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Der Torwart, Tempo und die Wunderheilung einer Virus-Infektion

In meinem literarisch-musikalischen Fußballprogramm Nach dem Anpfiff alles möglich gibt es einige Schlager zum Mitsingen. Dabei greife ich auch ein wenig beachtetes Subgenre des deutschen Schlagers auf: den Torwart-Schlager. Schon immer wird dem Torwart in unserer den Sport begleitenden Kultur besondere Aufmerksamkeit gegeben. In Feuilletons und Büchern wurde tiefgründig philosophiert. Gedeutet wurde der Torhüter dann als Außenseiter eines Teams, als einsamer, auf sich allein gestellter Held, der mit einem einzigen Fehler die Niederlage herbeiführen kann.

Ganz anders macht es der Schlager. Der nimmt das Gegenteil des Fehlers in den Blick. Im Schlager wird das große Können des Torhüters besungen. Zum ersten Mal gewann das Subgenre „Torwart-Schlager“ kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs die Aufmerksamkeit des Massenpublikums. „Der Theodor im Fußballtor“ wurde zum Hit im Nachkriegsdeutschland.

Kurt Feltz (1910-1982) textete das Fußballlied. Der Mann war einer der erfolgreichsten Schlagertexter Deutschlands und schrieb rund 3500 Liedtexte. „Man müsste nochmal 20 sein“ ist vielleicht das bekannteste Lied von ihm. Werner Bochmann (1900-1993) komponierte die Melodie. Vornehmlich war er Filmkomponist. Er hatte die Musik zu 120 deutschen und internationalen Filme komponiert. „Heimat, deine Sterne“, „Quax, der Bruchpilot“ und „Die Feuerzangenbowle“ gehörten dazu.

Margot Hielscher war nicht nur Schauspielerin, sondern sang auch Schlager. Sie war die erste Interpretin des Lieds. Der Erfolg blieb bescheiden. Erst Theo Lingen machte den Schlager erfolgreich. Populär war der spätere Burgschauspieler als Filmkomiker, und für seine Version fügte er der Aufnahme dem Schlager die komödiantische Version einer Fußballreportage hinzu.

Zur sprichwörtlichen Berühmtheit bis in die 70er Jahre hinein wurde der Liedtitel nach der Kinopremiere des gleichnamigen deutsch-österreichischen Films vom 29. August 1950. Von diesem Film ist keine Kopie erhalten geblieben. Was ich mit großem Bedauern sehe, begegnen sich in dem Film mit Theo Lingen, Hans Moser und Josef Meinrad doch drei große komödiantische Schauspieler.

Einige Zeit später nutzt die Werbeindustrie den Erfolg des Schlagers und damit kommen wir in der Gegenwart an. Denn die Werbung für das Papiertaschentuch Tempo, ein Cartoon, zeigt die Folgen eines Virus-Infekts bei einem Torwart. Ein Schnupfen verhindert, dass er so gut spielt wie sonst. Der Gegner erzielt ein Tor. Sieht man das Ausmaß des Infekts, müssen wir langfristige Folgen für die Gesundheit des Spielers fürchten. Aber in den 1950er Jahren galt sicher noch das Nazi-Ideal der Härte gegen sich selbst und die chronischen Folgen von Überlastung bei Krankheit waren was für Memmen.

Zumal zusätzlich der Glaube an den Fortschritt zum Wunderglaube an die damals neuen Konsumprodukte werden konnte. Zwar wird im gesprochenen Werbetext zum Clipende der hygienischere Umgang mit einem Infekt als Vorteil des Papiertaschentuchs benannt. Im Gedächtnis bleibt aber die im Clip erzählte Geschichte einer Wunderheilung. Nach dem Schneuzen ist der Torwart wieder gesund und hält so sicher wie eh und je. Fehlt für das vollständige Happy-End nur das Mitwirken der Stürmer seiner Mannschaft. Ob diese Stürmer den Ausgleich und die Führung noch erzielt haben, bleibt fraglich. Darum kann Tempo sich nun nicht auch noch kümmern.

Fundstück: Nicht nur der MSV sucht einen Torwart

Am Samstag fand sich in der Süddeutschen Zeitung eine Stellenanzeige für Torhüter. Allerdigs ist sie in die Rubrik „Vermisches“ gerutscht. Deshalb weise ich hier noch einmal darauf hin. Zwar fischt der MSV bei der Kernkompetenz des Torhüters im selben Gewässer, allerdings brauchen wir die Münchner Vorstadt-Bezirksligakonkurrenz nicht zu fürchten, da Ivo Grlic einen deutlich jüngeren Torhüter als Buffon sucht. Eine Erinnerung an den August 2014 will ich zum Wochenbeginn ebenfalls nicht vergessen: Nürnberg im DFB-Pokal kann der MSV. Ein gutes Los.

Hätte Rilke nur mal Fußball gespielt

Wäre Rainer Maria Rilke in Deutschland geboren, gehörte er mit seinem Geburtsjahrgang 1875 und der bürgerlichen Herkunft eigentlich noch jenen ersten zwei Generationen deutscher Fußballer an, die mit ihrem damals in Deutschland neuen Sport auch die militärisch geprägte turnerische Körperertüchtigung der Eltern hinter sich lassen wollten. Doch er war Österreicher und statt mit Fußball gegen die Welt der Eltern zu rebellieren ging er andere, ebenfalls nicht gern gesehene Wege, die ihn 1902 in den Pariser Jardins des Plantes führten.

Wie es seine Art war, hat er darüber erst einmal ein paar Gedichte geschrieben. Der Panther ist eins davon, was nur denjenigen überrascht, der französisch spricht und Tiere in einem Botanischen Garten nicht vermutet. Es gab dort aber eine Menagerie vor der Eröffnung des Pariser Zoos. Hätte Rainer Maria Rilke doch mal Fußball gespielt, dann gäbe es heute einige Sportgedichte mehr unter den Evergreens der deutschen Lyrik. Hat er aber nicht. Bleibt mir also nichts anderes übrig, als sein Werk zu erweitern.

Der Torwart
Im Wedaustadion, Duisburg

Sein Blick ist von den zig platzierten Bällen
so wach geworden, dass er alles hält.
Ihm ist, als sind es Tausend-Bälle-Wellen,
da vor ihm niemand mehr die Stürmer stellt.

Doch wächst sein Körper, wenn die Stürmer kommen,
bis er die Wand ist, die das Tor versperrt.
Nur ihm scheint nicht der Siegestraum genommen,
wenn er sogar im Halbfeld Pässe klärt.

Doch oftmals hält kein noch so großer Wille
das Schicksal auf -. Dann rollt ein Ball hinein
ins Tor zum Netz. Im Stadion herrscht Stille. –
Den schrillen Abseitspfiff hört er allein.

 

 

Und wenn sich einer nach dem anderen verletzt?

Wir Menschen arbeiten nun auch schon seit Jahrhunderten daran, diesem Leben das Unglück und Gefahren auszutreiben. Früher hat man dazu Wissen gesammelt, den Göttern Opfergaben gereicht und gehofft, es wird schon gut gehen. Heute sammelt man Wissen, glaubt an Wahrscheinlichkeiten und hofft darüber hinaus, es wird schon gut gehen. Bei allem Zahlenglauben geht es gegen alle Wahrscheinlichkeit dann doch auch manchmal schief.  Da macht der Fußball keine Ausnahme, und deshalb hat Eintracht Frankfurt „da ein Problem„.

Normalerweise ist der Kader eines Fußballvereins im professionellen Sport mit drei Torhütern gut bedient. Drei Torhüter haben sich trotz aller nationalen Unterschiede im Sicherheitsempfinden als internationaler Standard durchgesetzt. Das ist als Sicherheitsmarge wohl begründet, sitzt bei  Ausfall eines Torhüters dann dennoch ein Spezialist für das Tor auf der Auswechselbank.

Ob bei Eintracht Frankfurt eine Angstkultur vorherrscht, wenn es um die für den guten Verlauf einer Saison notwendigen Torhüter geht, vermag ich nicht zu sagen. Ungewöhnlich ist es schon, wenn vier Torhüter zu Beginn der Saison im Kader stehen. Andererseits mögen die Verletzungen von Jan Zimmermann und Ralf Fährmann vor Beginn der Saison da eine Rolle bei der Kaderplanung gespielt haben. Hinzu kommen vielleicht auch Vorahnungen von besonderen Gefahren, denen ein Torhüter in Frankfurt ausgesetzt ist.

Letzte Woche verletzte sich nämlich Markus Pröll das Schultereckgelenk, als ihm nach einem Freundschaftsspiel ein kleines Mädchen in die Quere kam. Damit blieb Oka Nikolov als letzter der vier Torhüter des Kaders übrig. Man kennt das aus anderen Vereinen, die zweite Mannschaft hilft dann aus. Doch heute lese ich vom Mittelfußbruch des Andreas Rössl, U23-Torhüter der Eintracht und als besagte Aushilfskraft in der Not vorgesehen.

Ich weiß nicht, ob Eintracht Frankfurt in Zukunft einen Torhüter nur noch bei Zahlung von Gefahrenzulagen verpflichten kann, aber eins weiß ich sicher, Frankfurts Bevölkerung kann sich glücklich schätzen, in der Gegenwart zu leben. Früher wäre da wahrscheinlich spätestens jetzt jemand fällig gewesen – wenn nicht als Opfergabe für die Götter so doch als Sündenbock.


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