Posts Tagged 'Thorsten Lieberknecht'

Nein, nein, nein! Agonie? Das schreibe ich nicht als Headline

Für dieses Internet bin ich einfach nicht gemacht. Wenn es ernst wird, schrecke ich dann doch vor der catchy headline fürs clickbaiting zurück. Dabei denke ich seit dem Samstag die ganze Zeit immer wieder „Agonie“. Kurz dachte ich vorhin also „Agonie der Zebras“ über den Text zu stellen. Magdeburg und Ingolstadt gewannen bekannterweise ihre Spiele, was aus Duisburger Sicht an einem Spieltag stets zu befürchten ist.

Das Wort Agonie hatte ich deshalb im Kopf, weil wir bei den Ergebnissen und mit dem Wissen über den MSV Duisburg der letzten Wochen nun wirklich nicht mehr viel erhoffen können. Das stört mich als größter Verdränger des westlichen Ruhrgebiets natürlich nicht. Im Laufe der Stunden vor einem Spiel des MSV verwandeln sich die Zebras in eine Elf der Ballkünstler, Mentalitätsmonster und Laufwunder. Diese elf Spieler können dann alles erreichen. Sogar gegen Arminia Bielefeld heute Abend, eine Mannschaft, die unseren Konkurrenten im Abstiegskampf, Ingolstadt, vorletzte Woche gnadenlos aus dem Stadion geschossen hat. Meine ich zumindest gelesen zu haben von einem, der nicht dabei gewesen ist.

In den letzten Wochen einer Saison braucht das Erreichen des Saisonziels vom MSV eben die Unterstützung anderer Mannschaften. Deshalb kann man den eigenen Ballkünstlern oft keinen Vorwurf machen. Weil Dresden und Fürth nicht gut genug waren, reicht für diesen Spieltag der von mir bald erwartete Ballzauber der Zebras nur dazu, den Abstand zum Relegationsplatz zu halten. Und sofort fällt mir diese blöde Agonie wieder ein, ein Prozess, unaufhaltbar.

Jetzt wird es auf der Spieltagspressekonferenz auch immer schwieriger über das anstehende Spiel zu sprechen, wenn das Erreichen des Saisonziels immer unwahrscheinlicher wird. Gut, dass dann ein Trainer über viele Verletzte reden kann. Das lässt sich bitter, sarkastisch, neutral oder erleichtert sagen. Die Gemüts- bestimmt die Tonlage. Ich sehe das ganz neutral. Thorsten Lieberknecht gibt auch mir allerdings in dieser Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Arminia einen Brocken zu schlucken, wenn er von einer normalen Rückrunde spricht. Ich weiß, das hat einen Zusammenhang, aber mit diesen Worten nimmt er eine sehr spezielle Perspektive ein. Sie ist gewöhnungbedürftig angesichts von Niederlage und Unentschieden in den wirklich wichtigen Spielen, selbst wenn er betont, dass das Spiel gegen die Arminia gewonnen werden muss. Mehr als diese Notwendigkeit des Sieges auszusprechen, wäre auf der Pressekonferenz gar nicht nötig gewesen. Das war schon gegen Ingolstadt und Sandhausen so.

Pressekonferenzen könnten am Ende einer Saison verdammt kurz sein. Am Ende von etwas gibt es meist keine Worte mehr. Es gibt dann nur Schweigen und Handeln. So ist das mit den Enden im Leben. Wahrscheinlich muss ich trotz allen Verdrängens deshalb immer wieder an die Agonie denken. Doch ob wir Agonie oder Überlebenskampf sagen, lässt sich erst am wirklich wirklichen Ende entscheiden. Schweigen und Handeln. Wir warten also auf den Anpfiff.

Werbeanzeigen

Nach der Niederlage antizyklisch ein 0:0 erschreiben

Es wäre mehr drin gewesen als nur der eine Punkt für den MSV Duisburg durch dieses torlose Unentschieden gegen Greuther Fürth am Samstag. Ich hatte das Spiel im Ostende mir angesehen. Und mein Spiel des MSV dauerte nur bis zur 81. Minute. Dann musste ich zu einem Termin aufbrechen. Ich fuhr mit gemischten Gefühlen, war aber nicht unzufrieden.

Denn den Zebras war in den ersten Minuten anzumerken, unter welchem Druck sie standen. Sie wollten vorsichtig spielen, keine Fehler machen. Sie wollten möglichst den Ball aus der eigenen Defensive kontrolliert nach vorne spielen. Sie wollten ihn nicht einfach wegschlagen. Sie wollten diesen Ball in den eigenen Reihen behalten. Doch die Fürther spielten in diesen ersten knapp 20 Minuten mit dem unbedingten Willen, es allen und vor allem dem neuen Trainer zu zeigen. Die Spieler wollten beweisen, dass sie Fußball spielen können. Sie wollten jeden Ball und zwar sofort. Sie wollten diesen Gegner am liebsten überrennen. Aber sie konnten das nicht, weil sie zu schlecht Fußball spielten. Die Abschlüsse waren miserabel. Dennoch gingen sie fast jedem Ball mit unbedingtem Willen hinterher und bekamen diese Bälle.

Die Zebras verloren ihre Nerven aber nicht komplett. Die Zebras hielten stand. Sie widersetzten sich dem unbedingten Versuch der Fürther, das Spiel zu dominieren. Nach und nach schafften sie es, den Ball tatsächlich einmal bei einer Offensivaktion in Richtung Fürther Strafraum zu treiben. Kontinuierlich gefährlich wurden sie nicht, auch wenn es irgendwann sogar die Andeutung einer Chance gab. Immer wieder kam es auch zu Fehlpässen, weil die Fürther die Räume eng machten.

Nach der Halbzeitpause waren die Zebras noch besser im Spiel. Dem Stillstand bei Wiederanpfiff folgte eine andere Dynamik im Spiel. Nun gab es in dem Spiel keinen Nachteil mehr für die Zebras. Der unbedingte Wille der Fürther reichte angesichts ihrer spielerischen Möglichkeiten nicht mehr, um den Ball länger in den eigenen Reihen zu halten. Das Pressing der Zebras funktionierte immer wieder auch schon im Mittelfeld. So kam es zu zwei Schein-Chancen. Denn die Zebras gehören auch zu jenen Mannschaften, bei denen in der entstehenden klaren Chance schon das Scheitern im Wesenskern der Chance angelegt ist. Wenn etwa Ahmet Engin jener Spieler ist, der alleine Richtung Tor marschiert und abschließen muss, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die klare Chance am Ende nicht mehr so klar gewesen ist. Das mache ich ihm nicht zum Vorwurf. Es ist nun einmal so. Wir leben damit.

So begann ich mich mit dem torlosen Unentschieden einzurichten. Glückstreffer können im Fußball natürlich immer fallen. Doch bis zu meinem persönlichen Schlusspfiff geschah nichts. Danach muss noch einiges losgewesen sein im Fürther Stadion. Es muss so viel gewesen sein, dass dieses Spiel auch vollkommen anders bewertet werden kann, als ich es gemacht habe. Es muss sogar so viel gewesen sein, dass die Fürther das Spiel 1:0 gewonnen haben sollen. Die Kollegen bei den Funkes schreiben sogar, die Leistung des MSV sei nicht zu entschuldigen. Im Netz schäumt der Unmut unter den Anhängern. Und auch Thorsten Lieberknecht ist enttäuscht von der ersten Halbzeit seiner Mannschaft. Er sah bei seiner Mannschaft nicht die Bereitschaft, auf dem Platz präsent zu sein.

Wie ihr gelesen habt, lässt sich das Spiel auch ein wenig anders bewerten. Wer je selbst Mannschaftssport betrieben hat, weiß, es gibt Spiele, in denen man noch so sehr präsent sein will und dennoch nichts zusammen passt. Warum das so ist, lässt sich in der Komplexität dann kaum erklären. Man sieht einzelne Gründe und denkt, daran kann das doch nicht gelegen haben. Man wird ärgerlich. Auf die anderen, auf den Ball, auf die Zuschauer, vielleicht sogar mancher auf sich selbst. Doch in solchen Fällen ändert sich nichts aus dem Spiel heraus. Es ändert sich nur mit einer dramatischen Wendung während des Spiels. Ein zufälliges Tor beim Fußball. Ein brutales Foul. Ein Hochkochen der Stimmung durch was auch immer. Oder es ändert sich bei einem Neuanfang. Im Basketball etwa gibt es die Möglichkeit des Neuanfangs immer wieder. Vier Viertel hat das Spiel, also drei Pausenunterbrechungen. Dazu gibt es die Möglichkeit, Auszeiten zu nehmen, die Spieler neu zu fokussieren. All das gibt es im Fußball nicht. Dort gibt es nur die Halbzeitpause. Und diese Halbzeitpause hat gewirkt.

Mir ist die Erklärung, die Spieler seien nicht bereit gewesen, präsent zu sein, zu sehr auf die Psyche abgestellt. Ich kann verstehen, wenn jemand sagt, die Spieler seien nicht präsent gewesen. Aber eine Wertung wie die, dass sie nicht bereit dazu waren, verlagert die Verantwortung. So etwas macht mir Sorgen. Denn wir können nicht beurteilen, welche Gruppendynamik in der Mannschaft herrscht. Natürlich kann es sein, dass die Mannschaft als Gruppe nach einer solchen Aussage dem Trainer etwas beweisen will. Es kann aber genau so gut sein, dass die Spieler sich ungerecht behandelt fühlen, weil die Umstände nicht beachtet wurden. Der Abstiegskampf ist aber nur als Einheit zu bewältigen. Nach dem Spiel sind meine Sorgen nicht wegen des Ergebnisses größer geworden, sondern weil die Stimmung so beeinträchtigt scheint.

Gut, dass wenigstens ich die Geschichte des Spiels auch anders schreiben kann. Fakten und Ergebnisse besitzen in der heutigen Zeit ja immer weniger Gewicht. Wenn das so weitergeht, wird auch der MSV einmal Deutscher Meister werden, ohne dass ein großer Teil der Welt das glauben kann. Da kann ich mir als Vorgeschmack doch ruhig einmal ein torloses Unentschieden in Fürth gönnen.

Verdienter Sieg heißt, die Statistik angemessen deuten

Nach dem Spiel stand vielen Anhängern des MSV im Stadionbus die Erschöpfung im Gesicht geschrieben. Müde und wissend lächelten wir uns zu. Was hatte der MSV Duisburg uns wieder einmal abverlangt. Bis zur 70. Minute gestalteten die Zebras das Spiel sicher. Mit 3:0 waren sie in Führung gegangen. Dreimal hatten wir schnelle Spielzüge gesehen, bei denen sich Torgefahr kontinuierlich aufbaute. Wir hatten drei verschiedene Grundsitutationen gesehen von Tempoaufnahme beim Aufbau im Mittelfeld vor dem 1:0 über das Flügelspiel mit Flanke beim 2:0 bis zum rasanten Konter beim 3:0. Die Mannschaft hatte die Grundsituationen jeweils so aufgelöst, dass man das Entstehen eines Tores als Erkennen und Verwirklichen einer Spielzugsidee idealtypisch mitverfolgen konnte.

Wir wussten natürlich, dass ein 3:0 in Duisburg in der 70. Minute noch lange nicht den Sieg bedeutet. Deshalb wäre das 4:0 von Ahmet Engin so wichtig gewesen. Wenn er seinen Alleingang aufs Darmstädter Tor nach dem Abspielfehler der Darmstädter im Mittelfeld hätte für ein Tor nutzen können, wären wir entspannt gewesen. Er schoss vorbei und dann fiel das erste Darmstädter Tor in der 73. Minute. Der Druck des Gastes nahm zu. Unsere Blicke fielen immer öfter auf die Spieluhr und dennoch ist mein Zeitempfinden ab der 80. Minute komplett aus den Fugen geraten.

Gestern morgen habe ich einen Spielbericht gelesen und konnte es nicht glauben, dass das zweite Tor der Darmstädter erst in der 88. Minute gefallen ist. Das muss doch in der in der 82. oder 83. Minute gewesen sein, dachte ich. Ich konnte es nicht glauben, weil ich es in der 89. Minute auf meinem Stehplatz nicht mehr ausgehalten habe. Ich wollte hoch zu den Toiletten, nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nur das Ergebnis wollte ich noch wissen. Eine Minute nur war nach diesem Tor vergangen, ehe ich losmarschierte. Mir kommt diese Zeit, die ich mir das Spiel nach dem Tor ansah, immer noch so viel länger vor.

Als ich die Treppe hoch gelaufen war, sah ich die 90 auf der Anzeigetafel. Der Abpfiff schien nahe. Also kehrte ich zurück und sah zu meinem Entsetzen vier Minuten Nachspielzeit. Was für ein Zittern bis zum Schlusspfiff. Was für eine Achterbahn der Gefühle. Welch Erleichterung über einen Freistoß auf dem linken Flügel in der Nachspielzeit. Welche Fassungslosigkeit, dass selbst dieser Freistoß nicht wenigstens in kurzzeitigen Ballbesitz mündete. Er führte zum sofortigen Abseitspfiff nach der Freistoßausführung und dem Pass über fünf Meter vielleicht. Diese Nachspielzeit war eine Tortur.

Verzweifelt versuchten wir auf den Rängen Einfluss zu nehmen. Verzweifelt wollten auch wir mit unseren Mitteln, den Ball vom Duisburger Strafraum weghalten. Das Stadion stand hinter der Mannschaft. Doch ununterbrochen schafften es die Darmstädter in Strafraumnähe oder flankten sogar noch in den Strafraum hinein. Die Zebras warfen sich in Schüsse. Sie kämpften, sprangen und köpften. Es hieß alles oder nichts. Ein Unentschieden wäre der Abstieg gewesen. Da bin ich sicher. Entlastung gab es im Grunde nicht mehr. Entlastung brachte erst der Schlusspfiff.

Ich war nicht der einzige Anhänger des MSV, dem die Hoffnung auf den Klassenerhalt abhanden gekommen war. Nicht einmal an die helfende Kraft des Tabellenrechners glaubte ich nach der Niederlage in Bochum. Diesen Tabellenrechner werde ich demnächst wohl dann mal zu Rate ziehen.

Im Spiel des MSV gab es bis zur 70. Minute kaum Zufälliges. Es war gut strukturiert. Die Mannschaft wirkte stabil. Über die Leistungen der einzelnen Spieler wurde schon genug geschrieben. Interessant ist die unterschiedliche Wertung des Spiels durch die beiden Trainer und in der Folge auch durch den Sportjournalisten vom Kicker. Er gehörte zu den Stirnrunzlern dieser Welt, nachdem Thorsten Lieberknecht auf der Pressekonferenz von einem „verdienten Sieg“ sprach. Thorsten Lieberknecht tat gut daran, das so zu betonen. Denn Darmstadts Trainer Dirk Schuster hatte zuvor offensichtlich Mühe, die Niederlage seiner Mannschaft zu akzeptieren.

Ich sehe geradezu, wie der Kollege vom Kicker nach der Pressekonferenz Dirk Schuster tröstend in den Arm nahm. Gemeinsam haben sie sich dann noch einmal die Statistik angeschaut. Tränen stiegen in ihre Augen, und ich meine sogar, man hörte sie leise in den Katakomben der Arena das alte Klagelied singen:

Welch Unglück des Lebens!
Welch Trauer im Herzen!
Dunkel die Tage nach mehr Ballbesitz.
Das können wir nie verschmerzen.
Mehr Ecken hatten wir
und Abschlussüberzahl.
Der Fußballgott schickt uns nur Qual.
Verlassen von dem Fußballgott
trotz bester Werte der Statistik.
Oh, Fußballgott, warum?!

Nun, wir kennen diese alte Leier auch nach Spielen des MSV unter Ilia Gruev. Warum hatte der MSV solche Spiele mit guten statistischen Werten in der Offensive nicht gewonnen? Aus demselben Grund, warum auch Darmstadt das Spiel nicht gewonnen hat. Einen Grund, den der Sportjournalist kurioserweise sogar in seinem Artikel erwähnt. Offensichtlich ignoriert er diesen Grund bei der Leistungsbewertung des Darmstädter Spiels. Der letzte Pass der Darmstädter kam zumindest bis zur 70 Minute nur selten gefährlich in den Strafraum. Das hat etwas mit der funktionerenden Defensive des Gegners zu tun bei gleichzeitiger unzulänglicher Ballverwertung der eigenen Mannschaft. Das ist auf der Seite des Gegners Taktik, die aufgeht, und auf der anderen Seite sind das Fehler der eigenen Mannschaft. Mit einer Statistik ist es oft nicht einfach. Meist muss sie gedeutet werden, und meine Deutung entspricht dann doch der von Thorsten Lieberknecht.

Von Abläufen und einem unveröffentlichten Gedicht

Nach dem Ende der Winterpause bewegen wir uns den unausweichlichen Entscheidungen der Saison entgegen. Damit sind wir schnell beim wirklichen Leben. Denn das Unausweichliche erinnert an unsere Vergänglichkeit. Deshalb ist die Zeit bis zur Winterpause trotz aller Niederlagen immer auch eine Zeit der Hoffnung auf das ewige Leben. Diese erste Hälfte der Saison ist auch eine Zeit des Verdrängens der Vergänglichkeit. Irgendwie wird es gut ausgehen. Irgendwie werden wir dem Tod doch entkommen.

Bis zur Winterpause leben wir als Anhänger eines Vereins in der Abstiegszone im Möglichkeitsraum. Die Wahrheit einer jeden Niederlage wird durch die Hoffnung auf dauerhafte Heilung jeden Leids gelindert. Nun spielt der MSV heute Abend beim VfL Bochum, und das wirkliche Leben macht sich als Sorge bemerkbar. Wir hören von einem Gegner, der oben noch mitspielen will. Wir hören von Therapieversuchen während der Winterpause beim MSV. Wir hören davon, dass wir weiter gefährdet sind.

Zum Lieblingswort wurden mir die Abläufe auf der Pressekonferenz des MSV vor dem Spiel. Thorsten Lieberknecht wollte mit dem Einüben von Abläufen der Mannschaft zur Sicherheit verhelfen. Laut Dustin Bomheuer haben die Abläufe in den Testspielen gewirkt. Die Mannschaft fühlte sich sicher. Die Ergebnisse sind Zeugnis dieser Sicherheit. Abläufe – welch schönes handliches Wort für Laufwege, Passfolgen oder koordinierte Bewegungen in der Defensive, Ablauf, das klingt machbar. Meine Sorge lindert der Ablauf leider nicht. Zu deutlich sehe ich, wie komplex das Zusammenwirken von vielen Menschen wird, wenn der Zufall bei dem Zusammenwirken eine große Rolle spielt. Zu nah ist mir das wirkliche Leben gerückt.

Zu sehr hat sich ein Vierzeiler bislang bewahrheitet, der mir kurz nach der Entlassung von Ilia Gruev in den Sinn kam und den ich aus guten Gründen nicht veröffentlicht habe. Ich würde ihn gerne nach der Saison veröffentlichen, weil er eine Wahrheit über den Fußball erzählt. Wenn der MSV kein Beispiel für diese Wahrheit sein soll, wäre ein Punktgewinn in Bochum schon mal ein Anfang. Die Hoffnung auf mehr kommt mir allerdings gerade schon wieder wie die Hoffnung auf das ewige Leben vor.

Von Wiederholung und fehlender Gier

Über Niederlagen des MSV Duisburg habe ich alles schon einmal gesagt. So kommt es mir vor. Ich habe geschaut, ob sie uns etwas über das wirkliche Leben erzählen. Manchmal sind mir zumindest unterhaltsame Worte gelungen. Nun fällt mir nach der 1:4-Niederlage gegen den 1. FC Heidenheim nichts ein, was nicht offensichtlich ist. Ich muss diese Niederlage nicht noch einmal nacherzählen, so klar ist ihr Verlauf erkennbar. Es müsste etwas über den sportlichen Verlauf hinaus erzählt werden. Ich habe das Gefühl, ich müsste mich wiederholen. Ich möcht mich nicht wiederholen. Es reichen wenige Sätze.

Eine gute Leistung in der ersten Halbzeit verhindert nicht den 1:0-Rückstand. Ein einziger langer Ball bringt die Heidenheimer Führung. Vor diesem langen Ball hatte ich die ganze Zeit Angst, vor diesem langen Ball und den Folgen. Denn es ist momentan sehr unwahrscheinlich, dass die Zebras einen Rückstand ausgleichen. Könnte diese Mannschaft einen Rückstand leicht ausgleichen, wäre sie schon vorher längst in Führung gegangen. Das klingt paradox. Das ist die Wahrheit. Das sind normale Spielverläufe in dieser Saison. Die Mannschaft spielt passabel, dennoch gibt es nur wenige Torchancen. Die wenigen Torchancen werden meist vergeben. Ein Gegentor kann immer fallen. Das Gegentor führt zu vermehrten Offensivbemühungen. Ein zweites Gegentor wird noch wahrscheinlicher.

Leise Sorgen beschleichen mich nun, wenn ich Thorsten Lieberknecht auf der Pressekonferenz nach dem Spiel von fehlender „Gier“ sprechen höre. Das klingt für mich wie ein verkleideter Verzweifelungsschrei. Thorsten Lieberknecht war nach dem Spiel enttäuscht und verärgert. Er ist nicht der erste Trainer Deutschlands, der von fehlender Gier spricht. Mir ist dieses Wort aber suspekt, auch wenn es inzwischen Eingang in die Fußballersprache gefunden hat. Bewusst wahrgenommen habe ich es das erste Mal, als Markus Babbel davon sprach. Schon damals habe ich mich gefragt, ob er auch seine Kinder zu so richtiger Gier auffordern würde. Eine Tugend ist diese Gier definitiv nicht.

Darüber hinaus zweifel ich, ob so eine Gier geeignet für eine konstruktive Analyse ist. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier zu dem Gefühl von Daniel Mesenhöler und Lukas Fröde, dass an den langen Pass in den Duisburger Strafraum kein Heidenheimer Spieler mehr herankommt. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier zum zweiten Tor der Heidenheimer. Mir kommt es nicht so vor, als führte fehlende Gier dazu, dass Andreas Wiegel den Ball im Strafraum spielen will und nicht mitbekam, dass ein Heidenheimer Spieler an ihm noch vorbeiläuft, so dass er statt des Balls dessen Beine berührt. Mir kommt es nicht so vor, als bräuchte John Verhoek mehr Gier, um aus sechs Metern einen scharfen Pass ins Tor zu schießen und nicht weit darüber. Das hat dann doch mehr mit der Fußhaltung, also mit Technik, zu tun und nicht mit dem Einsatzwillen. Mir kommt es auch nicht so vor, als könne mehr Gier die Balance herstellen zwischen defensiver Stabilität und Offensivkraft.

Die fehlende Gier wird wahrscheinlich in Zusammenhang gebracht mit dem berühmten Meter mehr, der gelaufen werden muss. Die Gegentore fielen nicht wegen mangelnder Laufbereitschaft. Die Torchancen blieben ohne Erfolg doch nicht, weil der Einsatz gefehlt hat. Im Grunde ist dieses Beklagen der fehlenden Gier nichts anderes als ein emotionales Aufschreien nach dem Motto „jetzt macht doch mal was“. Die Spieler machen die ganze Zeit etwas. Sie suchen den Erfolg im Rahmen ihrer derzeitigen Möglichkeiten. Es ist eine Frage der Persönlichkeit, ob ein Trainer pragmatisch wie Ilia Gruev mit einer Mannschaft umgeht oder emotional wie Thorsten Lieberknecht. Die Probleme, vor denen Thorsten Lieberknecht steht, sind dieselben geblieben wie die, die Ilia Gruev bewältigen musste. Ein Trainer kann seine Vorstellung von einem Spiel nur auf den Möglichkeiten der einzelnen Spieler aufbauen.

Als ich doch noch auf einen glücklichen Sieg zu hoffen begann

So fühlte sich das gestern an: Der DJ hatte die Menge auf der Tanzfläche zum kochen gebracht. Alles wogte, alles bewegte sich, leicht, euphorisch. Doch beim nächsten Set dimmt er einfach runter, kein treibender Rhythmus mehr, sondern Musik, bei der nicht klar ist, wohin sie führt. Viel langsamer als zuvor. Wir stehen da, zum Schwitzen bereit und warten auf das Treibende. Wir versuchen hinein zu kommen in diesen anderen Sound. Legt er jetzt nicht gerade auf, was uns begeistert? Doch. Das klingt, das vibriert. Jetzt geht`s wieder ab, und in diesen Soundwellen, auf denen wir vorsichtig wieder zu wogen beginnen, erfolgt der Absturz. Wir hören Magic Detlef aus Castrop-Rauxel am heimischen Keyboard mit seinem selbst gedrechselten Schlager, „Kerr, watt bisse schön“, 128 Klicks bei Youtube, einmal „gefällt mir“. Das war Kalle, sein Kumpel.

Der MSV Duisburg verliert gegen den FC St. Pauli mit 1:0 durch ein Tor nach einer Ecke in der 84. Minute. Natürlich wieder nach einer Ecke. Gibt es eine Mannschaft, die mehr Tore nach Ecken bekommt als der MSV? Wer es weiß, bitte in die Kommentare.

Wir sahen einen Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Der FC St. Pauli hat hervorragend gespielt. Die Zebras liefen ständig den angreifenden Paulianer hinterher. Auf der einen Seite schnelle, harte, präzise Pässe Richtung Duisburger Tor, auf der anderen Seite langsame, weiche, ungenaue Pässe, die nur manchmal in Richtung Hamburger Tor gespielt wurden. Ich werfe damit nur ein Schlaglicht auf einen  entscheidenden Unterschied. Dennoch ergaben sich für die Hamburger aus dieser spielerischen Überlegenheit kaum wirkliche Chancen. Das war erstaunlich. Ich war nicht nur bereit, mich mit einem Unentschieden zufrieden zu geben. Ich machte mir sogar berechtigte Hoffnungen.

Doch nach der Halbzeitpause gab es einen Bruch im Hamburger Spiel. Die Geschwindigkeit war verschwunden. Oder der MSV hatte sie den Hamburgern genommen? Endlich hatte der MSV Zugriff auf das Spiel gewonnen. Endlich schien die Mannschaft nicht mehr komplett unterlegen zu sein. Sie entwickelte Zug Richtung Hamburger Tor. Ab Mitte der zweiten Halbzeit war ich mit einem Unentschieden nicht mehr zufrieden. Ich wollte, dass der MSV gewinnt. Ich wollte eine kontinuierliche Steigerung der Leistung in dieser zweiten Halbzeit, und auch das war eine berechtigte Hoffnung.

Irgendwann hing für einen Moment ein Tor in der Luft. Der Ball war frei im Fünfmeterraum. Ahmet Engin versuchte zu köpfen. Ein Paulianer wollte klären und traf ihn am Kopf. Der Aktion folgte der wahrscheinlichen Schmerz von Ahmet Engins und kein Schiedsrichterpfiff. Nicht, dass für mich diese Aktion ein klares Foulspiel gewesen ist. Aber sie erinnerte mich an die erste Zweitligasaison nach dem Zwangsabstieg, als in Fürth Kingsley Onuegbu im Strafraum auf Höhe des Elfmeterpunkts ähnlich klärte, und der Schiedsrichter Elfmeter gegen den MSV pfiff. Solche Gedanken zeigen nur, wie gefährdet meine Hoffnung auf den Sieg war, wie sehr ich nach dem Glücksmoment suchte, den der MSV trotz der verbesserten Leistung in der zweiten Halbzeit brauchte.

Der FC St. Pauli kam ebenfalls zu keinen wirklichen Chancen. Aber es gibt ja Eckbälle, und solche Eckbälle reichen oft in einem Spiel gegen den MSV. Was für eine Enttäuschung brachte diese Niederlage. Und wer die Leistung als eine aus der Gruev-Zeit beschreibt, verweist nur auf die grundlegende Fähigkeiten der einzelnen Spieler, mit denen auch Thorsten Lieberknecht arbeiten muss.

In Siegen nach der Spieltagspressekonferenz nur ans Siegen denken

Auf der Pressekonferenz vor dem heutigen Spiel gegen den FC St. Pauli unterstrich Gerrit Nauber, dass in den Spielen der 2. Liga Kleinigkeiten ein Spiel entscheiden. Da diese Kleinigkeiten nicht alle kontrollierbar sind, habe ich einmal mehr die eigene Psyche gestärkt. Ich habe gestern einen Ausflug nach Siegen gemacht, um gar keine negativen Gedanken aufkommen zu lassen, die womöglich wirken könnten. Schon mehrmals habe ich hier über die Hürden auf dem Weg zum Erfolg geschrieben. Das sind nicht nur äußere Einflüsse. Es sind auch bildhafte Vorstellung von einem möglichen Misserfolg, die einen auf dem Weg zum Erfolg hemmen.

In Siegen ist es schwer, an etwas anderes zu denken als an Siegen. Für mich gehört in diese Stadt eigentlich ein  Trainingszentrum des deutschen Sports, das dieser Stadt zudem großen wirtschaftlichen Aufschwung bringen könnte. Aber auf mich hört ja keiner.

Sehr zufrieden bin ich übrigens damit, dass die Spieltags-Pressekonferenzen des MSV wieder komplett online gestellt werden. So erhalten alle am MSV Interessierten die Möglichkeit, selbst zu sehen, wie tief Thorsten Lieberknecht über Spiele und Mannschaft nachdenkt. Auf dem Weg in die Printmedien wird solches Denken zu oft doch sehr verkürzt. Es ist interessant, was er zu sagen hat und wie er es sagt. Ihr kennt mein Bedauern über die Entlassung von Ilia Gruev.  Und ja, das Leben geht weiter. Thorsten Lieberknecht passt nicht nur durch seine Persönlichkeit zum MSV. Was ich von ihm höre, macht mir Hoffnung, dass die Kontinuität der Arbeit tatsächlich als Struktur im Verein wirksam wird. Sie darf nicht an einzelnen Personen hängen, auch wenn das schwer zu verwirklichken ist. Das ist dann gelebte Kultur.

Interessant ist auch, dass die Fragen aus der Journalistenrunde an Gerrit Nauber im Grunde die Antworten vorwegnehmen. Was zwischen Spielern und Journalisten meist geschieht ist ein Ritual. Bei Fragen an Spieler geht es mehr als beim Trainer um Gefühle der Spieler. Darauf kurz, aber mit Substanz zu antworten ist kaum möglich. In dem Teil unterscheidet sich die längere Pressekonferenz nicht von den kurzen Spieltagsclips der letzten Jahre.

Eins hätte ich mir allerdings als klare Aussage auch noch von Gerrit Nauber gewünscht. Ein Journalist leitete nämlich seine Frage mit der Feststellung ein, ein neuer Trainer komme und dann sei alles ganz anders. Der Journalist sprach noch länger weiter, so dass dieses Statement wahrscheinlich aus dem Blick geriet. Meinen Wunsch gab es, weil der Satz als so umfassendes Urteil nicht stimmt. Kevin Wolze hat in einem langen Interview auf die Arbeit Ilia Gruevs als Grundlage für die Arbeit von Thorsten Lieberknecht hingewiesen. Thorsten Lieberknecht selbst betont auch in dieser Pressekonferenz, auf welchem guten Stand die Mannschaft sich befindet. Er meint damit nicht nur Zusammenhalt und Mentalität. Auch die von vielen Anhängern bezweifelte Ausdauerleistung etwa sieht er als sehr gut an. Teile der Arbeit sind anders geworden, andere Teile blieben gleich.

 

 


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten

Werbeanzeigen

%d Bloggern gefällt das: