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„Der Zeuge von Lens“ von Tibor Meingast – Eine Besprechung

Lens – eine Kleinstadt in Nordfrankreich. Touristen kommen normalerweise selten in die Stadt. 1998 war das anders. Damals, am 21. Juni, wird das Vorrundenspiel der Fußballweltmeisterschaft zwischen Deutschland und Jugoslawien dort ausgetragen. Die Stadt, in der etwa 35.000 Einwohner leben, ist voll von Fußballfans. Nicht nur Zuschauer des Spiels reisen an, sondern auch deutsche Hooligans ohne Eintrittskarten, gierend nach Gewalt. Eine Gruppe dieser Hooligans prügelt den französischen Gendarmen David Nivel an diesem Tag fast zu Tode. Nicht alle Täter können schnell identifiziert werden. In Gelsenkirchen aber gibt es mit Burkhard Mathiak einen Mitarbeiter des Fanprojekts vom FC Schalke 04, der sich sicher ist, den Haupttäter erkannt zu haben.

In „Der Zeuge von Lens“ erinnert der Fernsehjournalist Tibor Meingast an die Gewalttat von 1998 und schildert, wie es Burkhard Mathiak als Zeuge im Prozess gegen die Gewalttäter ergangen ist. Sein spannender, reportageartiger Text zeigt, welchem Risiko sich der Sozialarbeiter mit seiner Aussage ausgesetzt hat, welche Unterstützung er erhielt und wie der Prozessverlauf auch das Leben von Burkhard Mathiak grundlegend verändert hat.

Tibor Meingast hat viele Fakten gesammelt und Stimmen bei Polizei und Staatsanwaltschaft eingeholt. Vor allem war Burkhard Mathiak bereit, über Schwierigkeiten mit seiner Aussage zu sprechen, über seine Arbeit im Fanprojekt und seinen Alltag nach der Zeugenaussage. In sachlich, reportierender Sprache macht Tibor Meingast das Geschehen damals sehr anschaulich. Über den eigentlichen Vorfall und seine Folgen in Deutschland erzählt Tibor Meingast kein Wort zu viel. Gerade durch die Knappheit seiner Sprache entwickelt das Buch einen Sog durch den Verlauf des vergangenen Geschehens.

Für mich sind die letzten zwei Kapitel ein kleiner Makel dieses Buches, weil Tibor Meingast der Versuchung erlegen ist, dem präzise geschilderten Einzelfall Fangewalt noch einen Blick auf das Allgemeine der Gegenwart anzufügen. Angesichts des komplexen Themas bleibt dieser Blick oberflächlich, und zwangsläufig wirbeln unterschiedliche Phänomene der Gewalt durcheinander. Dann geht es noch rasend schnell von den Standardzitaten der Standardforschernamen hin zur gesellschaftlichen Lage in Deutschland überhaupt und schon soll das Thema Fangewalt der Gegenwart eingeordnet sein. Auf diesen Seiten greift Tibor Meingast viel zu hoch. Vielleicht könnten diese Seiten dem Gelegenheitszuschauer des Fußballs, dem Dossier-Leser in Der Spiegel oder Die Zeit, das Gefühl geben, den sozialen Ort und die Gründe für diese Gewalt jetzt mal so richtig zu kennen.  Ich vermute, der potentielle Leser von „Der Zeuge von Lens“ wird sich im Fußball auskennen und diese letzten zwei Kapitel als Bruch mit dem vorherigen Text empfinden. Dieser Makel soll aber nicht davon abhalten, mit dem spannenden Einzelfall auf den Seiten vorher wirklich etwas Neues zu erfahren.

Tibor Meingast: Der Zeuge von Lens. Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2011. 127 Seiten. € 8,90.


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