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Einfach nur Hoffen können wäre schöner

Eigentlich ist es ganz einfach. In jedem Fußballspiel geht es darum zu gewinnen. Noch aus dem belanglosesten Fünf gegen Fünf auf Tore, die durch Sporttaschen markiert werden, kann ein hartes Kämpfen um den Moment des absoluten Glücks werden, den Sieg. War ich irgendwo Teil einer Mannschaft, egal in welchem Sport, gab es immer genügend Spieler, deren Ehrgeiz nicht nur von der einzelnen gelungenen Spielaktion befriedigt wurde, sondern die bei Spielende den Gegner bezwungen haben wollten. Im Wettkampf werden archaische Gefühle lebendig, und ein Spiel entwickelt deshalb eine auf den Tag bezogene Bedeutung des Spielausgangs.

Werden diese archaischen Gefühle auch bei Berufsfußballern am Ende einer Saison lebendig, wenn ihre Mannschaft nur noch geringe Chancen hat, das gesteckte Ziel zu erreichen oder wenn es sogar um nichts mehr als das Ergebnis des aktuellen Spiels geht? Am Sonntag spielt der MSV Duisburg gegen die SpVgg Greuther Fürth, und es herrscht eine zwiespältige Stimmung rund um den MSV Duisburg. Rechnerisch gibt es noch die Chance den dritten Platz zu erreichen, und die Art und Weise, wie viele an dem Verein Interessierte mit dieser Chance umgehen, weist über Skepsis angesichts des Saisonverlaufs hinaus. Für viele am MSV Duisburg Interessierte ist es fraglich, ob sowohl alle Spieler als auch die Verantwortlichen im Verein diese Chance wirklich wahrnehmen wollen. Dieses Misstrauen scheint mir ein Symptom zu sein für ein Missverhältnis zwischen der Sehnsucht nach dem Fußball als sportlichem Vergnügen und den Strukturen, die für das Funktionieren dieses Sports als Unterhaltungsbranche notwendig sind.

Aus dem Verein heraus gibt es von der Spielerseite her eine klare, professionelle Haltung zu den restlichen Spielen der Saison, die etwa von Tom Starke und Nicky Adler deutlich gemacht wird. In ihrer Haltung drückt sich Realismus aus, der für die Hoffnung auf das Erreichen des unwahrscheinlichen dritten Platzes dennoch genügend Raum lässt. Lese ich das, vertraue ich ganz der eigenen Dynamik eines jeden Spiels, weil auch ein  Berufsfußballer grundsätzlich an Siegen größere Freude hat als an Niederlagen. Was weckt nun Skepsis?

Auch bei mir stellt sich etwa eine andere Stimmung ein, wenn die nächste Saison den Schwerpunkt der Berichterstattung über den MSV Duisburg darstellt. Ivica Grlic hat Lust bei einem Neuanfang des MSV Duisburg zu helfen. Die Zukunft von Christian Tiffert hat sich als „Teufel aus Überzeugung“ geklärt. „Tiago hängt beim MSV in der Warteschleife„, und es wird gefragt, ob Marcel Herzog die neue Nummer eins wird. Die Zukunft als Thema der Artikel trübt angesichts der ungewissen Aussichten für den MSV Duisburg naturgemäß jegliches Gefühl der Hoffnung ein. Denn dabei geht es nicht in erster Linie um den Sport, dabei geht es vor allem um den MSV Duisburg als ein Unternehmen der Unterhaltungsbranche Fußball und als Hintergrund der einzelnen Geschichten klingen die Rahmenbedingungen für das Wirtschaften dieses Unternehmens an. Hoffnung auf den Erfolg im Augenblick spielt in diesen Artikeln, wenn überhaupt, nur am Rande eine Rolle.

Rückt aber der Verein als Wirtschaftsunternehmen in den Blick, gerät unser Empfinden sofort unter den Einfluss ökonomischen Denkens. Die Kategorien für die Motivation in einem Spiel heißen dann nicht mehr Sieg oder Niederlage sondern Gewinn oder Verlust. In dieser Perspektive werden die Berufsfußballer zur Projektionsfläche des eigenen Verhaltens. Wir kennen das nämlich aus unserem Alltag: Nicht jeder von uns arbeitet jeden Tag mit derselben Intensität und Effizienz, die von uns gefordert wird. Wir kennen ebenfalls den Abschied vom Arbeitsplatz, der schon einige Zeit vor dem letzten Arbeitstag beginnt. Und wir alle überlegen immer wieder sehr gut, wie und wo wir günstige Angebote wahrnehmen und wo unser Einsatz sich lohnt.

Unser Misstrauen wirkt wie eine passiv-aggressive Kritik an den so lange einzig gültigen Werten unserer Gegenwart. Wir wollen es auf dem Platz spüren, wie sehr dort die Berufsfußballer sich für unseren Verein einsetzen und damit für einen anderen Wert als das Geld. Das gelingt immer weniger, je länger die Saison andauert und ein erhoffter Erfolg sich nicht einstellt. Sowohl Spieler als auch Zuschauer müssen dann mit dem Widerspruch umgehen, dass im Spiel individueller Gewinn jedes Spielers und mannschaftlicher Sieg nicht mehr per se zusammen fallen. Je länger die Saison andauert, desto heller erleuchtet wird daher eine Leerstelle in der Unterhaltungsbranche Fußball, die Berufsethos heißt. Was erhält ein Verein, wenn ein Fußballspieler seine Arbeitskraft verkauft? Wie groß wird die Bereitschaft an körperliche Grenzen zu gehen? Es ist sinnlos, solche Fragen an einzelne Spieler zu richten und jemanden Söldner zu schimpfen, wenn er dem Wunsch der Zuschauer nach Leistung nicht nachkommt.

Nehmen wir vergleichsweise einen Musical-Künstler. Muss dieser eine besondere emotionale Beziehung zu seinem Musical-Theater aufbauen, damit ihm ein guter Auftritt gelingt?  So eine Beziehung kann sich entwickeln, notwendig ist sie nicht. Denn so ein Musical-Künstler ist neben der einzelnen Bühne auch seinem Handwerk verpflichtet. Das reicht. Ich habe den Eindruck, bei den Spitzenvereinen ist der Fußball auf diesem Niveau der Professionalisierung als Unterhaltungsbetrieb angekommen. Doch schon im unteren Tabellendrittel der Bundesliga klagen Anhänger über Söldnertum in ihren Vereinen.

Noch fehlt in der Unterhaltungsbranche Fußball solch eine Selbstverpflichtung der Akteure auf eine höhere Idee. Institutionell drückt sich das im Nebeneinander von DFB und DFL aus – beim DFB kümmert man sich um die Idee, bei der DFL um das Geschäft. Nur zu Beginn einer Saison wird die Leerstelle durch die Verpflichtung zum Verein besetzt. Doch was geschieht am Ende einer Saison. Ich weiß es nicht. Deshalb muss ich am Sonntag mein Misstrauen besänftigen und auf die Kraft archaischer Gefühle hoffen. Sich keine Gedanken über die Interessenlage von Spieler und Verein zu machen und einfach nur auf den Sieg hoffen können wäre aber schöner.

Alles wie gehabt – Die Zukunft kann beginnen

Genau so wie das Spiel gestern vom MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München vor allem in der ersten Halbzeit aussah, hatte ich es mir nach Milan Sasics Ankündigung einer veränderten Heimtaktik vorgestellt. Ich hatte mir zudem allerdings auch noch ein Tor für den Verein aller Vereine vorgestellt. Nun, ja! Zwei Mannschaften machen hinten dicht und choreografieren immer wieder an der Mittellinie eine 20-Mann-Synchron-Tanzformation. Hin und wieder bricht einer aus der Gruppe aus und für einen Moment beschleunigt sich das Spiel in Richtung eines Tores, weil zwei bis drei Mitspieler es für eine gute Idee halten, mitzulaufen. Fast alle Gegenspieler sind dann ebenfalls dabei. Auf diese Weise ist es dem MSV Duisburg in der ersten Halbzeit sogar gelungen, sich etwas zu erarbeiten, was annähernd Torchance genannt werden kann. Wie wir es vom MSV Duisburg aber auch kennen, ergibt sich aus so einer einzelnen Möglichkeit keine Reihe. Es entsteht kein kontinuierlicher Druck. Die Mannschaft kehrte immer wieder in die Synchronformation an der Mittellinie zurück.  Mit zunehmender Spielzeit erschwerte der aufgeweichte Boden das Spiel beider Mannschaften dann immer mehr und die gleichförmige Bewegungen der Zwanzigmanngruppe löste sich in Kleingruppen auf.

Dem Münchner Torschützen Djordje Rakic erleichterte der Boden allerdings sein Spiel. Tom Starke wird nämlich im RevierSport zitiert, er habe „zu viel Matsche“ am Handschuh gehabt. Was als Erklärung dafür gelten soll, warum er den erst gefangenen Ball Rakic überließ. Es war ein kurioses Tor aus unserer Sicht von der Gegenseite aus. Wir sahen zwar eine torgefährliche Aktion, doch Tom Starke hatte doch den Ball gehalten. Aus der Ferne war danach keinerlei Unruhe oder schnelle Bewegung im Strafraum zu erkennen. Doch auf einmal hatte ein Münchner Spieler den Ball am Fuß und schon jubelten die Münchner Spieler.

In der zweiten Halbzeit war es aber klar, wenn in diesem Spiel ein Tor fallen sollte dann nur, weil irgendeiner der Spieler einen eklatanten Fehler machen würde. Dass es dann ein Duisburger Spieler sein musste, ist bitter. Einmal mehr haben wir die Grenzen dieser Mannschaft erlebt. Es ist ja nicht so, als hätten sich die Spieler nicht bemüht. Doch es fehlt dieser Mannschaft im Spiel nach vorne die Durchsetzungskraft. Ich erkenne bei meinem nicht sehr ausgeprägtem fußballtaktischen Wissen – vielleicht liest jemand mit und wir können das gemeinsam noch besser aufdröseln – also, mir scheint es bei Heimspielen für die Offensive der Mannschaft genau zwei taktische Möglichkeiten zu geben. Dummerweise führen beide mit nur geringer Wahrscheinlichkeit zum Erfolg. Eigentlich brauchen offensives Mittelfeld und Sturm zusätzliche Unterstützung für die Angriffsbemühungen. Das sind meist Vorstöße der Außenverteidiger. Haben die Außenverteidiger diese taktische Anweisung für das Spiel, entblößt die Mannschaft die Defensive gerade gegen Gegner mit einem gut organisierten Angriffsablauf zu sehr. Wird aber auf diese Vorstöße verzichtet, üben die Angriffe des MSV Duisburg zu wenig kontinuierlichen Druck auf den Gegner aus. Nur solch ein Druck führt aber zu Fehlern des Gegners. Deshalb muss auf den zufälligen Erfolg einzelner Spielaktionen gehofft werden.

Es bleibt Enttäuschung und die Suche nach etwas im Spiel, was die Stimmung hebt. Fündig werde ich bei Kevin Grund. Wenn ich mir seine Leistung in Erinnerung rufe, bekomme ich gute Laune. Nun wissen wir, auch beim MSV Duisburg gibt es zumindest einen dieser souveränen jungen Spieler, von denen ganz Deutschland bei den Erstligisten schwärmt. Das war beeindruckend, was er in seinem ersten Spiel im Profi-Betrieb gezeigt hat. Er war ballsicher, zeigte gutes Stellungsspiel, war antrittsschnell, sprintstark und bewies ein überlegtes Passspiel, wenn nach seiner  Balleroberung sofort wieder Druck auf ihn ausgeübt wurde. Ich denke schon wieder an die Zukunft und an eine Mannschaft, die sich auflöst. Da ist es gut, so einen Spieler mit Vertrag im Verein zu haben.

Gefühlter Heimspielverzicht vom MSV Duisburg bei veränderter Taktik?

Ihr kennt noch eine der Anfangsszenen aus „Das Wunder von Bern„? Mattes, der Sohn des Kriegsgefangenen Richard, schickt zusammen mit seinen Freunden eine Brieftaube los, um das Ergebnis eines Fußballspiels zu übermitteln. So eine Brieftaube im Anflug hätte mich gestern sehr gefreut. Bei einer Geburtstagsfeier war ich nämlich abgetrennt von jeglichen modernen Kommunikationsmitteln. Wie es zu dieser Selbsterfahrung kommen konnte, ist eine andere Geschichte. Aber trotz des intensiven Verdrängens aller Aufstiegsgedanken wurde ich ab 13 Uhr zunehmend nervös. Den Tischgesprächen konnte ich von da an nur noch unzulänglich folgen, geschweige denn dass ich selbst viel zu den Themen hätte beitragen können.

In so einem Fall hält man sich am besten an eine der Grundregeln gelingender Kommunikation: Störung zuerst. Wenn ich dann aber halb im Scherz seufzend mein Leid klagen wollte, blieb mir für Sätze über den MSV Duisburg nicht allzu viel Zeit. Wenn mein Tischnachbar neben dem geseufzten „Ergebnisse der Fußballspiele heute“ noch „Zweite Liga“ hörte, lauerte er bereits nur noch auf ein passendes Überleitungswort in meinem Reden zum eigenen Herzensthema des Wochenendes: die zwei Tore von Lukas Podolski. „Was für eine Befreiung beim ersten Tor“; und: „Hätte Podolski beim zweiten Mal doch nur nicht selbst geschossen und den Ball Freis überlassen. Der stand nicht im Abseits“. Wir lernen also daraus, Störung zuerst, schön und gut. Wenn ein Gespräch aber aus nichts mehr als Störung besteht, wird es ganz schön kompliziert.

Dann reden wir im besten Fall halbherzig über Dinge, die uns nur am Rande interessieren und freuen uns darauf, wieder zu Hause zu sein. Dort erfuhr ich es dann endlich. Auswärtssieg! Wieder! Ich kenne den 1:0-Sieg gegen den 1. FC Union Berlin also nur aus zweiter Hand. Einstimmig wird von Presse und Fans Tom Starke als Garant für den Sieg gefeiert. Auch er selbst schätzt das im Interview nach dem Spiel mit Sky so ein (Der Spielbericht ist übrigens ab heute nur eine Woche online). Die Überraschung des Spiels war die Aufstellung von Björn Schlicke als rechtem Außenverteidiger. Dass er zudem das Siegtor schoss, hob seine Laune sicher noch mehr. Nicht nur als ich vorhin die Großchance von Srjdan Baljak in der ersten Halbzeit sah, war ich im Nachhinein froh diese Bilder nicht live gesehen zu haben. Auch die Chancen vom 1. FC Union Berlin zum Ende des Spiels hätten meine Nerven beim Zuschauen am Fernsehen oder PC-Bildschirm überfordert.

Wenn ich sämtliche Stimmen und die Bilder der Sky-Zusammenfassung resümiere, komme ich zum Schluss, die Auswärtssiege des MSV Duisburg gleichen sich sehr. Die kompakte Abwehr lässt wenig zu. Die Konter werden aber nicht genau genug ausgespielt, um das Spiel sicher zu gewinnen. Abschlussschwäche kommt hinzu. Deshalb braucht die Mannschaft für ihre Siege einen Torwart wie Tom Starke in der derzeitigen Form.

Ich denke nicht an Aufstieg. Zumal ich den Eindruck habe, dass bei allem Reden unter Fans über Platz 3 zwar alle die Ausscheidungsspiele gegen den Erstligisten irgendwie schon im Kopf haben, aber es längst noch nicht wirklich fühlen. Gewonnen ist auf Platz 3 noch nichts. Platz 3 ist nur das Andauern der Möglichkeit zum Aufstieg. Während ich nicht an den Aufstieg denke, mache ich mir natürlich über den Aufstieg dennoch Gedanken. So balanciere ich mühsam meine Gefühle aus. Denn ich gehöre nicht zu den Anhängern des MSV Duisburg, die die Mannschaft lieber in der 2. Liga sehen als chancenlos in der Bundesliga.

Eine Prüfung für den Aufstiegswillen der Fans könnte eine veränderte Heimspieltaktik sein. Milan Sasic deutet sie an. Wenn die Mannschaft zu Hause versucht, ähnlich kompakt wie bei Auswärtsspielen zu verteidigen und der Gegner ebenso defensiv spielt, wird das nicht sehr ansehlich werden. Dann müssen Fans sich geduldig zeigen. Dann muss so ein Heimspiel vielleicht von Seiten des Verein im Vorfeld erklärt werden. Ansonsten höre ich schon jetzt die lauter werdende Unzufriedenheit. Heimspielverzicht sehen die Statuten des DFB ja nicht vor. Was tun?

Besser als der Eindruck

„Die Abwehr – wie ein Hühnerhaufen“, ruft der WDR-Reporter in das Mikro. Durch den nächsten herrlichen Konter fällt das dritte Tor. In der achtzehnten Minute. Jetzt sagt ihr, Moment, es sind doch nur zwei Tore gefallen. Richtig. Das war auch gestern. Wir haben aber Samstagnachmittag, ich komme spät zum Schreiben, und ich höre „Sport und Musik“.  In Mönchengladbach erleben die Zuschauer gerade das, was wir gestern auch gesehen haben. Mit dem Unterschied, dort kontert die Heimmannschaft und die Gäste versuchen sich am Spielaufbau.

Relativieren die Bremer Erfahrungen die erste Halbzeit des gestrigen Spiels vom MSV Duisburg gegen den FC St. Pauli schon etwas? Manchmal ist es ein Vorteil, wenn ein wenig Zeit verstreicht, ehe ein Urteil gefällt und Enttäuschung in Worte gefasst wird. Was soll ich all das wiederholen, was fast überall schon geschrieben wurde? Natürlich offenbarte sich ein Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Natürlich hätte es fünf oder sechs Tore für St. Pauli geben können – gerade steht es in Mönchengladbach übrigens 4:1. Und natürlich hielt Tom Starke überragend. Für seine Stärken war das Spiel perfekt geeignet. Natürlich wirkt eine Abwehr bei solchen Kontern überfordert. Wie das Mittelfeld, das beim Spielaufbau jene Fehler machte, die der Abwehr erst das Unmögliche abverlangte. Mal abgesehen vom ersten Tor, bei dem die Abwehrspieler die Stürmer St. Paulis zur freien Kombination einluden. Soll ich also auch schreiben, dass man mit der zweiten Halbzeit halbwegs zufrieden sein konnte? All das ist allerorten schon geschrieben worden.

Wäre es da nicht zumindest unterhaltsamer, provokativ zu sagen, der MSV Duisburg hätte das Spiel gewinnen können. Den Klassenunterschied hat es nur deshalb gegeben, weil der Verein aller Vereine mit seiner für eine Heimmannschaft typischen Spielweise die Stärken des FC St. Pauli nur besonders zur Geltung gebracht hat. Soll ich provokant fragen, ob das Heimpublikum es ausgehalten hätte, einen nach dem frühen Gegentor abwartenden MSV Duisburg zu sehen, eine Heimmannschaft, die sich erst einmal zurück zieht, um sich zu besinnen und aus der verstärkten Abwehr heraus zunächst nicht mehr als das Unentschieden zu wollen? Es waren noch 83 Minuten zu spielen. Im Fußball gibt es solch einen Wechsel der Taktik mitten im Spiel kaum. Es fehlen die Auszeiten, um die Mannschaft kollektiv während einer Ruhephase in eine andere Richtung zu schicken. Dennoch sollte man dieses Gedankenspiel einmal vornehmen. Dann lässt sich die Leistung des FC St. Pauli in der zweiten Halbzeit auch noch einmal gesondert bewerten. Denn bei einem ruhigen Spielaufbau gelingt dieser Mannschaft auch nicht allzu viel.

Das schreibe ich auch deshalb, weil in Duisburg das zu-Tode-betrübt-Sein ein Lieblingsgefühl des Publikums ist. Mich haben die Pfiffe zum Abpfiff der ersten Halbzeit auf dieselbe Weise geärgert wie die vergebenen Torchancen in der zweiten Spielhälfte. Da kann man dieses Mal die von den Ultras motivierten Fans kaum zu wenig loben, die dieses idiotische Pfeifen übertönen wollten. Was soll dieses Pfeifen? Hat diese Mannschaft in der ersten Halbzeit etwa nichts versucht? Das Können dieser Mannschaft reichte nicht aus, um diesen so früh und perfekt agierende Defensivverband St. Paulis zu überspielen. Prügelt ihr auf eure Kinder ein, wenn sie partout nicht aus dem Stand heraus partielle Differentialgleichungen lösen können? Was soll das: „Schlicke raus“? Darf man während des Spiels trotz aller Enttäuschung nicht auch einen Funken Verstand erwarten? Wer sitzt denn da zurzeit auf der Bank als Ersatz? Frank Fahrenhorst. Von ihm lese ich natürlich wegen seiner so überragenden Spielweise immer wieder als „Gefahrenhorst“.

Im Grunde haben wir es vorher gewusst. Es gibt die Schwächen dieser Mannschaft, und manchmal ist der Gegner dazu in der Lage, diese Schwächen auszunutzen. Diese  Schwächen werden in dieser Saison dauerhaft nicht abzustellen sein. Dennoch kann die Mannschaft um den Aufstieg weiter mitspielen. Eine Niederlage gegen einen starken Gegner hat es gegeben. Das nächste Spiel ist auswärts, normaler Weise liegt dem MSV das mehr. Im übrigen nicht nur dem MSV wie die große Zahl der Heimniederlagen in der Bundesliga während dieser Saison zeigt.

Wärmer als in Cottbus ist noch kalt genug

Die Siegesserie reißt nicht. Bereits drei von drei Auswärtsspielen gewann der MSV Duisburg, wenn ich mir den Verein aller Vereine  zusammen mit dem befreundeten Schalke-Fan vor einem Fernseher in Köln-Nippes angesehen habe. Mein unmittelbarer Kontakt mit der Schalke-Aura wird nicht jedem gefallen, doch wie ich uns Menschen kennen gelernt habe, können sorgsam gepflegte Feindschaften Grenzen überwindende Freundschaften normaler Weise gut vertragen.

Dieser 1:0-Sieg in letzter Minute gehört in die Klasse jener Spiele, um deren Bewertung im Nachhinein noch etwas gerungen wird. Nicht, weil das Tor so spät fiel, sondern weil beide Mannschaften ihre Chancen hatten und keine von beiden der anderen deutlich überlegen war. So können sich die Cottbusser ihren Ärger wegen des späten Tores von der Seele reden und sich dem tröstenden Glauben hingeben, sie hätten eigentlich mit drei oder vier Toren führen müssen. Aus so einer Perspektive ist der Sieg des MSV Duisburg natürlich glücklich gewesen.

Vergessen werden dabei nicht nur die zwei Großchancen des MSV durch Srdjan Baljak in der ersten Halbzeit und Anfang der zweiten Halbzeit sondern auch die gesamten letzten zehn Minuten. So etwas lindert natürlich unangenehme Gefühle. Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt man so aber nicht. Abspaltung nennen das Psychotherapeuten. Wenn „Pele“ Wollitz da nicht aufpasst, verfestigt sich so etwas, und man wird für seine Umwelt ganz wunderlich.

Deshalb wehren sich zurecht gegen diese eindeutige Wertung sowohl Milan Sasic, „Das war kein Glück, sondern Können“, als auch Ivica Grlic im Interview mit Marco Röhling, „von unverdient oder glücklich zu reden? Nö, muss nicht sein.“ Doch warum spricht Tom Starke dann vom „Quentchen Glück“, das der MSV gehabt hatte? Natürlich richtet er als Torwart seinen Fokus mehr auf die Chancen des Gegners als Ivo. Doch noch etwas anderes spielt da hinein, und das gibt mir Gelegenheit auf zwei Bedeutungsdimensionen des Wortes Glück hinzuweisen.

Wir sprechen nun einmal nicht allzu oft von denselben Dingen, wenn wir dieselben Worte in den Mund nehmen. Sich verstehen grenzt oft entweder an ein Wunder oder ist ohnehin nichts weiter als ein Missverständnis. Es gibt dieses Glück, von dem die Cottbusser reden und das Milan Sasic und Ivo Grlic mit Recht bestreiten. Dieses Glück ist der Zufall, jener Lottogewinn, der über einen kommt, ohne dass man mehr dazu getan hat als den Schein abzugeben. Dann gibt es aber auch dieses Glück von dem Tom Starke spricht. Das ist weniger ein Ereignis als ein andauernder Zustand. Es ist die Gunst der Götter, eine unsichtbare Macht, die es gut mit einem meint. Dieses Glück ist die schützende  Energie, die die alltägliche Anstrengung eines jeden mal mehr mal weniger unterstützt. Dieses Glück muss man sich erarbeiten. In diesem Sinne nur war der Sieg des MSV Duisburg glücklich.

Und verdient war er deshalb auch. Denn die Mannschaft hat bis zur letzten Minute versucht, das Tor zu erzielen. Wobei mir auffiel, wie sehr der Druck zunahm, nachdem Nicky Adler eingewechselt wurde. Zugegeben, wieder vergab er eine Großchance, doch seine Leistung stabilisiert sich. Eine Aktion wie seinen Übersteiger im Strafraum mit torgefährlichem Abschluss habe ich noch vor wenigen Wochen von ihm nicht für möglich gehalten. Da war er der unermüdliche Sprinter, der notfalls auch durch den Gegner hindurchlaufen wollte und den Ball dabei immer wieder auch mal vergaß. Da hat sich was getan, keine Frage.

Vor seiner Einwechslung hatte ich jedenfalls nicht das Gefühl, der MSV könne noch einmal torgefährlich werden. Richtig zwingend wurde da nichts mehr nach den ersten Aktionen in der zweiten Halbzeit. Da fürchtete ich eher einen erneuten langen Pass auf Cottbussens Kweuke. Gleichzeitig war ich dennoch mit der Leistung in der Defensive  zufrieden. Beim Spiel nach vorne haperte es ein wenig, das war gestern nicht so präzise wie in den Spielen zuvor. Was aber an den eisigen Temperaturen gelegen haben mag.

Trotz des perfekten Zusammenspiels der beiden Winter-Neuzugänge bei dem Siegtor ist Dario Vidosic auf dem Platz längst nicht so präsent wie Srjdan Baljak. Allerdings kann ich mich auch an keinen neuen Spieler beim MSV Duisburg erinnern, der sich sofort derart gut in die Mannschaft eingefügt hat wie der Ex-Mainzer. Erneut waren sowohl seine Einzelaktionen als auch sein Zusammenspiel mit den Mitspielern auf einem Niveau, das die spielerische Leistung der Mannschaft mitträgt.

Als ich nach Hause fuhr, war es in Köln um die zehn Grad wärmer als in Cottbus. Bei aller guten Laune noch immer kalt genug. Doch der Gedanke an den Freitag hat da weiter geholfen. Da wurde mir sofort wärmer, wenn ich an die vier punktgleichen Mannschaften dachte und die Möglichkeit, dass auch die Kaiserslauterner und St. Pauli bald schon nicht mehr allzu weit von diesen vier Vereinen entfernt sein könnten. Das kann spannend werden. Wobei ich das nicht all zu lange brauche. Wärmer wird es in den nächsten Wochen ohnehin.

Veränderungen deuten

Da hat sich am Wochenende ja einiges in NRW nicht getan, worüber dennoch schon vorher mit eindrucksvollen Worten im tagesaktuellen Medienauswurf berichtet wurde. Wann soll man eigentlich glauben, was in diesen Medien erzählt wird? Was ist sachliche Information über ein mögliches Geschehen, und wann verkleidet sich das aufgeregte Gefühl von Journalisten einem sensationellen und den Alltag durchbrechenden Ereignis möglicherweise beiwohnen zu dürfen in der vermeintlich zur umfassenden Information notwendigen Frage nach den zu erwartenden Gefahren?

Was soll man glauben, wenn Bernd Bemmann in der Rheinischen Post die Veränderungen beim MSV Duisburg kurz vor und in der Winterpause als Vorboten von Unheil zu deuten beginnt und seinen Artikel mit der bedeutungsschwangeren Frage beendet: „Was kommt wohl noch?“ In der Summe und ohne einordnende Worte beschleicht einen beim Anblick der Veränderungen vielleicht ein komisches Gefühl. Doch für jede einzelne der von Bernd Bemmann aufgelisteten Veränderungen gibt es zufrieden stellende Erklärungen. Das wäre Alltag. Man kann aber sogar den Wechsel des Pressesprechers als ein Zeichen für Irgendwas deuten. Für Bernd Bemmann mag dieser Wechsel ein schlechtes Omen sein, mir gibt dieser Wechsel allerdings die Hoffnung auf eine Erreichbarkeit und erste Antwortbereitschaft der Presseabteilung, die in anderen Vereinen selbstverständlich ist. Oder man kann Chinedu Edes Weggang nach Berlin als Zeichen für Ungemach deuten, obwohl von Vereinsseite vorher bereits an ein Ausleihgeschäft gedacht wurde.

Ist Bernd Bemmanns Artikel  nun nur der Versuch einer feinsinnigeren Variante der Holzhammer-Bild-Worte? Dort  wird ja gemunkelt, unter Sasic verlieren die Spieler des MSV Duisburg den Spaß am Fußball. Gibt es für diese Angstlust vor der nahenden Katastrophe wirklich Gründe in der Gegenwart? Chavdar Yankovs Meinung zum Trainer einzuholen scheint mir ebenso erhellend zu sein wie den Ex-Frauen von Lothar Matthäus beim Erzählen über dessen wahren Charakter zuzuhören. Schließlich berichten auch diese ins Trainingslager nach Belek mitgereisten Fans im MSVportal von der gelösten Stimmung beim dortigen Training, andererseits wiederum passt der Kommentar Nr. 10 dieses Augenzeugens unter dem Artikel von Dirk Retzlaff bei Der Westen wiederum mehr zu dem, was von den Journalisten ausgemacht wurde.

In besagtem Artikel wirkt Dirk Retzlaff zudem sorgenvoll, wenn er von Björn Schlickes Abwahl als Mannschaftskapitän berichtet. In dem Fall, so glaube ich, sorgt er sich an falscher Stelle. Für Milan Sasic hat sich mit der Wahl Tom Starkes zum Mannschaftskapitän das Problem entschäft, den Mannschaftskapitän möglicherweise nicht spielen lassen zu können. Björn Schlicke spielte in dieser Saison nicht so viel besser als seine Konkurrenten um den Platz in der Innenverteidigung, und es ist eine offene Frage, wie diese Innenverteidigung besetzt sein wird, wenn alle verletzten Abwehrspieler wieder gesund sind.

So wird man als Zeitungsleser schnell ratlos angesichts der angeführten Belege für den sorgenvoll Blick in die Zukunft. Das reicht mir nicht für Sorgen, und dennoch gelingt es mir nicht, mich darauf zu verlassen, dass die Stimmung in der Mannschaft schon in Ordnung ist. Das hat mit der Persönlichkeit von Milan Sasic zu tun. Denn wenn das Geschehen in der Mannschaft gedeutet werden soll, dann müsste über die Art und Weise geredet werden, wie Milan Sasic diese Veränderungen moderiert. Ich muss zugeben, was von seiner Art Konflikte zu lösen nach draußen dringt, stimmt mich unruhig. Denn ich vermute, ein Trainer wie er braucht den Erfolg zum Überleben mehr als ein Trainer mit anderen Konfliktlösungsstrategien. Natürlich bewege auch ich mich nun längst nicht mehr auf dem Boden von Fakten, sondern erzähle von Stimmungen und Gefühlen. Mit dem Unterschied gegenüber den Journalisten, dass ich das benenne. Aber vielleicht ist diese von mir vermutete besondere Notwendigkeit des Erfolgs zugleich ja Milan Sasics Schlüssel zum selben.

Und da ich jetzt die ganze Zeit über Deutungen geschrieben habe: Der Gegner vom nächsten Sonntag, der FSV Frankfurt, deutet das 1:1-Unentschieden im Freundschaftsspiel gegen Hertha BSC Berlin als gelungenen Test, und im Kölner Stadt-Anzeiger wird von der Sportredaktion das Interesse der Leser am Unterhaltungskünstler Ailton als noch vorhanden gedeutet. In einer Kurzmeldung wird dessen pünktliches Erscheinen zum Trainingsauftakt des KFC Uerdingen angemerkt. Dass er im Moment aber überhaupt nicht Fußball spielen kann, interessierte dabei schon nicht mehr.

Die Mannschaft unter Sasic lernt auch verlieren

Den ganz großen Wurf hat die von Ausfällen geplagte Mannschaft des MSV Duisburg nun doch nicht hinbekommen. Nach der 2:0-Heimniederlage gegen Alemannia Aachen muss das kurzfristige Projekt „Erreichen des dritten Tabellenplatzes“ auf die mittlere Frist der Rückrunde verschoben werden. Diese Niederlage stand allenfalls in den fünfzehn Minuten nach Beginn der zweiten Halbzeit in Frage. Schon der Elfmeter für den MSV Duisburg in der 64. Minute kam nicht mehr als zwangsläufige Folge eines ununterbrochenen Drängens auf den Ausgleich. Schon dieser Elfmeter wurde zu einem Zeitpunkt verhängt, als die Energie des Sich-Gegen-die-Niederlage-Stemmens zu verpuffen drohte. Der Elfmeter war die große Chance auf ein Tor der eigentlich unterlegenen Mannschaft. So passte es zum Spielverlauf, dass Christian Tiffert den Elfmeter verschoss und dieses Mal nicht wie im Spiel gegen den FC Augsburg eine Chance zum Nachschuss erhielt. Danach war deutlich bemerkbar, die Mannschaft zweifelte zu sehr an ihren spielerischen Möglichkeiten, als dass sie das Verpassen dieser großen Chance problemlos hätte wegstecken können.

Für mich war vor dem Spiel die entscheidende Frage, ob Chavdar Yankov den wegen Grippe ausfallenden Ivica Grlic würde ersetzen können. Er konnte es nicht. Er konnte es aber auch deshalb nicht, weil die schon aus Paderborn und Karlsruhe bekannten mäßigen zwanzig Anfangsminuten der gesamten Mannschaft dieses Mal auf 45 Minuten verlängert waren. Die Aachener taten von Anfang an mehr für das Spiel. Sie waren sowohl entschlossener und gedankenschneller in der Bewegung zum Ball hin. Sie konnten die Zweikämpfe in entscheidenden Momenten für sich entscheiden, außerdem wirkten sie mannschaftlich geschlossener. Angriffe wurden im schnellen Kurzpassspiel vorgetragen, während sich die Ball führenden Spieler beim MSV entweder in der Aachener Deckung festrannten oder den langen, hohen Ball auf den für solche Anspiele viel zu kleinen Nicky Adler versuchten.

Die Einzelkritik erübrigt sich angesichts der miserablen Mannschaftsleistung. Alleine Tom Starke konnte sich durch einige gute Reflexe auszeichnen und Christian Tiffert zeigte trotz des verschossenen Elfmeters die bekannte antreibende und ansprechende Leistung auf dem Feld. Halt, auch Caiuby enttäuschte mich dieses Mal nicht, weil ich ihn endlich dabei erlebte, wie er seine phlegmatische Ausstrahlung ablegte. Sein Einsatz war also da, spielerisch konnte er allerdings angesichts des Leistungsniveaus seiner Mannschaftskollegen nicht allzu viel falsch machen.

Tiago fällt mir auch noch ein, dem mal gesagt werden sollte, das Spiel geht immer weiter, wenn der Schiedsrichter nicht pfeift. Da stellt man nicht das Spielen ein und beschwert sich, während der Gegner den Konter einleitet. So ein mäkelndes Reklamieren stärkt den Gegner, selbst wenn in dem betreffenden Moment aus der sich ergebenden Chance kein Tor erzielt wird. Aber zu stärkerer psychischer Überlegenheit des Gegners trägt Tiago auf diese Weise mit Sicherheit bei. Wenn ich jemanden derart resignativ über den Schiedsrichter hadern sehe, triumphiere ich innerlich, weil ich die Aufmerksamkeit dieses hadernden Spielers für geraume Zeit zumindest in Teilen nicht beim Spiel weiß. Da gab sich Tiago unnötigerweise Blößen, weil er mit seinem eigenen Spiel wahrscheinlich nicht zufrieden war.

Außerdem frage ich mich, was diese Mannschaft immer wieder daran hindert ein schnelles Kurzpassspiel über die Flügel aufzunehmen. Als Standardvariante des Angriffs treibt der Ball führende Spieler den Ball über die Außenbahn bis in die Mitte der gegnerischen Hälfte, um von dort in die Mitte zu ziehen. Ein steiles Zuspiel über die Außenbahn bis auf Höhe der Strafraumgrenze kennt das Angriffsspiel des MSV Duisburg zurzeit kaum. Weil in der Mitte kein Kopfballspieler wartet? Dennoch verbreiteten sowohl in diesem Spiel als auch im Spiel gegen Paderborn solche Spielzüge die meiste Gefahr. Ich möchte ja lernen und wissen, warum das nicht öfter versucht wird. Vielleicht gibt es ja triftige Gründe. Sei es, dass das Vertrauen in die Durchsetzungsfähigkeit der Spieler fehlt, die auf der Außenbahn auf ein Zuspiel lauern. Keine Ahnung. Es fällt mir jedenfalls auf.

Nun lassen die Ergebnisse der Spiele aller oben platzierten Vereine an diesem Spieltag uns noch ein wenig beruhigter in die kurze Winterpause gehen. Alles ist weiterhin drin. Wir hoffen also auf wenigstens einen weiteren gesunden Stürmer für das nächste Jahr. Wenn sich dann noch zwei, drei andere Rekonvaleszenten als wieder spielfähig erweisen, sehe ich der Rückrunde voller Zuversicht entgegen. Zumal es derart kalt wie am Freitagabend mit großer Wahrscheinlichkeit nicht noch einmal werden wird.

René Adlers Hilfe zur Bewertung von Tom Starke

Ist die Mannschaft erst mal qualifiziert, interviewt sich´s gänzlich ungeniert. Die Atmosphäre scheint entspannt nach der WM-Qualifikation durch den Länderspielsieg gegen Russland, und da die meisten Journalisten wohl von Russland aus dem Nationalmannschaftstross zum Heimspiel nach Hamburg gefolgt sind, müssen sie die Zeit bis Mittwoch ja irgenwie rumkriegen.  Im Kölner Stadt-Anzeiger sehen wir Simon Rolfes gezwungen, seine fußballerische Defensivarbeit im Interview fortsetzen zu müssen. Hartnäckig möchte der fragende Journalist eine besondere Abhängigkeit von Rolfes Leistung zu Michael Ballacks Wertschätzung von ihm hören. Doch Rolfes wirkt genauso souverän wie auf dem Spielfeld. Nachdem er bereits einmal geantwortet hat, die Zusammenarbeit mit Ballack sei zwar wichtig, doch genau so wichtig sei die Zusammenarbeit mit der ganzen Mannschaft, bringt ihn die selbe Frage über die andere Hälfte des Spielfelds namens „Vertrauen“ nicht eine Sekunde aus der Ruhe. Das Vertrauen von Michael Ballack sei wichtig, doch grundsätzlich sei es wichtig, von jedem Spieler Vertrauen zu spüren. So leitet er unter hervorragender Frageannahme die Antwort sofort in einen konstruktiven Gedanken um.

Für den MSV fällt bei diesem Rolfes-Interview nicht allzu viel ab, dagegen bleibt mir aus dem Interview der Süddeutschen Zeitung mit René Adler folgende Bemerkung des Leverkusener Torwarts im Gedächtnis. Online gestellt ist das Interview (noch?) nicht:

„Ich schmunzel ja manchmal, wie Torwartspiel in der Öffentlichkeit bewertet wird: Ein gutes Spiel ist ja nicht, wenn man zehn Glanzparaden hat, denn so etwas kommt in großen Mannschaften selten vor. Da kommen gar nicht so viele Bälle aufs Tor. Einen Klassetorwart zeichnet viele Dinge aus, die man gar nicht auf den ersten Blick sieht: dass er gut mitspielt, dass er gezielte Abwürfe macht, dass er etwas ausstrahlt.“

Als Anhänger des MSV Duisburg entnehmen wir den Adlerschen Leistungskriterien, zu einer großen Mannschaft zählt der MSV Duisburg in dieser Saison (noch?) nicht. Was vielleicht mit ein Grund für die stabile sehr gute Leistung von Tom Starke ist. Er erhält genügend Gelegenheiten, seine Leistung dort zu zeigen, wo sein Torwartspiel ohnehin sehr gut ist. So gewinnt er Sicherheit und mit dieser Sicherheit im Rücken wagt er zudem,  sein schon in der Rückrunde der letzten Saison ausgeweitetes Strafraumspiel weiter auszubauen. Die gezielten Abwürfe kennt man von ihm auch. Dass man sie nicht häufiger sieht, liegt nach meinem Eindruck eher am schnellen Umschalten von Verteidigungs- auf Angriffsspiel im Rest der Mannschaft. Im Gegensatz zu René Adler hat Tom Starke noch nicht lange eine so gute Presse und erhält den Beifall der Fans. Gerade für das letzte der Adlersche Leistungskriterien eines Klassetorwarts,  die Ausstrahlung, hat es Zeit gebraucht bis diese bei Tom Starke erkennbar war. Doch im Moment erhält Tom Starke im Adlerschen Leistungskatalog des Klassetorwarts ohne Frage sehr gute Werte.

Was ich gestern lesen wollte und heute nicht

Den Freund im Stadion zu wissen und durch ihn per SMS über den Spielstand zwischen dem MSV und Union Berlin informiert zu werden, barg ein Risiko. Das hätte sehr schwierig werden können, sich in mäßiger Stimmung auf Bigband-Sound und Rap einzulassen. So verstand ich es auch zunächst als Geste der Fürsorge, dass mein Handy im Konzertsaal der Kölner Philharmonie ohne  Empfang blieb und ich erst nach dem Konzert vor der Tür lesen konnte, was ich so gern hatte lesen wollen. „3:1 gewonnen!“

Wenn ich mir heute Berichte und Meinungen zum Spiel anschaue, bleibt die gute Stimmung wegen des Sieges vorherrschend. Es zeigt sich aber auch Unsicherheit beim Ausblick auf den weiteren Verlauf der Saison, weil die Spielstärke nicht gefestigt genug gewirkt hat. Tom Starke und Christian Tiffert gehörten einmal mehr zu den besten Spielern der Mannschaft. Der Einsatz von Ivica Grlic muss ein Gewinn gewesen sein. Wenn gerade er zu einer Stütze der Mannschaft wird, wissen wir aber auch, die Anlage des Spiels verändert sich. Er ist zwar derjenige, der die Lücke im Mittelfeld anscheinend als einziger zurzeit wirklich gut schließen kann, allerdings ist er auch nicht mehr der Schnellste. Ein intensives Kurzpassspiel wird mit ihm unwahrscheinlich. Das mindert seine Leistung nicht, sondern erinnert nur an mögliche Grenzen eines Spiels mit seiner Beteiligung. Olivier Veigneau scheint endlich über 90 Minuten konstant an die Leistungen der letzten Saison angeknüpft zu haben. Und natürlich wird auch ein Spieler gefeiert, der drei Tore macht. Sören Larsen konnte dieses Mal anscheinend so im Mannschaftsgefüge spielen, dass seine Stärken zur Geltung gebracht werden konnten. Auch Kristoffer Andersen muss das Spiel nach vorne sehr belebt haben. Wie war Nicky Adler? Über ihn lese ich so gut wie nichts. Schon in der letzten Saison habe ich mich gefragt, wann ich im Spiel einmal das sehe, was die sportliche Leitung im Training von Nicky Adler sieht.

Bei der Berichterstattung über diesen Sieg zeigen Teile der Sportpresse dann eine sehr einfache Vorstellung davon, welche Ursache einer Wirkung vorausgeht. Diesen oder einen Satz ähnlichen Inhalts hatte ich gestern schon befürchtet. Lesen will ich solche Sätze aber nicht: „Die Rücktrittsdrohung von Trainer Peter Neururer hat offenbar Wirkung gezeigt.“ Solche Sätze offenbaren das Verständnis von einer Welt, in der auch die Sonne häufiger scheint, weil viele Eiscafés geöffnet haben. Das gehört zur Folklore der Fußballberichterstattung, die mich genau dann stört, wenn statt der Leistung der Mannschaft schon wieder Peter Neururer im Fokus steht.

Tom Starke denkt dialektisch über Verlieren nach

Interviews mit Fußballspielern nach einer Niederlage werden im Laufe der Saison immer deutlicher auch zu Übungen im Trost spenden und Hoffnung geben. Das geschieht  zumeist unter Rückgriff auf die Küchenpsychologie und die gesammelten Spruchweisheiten der Menschheitsgeschichte. Für Tom Starke ist es nach der Niederlage gegen Arminia Bielefeld aber für eine Zukunftaussicht, die vor allem auf Hoffnung beruht, eindeutig zu früh. Was ich als gutes Zeichen deute, steht hinter einer solchen Haltung ja auch ein Anspruch an die Spielstärke der Mannschaft.

Im Interview mit Marco Röhling, Radio DU, hält er es nämlich mit dem Aussprechen der gesamten Wahrheit und beweist damit nebenbei seine Grundfertigkeiten im dialektischen Denken. Wir erinnern uns, mit dieser Art Denkfigur werden Widersprüche bei der Beschreibung der Wirklichkeit benannt und in einem weiteren Schritt des Denkens und Beschreibens von Wirklichkeit aufgehoben.

Marco Röhling fragt also Tom Starke, ob das Pokalspiel in Mönchengladbach zur rechten Zeit komme und der MSV Duisburg dort unbeschwert aufspielen könne, weil er nichts zu verlieren habe. Doch Tom Starke lässt sich auf die nebulöse Hoffnung eines Außenseiters nicht ein, sondern spricht jene Wahrheit aus, vor der nicht wenige Zuschauer des Spiels gegen Bielefeld, mich eingeschlossen,  angesichts der völligen Hilflosigkeit der Mannschaft gegen Arminia Bielefeld große Angst haben:

„Du, ich sag´ dir ganz ehrlich, mein Gefühl ist, nach den letzten beiden Spielen glaube ich, haben wir selbst da was zu verlieren. Wenn wir uns da so präsentieren wie hier, und dann … ja, ich sprech´s nicht aus … dann kann es schon sehr bitter werden. Und dann hast du auch in Gladbach was zu verlieren.“

Den ganzen Podcast findet man hier.


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