Posts Tagged 'Torsten Lieberknecht'

Von unsinninger Droll-Frage hin zum Podcast-Fest für Fußballromantiker mit Hans-Günter Bruns

Was für eine unsinnige Droll-Frage war das wieder auf der Pressekonferenz vor dem Nachholspiel heute gegen Saarbrücken. Irgendwas mit Sieg und Anschluss ans Mittelfeld der Tabelle. Als ob wir in normalen Zeiten lebten und der Tabellenstand die Mannschaft sorgen müsste. Torsten Lieberknecht machte das einzig richtige. Er sprach der Tabelle nicht nur für den Moment sondern sofort für den weiteren Saisonverlauf die Bedeutung ab angesichts von erwartbaren coronabedingten Spielausfällen. Das ist wichtig, um Folgen von solchen Tabellenbilder zu begrenzen. Ohne Spiele sind zu wenig Punkte die selbstverständliche Folge. Da braucht es etwas anderes als den üblichen Blick von Sportjounalisten auf Tabellenstände.

Lasst mich zu den schönen Dingen des Tages kommen, die wir mehr in der Hand haben als den erhofften Erfolg gegen Saarbrücken. Ich feiere gerade Hans Günter Bruns mit seinem Auftritt im Sechszehner-Podcast. Momentan ist der ehemalige Spieler von Borussia Mönchengladbach Hans-Günter Bruns Sportlicher Leiter bei Hamborn 07. Als Trainer oder Sportlicher Leiter arbeitete er im westlichen Ruhrgebiet seit 2003 vor allem im Amateurbereich. Bei Rot-Weiß Oberhausen war es für fünf Jahre von 2006 bis 2011 auch das Profi-Geschäft.

Mir war nicht klar, wie gut er und all diese Vereine im Ruhrgebietswesten zusammen passen. Nach dem Podcast-Gespräch von Hans-Günter „Bruno“ Bruns mit seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Ewald Lienen und dem Sportjournalisten Michael Born weiß ich es besser. Diese knappe Stunde vom Podcast Der Sechszehner ist ein Fest für Fußballromantiker und eine Feier der Ruhrpottmentalität dazu.

Anekdote auf Anekdote erzählt „Bruno“. Ob das nun ein nächtlicher Ausflug mit Lothar Matthäus während einer Länderspielvorbereitung war oder sein Verhältnis zu Jupp Heynkes als Trainer. Er brauchte kurz, um etwas aufzutauen, aber dann redete er wie unter Freunden. Vor allem Ewald Lienen regte ihn durchs eigene Erinnern an gemeinsame Zeit zum Erzählen an. Auch wenn „Bruno“ den größten Teil seiner Karriere als Spieler in Mönchengladbach verbrachte, kann er den Pott in seinem Wesen nicht verleugnen. So klingt das Ruhrgebiet an der Basis heute immer noch, wenn über Fußball gesprochen wird.

Den Sechszehner gibt es auf sämtlichen Podcast-Plattformen. Hier kommt ihr mit einem Klick zu Soundcloud, wo man ihn auch ohne Podcastplayer hören kann.

Dritte Liga 2020/21 – Welcome back, Zebras! Welcome back, Schanzer!

Mit der Relegation versucht die DFL nicht nur dem höherklassigen Verein mit einer letzten Chance die wirtschaftliche Kraft zu retten. Es ist auch der Versuch, dem Verlierer der Ausscheidungsspiele den maximal größten emotionalen Schaden zuzufügen. In dieser Saison ist beides auf vortreffliche Weise gelungen. Was für eine niederschmetternde Dramaturgie war in dieser Saison für den Drittplatzierten der Dritten Liga vorgesehen. Sehe ich nach Ingolstadt bin ich froh, letztes Wochenende schon mit der Saison abgeschlossen zu haben.

Manchmal ist der Fußball eben wie das richtige Leben. Menschen strengen sich an, geben ihr Bestes, um erfolgreich zu sein in den Maßstäben ihrer Gesellschaft. Sie kämpfen um ihre Existenz, arbeiten viel und erreichen trotzdem ihre Ziele nicht. Denn die Regeln in diesem Wettbewerb ergeben hier und dort Nachteile. Da kann man schwermütig oder wütend werden je nach Persönlichkeit, Alter und Geschlecht. Einige träumen gar vom Ausstieg aus dem System.

Dank des Ingolstädter Erfolgs am letzten Spieltag bekamen wir in Duisburg gar keine Gelegenheit zu entsprechenden Gefühlen. Meine Aufregung hielt sich deshalb zum Ende hin in Grenzen. Dieser Dreischritt der Punktverluste gegen Uerdingen, Köln und München war bitter, aber für mich auch immer abstrakter. Denn der Fußball in Bewegtbildern war meiner Gesundheit abträglich. Ich konnte mir das so gut wie nie ansehen.

So zuckten einerseits Ärger und Enttäuschung nach Niederlagen und den Unentschieden kurz in bekannter Weise, andererseits wurde dieser Fußball ohne Stadion immer mehr zu einem unwirklichen Geschehen für mich. Die Spiele gewannen ihre Bedeutung alleine aus meinem Wissen, der Aufstieg schafft beruhigendere wirtschaftliche Verhältnisse beim MSV. Was mir wiederum erst die Gelegenheit gibt, irgendwann mit Freunden wie gewohnt ins Stadion zu gehen. Kuriose widersprüchliche Erfahrungen brachte dieser Fußball in der Coronazeit für mich.

Zwischendurch ging mir in den letzten Tagen allerdings auch durch den Kopf, ob die Mannschaft mit einer anderen Ansprache hätte stabiler ihre guten Leistungen zeigen können. Ich weiß natürlich nicht, wie über Niederlagen und schlechte Spiele gesprochen wurde. Aber mir fiel auf, wie Torsten Lieberknecht auf den Pressekonferenzen Anspruch und Wirklichkeit sprachlich zu fassen suchte. Zum einen geriet ihm beim Versuch, die Mannschaft zu schützen, immer mal wieder aus dem Blick, dass das Saisonziel oben mitspielen hieß. Vor Beginn der Saison wurde nicht darüber nachgedacht, diese Mannschaft könne in der unteren Tabellenhälfte landen. Was hatte man der Mannschaft zugetraut?

Mir geht es nur um den sprachlichen Umgang mit den Rückschlägen, ohne das Ziel Aufstieg aus den Augen zu verlieren. Dieser Aufstieg war laut Torsten Lieberknecht fast immer ein „Traum“, für den die Mannschaft alles tat. Für mich klang das dann nicht nach einem realistisch erreichbaren Ziel, dem konkrete Schritten vorangehen. Für mich klang das immer eine Nummer zu groß, zu ehrfurchtsvoll, zu unwirklich angesichts der konkreten Erfahrung der Manschaft, angesichts von Siegen nach deren gutem Fußballspiel. Wirkt so etwas atmosphärisch im komplexen Fußballgeschehen? Natürlich steht bei der Fehleranalyse der Fußball selbst an erster Stelle. Hoffen wir, dass die gelingt. Denn selbstverständlich heißt es sofort nach Saisonende, wir greifen wieder an. Wie soll es aber auch anders heißen? Über den verringerten Etat denke ich dann später nach.

Torsten Lieberknechts PK-Dilemma

Kennt ihr diese selbst gebastelten Geschenke eurer Kinder, die das Herz erwärmen und dem Sinn für Schönheit große Toleranz abverlangen? Dann kennt ihr auch diesen schwierigen Balanceakt, die empfundene Freude vor anderen zu zeigen und nicht als überwältigter Betrachter einzigartiger Kunst eines jungen Genies angesehen zu werden.

Ein wenig erinnert mich Torsten Lieberknecht in den Pressekonferenzen der letzten Zeit an so einen Vater, der vor der schwierigen Aufgabe steht, über die Leistung seiner „Jungs“ vor anderen, also der Öffentlichkeit, passend zu sprechen. Seine Worte an die Presse wirken zurück in die Mannschaft und müssen dort Selbstvertrauen stärken. Leider verringert das in dieser Öffentlichkeit, also mir, gerade deshalb das Vertrauen in die Mannschaft.

In der Pressekonferenz gegen Jena hat er zum zweiten Mal an den Sieg gegen Magdeburg erinnert, den es ja schließlich auch gegeben habe. Die Botschaft lautet, wir müssen unsere Spielweise nur durchbringen. Mich erinnert dieser Sieg aber daran, dass selbst dieses Spiel den aus der Rückrunde hinlänglich bekannten Verlauf nahm. Nicht nur ich war damals der Meinung, ohne die rote Karte gegen Engin hätte der MSV das Spiel noch verloren. Die Magdeburger waren in der zweiten Halbzeit immer gefährlicher geworden. Erst das Spiel in Überzahl brachte sie aus dem Rhythmus.

Der Verweis auf den Magdeburg-Sieg hilft mir also gar nicht weiter. Da müsste Torsten Lieberknecht schon zusätzliche Maßnahmen ergreifen, um seine Mannschaft in der zweiten Halbzeit zu stabilisieren. So ein selbst gemaltes Bild zum Beispiel wird ja auch mit der Zeit besser, wenn man dem jungen Künstler einen Rat zu anderer Technik gibt, sobald er sich über ein Misslingen ärgert. Hoffen wir, dass Torsten Lieberknecht solche Hinweise hatte und sie im Spiel gegen Chemnitz gleich schon Erfolg haben.

Alles Gute für 2020 mit Big Data von 2019!

Die Welt verändert sich, so auch das Schreiben im Zebrastreifenblog. Nicht mehr zu jedem Spiel des MSV in dieser Saison gibt es meine Worte. Das hat unterschiedliche Gründe. Einen gewichtigen habe ich immer mal wieder erwähnt. Ich wollte mich in meinen Texten nie nur auf das Sportliche konzentrieren. In elf Jahren Zebrastreifenblog sind schon viele Gedanken aufgeschrieben worden, die über den eigentlichen Fußball hinausführen. Das Neue wird weniger. Ich möchte mich aber auch nicht wiederholen. Schauen wir, wo das noch hinführt. Heute auf jeden Fall zu Wünschen.

Auch dieses Jahr möchte ich mit allen Teilen meiner multiplen Persönlichkeit, euch alles Gute für das Jahr 2020 wünschen. Gerade die Herren Koss und Jaratz in mir rufen besonders laut, gib bloß auch Fußballern und Verantwortlichen vom MSV was mit auf den Weg. Damit Torsten Lieberknecht immer mehr vom Understatement abrücken kann und den Favoriten uneingeschränkt für diese Saison im Selbst- und Manschaftsbild verankern wird.

Wie in den Jahren zuvor verbindet sich mit den Wünschen für das neue Jahr der Blick zurück auf die meistgelesenen Texte des vergehenden Jahres. Im Zebrastreifenblog gibt es inzwischen Beiträge außer Konkurrenz. Denn über mehrere Jahre belegten die Fußballtorten aus Dortmund Platz 1 und 2 der meist gelesenen Texte des Jahres. Auch dieses Jahr ist Folge eins der zwei Beiträge vorne mit dabei.  Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund bekommt eine namentliche Erwähnung. Und nun zu den Platzierungen.

Der Text auf Platz 5 liegt noch nicht lange zurück. Die Ironie einer Geschichte über junge deutsche Fußballer ist mein Kommentar zu einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung über die Erfolgsaussichten von deutschen Jugendspielern in Profiverein. Der MSV diente als Drittligist einer journalistischen Pointe, die die gegenwärtige Wirklichkeit für junge deutsche Fußballer beim MSV außer Acht ließ. Dazu musste ich etwas schreiben.

Platz 4 bis Platz 2 zeigen, wie sehr wir auf den Klassenerhalt in der letzten Saison hofften und wie wir uns um die mannschaftliche Einheit Gedanken machten. Platz 4 belegt Kräfte bündeln mit dem Tabellenrechner. Ich hatte Ende Februar nach dem torlosen Unentschieden in Aue trotz großer Zweifel zu meinem bewährten Hausmittel gegen Abstiegsangst gegriffen. Im Gegensatz zu den früheren Jahren vertraute ich aber meiner Rechnung nicht sehr. Ich fühlte mich im Gegensatz zu den Vorjahren alleine gelassen von der Mannschaft und befürchtete daher, dass meine Vorhersagekraft den Klassenerhalt alleine sichern müsste. Ein wenig Aberglauben ist ja in Ordnung, aber so viel? Wie wir wissen, zweifelte ich zurecht.

Auf Platz 3 findet sich Soll und Haben beim Tabellenrechner – 24. Spieltag. Ich denke, die hohen Klickzahlen für den Tabellenrechner zu diesem frühen Zeitpunkt der Saison zeigen, wie sehr wir Anhänger des MSV überall nach einem Funken Hoffnung suchten und wie wenig wir der Mannschaft vertrauten.

Auf Platz 2 befindet sich Nach der Niederlage ein 0:0 erschreiben. Das ist der Spielbericht vom Auswärtsspiel im Februar gegen Greuther Fürth, in dem der MSV in den letzten Spielminuten das Tor zur 1:0-Niederlage hatte hinnehmen müssen. Es war mein verzweifelter Versuch, trotz der Niederlage die Mannschaft nicht abzuschreiben. Ich suchte nach den Zeichen eines verbesserten Zusammenhalts. Ich deutete und deutete. Wie die Klickzahlen wieder zeigen, suchte nicht nur ich nach diesen kleinen Zeichen der Hoffnung.

Im zweiten Jahr befindet sich auf Platz 1: Das ist mal eine Anekdote über die Bielefelder Alm. Den Text habe ich schon 2010 geschrieben, als mir die Anekdote zur Namensgebung auf der Arminia-Seite beliebig und langweilig vorkam. Mit Dokumenten belegt ist die Geschichte bei der Arminia ebenso wenig wie meine Geschichte. Google schickte erneut viele Leser zu mir, die wissen wollten, warum die Bielefelder Alm so heißt, wie sie heißt. Ich denke, im nächsten Jahr wird auch dieser Text außer Konkurrenz im Jahresranking vom Zebrastreifenblog vertreten sein,

Und nun der Blick nach vorn: Ich werde mit meiner multiplen Persönlichkeit auch 2020 einen Teil meiner Arbeitszeit mit dem Zebrastreifenblog verbringen. Vielleicht findet sich ja irgendwann der Mäzen oder Sponsor, dessen Zuwendung es mir erlaubt, jedes Spiel einer Saison mit einem Gedicht zu kommentieren. Daran hätte ich wieder großen Spaß. Bis dahin schreibe ich, wie es gerade passt. Kommt morgen gut ins neue Jahr!

Wir sehen uns im Stadion, wir lesen uns und hoffen gemeinsam, dass der MSV ab Ende Januar Woche für Woche den Punktevorsprung auf Platz 3 vergrößert.

Favorit vom Aussterben bedroht

Heute Abend stehen beim Spiel des MSV gegen den 1. FC Kaiserslautern am Spielfeldrand zwei Trainer, die auf die Leistung ihrer Mannschaften hoffen und dabei offensichtlich nicht sicher sind. So deutlich sagen das Torsten Lieberknecht und Boris Schommers  auf den Pressekonferenzen vor dem Spiel natürlich nicht. Sie sagen das anders.

Sie machen den Favorit zu einer seltenen Spezies. Womöglich gehört er sogar auf die Liste der bedrohten regionalen Arten in der Pfalz und am Niederrhein. Denn in Kaiserslautern kann Boris Schommers ihn nicht entdecken. Die Mannschaft ist schlecht in die Saison gekommen. Normalerweise würde sich beim Spiel eines Tabellenfünfzehnten gegen einen Tabellenvierten die Frage nach dem Favoriten überhaupt nicht stellen. Doch die Hoffnung der Öffentlichkeit, der Favorit habe in der Pfalz überlebt, ist groß. Die Journalisten auf der Pressekonferenz fragen für ihre Leser, die vom FC Kaiserslautern in der Saison mehr Erfolg erwartet hatten. Und schließlich gab es im letzten Spiel endlich einen Heimsieg. Für Boris Schommers ist die Favoritenfrage aber eine für die Zukunft. Auch in der Pfalz könne irgendwann der Favorit wieder heimisch werden. Ob er bis dahin die bedrohte Art in unzugänglichen Rheinauen überleben sieht, lässt er offen.

Die Kaiserslauterner Journalisten hätten Torsten Lieberknecht fragen sollen. Der wusste überzeugend davon zu erzählen, dass er in Kaiserslautern einen Favoriten am Osthang des Betzenbergs gesehen hat. Er legte mit Kaderwert und Kaderkonstanz sogar eindeutige Belege für das Überleben des Favoriten auf den Tisch. Boris Schommers werden diese Belege wahrscheinlich nicht reichen. Er braucht sicher mehr Beweise. Torsten Lieberknecht ist außerdem anzumerken, dass er den  am Niederrhein heimischen Favoriten in den letzten drei Wochen nicht mehr gesehen hat. Über das Verschwinden scheint er nicht allzu besorgt zu sein. Erfolg kennen wir eben auch ohne Favoriten-Auftrauchen. Wahrscheinlicher wird er allerdings nicht. Deshalb hätte ich nichts dagegen, wenn man so einen Favoriten demnächst auch wieder am Niederrhein sichten kann.

Wer einen Blick in die Pressekonferenzen werfen will, bitte schön:

Und die PK aus Kaiserslautern

Haßloch, Velbert und die Lieberknecht-Kindheit

Haßloch ist ja nun auch nichts anderes als eine Art kleineres Velbert in der Pfalz. Da ist es doch besser über Haßloch zu schreiben als über Velbert. Das hat den Vorteil nichts zum MSV sagen zu müssen. Meinetwegen gebe ich noch ein wenig Stimme dem Lamento-Chor, aber dann ist auch gut.

Was geschieht da mit der Mannschaft seit zwei Wochen? Das dritte Spiel in Folge verloren. Nicht dass mich der Niederrhein-Pokal in irgendeiner Weise bewegt. Es geht alleine um die Leistung im Spiel gegen Velbert, die ratlos macht und für das Spiel gegen Kaiserslautern wahrscheinlich nicht nur uns Zuschauer verunsichert. Solch eine anfällige Defensive bleibt doch als Bedrohung in den Köpfen auch der Spieler. Momentan ist es anscheinend egal, wer da auf dem Platz steht.

Ich sehe uns schon demnächst mit den RWE-Anhängern eine städteübergreifende Selbsthilfegruppe gründen. Thomas Lieberknecht sollte sich sofort mit Christian Titz zum Erfahrungsaustausch zusammensetzen. Das parallele Geschehen in Essen und Duisburg ist  verblüffend. Was für ein Saisonstart für beide Vereine. Welche frische Begeisterung unter den Anhängern in beiden Städten. Welche Entgeisterung nun nach drei Niederlagen in Folge von beiden Vereinen. Ich lese in beiden Städten dasselbe. Plötzlich bekommen die Mannschaften keinen Zugriff mehr aufs Spiel. Blutleer wirken die Auftritte. Einmal mehr hoch und runter, und es ist nicht absehbar, ob die Niederlage gegen Velbert für den MSV tatsächlich ein TiefPUNKT gewesen ist oder ob sie sich als kleine Stelle einer Fläche erweist.

Wieviel schöner ist es deshalb über Haßloch zu schreiben. Ich bin notorisch neugierig. Wenn ich Menschen begegne, möchte ich wissen, wieso die leben, wie sie leben. Ich komme also ins Gespräch, und manchmal ergeben sich kuriose Zusammenhänge bei dem, was ich erfahre. Mancheiner macht aus solchen Zufällen Romane, die uns dann wiederum eine Anleitung zu sinnvollen Geschichten über das wirkliche Leben sind. Ihr müsst selbst sehen, was ihr damit macht, was ich euch jetzt erzähle.

Neulich sprach ich jedenfalls mit einer Museumsangestellten in Saarbrücken. Sie lebte gerne in der Stadt, obwohl sie vom Dorf kam, und zwar aus der Pfalz. Das betonte sie deshalb, weil es zwischen den Saarländern und Pfälzern eine alte Rivalität gibt, eine lieb gewordene ehemalige Abneigung, die man heute folkloristisch hochleben lässt, wenn es passt. Kölner und Düsseldorfer wissen, wovon die dort unten sprechen. Sie kam aus Haßloch.

Wir in Duisburg haben bei solchen Rivalitäten kaum Karten im Spiel. Manchmal wird ja unter uns Anhängern des MSV versucht, nachbarschaftliche Spannungen als Derbygefühl mit Leben zu füllen. Selbstverständlich ist das nicht. So was braucht eine lange Geschichte der Konkurrenz, die es zwischen Duisburg und Düsseldorf oder Oberhausen in Sachen Fußball vielleicht über kürzere Zeiten gibt. Das führt aber nicht über den Fußball hinaus. Zudem ist es so flüchtig, wenn die Vereine ständig in unterschiedlichen Ligen spielen. Das kommt mir jedenfalls so vor.

Über Fußball haben jene Museumsangestellte und ich dann auch gesprochen, weil ich natürlich sofort auch an Milan Sasics Engangement beim 1. FC Saarbrücken dachte. Bevor sie selbst zu Sasic was sagte, sprach die Dame noch einmal mit besonderem Nachdruck. Sie gehöre natürlich zu den Blauen. Als ob ich ganz selbstverständlich etwas anderes gedacht hätte. Dabei hatte ich gar keine Idee, welcher Verein sonst noch in Frage kam. Aber schon klärte sie mich auf. Nein, niemals hätte es sie zu den Roten ziehen können. Das wäre nie in Frage gekommen. Natürlich, die Pfalz. Der 1. FC Kaiserslautern hätte es sein können. Aber sie zog es zum niederklassigeren 1. FC Saarbrücken. Wie sympathisch, dachte ich. Und dann sprach sie im Plural, sie seien aber froh gewesen, als Sasic endlich wieder weg war. Der Mann kann nicht aus seiner Haut. Er erlebt überall dieselbe Geschichte. Wahrscheinlich hat er in Duisburg noch den besten Ruf. Im Süden hat er jedenfalls sowohl in Kaiserslautern und in Saarbrücken verbrannte Erde hinterlassen und alle Welt gegen sich aufgebracht.

So weit der Fußball. Zunächst. Mir ging aber Haßloch nicht aus dem Kopf, weil ich irgendwas über ihr Heimatdorf schon mal gelesen hatte. Ich wusste aber nicht mehr was. Also habe ich später bei Wikipedia reingeschaut und erinnerte mich dann wieder an die deutsche Durchschnittsgemeinde, die Haßloch für die Marktforschung darstellt. Bei Wikipedia nun waren die Haßloch-Autoren sichtlich darum bemüht, der Gemeinde auch noch mit dem kleinsten Vorkommnis Bedeutung zu verleihen.

Was Haßloch schließlich an diesem Tag so viel amüsanter macht als Velbert. Denn in Velbert mag es vielleicht einen Fußballverein geben, der höherklassige Gegner aus dem Niederrheinpokal wirft, Haßloch aber kennt bedeutende Personen, die vor Ort gewirkt haben, und sei es auch dadurch, dass sie Haßloch für immer verließen.

 

Wenige Zeilen später schließt sich aber der Kreis heute. Denn selbst mit Haßloch ist dem MSV nicht zu entkommen. Zum Wirken der bedeutenden Personen gehört es auch, in jungen Jahren auf grünem Rasen Ballsport zu treiben. Welche Spuren Torsten Lieberknecht als ganz junger Mensch in der Fußballgeschichte des Orts hinterlassen hat, werden wir ihn selbst fragen müssen. Die Haßloch-Wikipedia-Autoren wissen jedenfalls, dass Trommeln zum Handwerk gehört.

 

 

 

Das zweifache Wachstum

Mit Sprache lässt sich die Wirklichkeit nur unzulänglich einfangen. Das fällt im Fußball manchmal deutlicher auf als in unserem Alltag, allerdings nur, wenn die Beteiligten des Spiels sich nicht hinter Floskeln verstecken, dann wenn sie genau sein wollen und Fragen ernst nehmen. Das ist nicht einfach in einem Unterhaltungsbetrieb, der immerfort neue Inhalte produzieren will. Das ist nicht einfach in einer Welt, in der das immerselbe auf immer neue Weise gesprochen werden soll. Dann kommt es zu überraschenden Sprechweisen, wenn die Wahrheit eines Geschehens öffentlich gesprochen wird.

Torsten Lieberknecht war auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen den FSV Zwickau mit der Frage konfrontiert, ob die Leistung der neu zusammen gestellten Mannschaft auch für ihn überraschend sei. Für uns Betrachter von außen heißt die Antwort uneingeschränkt ja. Die Frage hat nun eine Nebenwirkung. Sie führt direkt und tief ins Zentrum einer Leistungsbeurteilung und zwar jener der sportlichen Leitung. Gleichzeitig berührt sie das Erleben der Gegenwart und das eigene, sehr persönliche Verhältnis, wie ein Mensch zur Zukunft steht.

Die scheinbar einfache Frage erweist sich als schwierige Aufgabe für Torsten Lieberknecht, weil er sich mit der Antwort ja auch indirekt zur Qualität der eigenen und Ivo Grlics Arbeit äußert. Deshalb holt er weiter aus und fasst  zusammen – ab Minute 12.25 -, wie er die Vorbereitung erlebt hat. Er erläutert gute Anzeichen bei den Spielern für den Erfolg. Dennoch gab es angesichts des als nicht einfach bewerteten Auftaktprogramms „Fragezeichen“. Für diese Unsicherheit bei gleichzeitiger Zuversicht findet Torsten Lieberknecht die schöne Formulierung, man hätte ein Gefühl dafür gehabt, „dass da was wächst, was eben immer noch im Wachstum ist“. Sprache stößt hier an ihre Grenzen. Es geht um zwei verschiedene Perspektiven des Wachsens. Es geht um Zustand und um den Prozess mit ein- und demselben Wort, das ja eigentlich nur das Prozesshafte beschreibt. Torsten Lieberknecht sieht mittel- und langfristige Ziele, zugleich will er den Leistungsstand der Gegenwart ausdrücken.

Welch komfortabler Saisonanfang, der uns nicht nur Vorfreude auf das Spiel gegen Zwickau bringt sondern auch noch anhand der Sprache von Torsten Lieberkneckt zeigt, die Mannschaft wird sich weiter entwickeln. Die Spiele des MSV kann ich nun wieder sehr viel entspannter erleben. Gestern habe ich das letzte Foto gemacht für mein neues Buch  „111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss“. Ich habe dabei auf dem Weg zu den jeweiligen Orten viel fotografiert. Ein Foto dieser Sammlung möchte ich euch nicht vorenthalten. Wer über Dortmund schreibt, kommt an Orten zum BVB nicht vorbei. Das werden im Buch nicht die bekannten Stadien sein. Ich wollte es schon origineller machen.

Dennoch war ich auch an der Strobelallee, und eins war mir zuvor noch nie aufgefallen, es gibt am Stadion des BVB einen Container, bei dem man Gästefans abgeben kann. Ich bin mir nicht sicher, ob sie in dem kleinen Dingen auch ein Bällebad haben oder welche Attraktionen sie sonst für aufbewahrte Gästefans anbieten. Die Mitarbeiter werden es jedenfalls nicht einfach haben. Ich hoffe, sie sind sozialpädagogisch geschult. Wir können doch davon ausgehen, so ein Gästefan will normalerweise das Spiel seiner Mannschaft sehen. Mit dem Menschlichen vertraut, weiß ich aber auch, irgendwas kann immer passieren, dass man Kumpel, Ehemann oder Freundin mal für ’ne Zeit loswerden will. Der BVB – einmal mehr Vorreiter in Sachen Zuschauerservice.

 

 


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