich ein Ohr und konnten nicht mehr weitergehen. Vom Böllerwerfer keine Spur. Natürlich hat ihn niemand in der vom Böller betroffenen Gruppe MSV-Fans gesehen. Natürlich war er längst weiter gegangen. Unauffällig, feige, heimtückisch, aber wahrscheinlich bester Laune. Jemand, der sich wahrscheinlich auch dem MSV verbunden fühlt. Noch wahrscheinlicher fühlt er vor allem sich selbst verbunden.

Ich versuche meinen Ton zu mäßigen. Sehr viel Verstand scheint der Böllerwerfer nicht mit ins Stadion zu bringen, und deshalb muss ich grundsätzlich werden, weil Pyrotechnik ja kein Verbrechen ist, wie die Verfechter des Rechts auf Pyrotechnik in den Stadien betonen. Das mag ja sein, dennoch haftet diese Pyrotechnik-Szene für genau diesen Böllerwurf nach dem Spiel mit. Es ist zum Räuber-und-Gendarm-Spiel geworden bei Auswärtsspielen herumzufackeln. Auch beim MSV, auch in Sandhausen, nach meinem Empfinden war ein großer Teil der mitgereisten Anhänger des MSV mit dem Abbrennen der Bengalos nicht einverstanden. Es wurde gepfiffen. Das ist das eine.

Denke ich an den Böllerwurf  nun, kommen mir so viele Sätze in den Sinn, in denen ich von verantwortungsvollem Gebrauch und solchen Dingen hörte. Soll ich irgendein Argument dieser Szene ernst nehmen, muss sie sich für die Gefahr und den Missbrauch dieser Pyrotechnik verantwortlich fühlen, so wie sie es immer behauptet.

Ihr haftet mit, ihr, die ihr Bengalos anzündet, ihr haftet mit für jeden dieser Idioten, die in der Menge Böller zünden, weil die ja unglaublich spaßig knallen. Seht mal zu, dass ihr solchen Idioten das Zeug aus den Fingern haut, ehe sie es anzünden. Dann können wir weiterreden.

Das durchdrehende Tollhaus neben dem Acker

In der 75. Minute des Spiels vom MSV Duisburg beim SV Sandhausen begann ein Teil dieses Körpers MSV für diese Saison abzusterben. Ich gehörte dazu. Das 2:0 für Sandhausen war gerade gefallen, und der Abstieg schien nach all der hochfliegenden Hoffnung der letzten Wochen doch wirklich zu werden. Ich lehnte an dem Gitterzaun des Stehplatzes, konnte mich nicht mehr rühren, war taub und blind geworden. War ich in dieser Lähmung angesteckt worden, drohte ich andere anzustecken? Einzelne Teile des Körpers hatten sich schon zwangsamputiert und gingen den Fußweg Richtung Parkplatzgrab, das sich zwischen mehreren Äckern der Sandhäuser Bauern befand.

Andere Teile des Körpers konzentrierten jede noch vorhandene Kraft, um die Vitalfunktion des MSV aufrecht zu erhalten. Auf den Rängen wurde immer noch angefeuert, aber der vielstimmige Chor war auseinander gefallen in einzelne kleine Inseln, wo Lebensenergie noch pumpte, und das herausgeschieene EM-ES-VAU wirkte wie ein verzweifeltes Aufbäumen gegen das nahe Ende. Das Zentralorgan dieses Körpers aber, die Mannschaft, schien vom nahen Ende nur insofern etwas mitzubekommen, als es immer stärker arbeitete und arbeite, um genau diesem Ende zu entgehen. Dieses Zentralorgan war weiter auf das Überleben ausgerichtet.

An welcher Stelle des Körpers MSV ich mich gerade befand, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall an einer Stelle, die nicht mehr zur Verarbeitung von Sinneseindrücken fähig war. Wie das Anschlusstor durch Nico Klotz in der 80. Minute fiel, kann ich nämlich aus der Erinnerung heraus nicht sagen. Für mich war es ein Geschenk des Lebens an das Leben. Der Körper MSV war von jetzt auf gleich in sämtlichen Zellen revitalisiert.

Das Stadion war in Duisburger Hand, und dieses Stadion peitschte nun die Spieler des MSV nach vorne. Waren es zwei oder drei Angriffe, die nach dem Anschlusstor aufeinander folgten? Der Rhyhtmus der Ränge und die Laufduelle auf dem Spielfeld befeuerten sich gegenseitig. Der Ball kam in die Nähe des Sandhäuser Strafraums, ohne dass es den Zebras gelang, vor das Tor zu kommen. Doch den nächsten Angriff konnten wir ja sofort erwarten. Ich weiß nicht mehr, ob es der eingewechselte Thomas Bröker war, der am linken Flügel vorbeizog, dabei mit seinem Gegenspieler im Laufduell immer wieder aufeinanderprallte, Arme hielten und dennoch schaffte er es diesen Gegenspieler zu überlaufen. Doch zu wenige Mitspieler lauerten in der Mitte. Der Rückpass kam doch, und mit letztem Einsatz erreichte – wer eigentlich? – den Ball, um sofort umgegrätscht zu werden. Führte diese Spielaktion zum Freistoß in der 83. Minute? Selbst das weiß ich nicht wirklich.

Der Verlauf der Saison macht es mir unmöglich, dieses Spiel in der Abfolge seiner bedeutsamen Ereignisse zu erinnern. Mir bleibt während des Spiels kein einziger Moment der Ruhe mehr, um irgendetwas, was ich gesehen habe, mal kurz in einen Zusammenhang zu bringen. Aus  der ersten Halbzeit ist der Pfostenschuss von Kingsley Onuegbu als große Möglichkeit zur Führung mir in Erinnerung. Der MSV war vorsichtig offensiv und ließ die bekannte Konterstärke der Sandhäuser kaum einmal zur Geltung kommen. Zwei Ausnahmen hat es gegeben. Doch die Abschlüsse der Sandhäuser per Kopfball und Schuss von der Strafraumgrenze gingen am Tor vorbei. Der MSV spielte noch nicht risikoreich genug, um wirklich torgefährlich zu werden. Dennoch hatte die Mannschaft das Spiel einigermaßen im Griff.

Das änderte sich etwa zehn Minuten nach Wiederanpfiff. Die Defensive stand nicht mehr so sicher. Sandhausen kam besser ins Spiel. Die zwei Sandhäuser Tore fielen allerdings jeweils nach Eckbällen. Was die Stimmung zusätzlich belastete, wirkte die Defensive in diesen beiden Situationen doch lethargisch und wenig präsent. Solche Eindrücke bleiben mir als vereinzelte Erinnerung. Das meiste steht nebeneinander, wirft mich hin und her, führt zu heillosem Entsetzen bei den Gegentoren oder wie in dieser 83. Minute zum zweiten Mal in dieser Saison nach dem Siegtor gegen 1860 München zu einem irrsinnigen, eskalierenden Jubel, der nicht aufhören wollte.

Zentral vor dem Tor, zwei, drei Meter außerhalb des Strafraums war der Freistoß gepfiffen worden. Giorgi Chanturia lief an, schoss und dann war der Ball drin, irgendwie abgelenkt, genau habe ich auch das nicht gesehen. Genau erinnere ich nur noch, wie wir auf den Rängen das Stadion in ein Tollhaus verwandelten. Die Bierbecher flogen. Zebras sprangen sich in die Arme, hüpften ununterbrochen, rissen ihre Arme immer wieder hoch. Verzerrte Gesichter. Ungläubiges Schreien. Eine Begeisterung wurde hinausgebrüllt in die Welt, getragen von der Kraft alles Lebendingen. Es war unfassbar laut. Der Jubel hielt an. Der Ausgleich brachte alle Möglichkeiten zu überleben wieder zurück.

Noch gab es sogar die Hoffnung auf den Sieg. Weiter nach vorne, weiter nach vorne, hieß die Devise nun für beide Mannschaften. Meine Angst blitzte auf, die Spieler könnten überdrehen in dieser kochenden Stimmung. Die Konter des SV Sandhausen drohten. Das Spiel wogte nun hin und her. Trotz des Drucks vom MSV kamen die Sandhäuser in diesen letzten Spielminuten zu den klareren Chancen. Waren es zwei oder drei Schockstarren, aus denen mich erst die Angriffe des MSV wieder herausrissen? Der Schlusspfiff hinterließ bei mir eine komische Stimmung zwischen Euphorie und Enttäschung. Wie konnte ich beides zusammen spüren? So gehen wir mit dem MSV durch diese Saison. Je größer die Hoffnung jeweils ist, desto tiefer kann die Enttäuschung treffen. So hoch waren wir gestiegen, so tief waren wir zwischendurch gefallen und nun sehen wir dem letzten Spieltag entgegen – und hoffen weiter.

Zebrastreifenblog demnächst mit sportpsychologischem Serviceangebot?

Seit ich gestern im Reviersport das Interview mit dem Sportpsychologen Jürgen Walter gelesen habe, denke ich mal wieder über einen Nebenerwerb nach. Sportpsychologe darf ich mich wahrscheinlich nicht nennen, aber dieser Markt rund um die Psyche bietet ja immer einige Notlösungen. Das muss nur passgenau auf die Ansprüche des Fußballs  hin formuliert werden. Achtsamkeitstrainer etwa hätte keine Chance, auch wenn der Trainer sportnah klingt und der Psychohyghiene-Markt seit einiger Zeit große Wachstumsraten beim Achtsamkeitstraining verzeichnet.

Auch vom reinen Motivationstrainer Daumscher Prägung scheint der Fußball nicht mehr so viel zu halten. Man möchte doch was Seriöses, Berater, die im beruflichen Werdegang durch eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung abgesichert sind. Übrigens ist der Motivationstrainer ohnehin aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden. Das hängt mit dem wirtschaftlichen Aufstieg der Achtsamkeitstrainer eng zusammen. Diese Gesellschaft brauchte ein Gegenmittel zu all denen, die ab Ende der 90er für etwa ein Jahrzehnt erzählten, ihr könnt alles schaffen, wenn ihr nur die richtige Einstellung habt. Nun haben fast alle nach all ihren Motivationsseminaren die richtige Einstellung, und dennoch schaffen sie es nicht. Zumindest nicht ohne leidvolle Folgen für alles, was nicht der Beruf war, Gesundheit zum Beispiel.

Aber ich wollte ja eigentlich über meine Karriere als Sportpsychologe erzählen, der nur anders heißen wird. Meine Analysefähigkeiten stehen jedenfalls schon mal außer Frage. Mein Kollege in spe Jürgen Walter hat nämlich dasselbe festgestellt wie ich in der Rückrunde, die Mannschaft des MSV fand erst zu ihrem guten Spiel, wenn sie nichts mehr zu verlieren hatte; in Jürgen Walters Worten, „als dann alles ausweglos schien und die Spieler sich keine Gedanken mehr gemacht haben, haben sie plötzlich frei aufgespielt.“

Allerdings bin ich optimistischer als er. Er fragt sich noch, ob der Flow, in dem sich die Mannschaft nun befindet, in den letzten beiden Spielen anhielte. Die Mannschaft hätte sich an die Konkurrenz herangekämpft, sei nun wieder im Rennen und nun könnten die Spieler wieder ins Nachdenken kommen, eine Gefährdung ihrer Leistung. Ich bin optimistischer, weil das Spiel gegen Fortuna Düsseldorf schon jene Prüfung des Flows gewesen ist, die er erst in Sandhausen auf die Mannschaft zukommen sieht. Die Ausgangslage für die letzten fünf Mannschaften der Tabelle ändert sich nicht mehr an diesem vorletzten Spieltag. Eine Niederlage macht den Abstieg wahrscheinlich. Darüber braucht niemand großartig nachzudenken. Es geht wieder um alles. In dieser Situation zu bestehen, das macht der MSV im Moment verdammt gut. Ob der Flow dann langt, um zu gewinnen, ist schließlich noch  eine andere Frage. Dass der Flow anhält, dessen bin ich sicher.

Fieberfantasien mit Tabellenrechner

Am Montag begann meine Erkältung mit starkem Husten und heftigem Krankheitsgefühl. Sie nahm einen für mich klassischen Verlauf. Der leichten Besserung am zweiten Tag folgte Fieber am dritten. Da lag ich also im Bett, war genervt, las zuweilen etwas ohne Konzentration, döste ein, guckte wach werdend, was Facebook und Twitter mir ins kranke Leben reinschickten und langweilte mich immer mal wieder. Mir war heiß – trockene Hitze auf der Haut in müder Unruhe.

Plötzlich hörte ich ein Flüstern: „Weißt du noch, wie es schon zweimal war? Du warst Gott der Zweiten Liga.“

Oh, nein, dachte ich, das glaube ich jetzt nicht.

Das Flüstern wurde lauter. „Der Tabellenrechner“, raunte es, „Du hast es in der Hand. Die Mannschaft braucht dich. Jetzt, in diesem Moment. Mach es!“

„Das hilft doch nichts“, warf ich ein, „jetzt doch nicht mehr. Die Ausgangslage war damals beide Male sehr viel besser“.

„Unsinn“, hörte ich, „das denkst du nur. Hast du nicht gerade noch geschrieben, die Mannschaft spielt inzwischen so, dass ein Platz im unteren Mittelfeld kein Problem gewesen wäre, wenn sie von Anfang an  so aufgetreten wäre?“

Jetzt diskutierte ich mit der Wand über den MSV. Ich fasste es  nicht und rief: „Ich habe aber auch geschrieben, diese Mannschaft kann ein Spiel nicht unbedingt gewinnen. Sie braucht Glück. Glück! Manchmal klappt’s auch, wenn sie gar nichts mehr zu verlieren hat.“

„Und? Ist es etwa gerade anders?“, raunte es beruhigend.

Die Seite vom Kicker war bereits geöffnet. Wer machte so etwas? Ich starrte über den Laptopbildschirm hinweg ins Leere und hörte immer weiter diese Stimme. „Ein Sieg gegen Heidenheim. Fang klein an.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Der letzte Rest gesunder Verstand meldete sich zaghaft, während die Stimme immer hoffnungsfroher klang: „Sechs Punkte. Du packst das. Acht Punkte! Quatsch Relegation. Klassenerhalt. Streng dich an.“

„Aber…“, begann ich und hatte schon das 1:0 gegen Heidenheim eingetippt. Weiter ging es, und wenn ich mir das heute morgen alles ansehe, habe ich in meinem Fieberwahn nur ein einziges ganz unwahrscheinliches Ergebnis vorgegeben, sieht man mal davon ab, dass Siege vom MSV in gewisser Weise grundsätzlich wenig wahrscheinlich sind in dieser Saison. Dieses sehr unwahrscheinliche Ergebnis ist ein Sieg des MSV gegen RB Leipzig, denen ich am letzten Spieltag eine mächtige Aufstiegsfeierlaune verordnet habe. Dafür gab es in Sandhausen ein Unentschieden. Notfalls lässt sich das noch tauschen. Relegationsrang habe ich geschaffft als Zweitliga-Gott im Fieberwahn per Tabellenrechner.

Seht selbst. Und wenn ich dann bei diesem dritten Male meines göttlichen Tabellenrechner-Daseins mit der Saisonziel-Gelingensprognose zum ersten Mal scheitern sollte, hat´s mir zumindest dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

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Goldglücklich à la vie en rose nach diesem Heimsieg

Wie schön, wenn einem das Mottolied für dieses Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen am selben Tag noch live gesungen wird. In Ruhrort war dieses Lied zu hören im ruhrKUNSTort. Dort spielten chazz, und als die Sängerin Ina Hiester den Piaf-Klassiker „La vie en rose“ anstimmte, schien es mir so, als sang sie das Lied allein für mich, weil ich dort in meinem MSV-Trikot mir alle Mühe gab, als Honigkuchenpferd nicht allzu viel Platz wegzunehmen. Es waren ohnehin schon so viele Menschen in der Gallerie.

La vie en rose – für das rosige Leben brauchen wir Anhänger des MSV Duisburg gerade niemanden, der uns umarmt, küsst und uns liebt. Das geht auch anders. So rosig wie in diesem Piaf-Chanson kann das Leben auch sein, wenn dem MSV Duisburg der so unbedingt notwendige Sieg gegen den SV Sandhausen gelingt. So rosig ist das Leben, weil dieser Sieg nicht schmutzig erkämpft wurde, sondern die Mannschaft ihn planvoll erarbeitete und letztlich klar erspielte. So rosig wird das Leben, weil wir zudem zwei der drei Tore als Entwicklung sehen konnten, als allmählichen Aufbau von Wahrscheinlichkeit, als Einlösen von Versprechen.

Dieser 3:0-Sieg fühlt sich so gar nicht nach dem Erfolg einer Mannschaft im Abstiegskampf an, und das ist nicht meinem Überschwang geschuldet. Ich weiß, an der Tabellensituation hat sich nichts geändert, und wenn nicht allmählich mal ein paar Mannschaften in der unteren Hälfte kontinuierlich verlieren, nutzen solche Siege nichts. Aber für den Moment fühlt sich dieser Sieg großartig und nach gesichertem Mittelfeld an.

Dieser Sieg fühlt sich deshalb anders an, weil der MSV Duisburg in der ersten Halbzeit zwei große Chancen besaß, um in Führung zu gehen und sie vergab. Ich erkläre die Begründung gleich. Ein Reflex vom guten Sandhausener Torwart verhinderte die Führung einmal, beim zweiten Mal war – so meine ich – ein Abwehrbein im allerletzten Moment dazwischen. Der Kopfball Richtung Innenpfosten nach einer Ecke fällt mir jetzt gerade auch noch ein. Also, waren es sogar drei Chancen. Wir sind es gewohnt in dieser Saison, dass solche großen Chancen selten sind. Weil sie ungenutzt blieben, schaffte der MSV bislang allenfalls ein Unentschieden. Das eben war gestern anders. Es ist normal im Fußballspiel, dass Chancen von einem Torwart zunichte gemacht werden. Dazu steht er im Tor, und gestern war es normal, dass der MSV sich dann weitere Chancen erspielte.

In dieser ersten Halbzeit hatte aber auch der SV Sandhausen zwei große Chancen in Führung zu gehen, ein Kopfball, ein Konter, einmal ging der Ball am Tor vorbei, einmal hielt Michael Ratajczak. Der Gegner war sehr, sehr schnell in seinem Umschaltspiel, im Aufgreifen eines möglichen Angriffs, sei es beim Einwurf, sei es beim Freistoß. Man sah so sofort, wie diese Mannschaft ihre Tore erzielt und welcher Gefahr der MSV begegnete. Es war ein ausgeglichenes Spiel in dieser ersten Halbzeit, und für den MSV war es schwer im kontrollierten Aufbauspiel die kompakte Defensive der Sandhausener zu durchdringen. Doch wieder fand die Mannschaft eine gute Balance dabei, dieses kontrollierte Spiel, bei dem sie nicht sehr erfolgreich ist, beizubehalten und es mit halblangen Bällen auf Kingsley Onuegbu abzuwechseln. Diese Rhythmuswechsel machten meine Hoffnung aus.

Nach der Halbzeitpause versuchten die Zebras weiter das Spiel zu bestimmen. Immer noch wirkte untergründig in mir die alte Angst vor dem kleinen Fehler im Mittelfeld, vor diesen schnellen Kontern der Sandhausener, die Angst vor einem Gegentor, das jegliche Spielkontrolle bis zu dem Zeitpunkt hätte nichtig machen können. In diesem Spiel aber nutzte der MSV die nächste große Chance. Nach einem Eckball wurde der zweite Ball erobert, die Defensive der Sandhausener war aufgelöst, Rolf Feltscher stand frei, James Holland sah ihn, spitzelte den Ball ihm zu und Feltscher schloss erfolgreich ab. Was für eine Erleichterung. Für das Vertrauen auf den Sieg war es aber viel zu früh im Spiel. Wir sehnten ein zweites Tor herbei.

Die Sandhausener öffneten nun ihre Defensive, und wie es sich für eine klassische Heimsieggeschichte gehört, entstand Raum für Konter. Zlatko Janjic erlief sich den etwas zu langen Ball auf den linken Flügel, setzte sich gegen seinen Mitspieler durch und hatte den Moment Zeit in Ruhe zu flanken. Nicht in die Mitte zum Kopfball als einfache Möglichkeit flankte er, nein, er flankte punktgenau über den Fünfmeterraum hinweg in den Lauf von Tim Albutat, der in den Ball grätschend per Dropkick zum 2:0 einschoss. Was für ein wunderbares Tor, welch Perfektion des Spiels von beiden Beteiligten. Ohnehin zeigte Zlatko Janjic an diesem Tag eine großartige Leistung. Immer wieder behauptete er im Mittelfeld souverän die Bälle, schuf Gefahr mit seinen Pässen und erlief viele zweite Bälle, als ob sein Ausgleichssport der 50-Meter-Sprint sei.

Auch nach dieser Zwei-Tore-Führung hielt der MSV den Druck hoch. Die Mannschaft zog sich nicht zurück, wie wir es so oft schon mit großem Zittern erlebt haben. Das gehört mit zur Botschaft dieses Spiels. Die Mannschaft will das Spiel bestimmen. Zu jeder Zeit. Zu jedem Spielstand. Die Mannschaft will aber nicht nur, sie kann es auch.

Thomas Bröker hätte schon das dritte Tor erzielen, als er im Fünfmeterraum auf dem Boden liegend einen Abpraller über das Tor befördert. So erzielte Zlatko Janjic erst kurz vor Spielende das 3:0 für den MSV. Auch dieses Tor war schön herausgespielt in einer Dreierkombination über Nico Klotz, der am rechten Flügel zwischen drei Mann den freien Raum für den Pass auf Kevin Scheidhauer findet, der daraufhin weiterleiten kann auf den links freistehenden Zlatko Janjic. Was „goldwichtig“ war, machte goldglücklich. Und wenn dann demnächst bitte die drei Stehplatzstufen hinter mir auch wieder gefüllt sind, brauche ich bei zukünftigen Heimsiegen auch keine Verletzungsgefahr mehr zu befürchten. Gestern brachte der Jubel vor mir beim zweiten Tor mich doch glatt zu Fall. Ist mir das überhaupt schon mal im Stadion passiert. Lasst Zuschauer um mich sein. Die Mannschaft und ich, wir brauche jede Unterstützung.

Sprach- und bald auch hoffentlich Trainergott Ilia Gruev

Ab Minute 1.36 sagt Ilia Gruev diesen Satz im Vorbericht zum Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen. In diesem einen Satz liegt alles. Notwendigkeit und Zuversicht. Mehr muss man über dieses Spiel am Sonntag nicht wissen.

Das heißt für uns: Punkte sind goldwichtig

Goldwichtig! Ilia Gruev hat mir und euch ein neues Wort geschenkt, das mich seit gestern begeistert. Goldwichtig. Wie elegant löst sich der Druck des Notwendigen, indem das Goldrichtige in dem Wort als Grundstimmung mitschwingt. Goldrichtig, so heißt es als Urteil meist nur im Nachhinein. Dann hat alles gestimmt. Besser hätte es nicht sein können.

Zlatko Janjic erzählt – ebenfalls im Vorbericht- , wie Ilia Gruev positiv auf die Mannschaft einwirkte und sich um die Psyche der einzelnen kümmerte. Keine Frage, das war und ist goldwichtig. Unser Trainer: Ilia…. Und alle: Gruev… Sprachgott. Und hoffentlich rufen wir bald auch: Trainergott.

 

 

Und noch eins: Letzte Woche hat Wolfgang Brück von der Rhein-Neckar-Zeitung den Kollegen Koss nach der Stimmung in Duisburg und der Haltung der MSV-Anhänger zum SV Sandhausen gefragt. Die Schlagzeile zum Interview ist aber dann doch dem Lokalstolz geschuldet. Ich dementiere sofort im Namen vom Kollegen Koss, dass er das in diesem umfassenden Sinn gesagt hat. Aber lest selbst mit einem Klick.

2015-11-28_rhein-neckar


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