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Hurra, hurra – der MSV ist wieder da

Das Spiel vom MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf hatte lange Schatten voraus geworfen. Schon zu Beginn der Woche waren sie am Montag zu erkennen gewesen.  Hatte es seitdem irgendein Gespräch mit irgendjemanden gegeben, in dem ich nicht irgendwann über dieses Spiel zu reden begann? Sollten mir völlig unbekannte Menschen in Köln-Mülheim nicht unbedingt über den MSV haben sprechen wollen? Sollte das einzig wichtige Ereignis dieser Woche in Deutschland tatsächlich jemanden nicht interessiert haben? An solche Fantastereien verschwendete ich keinen Gedanken. Genauso gut hätte man mich fragen können, musst du denn die ganze Zeit atmen? Kannst du das nicht mal lassen?

Ich musste über das Spiel reden, genauer gesagt, über diese kaum aushaltbare Anspannung vor diesem Spiel, über diese so große, nicht mehr erwartete Hoffnung auf den Klassenerhalt und diese ebenso große Sorge mit all dieser Hoffnung am Freitag im Abgrund eines Unentschiedens oder gar einer Niederlage zu zerschellen. Es war mühsam die Woche über einigermaßen bei Verstand zu bleiben. Ich befand mich in einem Tunnel, durch den ich mehr taumelte, als dass ich ging; ein Tunnel, der für die Spieler des MSV unbedingt notwendig war, der das Leben eines Zuschauers dieser Spieler aber verdammt anstrengend machte.

Die Nervosität trieb mich Freitag früh zum Stadion. Sie verschwand nicht vor dem Fancontainer. Sie verschwand nicht beim Bier mit den einen Freunden in der Nord. Sie machte mich blind für die anderen Freunde, die schon in der Kurve warteten und die ich lange im Wimmelbild Stehplatzrang suchen musste. Doch dann stand ich endlich in der Kurve an meinem Platz, war bereit, alles zu geben, wo es doch um alles ging, und als die letzte halbe Stunde vor dem Spiel anbrach, geschah etwas Magisches.

Das Stadion war früher als sonst schon gut gefüllt. Das Duisburg-Lied erklang, und meine Nervosität war plötzlich verschwunden. Vollkommen. Mit einem Mal spürte ich eine Zuversicht, die es für mich in dieser Saison noch nicht ein einziges Mal gegeben hatte. Es war mir so, als hätte ich zusammen mit allen anderen auf den Rängen unsere Sorgen in Energie verwandeln können. Unser Gesang vor dem Spiel, das herausgeschrieene EM-ES-VAU im Zebratwist, der Refrain der Hymne, all das führte zu einer Konzentration sämtlicher Gedanken auf den möglichen Sieg.

Endlich wurde das Spiel angepfiffen, und nun erhielt all diese herumschwirrende Energie eine Richtung durch das Spiel. Was auf den Rängen so mächtig spürbar war, konnten wir bei den Spielern des MSV auch sehen. So sind wir Menschen. Wir lassen uns durch Stimmungen anstecken. Wechselseitig verstärken sie sich dann. Von den Rängen geht es auf das Spielfeld und wieder zurück. Im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf hatten die Spieler des MSV und wir Zuschauer auf den Rängen wie nicht zuvor in dieser Saison ein klares Bild vom Gewinnen im Kopf.

Schon in den ersten Spielminuten war von der Mannschaft nicht die von mir befürchtete Verzagtheit und Vorsicht zu sehen, die noch das Spiel gegen 1860 bestimmt hatte. Von der ersten Minute an wollte die Mannschaft des MSV das Spiel an sich reißen. In solchen ersten Minuten geht es auch um ein Gefühl der Stärke. Es geht um Ausstrahlung. Um Dominanz wird gerungen. Die Vorteile im Spiel lagen auf Seiten des MSV, auch wenn sich daraus keine grundsätzliche große Überlegenheit ergab. Dazu erspielte sich die Mannschaft zu wenig Chancen. Dennoch hätte der MSV schon in Führung gehen können, als Giorgi Chanturia nach einem seiner Dribblings einmal ein wunderbares Anspiel in den Strafraum gelang auf Kevin Wolze, der völlig frei stehend vor dem Düsseldorfer Torwart den Schuss verzog. Der Ball ging über statt in das Tor.

Fortuna Düsseldorf erwies sich in der ersten Halbzeit als der harmloseste Gast, den ich in dieser Saison gesehen habe. Wir Anhänger des MSV befürchten natürlich immer das Schlimmste und kennen das Tor aus dem Nichts in den letzten Wochen nur zu gut. Doch gab es bislang keine Mannschaft, deren Offensivspiel derart beschränkt war. Es erinnerte an die schlechten Zeiten des MSV der Hinrunde. Was natürlich auch der guten Defensivleistung der Zebras geschuldet war.

Zur Halbzeitpause musste ich mich zusammen reißen. Die Konkurrenz im Abstiegskampf hielt mit. In Paderborn stand es torlos Unentschieden, München führte sogar auswärts, für Frankfurt sah es gut aus. Hau ab, sagte ich zu meiner Nervosität, ich kann dich hier nicht gebrauchen. Unbeeindruckt blieb sie noch, als das Spiel schon wieder begonnen hatte, und die Spieler des MSV offensichtlich mehr in sich ruhten als ich auf dem Zuschauerrang. Rolf Feltscher marschierte über den rechten Flügel. Diesen Antritt, diese Dynamik, das kennen wir natürlich längst. Das wirkt im Ansatz gefährlich und ist im Ergebnis fast immer harmlos, weil die Streubreite seiner Flanken mit dem Wirkungsraum der Stürmer kaum in Einklang zu bringen ist. Wie hätten wir auch ahnen können, dass alle bislang geschlagenen Flanken nur ein Vorspiel für diesen Angriff gegen Fortuna Düsseldorf gewesen sind.

Besser konnte der Ball nicht hereingegeben werden, als es Rolf Feltscher in dem Moment machte. Die Flanke kam in den Lauf von Kingsley Onuegbu, weit genug weg vom Torwart, nicht zu hoch, nicht zu niedrig für den perfekten Kopfball. Kingsley Onuegbu hatte sich im entscheidenden Moment zum Ball hinbewegt. Ein Tor für Trainer-Schulungen und Lehrsammlungen. In dieser ersten Begeisterung über das 1:0 schwang so große Erleichterung und Staunen mit. So früh in dieser Halbzeit war das Tor gefallen, ein Tor als perfekte Blaupause für alle Flankentore dieser Welt.

Unser aller Sehnsucht nach mehr Sicherheit wurde wenige Minuten später erfüllt. Tim Albutat erhielt den Pass auf dem linken Flügel, zog in den Strafraum und in der Mitte war tatsächlich der Freiraum für die heranrückenden Stürmer. Wir sahen das und hofften auf den perfekten Pass in den Rückraum. Der gelang, doch der erste Schussversuch von Victor Obinna wurde geblockt. Sofort kam Giorgi Chanturia an den Ball. Die Düsseldorfer Defensivspieler versuchten verzweifelt sich in jede Schussmöglichkeit zu schmeißen. Es herrschte Durcheinander im Strafraum und Hoffnung auf den Rängen. Unsere Körper schossen wieder mit, verzögerten, weil die Schussbahn zugestellt wurde. Wir bangten, ob Chanturia den Ball gegen zwei Gegenspieler durchbringten konnte. Irgendwie kam Victor Obinna ebenfalls noch dazu, stand nun näher am Ball, eigentlich zu nah für den Schuss. Wie im Spiel gegen München verdrehte er seinen Körper und versuchte Richtung Tor zu schießen. Großen Druck bekam er nicht auf den Ball, und dennoch rollte er in die Torecke, unerreichbar für den Düsseldorfer Torwart. Aus Begeisterung wurde dieses Mal Freudentaumel im Gewühl. Fremde Menschen fielen sich in die Arme. Der so notwendige Sieg, er konnte gelingen.

Aber es war noch früh im Spiel. Wir MSV-Fans sind gebrannte Kinder, wir haben schon um 3-Tore-Führungen zittern müssen. Wir haben späte Ausgleichstore hinnehmen müssen. Wir wünschten uns ein weiteres Tor des MSV. Stattdessen fiel der Anschlusstreffer. Flanke von rechts, saubere Ballannahme in der Mitte, genügend Platz für den schnellen Drehschuss. Das war schwer zu verteidigen für Thomas Meißner. Es war das einzige Mal, dass er nicht so gut aussah in diesem Spiel. Sonst stand er nicht nur defensiv sehr sicher. Beim Spielaufbau wirkte er ballsicher, souverän und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Mit dem Anschlusstreffer begann das große Zittern. Eine halbe Stunde war noch zu spielen. Die Nachspielzeit würde lang werden, das wussten wir nach einer Spielunterbrechung wegen der Pyro-Aktionen im Gästeblock. Die Fortuna witterte noch einmal die Chance zum Ausgleich und drückte den MSV in die eigene Hälfte. Doch für die kompakte Defensivleistung des MSV blieb die Düsseldorfer Offensive eigentlich zu schwach. Was uns nicht Dauersorge, rasenden Puls und Bluthochdruck ersparte. Schließlich versetzte uns ein freier Ball im Strafraum kurz vor Ende in Schockstarre. Ich weiß gar nicht mehr, was dem wilden Getümmel voran ging. Viel zu viele Düsseldorfer Spieler standen frei herum. Einer kam an den Ball, schoss, frei stehend. Doch irgend ein Körper lenkte den Ball ins Toraus ab. Solche Schüsse können auch ins Tor gehen. Die Spannung wurde unerträglich. Nicht nur ich konnte bei jedem Ball in der Hälfte des MSV kaum mehr hinsehen.

Doch anders als im Spiel gegen München behielt die Mannschaft die Ruhe. Eroberte Bälle wurden nicht planlos weggeschlagen. Eroberte Bälle erreichten Mitspieler, die die Uhr herunter spielen konnten. Der Schlusspfiff beruhigte den Puls noch nicht. Dazu war der Jubel zu begeistert, die Freude zu groß. Was für ein Saisonverlauf. Hurra, hurra, der MSV ist wieder da – von der Elbe bis zur Isar, immer wieder MSV.

3. März 2016 – Tagesbulletin

In anderen Zeiten hätten wir uns über einen späten Ausgleich noch heute gefreut. In anderen Zeiten hätten wir das Gefühl, dieser Punkt des MSV Duisburg gegen den FSV Frankfurt könne noch einmal sehr wichtig werden. Während ich das schreibe, sträubt sich alles in mir gegen den Satzanfang, gegen dieses „in anderen Zeiten“. Doch die Wahrheit ist nun einmal so, dass dieser eine Punkt zwei Punkte zu wenig sind.

Mich hat das Tor von Thomas Meißner in der Nachspielzeit für die Spieler gefreut, weil ich selbst in jedem einzelnen Spiel in einem Mannschaftssport, unabhängig von Tabellenständen, gewinnen will. Mich hat es gefreut, weil mir jedes noch so unbedeutende Freizeitspiel mit zusammengewürftelten Mannschaften so vorkommt, als könne eine Niederlage das Ende von allem bedeuten. Sämtliche Buzzer-Beater-Begeisterungen meines Basketball-Lebens waren diesem Tor unterlegt. Freundlich sah ich all den Spielern zu, die sich freuten und für die ein Moment lang die derzeitige Tallensituation völlig verschwunden war. Für einen Moment hatte es nur dieses eine Spiel gegeben, in dem es bis zum Abpfiff um alles ging.

Endlich einmal kann die Mannschaft drei Tore in einem Spiel erzielen und gewinnt dennoch nicht, weil der Gegner ebenfalls drei Tore erzielen kann. In der Defensive sind die Spieler zu verhalten, nicht bissig genug, wenn die gegnerische Mannschaft sich dem Strafraum nähert. Die gegnerischen Spieler werden begleitet, ohne wirklich gestört zu werden. Im Strafraum selbst wird es zu hektisch, wenn durch offene Bälle vermeintlich Gefahr entsteht. Dann soll der Ball möglichst schnell, möglichst weit aus dem Strafraum getreten werden, und trifft dennoch irgendein Bein, das im Weg steht oder landet bei einem Gegenspieler, der im Rückraum lauert.

Die Mannschaft hat sich nie aufgegeben, obwohl  das frühe Gegentor in der 5. Minute, die 2:0-Führung nicht lange nach der Halbzeitpause und das 3:1 jeweils herbe Nackenschläge gewesen sind. Schon nach dem Spiel gegen den FC St. Pauli kam ich von dem Bild des Patienten nicht mehr los. Auch heute denke ich an ärztliche Bulletins statt an Spielberichte. Der MSV durchlebte eine kurze Krise, doch konnte die Situation wieder stabilisert werden. Niemand kann noch große Hoffnung machen. Alle geben ihr Bestes. Wir müssen abwarten.

Spielermienenspiel beim SC Freiburg verhilft zu Zufriedenheit

Manchmal muss man in die Mienen der Spieler und des Trainers beim Gegner schauen, um den Wert eines Ergebnisses besser einschätzen zu können. Das 1:1 beim Schlusspfiff im Spiel vom MSV Duisburg gegen den SC Freiburg hinterließ bei mir nämlich widersprüchliche Gefühle. Aber die Spieler vom SC Freiburg und ihr Trainer Christian Streich wirkten sehr enttäuscht. Das Unentschieden war dem vorläufigen Tabellenersten zu wenig.

Dieses Mienenspiel half mir, mit der eigenen, immer wieder kitzelnden Enttäuschung klar zu kommen. Ich schwankte zwischen Erleichterung, Zufriedenheit und eben der Enttäuschung darüber, die zur Halbzeitpause so verführerisch winkenden 3 Punkte doch nicht eingesackt zu haben. Sicher, bei realistischer Betrachtung können wir alle beim MSV zufrieden sein, doch wer ist schon immer jederzeit Realist?

Höchstens in den ersten zehn, fünfzehn Minuten des Spiels war ich ein Realist gewesen. In dieser Zeit fürchtete ich doch sehr den Führungstreffer des SC Freiburg und den anschließend Kantersieg. Die Spieler des MSV brauchten etwas Zeit, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Offensichtlich hatten sie großen Respekt vor dem Freiburger Offensivspiel. Zu recht. Ball- und kombinationssicher, handlungsschnell zeigten sich die Freiburger und erspielten sich sofort Chancen. Was für ein hektisches Defensivgewusel mit unkontrolliertem und deshalb unzureichendem Ballwegschlagen ging schließlich der größten Chance der Freiburger in dieser ersten Halbzeit voraus. Ein Pfostenschuss war das Ergebnis. Doch gerade dieser Pfostenschuss läutete die Wende ein. Von da an ordnete sich das Spiel des MSV. Die Defensive stand stabil. Die Angriffe der Freiburger, egal ob schnell oder im geduldigen Aufbauspiel vorgetragen, konnten stets am oder im Strafraum unterbrochen werden.

Zudem beschränkte sich das Offensivspiel des MSV nicht mehr auf lange, weite Bälle. Zwar fehlten für den kontrollierten Spielaufbau weiterhin die spielerischen Mittel. Doch gab es Kombinationen nach schnellem Umschaltspiel, insgesamt wirkte die Offensive etwas variabler auf mich als in den Spielen zuvor, wenn auch noch nicht zwingend in der Torgefahr. Aber der Gegner war der SC Freiburg, und wenn die Spieler des MSV gegen diesen Gegner unermüdlich versuchen, ein Offensivspiel in Gang zu bringen, ist das ein Erfolg. Es gab Bewegung in den Raum hinein und zwar über den zentralen Spielfeldkorridor. Nicht mehr jeder Angriff wurde zwangsläufig über die Außenbahnen versucht. All das macht mir Hoffnung. Denn nur wenn die Eindimensionalität des Offensivspiels aufgebrochen wird, wenn der Zufall als hauptsächliche Ursache der Torchance aufgegeben wird, verliert sich die Harmlosigkeit der Mannschaft des MSV.

Christian Streich spricht in der Pressekonferenz später von der ersten Chance des MSV zum Führungstor, als er über das 1:0 in der 42. Minute spricht. Vielleicht stimmt das, aber der MSV war in dieser Spielphase keineswegs eine Mannschaft unter Druck. Souverän wurden die Freiburger Angriffe unterbunden. Zwingende Chancen gab es auch für die Freiburger nicht mehr. Dann ging es beim MSV plötzlich schnell über den linken Flügel, Victor Obinna flankte auf rechts, wo Thomas Bröker frei stand und in den Strafraum zog, um aus rechtem Winkel einzuschießen. Endlich einmal in dieser Saison (!) ging ein Schuss überhaupt aufs Tor, und schon war der Ball im Netz. Dieses 1:0 verschaffte uns auf den Rängen ein völlig neues Gefühl für die Saison. Jubel über eine Führung in der ersten Halbzeit, in Teilen war das ein ungläubiger Jubel. Ich sah für einige Zeit Sterne und denke nun daran, einen Arzt zu Rate zu ziehen, ob ich bei der momentanen Tabellenlage des MSV nicht meine Gesundheit zu sehr im Stadion gefährde.

Wer auf Duisburger Seite direkt nach dem Führungstor das Aufbäumen des SC Freiburg erwartete, konnte sich erst einmal entspannen. Viel kam nicht mehr von der Mannschaft in den wenigen Minuten bis zum Halbzeitpfiff. In der Halbzeitpause allerdings waren die Freiburger wieder sehr früh auf dem Platz. Das war eine Kampfansage und bereitete wahrscheinlich nicht nur mir und meinen Freunden Sorgen. Zumal die Voraussetzungen für eine Abwehrschlacht sehr ungünstig waren. Früh hatte der Schiedsrichter, Thorsten Schriever, begonnen, seine gelben Karten zu verteilen. Basketballschiedsrichter lassen heute in den Spitzenligen härteres körperliches Spiel gewähren als er in dieser Begegnung.

Mit Wiederanpfiff begann das erwartete druckvolle Spiel der Freiburger. Wenn der MSV um die 15 Minuten ohne Gegentor bliebe, dachten wir bei uns in der Ecke, dann ließe sich der Sieg vielleicht durchbringen. Der Ausgleich fiel in der 62. Minute. Es war eine jener Ballstaffetten, die zuvor spätestens im Strafraum geklärt werden konnten. Dieses Mal wurde dem Freiburger Spieler zu viel Zeit und zu viel Raum gelassen. Von der Strafraumgrenze aus konnte er den Ball ins lange Eck  schießen.

Für den weiteren Saisonverlauf ziehe ich Hoffnung daraus, dass die Mannschaft dieses Gegentor sofort wegsteckte. Es gab keine Minute des Nachlassens und der Irritation. Die Mannschaft spielte selbstbewusst weiter. Sie zog sich nicht zurück. Sie gestaltete das Spiel offen, rückte mutig geschlossen bei Ballbesitz vor. Mir war das zweimal sogar zu offensiv. Die eigene Hälfte war völlig entblößt und ließ den schnellen Freiburgern den Raum für den Konter. Das eine Mal konnte dieser Konter im letzten Moment am Strafraum unterbunden werden, das andere Mal ging Thomas Meißner noch in der Freiburger Hälfte hart dazwischen. Die zweite gelbe Karte bedeutete in der Summe rotgelb

Selbst in Unterzahl ließ der MSV nicht davon ab, mit Offensivaktionen weiter im Spiel zu bleiben. Zwar wurden die langen Bälle immer unpräziser gespielt, doch wurde die Konterchance immer noch gesucht. So mussten noch etwa zehn Minuten überstanden werden – bei einem größeren Spielanteil der Freiburger. Wirklich in Gefahr geriet das Unentschieden nicht mehr, auch wenn der Schlusspfiff letztlich sehr erleichterte. Allein die Tabellensituation mit dem Punkteabstand zu den Nichtabstiegsplätzen erschwert es für mich, das Unentschieden gegen einen Aufstiegsfavoriten ungetrübt als Erfolg zu werten.

Übrigens hoffe ich für Christian Streich, er hat gute Freunde, die ihn mal beiseite nehmen und mit ihm über seine Laune sprechen. Er ist auf dem Weg ein ungenießbarer Wutnickel zu werden. Vielleicht ist er das schon? Mir kommt es so vor, als sei für ihn inzwischen – zumindest als öffentliche Person – Griesgrämigkeit seine gute Laune. Als er in Freiburg Cheftrainer wurde, wirkte er sehr viel umgänglicher. Manchmal verändert einen der Beruf, weil die Wirklichkeit dem eigenen Lebensideal hinterherhinkt. Ist es das? Der Konflikt zwischen Individuum und dem System Profi-Fußball?

Meine Sorge soll´s aber nicht sein. Ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich bin eher der depressive Typ. Ich bin einer, dem das Unentschieden die aufgekeimten Hoffnungen auf das Klassenerhalts-Wunder bedroht. Diese Gefahr will ich jetzt mal im Zaum halten.

Das Auswärts-Testspiel als Heimspiel – Gedankensplitter und Fotos

Das Testspiel des MSV gegen Viktoria Köln fände unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eintritt gegen Vorlage des Presseausweises. So ähnlich war das Testspiel angekündigt worden. Mit dem Fahrrad brauche ich 20 Minuten zum Sportpark Höhenberg. Ich hatte nichts vor, also habe ich dort mal reingeschaut. Gesehen habe ich ein 4:4 als Endergebnis und zwei bis auf Tim Albutat komplett unterschiedliche Mannschaften des MSV in den zwei Halbzeiten.

Ein paar Gedankensplitter reihe ich mal aneinander, zu einer Einheit wird das heute nicht.

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Elfmeter – Und alles sieht noch gut aus

Erste gute Nachricht: Thomas Bröker spielte. Ein Verletzter weniger. Viel zeigen konnte er aber nicht, wie die anderen Offensivspieler auch, was weniger an ihm als am nicht vorhandenen Mittelfeld des MSV gelegen hat. Denn wenn Testspiel, dann aber auch ein richtiger Test, ein Test, bei dem Spieler dabei sind, die noch weit von der ersten Elf entfernt sind; U19-Spieler etwa, Spieler, deren Leistungsstand sich die sportlich Verantwortlichen vielleicht unter Wettbewerbsbedingungen anschauen wollten. Vielleicht sollte auch die Stammelf kein ganzes Spiel spielen. Das Spiel wirkte mehr als eine Art Stresstest für die einzelnen Spieler, als dass sie sich zu einer Mannschaft zusammengefunden hätten.

Wie gesagt, es gab so gut wie kein Mittelfeld des MSV. Die Viktoria presste sehr weit in der Hälfte des MSV und machte das verdammt gut. Diese Mannschaft wollte sich ausprobieren, sie wollte Erfolg, sie war hungrig und hat jegliche Aufbauversuche des MSV im Keim erstickt. Ich meine, alle drei Tore der Viktoria fielen nach schnellem Umschaltspiel. Dagegen konnten die langen Bälle des MSV in die Offensive so gut wie nie erobert werden. Einige wenige Male wurden auch Flügelläufe versucht. Ohne Erfolg. Den MSV gab es bis zum 3:0 fast ausschließlich als verteidigende Mannschaft.

Branimir Bajic wurde zusammen mit Kingsley Onuegbu in der 33. Minute kurz nach dem dritten Tor der Viktoria eingewechselt. Eines hat diese erste Halbzeit zweifellos gezeigt, wie wichtig Branimir Bajic für das Spiel des MSV weiterhin ist. Er gibt seinen Mitspielern, egal, wer sie sind, sehr große Sicherheit. Steffen Bohl agierte zwar für sich genommen zuvor ebenfalls souverän. Alleine konnte er die Defensive aber nicht zusammen halten. Mit Branimir Bajic auf dem Feld erhielt das Spiel des MSV Stabilität. Nicht nur, dass die Defensivreihe nach seinem Einsatz ruhiger agierte, selbst das Mittelfeld dirigierte er manchmal und verteilte die Mitspieler in freie Räume bei eigenem Ballbesitz.

victroria-msv_anstossHZ2Als die Stammbesetzung in der zweiten Halbzeit spielte, wurde deutlich, dass Gino Lettieri Thomas Meißner an solch eine leitende Souveränität heranführen will. Thomas Meißner soll mehr Verantwortung übernehmen im Spielaufbau und als ruhender Pol wirken in der letzten Reihe vor dem Torwart; einer, der notfalls immer als Anspielstation zur Verfügung steht und gleichzeitig den Druck nach vorne aufrecht erhalten kann.

Mit Ausnahme von Steffen Bohl fiel mir kein Spieler mit Anschluss an die Startelf positiv auf. Zwei große Chancen hatte der MSV dann noch in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit. Zwei schnelle Spielzüge über den rechten Flügel brachten diese Chancen. Nico Klotz war beteiligt. Den einen Pass erhielt Stanislav Iljutcenko im Elfmeterraum. Freistehend schoss er über das Tor. Auch wenn der Pass etwas ungenau gekommen war, hätte er treffen müssen, ebenso wie wenig später Kingsley Onuegbu, der am Tor rechts vorbei schoss.

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Nurretin Kayaoglu

Nurettin Kayaoglu als linker Verteidiger, schon in der Presse angekündigt als Verpflichtung, doch noch nicht offiziell bestätigt, spielte ebenfalls unauffällig. Man merkte seine Vorsicht. Er wollte keinen Fehler machen. In der Defensive hat das auch recht gut geklappt. Dem Spiel nach vorne mangelt es dann vielleicht an Risikobereitschaft. All das muss Gino Lettieri einordnen und in den Zusammenhang des Mannschaftsspiels bringen.

Bis auf Tim Albutat stand in der zweiten Halbzeit eine andere Elf auf dem Platz. Nun wurde der Test zur Vorbereitung auf das nächste Punktspiel. Der Druck auf die Viktoria war nun von Beginn an vorhanden. Auffällig waren  Diagonalpässe auf Giorgi Chanturia, die statt der Flankenläufe der Außenverteidiger das Spiel aufrissen. Nun fand die Offensive der Viktoria kaum mehr statt. Alternativ zu den Diagonalpässen wurde der Ball  gut durch das Mittelfeld kombiniert. Victor Obinna erwies sich einmal mehr als sichere Anspielstation auch unter Druck. Gerade das dritte und vierte Tor wurden über mehrere Stationen schön herausgespielt.

Nach der 4:3-Führung verschwanden die spielerischen Lösungen. Die Räume waren zu eng geworden, statt der Kombinationen wurde nun zu oft per Dribbling der Durchbruch gesucht, ohne dass sich die einzelnen Spieler gefährlich durchsetzen konnten. Entsprechend häufiger kam die Viktoria wieder an den Ball und spielte schnell in die Spitze. Beim Ausgleichstreffer wurde die aufgerückte Defensive überlaufen.

Vielleicht fällt mir auf Nachfrage noch mehr ein. Hier ist erst einmal für heute Schluss. Bleiben noch ein paar Fotos.

Mit einem Klick zum Live-Ticker des MSV.

Zum kurzen Spielbericht aus Kölner Sicht mit einem Klick.

Ja und ja und nochmals ja

Im Grunde freue ich mich noch zu viel, um über das Spiel des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn zu schreiben. Ich bin auch noch zu mitgenommen vom Hoffen vor dem Anpfiff, das manchmal blitzlichtartig gefährdet war, von diesem Bangen im Spiel und der unfassbaren Begeisterung beim Tor so spät im Spiel, das dennoch früh genug fiel, damit wir einen Ausgleich befürchten konnten.

Optimistisch war ich einen Tag vor dem Spiel. Doch als ich eine Viertelstunde vor Anpfiff zu meinem Stehplatz ging, packte mich von jetzt auf gleich eine so tiefe Enttäuschung, als ob das Spiel schon verloren gewesen wäre. Ich wurde für einen winzigen Moment durchgeschüttelt und musste mich zur Ordnung rufen, nicht dem völligen Irsinn zu verfallen. Wer Zeiten durcheinander bringt und selbstzerstörische Visionen hat, fragt vielleicht besser seinen Arzt oder Apotheker, ob der Besuch eines Spiels vom MSV Duisburg nicht anhaltende psychische Folgen haben kann. Nach diesem 1:0-Sieg warte ich aber erst einmal ab, ob so sich was nicht von alleine gibt.

Dabei hatte ich vor dem Spiel alles versucht, das Schicksal auf unsere Seite zu bringen. Am Bahnhof kaufte ich ganz bewusst noch eine Flasche „Paderborner“. Denn so vertilgte ich im Namen Duisburgs Schluck um Schluck dieses Paderborn, ein mächtiges Zeichen der Überlegenheit. Ich spürte geradezu, wie jeder Schluck Pils mich zuversichtlicher stimmte. Die erste Gefährdung dieser Zuversicht vor dem Spiel war schnell ausgestanden, allerdings kratzte das Spiel selbst in der ersten Halbzeit doch recht stark am Vertrauen in die Mannschaft. Ein Unentschieden schien mir möglich, doch wie sollte diese Mannschaft gewinnen?

Sicher, wir sahen eine Mannschaft des MSV, die alles versuchte, das Spiel an sich zu reißen. Wir sahen eine Mannschaft, die durch die Tabellensituation keineswegs irritiert schien. Die Spieler schienen weiter selbstbewusst zu sein. Doch wirkte die Spielanlage des SC Paderborn reifer. Die Mannschaft wollte schnell spielen. Sie kombinierte sicher, wenn auch die Durchlagskraft am Rand des Strafraums rapide abnahm. Einmal allerdings spielte der SC Paderborn einen der Spieler im Strafraum frei, so dass Michael Ratajczak im eins gegen eins retten musste. In solchen Situationen ist er stark, zumal dem Paderborner Spieler nicht viel Zeit blieb, um abzuschließen.

Das Offensivspiel des MSV hingegen bestand fast auschließlich aus langen Bällen in die Spitze. Das wirkte wie Stückwerk, weil der Erfolg dieser Spielweise überschaubar blieb. Kingsley Onuegbu konnte sich nicht oft klar durchsetzen. Wenn ihm überhaupt das Ablegen der Bälle gelang, kamen die Pässe nicht sehr sauber; was bei dem hohen Druck durch die Paderborner Defensive keine Überraschung war. Bei drei Gegenspielern eine Ahnung von Pass zu spielen, ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Selbst diese Ahnung von Pass war genug für Victor Obinna, um immer wieder an den Ball zu gelangen, um weitere Unruhe in der Paderborner Defensive zu verbreiten. Wirklich gefährlich wurden diese Angriffe für die Paderborner Defensive aber auch nicht.

Einige wenige der bekannten Flügelläufe gab es sowohl zunächst von Kevin Scheidhauer, dem aber bald der Schneid abgekauft übel war – siehe Update unten, als auch von Rolf Feltscher, dem aber dieses Mal das Gespür für den Moment der Flanke fehlte. Zwei-, dreimal machte er einen Haken zu viel, nachdem er seine Gegenspieler bereits ins Leere hatte laufen lassen. So begann ich mich zu fragen, wie in diesem Spiel der MSV je ein Tor erzielen sollte. Abgelenkt wurde ich durch die Stimmung im Stadion, die in der ersten Halbzeit bereits immer wieder hochkochte. Die Pokalatmosphäre war nah.

In der zweiten Halbzeit schließlich schien es bald so, als hänge das Schicksal des MSV nur noch vom Ergebnis dieses Spiels ab. Spätestens ab der 60. Minute gab es in diesem Stadion nichts anderes mehr als den unbedingten Willen, dieses Spiel zu gewinnen. Dieser Wille wurde auf den Rängen von fast allen MSV-Anhängern herausgeschrienen, „… für die 2. Liga – EM-ES-VAU!“ Was für eine einpeitschendes Singen, und was für ein Ringen auf dem Platz. Ein Hin und Her war entstanden, in dem der MSV für etwa zehn, fünfzehn Minuten ungeheuer druckvoll spielte. Der neuverpflichtete Giorgi Chanturia war eingewechselt worden, wirkte sofort ballsicher, etwas bindungslos zwar und etwas übermotiviert, doch den dort auf dem rechten Flügel, den konnten wir im Hinterkopf behalten.

Victor Obinna hingegen ist längst in der Mannschaft angekommen. Er verarbeitet Pässe, wie wir es in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen hatten. Er ist gedankenschnell, erkennt Räume und ahnt, wo sich der Ball hinbewegen könnte. Er hat Handlungsoptionenen, kann passen oder selber gehen, auch wenn ihn Gegenspieler unter Druck setzen. Er bringt Schnelligkeit ins Spiel im Duisburger Angriffsdrittel. Mit ihm deutet sich im Spiel der Zebras Unberechenbarkeit an.

Wenn auch die Chancen überschaubar blieben, alles war nun möglich. Sieg oder Niederlage. Auf der Duisburger Seite war Michael Ratajczak nach einem Paderborner Schuss schon geschlagen, als Thomas Meißner heranrauschte und den Ball von der Linie kratzte. Überhaupt war das erneut ein starkes Spiel in der Defensive von ihm.  Auf der anderen Seite gelang dann wenig später das Duisburger Tor durch jene Bewegung, mit der Giorgi Chanturia zuvor zwei-, dreimal an der Überzahl der Paderborner Defensivspieler gescheitert war. Am rechten Flügel zog er in die Mitte, schlug dabei seine Haken und fand dieses Mal Kingsley Onuegbu als Anspielstation; ein Doppelpass folgte, erneut ein Haken Chanturias und sein Schuss ins lange Eck. Jubel der Erleichterung explodierte und erschütterte das Stadion. Wie sehr hatten wir dieses Tor ersehnt. Wieviel Kraft hatte diese Mannschaft dafür bereits eingesetzt. Wie sehr hatten alle Spieler dafür gekämpft. Noch waren etwas mehr als zehn Minuten zu spielen gewesen. Noch bangten wir um diese Führung.

Als neutraler Zuschauer hätten wir vielleicht sehen können, dass die Paderborner geschockt waren, den Glauben nicht mehr wirklich besaßen, den Ausgleich noch erzielen zu können. Wir aber wussten, jeder hohe Ball in den Fünfmeterraum kann mindestens zu Halbchance werden. Wir aber wussten, Ecken und Freistöße des Gegners machen das Gegentor sofort wahrscheinlicher. Ich zitterte bei jeder Ballberührung der Paderborner, egal, wie weit weg sie vom Strafraum geschah. Mich hatte der Irrsinn der Minuten vor dem Spiel wieder gepackt. Spätestens als nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen viele Spieler des MSV einfach nur zu Boden sanken, weil sie keine Kraft mehr hatten, um zu jubeln, sollte jedem klar geworden sein, wie wichtig dieser Sieg gewesen ist. Wie hätten Spieler, die ein weiteres Mal an ihr Leistungslimit gehen, damit umgehen sollen, erneut keine Belohnung für diesen Einsatz zu erhalten?

Dieses Punktspiel war tatsächlich zum Pokalkampf geworden. Dem einen werden noch einige folgen. Ob es tatsächlich 24 werden, bleibt abzuwarten. Weniger wäre in dem Fall mehr. Man braucht den Kampf um den Klassenerhalt ja nicht auf die Spitze zu trieben.

Den Blick aus Paderborner Sicht findet ihr im Blog Schwarz und Blau.

Update 7.10.: „Schneid abgekauft“ war wohl die falsche Deutung des Scheidhauerschen Zurücksteckens im Spiel. In der heutigen Nachbetrachtung bei WAZ/NRZ wird von Übelkeit nach 20 Minuten berichtet.

Der MSV braucht Streichresultate in einem Spiel

Fast hätte Stig mir vorhin, die Tastatur unter den Fingern weggerissen. Manchmal spreche ich eben in Gedanken so halblaut Sätze vor mich hin, bevor ich anfange zu schreiben. Ich probiere aus, wie es klingt, so was wie „allmählich gut ins Spiel gekommen während der ersten Halbzeit.“ Es ging natürlich um das Spiel vom MSV beim Karlsruher SC. Dann dachte ich noch, oder müsste nicht im Vordergrund der KSC stehen, der die Zebras immer mehr mitspielen ließ?

Währenddessen fauchte mich Stig schon an: „Hast du sie noch alle?“

Zwar habe ich mich inzwischen an seine raue Herzlichkeit gewöhnt, doch so grimmig ist er auch nicht jeden Tag.

„Und nächste Woche bist du dann wieder bei sieben Minuten, in denen die Mannschaft gezeigt hat, dass sie was kann. Stell dich doch gleich vor so ’ne Sponsorenwand. ‚An diese Leistung müssen wir im nächsten Spiel anknüpfen‘. Als Fußballerkatastrophe bist du ja schon lange genauso gut wie die.“

Die 2:0-Niederlage hat ihm mal wieder das Wochenende versaut. Jetzt sitzt er da am Tisch und zetert immer noch. In so einer Stimmung kann ich ihm nie helfen. Man muss ihn dann lassen.

Also, zum Spiel; bringen wir es hinter uns. Fast die gesamte erste Halbzeit gelang es dem MSV ein torloses Unentschieden beim Karlsruher SC zu halten. Das sah eigentlich gut aus, was die Mannschaft leistete. Nach der kurzen druckvollen Anfangsphase des KSC war es den Zebras gelungen, das Spiel zu beruhigen. Die Mannschaft wirkte in der Defensive zunehmend souverän. Selbstverständlich erwartete ich aber bei jedem Angriff des KSC einen entscheidenden Fehler. Beide Mannschaften arbeiteten bei der nachlassenden Offensivkraft des KSC Fuß in Fuß. Der Fehlpass wurde für einige Zeit zu einem gern genommenen spielerischen Mittel beider Mannschaften. Für fehlende Torraumaktionen des MSV waren allerdings die Duisburger alleine verantwortlich. Wie sollten Tore erzielt werden, wenn jeder konterähnliche Flankenlauf mit einer Reingabe im Nichts endete? Jede, wirklich jede Flanke flog über den Elfmeterraum hinaus ins Torwart-Traumland der Offensiv-Harmlosigkeit. Oft befand sich dort nicht einmal ein Spieler des MSV.

Dagegen wirkte die Defensive im Zweikampf stabil. Jedes Dribbling im eins gegen eins konnte aufgehalten werden, in fast jeden Kurzpass grätschte ein Bein hinein. Lange Bälle wurden erlaufen. Ich hatte dennoch weiter Angst vor dem Fehler. Denn einmal mehr war überaus deutlich, die Karlsruher Führung würde augenblicklich die endgültige Niederlage bedeuten. Im Auswärtsstadion wäre nicht noch einmal so etwas wie im Heimspiel gegen die Arminia möglich, das war klar. Der Fehler geschah kurz vor dem Halbzeitpfiff. Auf dem rechten KSC-Angriffsflügel trafen Torres und Bajic zusammen, und dieses Mal überwand Schnelligkeit das coole erfahrene Stellungsspiel. Die freie Flanke kam in den Strafraum, wo am kurzen Pfosten sich der Rest der MSV-Defensive versammelte, um die Mitte für irgendeinen aus dem Rückraum kommenden Karlsruher einladend frei zu lassen. Dieses Kopfballtor hätte sogar ich mit meiner Brille auf der Nase gemacht, ohne dass sie dabei beschädigt worden wäre.

Diese Tore frustrieren so ungemein, weil ihnen kein wirklicher Druckaufbau des Gegners vorangeht. Deshalb wirkt die Mannschaft in dieser 2. Liga auch komplett chancenlos. Dieses Tor fiel nicht nach einem individuellen Fehler. Viele  Spieler wirkten zusammen, angefangen vom Ballverlust im Spielaufbau bis hin zur Ordnung nach der Flanke. Weil diese Fehler selbst bei dieser grundsätzlich gelingenden defensiven Spielanlage geschehen, müsste die Mannschaft eigentlich offensiver spielen. Dann würde die Defensive allerdings anfälliger. Ein Teufelskreis. Man braucht Mut, um diesen Teufelskreis vom Anpfiff an zu durchbrechen. Allerdings braucht die Mannschaft dann auch Glück dazu.

Den Karlsruhener gab das Tor die Sicherheit für die zweite Halbzeit zurück. Wie zu erwarten war, konnten die Zebras dagegen ihre Spielaktionen Richtung Karlsruher Tor nicht in ein kontinuierliches druckvolles Offensivspiel verwandeln. Das zweite Tor des KSC fiel schon früh nach Wiederanpfiff. Die Niederlage war besiegelt. Dennoch gab es danach einige gelingende Einzelaktionen beim MSV, von denen eine sogar zum Elfmeter hätte führen müssen. Nico Klotz war etwa zehn Minuten vor Spielende innerhalb des Strafraums angespielt worden und wollte mit einer schönen Bewegung an seinem Gegenspieler vorbeiziehen; der aber drückte erst den Ball mit der Hand aus dem Strafraum und streckte sicherheitshalber auch noch sein Bein in den Lauf von Nico Klotz. Der Pfiff blieb aus. Ob ein Elfmeter was geändert hätte? Dass dieser ausgebliebene Elfmeterpfiff nach dem Spiel kaum zum Thema wurde bei Spielern, Gino Lettieri oder auch bei uns Zuschauern, zeigt, wie unterlegen sich Mannschaft und Verantwortliche des MSV gefühlt haben, wie unterlegen wir den MSV wahrgenommen haben.

Die Frage bleibt, wie gelingt der Mannschaft die Balance zwischen Offensive und Defensive? Jeder  neue Rückstand wird zu einer immer höheren Hürde. Wie kann es dieser Mannschaft gelingen in einem Spiel in Führung zu gehen? Wie kann sie offensiv genug sein, um mehr Tore zu erzielen als durch die momentan unweigerlich geschehenden Fehler in der Defensive hereingelassen werden? Natürlich fragt sich inzwischen fast das gesamte Duisburger Publikum, wieso Dustin Bomheuer besser sein soll als Thomas Meißner. Aber dieser Wechsel in der Defensive ist doch nur eine kleine Stellschraube. Fußball ist ein vom Zufall geprägter Sport. Ich beginne gerade sehr auf plötzliches Glück zu hoffen.

Der Stig sitzt da immer noch. Allmählich nervt das. Ich schreibe später zu Ende. Geht das Ding eben erst Montag online.

Endlich ist Kees weg. Ich bin’s, Der Stig, jetzt mal hergehört. Ich sage euch mal was. Egal, was Kees bis hierhin geschrieben hat. Der glaubt selbst nicht dran. Der gute Herr Jaratz hat letzte Woche den Mund nämlich verdammt zu voll genommen. Mehr Zebrastreifenblog für Gino Lettieri und so. Wenn ihr den Kees beim Spiel gegen den KSC gesehen hättet, wüsstet ihr auch Bescheid. Der zwingt sich. Der will  an die Möglichkeiten des MSV glauben. Das kommt nicht von selbst, versteht ihr? In Wahrheit bläst der jede noch so kleine gelungene Aktion zum Überfußball auf und er hofft und hofft und hofft. Fußball ist kein Springreiten. Da gibt es keine Streich-Halbzeiten. 90 Minuten dauert das Spiel. Und 90 Minuten kriegen die das nicht hin. Basta. Da gibt es nichts Positives, egal, was Kees schreibt. Fertig.

Saisonabschluss Teil 3 – Die 10 Momente der Drittligazeit, an die mich sofort erinnere

Jede Erinnerung wirkt wie ein neues Erleben. Deshalb sind Erinnerungen mit großer Vorsicht zu genießen. Manches wird dann beim Erinnern hinzugefügt, anderes weggelassen. Erinnerungen sind von Stimmungen abhängig, von dem Geschehen der Gegenwart. So kommt es zu unterschiedlichen Erinnerungen der Menschen an das, was sie erlebt haben. Welche zehn Momente fallen euch als erstes ein, wenn ihr an die letzten zwei Spielzeiten denkt? Natürlich fallen einem eher wichtige, schöne oder begeisternde Momente ein. Doch nicht bei jedem wird das so sein. Sicher ist nur, die zehn Momente sind persönliche Momente, weil die eigene Erinnerung sie – aus welchen Gründen auch immer – hervorgeholt hat.
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  1. Michael Gardawski köpft am vorletzten Spieltag zum Ausgleich im entscheidenden Spiel um Platz 2 gegen Holstein Kiel und gibt den Auftakt für sieben Minuten, in denen der Siegeswille von Holstein Kiel zerbröselt wird. (Update: Und schon werde ich darauf hingewiesen, dass natürlich Enis Hajri den Ausgleich erzielt hat und Gardawski die Führung. Ich musste natürlich selbst erstmal beweisen, dass es stimmt, was ich als Einleitung über die Erinnerung gesagt habe.)
  2. Michael Gardawski schießt im Spiel gegen Hansa Rostock, am 31. Spieltag dieser Saison, in der letzten Spielsituation gegen Hansa Rostock freistehend am Tor vorbei. Der Sieg vergeben, es bleibt das Unentschieden. Die Zweifel am Aufstieg sind wieder da.
  3. Im wilden Spiel gegen den 1. FC Heidenheim als erstem Heimspiel in der 3. Liga kennen sich die Spieler gerade erst seit ein paar Tagen. Sie haben ihren Einsatzwillen und das Grundvertrauen eines jeden Fußballers in die Entwicklungsmöglichkeiten eines Spiels. Eine Zusatzdosis Adrenalin ersetzt in großen Teilen taktisches Verhalten. Etwas mehr als 18.000 Zuschauer wollen dabei nicht hinten anstehen, geben wie die Spieler alles und machen auf den Rängen ein Höllenspektakel. Die 1:0-Niederlage verhindert das nicht.
  4. Im Spiel gegen Energie Cottbus, am 33. Spieltag, jagt Martin Dausch auf Torsten Mattuschka in der 8. Minute so zu, dass es aussieht, als befände sich Mattuschka in einem Film, der mit deutlich geringerem Tempo abgespielt wird. Martin Dausch nimmt ihm den Ball ab, zieht Richtung Strafraum, flankt und Kingsley Onuegbu köpft zum Führungstor ein.
  5. Der Heimsig gegen RB Leipzig durch ein Tor von Kingsley Onuegbu kurz vor dem Abpfiff und dem explosionsartigen Jubel im Stadion.
  6. Nicht eine bestimmte Spielsituation habe ich vor Augen, sondern zwei Defensivaktionen, die in dieser Saison öfter zu sehen waren. Zum einen schließt Thomas Meißner mit einem kurzen Schritt zur Seite freien Raum und scheint dann einfach nur dazustehen, um dem Offensivspieler unspektakulär und souverän den Ball abzunehmen. Zum anderen macht Branimir Bajic freien Raum zu, indem er aus dem Zentrum auf die halben Flügel sprintet und spektakulär grätscht.
  7. Die Grätschen von Sascha Dum in der ersten Drittligasaison, wenn er einen Meter hinter seinem Gegenspieler ansetzt, dann am Gegenspieler samt Ball vorbeirutscht und schon wieder steht, um mit dem Ball in die Gegenrichtung zu gehen.
  8. Das Halbfinale im Niederrheinpokal gegen Rot-Weiss Essen. „Championsleague kann jeder“. Wir, auf den Rängen retten uns die Saison.
  9. Michael Ratajczak hält im Spiel gegen Rot-Weiß Erfurt einen Elfmeter und sichert die 1:0-Führung.
  10. Beim Auswärtsspiel gegen Arminia Bielefeld dieser Saison erzielt Zlatko Janjic ein Freistoß-Tor zur 2:0-Führung aus etwa 30 Meter, weil die Zwei-Mann-Mauer sehr viel mehr auseinander als hoch springt. Verloren wird das Spiel dennoch.

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Saisonabschluss Teil 2 – Das Heimspiel mit der langen Anreise

Leicht fällt 2015-05_einlaufes, von anderen etwas zu fordern, was einem selbst schwer von der Hand geht. Noch einmal etwas Gutes schaffen, wenn das eigentliche Ziel schon erreicht ist, ist ein Beispiel dafür. Die einen sollten Fußball spielen und gewinnen, was nur teilweise gelang. Nun will ich noch schreiben über diese Auswärtsniederlage, die wenig Gewicht hat, bei all der Freude über den Aufstieg. Es geht um Konzentration, um eine Aufgabe gut zu erledigen, deren Bedeutung sich bei genauem Hinsehen auflöst.

Die innere Einstellung lässt sich nicht leicht so hinbiegen, wie man sie haben will, so sehr wir uns alle anstrengen – die Fußballer des MSV Duisburg und ich. Das Auswärtsspiel beim SV Wehen Wiesbaden war ein Heimspiel mit langer Anreise. Von 9000 Zuschauern im Stadion kamen 8000, um den Aufsteiger MSV Duisburg zu feiern. Blau-weiß war nicht nur der Gästeblock hinter dem Tor, auch die Geraden, die eine zur Hälfte und die andere komplett, gehörten dem MSV Duisburg. Die Stimmung auf den Rängen war ausgelassen. Sie wurde befeuert durch Spieler in Aufstiegslaune, die mit mehr blau als blauweiß gefärbten Haaren zum Aufwärmen aufliefen. Nur die Bärte von Zlatko Janjic und Sascha Dum kamen farblich perfekt in weiß und blau zur Geltung. Ich wollte mich überraschen lassen, welche Auswirkungen das Feiern zu Beginn der Woche auf das Spiel haben würde.

2015-05_janjicNachteile im Fernduell mit Armina Bielefeld um die Meisterschaft waren nicht zu erwarten, feierten beide Mannschaften doch auf Mallorca sogar gemeinsam den fest stehenden Aufstieg. Doch als ich die Mannschaftsaufstellung sah, vermutete ich bestimmt nicht als einziger, mit dieser bis auf Branimir Bajic neu zusammengestellten Defensive würde ein Tor für einen Sieg nicht reichen. Außerdem erwartete ich ohne Martin Dausch wenig Dynamik beim Spiel nach vorne. Deshalb überraschte mich, wie druckvoll der MSV  die ersten zehn Minuten des Spiels anging. Die Mannschaft verkörpert inzwischen in jeder Besetzung den Geist des Aufstiegs. Wer so auftritt, weiß um die eigene Stärke. Nach vorne ging es schnell. Der Ball sollte rein in dieses Tor vom SV Wehen Wiesbaden. Die Wiesbadener Offensivversuche waren mit einer Ausnahme kurz nach Spielbeginn souverän unterbunden worden.

2015-05_bajicDu warst zu vorschnell, das sieht gut aus“,  so was Ähnliches ging mir durch den Kopf, als etwa in der zehnten Minute ein langer Wiesbadener Ball erneut abgefangen wurde. Halbherzig liefen die Wiesbadener die Duisburger Defensivspieler an, und gerade holte Christopher Schorch aus, um den Ball nach vorne zu schlagen. Stattdessen aber spielte er ihn punktgenau als etwas schwierig zu kontrollierenden Pass auf einen Wiesbadener Mittelfeldspieler. Besser hätten viele Stürmer als klassische Wandspieler den Konter auch nicht eingeleitet. Ich weiß nicht mehr, ob der Wiesbadener Spieler selbst am Flügel entlang marschierte oder einen Mitspieler schickte. Bilderbuchmäßig, sagt der Sportreporter gerne, wenn er von solch einem Konter spricht. Die Flanke kam, und weil Christopher Schorch den Wiesbadener Spieler im Sturmzentrum gut begleitete, übernahm er für ihn höflicherweise den Torschuss. Gelungenes Dreiecksspiel. Es stand 1:0, und ich merkte, ganz so egal war mir das Ergebnis doch nicht.

Ich kann dagegen nichts machen. Egal in welcher Sportart bei welchem Wettbewerb ich gerade unterwegs bin, egal ob ich selbst aktiv bin oder ob ich nur zuschaue, ich will, dass „meine“ Mannschaft gewinnt. Ich beginne mich zu ärgern, wenn Pässe nicht ankommen. Mich beschleicht Missmut, wenn ein Torschuss wieder daneben geht. Ich begann um meine Aufstiegsparty-Stimmung zu kämpfen. Dabei kam es mir zugute, dass neben mir zufällig ein alter Schulfreund saß. Vor dem Spiel gegen Kiel sind wir uns das erste Mal nach mehr als  30 Jahren über den Weg gelaufen, beim Auswärtsspiel gegen Wiesbaden schon wieder. Ein Zufall, der viel über die Zeit seit der Lizenzverweigerung erzählt. Denn im Netz tauschten wir uns schon seit dem Sommer 2013 wieder aus. So viele Anhänger des MSV Duisburg haben sich in den letzten zwei Jahren näher kennen gelernt, sind sich nach langer Zeit wieder begegnet und sind durch den Fußball beim MSV Duisburg in einem Kontakt, der über den Fußball hinaus wirkt.

2015-05_nach_1Mit der Führung der Wiesbadener verlor das Spiel des MSV Duisburg den kontinuierlichen Druck. Es gab noch zwei, drei Chancen zum Ausgleich. Die größte Chance in der ersten Halbzeit vergab Zlatko Janjic, der schön frei gespielt, halblinks alleine aufs Wiesbadener Tor zulief und sich anscheinend nicht recht entscheiden konnte, ob er schlenzen oder hart schießen sollte. Die Mischung macht´s, heißt es ja gern; in dem Fall machte sie es dem Torwart einfach, den Schuss zu halten.

2015-05_nach_2Die Chancen der Wiesbadener waren klarer, und nach meinem Gefühl waren es auch mehr. Gezählt habe ich sie nicht, und Gefühle können trügen. Sicher bin ich mir aber, dass sich zu Beginn der zweiten Halbzeit an meiner kaum vorhandenen Zuversicht auf den Ausgleichstreffer nichts änderte. Erst als als um die 55. Minute herum Kevin Scheidhauer, Martin Dausch und etwas später Michael Gardawski eingewechselt wurden, entwickelte die Mannschaft noch einmal Zug zum Wiesbadener Tor. Die klare Chance gab es nicht mehr. Kevin Scheidhauer verzog einen recht offenen Schuss  an der Strafraumgrenze. Das war es aber auch.

2015-05_nach_3Die Spieler hatten sich ohne Zweifel angestrengt. Während des Spiels war zu sehen, wie sie sich ärgerten über vergebene Chancen, über Fehler im Zusammenspiel, über slapstickartiges Zusammenprallen, wenn sie sich gegenseitig in den Weg liefen. Dann war die Pflicht erfüllt. Das letzte Spiel der Saison endete mit einer 1:0-Niederlage. An der guten Stimmung auf den Rängen hatte der Rückstand ohnehin nichts geändert. Das Spielfeld war in kurzer Zeit ins Blau der Aufstiegsshirts und in das Blau-Weiß von Schals und Trikots getaucht. Begeisterung gab es letzte Woche. Dieses Mal sah es mehr nach Spaß und Freude aus.

Noch einmal stieg die Mannschaft auf die Tribüne und feierte gemeinsam mit all denen, die ihren Platz auf dem Spielfeld eingenommen hatten. Noch einmal wurde versucht, die Ordnung aufrecht zu erhalten, indem die Anhänger der Zebras zurück auf ihre Plätze gebeten wurden. Noch einmal war das ein vergebliches Unterfangen. Und dieses Mal wurde gemeinsam gefeiert – ein Bild, das wir auch letzte Woche in Duisburg gern gesehen hätten. 2015-05_nach_4Die Wiesbadener Anhänger brauchten den Schutz der Polizeikette nicht. Wer immer auch vor den Wiesbadener Block lief, wollte ein Zeichen setzen – am Ende einer Saison sind wir alle eins, Menschen mit Spaß am Fußball und mit Einsatz für ihren Verein.

In Worten, Bild und Ton – Der MSV ist wieder da

auto_aufstiegVerdrängen oder intensiv bearbeiten – zwei Möglichkeiten, die das Leben bietet, um mit belastenden Erfahrungen umzugehen. Dabei hat das Verdängen nicht den besten Ruf bei den Lebenshilfe-Profis. Doch seitdem am Samstag das Spiel des MSV Duisburg gegen Holstein Kiel abgepfiffen wurde, arbeitet in mir anscheinend einiges daran, die Vergangenheit zu verdrängen. Anscheinend möchte ich mit einem Schlag jeden Fußball der 3. Liga vergesssen. Vielleicht habe ich auch mit dem Schreiben hier in den letzten zwei Jahren  genug bearbeitet von dem, was die Meldung vom Zwangsabstieg und dessen Folgen uns an unangenehmen Gefühlen bereitet hat. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, seitdem mit dem 3:1-Sieg des MSV der Aufstieg der Mannschaft in die Zweite Liga feststeht, fällt es mir schwer, mich an etwas anderes als an Jubeln und Begeisterung zu erinnern, geschweige denn dass ich über etwas anderes schreiben möchte. Denn dieses Schreiben hieße die Vergangenheit der 3. Liga noch einmal zum Leben erwecken.

Ich sehe einen leeren Rasen im ausverkauften Stadion. Das Spiel findet auf den Rängen statt. Dreimal wissen wir alle nicht wohin mit unserer Freude. Schemenhaft tauchen in diesen Momenten sogar blauweiß gestreifte Fußballspieler auf, die mitjubeln. Die erzielten Tore sind uns so selbstverständlich wie das Atmen. Auch darüber verlieren wir nur selten Worte. Dann wieder sehe ich sofort den Strom der Menschen auf das Spielfeld nach dem Abpfiff. Ich sehe irrwitziges Mienenspiel, ungelenkes Hüpfen und glücksvergessenes Tanzen. Ich höre unverständliches Stammeln und gegrölte Sätze, die Liedtexte sein sollen. Ich sehe Umarmungen, gezückte Handys, die ununterbrochen mitfilmen und mitfotografieren, was gerade geschieht. Sie nehmen Jauchzen und Schreien auf, komische Laute, die pures Glück sind. Raus, raus, raus, immerzu nur raus mit diesen ganzen überschwänglichen Gefühlen. Raus mit diesem Glück. Der MSV Duisburg ist der Grund. Der MSV ist wieder da, von der Elbe bis zur Isar, 2. Liga, wunderbar.

geschaeft_geschlossenAll das ist die Gegenwart meines Erinnerns. Alles andere ist in dieser Gegenwart schon die Vergangenheit der 3. Liga. Unwichtig geworden. Durchgangsstation. Allenfalls möchte mich ich noch an die erwartungsvolle Stimmung vor dem Spiel erinnern. In der Stadt machte sich wie im Juni 2013 die Bedeutung des Vereins bemerkbar. Nach zwei Jahren geschah das unter ganz anderen Vorzeichen. Wieviel Arbeit auf allen Ebenen steckte dahinter. Welche anders gelagerte Hoffnung konnte sich an diesem Tag zeigen. So früh waren die meisten von uns am Stadion. So früh waren die Stehplätze voll. So laut wie schon lange nicht mehr in diesem Stadion walzte ein Lied schon eine Stunde vor dem Anpfiff über den Rasen: „Werdet zur Legende, kämpfen ohne Ende für die Zweite Liga. EM – ES – VAU!“

Vielleicht ist dieses Fußballspiel aber auch verblasst, weil ich mir des Sieges so sicher war. Wenn ich vom Spiel sprach, erwahnte ich der Pflicht halber noch das Unentschieden als mögliches Ergebnis, das dem MSV auch noch alles offen hielt. Aber das Auftreten der Mannschaft in den letzten Spielen versprach etwas anderes. Diese Spieler hatten sich zu einem Spitzenteam gefunden. Wann haben wir in Duisburg, dieses Wort „Spitzenteam“ einmal ausgesprochen? Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die Mannschaften der Zweitligaaufstiegsjahre ein derart großes Selbstbewusstsein ausgestrahlt haben. Wie sehr haben meine Freunde und ich uns in den letzten Jahren eine Mannschaft gewünscht, die das Spiel bestimmt und die ein Rückstand nicht aus der Bahn wirft.

traktor_fansIn den letzten Wochen der Saison konnten wir so eine Mannschaft erleben. Als ob es eines letzten Beweises bedurft hätte, geriet diese Mannschaft in dem entscheidenden Spiel gegen Holstein Kiel tatsächlich nach zehn Minuten in Rückstand. Michael Ratajczak hätte den scharf geschossenen Freistoß normalerweise halten können. Leicht war das nicht, aber auch nicht zu schwierig. Mannschaft und Zuschauer hatten etwas zu verdauen. Für meine Siegesgewissheit kam das Tor früh genug. Viel Zeit blieb, um das Spiel zu drehen. Denn eigentlich bestimmte der MSV in dem Moment dieses Spiel vollkommen. Von Anfang an drang die Mannschaft energisch auf ein Tor. Früh wurden die Kieler angegangen. Aggressiv gingen die Zebras in die Zweikämpfe. Um jeden Ball wurde intensiv gerungen. Jedem Ball wurde nachgegangen, selbst wenn die Chance ihn vor dem Aus zu retten noch so klein war.

Etwa zehn Minuten später war zu merken, der Druck des Anfangs auf das Kieler Tor war wieder vorhanden. Dieses Mal trieb Martin Dausch den Ball nach vorne. Die ganze Kieler Defensive zog er bei diesem beeindruckenden Antritt auf sich, um im perfekten Moment auf den frei gewordenen rechten Flügel zu spielen, wo Enis Hajri nachgerückt war und nun alleine auf das Kieler Tor zumaschieren konnte. Wer im Fußball gerne „ausgerechnet“ sagt, durfte das wieder machen. Ausgerechnet Hajri, den wir in Duisburg nicht als einen der ballsichersten Spieler kennengelernt hatten. Doch alleine aufs Tor zugehen ist etwas anderes als im defensiven Mittelfeld früh gepresst zu werden. Alleine behielt er die Nerven und verwandelte zum Ausgleich.

Begeisterung, die erste. Viel Zeit sich zu beruhigen blieb nicht. Der MSV fing den Angriffsversuch nach dem Wiederanstoß ab. Kingsley Onuegbu erhielt den Ball auf dem linken Flügel und trieb ihn nicht allzu schnell, aber wie in einem Hochsicherheitstrakt abgeschirmt Richtung Torauslinie der Kieler. Waren es vier, fünf, sechs Kieler, die er stehen ließ? Ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls erwarteten wir zweimal den Pass in die Mitte, und er ging einfach immer weiter unbeirrt Richtung Kieler Torauslinie. Dort zog er leicht nach innen, flankte genau, und der völlig frei stehende Michael Gardawski nickte per Kopf ein.

Begeisterung, die zweite. Viel Zeit sich zu beruhigen blieb nicht – wenn auch etwas mehr als nach dem Ausgleich. Wir alle spürten, nicht nur auf den Rängen wollte jeder die noch sicherere Führung. Auch die Mannschaft drängte weiter, als ob die Kieler Sparringspartner waren. Doch es war ernst. Es ging um den direkten Aufstieg. Der MSV spielte gegen eine Mannschaft, die in diesem Jahr noch nicht verloren hatte, eine Mannschaft, die viele ihrer Tore in den letzten Minuten erzielte, eine Mannschaft, die sich nicht aufgab. Deshalb war ein drittes Tor kein so schlechter Gedanke. Sechs Minuten dauerte es dieses Mal. Einwurf am linken Flügel durch Kevin Wolze, schneller Rückpass auf ihn, Flanke und dieses Mal macht Michael Gardawski das Tor mit dem Fuß.

12_mannAus Begeisterung wird Ekstase. So ließ sich der Rest des Spiels beruhigt angehen. Der Siegeswille der Kieler war zerbröselt. Kurz lebte er zu Beginn der zweiten Halbzeit noch einmal auf. Was auch daran lag, dass sich der MSV wie gewohnt zu sehr zurückzog und den Kielern die Initiative überließ. Doch in dem Spiel verließ sich der MSV nicht alleine darauf, dass aus dieser tiefer stehenden Defensive irgendwann mal ein Konter gelingt. In dem Spiel begann die Mannschaft nach etwa zehn Minuten der zweiten Halbzeit wieder höher zu verteidigen und vorbei war es mit dem Kieler Druck. Harmlos blieb die Mannschaft. Souverän sicherte der MSV bis zum Abpfiff den Vorsprung. Die bekannte Stärke der Kieler in der Schlussphase kam in Duisburg nicht zum Tragen.

Na, ein paar Erinnerungen an das eigentliche Spiel habe ich ja doch noch hervorkramen können. Manchmal muss man sich selbst ein wenig überlisten, dann klappt das auch mit den Bildern der Vergangenheit. Die Lebenshilfe-Profis nennen das dann Erinnerungsarbeit. Je intensiver diese Arbeit, desto freier für das Neue, Unbelastete, für die Begeisterung, für den Jubel, für die Zweite Liga. Der MSV ist wieder da.

Und nun wieder Begeisterung pur: Die sieben Minuten Übermacht MSV Duisburg mit dem sich überschlagenden Kommentar von ZebraFM – Großartig.

Fast ohne Worte – Der MSV ist wieder da

Wie oft werden wir die Geschichten dieses Tages noch erzählen müssen, damit wir das Gefühl haben, nun endlich hätten wir es wirklich geschafft? Wir hätten endlich ganz genaue Wörter gefunden, sie zu Worten gemacht und hätten nun so genau wie möglich beschrieben, wie es sich angefühlt hat in all den fantastischen Momenten dieses Tages, als der MSV Duisburg mit einem 3:1-Sieg gegen Holstein Kiel den Aufstieg besiegelte.

Es war ja nicht nur das Glück beim Schlusspfiff. Es war die sich steigernde Begeisterung, als innerhalb von sieben Minuten der Kieler Siegeswille zerbröselt wurde. Es war diese so klar erkennbare Bedeutung, die der MSV Duisburg an diesem Tag für die Stadt hatte. Es war die erwartungsvolle Spannung auf der Hinfahrt zum Stadion mit all ihren zufälligen Begegnungen zwischen Anhängern dieses MSV Duisburg, die aus ganz Deutschland nach Duisburg gekommen waren. Es ist die anhaltende Freude.

Ein paar Mal werde ich es noch erzählen müssen. Bis dahin sprechen erst einmal die Bilder.


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