Posts Tagged 'Theater Oberhausen'

Halbzeitpausengespräch: Die Leiden der Jungen (Werther) am Theater Oberhausen

Ein marmomiertes Weiß auf Boden und Leinwand vor der Hinterbühne schaffen einen weit wirkenden Raum, in dem sich zwei große runde Podeste befinden. Sie werden später an Drehscheiben von Peepshows erinnern. Wir Zuschauer nehmen Platz, begleitet von einem sanften Klangteppich, den Johannes Rieder am Keyboard vorne am Bühnenrand schafft. Freundlich lächelnd betrachtet er in seinem lila glänzend, fast clownesken Kostüm das Treiben.

Wir sollen etwas Grundsätzliches über die Liebe erfahren. Wir sollen sehen, wie sich heute jene Liebe zeigt, die Goethe für den jungen Werther erdichtet hat. Es geht um die verzehrende Liebe, die das Ich auflöst oder gar erst finden lässt. Es geht um die Hoffnung auf Erfüllung, um das Werben und den Schmerz der Vergeblichkeit. Wir werden sehen.

Ein junger Mann tritt auf, während im Hintergrund die Musik weiter säuselt. Das ist also einer der Jungen und zugleich Werther, von dem im Titel auch die Rede ist? Er liebt, begehrt – doch wen? Es ist eine Frau, die vor ihm im Publikum sitzt. Nah ist sie, dennoch unerreichbar, und nur eine von vielen, wie sich herausstellen wird. Obgleich er auf Werthers absolute Liebe zitierend verweist. Schon schleichen sich Zweifel ein, ob dieser der Jungen es mit seiner Liebe tatsächlich ernst meint. Ironisch gebrochen bespiegelt er sich selbst. Schmunzeln müssen wir über ihn, und er über sich. Was ist echt? Er sei nicht Werther, sagt er sogar, er heiße eigentlich Christian. Er versucht Tanz als Ausdruck und wirkt dabei ungelenk. Kann solch ein Gefühl in den Wunsch führen, sterben zu wollen? Eine Liebe, die er schon bei vielen Frauen gefühlt hat? Schließlich probiert er den einen Verzweifelungsschrei, und wir sehen, ihn gibt es aus seiner selbst heraus nicht. Seine Liebe läuft eher ins Leere, als dass sie in Verzweifelung endet.

Still geht er ab. Die Spielfreude auf der Bühne und Johannes Rieder als Beobachter sowie Tröster bleiben. Denn dem ersten Monolog schließt sich der beeindruckende Auftritt von Emilia Reichenbach als Wertherin der Gegenwart an. Ein furioser Tanz zu Technoklängen macht sie so atemlos wie das Herausschreien ihrer Liebe. Auch diese Frau findet ihre Liebe im Publikum. Die Grenze der Bühne wird an dem Abend mehrmals aufgehoben. Zu ihrer Liebe gewinnt sie keine Distanz, die ihr hilft, den Schmerz des Unerfüllten zu bewältigen. In ihrer Liebe zeigt sie sich mit ganzer Seele und bis auf die nackte Haut. Dann glaubt auch sie, sterben zu wollen. Ihr wird geholfen allein durch eine sie umhüllende Hand – im wortwörtlichen Sinn; ein Kostüm, in das Johannes Rieder geschlüpft ist.

Mit dieser schützenden Hand zieht das Komödiantische auf der Bühne vollends ein. Die Wertherin geht ab. Das Leid an der Liebe wird nun für alle gelindert. Johannes Rieder sucht mit Fistelstimme seine Form der Nähe. Der Liebe? Er möchte küssen und findet im Publikum einen Mann, der sich auf die Stirn küssen lässt. Das Spiel ist aus. Selbsterkenntnis hat ihre Liebe den Liebenden nicht gebracht. Sie blieben konventionellen Rollenvorstellungen verhaftet. Die Frau, die tief einen Menschen liebt, steht im Gegensatz zum Mann, der nur vorgibt tief zu lieben und das gleich bei vielen Frauen. Selbsterkenntnis aber wäre einem humanistischen Verständnis von Liebe in der Gegenwart zu wünschen. Womöglich hat diese Neubestimmung der Liebe das Publikum zu leisten, wenn es aus der besänftigenden Kraft des Komödiantischen wieder erwacht ist

Mit: Christian Bayer, Emilia Reichenbach, Johannes Rieder

Regie: Leonie Böhm
Bühne: Zahava Rodrigo
Kostüm: Helen Stein, Magdalena Schön
Musiker: Johannes Rieder
Dramaturgie:Elena von Liebenstein

Die Informationen zum Stück beim Theater Oberhausen nach dem Klick.

Weitere Aufführungen:
SA, 29.09.2018, 19:30 Uhr
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SO, 30.09.2018, 18:00 Uhr
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MI, 10.10.2018, 19:30 Uhr
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SA, 27.10.2018, 19:30 Uhr
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FR, 07.12.2018, 19:30 Uhr
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FR, 11.01.2019, 19:30 Uhr
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Halbzeitpausengespräch: Unter uns Indianern am Theater Oberhausen

Den Saal 2 vom Theater Oberhausen betritt man durch den Nebeneingang. Es geht am Pförtnerkabäuschen vorbei, durch den Innenhof und einen kleinen Vorraum. Das schmeckt nach Off-Szene an einer städtischen Bühne, ein Raum für Experiment, hybride Formen und nahem intensiven Kontakt mit dem Publikum. „Unter uns Indianern“, der zweite Teil einer „radiophonen Stückentwicklung“ ist zu sehen. Das neue Stück entwickelt Dirk Laucke, Hausautor am Theater Oberhausen. Es hat im Juni Premiere. An diesem Abend lässt Dirk Laucke das Publikum zum zweiten Mal nicht nur an seinen Recherchen für dieses Stück teilhaben, er legt zugleich Haltung und gedankliche Grundlagen offen.

Ging es im ersten Teil der „radiophonen Stückentwicklung“ im November letzten Jahres um die Meinungsfreiheit, so kreist „Unter uns Indianern“ um den Begriff der Kultur. „Radiophon“ nennt Dirk Laucke das Bühnengeschehen, weil der Abend weniger von sichtbarer Handlung lebt als von vorgetragenem Text, sei es referierend oder als Rezitation, vom Geräusch- oder Klangeffekt und von O-Tönen aus Straßeninterviews.

Nachdem der eingespielte O-Ton zu Beginn verklungen ist, nimmt Dirk Laucke zusammen mit den Ensemblemitgliedern Susanne Burkhardt und Burak Hoffmann hinter einem mächtigen Schreibtisch Platz. Regale voller Bücher umrahmen sie. In den Regalen und auf der Bühne liegt zudem verstreut eine Sammlung von Gegenständen, mit denen in diesem Land der eigene Sinn für Kultur illustriert werden soll. Schon stellt sich die Frage, sehen wir hier einen Sezierraum in Sachen Kultur? Ins Auge fällt, was deutsche Wohnungen heimelig machen soll. Manches ist verfremdet, anderes wird karikiert. Entstammt der eine Dekor nicht aus anderen als deutschen Lebenszusammenhängen?

Auf der Bühne wird unterdessen in die Vergangenheit geblickt, von der Antike bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Das erweist sich als Parforceritt, in dichter Reihung hören wir von sozialen Gruppen, von Völkern und von als Tatsachen ausgegebenen Ideologien. Es geht um das Verhältnis von Identität zu Nation und Staat. Wir erfahren vom Nutzen dieser Identitäten in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Wie kam es etwa dazu, dass Roma als Gruppe eine eigene Identität zugeschrieben wurde. Was war die ideologische Begleitmusik der Staatsgründung Deutschlands? Immer ist dabei die Frage im Blick: Wie verhält es sich im historischen Moment mit dem Eigenen und dem Fremden? Oft geht es darum, dass ein Bild des Eigenen sich zu Kultur verfestigt und zum Mittel der Abgrenzung wird; mehr noch, es wird zu einem Mittel des Machterhalts und der Überhöhung des Eigenen. Dirk Laucke legt durch den Blick in die Historie frei, was unausgesprochen mitschwingt, wenn wir von Kultur reden.

Überhöhung des Eigenen findet sich wieder in den Haltungen der Gegenwart, hörbar als Meinungen auf Oberhausens Straßen, die von Passanten in Dirk Lauckes Aufnahmegerät gesprochen wurden. Unter dem sezierenden Blick auf Kultur löst sich nach und nach auf, was ein kollektives Eigenes sein könnte. Die Haltung, ein Volk entspräche einer Kultur, wird in Dirk Lauckes Perspektive ebenso in Frage gestellt, wie das Nebeneinander verschiedener Kulturen in einem Staat. Rechts wie links dient Kultur dann nicht der Verständigung. Auf der einen Seite dient sie im Zweifel nur dem Stärkeren auf Kosten von Schwachen und Minderheiten, auf der anderen Seite einem beziehungslosen Nebeneinander. Verhindert das Konzept der Kultur angesichts der Probleme in der Gegenwart kluge Lösungen? Und was könnte stattdessen Orientierung für den einzelnen in einer Gemeinschaft sein?

Als „Unter uns Indianern“ nach etwas mehr als einer Stunde vorbei ist, stehen diese Fragen ohne Antworten im Raum. Das Stück ist damit zwar zu Ende, der Abend geht aber mit Gespräch weiter. Dirk Laucke, Burak Hoffmann und Susanne Burkhardt treten vor die Bühne und wollen mit dem Publikum reden. Ein Theater, das in der Gegenwartsgesellschaft von Bedeutung sein möchte, erlebt in Oberhausen ein gelungenes Beispiel. Was zu sehen war, wird anschließend kommentiert, zuweilen hinterfragt. Die Skepsis von Dirk Laucke gegenüber der Kultur als ordnendes Element einer Gemeinschaft begegnet der Frage, welche Orientierung Menschen für sich sonst fruchtbar machen können. Vertrauen in Institutionen schafft Zusammenhalt, wird von einem Zuschauer angemerkt. Als Gegenpol zur Kultur steht auf dem Programmzettel die Identität. Doch im Gespräch macht sich bemerkbar, Identität wurzelt in kulturellen Zusammenhängen. So einfach ist das also nicht alternativ gegenüber zu stellen.

Unser Bezug auf Kultur birgt Fallstricke, für die der Abend sensibilisiert. Das neue Stück von Dirk Laucke ist keine Erweiterung des bislang Gesehenen. Eigenständiges ist entstanden, auf dessen Premiere ich neugierig bin.

Halbzeitpausengespräch: Wer erkennt sich heute in so einem Volksfeind wieder?

Die Wahrheit, es gibt sie manchmal noch, und außerdem als eine, die unterdrückt wird. Allerdings muss dazu die Welt so überschaubar sein wie in Henrik Ibsens Drama „Ein Volksfeind“ aus dem Jahr 1882. In einem Kurbad als Handlungsort gibt es nämlich einfache Machtstrukturen und überschaubare Interessen. Am Theater Oberhausen hatte das Stück letzten Freitag in der Inszenierung des Intendanten Florian Fiedler seine Premiere und erhielt starken Beifall.

Florian Fiedlers Inszenierung bringt das Drama der Gegenwart nahe. Das Bühnenbild stimmt uns auf klassische Moderne ein, die später sich in Gegenwart wandelt. Ein einstöckiger Flachdachbungalow ragt rechts in die Bühne hinein. Kurgäste in Bademänteln flanieren daneben und nähern sich auch dem Publikum über einen Holzsteg, der von der Bühnenmitte bis in die letzte Reihe des Zuschauerraums führt. Ein Trio spielt unterdessen unplugged Easy-Listening-Pop der 60er Jahre und schafft eine entspannte Grundstimmung im Theaterraum. Immer wieder wirkt im Verlauf des Stücks Pop- oder Rockmusik als eine Art Kommentar der Handlung. Diese anfängliche Leichtigkeit ändert sich, als der im Bungalow wohnende Badearzt Dr. Thomas Stockmann das Ergebnis einer Wasserprobe erhält. Das Heilwasser des Kurortes ist verunreinigt durch den Gerbereibetrieb seiner Schwiegermutter. Der Arzt hat es geahnt. Die Menschen müssen gewarnt werden.

Schnell wird aber deutlich Stockmanns Bruder, der Bürgermeister, möchte nicht viel Aufhebens um die Wahrheit machen. Die wirtschaftlichen Konsequenzen für den Ort liegen auf der Hand. Die zwei Journalistinnen der lokalen Zeitung „Der Volksbote“, zum Teil karikierend gespielt von Banafshe Hourmazdi und Emilia Reichenbach, erweisen sich nur vordergründig einem aufklärerischen Gedanken verpflichtet. Auch die von Lise Wolle gespielte Druckereibesitzerin und Vorsitzende des Hausbesitzer- und Mäßigungsvereins ändert ihre Meinung unter dem Einfluss des Bürgermeisters. Das graue Kostüm als weiblicher Uniform unserer Gegenwartswirtschaft verweist auf Prinzipien ihres Handelns.

Jürgen Sarkiss spielt den Bürgermeister als alerten Politiker, freundlich im Ton, bestimmt in der Meinung. Macht zeigt er zunächst subtil, dann offen und die Bürger des Badeortes weiß er auf seine Seite zu bringen. Als es in einer Bürgerversammlung so weit ist, nimmt Florian Fiedler plakativ Bezug zur Gegenwart. Bei der pseudodemokratischen Veranstaltung wird das vom Badearzt erhoffte Verkünden der Wahrheit durch die aus TV-Polit-Shows bekannten Stimmungsbarometer aufgehalten. Die Bürger werden nicht entscheidend befragt sondern durch unwichtige Meinungsäußerung ermüdet. Auf eine Leinwand projezierte Fotos von umstrittenen Publizisten wie Henryk M. Broder, Thilo Sarrazin oder Akif Pirincci illustrieren diese Bürgerversammlung.

In dem Zusammenhang halte ich eine Anmerkung für notwendig: Harald Martenstein hier einzureihen wirkt auf mich ebenso populistisch wie die Haltung der Publizisten, die mit der Reihung kritisiert werden soll. Im Unterschied zu den anderen Populisten, verweist er immer wieder auf die Bedeutung von öffentlicher Debatte. Ich finde auch, er ist vor einiger Zeit oft merkwürdig altväterlich in mancher seiner Meinungen geworden, aber er gibt nicht vor, Wahrheit zu sprechen sondern Meinung, und das bedeutet, dass man anderer Meinung sein kann. Eine Haltung, die man von den rechtspopulistischen Publizisten in dieser Reihe nicht behaupten kann.

Der Populismus erweist sich als Demagogie, wenn der Bürgermeister verhindert, dass sein Bruder in der Bürgerversammlung die Wahrheit aussprechen kann. Das Opium für das Volk ist in der Gegenwart dann nicht die Religion sondern die Unterhaltungsindustrie, Sparte Rockmusik. Die verbündeten Wahrheitsunterdrücker des Badeortes geben ein Rockkonzert, das mit dem „Let me entertain you“ nochmals plakativ endet.

Clemens Dönicke spielt den Badearzt als Idealisten, der nicht versteht, wie ihm geschieht, wenn er von seinem aufklärerischem Gedanken nicht ablässt. So wirkt die soziale Ächtung und der wirtschaftliche Ruin auch weniger als Preis, den er für seine Haltung zu zahlen bereit ist, denn als Naturgewalt, der er sich ausgesetzt fühlt. Am Ende fühlt er sich alleine am stärksten und kann gerade deshalb nichts bewirken.

Mit diesem Schluss des Dramas zeigen sich die Beschränkungen einer Wirklichkeit aus dem Jahr 1882. Die in „Ein Volksfeind“ inszenierte Gegenwart kennt kein Internet und keine sozialen Netzwerke. In dem Badeort existiert noch eine naive Vorstellung von Wahrheit. Wahrheit ist in dieser Welt eindeutig erkennbar. Sieht man in der Wirklichkeit des Badeortes ein Beispiel für Wirkmechanismen unserer Gegenwartsgesellschaft, gerät man schnell an aufklärerische Grenzen des Dramas. Ein Pegida-Anhänger kann in Oberhausen ins Theater gehen, über die Publizistenreihe im Stück vielleicht kurz irritiert sein und ansonsten sein Verständnis von Gesellschaft bestätigt sehen. Er kann sich mit dem Badearzt identifizieren und sieht die eigene Wahrheit von der Lügenpresse und den machthabenden Politikern unterdrückt.

Aufklärung heißt immer das Gebot. Aber wer bestimmt Wahrheit, wenn jeder Wahrheit verkünden kann? Der Badearzt Dr. Thomas Stockmann von heute würde nicht mehr resigniert auf einem Stuhl sitzen. Ein Mensch mit solch aufklärerischer Energie würde heute sofort einen Blog zu schreiben beginnen. Er würde seine Wahrheit erzählen. Mit welchen Folgen?

 

Bei den Ruhrbaronen zeigt sich Honke Rambow nicht sehr überzeugt von der Inszenierung. Dagegen gefällt Stefan Keim für WDR3 sehr, was er gesehen hat.

Weitere Aufführungen: 21. und 26. Januar, 10., 16. und 25. Februar, 5. Mai. Informationen zum Stück und Kartenbestellung beim Theater Oberhausen mit einem Klick.

Halbzeitpausengespräch: Nowhere Men im Theater Oberhausen

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Foto: Axel Scherer

Auf drei Ebenen verteilen sich die Musiker im linken Drittel der Bühne, die anderen zwei Drittel sind Spielfläche für die Schauspieler, die an diesem Abend auch singen. Ohrstöpsel werden gemäß EU-DIN-Norm verteilt. Denn die entsprechende Lautstärke gehört zur Rockmusik, neben der kreischenden Gitarre, dem treibenden Elektrobass oder den Hammond-Orgelklängen, die Ende der 1960er für den Rock entdeckt wurden.

„Nowhere Men“ nennt Otto Beatus, der musikalische Leiter vom Theater Oberhausen, dieses aus 27 Rocksongs zusammengestellte Programm, das zwischen nostalgischem Erinnerungsabend und musikalischer Geschichtsrevue der 1960er und anfänglichen 70er Jahre changiert. Im Unterschied zum Konzert einer Coverband mit Musik jener Zeit bieten singende Schauspieler die Möglichkeit, die Inhalte der Songs mit kleinen Geschichten zu unterstreichen. Videomontagen und Kostüme können zusätzlichen Sinn geben und Assoziationsräume öffnen.

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Foto: Axel Scherer

„Nowhere Men“ heißt der Abend, weil Otto Beatus sich bei der Songauswahl an die Musik von Männern gehalten hat und deren Erfahrungen, Sehnsüchte und Forderungen die Inhalte der Songs bestimmen. Einen erzählerischen Rahmen, etwas das an die Musical-Form erinnert, besitzt der Abend nicht. Jeder einzelne Song steht für sich. Jedes einzelne Stück erhält eine eigene bildhafte Umsetzung. Allenfalls gehen sie ineinander über, weil es eine inhaltliche Verwandtschaft gibt.

Dennoch lassen sich Themen erkennen, die den Abend strukturieren. Mit dem Who-Klassiker „My Generation“ und ähnlichen Stücken werden die ungeheure Wut und der unbedingte Wille zum Protest jener Zeit lebendig. Nach und nach gehen diese auf die Gesellschaft gerichteten Songs über in jene, die von psychodelischen Innenwelten bestimmt sind und mit entsprechenden Kostümierungen, sowie Rollen illustriert werden. Da wird es zuweilen schwierig, das Illustrative der Bühne mit Sinn zu füllen. Wenn dann der Dylan-Klassiker „Like a Rolling Stone“ den Abend beschließt, stand zum Ende hin immer wieder so etwas wie Lebensgefühl im Raum.

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Foto: Axel Scherer

Auch wenn nicht alle Songs von den Schauspieler Jürgen Sarkiss, Peter Waros, Eike Weinreich, Sergej Lubic sowie Anja Schweitzer gleichermaßen stimmlich gut bewältigt werden, so macht ihr Auftreten doch deutlich, welche Kraft Rockmusik zunächst besaß. Die hervorragende Band um Otto Beatus am Klavier und die Schauspieler machen nicht nur erfahrbar, welche große Energie Rockmusik in Menschen weckte. Sie werfen auch einen Blick auf die dunkle Seite dieser Musik, ihre in Einheit mit Drogenkonsum zerstörende Kraft.

Wie viel Wut und Zorn wurde mit der Rockmusik dieses Abends ausgedrückt. Und natürlich sitzen nun diese einstigen zornigen Jugendlichen im Publikum. Auch Rock-Musik nimmt den Weg jeder Kulturform. Sie wird in Teilen kanonisiert. Ihre Wut wird gebändigt, und es wäre interessant zu hören, was junge Menschen von diesem Abend mit nach Hause nehmen. Begeisterter Beifall des Premierenpublikums.

Weiter Vorstellungen: 24. April, 2. und 28. Mai, jeweils um 19.30 Uhr.

Tickets beim Theater Oberhausen.

Uraufführung dieser „Abseitsfalle“ vom Theater Oberhausen

Wer als Fußballspieler in eine Abseitsfalle läuft, erhält beim nächsten Angriff seiner Mannschaft eine neue Chance, ein Tor zu erzielen. Wenn die Abseitsfalle aber auf Verhältnisse im wirklichen Leben anspielt, sieht es düster aus mit dieser neuen Chance. Dann geht es um ein dauerhaftes Abseits oder wenigstens um die Gefahr dort zu landen. In Oberhausen als einer der überschuldeten Städte des Ruhrgebiets kennen die Menschen diese Gefahr als Alltag. Jahr für Jahr sieht sich die Stadt zu neuen Sparmaßnahmen aufgefordert. Geschaut wird dann jeweils als erstes auf die freiwilligen Leistungen. Hinter diesen zwei Wörtern der Verwaltungssprache versteckt sich vieles, was ein Leben lebenswert macht. Dazu zählen Kultur, Sport und Bildung, so dass nicht selten Theaterleute und Sportler in einem Wettbewerb um kommunale Gelder stehen.

Diesen Moment des kommunalen Alltags greift Schorsch Kamerun für sein Theaterprojekt „Abseitsfalle“ auf und verwandelt ihn in eine märchenhafte Phantasie. Denn wenn die Stadt kein Geld hat, hilft mit „Arab Petrol“ vielleicht ein Sponsor aus dem Orient. Der Eigner von Arab Petrol, Herr Vorsprung genannt, weiß allerdings nicht so recht, ob er dem Theater Oberhausen oder dem ortsansässigen Fußballverein Rot-Weiß  sein Geld zukommen lassen soll. Bei einer „Vier-Chancen-Tournee“ treten deshalb an: „Team Theater“ mit Schauspielern, Pförtner und Dramaturgin gegen „Team RWO“ mit Vereinsvorsitzendem, Fans, Securitymitarbeiter und Sportjournalistem. Sie werben um die Gunst des Publikums, dessen Votum Herr Vorsprung sich zueigen machen möchte. Es ist ratsam, diese Entscheidung zum Ende der Vorstellung hin nicht spielerisch und leicht zu nehmen. Man sollte sich ihr bewusst stellen, denn darin liegt der Wert dieses Abends.

Etwa zehn Minuten dauert die Sonderfahrt mit dem Oberhausener Linienbus vom Theater der Stadt aus zur Dreifachsporthalle der Gesamtschule Osterfeld, wo die „Vier-Chancen-Tournee“ stattfindet. Auf dem Hinweg erfahren wir durch die Schauspielerin Anna Polke, wie die Industriearbeit aus Oberhausen verschwand und dass Europas größtes Einkaufszentrum stattdessen als „Neue Mitte“ für die Identität dieser Stadt wichtig ist. Die Wirklichkeit soll an diesem Abend nicht vergessen werden.

Es ist ein ungleicher Wettbewerb, der dann in Osterfeld stattfindet, nachdem das Publikum auf den Ausziehtribünen der Sporthalle Platz genommen hat. Zwar steht der RWO-Vorsitzende Hajo Sommers als Schauspieler auch auf anderen Theaterbühnen, doch seine Mitstreiter im „Team RWO“ sind Laien. So geht es für das Team RWO weniger um künstlerischen Ausdruck als um authentische Präsenz von Menschen, in deren Leben Fußball von Bedeutung ist. Da werden dann Fußballersprüche vorgelesen. Da wird ein Bild im Keith-Haring-Stil gemalt. Oder zur Vorstellung des neues Vereinslogos wird die von Schorsch Kamerun geschaffene Oberhausen-Hymne eher gerappt als gesungen sowie eine Cheerleader-Choreografie wird dazu getanzt. King Lear im „volksnahen“ Stil bildet den Abschluss dieser ersten Halbzeit.

Team RWO malt im Stil von Keith Haring ein Gastgeschenk für Arab Petrol. Auf der Leinwand ist eine Videoprojektion zu sehen von der gleichzeitig stattfindenden Aufführung einer Szene aus „King Lear“ durch das Team Theater.

Foto: Axel J. Scherer

Zeitgleich beginnen beide Teams in zwei der drei Querfelder der Sporthalle mit ihren Darbietungen und bald nach Beginn senkt sich eine Faltwand zwischen den beiden Hallenteilen herab. Erst in Halbzeit zwei wird man, nach einem Wechsel der Tribünenseite, vom jeweils anderen Team in Gänze sehen, was als Videoprojektion manchmal im Hintergrund auf eine große Leinwand eingespielt wird.

Das „Team Theater“ agiert selbstverständlich in professioneller Weise. Auch wenn die Darbietungen dabei den Anschein von Arbeitsproben annehmen, machen die Schauspieler Qualität und Möglichkeiten ihrer Kunst erlebbar. Da wird jene  Szene aus King Lear in klassischer Sprechtheatermanier gegeben, wobei die an Stars-Wars-Filme erinnernden Kostüme den Kontrapunkt Moderne bilden. Da wird Actionpainting per Gruppenaktionskunst persifliert. Da wird die Oberhausen-Hymne vom Männerchor gesungen, während die Schauspieler, maskiert als Kulturklassiker und Feuilletonstars der Gegenwart einen Ausschnitt des Kulturkanons auf die Bühne bringen.

Marek Jera spielt den „Prinz“, der den potentiellen Sponsor „Herrn Vorsprung“ vertritt und der als Spielleiter den Wettbewerb begleitet.

Foto: Axel J. Scherer

Auch wenn es in der Vorberichterstattung so angedeutet wurde, „Abseitsfalle“ kritisiert keineswegs Auswirkungen möglichen Sponsorings. Dazu geht das Stück nicht tief genug in die Wirklichkeit solcher Finanzierungsquellen. Da bewegt sich der Abend auf der Ebene bekannter Gags aus Comedy- und Kabarett-Zusammenhängen, wenn die Darbietung selbst sponsorgerecht inszeniert wird und während der Übergänge per Großleinwand der tatsächlich existierende lokale Sponsor präsentiert wird.

Klaus Zwick als Mitglied im Team Theater tritt als „King Lear“ auf. Im Hintergrund warten zwei seiner Töchter, gespielt von Annika Meier und Nora Buzalka.

Foto: Axel J. Scherer

Wenn wir der Prämisse des Stück vertrauen, so leben wir noch in zivilisierten Zeiten. Noch scheint es den Glauben an wirksame Verfahren der Entscheidung zu geben. Zumindest hält der Glaube bis zum Ende an, wenn sich Herr Vorsprung dann doch per Telefon als wahrer Machthaber erweist und mit einem Mal die Ökonomie als Entscheidungsgrundlage entdeckt.  Sonst deutet der Text des Stückes aber nirgendwo an, was da als heftigerer Verteilungskampf noch kommen mag. Da ist der Zuschauer auf sich gestellt und muss in sich selbst spüren, was passiert, wenn er sich auf den Wettbewerbsgedanken dieses Stückes wirklich einlässt. Nimmt der Zuschauer seine Macht als Juror ernst, bewegt der Abend.

„Abseitsfalle“ braucht nicht den Überbau einer kritischen Aussage, wie sie in der Pointe des Ende angelegt ist. Herr Vorsprung meldet sich telefonisch und setzt sich über das vermeintliche Publikumsvotum für das Theater Oberhausen hinweg. So eine Pointe macht nur jene Schublade mit Fragen auf, die von dem Stück nur unzulänglich behandelt werden. Es wäre nicht nötig gewesen. Es langt, die Zuschauer mit dem Gefühl alleine zu lassen, sich entscheiden zu müssen. Es reicht aus,  das Publikum vor die Wahl zu stellen, was wichtiger ist für die Stadt, für die Allgemeinheit und letztlich vielleicht nur für einen selbst. In dem Moment wirkt dieses Theaterstück in die Wirklichkeit hinein. Das aber muss man als Zuschauer zulassen.

Weitere Vorstellungen:

25. und 27. März 2010
13. und 29. April 2010
4., 14., 15. und 19. Mai 2010

Theater Oberhausen: Abseitsfalle von Schorsch Kamerun

Heute Abend werde ich mir eine Abseitsfalle auf der Bühne ansehen. Schorsch Kamerun hat sie für das Theater Oberhausen einstudieren lassen. Die Grundidee des Stücks: Rot-Weiß Oberhausen und das Theater der Stadt treten gegeneinander an, um einen reichen Investor zu überzeugen, das so sehr vermisste Geld fließen zu lassen.

Die Wirklichkeit schlägt sich schon in der Besetzung des Stückes nieder, wenn Hajo Sommers, Schauspieler und Vorsitzender von Rot-Weiß Oberhausen, als Vertreter seines Vereins auch auf der Bühne zu sehen ist. Ich bin neugierig, wie dieses Stück noch weiter seine Bezüge zur Wirklichkeit findet.

Zunächst kam mir der Gedanke, in der Realität gibt es den öffentlich wirksamen Wettstreit um allerdings kommunale Gelder ja eher zwischen den Sparten Kultur/Bildung, Jugendhilfe und Breitensport. Zumindest waren das in Duisburg die drei gesellschaftlichen Bereiche, deren Vertreter angesichts der angedrohten Sparmaßnahmen jede für sich zum Protest im Rathaus vorgesprochen haben. Mal sehen, wie es wird heute Abend. Spätestens übermorgen wisst auch ihr dann mehr.

Team RWO mit Schildträger Hajo Sommers (Foto: Axel J. Scherer)

Weitere Vorstellungen sind:

Donnerstag, 25. März, 19.30 Uhr
Samstag, 27. März, 19.30 Uhr
Donnerstag, 29. April, 19.30 Uhr


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