Posts Tagged 'Tourismus'

Akzente inoffiziell: Ruhrort 1988 – Lyrische Beobachtung zum Strukturwandel

Am Spieltag fehlt mir die Zeit für Neues. Deshalb gibt es im Programm heute eine Wiederaufführung aus dem letzten Jahr: Als ich das Gedicht in den 1980ern schrieb, konnte ich das nur als Ralf Koss machen. „Kees“, „Jara“  und „-tz“ kannte ich nur von den Namen der MSV-Spieler einer vergangenen erfolgreichen Zeit her. Gerade erst hatte das Ruhrgebiet begonnen, seine Industriearchitektur als Kulturgut zu entdecken. Der RVR, der Regionalverband Ruhr, hieß noch KVR, Kommunalverband Ruhrgebiet, und erste Reisegruppen waren in der Ruhrstadt unterwegs. Wahrscheinlich kamen sie meist auch aus der Ruhrstadt.

 

Zu neuen Ufern – Duisburg-Ruhrort 1988

Die Reisegruppe auf der Mühlenweide: 30 Minuten Zeit.
Man betrachtet Rhein, Hafenmund, die Homberger Brücke
Fotoapparate werden entladen.
„Der ist breiter als ich dachte“, ist zu hören.
Derweil fühlt sich ein Pärchen allein.

Und am gespundeten Ufer brechen sich die Wellen.
Wer hätte das gedacht?
Ursache: Wind und Schiffe auf dem Rhein.
Heute ist es eine offene Frage, wo passt das hinein?
Der Mensch macht Wirklichkeit und denkt.
Noch zehn Minuten Zeit.
Etwa das Pärchen: So was wie Strand,
dort Hand in Hand, der Rest: geschenkt.

Die Masse aber folgt der KVR-Information.
Denn Diesel stinkt in Andeutungen hier rum.
Wenn zudem noch hochglanzfarbene Kräne kreischten.
Fünf weitere Minuten Imagination.
Das Pärchen: Extrawurst.
Jemand murmelt: „Auf eine eigene Weise interessant.
Früher hat man das alles doch gar nicht gekannt.“
Deshalb gibt es Reiseleiter. Der beantwortet Fragen.

Nur Ignoranten werden hier vorübergehen.
Dann die Ermahnung: Weiter. Tross zum Bus.
Der Bergbau weiter östlich wartet.
Eine Stunde vorgesehen: Zeche Zollern.
Mühlenweide abgehakt.
Rentner jeden Alters wieder unter sich.
Einer hat eine Meinung: „Dat sind Zeiten.
Statt Aabeit hamma Seenswüadichkeiten.“
Allgemeines Nicken. Kurzes Schweigen.

 

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Akzente inoffiziell: Christoph Schlingensief im Landschaftspark Nord

Die folgende kurze Erinnerung an Christoph Schlingensiefs Arbeiten im Landschaftspark Nord ist dem Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen entnommen. Strukturwandel ist ihr inhaltliches Zentrum. Überrascht war ich davon, wie sich die öffentliche Haltung gegenüber Schlingensief und dem Landschaftspark in fast identischem Tempo wandelte.

 

Auf dem Weg zu Beifall und Begeisterung

Als Christoph Schlingensief 1990 für seinen Film »Das deutsche Kettensägenmassaker« einen Drehort sucht, ist das ehemalige Hüttenwerk der Rheinischen Stahlwerke und späteren Thyssen Hütte gerade erst ein Jahr den Abrissbaggern endgültig entkommen. Nun gehört das Gelände als zu gestaltendes Projekt der »Internationalen Bauausstellung Emscherpark« an, auch wenn deren geistiger Kopf, Karl Ganser, noch immer gelegentlich auf Skepsis, Unverständnis und Verwunderung, wenn es um den Erhalt von Industriearchitektur geht.

Auf dem Gelände haben die Umbauarbeiten noch nicht begonnen. Leer stehende Gebäude und verlassene Industriebauten strahlen eine morbide Atmosphäre aus, die Christoph Schlingensief nutzen will, um angesichts der naiven Begeisterung über die Wiedervereinigung Deutschlands einen verstörend wirkenden Film zu drehen. Christoph Schlingensief und große Teile der Filmcrew kommen aus der Gegend, aus Oberhausen, Mülheim oder Bochum. Sie sind zwischen Industriebauten aufgewachsen, fühlen sich vertraut. Kamerafahrten auf der Hochofenstraße etwa unterstreichen die mörderische Stimmung der Geschichte um eine westdeutsche Metzgersfamilie, die in einem heruntergekommenen Hotel angereiste Ostdeutsche umbringt.

Christoph Schlingensief ist zwar nicht mehr unbekannt, dennoch erreichen seine unkonventionellen Filme und künstlerischen Aktionen nur ein kleines Publikum. Ratlos sucht die Kulturkritik noch nach einordnenden Begriffen. Kurioserweise werden von da an wie im Gleichschritt seine Kunst und der kulturelle Wert des Landschaftspark Nords zunehmend akzeptiert. 2008 wird Christoph Schlingensief bei seinem Fluxus-Oratorium »Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir« als Teil der Ruhrtriennale in der Gebläsehalle des Landschaftsparks selbst auftreten. Es wird das letzte Bühnenwerk des schwer kranken Schlingensief sein. Beeindruckende Kunst an einem beeindruckenden Ort.
 
Mit einem Klick weiter zu meiner Besprechung von „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ , die ich seinerzeit geschrieben habe.

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Akzente inoffiziell: Ruhrort 1988 – Lyrische Beobachtung zum Strukturwandel

Als ich das Gedicht in den 1980ern schrieb, konnte ich das nur als Ralf Koss machen. „Kees“, „Jara“  und „-tz“ kannte ich nur von den Namen der MSV-Spieler einer vergangenen erfolgreichen Zeit her. Gerade erst hatte das Ruhrgebiet begonnen, seine Industriearchitektur als Kulturgut zu entdecken. Der RVR, der Regionalverband Ruhr, hieß noch KVR, Kommunalverband Ruhrgebiet, und erste Reisegruppen waren in der Ruhrstadt unterwegs. Wahrscheinlich kamen sie meist auch aus der Ruhrstadt.

 

Zu neuen Ufern – Duisburg-Ruhrort 1988

Die Reisegruppe auf der Mühlenweide:
30 Minuten Zeit.
Man betrachtet Rhein, Hafenmund,
die Homberger Brücke
Fotoapparate werden entladen.
„Der ist breiter als ich dachte“, ist zu hören.
Derweil fühlt sich ein Pärchen allein.

Und am gespundeten Ufer brechen sich die Wellen.
Wer hätte das gedacht?
Ursache: Wind und Schiffe auf dem Rhein.
Heute ist es eine offene Frage,
wo passt das hinein?
Der Mensch macht Wirklichkeit und denkt.
Noch zehn Minuten Zeit.
Etwa das Pärchen: So was wie Strand,
dort Hand in Hand,
der Rest: geschenkt.

Die Masse aber folgt der KVR-Information.
Denn Diesel stinkt in Andeutungen hier rum.
Wenn zudem noch hochglanzfarbene Kräne kreischten.
Fünf weitere Minuten Imagination.
Das Pärchen: Extrawurst.
Jemand murmelt: „Auf eine eigene Weise interessant.
Früher hat man das alles doch gar nicht gekannt.“
Deshalb gibt es Reiseleiter.
Der beantwortet Fragen.

Nur Ignoranten werden hier vorübergehen.
Dann die Ermahnung: Weiter. Tross zum Bus.
Der Bergbau weiter östlich wartet.
Eine Stunde vorgesehen:
Zeche Zollern.
Mühlenweide abgehakt.
Rentner jeden Alters wieder unter sich.
Einer hat eine Meinung: „Dat sind Zeiten.
Statt Aabeit hamma Senswüadichkeiten.“
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