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Stillstand wäre so schlecht in Wiesbaden nicht gewesen

Daraus lässt sich etwas lernen. Das ging mir nicht nach der 3:0-Auswärtsniederlage des MSV Duisburg gegen den SV Wehen Wiesbaden durch den Kopf. Das dachte ich schon Freitagmorgen, als ich Ilia Gruev im Vorbericht zu diesem Spiel hörte. Er wollte die Stimmung in der Mannschaft beschreiben. Dazu berichtete er, dass Nico Klotz eines der zentralen Motivationsrezepte unserer Leistungsgesellschaft ins Mannschaftsgespräch gebracht hatte. Keine Bühnenshow der Gurus der Motivationsbranche ohne diese Worte, kein Lebenshilferatgeber á la Lebe deinen Traum verzichtet auf diesen scheinlogischen Zusammenhang, für den Nico Klotz einen Dreisprung des Syllogismus noch zuspitzte: Zufriedenheit ist Stillstand. Stillstand ist Rückschritt. Zufriedenheit ist dann was? Auf jeden Fall schlecht. Denn folgen wir der Logik, heißt Zufriedenheit Rückschritt. Wo der Denkfehler steckt, schauen wir uns später an.

2016_svww_msv_4In Wiesbaden hätte ich nämlich gerne nach dem Schlusspfiff etwas weniger Rückschritt und etwas mehr Zufriedenheit gesehen. Ein Punkt wäre dann im Gepäck gewesen. Jemand, der nur die erste halbe Stunde vom Spiel mitbekommen hat, wird bei dem Ergebnis von 0:3 den Kopf schütteln. Wie konnte das geschehen, nachdem der MSV Duisburg in gewohnt souveräner Weise das Spiel begonnen hatte? Die Mannschaft hatte mehr Spielanteile, kombinierte sicher und konnte die wenigen Nadelstich-Versuche der Wiesbadener jeweils unschädlich machen. Die Wiesbadener versuchten mit Härte und viel Einsatz, den Zebras den Schneid abzukaufen. Lange Bälle waren vergebliche Versuche, sich in der Offensive zu behaupten. Da die Wiesbadener so zurückgezogen und sehr konzentriert in der Defensive arbeiteten, blieb dem MSV nicht viel Raum, um in den Strafraum zu gelangen. Und schon ziehe ich die Schublade Chancenverwertung hervor. Dieses Wort wird uns weiter begleiten, ob nun viele Chancen zu wenig Toren führen, oder wenig Chancen zu keinem Tor.

Wenn eine gut aufgestellte Defensive wenig Chancen zulässt, muss ein frei gespielter Tugrut Erat aus halbrechter Position im Strafraum den gegnerischen Torwart zumindest zu einer Glanzleistung zwingen, damit er und wir zufrieden sein können. Zugegeben, er hatte nur wenig Zeit zu diesem völlig freien Schuss, um den Ball in eine der Ecken zu zirkeln. Für ihn nicht genügend, er schoss zwar kräftig, aber zentral auf das Tor, wo normalerweise ein Mann steht, der solche Schüsse dann problemlos aufnehmen kann.

2016_svww_msv_1Da der Raum um den Strafraum herum von den Wiesbadenern erfolgreich abgedeckt war, wurde das bevorzugte Mittel der Zebra-Offensive in diesem Spiel die Flanke. Doch auch diese Flanken wurden gut verteidigt. Der MSV brauchte also Geduld und durfte keine Fehler machen. Kevin Wolze aber verschätzte sich bei einer Flanke in den Strafraum. Sein Gegenspieler hinter ihm stoppte den Ball. Seine Chance aufs Tor war groß. Wolze stocherte nach und traf den Stürmer statt den Ball. Aus dem fälligen Elfmeter wurde das Tor zur Wiesbadener Führung.

Zum ersten Mal in dieser Saison spielte die Mannschaft nach einem Gegentreffer nicht ungerührt weiter. Das Tor führte zu Verunsicherung und zum Bruch im Spiel des MSV. Beide Mannschaften waren nun gleichwertig. Beide Mannschaften hatten noch jeweils eine Chance auf ein Tor, beide Male eine gute Gelegenheit für die beiden Torhüter, sich auszuzeichnen.

Nach der Halbzeitpause schien diese Viertelstunde vergessen zu sein. Der MSV trat wieder sicher auf und versuchte sich am Ausgleich. Geduld war wieder gefragt und das Vermeiden von Fehlern. Vor einem Eckstoß von Wehen Wiesbaden aber bahnte sich schon bei der Aufstellung der MSV-Defensive dieser Fehler an. Ein Wiesbadener Spieler im Rückraum wurde vollkommen frei gelassen. Ein zweiter Ball war dessen sichere Beute. Was zu befürchten war, geschah. Der Eckball konnte nur kurz geklärt werden. Sofort erfolgte der nächste Angriff mit einem weiteren Fehler. Die Flanke wurde zu kurz abgewehrt und erneut war der zweite Ball einer der Wiesbadener. Es  folgte Zug zum Tor, Abspiel und die 2:0-Führung.

Noch blieben 27 Minuten für Tore des MSV. Doch dazu wären klare Gelegenheiten nötig gewesen. Flanken führten nicht zum Ziel, und hatte sich die Mannschaft einmal in Strafraumnähe durchgespielt, stand dieser Strafraum voller Beine, so dass nur bei großem Glück ein Schuss die Richtung zum Tor hätte nehmen können. Das war nicht der Fall. Es war absehbar, an diesem Tag waren die Anstrengugen des MSV fruchtlos. Im Gegenteil, bei der entblößten Defensive konnten die Wiesbadener kurz vor dem Schlusspfiff einen Konter mit dem dritten Tor abschließen. Selbst auf den Ehrentreffer hoffte ich nicht mehr.

Auf der Pressekonferenz nach dem Spiel dankte Ilia Gruev für die besondere Unterstützung der Fans. Tatsächlich war der Support in diesem Spiel sehr eindrucksvoll. Die Mannschaft hat sich einen Kredit erspielt. Das wurde deutlich. Die Stimmhoheit in der Wiesbadener Arena war auf Seiten des MSV. Wenn am Dienstag den Worten der Spieler zum Spiel gegen Kiel Taten folgen, wird diese Unterstützung weiter vorhanden sein. Auch unter den Anhängern des MSV  hat sich etwas Besonderes entwickelt, Stichwort: „Du bist es schon immer gewesen.“ Sollte die Stimmung einmal mit entscheiden in dieser Saison, bin ich sicher, wir auf den Rängen sind bereit.

Und die Klotzsche Logik? Die erinnert daran, dass nicht alles, was sich logisch anhört, auch wahr ist. Ob Zufriedenheit nicht auch etwas anderes als Stillstand bedeuten kann, ist nicht ausgemacht; ganz zu schweigen davon, ob Stillstand nicht tatsächlich nichts anderes bedeutet als auf der Stelle zu bleiben. Was ja auch mal nötig ist, um in Ruhe zu schauen, was gerade geschieht. Vielleicht kommt die Bewegung rückwärts ganz woanders her. Also, aufgepasst bei Wirklichkeitsbeschreibungen, die sich logisch geben, wenn es um Einstellungen und Gefühle geht. Das gilt nicht nur für den Fußball.

Drei Minuten Wettkampfmodus reichen zu guter Stehplatzleistung bei einem 4:0

Nach dem Schlusspfiff im Spiel des MSV Duisburg gegen die zweite Mannschaft von Mainz 05 war ich sehr zufrieden. In meinem Alter ist es gut, die Kräfte auch mal schonen zu können. Zumal das Pokalspiel am nächsten Sonntag gegen Union Berlin wahrscheinlich vollen Einsatz verlangen wird. Etwa drei Minuten Wettkampfmodus genügten mir auf meinem Stehplatz, um den 1:0-Vorsprung in eine etwas gesichertere Zwei-Tore-Führung zu verwandeln. Das war Effizienz, die Nerven schonte, dem Blutdruck zugute kam und meine grundsätzliche Entspannung aus der ersten Halbzeit in einen Dauerzustand verwandelte. Derart unaufgeregt schaue ich mir Spiele des MSV eigentlich nur nach einem endgültigem Abstieg an. Wann es das letzte Mal so gewesen ist bei einem Spiel, bei dem es für den MSV um etwas geht, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Meine Wettkampfeffizienz auf dem Stehplatz war möglich, weil die Spieler des MSV von Anfang an sehr wohl die nötige Spannung und Konzentration im Spiel zeigten, um erfolgreich zu sein. Kingsley Onuegbu stand zum ersten Mal in dieser Saison beim Anpfiff auf dem Spielfeld, und so versprach es interessant zu werden, wie der kontrollierte Spielaufbau mit diesem völlig anderen Stürmertyp als bislang funktionieren würde. Eines war von Anfang deutlich, an dem Grundsatz, den Spielaufbau so weit wie möglich kontrolliert zu versuchen änderte sich nichts. Es gab lange Bälle auf den King, doch sie waren Ausnahmen von der Regel, wie die Mannschaft ihr Spiel offensiv gestalten wollte. Sie waren Variationen eines Spiels, dessen Grundsatz weiterhin der kontrollierte Ballbesitz war.

Erleichtert wurde dieser Plan durch eine frühe Führung. Schon in der 13. Minute köpfte Zlatko Janjic das 1:0, nachdem sich Kevin Wolze schön auf dem Flügel durchgesetzt hatte und frei zur Flanke gekommen war. Danach gab es also die Gelegenheit, das zu schaffen, was in Münster gescheitert war, den Sieg durch ein zweites Tor wahrscheinlicher zu machen. Geduldig wollten wir sein zusammen mit der Mannschaft.

Die Geduld wurde nicht belohnt. Andererseits konnte ich völlig entspannt bleiben, weil die Mainzer Offensive zunächst im Grunde nicht vorhanden war. Erst zum Ende der Halbzeit hin gelang es den Mainzern zwei-, dreimal über die linke Defensivseite des MSV durchzubrechen. An meiner Grundentspannung änderte das nichts. Dazu war das Spiel insgesamt zu langsam. Diese Ballkontrolle des MSV verlangt in der Vorwärtsbewegung irgendwann Tempo, eine plötzliche schnelle Aktion. Sonst bleibt jede Spielaktion harmlos und bewirkt keinen Druck auf die gegnerische Defensive. Dieses Tempo gab es nicht, weil Pässe zu unpräzise waren und Spieler zu langsam. Auf beiden Seiten war das so. Gut, dass ich entspannt war. Gut, dass ich mich nicht aufregte.

Denn in der zweiten Halbzeit setzte sich erfolgreich fort, was zuvor ohne Tor geblieben war. Für den verletzten Zlatko Janjic war Stanislav Iljutcenko ins Spiel gekommen. Statt längerer Pässe variierten nun Einzelaktionen sowohl von Iljutcenko als auch von Thomas Bröker das kontrollierte Flügelspiel. Allmählich gelang es nun, Tempo ins Spiel zu bringen. Ich selbst begann in den Wettkampfmodus zu kommen, damit endlich das zweite Tor fiele. Durchbrüche über die Flügel führten nun zu Flanken in den Strafraum, und das war das Spiel von Kingsley Onuegbu. Zweimal war er an der richtigen Stelle. Einmal schoss er freistehend ein, nachdem sich Kevin Wolze einmal mehr auf der Außenbahn durchgesetzt hatte. Meine Entspannung war augenblicklich wieder da. Das andere Mal sprang er höher als seine Gegenspieler und köpfte nach einem Eckball ein. Mit diesen zwei Toren war das Spiel in der 69. Minute entschieden.

Stanislav Iljutcenko war damit noch nicht zufrieden und attackierte weiterhin die Mainzer Defensive beim Spielaufbau. Eine Minute später nahm er einem Mainzer Verteidiger den Ball ab und stürmte auf das Tor zu. Souverän umkurvte er den herauslaufenden Mainzer Torwart und erzielte das 4:0. Wenn man so entspannt ist wie ich, darf man auch mal die völlige Zufriedenheit auskosten. Ich dachte, jegliche Spekulation über ein Torverhältnis könnte sich mit der Zeit als völlig überflüssig erweisen.

Heute lässt mich meine Entspannung sogar ein wenig Wasser in den Wein gießen, damit etwas klar erkennbar wird. Nach den ersten drei Spielen gab es viele Fans, die in Kingsley Onuegbu den Heilsbringer beim Beheben der Abschlussschwäche sahen. Sie können sich bestätigt fühlen. Doch die Aufstellung vom King hat einen Preis. Der MSV zahlt mit dem Verlust von Tempo in der Offensive. Wenn der King spielt, verliert der MSV Dynamik im Spiel.

Die erste Halbzeit zeigte die Begrenzung des kontrollierten Spielaufbaus mit Kingsley Onuegbu in der Spitze ganz deutlich. Das Spiel war langsam, plätscherte dahin und steile Bälle in die Spitze waren vergebliche Bälle – mit einer Ausnahme, bei der Kingsley Onuegbu schon kurz nach der Mittellinie den Ball erhielt und dank seiner körperlichen Präsenz und Technik bis in den Strafraum laufen konnte, wo er letztlich den Ball verlor. Ob mit oder ohne Foul ließ sich von der Gegenseite aus nicht genau erkennen. Die steilen Pässe in den Strafraum aber gingen ins Nichts. Das waren jene Pässe, die Stanislav Iljutcenko in Osnabrück annehmen konnte, um sich sogar Eins-zu-Eins-Situationen gegen den Torwart zu erspielen. Wir kennen das Ergebnis, Tore gab es keine, also, Nachteil hier Abschlussschwäche.

Kurzum: Es gibt keinen deutlichen Vorteil bei den unterschiedlichen Besetzungen, auch wenn der hohe Sieg das im ersten Moment suggeriert. Es werden Mannschaften defensiv besser aufgestellt sein, und dann wird entweder der Pass auf den King zum Problem oder er selbst wird im Strafraum gar nicht an die Stelle gelangen, um seine Tore machen zu können. Momentan gibt es keine ideale Lösung in der Besetzung des Sturms, weil der Vorteil des einen Spielers mit einem Nachteil einhergeht. Erst die Entwicklung des Spiels erweist, ob die Entscheidung für eine bestimmte Aufstellung richtig oder falsch war. Das ist banal, aber nach dem hohen Sieg möchte ich in all meiner Entspanntheit doch darauf hingewiesen haben. Ganz lässig mal rauszuhausen, das könnte auch alles mal anders kommen, das fühlt sich schon gut an, wenn alles bestens gewesen ist.

Das durchdrehende Tollhaus neben dem Acker

In der 75. Minute des Spiels vom MSV Duisburg beim SV Sandhausen begann ein Teil dieses Körpers MSV für diese Saison abzusterben. Ich gehörte dazu. Das 2:0 für Sandhausen war gerade gefallen, und der Abstieg schien nach all der hochfliegenden Hoffnung der letzten Wochen doch wirklich zu werden. Ich lehnte an dem Gitterzaun des Stehplatzes, konnte mich nicht mehr rühren, war taub und blind geworden. War ich in dieser Lähmung angesteckt worden, drohte ich andere anzustecken? Einzelne Teile des Körpers hatten sich schon zwangsamputiert und gingen den Fußweg Richtung Parkplatzgrab, das sich zwischen mehreren Äckern der Sandhäuser Bauern befand.

Andere Teile des Körpers konzentrierten jede noch vorhandene Kraft, um die Vitalfunktion des MSV aufrecht zu erhalten. Auf den Rängen wurde immer noch angefeuert, aber der vielstimmige Chor war auseinander gefallen in einzelne kleine Inseln, wo Lebensenergie noch pumpte, und das herausgeschieene EM-ES-VAU wirkte wie ein verzweifeltes Aufbäumen gegen das nahe Ende. Das Zentralorgan dieses Körpers aber, die Mannschaft, schien vom nahen Ende nur insofern etwas mitzubekommen, als es immer stärker arbeitete und arbeite, um genau diesem Ende zu entgehen. Dieses Zentralorgan war weiter auf das Überleben ausgerichtet.

An welcher Stelle des Körpers MSV ich mich gerade befand, kann ich nicht sagen. Auf jeden Fall an einer Stelle, die nicht mehr zur Verarbeitung von Sinneseindrücken fähig war. Wie das Anschlusstor durch Nico Klotz in der 80. Minute fiel, kann ich nämlich aus der Erinnerung heraus nicht sagen. Für mich war es ein Geschenk des Lebens an das Leben. Der Körper MSV war von jetzt auf gleich in sämtlichen Zellen revitalisiert.

Das Stadion war in Duisburger Hand, und dieses Stadion peitschte nun die Spieler des MSV nach vorne. Waren es zwei oder drei Angriffe, die nach dem Anschlusstor aufeinander folgten? Der Rhyhtmus der Ränge und die Laufduelle auf dem Spielfeld befeuerten sich gegenseitig. Der Ball kam in die Nähe des Sandhäuser Strafraums, ohne dass es den Zebras gelang, vor das Tor zu kommen. Doch den nächsten Angriff konnten wir ja sofort erwarten. Ich weiß nicht mehr, ob es der eingewechselte Thomas Bröker war, der am linken Flügel vorbeizog, dabei mit seinem Gegenspieler im Laufduell immer wieder aufeinanderprallte, Arme hielten und dennoch schaffte er es diesen Gegenspieler zu überlaufen. Doch zu wenige Mitspieler lauerten in der Mitte. Der Rückpass kam doch, und mit letztem Einsatz erreichte – wer eigentlich? – den Ball, um sofort umgegrätscht zu werden. Führte diese Spielaktion zum Freistoß in der 83. Minute? Selbst das weiß ich nicht wirklich.

Der Verlauf der Saison macht es mir unmöglich, dieses Spiel in der Abfolge seiner bedeutsamen Ereignisse zu erinnern. Mir bleibt während des Spiels kein einziger Moment der Ruhe mehr, um irgendetwas, was ich gesehen habe, mal kurz in einen Zusammenhang zu bringen. Aus  der ersten Halbzeit ist der Pfostenschuss von Kingsley Onuegbu als große Möglichkeit zur Führung mir in Erinnerung. Der MSV war vorsichtig offensiv und ließ die bekannte Konterstärke der Sandhäuser kaum einmal zur Geltung kommen. Zwei Ausnahmen hat es gegeben. Doch die Abschlüsse der Sandhäuser per Kopfball und Schuss von der Strafraumgrenze gingen am Tor vorbei. Der MSV spielte noch nicht risikoreich genug, um wirklich torgefährlich zu werden. Dennoch hatte die Mannschaft das Spiel einigermaßen im Griff.

Das änderte sich etwa zehn Minuten nach Wiederanpfiff. Die Defensive stand nicht mehr so sicher. Sandhausen kam besser ins Spiel. Die zwei Sandhäuser Tore fielen allerdings jeweils nach Eckbällen. Was die Stimmung zusätzlich belastete, wirkte die Defensive in diesen beiden Situationen doch lethargisch und wenig präsent. Solche Eindrücke bleiben mir als vereinzelte Erinnerung. Das meiste steht nebeneinander, wirft mich hin und her, führt zu heillosem Entsetzen bei den Gegentoren oder wie in dieser 83. Minute zum zweiten Mal in dieser Saison nach dem Siegtor gegen 1860 München zu einem irrsinnigen, eskalierenden Jubel, der nicht aufhören wollte.

Zentral vor dem Tor, zwei, drei Meter außerhalb des Strafraums war der Freistoß gepfiffen worden. Giorgi Chanturia lief an, schoss und dann war der Ball drin, irgendwie abgelenkt, genau habe ich auch das nicht gesehen. Genau erinnere ich nur noch, wie wir auf den Rängen das Stadion in ein Tollhaus verwandelten. Die Bierbecher flogen. Zebras sprangen sich in die Arme, hüpften ununterbrochen, rissen ihre Arme immer wieder hoch. Verzerrte Gesichter. Ungläubiges Schreien. Eine Begeisterung wurde hinausgebrüllt in die Welt, getragen von der Kraft alles Lebendingen. Es war unfassbar laut. Der Jubel hielt an. Der Ausgleich brachte alle Möglichkeiten zu überleben wieder zurück.

Noch gab es sogar die Hoffnung auf den Sieg. Weiter nach vorne, weiter nach vorne, hieß die Devise nun für beide Mannschaften. Meine Angst blitzte auf, die Spieler könnten überdrehen in dieser kochenden Stimmung. Die Konter des SV Sandhausen drohten. Das Spiel wogte nun hin und her. Trotz des Drucks vom MSV kamen die Sandhäuser in diesen letzten Spielminuten zu den klareren Chancen. Waren es zwei oder drei Schockstarren, aus denen mich erst die Angriffe des MSV wieder herausrissen? Der Schlusspfiff hinterließ bei mir eine komische Stimmung zwischen Euphorie und Enttäschung. Wie konnte ich beides zusammen spüren? So gehen wir mit dem MSV durch diese Saison. Je größer die Hoffnung jeweils ist, desto tiefer kann die Enttäuschung treffen. So hoch waren wir gestiegen, so tief waren wir zwischendurch gefallen und nun sehen wir dem letzten Spieltag entgegen – und hoffen weiter.

Wenn ein Stadion die Abstiegsangst wegschreit

Der Schalldruck im Duisburger Süden muss groß gewesen sein in der 85. Minute des Spiels vom MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München. Als Victor Obinna den 2:1-Führungstreffer für die Zebras erzielte, knallte diese Arena ihre Begeisterung als Explosion heraus. Danach hielt das Toben und Schreien an, nicht nur auf der Nord, wo es ohnehin immer am lautesten ist. Auch auf den Geraden wussten die Zuschauer nicht mehr wohin mit ihren Gefühlen. Dieser Jubel von knapp 22.000 Anhängern des MSV Duisburg walzte aus dem Stadion, ließ Fensterscheiben vibrieren, schwappte über die Parkplätze, hob das Wasser auf der Regattabahn zu kleinen Wellen und verlor sich in der anderen Richtung allmählich in den Straßen zum Hauptbahnhof. Der Duisburger Süden wurde mit gemeinsamer Glückseligkeit und Erlösung durchdrungen.

Solch ein ekstatischer Ausbruch des Jubels geschieht, wenn die kaum mehr vorhandene Hoffnung auf eine Glück verheißende Rettung wie den Klassenerhalt wider Erwarten durch eine Heldentat wie den Auswärtsieg gegen einen hohen Favoriten befeuert wird. Wenn dieser Hoffnung ein paar Tage Zeit bleiben zu wachsen und sie zugleich in Gedanken schon wieder gefährdet wird. Wenn diese Hoffnung nur durch den Sieg im Spiel weiter lebendig bleibt. Wenn das Spiel selbst dann doch verloren scheint, das Ende nahe ist und wenn dann, in der eigentlichen Torschuss-Situation wir einen winzigen Augenblick Zeit haben, die große Chance zum Tor in dem Ausmaß ihrer gesamten Folgen für die Zukunft intuitiv zu erfassen. Wir denken es nicht, aber wir fühlen es, weil das Tor nicht von jetzt auf gleich fällt. Wir sind  dann vom Scheitern bedroht. Unsere Körper werden miterfasst von der Bewegung des Stürmers, wir spielen gleichsam mit.

Unsere Beine verknoteten sich beim Versuch, zugleich auf unserem Platz zu bleiben und diesen halbhohen Ball unter Kontrolle zu bringen, der von Kingsley Onuegbu zurückgeprallt war in den freien Raum an der Strafraumgrenze. Diese Ekstase konnte Raum greifen, weil wir alle die Last der Verantwortung in diesem Moment spürten. Weil wir diesen winzigen Moment Zeit hatten, um zu fühlen, wie nah Erfolg und Versagen beieinander liegen. Das alles geschah in uns, ohne dass wir es in Begriffen dachten, denn wir waren nichts anderes als unsere Körper, die sich vorbeugten, hin- und herbewegten, verkrampften, die bereit waren, etwas zu machen, ohne dass sie eingreifen konnten. Wir waren dabei, holten noch einmal Luft, hielten den Atem an und wurden eins mit Victor Obinna, dem es gelang den halbhoch springenden Ball direkt zu nehmen und ihn ins Tor zu schießen – am heraus eilenden Torwart ebenso vorbei wie an den versetzt stehenden zwei Feldspielern. Weil für all das dieser winzige Moment Zeit war, entlud sich die angestaute Luft in diesem ekstatischen kollektiven Aufschrei. JA!

Wir hatten eine erste Halbzeit gesehen, in der beide Mannschaften vor allem anderen keine Fehler machen wollten. Beide Mannschaften versuchten ein kontrolliertes Aufbauspiel, was auf Seiten des MSV zu erwarteten Schwierigkeiten führte. Dieser MSV entwickelt bei dieser Spielanlage keine durchgängige Offensivkraft. Das wissen wir, und das fürchtete nicht nur ich. Sehr viel druckvoller wurden auch die Münchner nicht, obgleich ihr Zusammenspiel mehr Potential aufwies, als wir es bei den Zebras entdecken konnten. Pässe und Laufwege der Löwen wirkten besser aufeinander abgestimmt. Die Mannschaft ließ den Ball besser laufen. Zu unserer Beruhigung blieb das ohne Folgen.

Sinnbildhaft für die Offensivstärke des MSV wird an solchen Tagen Giorgi Chanturia. Weil das Spiel des MSV in der kontrollierten Ausführung wenig Dynamik besitzt, liegt mehr Verantwortung bei ihm und seinen Dribblings im eins gegen eins. Sein Gegenspieler aber kannte von Anfang an seine Haken und seine typischen Bewegungen. Entsprechend harmlos blieb Giorgi Chanturia. Er wirkte früh frustriert. Auch sonst war irgendwann der Frust der Offensivspieler bei Fehlpässen zu sehen. Die Mannschaft wirkte so, als müsse sie irgendwann auch gegen eine schlechte Stimmung angehen.

Nach der Halbzeitpause blieb das Bild unverändert. Wenn ein Tor fiele, käme das überraschend zustande. Das war uns klar. Die Überraschung gelang den Münchnern mit einem Weitschuss in der 64. Minute. Das kannten wir aus dem Spiel gegen Heidenheim, und angesichts der Leistung an dem Tag konnte ich mir nicht vorstellen, wie nun noch der Ausgleich fallen sollte. Doch es gibt Gründe, warum auch 1860 München vom Abstieg bedroht ist. Die Ordnung der Defensive gerät bei druckvollem Spiel schneller durcheinander als die anderer Gegner. Als Nico Klotz für den immer unauffälligeren Chanturia eingewechselt wurde, geriet die Münchner Defensive sofort aufgeregt in Bewegung. Das wiederum war anders als im Spiel gegen Heidenheim. Es erinnerte vielmehr an das Spiel gegen Union Berlin. Thomas Bröker musste noch hinzukommen, damit in der Strafraummitte ein weiterer Stürmer Flanken aufnehmen konnte. Die Unruhe in der Münchner Defensive führte zu dem kuriosen Ergebnis, dass der Ausgleich bei der ersten Ballberührung Brökers aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Flanke aus dem Stand heraus, Kopfballsprung fast aus dem Stand heraus, ein Kopfball nahezu in Rückenlage, der gegen den Innenpfosten trudelte, Richtung Tornetz sprang und vom Torwart auf diesem Weg zurückgeschlagen wurde. Wir lesen heute, Grund für einen Protest der 60er, die die Tatsachenentscheidung Tor als falsch ansehen. Hingegen hatte ich auch schon ohne Tatsachenentscheidung gejubelt – mit einer kurzen Irritation zwischendurch.

Die Stimmung war nun hochgekocht. Der Zorn der Münchner blieb erkennbar wie der Siegeswillen der Zebras immer mächtiger wurde. Zu Entlastungsangriffen kamen die Münchner nicht. Kurz nur sorgte ich mich, als Milos Degenek die gelb-rote Karte erhielt. Zu viele Erinnerungen an den Misserfolg gibt es in dieser Saison. Paderborn, das blitzte kurz auf, doch sofort war deutlich, kein Handballspiel-Imitat bekämen wir noch einmal zu sehen. Weiter ging es Richtung Münchner Tor, egal ob über die Mitte oder über die Außenbahnen. Der Ball musste irgendwie ins Netz. Das wollten die Spieler. Das wollten wir auf den Rängen. Das wurde geschrien. Das wurde bei jedem Angriff versucht, bis in der 85. Minute Victor Obinna jenen Angriff einleitete, den er selbst mit dem Führungstreffer abschloss.

Die Nachspielzeit bot noch einmal eine besondere Prüfung unserer Nerven. Drei-, viermal gelang es den Zebras nicht mehr, ruhig zu bleiben und den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Dieser Ball war nur noch ein potentielles Gegentor. Möglichst weit weg vom eigenen Strafraum sollte er sein. Jeder Spieler des MSV schlug ihn nun weit nach vorne. Dummerweise kam der Ball augenblicklich wieder zurück. Zäh nur vergingen diese Minuten, in denen schließlich ein Münchner ein letztes Mal derart frei zum Schuss kam, dass ich den Ball schon zum Ausgleich im Netz gesehen hatte. Festgekrallt an der Schulter des Freundes bekam ich den Schlusspfiff nicht mehr richtig mit. Das Feiern des Sieges begann, und Erfolg im Abstiegskampf bedeutet nicht nur ein ekstatischer Jubel beim Führungstor. Erfolg im Abstiegskampf bedeutet auch, volle Zuschauerränge noch lange nach dem Schlusspfiff.

Schon wieder diese anderen Zeiten

Soll ich einfach meine ersten Sätze wiederholen, die ich nach dem Spiel gegen den FSV Frankfurt geschrieben habe? In anderen Zeiten, in anderen Zeiten – dann kann ich auch gleich zum guten Erinnerungsonkel werden und mal wieder eine rundum schöne Geschichte von unserem Lieblingsverein erzählen. In anderen Zeiten wären wir über dieses 1:1-Unentschieden bei Eintracht Braunschweig ganz zufrieden gewesen. Wir hätten uns vielleicht noch über die letzten zehn bis 15 Minuten des Spiels geärgert, in denen zu wenig Spieler der Mannschaft den möglichen Sieg noch wollten. Aber so ein Unentschieden beim Tabellensechsten hätte vollauf genügt. Zumal dieses Unentschieden durch eine solide Leistung fast über das gesamte Spiel hinweg erreicht wurde. Im Moment fehlen an diesem einen Punkt aber schon wieder zwei weitere Punkte, und ich frage mich tatsächlich, ob mir nicht eine Niederlage viel lieber gewesen wäre – damit für mich endlich dieses 3-Watt-Spieltagshoffnungsaufglimmen endlich mal aufhört.

Bis zum Spieltagsmorgen plane ich momentan bereits den sofortigen Wiederaufstieg in der nächsten Saison. Am Spieltag selbst aber verwandel ich mich mit dem Aufwachen in einen Wenn-Dann-Spezialisten, der komplexe Bedingungsgefüge im Kopf erstellt, dabei  Variablen ändert und letztlich, die Welt macht, wie sie ihm gefällt. Falls in den Küstenstädten dieser Welt demnächst mal ein Klimaexperte für die gute Stimmung gebraucht wird, soll man sich mal vertrauensvoll an mich wenden. Irgendwie kriege ich das schon hin, dass der Meeresspiegel schon in den nächsten Jahren wahrscheinlich mehrere Dezimeter sinken wird.

Wir Zukunftsexperten können eben nichts dafür, dass manche Grundvariablen unserer Prognosen sich kontinuierlich anders entwickeln als es von ihrem Potential her möglich gewesen wäre. Der MSV Duisburg hätte dieses Auswärtsspiel gegen Eintracht Braunschweig tatsächlich gewinnen können, wenn die Mannschaft für eine kurze Zeit zum Spielende nur ein klein wenig besser besetzt gewesen wäre. Die Eintracht zeigte zwar die klarere Spielanlage und erarbeitete sich eine leichte optische Überlegenheit in der ersten Halbzeit, doch das beunruhigte mich kaum. Der MSV hielt recht souverän dagegen. Die Defensive stand meist gut. Nur wenige Chancen ergaben sich aus dem vermeintlich besseren Spiel der Eintracht. Unter kontinuierlichen Druck gerieten die Zebras gar nicht.

Immer wieder gelangen sogar Offensivaktionen, die allerdings öfter als bei der Eintracht vom Zufall abhingen und bei denen weniger der Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus zählte, als der Kampf in der Hälfte des Gegners um den weit oder halbweit geschlagenen Ball. War der aber einmal erobert, ging es im schnellen Kombinationsspiel Richtung Eintracht-Strafraum. Stanislav Iljutcenko zeichnete sich bei diesen Kämpfen um die hohen Bälle immer wieder aus, so wie Giogio Chanturia den Pass danach oft in eine dynamische Offensivaktion umsetzen konnte. Alles in allem war es also ein offenes Spiel, in dem sich kurz vor dem Halbzeitpfiff sogar durch einen Schuss knapp außerhalb des Strafraums die Chance zur Führung ergeben hatte. Knapp ging der Ball am Tor vorbei.

Anfang der zweiten Halbzeit war das Spiel im vollkommenen Gleichgewicht. Einer Mannschaft mit besserer Spielanlange standen nun Zebras gegenüber, die noch selbstbewusster wirkten. Es schien so, als hätten die Spieler vollständig erfasst, dass die etwas begrenzteren Möglichkeiten des eigenen Spiels dennoch zum Torerfolg führen könnten. War es ein Steilpass auf Giorgio Chanturia am rechten Flügel in der 60. Minute? Ich weiß das nicht mehr, ich weiß nur noch, wie schon durch den Pass die Hoffnung auf das Tor vorhanden war, sie wieder schwand, weil sich die Braunschweiger Defensive in der Mitte formierte, während Chanturia genau dorthin zog und dennoch die Lücke fand, um den Führungstreffer zu erzielen. Was für ein Jubel. Die entscheidende Grundvariable meines Tabellengefüges hielt, was ich vor dem Spiel prognostizierte.

Unterstützung für meine Prognose hatte ich seit der Anfahrt über den Braunschweiger Bahnhof durch einen Hamburger MSV-Fan, einen gebürtigen Norddeutschen, der seit den 90ern vom MSV nicht loskommt. Er hatte vier seiner Kumpel dazu verdonnert, ihn auf die Auswärtsfahrt zu begleiten. Alle diese Kumpel waren eigentlich mit dem Herzen bei anderen Vereinen, aber für diesen Tag war ihnen der MSV nahe. So war der Jubel über das Tor in unserer kleinen Schicksalsgemeinschaft genauso groß wie die Enttäuschung über den Ausgleich, der eine Minute später fiel.

Ich sehe mir das Tor nicht im Bewegtbild an. Ich will nicht noch schlechtere Laune bekommen. Richtig habe ich dieses Tor hinter den schwenkenden Fahnen im Block nämlich nicht sehen können. Durch die wenigen klaren Blicke aufs Spielfeld weiß ich aber eins. Für dieses Tor musste sich der Gegner einmal mehr nicht sonderlich anstrengen. Manchmal schärft der Blick auf wenige Momente eines Geschehens die Wahrheit. Dieser Spielzug der Eintracht über den rechten Flügel kam mir vor wie in einem Trainingsspiel. Der Eintracht wurde es zu leicht gemacht. Das Spiel befand sich wieder im Gleichgewicht. Die Hoffnung auf den Sieg blieb.

Sie blieb, selbst als Zlatko Janjic für Tomané eingewechselt wurde. Ein unauffälliger Spieler kommt für den anderen. Die Hoffnung endete, als Dennis Grote in der 78. Minute für Giorgio Chanturia kam. Von dem Moment an war dem Spiel nach vorne jegliche Dynamik genommen. Zwei Spielszenen stehen dafür exemplarisch, der Ansatz eines Konters versandete schon durch den unpräzisen Pass auf den rechten Flügel, dem Dennis Grote hinterher-  tja, wie soll man sagen? – joggte. Ein Spieler, der kurz zuvor eingewechselt worden war, stand zwei, drei Meter näher am steil gespielten Ball als ein Defensivspieler, der die ganze Zeit auf dem Platz gestanden hatte, und dennoch erreichte der Defensivspieler den Ball eher als Dennis Grote. Ich war fassungslos.

In der anderen Szene werden die beiden Vorderspieler von der Restmannschaft allein gelassen. Wieder war steil gespielt worden, doch die Mannschaft rückte nicht mehr auf. Das gesamte Mittelfeld war unbesetzt geblieben. Das war ein klares Signal. Diese Mannschaft wollte nicht mehr auf Sieg spielen. Diese letzten zehn, fünfzehn Minuten mit der Nachspielzeit haben den Gesamteindruck des Spiels kaputt gemacht. Diese letzten Minuten führten zu dem Unmut im Block, zum Sarkasmus mit den Niederrheinpokal-Gesängen und den einzelnen Absteiger-Rufen, die die Mannschaft eigentlich nicht verdient hatte.

2016-03-06_ennatz_unscharfMir hat den Tag die Zufallsbegegnung mit den Hamburgern gerettet. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und der Spaß unabhängig vom Fußball wirkt doppelt. Ennatz vor dem Spiel bei der Parkplatz-Suche getroffen zu haben, hätte für uns ein weiteres Trostpflaster sein können. Doch auch uns im Umfeld des MSV fehlt momentan manchmal die spielerische Qualität für den Erfolg. Weder habe ich die Technik meines Fotoapparats im Griff noch der Hamburger Jung die seines Smartphones. Wenigstens schaffte ich ein unscharfes Foto, das Selfie als Erinnerung an den Tag für Hamburg war trotz zweimaligen Auslösens vollkommen gescheitert. Wir alle beim MSV müssen an uns arbeiten, und das ein oder andere zukünftig auch ändern.

Spontanheilungen gibt es, wenn auch selten

Allmählich beginnt für mich die Zeit mit dem MSV Duisburg, in der mir die Worte zu den Spielen der Mannschaft ausgehen und nichts anderes mehr übrig bleibt als die Fakten des Zustands. Das ist wie im richtigen Leben. Immer will alles gedeutet werden. Immer will alles auf Sinn abgeklopft werden. Immer könnte im Geschehenen eine Einsicht stecken, die Veränderung mit sich bringt. Je aussichtsloser eine Situation aber scheint, desto weniger gibt es zu sagen. Es bleibt das schweigende Warten, nur unterbrochen vom Verkünden der Fakten. Es bleibt das Weitermachen bis zum sich abzeichnenden Ende. Es bleibt das Genügen an diesem Weitermachen und eine gewisse Pflicht.

Der MSV Duisburg hat gegen den FC St. Pauli gestern mit 0:2 verloren. Die Mannschaft hat gut gespielt. Alleine die Leistung von Zlatko Janjic fiel gegenüber der seiner Mitspieler ab. In der ersten Halbzeit kontrollierte der MSV das Spiel. Ruhig und diszipliniert wurde gegen einen abwartend spielenden FC St. Pauli der Spielaufbau versucht, und wahrscheinlich war meine durchgängige Nervosität dem Abstiegskampf geschuldet. Jeder Angriff St. Paulis, der nur in Strafraumnähe kam, sorgte mich mehr, als ein Angriff des MSV auf der anderen Seite in selber Position mir Hoffnung machte. Vielleicht entspricht diese Gemütslage auch der der Mannschaft in ihrem Abstiegskampf. Wir alle sind nicht frei im Kopf, obwohl die Fakten des Spiels bis zum Halbzeitpfiff dazu keinen Anlass boten. Torchancen gab es auf beiden Seiten nicht.

Nach dem Wiederanpfiff schien der FC St. Pauli zunächst druckvoller spielen zu wollen. Die Mannschaft griff früher an und versuchte, mehr Spielkontrolle zu erhalten. Doch der MSV hielt dagegen und erneut befand sich das Spiel wieder im Gleichgewicht. Im Unterschied zur ersten Halbzeit wirkte es nun dynamischer. Die Spieler des MSV suchten früher den Weg zum Tor. Für die Spieler des FC St. Pauli war dieser schnelle Zug zum Tor ohnehin taktischer Bestandteil des Spiels, weil sie auf Ballverluste des aufbauenden MSV hofften und sie erzwingen wollten.

Entsprechend gab es sogar eine Ahnung von Torchancen für den MSV. Die Mannschaft schaffte es einige Male, in den Strafraum zu dringen. Abwehrbeine verhinderten freie Schüsse, weil beim Kleinklein innerhalb des Strafraums die Spieler zu lange brauchten, Pässe zu verarbeiten oder freie Bälle unter Kontrolle zu bringen. Der FC St. Pauli war dagegen vor allem mit einem Distanzschuss einmal gefährlich. Es war klar, die Mannschaft, der  ein Tor gelingen würde, ginge wahrscheinlich als Sieger vom Platz.

Dieses Tor fiel für den FC St. Pauli in der 64. Minute. Ein Spielzug über den rechten Flügel, bei dem die Defensive des MSV den Gegner bis in den Strafraum spielen ließ und die jeweils Ball führenden Spieler nicht aggressiv genug attackiert wurden. Pass, Zug in den freien Raum, Pass, freier Schuss, Tor.

Drei Minuten zuvor war Kingsley Onuegbu  für Janjic eingewechselt worden. Gerade hatte ich zu hoffen begonnen, die Strafraumszenen könnten angesichts seiner Ballbehauptung auf engem Raum wirklich gefährlich werden. Nun war diese Hoffnung weggeweht. Auch das ist ja ein Zeichen für Stimmung rund um den MSV. Meine Hoffnung hätte ja lebendig bleiben können. Ein Gegentor war gefallen, mehr nicht. Dennoch lastete dieses Gegentor nun auf dem Spiel und machte es mir schwerer an einen Erfolg des MSV zu glauben. Ich vermute, die Spieler werden ähnlich eine zusätzlich Last zu tragen gehabt haben.

Der MSV mühte sich für den Rest des Spiels. Victor Obinna wurde nach seiner langen Verletzungspause erstmals wieder für 11 Minuten noch eingewechselt. Thomas Bröker kam kurz vor Schluss. Doch zwingende Chancen ergaben sich nicht mehr. In der letzten Spielaktion verlor Kevin Wolze in der eigenen Hälfte den Ball gegen einen Spieler St. Paulis, der anschließend alleine aufs Tor zumarschieren konnte und erfolgreich abschloss. Über dieses zweite Tor des Gegners ärgerte sich Kevin Wolze offensichtlich mehr als ich. Stoisch nahm ich es als Schicksal.

Dieses Erleben weckt keine schönen Bilder in mir. Ich fühle mich erinnert an Tage, die ich mit Schwerkranken verbracht habe. Ich sehe Behandlungen, von denen nicht klar war, ob sie heilend, lebensverlängernd oder einfach nur überflüssig waren. Ich sehe Ärzte von Wahrscheinlichkeiten sprechen. Ich sehe Ärzte, die traurige Wahrheiten mitfühlend, aber klar aussprachen, und ich sehe Ärzte, die dennoch Raum ließen für das Schicksal. Diese Welt ist trotz aller wissenschaftlichen Anstrengung noch voller unerklärbarer Begebenheiten. Spontanheilungen gehören dazu. Sie geschehen, ohne dass die Medizin erklären kann, wieso sie geschehen. Sie geschehen selten, so dass die statistischen Daten keine kausalen Schlüsse zulassen. Bislang habe ich immer, wenn ich Zeit mit einem schwerkranken Menschen verbracht habe, irgendwann an Spontanheilungen denken müssen.

Zehn Mann auf des toten Manns Kiste

Bei dieser Tabellenlage muss der MSV Duisburg Punkte nehmen, egal, wie er sie bekommt. Was interessieren noch Details. Mir geht das beim Schreiben momentan nicht anders. Recht bald nach dem 1:1-Unentschieden der Zebras bei der SpVgg Greuther Fürth ging mir ein Lied nicht mehr aus dem Kopf, das beim genauen Hinsehen als Leitmotiv weder für das Spiel noch für den Rest der Saison passt. Egal, wir stehen alle unter Druck.

„Zehn Mann auf des toten Manns Kiste“. Das sang ich leise vor mich hin, als ich vom „Ostende“ aus nach Hause fuhr. Ihr kennt das Lied? Vielleicht sogar  noch aus Robert Louis Stevensons Schatzinsel? Es sind ja eigentlich fünfzehn Mann, und die holt auch noch der Teufel, anstatt dass sie gerettet werden. Aber ich sagte es ja schon, was interessieren Details.

 

 

Erstmal waren also die zehn Mann meiner Version auf dem Sarg ans rettende Ufer gepaddelt. Ich war etwas erschöpft. Eine Halbzeit lang bangten wir um das torlose Unentschieden und überstanden dabei drei sehr große Fürther Chancen ohne weitere gesundheitliche Probleme. Michael Ratajczaks gute Reflexe hielten die Mannschaft im Spiel.

Gleichzeitig begann ich sogar schon in dieser ersten Halbzeit immer mächtiger zu hoffen, Punkte mitnehmen zu können. Den Fürthern gelang es nicht, ihre Überlegenheit vor dem Tor des MSV in dauerhaften Druck zu verwandeln. Immer wieder gelang es den Zebras, sich ein wenig zu befreien und den Ball für einige Zeit auch in den eigenen Reihen zu halten. Hin und wieder gelang sogar etwas, was als Offensivaktion ohne Torgefahr hat bezeichnet werden können. Nicht mal allzu viel Wohlwollen brauchte ich.

Ich gebe zu, meine Ansprüche an den MSV sind inzwischen nicht mehr sehr groß. Wie gesagt, der Verein und ich wir sind in einer Situation, in der wir ein halbgares Geschehen auch einmal in die uns genehme Wirklichkeit zwingen müssen, um überhaupt noch weiter zu machen. Wir nehmen etwas nahe Liegendes, schauen uns an, ob damit vielleicht was geht und den Rest muss bis auf Weiteres das  Glück erledigen.

Auf diese Weise fiel das 1:0 für den MSV Duisburg kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit. Von halbrechts flankte Zlatko Janjic einen Freistoß in den Strafraum. Der Ball fiel nach der Kopfballabwehr in den leeren Raum zentral vor dem Strafraum, wo Kevin Wolze lauerte. Sein harter Schuss passte perfekt, um vom Torwart aufgenommen zu werden. Doch ein Abwehrspieler lenkte den Ball ins Netz ab. Großer Jubel. Immer kleiner werdende Hoffnung für 20 Minuten.

Denn während dieser 20 Minuten war erkennbar, mit dem nun manchmal vorhandenen freien Raum in der Fürther Hälfte konnten die Spieler des MSV nicht allzu viel anfangen. Auf Konter brauchten wir nicht zu hoffen. Es ging nur ums Überstehen der Fürther Angriffsversuche. 20 torlose Minuten waren bei einer Restspielzeit von 43 Minuten aber eindeutig zu kurz, um das Spiel zu gewinnen. Ein Fürther Angriff nahm Fahrt auf mit einem Doppelpass in den Strafraum hinein. Im Ansatz wurde der Angriff von Branimir Bajic fast unterbunden. Doch aus dem Stören wurde eine Verlängerung der Doppelpasseinleitung. Ihm flipperte der Ball weg gegen das Bein von James Holland, der den Ball in den Lauf des Fürther Stürmers verlängerte. Holland ging hinterher, fingerte an der Schulter, der Fürther fiel. Elfmeter und rote Karte für Holland waren die Folgen.

23 Minuten plus Nachspielzeit waren nun zu überstehen. Das gelang in der Defensive gut. Weiterhin war der Raum in der Fürther Hälfte riesig. Zwei-, dreimal wurde sogar ein Ball in diesen freien Raum gepasst und von Tomané oder Thomas Bröker aufgenommen. Irgendeine nennenswerte Offensivaktion ergab sich daraus aber nicht. Trotz des Wissens um das Risiko, wenn Spieler der Zebras nachgerückt wären, kitzelte die Enttäuschung, die Konter nicht versucht zu haben. Den Fürthern gelang es allerdings auch nicht mehr, ihre Überlegenheit zur Torgefahr zu machen. Das Spiel plätscherte unter unserer Anspannung dem Ende entgegen. Die Nachspielzeit schien endlos. Es blieb bei einem Punkt für die Moral.

Anscheinend spielen der MSV, der SC Paderborn und der TSV 1860 München den Relegationsplatz in einer Art Mini-Turnier untereinander aus. Im Gleichschritt der Ergebniss sehen wir den Spieltagen mit den direkten Begegnungen entgegen. Es wäre schön, wenn sich die Erwartungen der Zuschauer des MSV bis dahin auch den Gegebenheiten anpassen könnten. Zu lesen ist vom Spieler-Dissen der mitgereisten Fans nach dem Spiel. Das kann ich nicht verstehen. Die Spieler haben sich angestrengt. Sie können es nicht besser, und nach dem völligen Tiefpunkt im Spiel gegen den KSC kann es nicht mehr schlechter werden. Wir müssen nehmen, was kommt und irgendetwas daraus machen. Wenn dann noch Glück hinzu kommt, sind wir im Relegationsplatz-Qualifikationsturnier trotz der schlechtesten Ausgangsposititon der drei Mannschaften wieder drin.

Kurz_Hermann

Hermann Kurz – Ohne Titel

Im „Ostende“ habe ich das Spiel übrigens im Kreis des MSV-Hermann-Kurz-Gedächtnis-Fanclubs gesehen, der sich selbstverständlich am 19. 2. eines jeden Jahres trifft. Duisburger Künstler haben den Fanclub zum Gedenken an den 2006 verstorbenen Hermann Kurz gegründet, ein Künstler, der MSV-Fan gewesen ist und mehrere Bilder mit vom Fußball inspirierten Motiven gemalt hat. Mit einem Klick geht es zu einer Seite über Hermann Kurz mit kurzen biografischen Daten und einer kleine Galerie mit Werken von ihm.

Wenn Durchhalteparolen Tagesgeschäft sind

Ist das Wort „rechnerisch“ schon gefallen? Ich habe mir die O-Töne nach dem Spiel noch nicht angesehen. Auch für Durchhalteparolen werden Ivo Grlic und Ilia Gruev bezahlt. Das ist auch gut so im professionellen Fußball. Irgendwer muss doch die Hoffnung in der Welt halten, dass der MSV Duisburg die Klasse hält. Das Klagen gibt es in unserem Fall völlig umsonst. Wobei – wenn Katar zur Handball-WM unlängst für supportende Fans bezahlte, vielleicht ist der Klagefan auch ein Geschäftsmodell?

Vor dem Spiel schon war meine Resthoffnung auf den den Klassenerhalt abhängig von der Aussicht auf ein kleines Wunder. So ein klitzekleines Heilungswunder hatte ich mir vorgestellt – für die Abschlusschwäche in der Offensive und für Abspielfehler im Spielaufbau. Nach der 2:1-Niederlage gegen Arminia Bielefeld wird das nicht reichen. Da muss noch so was wie der Wandel von Wasser zu Wein fußballgerecht adaptiert werden. Dazu ein wenig über Wasser laufen und die volle Kraft der Rettungswunder. Wahrscheinlich können wir sogar auf die Totenerweckungen nicht verzichten.

Mir persönlich fehlt momentan der Glaube an diese Dinge, aber, wie gesagt, beim MSV Duisburg gibt es ja Menschen, die extra für solch einen Glauben bezahlt werden. Was das Spiel gestern angeht, will ich es kurz machen. Durch einen soliden, selbstbewussten Spielbeginn gelang dem MSV die 1:0-Führung. Das Tor war schön herausgespielt. Thomas Bröker erzielte es nach einer sanften Kopfballvorlage von Zlatko Janjic. Endlich einmal wieder passten Janjics Kopfball-Möglichkeiten zur Spielsituation.

Bezeichnenderweise fiel der Ausgleich nach einem Konterversuch des MSV. Bezeichnenderweise leitete Dennis Grote mit einem Ballverlust nach halbherzig wirkenden Einsatz den Bielefelder Gegenangriff ein. Es blieb nicht sein letzter haarsträubender Fehler. Bezeichnenderweise wirkte es auf mich erst so, als bekomme die Defensive gerade noch einmal den Bielefelder Angriff in den Griff. Doch Fabian Klos blieb zentral vor dem Tor am Ball gegen aufgeregte Defensivspieler, die sich vor ihm zusammenfanden und ihn weder vom Ball trennen konnten, noch den Schuss verhindern. Der Ausgleich war nicht zwingend.

Die Bielefelder legten sofort nach und bauten Druck auf. Fehlpässe des MSV, die versprungenen Ballannahmen, die zuvor ohne Folgen geblieben waren, nahm die Arminia nun dankbar, um selbst gefährlich zu werden. Die 2:1-Führung folgte schnell, und wieder einmal in dieser Saison konnte ich mir nicht vorstellen, wie dieser Mannschaft des MSV ein Ausgleich ohne zusätzliches Glück gelingen könnte.

Einmal mehr bemühten sich die Spieler und kämpften. Durch die Passungenauigkeit machten sie sich ihr Leben schwer. Auch wenn sich die Zebras im Verlauf der zweiten Halbzeit eine optische Überlegenheit erspielten, es fehlte der Zug zum Tor. Es fehlte die Präzision schon bei unbedrängten Pässen, geschweige denn bei solchen unter Druck. Je näher die Mannschaft dem Bielefelder Tor kam, desto zufälliger wirkte das Mannschaftsspiel. Ein Freistoß an der Strafraumgrenze wurde zur größten Ausgleichschance. Zlatko Janjic schoss knapp über das Tor.

Interessant wäre es zu wissen, warum Ilia Gruev erst sehr spät wechselte. Sicher, der Druck des MSV nahm kontinuierlich zu, aber hätte dieser Druck nicht noch größer werden können, wenn etwa Abspielfehler von Dennis Grote durch seine Auswechslung vermieden worden wären? Die Frage stelle ich wertfrei in den Raum, einfach aus Interesse.

Schlusspfiff. Niederlage. Jeder kann jeden schlagen in der 2. Liga, so sagen die Trainer gerne alle. Dieses Trainer-„Kann“ ist im Duisburger Sprachraum ein Spezialmodus des Verbs geworden. Wir Linguisten erkennen hier den sogenannten Duisburger Irrealis, eine Verbform, die das Unmögliche als Gegenwart des Möglichen formuliert.

Spielermienenspiel beim SC Freiburg verhilft zu Zufriedenheit

Manchmal muss man in die Mienen der Spieler und des Trainers beim Gegner schauen, um den Wert eines Ergebnisses besser einschätzen zu können. Das 1:1 beim Schlusspfiff im Spiel vom MSV Duisburg gegen den SC Freiburg hinterließ bei mir nämlich widersprüchliche Gefühle. Aber die Spieler vom SC Freiburg und ihr Trainer Christian Streich wirkten sehr enttäuscht. Das Unentschieden war dem vorläufigen Tabellenersten zu wenig.

Dieses Mienenspiel half mir, mit der eigenen, immer wieder kitzelnden Enttäuschung klar zu kommen. Ich schwankte zwischen Erleichterung, Zufriedenheit und eben der Enttäuschung darüber, die zur Halbzeitpause so verführerisch winkenden 3 Punkte doch nicht eingesackt zu haben. Sicher, bei realistischer Betrachtung können wir alle beim MSV zufrieden sein, doch wer ist schon immer jederzeit Realist?

Höchstens in den ersten zehn, fünfzehn Minuten des Spiels war ich ein Realist gewesen. In dieser Zeit fürchtete ich doch sehr den Führungstreffer des SC Freiburg und den anschließend Kantersieg. Die Spieler des MSV brauchten etwas Zeit, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Offensichtlich hatten sie großen Respekt vor dem Freiburger Offensivspiel. Zu recht. Ball- und kombinationssicher, handlungsschnell zeigten sich die Freiburger und erspielten sich sofort Chancen. Was für ein hektisches Defensivgewusel mit unkontrolliertem und deshalb unzureichendem Ballwegschlagen ging schließlich der größten Chance der Freiburger in dieser ersten Halbzeit voraus. Ein Pfostenschuss war das Ergebnis. Doch gerade dieser Pfostenschuss läutete die Wende ein. Von da an ordnete sich das Spiel des MSV. Die Defensive stand stabil. Die Angriffe der Freiburger, egal ob schnell oder im geduldigen Aufbauspiel vorgetragen, konnten stets am oder im Strafraum unterbrochen werden.

Zudem beschränkte sich das Offensivspiel des MSV nicht mehr auf lange, weite Bälle. Zwar fehlten für den kontrollierten Spielaufbau weiterhin die spielerischen Mittel. Doch gab es Kombinationen nach schnellem Umschaltspiel, insgesamt wirkte die Offensive etwas variabler auf mich als in den Spielen zuvor, wenn auch noch nicht zwingend in der Torgefahr. Aber der Gegner war der SC Freiburg, und wenn die Spieler des MSV gegen diesen Gegner unermüdlich versuchen, ein Offensivspiel in Gang zu bringen, ist das ein Erfolg. Es gab Bewegung in den Raum hinein und zwar über den zentralen Spielfeldkorridor. Nicht mehr jeder Angriff wurde zwangsläufig über die Außenbahnen versucht. All das macht mir Hoffnung. Denn nur wenn die Eindimensionalität des Offensivspiels aufgebrochen wird, wenn der Zufall als hauptsächliche Ursache der Torchance aufgegeben wird, verliert sich die Harmlosigkeit der Mannschaft des MSV.

Christian Streich spricht in der Pressekonferenz später von der ersten Chance des MSV zum Führungstor, als er über das 1:0 in der 42. Minute spricht. Vielleicht stimmt das, aber der MSV war in dieser Spielphase keineswegs eine Mannschaft unter Druck. Souverän wurden die Freiburger Angriffe unterbunden. Zwingende Chancen gab es auch für die Freiburger nicht mehr. Dann ging es beim MSV plötzlich schnell über den linken Flügel, Victor Obinna flankte auf rechts, wo Thomas Bröker frei stand und in den Strafraum zog, um aus rechtem Winkel einzuschießen. Endlich einmal in dieser Saison (!) ging ein Schuss überhaupt aufs Tor, und schon war der Ball im Netz. Dieses 1:0 verschaffte uns auf den Rängen ein völlig neues Gefühl für die Saison. Jubel über eine Führung in der ersten Halbzeit, in Teilen war das ein ungläubiger Jubel. Ich sah für einige Zeit Sterne und denke nun daran, einen Arzt zu Rate zu ziehen, ob ich bei der momentanen Tabellenlage des MSV nicht meine Gesundheit zu sehr im Stadion gefährde.

Wer auf Duisburger Seite direkt nach dem Führungstor das Aufbäumen des SC Freiburg erwartete, konnte sich erst einmal entspannen. Viel kam nicht mehr von der Mannschaft in den wenigen Minuten bis zum Halbzeitpfiff. In der Halbzeitpause allerdings waren die Freiburger wieder sehr früh auf dem Platz. Das war eine Kampfansage und bereitete wahrscheinlich nicht nur mir und meinen Freunden Sorgen. Zumal die Voraussetzungen für eine Abwehrschlacht sehr ungünstig waren. Früh hatte der Schiedsrichter, Thorsten Schriever, begonnen, seine gelben Karten zu verteilen. Basketballschiedsrichter lassen heute in den Spitzenligen härteres körperliches Spiel gewähren als er in dieser Begegnung.

Mit Wiederanpfiff begann das erwartete druckvolle Spiel der Freiburger. Wenn der MSV um die 15 Minuten ohne Gegentor bliebe, dachten wir bei uns in der Ecke, dann ließe sich der Sieg vielleicht durchbringen. Der Ausgleich fiel in der 62. Minute. Es war eine jener Ballstaffetten, die zuvor spätestens im Strafraum geklärt werden konnten. Dieses Mal wurde dem Freiburger Spieler zu viel Zeit und zu viel Raum gelassen. Von der Strafraumgrenze aus konnte er den Ball ins lange Eck  schießen.

Für den weiteren Saisonverlauf ziehe ich Hoffnung daraus, dass die Mannschaft dieses Gegentor sofort wegsteckte. Es gab keine Minute des Nachlassens und der Irritation. Die Mannschaft spielte selbstbewusst weiter. Sie zog sich nicht zurück. Sie gestaltete das Spiel offen, rückte mutig geschlossen bei Ballbesitz vor. Mir war das zweimal sogar zu offensiv. Die eigene Hälfte war völlig entblößt und ließ den schnellen Freiburgern den Raum für den Konter. Das eine Mal konnte dieser Konter im letzten Moment am Strafraum unterbunden werden, das andere Mal ging Thomas Meißner noch in der Freiburger Hälfte hart dazwischen. Die zweite gelbe Karte bedeutete in der Summe rotgelb

Selbst in Unterzahl ließ der MSV nicht davon ab, mit Offensivaktionen weiter im Spiel zu bleiben. Zwar wurden die langen Bälle immer unpräziser gespielt, doch wurde die Konterchance immer noch gesucht. So mussten noch etwa zehn Minuten überstanden werden – bei einem größeren Spielanteil der Freiburger. Wirklich in Gefahr geriet das Unentschieden nicht mehr, auch wenn der Schlusspfiff letztlich sehr erleichterte. Allein die Tabellensituation mit dem Punkteabstand zu den Nichtabstiegsplätzen erschwert es für mich, das Unentschieden gegen einen Aufstiegsfavoriten ungetrübt als Erfolg zu werten.

Übrigens hoffe ich für Christian Streich, er hat gute Freunde, die ihn mal beiseite nehmen und mit ihm über seine Laune sprechen. Er ist auf dem Weg ein ungenießbarer Wutnickel zu werden. Vielleicht ist er das schon? Mir kommt es so vor, als sei für ihn inzwischen – zumindest als öffentliche Person – Griesgrämigkeit seine gute Laune. Als er in Freiburg Cheftrainer wurde, wirkte er sehr viel umgänglicher. Manchmal verändert einen der Beruf, weil die Wirklichkeit dem eigenen Lebensideal hinterherhinkt. Ist es das? Der Konflikt zwischen Individuum und dem System Profi-Fußball?

Meine Sorge soll´s aber nicht sein. Ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich bin eher der depressive Typ. Ich bin einer, dem das Unentschieden die aufgekeimten Hoffnungen auf das Klassenerhalts-Wunder bedroht. Diese Gefahr will ich jetzt mal im Zaum halten.

Das Auswärts-Testspiel als Heimspiel – Gedankensplitter und Fotos

Das Testspiel des MSV gegen Viktoria Köln fände unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eintritt gegen Vorlage des Presseausweises. So ähnlich war das Testspiel angekündigt worden. Mit dem Fahrrad brauche ich 20 Minuten zum Sportpark Höhenberg. Ich hatte nichts vor, also habe ich dort mal reingeschaut. Gesehen habe ich ein 4:4 als Endergebnis und zwei bis auf Tim Albutat komplett unterschiedliche Mannschaften des MSV in den zwei Halbzeiten.

Ein paar Gedankensplitter reihe ich mal aneinander, zu einer Einheit wird das heute nicht.

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Elfmeter – Und alles sieht noch gut aus

Erste gute Nachricht: Thomas Bröker spielte. Ein Verletzter weniger. Viel zeigen konnte er aber nicht, wie die anderen Offensivspieler auch, was weniger an ihm als am nicht vorhandenen Mittelfeld des MSV gelegen hat. Denn wenn Testspiel, dann aber auch ein richtiger Test, ein Test, bei dem Spieler dabei sind, die noch weit von der ersten Elf entfernt sind; U19-Spieler etwa, Spieler, deren Leistungsstand sich die sportlich Verantwortlichen vielleicht unter Wettbewerbsbedingungen anschauen wollten. Vielleicht sollte auch die Stammelf kein ganzes Spiel spielen. Das Spiel wirkte mehr als eine Art Stresstest für die einzelnen Spieler, als dass sie sich zu einer Mannschaft zusammengefunden hätten.

Wie gesagt, es gab so gut wie kein Mittelfeld des MSV. Die Viktoria presste sehr weit in der Hälfte des MSV und machte das verdammt gut. Diese Mannschaft wollte sich ausprobieren, sie wollte Erfolg, sie war hungrig und hat jegliche Aufbauversuche des MSV im Keim erstickt. Ich meine, alle drei Tore der Viktoria fielen nach schnellem Umschaltspiel. Dagegen konnten die langen Bälle des MSV in die Offensive so gut wie nie erobert werden. Einige wenige Male wurden auch Flügelläufe versucht. Ohne Erfolg. Den MSV gab es bis zum 3:0 fast ausschließlich als verteidigende Mannschaft.

Branimir Bajic wurde zusammen mit Kingsley Onuegbu in der 33. Minute kurz nach dem dritten Tor der Viktoria eingewechselt. Eines hat diese erste Halbzeit zweifellos gezeigt, wie wichtig Branimir Bajic für das Spiel des MSV weiterhin ist. Er gibt seinen Mitspielern, egal, wer sie sind, sehr große Sicherheit. Steffen Bohl agierte zwar für sich genommen zuvor ebenfalls souverän. Alleine konnte er die Defensive aber nicht zusammen halten. Mit Branimir Bajic auf dem Feld erhielt das Spiel des MSV Stabilität. Nicht nur, dass die Defensivreihe nach seinem Einsatz ruhiger agierte, selbst das Mittelfeld dirigierte er manchmal und verteilte die Mitspieler in freie Räume bei eigenem Ballbesitz.

victroria-msv_anstossHZ2Als die Stammbesetzung in der zweiten Halbzeit spielte, wurde deutlich, dass Gino Lettieri Thomas Meißner an solch eine leitende Souveränität heranführen will. Thomas Meißner soll mehr Verantwortung übernehmen im Spielaufbau und als ruhender Pol wirken in der letzten Reihe vor dem Torwart; einer, der notfalls immer als Anspielstation zur Verfügung steht und gleichzeitig den Druck nach vorne aufrecht erhalten kann.

Mit Ausnahme von Steffen Bohl fiel mir kein Spieler mit Anschluss an die Startelf positiv auf. Zwei große Chancen hatte der MSV dann noch in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit. Zwei schnelle Spielzüge über den rechten Flügel brachten diese Chancen. Nico Klotz war beteiligt. Den einen Pass erhielt Stanislav Iljutcenko im Elfmeterraum. Freistehend schoss er über das Tor. Auch wenn der Pass etwas ungenau gekommen war, hätte er treffen müssen, ebenso wie wenig später Kingsley Onuegbu, der am Tor rechts vorbei schoss.

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Nurretin Kayaoglu

Nurettin Kayaoglu als linker Verteidiger, schon in der Presse angekündigt als Verpflichtung, doch noch nicht offiziell bestätigt, spielte ebenfalls unauffällig. Man merkte seine Vorsicht. Er wollte keinen Fehler machen. In der Defensive hat das auch recht gut geklappt. Dem Spiel nach vorne mangelt es dann vielleicht an Risikobereitschaft. All das muss Gino Lettieri einordnen und in den Zusammenhang des Mannschaftsspiels bringen.

Bis auf Tim Albutat stand in der zweiten Halbzeit eine andere Elf auf dem Platz. Nun wurde der Test zur Vorbereitung auf das nächste Punktspiel. Der Druck auf die Viktoria war nun von Beginn an vorhanden. Auffällig waren  Diagonalpässe auf Giorgi Chanturia, die statt der Flankenläufe der Außenverteidiger das Spiel aufrissen. Nun fand die Offensive der Viktoria kaum mehr statt. Alternativ zu den Diagonalpässen wurde der Ball  gut durch das Mittelfeld kombiniert. Victor Obinna erwies sich einmal mehr als sichere Anspielstation auch unter Druck. Gerade das dritte und vierte Tor wurden über mehrere Stationen schön herausgespielt.

Nach der 4:3-Führung verschwanden die spielerischen Lösungen. Die Räume waren zu eng geworden, statt der Kombinationen wurde nun zu oft per Dribbling der Durchbruch gesucht, ohne dass sich die einzelnen Spieler gefährlich durchsetzen konnten. Entsprechend häufiger kam die Viktoria wieder an den Ball und spielte schnell in die Spitze. Beim Ausgleichstreffer wurde die aufgerückte Defensive überlaufen.

Vielleicht fällt mir auf Nachfrage noch mehr ein. Hier ist erst einmal für heute Schluss. Bleiben noch ein paar Fotos.

Mit einem Klick zum Live-Ticker des MSV.

Zum kurzen Spielbericht aus Kölner Sicht mit einem Klick.


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