Posts Tagged 'Tim Albutat'

Auftaktschreiben in der Sommerpause

Kaum ist der Laden hier mal für ein paar Tage geschlossen, schon werden rührende Geschichten über zurückkehrende Spielersöhne Duisburgs geschrieben, der eine notwendige Stürmer wird verpflichtet und zum Standardprogramm der Sommerpause gehört natürlich auch die schwere Verletzung. Unter zwei Spieler, die länger ausfallen, machen wir es bei den Zebras dann ja nicht nach einem Aufstieg. Aber das wisst ihr ja alles selbst, ihr habt das gelesen, und ich betreibe hier heute nur ein lockeres Auftaktschreiben nach meiner persönlichen Zebrastreifenblogpause.

Pause hieß allerdings nicht, die Arbeit ruhte. Denn eine Rückkehr in die Zweite Liga stellt auch an sämtliche Medien rund um den MSV die alten neuen Aufgaben. Die 11-Freunde-Redaktion kommt in der Zweiten Liga fürs Sonderheft mit launigen Fragen um die Ecke und füllt ihr Medium mit kostenlosem Content. Kostenlos mache ich ja hier ohnehin immer, damit kenne ich mich aus, habe ich also geantwortet. In Kiel und in Ingolstadt wollten die Bloggerkollegen wissen, wie das in Duisburg beim MSV mit dem Fußball und als Fan so ist. Der Kollege aus Ingolstadt vom Blog Schwarz-Rot hat das Mail-Interview schon online gestellt. 

Ich schmunzel übrigens ein wenig über mich selbst, kommt mir doch der Titel seiner Rubrik, unter der das Mail-Interview erschien, für den MSV völlig unpassend vor. „Wir sind die Neuen“, steht da, und ständig ruft eine leicht empörte Stimme in mir: „Ey, wir sind doch nicht die Neuen.“ Uns kennt man. Das ist unsere Liga, diese Zweite Liga. Mindestens, und eigentlich kenne ich das noch ganz anders. Nun ja, ich habe jedenfalls erzählt, wie ich für uns die letzte Saison erlebt habe, was ich erwarte und wie nervenaufreibend die letzten Jahre gewesen sind.

Blick auf französische Mittelmeerküste. Ohne Meer mit Stadion.

Neben diesen Interviews habe ich zudem ein wenig Projektplanung betrieben und mir schon mal mögliche Spielstätten des MSV angesehen. Cup der Traditionen in der Heimspielstätte ist ja schön und gut, aber Europapokal heißt erst sich im Fremden zurecht finden. Deshalb habe ich bei den Stadien von Metz und Nimes auch abgewunken. Zweite Liga in Frankreich, das hat keine Zukunft für uns. Man muss sich immer auf das Wesentliche konzentrieren. Was das für den Zebrastreifenblog während der Saison bedeutet, muss ich mal sehen.

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun…

Drittligameister MSV Duisburg, so leicht die Stimmung im Stadion, so leicht das Spiel der Mannschaft. Ohne Druck gelingt ein glänzender 5:1 Sieg gegen Zwickau. Mehr Worte gibt es morgen. Heute wird auch hier noch einmal nur gefeiert.

Der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da, der MSV ist wieder da.

Und natürlich ist es so schon immer gewesen…

 

Impressionen vom Zebra-Traditionsmarkt nebst Niederrheinpokal-Realismus

Noch immer dauert es ein paar Tage, bis der MSV Duisburg im Spiel gegen Lotte hoffentlich den Schritt Richtung Aufstieg macht, den er in Aalen verpasst hat. Als Testspiel für mich als Zuschauer steht heute Abend das Niederrheinpokalhalbfinale gegen Rot-Weiß Oberhausen an. Ein weiteres Training gibt es bis Samstag nicht für mich. Ich bin gut vorbereitet für heute Abend, weiß aber noch nicht genau, wie dringend ich für den Samstag ein Vorzeichen brauche. Entsprechend wird meine Haltung im Spiel sein. Vielleicht werde ich auf eine Niederlage hoffen, damit kennen wir uns seit dem April 2015 als Vorprogramm zum Aufstieg aus. 

Wahrscheinlich ist in diesem Jahr die Stimmung unter den Anhängern des MSV auch deutlich entspannter als vor zwei Jahren. In diesem Jahr sollte doch fast allen bewusst sein, welche Bedeutung dieses Pokalspiel im Vergleich zum notwendigen Aufstieg hat. Das war vor zwei Jahren nicht der Fall. In diesem Jahr wissen die meisten trotz der aufkommenden Derby-Stimmung, der Aufstieg ist alles. Und der Niederrheinpokal? Wenn es denn mit dem entsprechenden vorsichtigen Engagement passen sollte, gut; ansonsten bitte, ihr Rot-Weißen, ab ins Finale. Außerdem sagt Ilia Gruev im Gegensatz zu Gino Lettieri damals klarer, was uns als Zuschauer in Oberhausen erwartet. Schauen wir also mal, und bis dahin könnt ihr euch ein paar Impressionen vom Zebra-Traditionsmarkt gestern ansehen. Erinnerungen wurden wach, und auf Reliquienhandel haben die Katholiken kein Monopol.

 

Wenn das Versprechen auf ein Spitzenspiel gehalten wird

20170224_174242_resizedFreitagsspiele der Dritten Liga beginnen üblicherweise um 19 Uhr. Das Spiel des MSV Duisburg gegen den 1. FC Magdeburg war für 18.30 Uhr angesetzt. Die Spiele der Zweiten Liga werden zu dieser Zeit angepfiffen. War der Karneval der Grund? Ein Drittligaspiel im Zweitliga-Kostüm? Letztlich führten die Einlasskontrollen bei den Gästefans zu Schlangen vor den Stadiontoren, und das Spiel begann erst um 18.45 Uhr – genau die Hälfte Strecke zwischen den beiden Anstoßzeiten der Ligen. Die Dritte Liga lugte im Zweitligagewand hervor.

Ich mag solch zufälligen Begebenheiten, die symbolisch aufladbar sind. Wahrscheinlich haben sich Drehbuchautor und Regisseur des Weltenlaufs gedacht, wir müssen an diesem Abend etwas ganz besonders deutlich machen. So viel wies bei diesem Spiel schon auf eine kommende Saison in der höheren Liga hin und gleichzeitig wurde die Gegenwart immer in Erinnerung gehalten. Auch das Spiel selbst blieb nicht durchweg auf dem hohen Niveau der ersten Halbzeit. In der zweiten Halbzeit wirkte das Zweitligakostüm etwas derangiert. Etwas, wohlgemerkt.

20170224_184428_resizedIn dieser ersten Halbzeit hingegen habe ich nach etwa 15 Minuten auf die Spielzeituhr gesehen und konnte es nicht glauben, wie kurz erst gespielt war. Das Spiel fühlte sich nach mindestens zehn Minuten mehr Spielzeit an, so hoch war das Tempo, so viel geschah auf beiden Seiten. Der MSV kombinierte sich Angriff um Angriff Richtung Magdeburger Tor, während die Magdeburger ihre Offensivaktionen meist mit schnellem Umschalten und anschließendem langen Ball für den Flügelwechsel versuchten. Diese Magdeburger Angriffe sahen zunächst gefährlich aus, weil die Spieler auf der anderen Seite manchmal recht lange unbedrängt Richtung Strafraum ziehen konnten. Torchancen ergaben sich dennoch nicht. Entweder störten die Zebras erfolgreich oder der Abschluss war zu ungenau.

Auch der MSV blieb ohne Tor, obwohl ich bei vier Angriffsaktionen die Arme schon halb hochgerissen hatte. Die größte dieser Chancen ergab sich aus einer schnellen Kombination über den rechten Flügel bei einem Konterspiel. Die Defensive der Magdeburger wurde stehen gelassen, als sei sie nicht vorhanden. Die Flanke kam hoch in den Lauf von Kingsley Onuegbu, der frei köpfen konne und es nicht schaffte, den Ball nach unten zu drücken.

Dieser Angriff war lehrbuchmäßig vorgetragen und die Enttäuschung war größer als bei den Aluminiumtreffern zuvor und später, weil von unserer rechten Stehplatzecke auf der Köpi aus die freien Räume in der anderen rechten Spielfeldhälfte so genau zu erkennen sind. Diese freien Bahnen liegen genau vor uns. Wenn dann die Spieler des MSV auf dem rechten Flügel das machen, was wir von unserer Stehplatzecke aus als Möglichkeit zur großen Chance erkennen, wächst die Hoffnung auf den Erfolg mit jeder Sekunde sehr viel mächtiger als bei jeder Spielaktion an einer anderen Stelle des Spielfelds. Im Grunde bin ich bei solchen Spielzügen der realen Spielzeit voraus. In meinem Kopf gibt es schon das flüchtige Bild des erfolgreichen Kopfballs, das erst durch den Ball zerstört wird, der über die Latte fliegt.

20170224_184655_burst01_resizedIn dieser ersten Halbzeit habe ich nicht nur auf ein Tor des MSV gehofft, ich habe den Fußball auf dem Rasen als gelingenden Sport genossen. Das können wir nicht oft über Spiele in der MSV-Arena sagen. Ich kann mich nicht daran erinnern, nach einem torlosen Unentschieden schon einmal derart zufrieden aus dem Stadion gegangen zu sein. Der klare Vorsprung als Tabellenerster trägt diese Zufriedenheit natürlich zusätzlich. Wir alle, die wir oft fast unser ganzes Leben mit dem MSV verbracht haben, machen in dieser Saison  immer wieder neue, ungewöhnliche Erfahrungen mit unserem Verein.

Diese erste Halbzeit fühlte sich sehr nach einer Zweitliga-Welt an. Nicht nur die spielerische Qualität beider Mannschaften war der Grund, der Gästeblock trug mit seinem Support dazu maßgeblich bei. Was dort auf der anderen Seite variantenreich und in großer Geschlossenheit zu sehen und zu hören war, zählt sicher zu den beeindruckendsten Auftritten von Gästefans in Duisburg.

20170224_194942_burst01_resizedIn der zweiten Halbzeit konnte der MSV das Spiel nicht mehr so bestimmen wie in den ersten 45 Minuten. Das Spiel war ausgeglichener. Zwar versuchten beide Mannschaften weiter, das Tempo hoch zu halten, doch kam es auf beiden Seiten nicht mehr zu wirklicher Torgefahr. Durch das höhere Tempo als in anderen Spielen erwarteten wir dennoch immer wieder eine Möglichkeit für den Torschuss auf beiden Seiten. Aber scheingefährlich war das Spiel nur in der zweiten Halbzeit.

Erst in den letzten fünf Minuten konnte der MSV noch einmal kontinuierlich die Magdeburger in die Defensive drücken. Gerade als wir uns auf die obligatorische Nachspielminute einrichten wollten, pfiff der Schiedsrichter ab. Dieser Pfiff kam plötzlich und unerwartet. Eingerichtet hatte ich mich noch nicht mit dem Ende des Spiels. So hing ich kurze Zeit in der Luft, ehe wieder diese Zufriedenheit zurück kam. Ein Spitzenspiel hatten wir gesehen. Manchmal stimmen Fußballsprachenstandards im wahrsten Sinn des Wortes.

Lesenswerte Worte aus Magdeburger Perspektive zu Anfahrt der Fans, Erfahrungen mit dem Sicherheitskonzept und natürlich zum Spiel selbst finden sich beim Blog Nur der FCM! – mit einem Klick.

Den MSV in seinem Lauf hält Regensburg nicht auf

So lässt sich die Welt also betrachten, wenn man einen Lauf hat. Man fühlt sich stark und glaubt alle Fäden beim Gestalten des eigenen Schicksals in der Hand zu halten. Man konzentriert sich auf das Gelingen und ignoriert einfach sämtliche Möglichkeit des Scheiterns. Ich spürte, wie der Druck zunahm. Noch blieben etwa zehn Minuten im Spiel des MSV Duisburg beim SSV Jahn Regensburg bis zum Schlusspfiff. Leichte Aussetzer hatte es in den letzten Minuten schon mehrmals gegeben. Ich kannte das von meinem Laptop. Das Spiel wogte hin und her, und dann fror das Bild tatsächlich ein. Hektisch lud ich die Seite neu, nur um zu lesen, der Livestream stehe im Moment nicht zur Verfügung.

Das Adrenalin schoss durch meinen Körper. Es ging nun um alles. Ich brauchte Bewegtbilder. In solchen Situationen handelt der Mensch instinktiv. Bei der Netzgemeinde um Hilfe rufen, dazu blieb keine Zeit. Ein weiteres verzweifeltes Mal die Seite neu laden – und während der Laptop arbeitete, schaltete ich hastig den Fernseher an. Auch diese Geräte haben inzwischen eine Vorlaufzeit, ehe sie Bilder zeigen. Kurz schaue ich rüber zum Laptop und sehe, wie der Livestream von Bayern 3 wieder funktioniert.  Der MSV mit Ballbesitz im Mittelfeld. Mein Blick geht zurück zum TV, inzwischen mit den Bewegtbildern aus der Drittligakonferenz beim WDR, und ich sehe denselben Ball, der auf dem Laptop auf den linken Flügel geht, in einem Tornetz. Erst als die Kamera auf den jubelnden Stanislav Iljutcenko schwenkt, begreife ich wirklich, dass der MSV nun wieder führt. Das nenne ich einen Lauf, wenn ich im Moment des möglichen Scheiterns meiner bis dahin gelebten Zeit mit einem Mal voraus bin.

Der MSV und ich, wir haben momentan anscheinend einen Lauf. Der Auswärtssieg des MSV war nicht das zwingende Ergebnis einer überlegenen Spielweise. Durch die Spielanlage war zu erahnen, warum die Zebras die Tabelle anführen. Doch wirkte die Mannschaft gegenüber dem Einsatz der Regensburger oft zu passiv. Gerade zu Beginn der  zweiten Halbzeit schienen die Spieler sich zu sehr auf ihre Defensivstärke und die spielerischen Möglichkeiten zu verlassen. Sie setzten dem großen Willen der Regensburger den Ausgleich zu erzielen nicht genug eigenes Engagement entgegen. Der Ausgleich in der 53. Minute war eine absehbare Folge der zu großen Passivität.

In der ersten Halbzeit hatte das sehr kontrollierte Spiel des MSV noch genügt, die frühe Führung durch Tim Albutat zu sichern. Schon dieses Tor lässt sich als Folge des „Laufs“ erzählen. Es glückte, was im Ansatz noch nicht erfolgsversprechend aussah. Die Flanke von rechts erreichte Tim Albutat nicht direkt, sondern nur weil ein Defensivspieler der Regensburger sie unglücklich auf den Kopf von Albutat verlängerte. Wer einen Lauf hat, kann so ein Tor aber auch als ureigenen Verdienst betrachten. Der Fehler geschah nur, weil die Mannschaft von Anfang an wieder dominant auftrat und die Defensivspieler verunsicherte.

Der Rückstand schien die Lebensgeister der Regensburger vollständig zu wecken. Sie erspielten sich fortan eine leichte optische Überlegenheit. Dennoch hätte das Spiel für uns in Duisburg mit mehr Gelassenheit betrachtet werden können. Nach einem weiten, punktgenauen Abschlag von Mark Flekken in den Lauf von Andreas Wiegel, wurde der im Strafraum von einem Regensburger Defensivspieler gefoult. Der Elfmeterpfiff von Robert Kampa blieb aus.

Aus den Angriffsversuchen der Regensburger ergab sich nur eine einzige wirkliche Chance, ein Schuss im Strafraum, den Mark Flekken souverän abwehrte. Ansonsten zwang die MSV-Defensive zu unpräzisen Pässen, sobald der Ball in Tornähe kam, und weiten Bällen, die von den Stürmern nicht genau genug verwertet werden konnten. Ich vermisste dennoch entlastende Offensivaktionen vom MSV. Erst ein paar Minuten vor dem Pausenpfiff kam das Spiel wieder in ein Gleichgewicht.

In der zweiten Halbzeit entwickelte sich ein offenes Spiel, in dem der MSV die klareren Chancen besaß. Schon als Stanislav Iljutcenko in einen Fehlpass kurz hinter der Mittellinie lief und vom Defensivspieler bedrängt auf das Regensburger Tor zusprintete war meine Hoffnung auf eine erneute Führung groß. Doch konnte sich Iljutcenko gegen die vereinten Kräfte von Defensivspieler und Torwart nicht durchsetzen. Diese Spielsituation zeigt übrigens, warum er den Vorzug gegenüber Kingsley Onuegbu erhält. Auch wenn er vor dem Tor momentan nicht so effektiv ist wie in seinen Osnabrücker Zeiten, Iljutcenko ist einfach sprintstärker als der King.

Vielleicht weckt das Kopfballtor zum 2:1  Stanislav Iljutcenkos etwas verschütt gegangenen Torinstinkt. Denn dieses Stürmertor wirkte überraschend. Plötzlich stand er an der richtigen Stelle, dort wo eigentlich kein Platz war zwischen Torwart und Verteidiger. Dort kam er mit dem Kopf an den Ball, ohne sehr hoch zu springen zum Kopfball. Das Tor war verblüffend, und womöglich protestierte der Regensburger Torwart beim Schiedsrichter auch deshalb. Er konnte sich nicht vorstellen, wie man von Stanislav Iljutcenko Platz aus ohne Foulspiel ein Tor hat erzielen können. Stanislav Iljutcenko hat dieses überraschende Tor gemacht. Er, seine Mitspieler und ich, wir haben momentan eindeutig einen Lauf. Am besten denken wir alle nicht drüber nach und machen einfach damit weiter im nächsten Spiel gegen Rostock.

 

Ein früher Prüfstein für das „Top“ des Favoritendaseins

Wie schön, wenn ganz früh in der Saison eine erste etwas anspruchsvollere Prüfung für den MSV Duisburg ansteht. Wie schön, wenn diese Prüfung zudem zwar knapp, doch erfolgreich bewältigt wird. Wie schön, dass dieses knappe Bewältigen in einer so zugespitzten Weise geschieht, dass daraus nicht Erschöpfung folgt sondern zusätzliche Kraft. Der MSV Duisburg und der VfL Osnabrück trennen sich 1:1-Unentschieden. Hinter dem unspektakulären Ergebnis verbergen sich die Euphorie eines Ausgleichs durch den Torwart des MSV, Mark Flekken, in der allerletzten Spielaktion und ein paar Einsichten.

Lange Zeit sah es so aus, als werde der MSV Duisburg das Spiel gewinnen. In der ersten Halbzeit bestimmte die Mannschaft die Begegnung. Angriff um Angriff wurde ruhig aufgebaut und die wenigen Bemühungen der Osnabrücker in der Offensive wurden im Keim erstickt. Die Osnabrücker mussten auf Fehler des MSV hoffen. Zwei-, dreimal hielt ich den Atem an, weil der ruhige Aufbau im letzten Drittel der eigenen Hälfte misslang. Die kurzen Pässe wurden in die Füße des Gegners gespielt. Wenn das tornah geschieht, kann das auch torgefährlich werden. Die Osnabrücker konnten mit den  Geschenken von Tim Albutat, Kevin Wolze oder Branimir Bajic aber nichts anfangen.

Wieder bewies sich die neue Qualität des Aufbauspiels. Kontrolliertes Spiel war in den letzten Spielzeiten immer auch mit zu wenig Bewegung verbunden. Kontrolliertes Spiel bedeutete immer auch ein sehr statisches Spiel. Das ist Vergangenheit. Wieder ergaben sich aus der kontrollierten Spielweise heraus dynamische Angriffszüge. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die dynamischen Angriffszüge auch in Torgefahr mündeten. Zweimal hatte ich den Torschrei auf den Lippen. Ein drittes Mal holte ich tief Luft. Der Osnabrücker Torwart hielt großartig.

In dieser ersten Halbzeit wurde erkennbar, was uns diese Saison erwartet. Dichte Abwehrreihen,  viel Laufarbeit für die Offensive, viele vergebliche Sprints von Spielern abseits des Balls, um Anspielstationen zu schaffen. Eine schwierige Balance, die Defensive stabil zu halten, wenn aufgerückt werden muss. Denn anscheinend lassen sich die Gegner kaum aus der Defensive herauslocken. Immer wieder gibt es Kontergefahr. Nehmen wir das zusammen, muss die Verwertung der Torchancen besser werden. Sehr gute Chancen werden nur mit viel Arbeit zu erspielen sein. Das kostet Kraft. Sehr gute Chancen müssen genutzt werden.

In der zweiten Halbzeit schien die Mannschaft nahtlos an die Leistung der ersten anknüpfen zu wollen. Der Druck auf das Osnabrücker Tor wurde hoch gehalten. Zlatko Janjic kam nach einer schönen Kombination frei zum Kopfball. Wieder verhinderte der Osnabrücker Torwart mit einem großartigen Reflex die Führung. Nach dem Eckball brachten die Osnabrücker ihren ersten Konter des Spiels wirklich gefährlich in den Strafraum. Fast hätte der Querpass noch geklärt werden können. Doch der Osnabrücker Halil Savran lief in den zur Seite weggeschlagenen Ball und wehrte sich nicht dagegen, als Torschütze wahrgenommen zu werden.

Die Enttäuschung war zu spüren bei uns im Gästeblock und auf dem Spielfeld. Die Zebras waren zu überlegen gewesen, um dieses Tor in der 48. Minute einfach wegstecken zu können. Sie hatten zu viele Chancen vergeben. Es kitzelte die Befürchtung, der Ausgleich könne nicht mehr gelingen, obwohl noch so lange zu spielen war. Nach diesem Tor dauerte es einige Zeit, bis die Angriffe des MSV wieder die Klarheit besaßen, um Torgefahr zu entwickeln. Die Mannschaft bemühte sich zwar, doch die Osnabrücker Defensive konnte nicht stark genug unter Druck gesetzt werden. Stattdessen wurde aus der Kontergefahr die Konterwirklichkeit. Die Osnabrücker besaßen zwei Chancen auf ein zweites Tor, ehe der Druck des MSV in den letzten 15 Minuten wieder so groß war, dass die Osnabrücker nichts mehr riskieren wollten.

In diesen letzten 15 Minuten wurde alles von den Zebras versucht. Immer wieder drangen sie in den Strafraum. Ich erinnere mich allerdings nur an eine einzige halbwegs gute Chance. Gefährlich zum Abschluss kam die Mannschaft nicht. Dann aber folgte der Eckball, bei dem Mark Flekken mit in den Strafraum der Osnabrücker kam. Branimir Bajic köpfte Richtung Toreck, und Mark Flekken, mit dem Rücken zum Tor stehend, verlängerte den Ball mit der Hacke entscheidend ins Tor hinein. Der Jubel explodierte. Was wir in der letzten Saison erst im Saisonfinale erleben konnten, gibt es nun bereits am zweiten Spieltag. Lieblingsauswärtsgegner VfL Osnabrück, die Fahrt hat sich einmal mehr gelohnt.

Als Nebeneffekt des Spiels hat nun die Fußballwelt den Beleg dafür, René Müller, der Trainer des SC Paderborn, verfügt über einen großen Vorrat an Nebelkerzen auf seinem Trainingsgelände. Die braucht er um die Podeste unsichtbar werden zu lassen, auf die er Gegner und eigene Mannschaft je nach Wunsch vor und nach dem Spiel stellt. In Osnabrück hat Fußballdeutschland jedenfalls sehen können, der Müllersche „Topfavorit“ der Liga ist der MSV nicht. Für solch eine herausragende Rolle fehlte der Mannschaft Souveränität nach dem Rückstand. Sie schien doch einige Zeit verunsichert. Einige Spieler waren mehr mit der Enttäuschung beschäftigt als dass sie auf das Gelingen dank eigener Fähigkeiten vertrauten. Ich bin ohnehin zufrieden mit dem Aufstiegsfavoriten in einer Reihe mit ein paar anderen Mannschaften. Wieviel „Top“ dann noch hinzu kommt, wird sich die Mannschaft erarbeiten müssen.

Als ab Mitte der zweiten Halbzeit die Mannschaft sich gegen die drohende Niederlage stemmte, entwickelte sich im Gästeblock ein Dauersupport mit immer größerer Dynamik, der trotz Rückstand immer euphorischer wirkte und nach dem Schlusspfiff Feierhymne wurde: Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein. Die einzige ganz große Liebe. Mein Herz schlägt für dich, Spielverein. Kann man mal eine halbe Halbzeit singen.

 

 

Und nun bin ich auch fast schon in Münster. Das geht schnell diese Woche. Nach dem Spielverlauf kommt das der Mannschaft nur zugute. So lässt sich vielleicht noch etwas mehr von diesem selbstbegeisternden Gefühl des Last-Second-Tores mitnehmen.

Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein….

Karton mit Zehn-Watt-Hoffnungs-Glühbirnen gefunden

Heute muss es schnell gehen. Ich muss gleich meinen wieder entdeckten Vorrat an Zehn-Watt-Hoffnungs-Glühbirnen unter die Leute bringen. Endlich mal wieder ein bisschen Licht schon in der Woche, ganz zu schweigen vom Spieltag, an denen es in der letzten Zeit für uns alle ja doch ziemlich dunkel geworden war.

Selbst mein Spieltags-3-Watt-Hoffnungsglimmen war allerdings am Samstag während der ersten Halbzeit im Spiel vom MSV gegen Union Berlin auf einen 1-Watt-Rest runtergedimmt. Union spielte einen schön anzusehenden Kombinationsfußball. Das war sehr beeindruckend, wie Unions Spieler jederzeit wussten, in welche freien Räume die Mitspieler zogen, wie die Spieler selbst potentielle Wege des Balles aufnahmen und so ihren Mannschaftskollegen die Gelegenheit gaben, um schnelle Pässe zuzuspitzeln, um selbst scheinbar freie Bälle sofort wieder zu kontrollieren oder per Kopf sehr genau und bewusst abzuspielen. Das sah alles planvoll aus, blieb allerdings für diese Kombinationssicherheit erstaunlich ungefährlich. Sicher, es gab Chancen für Union Berlin. Doch so leicht und dynamisch wie diese Mannschaft sich an den Strafraum heranspielte, so wenig Durchschlagskraft hatte die Mannschaft vor dem Tor des MSV.

Meine Sorge vor diesem Kombinationsfußball erwies sich als zu groß, zumal auch der MSV ohne diesen Kombinationsfußball mit einem viel zufälligeren Spiel zu Chancen kam. Im Grunde sah die Spielweise des MSV nach dem Braunschweig-Spiel sogar in dieser ersten Halbzeit nach einem kleinen Rückschritt aus. Es fehlte der Offensive an Dynamik und der Defensive zu oft der Zugriff auf den Ball. Dennoch stand es zur Halbzeit torlos Unentschieden, dennoch hätte es auch gut 1:1 stehen können.

Die zweite Halbzeit begann, und das Spiel wurde anders. Mit dem Anpfiff war der MSV präsenter. Mit dem Anpfiff stellte sich endlich auch in der Spielanlage ein Gleichgewicht ein. Der MSV wurde besser, Union etwas schlechter und schon sah das Offensivspiel des MSV endlich so planvoll aus, dass meine Hoffnung nicht mehr nur gerichtet war auf das zufällige Herunterfallen eines Balles in Strafraumnähe bei zufälliger gleichzeitiger Anwesenheit eines Spielers im MSV-Trikots und weiteren Zufällen in der Folge. Passend für uns Duisburger kam in diese aufkeimende Hoffnung hinein der Elfmeterpfiff gegen den MSV. Eigentlich wurde ein aus der Ferne gefährlich wirkender Angriff von Union recht souverän geklärt; sofort wurde mit schneller Kombination das Gegenpressing überwunden, der Ball war auf Außen, zeitgleich brachte Rolf Feltscher  im Strafraum einen Spieler Unions zu Fall. War das so? Darf ich mit Recht sagen, selten ein so überflüssiges Foul im Strafraum gesehen zu haben?

Wenige Minuten später führte Union 1:0, und ich begann mir über Fortuna Köln und Auswärtsfahrten in den Osten Deutschlands Gedanken zu machen. Die Mannschaft hingegen war nur kurz irritiert. Sie hatte keine Zeit dazu, denn Victor Obinna und Nico Klotz wurden eingewechselt und schienen sich vorgenommen zu haben, den Ausgleich innerhalb der nächsten Minute zu erzielen. Vielleicht ging es den anderen Spielern auch von Anfang an so, aber dieser brennende Wille beider ragte heraus. Mit dem ersten Ballkontakt brachte Nico Klotz seine Gegenspieler ins Rotieren. Er war so schnell im Dribbling, suchte das Kombinationsspiel und ging mit einer Dynamik auf das Tor zu, die der Defensive von Union Angst machen musste. Ein ähnliches Bild bot Victor Obinna im offensiven Mittelfeld, wo er die freien Räume suchte, die hohen weiten Bälle gut behauptete und sie schnell verarbeitete. Das Spieltempo des MSV hatte angezogen.

Die Tore, die folgten, waren kein Zufall mehr. Diese Tore waren die Konsequenz jenes druckvolleren Spiels, das wir zu sehen bekamen. Den Ausgleich erzielte Stanislav Iljutcenko auf die intuitive Weise eines Weltklassestürmers. Diese Ballannahme im Strafraum mit dem Rücken zum Tor, die eine Selbstvorlage zum Fallrückzieher war, gehört zu den Unberechenbarkeit eines Instinktfußballers. Der 2:1-Führungstreffer fiel nur wenig später durch Nico Klotz, nach schnellem Kombinationsspiel über den linken Flügel, und auch das war ein wunderschön anzusehendes Tor.

Unsere Nerven hätte es beruhigt, wenn einer von zwei vielversprechenden Kontern über den ebenfalls eingewechselten Tim Albutat erfolgreich vollendet worden wären. Ein Freistoß von Union an der Strafraumgrenze auf deren linken Flügel wagte ich kaum mir anzusehen. Knapp strich der Ball über die Latte. Es war die größte Chance zum Ausgleich in einem Spiel, das der Schiedsrichter für unser Gefühl nicht abpfeifen wollte. Vier Minuten Nachspielzeit waren es ohnehin schon. Gefühlte zehn wurden es für mich. Erlösung mit dem Schlusspfiff und die plötzliche Erinnerung an den Karton im Keller mit diesen Zehn-Watt-Hoffungs-Glühbirnen. Die bringe ich jetzt erstmal unter die Leute.


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