Posts Tagged 'SV Sandhausen'



Fieberfantasien mit Tabellenrechner

Am Montag begann meine Erkältung mit starkem Husten und heftigem Krankheitsgefühl. Sie nahm einen für mich klassischen Verlauf. Der leichten Besserung am zweiten Tag folgte Fieber am dritten. Da lag ich also im Bett, war genervt, las zuweilen etwas ohne Konzentration, döste ein, guckte wach werdend, was Facebook und Twitter mir ins kranke Leben reinschickten und langweilte mich immer mal wieder. Mir war heiß – trockene Hitze auf der Haut in müder Unruhe.

Plötzlich hörte ich ein Flüstern: „Weißt du noch, wie es schon zweimal war? Du warst Gott der Zweiten Liga.“

Oh, nein, dachte ich, das glaube ich jetzt nicht.

Das Flüstern wurde lauter. „Der Tabellenrechner“, raunte es, „Du hast es in der Hand. Die Mannschaft braucht dich. Jetzt, in diesem Moment. Mach es!“

„Das hilft doch nichts“, warf ich ein, „jetzt doch nicht mehr. Die Ausgangslage war damals beide Male sehr viel besser“.

„Unsinn“, hörte ich, „das denkst du nur. Hast du nicht gerade noch geschrieben, die Mannschaft spielt inzwischen so, dass ein Platz im unteren Mittelfeld kein Problem gewesen wäre, wenn sie von Anfang an  so aufgetreten wäre?“

Jetzt diskutierte ich mit der Wand über den MSV. Ich fasste es  nicht und rief: „Ich habe aber auch geschrieben, diese Mannschaft kann ein Spiel nicht unbedingt gewinnen. Sie braucht Glück. Glück! Manchmal klappt’s auch, wenn sie gar nichts mehr zu verlieren hat.“

„Und? Ist es etwa gerade anders?“, raunte es beruhigend.

Die Seite vom Kicker war bereits geöffnet. Wer machte so etwas? Ich starrte über den Laptopbildschirm hinweg ins Leere und hörte immer weiter diese Stimme. „Ein Sieg gegen Heidenheim. Fang klein an.“

Ich traute meinen Ohren nicht. Der letzte Rest gesunder Verstand meldete sich zaghaft, während die Stimme immer hoffnungsfroher klang: „Sechs Punkte. Du packst das. Acht Punkte! Quatsch Relegation. Klassenerhalt. Streng dich an.“

„Aber…“, begann ich und hatte schon das 1:0 gegen Heidenheim eingetippt. Weiter ging es, und wenn ich mir das heute morgen alles ansehe, habe ich in meinem Fieberwahn nur ein einziges ganz unwahrscheinliches Ergebnis vorgegeben, sieht man mal davon ab, dass Siege vom MSV in gewisser Weise grundsätzlich wenig wahrscheinlich sind in dieser Saison. Dieses sehr unwahrscheinliche Ergebnis ist ein Sieg des MSV gegen RB Leipzig, denen ich am letzten Spieltag eine mächtige Aufstiegsfeierlaune verordnet habe. Dafür gab es in Sandhausen ein Unentschieden. Notfalls lässt sich das noch tauschen. Relegationsrang habe ich geschaffft als Zweitliga-Gott im Fieberwahn per Tabellenrechner.

Seht selbst. Und wenn ich dann bei diesem dritten Male meines göttlichen Tabellenrechner-Daseins mit der Saisonziel-Gelingensprognose zum ersten Mal scheitern sollte, hat´s mir zumindest dabei geholfen, wieder gesund zu werden.

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Goldglücklich à la vie en rose nach diesem Heimsieg

Wie schön, wenn einem das Mottolied für dieses Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen am selben Tag noch live gesungen wird. In Ruhrort war dieses Lied zu hören im ruhrKUNSTort. Dort spielten chazz, und als die Sängerin Ina Hiester den Piaf-Klassiker „La vie en rose“ anstimmte, schien es mir so, als sang sie das Lied allein für mich, weil ich dort in meinem MSV-Trikot mir alle Mühe gab, als Honigkuchenpferd nicht allzu viel Platz wegzunehmen. Es waren ohnehin schon so viele Menschen in der Gallerie.

La vie en rose – für das rosige Leben brauchen wir Anhänger des MSV Duisburg gerade niemanden, der uns umarmt, küsst und uns liebt. Das geht auch anders. So rosig wie in diesem Piaf-Chanson kann das Leben auch sein, wenn dem MSV Duisburg der so unbedingt notwendige Sieg gegen den SV Sandhausen gelingt. So rosig ist das Leben, weil dieser Sieg nicht schmutzig erkämpft wurde, sondern die Mannschaft ihn planvoll erarbeitete und letztlich klar erspielte. So rosig wird das Leben, weil wir zudem zwei der drei Tore als Entwicklung sehen konnten, als allmählichen Aufbau von Wahrscheinlichkeit, als Einlösen von Versprechen.

Dieser 3:0-Sieg fühlt sich so gar nicht nach dem Erfolg einer Mannschaft im Abstiegskampf an, und das ist nicht meinem Überschwang geschuldet. Ich weiß, an der Tabellensituation hat sich nichts geändert, und wenn nicht allmählich mal ein paar Mannschaften in der unteren Hälfte kontinuierlich verlieren, nutzen solche Siege nichts. Aber für den Moment fühlt sich dieser Sieg großartig und nach gesichertem Mittelfeld an.

Dieser Sieg fühlt sich deshalb anders an, weil der MSV Duisburg in der ersten Halbzeit zwei große Chancen besaß, um in Führung zu gehen und sie vergab. Ich erkläre die Begründung gleich. Ein Reflex vom guten Sandhausener Torwart verhinderte die Führung einmal, beim zweiten Mal war – so meine ich – ein Abwehrbein im allerletzten Moment dazwischen. Der Kopfball Richtung Innenpfosten nach einer Ecke fällt mir jetzt gerade auch noch ein. Also, waren es sogar drei Chancen. Wir sind es gewohnt in dieser Saison, dass solche großen Chancen selten sind. Weil sie ungenutzt blieben, schaffte der MSV bislang allenfalls ein Unentschieden. Das eben war gestern anders. Es ist normal im Fußballspiel, dass Chancen von einem Torwart zunichte gemacht werden. Dazu steht er im Tor, und gestern war es normal, dass der MSV sich dann weitere Chancen erspielte.

In dieser ersten Halbzeit hatte aber auch der SV Sandhausen zwei große Chancen in Führung zu gehen, ein Kopfball, ein Konter, einmal ging der Ball am Tor vorbei, einmal hielt Michael Ratajczak. Der Gegner war sehr, sehr schnell in seinem Umschaltspiel, im Aufgreifen eines möglichen Angriffs, sei es beim Einwurf, sei es beim Freistoß. Man sah so sofort, wie diese Mannschaft ihre Tore erzielt und welcher Gefahr der MSV begegnete. Es war ein ausgeglichenes Spiel in dieser ersten Halbzeit, und für den MSV war es schwer im kontrollierten Aufbauspiel die kompakte Defensive der Sandhausener zu durchdringen. Doch wieder fand die Mannschaft eine gute Balance dabei, dieses kontrollierte Spiel, bei dem sie nicht sehr erfolgreich ist, beizubehalten und es mit halblangen Bällen auf Kingsley Onuegbu abzuwechseln. Diese Rhythmuswechsel machten meine Hoffnung aus.

Nach der Halbzeitpause versuchten die Zebras weiter das Spiel zu bestimmen. Immer noch wirkte untergründig in mir die alte Angst vor dem kleinen Fehler im Mittelfeld, vor diesen schnellen Kontern der Sandhausener, die Angst vor einem Gegentor, das jegliche Spielkontrolle bis zu dem Zeitpunkt hätte nichtig machen können. In diesem Spiel aber nutzte der MSV die nächste große Chance. Nach einem Eckball wurde der zweite Ball erobert, die Defensive der Sandhausener war aufgelöst, Rolf Feltscher stand frei, James Holland sah ihn, spitzelte den Ball ihm zu und Feltscher schloss erfolgreich ab. Was für eine Erleichterung. Für das Vertrauen auf den Sieg war es aber viel zu früh im Spiel. Wir sehnten ein zweites Tor herbei.

Die Sandhausener öffneten nun ihre Defensive, und wie es sich für eine klassische Heimsieggeschichte gehört, entstand Raum für Konter. Zlatko Janjic erlief sich den etwas zu langen Ball auf den linken Flügel, setzte sich gegen seinen Mitspieler durch und hatte den Moment Zeit in Ruhe zu flanken. Nicht in die Mitte zum Kopfball als einfache Möglichkeit flankte er, nein, er flankte punktgenau über den Fünfmeterraum hinweg in den Lauf von Tim Albutat, der in den Ball grätschend per Dropkick zum 2:0 einschoss. Was für ein wunderbares Tor, welch Perfektion des Spiels von beiden Beteiligten. Ohnehin zeigte Zlatko Janjic an diesem Tag eine großartige Leistung. Immer wieder behauptete er im Mittelfeld souverän die Bälle, schuf Gefahr mit seinen Pässen und erlief viele zweite Bälle, als ob sein Ausgleichssport der 50-Meter-Sprint sei.

Auch nach dieser Zwei-Tore-Führung hielt der MSV den Druck hoch. Die Mannschaft zog sich nicht zurück, wie wir es so oft schon mit großem Zittern erlebt haben. Das gehört mit zur Botschaft dieses Spiels. Die Mannschaft will das Spiel bestimmen. Zu jeder Zeit. Zu jedem Spielstand. Die Mannschaft will aber nicht nur, sie kann es auch.

Thomas Bröker hätte schon das dritte Tor erzielen, als er im Fünfmeterraum auf dem Boden liegend einen Abpraller über das Tor befördert. So erzielte Zlatko Janjic erst kurz vor Spielende das 3:0 für den MSV. Auch dieses Tor war schön herausgespielt in einer Dreierkombination über Nico Klotz, der am rechten Flügel zwischen drei Mann den freien Raum für den Pass auf Kevin Scheidhauer findet, der daraufhin weiterleiten kann auf den links freistehenden Zlatko Janjic. Was „goldwichtig“ war, machte goldglücklich. Und wenn dann demnächst bitte die drei Stehplatzstufen hinter mir auch wieder gefüllt sind, brauche ich bei zukünftigen Heimsiegen auch keine Verletzungsgefahr mehr zu befürchten. Gestern brachte der Jubel vor mir beim zweiten Tor mich doch glatt zu Fall. Ist mir das überhaupt schon mal im Stadion passiert. Lasst Zuschauer um mich sein. Die Mannschaft und ich, wir brauche jede Unterstützung.

Sprach- und bald auch hoffentlich Trainergott Ilia Gruev

Ab Minute 1.36 sagt Ilia Gruev diesen Satz im Vorbericht zum Spiel des MSV Duisburg gegen den SV Sandhausen. In diesem einen Satz liegt alles. Notwendigkeit und Zuversicht. Mehr muss man über dieses Spiel am Sonntag nicht wissen.

Das heißt für uns: Punkte sind goldwichtig

Goldwichtig! Ilia Gruev hat mir und euch ein neues Wort geschenkt, das mich seit gestern begeistert. Goldwichtig. Wie elegant löst sich der Druck des Notwendigen, indem das Goldrichtige in dem Wort als Grundstimmung mitschwingt. Goldrichtig, so heißt es als Urteil meist nur im Nachhinein. Dann hat alles gestimmt. Besser hätte es nicht sein können.

Zlatko Janjic erzählt – ebenfalls im Vorbericht- , wie Ilia Gruev positiv auf die Mannschaft einwirkte und sich um die Psyche der einzelnen kümmerte. Keine Frage, das war und ist goldwichtig. Unser Trainer: Ilia…. Und alle: Gruev… Sprachgott. Und hoffentlich rufen wir bald auch: Trainergott.

 

 

Und noch eins: Letzte Woche hat Wolfgang Brück von der Rhein-Neckar-Zeitung den Kollegen Koss nach der Stimmung in Duisburg und der Haltung der MSV-Anhänger zum SV Sandhausen gefragt. Die Schlagzeile zum Interview ist aber dann doch dem Lokalstolz geschuldet. Ich dementiere sofort im Namen vom Kollegen Koss, dass er das in diesem umfassenden Sinn gesagt hat. Aber lest selbst mit einem Klick.

2015-11-28_rhein-neckar

Mangel an Torgefahr für diese Woche verbraucht?

Gestern war ich in der Arena und habe mir das torlose Unentschieden im Länderspiel der Nationalmannschaft der Frauen gegen England angesehen. Danach geriet ich in ein Dilemma. Ob es ein philosophisches oder ein sprachliches ist, weiß ich gerade nicht genau.

Mir gefiel nämlich der Gedanke, mit diesem Spiel habe sich für diese Woche der Mangel an Torgefahr auf dem Rasen des Stadions vollends aufgebraucht. Ihr merkt das natürlich selbst, ein Mangel verweist ja auf etwas nicht Vorhandenes, und das lässt sich nun mal nicht verbrauchen. So ein Nichts besteht nicht aus einer begrenzten Summe Teil-Nichtse, die entweder in dem Spiel oder in einem anderen kleiner wird. Wahrscheinlich gibt es darüber schon einschlägige philosophische Literatur.

Wie lässt sich also die Hoffnung, wenn auch esoterisch begründet, ausdrücken, dass sämtlicher Mangel an Torgefahr für diese Woche am Donnerstag zu sehen war? Zumal der Mangel auch richtig verteilt war. Ich meine, die Engländerinnen als Gastmannschaft hatten den größeren Teil des Mangels übernommen. Könnte sich der SV Sandhausen am Sonntag zum Vorbild nehmen. Und wie gesagt, für den MSV hoffe ich auf Totalverbrauch des Restmangels durch die deutsche Nationalmannschaft.

Vizemeistermacher 2. Liga Roland Kentsch

Bevor ich morgen früh das sportliche Wochenende noch Revue passieren lasse, muss ich nach dem 2:0-Sieg des SC Paderborn gegen den SV Sandhausen schon mal eines deutlich sagen: Sollte der Bundesligaaufstieg des Vereins meiner angeheirateten Heimat tatsächlich wahr werden, müssen die Vereinsverantwortlichen in Paderborn bei ihren dann fälligen Jubel- und Dankesworten einen nicht vergessen – Roland Kentsch.

Wäre ich Anhänger von Arminia Bielefeld mit Phantasie und einem Hang zu Verschwörungstheorien, hätte ich nach diesem Tag heute nämlich den Beweis für ein mittelfristig angelegtes Racheprojekt des ehemaligen Geschäftsführeres der Arminia. Einst hoffte man in Bielefeld auf die ausbaufähige Rivalität, um sich gegen den Kleinverein aus der Nachbarstadt stets gut fühlen zu können. Und nun? 3. Liga vs Bundesliga! Da bohrt ein Schmerz. Als Verschwörungstheoretiker würde ich nun darüber nachdenken, ob der Beginn der Geschäftsführertätigkeit von Roland Kentsch in Duisburg in Wahrheit nur einziges Ziel hatte, nämlich dem SC Paderborn zum Aufstieg in die Bundesliga zu verhelfen. Ich dächte darüber nach, ob es Roland Kentschs eigentliches Ziel war, mit der Abgabe der fehlerhaften Lizenzunterlagen das Antreten der Zebras in der 2. Liga endlich einmal zu unterbinden.

Denn welcher Verein hat den Platz vom MSV Duisburg in Liga 2 übernommen? Und welcher Verein gewinnt nahezu immer seine Auswärtsspiele beim SC Paderborn? Antwort A: SV Sandhausen. Antwort B: MSV Duisburg. Teilt die beiden Möglichkeiten mal richtig auf und ihr wisst, welches Spiel der SC Paderborn heute mit Sicherheit nicht gewonnen hätte.  Beweise? Wer die Zahlen sich ansehen will, mit einem Klick weiter hier. Deshalb, liebes Fußballdeutschland, muss heute eines deutlich gesagt werden, Roland Kentsch hat wesentlichen Anteil an dem hoffentlich bald feststehenden überraschenden Aufstieg des SC Paderborn.

 

 

Kann Udo Kirmse von RWO-Präsident Hajo Sommers etwas lernen?

Seit ich weiß, dass Ranisav Jovanović zum SV Sandhausen wechselt, muss ich an Hajo Sommers denken, den Präsidenten von Rot-Weiß Oberhausen. Ich habe nämlich Udo Kirmse, den Präsidenten vom MSV Duisburg, Montag am Stadion erlebt. Ich habe gesehen und gehört, mit welcher Freude und Zuversicht er über die bevorstehende Vertragsunterschrift von Ranisav Jovanović redete. Wer Udo Kirmse so erlebt hat, wird sich leicht ausmalen können, das Ausbleiben der Unterschrift war nicht einfach ein weiterer geschäftlicher Vorgang für ihn. Abgehakt, nächstes Thema. Das wird ihm wahrscheinlich schwer gefallen sein. Wer ihn so erlebt hat, wird vermuten dürfen, Udo Kirmse wurde persönlich enttäuscht. Und wir dürfen mit ihm froh sein, dass dieses Mal nicht schon wieder ein Lokaljournalist um die Ecke gekommen ist,  der zur Enttäuschung ungefragt ein Zeugnis ausstellt, weil Udo Kirmse etwas als nahezu sicher verkündete, was dann nicht eintraf. Udo Kirmse hat Ranisav Jovanović anscheinend zu sehr vertraut und die Gesetzmäßigkeiten des Profifußballbetriebs unterschätzt.

Hajo Sommers kam mir in den Sinn, weil er wie Udo Kirmse aus tiefer Verbundenheit zu seinem Heimatverein, nämlich Rot-Weiß Oberhausen, vor Jahren ebenfalls in einer Krise Verantwortung in seinem Verein übernahm. Präsident wurde er später sogar. Mit ihm zusammen gab es einen Kreis von Männern, die den endgültigen Verfall von Rot-Weiß Oberhausen verhindern wollten. Es ging ihnen um den Verein. Sie verbanden mit diesem Verein weder geschäftliches Interesse noch brauchten sie den Verein für ihren Ruf. Ihr ganzer Einsatz galt dem Gedanken, irgendwie müssen wir den Spielbetrieb am Laufen halten und wenn sich der sportliche Erfolg dazu einstellt, um so besser. Vorrangig war aber die solide finanzielle Basis. Dem war alles andere unterzuordnen. Ihr erkennt die Gemeinsankeiten?

Für das Fußballortebuch habe ich mit Hajo Sommers gesprochen. Seit dem Beginn seiner Amtszeit bei RWO waren einige Jahren vergangen. In dieser Zeit stieg Rot-Weiß Oberhausen in die 2. Liga auf, wieder ab und es drohte der Abstieg in die Regionalliga. Nach der Krise hatte die Wirklichkeit des Fußballbetriebs in Oberhausen wieder Einzug gehalten und damit eine nur schwer veränderbare Normalität des Profifußballs. Dazu gehören nicht unbedingt nur Spieler, die des Geldes wegen den Verein wechseln und somit die weichen, ideellen Faktoren eines Arbeitnehmerverhältnisses diesem Geld unterordnen. Soll ich das nun wertkonservativ nennen, weil sie damit das allgemeine Sinn- und Zielideal der zurückliegenden Jahre unserer Gesellschaft weiterhin leben? Das sind auch wir Zuschauer, von denen viele im Fußball mit dem sportlichen Erfolg des eigenen Vereins  Lebensglück suchen. Bleibt dieser Erfolg aus, entstehen öffentliche Stimmungen, die gar nichts mehr vom Zusammenhalt in Notzeiten haben. Ohne die Krise gibt es aber auch wieder im Umfeld des Vereins Menschen mit eigenen Interessen neben dem Sport, die sie im Verein versuchen durchzusetzen. Hajo Sommers wirkte desillusioniert. Hajo Sommers ist dennoch weiterhin Präsident von Rot-Weiß Oberhausen.

Ein Grund mehr für den Gedanken, Hajo Sommers und seine idealistisch gesonnenen RWO-Freunde aus den Krisenzeiten könnten bei einem informellen Treffen mit Udo Kirmse und seinen idealistisch gesonnenen Freunden aus dieser MSV-Krisenzeit mal aus dem Nähkästchen plaudern. Vielleicht gibt es ja Erfahrungen, die vereinsübergreifend nützen. Enttäuschungen lassen sich so natürlich nicht vermeiden, aber vielleicht die ein oder andere Fallgrube deutlicher erkennen. Und ein wenig Arbeit an gemeinsamer Pott-Identität kommt als Nebeneffekt hinzu. Denn eins ist gewiss, irgendwann kommt ein Lokaljournalist wieder um die Ecke auf der Suche nach einer Geschichte.

Die einen planen für sechs Spiele, die anderen für die nächste Saison

Im September letzten Jahres holte der MSV Duisburg im zweiten Spiel unter Kosta Runjaic gegen den VfL Bochum  mit einem torlosen Unentschieden seinen ersten Punkt der Saison. Der MSV blieb dennoch erst einmal Letzter, und der VfL Bochum stand auf dem zehnten Tabellenplatz. Am Sonntag besiegte der MSV Duisburg den SV Sandhausen nach einem wenig ansehlichen Spiel mit 2:1. Der einstellige Tabellenplatz zum Saisonende ist als Ziel ausgerufen. Den Abstieg des VfL Bochum dagegen soll seit Montag nach dem zweiten Trainerwechsel der Saison Peter Neururer verhindern.

Für mich klingt das nach dem Anreiß-Text zu einem Drama, in dem der MSV die langweilige Nebenrolle des alten Kumpels mit intakter Familie spielt. Ich bin ein großer Anhänger von langweiligen Nebenrollen. An ihnen lässt sich oft fürs Leben etwas lernen. Dort verstecken sich die Hinweise darauf, was im wirklichen Leben funktioniert und was nicht. Denn auch wenn ein Happy End in diesem Drama noch möglich ist, wie das Leben danach weitergeht, ist im Drama nicht unbedingt angelegt. Da wissen wir Anhänger des Langweilers längst mehr. Allmählich beginnt sogar Kosta Runjaic an die mittelfristige Zukunft zu denken und nicht nur an das nächste Spiel. Es bereitet mir große Freude, seine zarten Visionen während der Pressekonferenz nach dem 2:1-Sieg gegen den SV Sandhausen zu hören, ganz im typischen Runjaic-Ton der Bodenhaftung. Wenn er von der Zukunft spricht, sind das keine schönen Bilder und populäre Parolen, sondern Kosta Runjaic formuliert Aufgaben.

Vorerst bestanden diese Aufgaben darin, das nächste Spiel zu gewinnen. Gegen den SV Sandhausen wurde diese Aufgabe erledigt. Mehr nicht. Vielleicht braucht ein Gegner, der so defensiv eingestellt ist, doch von Anfang an einen Spieler wie Jürgen Gjasula auf dem Platz, der auf engstem Raum noch die Sicherheit und das Selbstbewusstheit hat, den Ball kontrollieren zu wollen. Zudem erlauben ihm seine Technik und Übersicht die überraschenden und beim Mitspieler ankommenden Pässe in den Rücken der Defensive. Nachdem er in der 54. Minute eingewechselt wurde,  begann die Mannschaft aus dem Spiel heraus torgefährlicher zu werden. Es brauchte also gegen Sandhausen nicht unbedingt Standards wie in der ersten Halbzeit für die Chance auf ein Tor. Maurice Exslager konnte gegen die enge  Defensive der Sandhausener seine Grundschnelligkeit nicht ausnutzen. Wenn er einmal an seinem Gegenspieler vorbeikam, stand der nächste Sandhausener Spieler schon im Weg.

So charakterisierte das Spiel zunächst vor allem die Kopfballstaffette um die Mittellinie herum, bei der sich beide Mannschaften darauf einigten gemeinsam den Ball so lange wie möglich den Boden nicht berühren zu lassen. In dieser Zeit machte ich mir dennoch keine Sorgen um den MSV. Dazu waren die Sandhausener an diesem Tag in der Offensive zu offensichtlich völlig überfordert. Nach vorne gelang ihnen gar nichts, hingegen der MSV zumindest immer wieder in Strafraumnähe kam. So blieb mir die Muße, mich mit dem Sandhausener David Ulm, in Aussehen und Spielweise ein wenig an Olcay Sahan zu erinnern. Ich konnte mich zudem mit dem Rest des Publikums über den offensichtlich etwas übermotivierten Nicky Adler wundern und manchmal auch aufregen. Man konnte den Eindruck gewinnen, so richtig abgeschlossen hat er mit dem MSV Duisburg noch nicht. Felix Wiedwald am Anfang des Spiels als eine Art Teppichstange zu nutzen, um mit Schwung in die Gegenrichtung wieder zurück laufen zu können. Da muss einer erstmal drauf kommen.

Das Führungstor fiel nach einer Eckenvariante, die einen Tag später dem Print-Kollegen vom Reviersport eine eigene Geschichte wert war. Co-Trainer Ilia Gruev ließ die Zebras eine Eckstoß-Ausführung des FC Barcelona trainieren. Und natürlich hat die Geschichte eine besondere Pointe, weil Timo Perthel im Gegensatz zu Lionel Messi das Tor bei der Ausführung gelang. Der schnelle Ausgleichstreffer fiel auch deshalb, weil im Spiel der Zebras von Anfang an eine leichte Nachlässigkeit zu spüren war. Vielleicht ergab sich das aus dem Gefühl der Stärke heraus. Es war deutlich zu sehen, wie selbstbewusst die Mannschaft auf dem Platz stand. Was ihr von Seiten der Sandhausener begegnete, konnte sie in diesem Gefühl nur bekräftigen. Dennoch war der MSV nicht so überlegen, um die Sandhausener Mannschaft an die Wand zu spielen. Da können dann Momente der Unachtsamkeit unangenehme Folgen haben. Unachtsam war aber nicht Timo Perthel, der den Kopfball seines Gegenspielers nicht verhindern konnte. Unachtsam war der Befreiungsschlag beim Angriff zuvor, der sofort wieder beim Gegner im zentrallen Mittelfeld landete. Wer da den Ball unbedrängt einfach wegschlug, weiß ich nicht mehr. Damit bahnte sich der Ausgleichstreffer aber an, weil nur deshalb der Ball sofort wieder in den Strafraum geflankt werden konnte.

Branimir Bajic ist inzwischen als Elfmeterschütze gesetzt. Er verwandelte in der zweiten Halbzeit zum erneuten Führungstreffer. Mit einem Steilpass hatte Jürgen Gjasula zuvor Ranisav Jovanović frei gespielt, der alleine von halblinks in den Strafraum zog und dort vom Sandhausener Torwart Danniel Ischdonat von den Beinen geholt wurde. Es wäre schön gewesen, der MSV hätte ein weiteres Tor nachgelegt. Doch das schlechte Torverhältnis ist nicht nur noch die Folge der hohen Niederlagen zu Beginn der Saison. Da bleibt noch weitere Trainingsarbeit beim Torschuss, damit die Zebras nicht im Zusammenschnitt der größten vergebenen Torchancen der Saison immer mit dabei sind. Andererseits besaß die dreistufige Chance in der Abfolge Jovanovic, Brosinski und Brandy mit der jeweils größer werdenden Wahrscheinlichkeit des Tores auch eine wunderbare Dramaturgie. Auf so etwas müssten wir dann verzichten. Aber was tut man nicht alles für den Erfolg.

Die Pressekonferenz mit dem Ausblick auf die Zukunft durch Kosta Runjaic, sowie die Stimmen nach dem Spiel von Goran Sukalo und Ranisav Jovanović:

Der Spielbericht bei Sky heute mal rüber geholt – leider ohne die Dreifach-Chance mit dem Moment, als Sören Brandy nur hätte einschieben müssen.

Von Zahlenmystik, Zeitreise und Sounddesign

Das als mein Zeichen der Gastfreundschaft vorab: Ich gönne dem SV Sandhausen den Derbysieg gegen die TSG 1899 Hofffenheim in der nächsten Saison. Ich weiß, bis es dazu käme, muss noch viel zusammenkommen. Ein Abstieg hier, kein Abstieg dort und wahrscheinlich viel Sandhausener Glück im besagten Spiel. Hingegen ist sicher, dass jeder Anbieter des Unterhaltungsprodukts Fußball sich die Gelegenheit nicht entgehen ließe, aus dieser Begegnung zweier nachbarschaftlicher Vereine mit so unterschiedlicher Wirtschaftsstruktur eine große Geschichte zu machen. Wer also auf Verschwörungstheorien steht, hat hier ein gutes Argument, um sich seine eigene Welt zurecht zu erklären, wenn am Ende dieser Saison die Voraussetzungen für das zukünftige Derby geschaffen sein sollten.

Der MSV Duisburg möchte am Sonntag seinen Teil nicht dazu beitragen. So weit geht weder unsere Gastfreundschaft noch unsere Mitverantwortung für die Attraktivität des Gesamtprodukts Zweite Liga der kommenden Saison. Da ist uns – ich denke, ich spreche in dem Fall tatsächlich für die Mehrheit der MSV-Anhänger – der Verbleib des VfL Bochum in der Liga sehr viel wichtiger. Was machen die da für einen Unsinn in Bochum? Das Entsetzen dort nach der gestrigen desaströsen 0:3-Niederlage gegen den FC Erzgebirge Aue weckt in mir so etwas wie Demut. Beide Vereine sind sich doch sehr ähnlich in ihrem Ringen um den Erfolg und die gefestigte Position in diesem Fußball der Gegenwart. Und es ist eben noch gar nicht so lange her, dass wir in Duisburg genauso  fassungslos uns die Spiele des MSV angesehen haben.

Inzwischen ist alles anders geworden, und gerade im Vergleich mit dem östlicheren Pott-Pendant erweist sich die Arbeit von Kosta Runjaic als so grundlegend für die andere Perspektive in Duisburg. Jetzt kann der Verein in Pressekonferenzen vor Spielen sogar das allgemeine Bedürfnis nach den bunteren Geschichten bedienen. Wer in möglichen Siegen zahlenmystische Folgen erkennt, der hat den Kopf freier als die Konkurrenz. Das Spiel mit den Dreier-Reihen wird von den RP und WAZ/NRZ natürlich gerne aufgenommen. An der Konzentration der Mannschaft ändert das nichts. Es ist eben ein Unterschied, ob solche Geschichten permanent in Neururer-Manier in den Vordergrund gerückt werden oder ob sie neben der alltäglichen Arbeit als zusätzliche Möglichkeit zur Unterhaltung präsentiert werden. Den Auftritt von Ranisav Jovanović glaube ich übrigens erst, wenn er bei Anpfiff auf dem Platz steht.

Vom MSV Duisburg gibt es vor dem Sandhausen-Spiel keine multimediale Begleitung. Der SV Sandhausen dagegen schickt uns auf eine Zeitreise. Statt eines Video-Clips ist bei youtube ein Audio-Mitschnitt der Pressekonferenz online gestellt. Nicht nur das Rauschen versetzt uns in eine andere Zeit. Auch Sprachrhythmen und Stimmfarben werden von Zeitgeist getragen. In Sandhausen klingt es in dieser Pressekonferenz mit Hans-Jürgen Boysen auf eine sympathische Weise nach gestern. Die Informationen sind nicht wichtig. Hier geht es nur um Sound.

Dieser Sound ist ja übrigens bei den Produkten unserer Konsumgüterwelt oft kein Geräusch, das sich von selbst ergibt. Die Unternehmen versuchen den Wünschen ihrer Kunden entgegen zu kommen. Ihr kennt ja vielleicht die Geschichten von Autos, die sich nicht so anhören, wie es die Käufer wünschten. Nicht nur Motoren auch Gebläse können leistungsstark klingen. Oder da sind die Rasierer, die zu leise knistern und deshalb den Eindruck mangelnder Rasurkraft erwecken. Sounddesigner arbeiten deshalb allerorts am richtigen Geräusch. Vor kurzem wurde auch in Old Trafford, dem Stadion von Manchester United, das Sound-Problem grundsätzlich angegangen. Noch müssen die Zuschauer bei keinem Sound-Designer in Schulung gehen, doch, wie der Guardian berichtet, wurden Akustik-Ingenieure beauftragt nach dem Rechten zu sehen. In dem Stadion ist es einfach zu leise, selbst wenn die Zuschauer laut werden. Das Stadion hat nicht den Sound, den wir von einem richtigen Fußball-Hexenkessel erwarten dürfen. Mal abwarten, welche Feinjustierung nun vorgenommen wird. Fußball als Ware muss eben rundum so sein, wie es die Kunden erwarten.

Saisonvorbereitung – Die Blogs über die Neuen

Zur Abrundung meiner diesjährigen sehr kurzen Saisonvorbereitung folgt heute der schnelle Blick auf die Blogwelt. Viel Zeit nehme ich mir dafür nicht. Dazu ist der Ligaauftakt zu nah. Drei Punkte, Tore und Stadionatmosphäre sind dann doch die handfesteren Themen fürs Schreiben als begleitende Bestandsaufnahmen, die eigentlich mal als Texte fürs Sommerloch gedacht waren. Da aber mit dem VfR Aalen am Sonntag der erste Gegner dieser Saison einer der Aufsteiger ist, geht nahtlos die Saison- in die Spielvorbereitung über. Und die ist dann schnell erledigt: Bislang habe ich keinen Blog zum VfR Aalen gefunden. Dagegen haben die sportlich Verantwortlichen beim MSV die Testspiele des VfR Aalen beobachtet und mehr als Nichts erkennen können. So heißt es. Denn ernst genommen wird der Gegner immer. Bei den Prognosen sollten wir aber alle wirklich angesichts der letzten Wochen vorsichtig sein und nicht gleich den deutlichen Sieg als fraglos gegeben ansehen.

Wenn auch der SSV Jahn Regensburg der Verein von den drei Aufsteigern mit dem klangvollsten Namen ist, so folgt daraus nicht unbedingt ein Interesse von Bloggern. Auch da blieb mein kreisendes Suchen im Netz ergebnislos. Im Gegensatz zum SSV Sandhausen, über den im Blog Hardtwald Helden regelmäßig geschrieben wird. Hinweise auf Blogs, die die Lücken füllen, sind erbeten und werden schnell in die Linkliste aufgenommen.

Bei den Absteigern aus der Bundesliga begegnen wir alten Bekannten. Noch immer in Paderborn sitzend fehlt mir gerade der Zugang zu ein paar Links, die ich in den nächsten Tagen einfach in die Linkliste übernehme. Sowohl um die Hertha als auch um den 1. FC Köln gibt eine rege Blogszene, in Berlin etwas größer als in Köln. Von der Linkliste aus, klickt ihr euch ab morgen weiter. Heute fülle ich die nicht mehr auf. Etwas weniger Auswahl gibt es in Kaiserslautern, auch dabei gilt der Verweis auf die Linkliste.

In Paderborn habe ich übrigens in der Beilage der Neuen Westfälischen zum Saisonstart von fast allen Trainern der Zweitligamannschaften lesen müssen, dass sie so gar nicht mit mir in der Aufstiegsfrage übereinstimmen. Ich glaube ja, sowohl Hertha als auch der FC aus Köln werden im Laufe der Saison zwischen Platz vier und sechs ihren bevorzugten Tabellenplatz finden. Der FC aus Kaiserslautern wird dagegen oben mitspielen. Die Trainer zählen wieder alle Bundesligaabsteiger zu den großen Aufstiegsfavoriten. Wir werden sehen. Sonntag geht es los. Das wurde auch Zeit. Europameisterschaftsspiele sind doch nur ein dürftiger Ersatz für das, was wirklich bewegt.


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