Posts Tagged 'TSV 1860 München'

Der TSV 1860 München als Gegenbild vom MSV

Die Entwicklung beim TSV 1860 München ließ sich über die Jahre gut in der Berichterstattung durch die Süddeutsche Zeitung mitverfolgen. Der Verein war auf Gedeih und Verderb seinem Investor Hasan Ismaik ausgeliefert. Der Grundkonflikt war über die Zeit seines Investements hin immer derselbe. Er wollte die absolute Macht in Verein und Wirtschaftsunternehmen. Wahrscheinlich ist ihm zu Beginn seines Investements überhaupt nicht klar gewesen, dass in Deutschland gerade diese Machtübernahme durch die 50+1-Regelung wirklich verhindert werden soll. Anders kann man sich nicht erklären, wieviel Energie in anwaltliche Arbeit gegangen ist, um auf Entscheidungsprozesse in dem Verein und in der KGaA Einfluss zu nehmen. Vorstände sind zurück getreten, weil nur dieser Rücktritt das Überleben des Vereins ermöglichte. Denn immer ging es beim Geldfluss auch um die Frage, wie kann Ismaik oder seine Bevollmächtigten das operative Geschäft kontrollieren.

In der Süddeutschen Zeitung ist heute zu lesen, wie Hasan Ismaik vor dem Relegationsspiel erneut die absolute Macht einforderte und nur dann bereit war, das für die Zweitligalizenz nötige Geld zu überweisen. Kurios wirkt das Ganze im ersten Moment auf mich, weil seit Jahren beim TSV 1860 München die leitenden Positionen der KGaA nur mit Hilfe und Einverständnis des Investors besetzt sind. Bei näherer Betrachtung ist das sehr interessant, weil diese Angestellten des Wirtschaftsunternehmens schließlich immer auch anderen Interessen als denen des Investores haben folgen müssen. Sie gerieten also in Konflikt mit dem Mann, dem sie ihre Anstellung verdankten. Zwangsläufig wendete sich Ismaik dann jeweils wieder von seinen „Männern“ ab. So kommt es mir jedenfalls vor.

Im selben Artikel erfahre ich, der Verein muss bis Freitag 11 Millionen Euro vorweisen, um die Lizenz für die 3. Liga zu erhalten. Ob Ismaik zahlt, steht in den Sternen. Wie aber soll in dieser kurzen Zeit anderweitig Geld aufgetrieben werden? Diese Frage habe ich sofort vor Augen und da ich diese Frage vor Augen habe, erinnere ich mich endgültig an den MSV im Sommer 2013. Das Geschehen beim TSV 1860 München verdeutlicht noch einmal, welch grandiose Leistung von allen beteiligten Menschen die Rettung des MSV Duisburg gewesen ist.

Es verdeutlicht zum einen, wieviel Arbeit schon vor dem Lizenzentzug zur Verbesserung des Binnenklimas beim MSV Duisburg etwa ab 2012 hatte geschehen müssen. Davon bekam die Öffentlichkeit nichts mit. Nur weil es diese Vorarbeit gab, konnte diese aussichtslos scheinende Situation nach dem Lizenzentzug im Sommer 2013 bewältigt werden. Zum anderen lässt sich im Kontrast zum Geschehen beim TSV 1860 München noch einmal würdigen, welch Kraftakt es war, das benötigte Geld für die Drittligalizenz zusammen zu bekommen und dann in dieser 3. Liga zwei Jahre zu überleben, nur ein Jahr Atempause in Liga 2 zu nehmen und dann erneut mit den finanziellen Bedingungen in Liga 3 den Wiederaufstieg anzustreben. Was für ein Hochseilakt ist das gewesen. Das Gegenbild in München erinnert uns, es war und ist nicht selbstverständlich, dass der MSV Duisburg in der nächsten Saison in der 2. Bundesliga spielt. Ich bin gerade wieder sehr dankbar für die Rettung des MSV im Sommer 2013 und für die Arbeit im Verein in den Jahren danach.

Was mir nun die Gelegenheit bietet, noch einmal darauf hinzuweisen: Wer nachlesen will, wie diese Rettung geschehen ist und wie es zum Aufstieg zwei Jahre später kam, der findet in „Mehr als Fußball“ diese Geschichte über den MSV als Geschichte für Duisburg. Denn Duisburg braucht gute Geschichten über sich selbst, Geschichten zum weitererzählen.

 

 

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Alles Gute für 2017 mit Big Data von 2016!

Alles Gute für das Jahr 2017 wünscht euch die Belegschaft vom Zebrastreifenblog. Zwar hat sich Der Stig in den letzten Monaten hier sehr zurückgehalten, in Arhus ist er gerade ohnehin wieder, dafür rufen Ralf und ich euch im Duett um so lauter die Wünsche zu. Wie immer erhalten Fußballer und die Verantwortlichen im Verein unserer Zuneigung ebenfalls ein großes Wünschepaket. Im letzten Jahr war das leider nicht groß genug, um die Relegationsspiele siegreich zu bestreiten. Deshalb packen wir in diesem Jahr noch vier Kilo Wünsche obendrauf, damit der angestrebte Erfolg in dieser Saison ganz ohne Relegation gelingt. Der große Wünscheverwalter wird das hoffentlich berücksichtigen, wenn es ernst wird.

Mit dem hoffnungsvollen Blick nach vorne verbinden wir hier ja jedes Jahr den Blick zurück auf die meistgelesenen Texte des Jahres. Früh schon zeichnete sich ab, dass auch 2016 in Dortmund weiter eifrig Kuchen gebacken wird. Jeden Tag finden deshalb die BVB-Fans unter den Kuchenbäckern zum Zebrastreifenblog, um sich bei unserer Reihe rund um die schönsten Fußballtorten der Welt inspirieren zu lassen. Auf Platz 2 der meistaufgerufenen Beiträge im Zebrastreifenblog findet sich wie im Vorjahr „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge VI – Borussia Dortmund“, Noch öfter wurde 2016 nur der zweite Teil der BVB-Torten angeklickt. Auf Platz 1 steht „Die schönsten Fußballtorten der Welt Folge XXV – Borussia Dortmund Teil 2″.  Trainer wechseln, Spieler gehen, die BVB-Torten bleiben.

Auf eine gewisse Konstanz bei der Platzierung in der Klickhitliste hoffen Ralf und ich auch bei dem Beitrag, der sich auf Platz 3 befindet. Obwohl dieser Beitrag nicht einmal einen Monat in diesem Jahr online war, interessierten sich so viele Besucher des Zebrastreifenblogs für die Ankündigung unseres Buches über die Rettung des MSV im Sommer 2013 und die anschließende Zeit bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später, dass der Text die Klickhitparade stürmte. Für Jetzt bestellen – Mehr als Fußball. Das Buch über Duisburg im Sommer 2013 und den Wiederaufstieg des MSV hoffen wir auf eine Wiederholung der Platzierung beim nächsten Jahresrückblick.

Wie im letzten Jahr gibt es auf einem der ersten fünf Plätze auch einen Text, in dem es um das Verhalten von Fans geht und wie es von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Platz 4 belegt Chaos vor dem Gästeeingang – Fortuna-Fans berichten. Ich habe seinerzeit zum vermeintlichen Gewaltausbrauch am Gästeeingang beim Heimspiel des MSV gegen Fortuna Düsseldorf eine Mischung aus Presseschau der Fortuna-Blogwelt und Kommentar geschrieben.

Auf Platz 5 befindet sich ein Text zu jenem Spiel gegen den TSV 1860 München im Abstiegskampf der letzten Saison, das jedem der dabei war, immer noch Gänsehaut verursacht. Wenn ein Stadion die Abstiegsangst wegschreit holt noch einmal die unfassbare explosionsartige Ekstase hervor, als kurz vor dem Abpfiff der Siegtreffer gelang.

Und nun der Blick nach vorne. 2017, wir kommen. Auch 2017 werde ich dem Zebrastreifenblog einen Teil meiner Arbeitszeit widmen. Allenfalls werde ich nach dem hoffentlich erfolgten Wiederaufstieg über meine regelmäßigen Spielberichte nachdenken. Ich habe das Gefühl, nach acht Jahren habe ich dann sämtliche möglichen Saisonverläufe für den MSV mit Worten begleitet. Abstieg, vermiedener Abstieg,  Aufstieg, verpasster Aufstieg und das jetzige Favoritendasein. Meine Art über den Fußball zu schreiben braucht Ideen, die über den Fußball hinausgehen und die sind nicht mehr nach jedem Spiel vollkommen neu. Da muss ich was ändern. Wie, weiß ich noch nicht. Was ich weiß, ich werde weiterschreiben, aber anders. Also, 2017, wir gehen ins Stadion, wir sehen uns, wir lesen uns. Klingt verdammt gut, 2017, so kann es weitergehen.

Wenn Fieberfantasien wirklich werden – Kees Jaratz, Gott der 2. Liga

Erinnerungen sind selbst auf kurzer Strecke keine verlässliche Quelle für die Fakten der Vergangenheit. Ende März hatte ich mit hohem Fieber im Bett gelegen. Wir hatten uns mit dem Abstieg des MSV angefreundet, doch hohes Fieber setzt das normale Denken gerne außer Kraft. Plötzlich spürte ich wieder die Macht des Tabellenrechners, den ich zum Wohle des MSV einsetzen wollte. Die Fieberfantasie sah wieder vielversprechend aus. 

Meine Hoffnung auf den direkten Klassenerhalt war in den letzten drei Wochen aber anscheinend so groß, dass ich den damals schon wunderhaften Relegationsplatz als Vorhersage gar nicht mehr richtig im Kopf hatte. Ich dachte, ich hätte den 15. Platz prognostiziert.

Doch weit gefehlt, der MSV hat mit Ausnahme der Verdrehung der Heidenheim- und Nürnberg-Ergebnisse genauso  gespielt, wie ich es gewünscht habe. Es sieht so aus, als sei die Wirklichkeit Kraft des Tabellenrechners erst geschaffen worden. Allerdings haben einige der anderen Vereine die Wirklichkeits-Baupläne anscheinend verkehrt herum gehalten. Da das aber Frankfurt und Düsseldorf gleichzeitig gemacht haben, hat sich das wieder ausgeglichen.

Ich weiß es nicht genau, wie oft ich den Tabellenrechner in kritischen Saisonphasen zum Wohle des MSV inzwischen angewendet habe. Viermal? Bislang hat sich die Wirklichkeit in Abstiegsfragen immer daran gehalten, was ich vorhergesagt habe. Gott der 2. Liga spielen, fühlt sich gut an. Ihr wisst schon, Allmacht und so. Wundert euch nicht, wenn Fußballanhänger demnächst in einer Nischensekte ihr Seelenheil finden können.

Diese göttliche Größe strahlt übrigens gerade nicht auf die beiden Relegationsspiele aus. Da verfalle ich wieder in alten menschlichen Aberglauben. Alles in mir sträubt sich, es zu schreiben, was wir alle wünschen.  Das Schicksal möchte ich nicht herausfordern. Soll das mit dem Nischenangebot fürs Seelenheil was werden, sollte der MSV in Zukunft solche Entscheidungsspiele vermeiden.

Die Wirklichkeit

14. Fortuna Düsseldorf:  35 (31)   + 4
15. TSV 1860 München:  34 (32)  + 2
16. MSV Duisburg:  32 (32) +/- 0
17. FSV Frankfurt 32 (35) – 3
18. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0

 

Die Prognose

2016-34

Nun gut – noch einmal der Tabellenrechner am 33. Spieltag

Normalerweise kann ich Paradoxien sehr viel abgewinnen. Es sei denn, es handelt sich um den Tabellenrechner und das Abgleichen mit der Wirklichkeit am vorletzten Spieltag. In allen vorherigen Spielzeiten hatte sich dieses Abgleichen zu diesem Zeitpunkt der Saison schon erübrigt, weil der MSV mein herbeigewünschtesgerechnetes Saisonziel erreicht hatte. Nun müsste ich dieses Mal angesichts des Tabellenstandes noch immer meine Rechnung mit der Wirklichkeit abgleichen. Nichts ist entschieden. Doch bei nur einem noch ausstehenden Spieltag erledigt sich das ebenfalls von selbst. Es bleibt nichts mehr zu erzählen. Eigentlich ist dieses Abgleichen auch diese Saison wieder überflüssig, nur aus ganz anderen Gründen, als es bislang der Fall war.

Eines fällt mir aber noch ein, weil es die gegenseitige Abhängigkeit der Bedingungsgrößen für so eine Tabelle sehr schön deutlich macht. Vor dem letzten Spieltag hatte ich den Sieg von Fortuna Düsseldorf befürchtet. Ein Unentschieden im Spiel gegen Frankfurt wäre aber nur gut gewesen für den MSV, wenn die Zebras in Sandhausen gewonnen hätten. Nun verbessert der Sieg der Fortuna die Ausgangslage für den MSV. Ohne diesen Sieg könnte ein Unentschieden des MSV im Spiel gegen Leipzig niemals langen, um den Relegationsplatz zu behalten, selbst wenn Frankfurt im Heimspiel gegen 1860 ebenfalls nur Unentschieden spielte.

Natürlich wissen wir, mit Sicherheit bleibt der MSV auf dem Relegationsplatz nur, wenn das Spiel gegen Leipzig gewonnen wird. Gelassen hätte ich das schon nicht schreiben können, bevor ich gestern die Nachricht las, dass Victor Obinna für den Rest der Saison ausfällt. Nun muss ich mich um meinen Optimismus für dieses Spiel gegen Leipzig sehr bemühen. Deshalb verstoße ich gegen eines der Grundgesetze des Profifußballs und schaue am nächsten Spieltag nicht nur auf uns. Damit werde ich nicht alleine sein. Wir alle werden verdammt aufmerksam auch nach Frankfurt sowie nach Paderborn schauen und auf die tatkräftige Mithilfe von 1860 sowie Nürnberg hoffen.

14. TSV 1860 München:  34 (32)  + 3
15. Fortuna Düsseldorf:  32 (31)   + 2
16. MSV Duisburg:  29 (32) – 2
17. FSV Frankfurt 29 (32) – 2
18. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0

2016-34

Soll und Haben im Tabellenrechner – 32. Spieltag

Alten Traditionen folgend werde ich bis zu endgültigen Entscheidungen über das Schicksal des Vereins unserer Zuneigung die Wirklichkeit und meine Fieberfantasien mit dem Tabellenrechner gegenüberstellen. In der Klammer steht meine Punkteprognose am Ende der Saison, dann folgt inwiefern die bisherigen Ergebnisse von meiner Prognose abweichen.

Leider führte der Trainerwechsel beim TSV 1860 München zu dem in der letzten Woche befürchteten Aufwärtstrend. Nun liegt die Mannschaft drei Punkte über meinem Endergebnis und bliebe bei weiterem vorhergesagten Verlauf definitiv in der Liga. Beim FSV Frankfurt ist es genau umgekehrt. Der Verein spielt schlechter, als ich gedacht habe und würde absteigen.

Leider hat diese schlechte Leistung Auswirkungen auf die Perspektiven des MSV. Denn der FSV Frankfurt spielt am nächsten Sonntag bei Fortuna Düsseldorf. Ein Unentschieden wäre für den MSV das beste Ergebnis. Dann wären wir auch bei nur 4 Punkten in den zwei Spielen auf Platz 15. Dieses Unentschieden scheint mir jetzt doch sehr zweifelhaft zu sein. Ein Sieg der Fortuna ist wahrscheinlicher, und dann landeten wir bei 4 Punkten auf dem Relegationsplatz. Müssen wir eben noch beide Spiele gewinnen. Es wird auf jeden Fall knapp. Wie gesagt, das Torverhältnis kann entscheiden.

14. TSV 1860 München:  31 (32)  + 3
15. Fortuna Düsseldorf:  29 (31)   +/- 0
16. FSV Frankfurt 29 (32) – 1
17. MSV Duisburg:  28 (32) +/- 0
18. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0

2016-332016-34

 

 

 

 

Soll und Haben im Tabellenrechner – 31. Spieltag

Alten Traditionen folgend werde ich bis zu endgültigen Entscheidungen über das Schicksal des Vereins unserer Zuneigung die Wirklichkeit und meine Fieberfantasien mit dem Tabellenrechner gegenüberstellen. In der Klammer steht meine Punkteprognose am Ende der Saison, dann folgt inwiefern die bisherigen Ergebnisse von meiner Prognose abweichen.

Auf den ersten Blick sieht alles so aus, als folge die Wirklichkeit noch meinem Plan. Besser noch, der FSV Frankfurt gesellt sich als ernsthafter Anwärter auf einen direkten Abstiegsplatz hinzu. Gut, Paderborn sammelt mehr Punkte als gedacht, aber da ist noch immer Luft bis der MSV erreicht wird, wenn der MSV macht, was wir uns wünschen. Unangenehm war der Heimsieg des TSV 1860 München, weil sich daraus hoffentlich nicht ein Aufwärtstrend durch den Trainerwechsel einstellt. Passiert ist nichts, weil die Mannschaft vorher zwei Punkte wider Erwarten verloren hatte. Ich habe diesen neuen Stand in die Tabellen unten nochmals eingerechnet.

Es gibt einen Vorteil für den MSV an den letzten beiden Spieltagen. Die Konkurrenten im Abstiegskampf spielen noch gegeneinander. Von diesen Spielen wird der MSV bei jedem Spielergebnis profitieren, wenn, ja wenn der MSV am Freitag gegen Fortuna Düsseldorf gewinnt. Das ist notwendig. Am Freitag heißt es für den MSV wieder, Endspielstimmung, ein Sieg muss her. Sonst müsste aus einem Heilungswunder eines der Wiederauferstehung von den Toten werden.

14. Fortuna Düsseldorf:  29 (31)   +/- 0
15. FSV Frankfurt 29 (32) +/- 0
16. TSV 1860 München:  28 (32)  +/- 0
17. SCP Paderborn: 28 (28)  +/- 0
18. MSV Duisburg:  25 (32) +/- 0

Nachdem ich den Tabellenrechner seine Arbeit hatte machen lassen, endete die Saison für mich wie unten. Beim gegenwärtigen Stand der Dinge und wenn sich die Vereine an meine weiteren angenommenen Ergebnisse hielten, stände der MSV Duisburg nun sogar auf dem 15. Platz. Es wird knapp. Das Torverhältnis kann entscheiden.

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Wenn ein Stadion die Abstiegsangst wegschreit

Der Schalldruck im Duisburger Süden muss groß gewesen sein in der 85. Minute des Spiels vom MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München. Als Victor Obinna den 2:1-Führungstreffer für die Zebras erzielte, knallte diese Arena ihre Begeisterung als Explosion heraus. Danach hielt das Toben und Schreien an, nicht nur auf der Nord, wo es ohnehin immer am lautesten ist. Auch auf den Geraden wussten die Zuschauer nicht mehr wohin mit ihren Gefühlen. Dieser Jubel von knapp 22.000 Anhängern des MSV Duisburg walzte aus dem Stadion, ließ Fensterscheiben vibrieren, schwappte über die Parkplätze, hob das Wasser auf der Regattabahn zu kleinen Wellen und verlor sich in der anderen Richtung allmählich in den Straßen zum Hauptbahnhof. Der Duisburger Süden wurde mit gemeinsamer Glückseligkeit und Erlösung durchdrungen.

Solch ein ekstatischer Ausbruch des Jubels geschieht, wenn die kaum mehr vorhandene Hoffnung auf eine Glück verheißende Rettung wie den Klassenerhalt wider Erwarten durch eine Heldentat wie den Auswärtsieg gegen einen hohen Favoriten befeuert wird. Wenn dieser Hoffnung ein paar Tage Zeit bleiben zu wachsen und sie zugleich in Gedanken schon wieder gefährdet wird. Wenn diese Hoffnung nur durch den Sieg im Spiel weiter lebendig bleibt. Wenn das Spiel selbst dann doch verloren scheint, das Ende nahe ist und wenn dann, in der eigentlichen Torschuss-Situation wir einen winzigen Augenblick Zeit haben, die große Chance zum Tor in dem Ausmaß ihrer gesamten Folgen für die Zukunft intuitiv zu erfassen. Wir denken es nicht, aber wir fühlen es, weil das Tor nicht von jetzt auf gleich fällt. Wir sind  dann vom Scheitern bedroht. Unsere Körper werden miterfasst von der Bewegung des Stürmers, wir spielen gleichsam mit.

Unsere Beine verknoteten sich beim Versuch, zugleich auf unserem Platz zu bleiben und diesen halbhohen Ball unter Kontrolle zu bringen, der von Kingsley Onuegbu zurückgeprallt war in den freien Raum an der Strafraumgrenze. Diese Ekstase konnte Raum greifen, weil wir alle die Last der Verantwortung in diesem Moment spürten. Weil wir diesen winzigen Moment Zeit hatten, um zu fühlen, wie nah Erfolg und Versagen beieinander liegen. Das alles geschah in uns, ohne dass wir es in Begriffen dachten, denn wir waren nichts anderes als unsere Körper, die sich vorbeugten, hin- und herbewegten, verkrampften, die bereit waren, etwas zu machen, ohne dass sie eingreifen konnten. Wir waren dabei, holten noch einmal Luft, hielten den Atem an und wurden eins mit Victor Obinna, dem es gelang den halbhoch springenden Ball direkt zu nehmen und ihn ins Tor zu schießen – am heraus eilenden Torwart ebenso vorbei wie an den versetzt stehenden zwei Feldspielern. Weil für all das dieser winzige Moment Zeit war, entlud sich die angestaute Luft in diesem ekstatischen kollektiven Aufschrei. JA!

Wir hatten eine erste Halbzeit gesehen, in der beide Mannschaften vor allem anderen keine Fehler machen wollten. Beide Mannschaften versuchten ein kontrolliertes Aufbauspiel, was auf Seiten des MSV zu erwarteten Schwierigkeiten führte. Dieser MSV entwickelt bei dieser Spielanlage keine durchgängige Offensivkraft. Das wissen wir, und das fürchtete nicht nur ich. Sehr viel druckvoller wurden auch die Münchner nicht, obgleich ihr Zusammenspiel mehr Potential aufwies, als wir es bei den Zebras entdecken konnten. Pässe und Laufwege der Löwen wirkten besser aufeinander abgestimmt. Die Mannschaft ließ den Ball besser laufen. Zu unserer Beruhigung blieb das ohne Folgen.

Sinnbildhaft für die Offensivstärke des MSV wird an solchen Tagen Giorgi Chanturia. Weil das Spiel des MSV in der kontrollierten Ausführung wenig Dynamik besitzt, liegt mehr Verantwortung bei ihm und seinen Dribblings im eins gegen eins. Sein Gegenspieler aber kannte von Anfang an seine Haken und seine typischen Bewegungen. Entsprechend harmlos blieb Giorgi Chanturia. Er wirkte früh frustriert. Auch sonst war irgendwann der Frust der Offensivspieler bei Fehlpässen zu sehen. Die Mannschaft wirkte so, als müsse sie irgendwann auch gegen eine schlechte Stimmung angehen.

Nach der Halbzeitpause blieb das Bild unverändert. Wenn ein Tor fiele, käme das überraschend zustande. Das war uns klar. Die Überraschung gelang den Münchnern mit einem Weitschuss in der 64. Minute. Das kannten wir aus dem Spiel gegen Heidenheim, und angesichts der Leistung an dem Tag konnte ich mir nicht vorstellen, wie nun noch der Ausgleich fallen sollte. Doch es gibt Gründe, warum auch 1860 München vom Abstieg bedroht ist. Die Ordnung der Defensive gerät bei druckvollem Spiel schneller durcheinander als die anderer Gegner. Als Nico Klotz für den immer unauffälligeren Chanturia eingewechselt wurde, geriet die Münchner Defensive sofort aufgeregt in Bewegung. Das wiederum war anders als im Spiel gegen Heidenheim. Es erinnerte vielmehr an das Spiel gegen Union Berlin. Thomas Bröker musste noch hinzukommen, damit in der Strafraummitte ein weiterer Stürmer Flanken aufnehmen konnte. Die Unruhe in der Münchner Defensive führte zu dem kuriosen Ergebnis, dass der Ausgleich bei der ersten Ballberührung Brökers aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Flanke aus dem Stand heraus, Kopfballsprung fast aus dem Stand heraus, ein Kopfball nahezu in Rückenlage, der gegen den Innenpfosten trudelte, Richtung Tornetz sprang und vom Torwart auf diesem Weg zurückgeschlagen wurde. Wir lesen heute, Grund für einen Protest der 60er, die die Tatsachenentscheidung Tor als falsch ansehen. Hingegen hatte ich auch schon ohne Tatsachenentscheidung gejubelt – mit einer kurzen Irritation zwischendurch.

Die Stimmung war nun hochgekocht. Der Zorn der Münchner blieb erkennbar wie der Siegeswillen der Zebras immer mächtiger wurde. Zu Entlastungsangriffen kamen die Münchner nicht. Kurz nur sorgte ich mich, als Milos Degenek die gelb-rote Karte erhielt. Zu viele Erinnerungen an den Misserfolg gibt es in dieser Saison. Paderborn, das blitzte kurz auf, doch sofort war deutlich, kein Handballspiel-Imitat bekämen wir noch einmal zu sehen. Weiter ging es Richtung Münchner Tor, egal ob über die Mitte oder über die Außenbahnen. Der Ball musste irgendwie ins Netz. Das wollten die Spieler. Das wollten wir auf den Rängen. Das wurde geschrien. Das wurde bei jedem Angriff versucht, bis in der 85. Minute Victor Obinna jenen Angriff einleitete, den er selbst mit dem Führungstreffer abschloss.

Die Nachspielzeit bot noch einmal eine besondere Prüfung unserer Nerven. Drei-, viermal gelang es den Zebras nicht mehr, ruhig zu bleiben und den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Dieser Ball war nur noch ein potentielles Gegentor. Möglichst weit weg vom eigenen Strafraum sollte er sein. Jeder Spieler des MSV schlug ihn nun weit nach vorne. Dummerweise kam der Ball augenblicklich wieder zurück. Zäh nur vergingen diese Minuten, in denen schließlich ein Münchner ein letztes Mal derart frei zum Schuss kam, dass ich den Ball schon zum Ausgleich im Netz gesehen hatte. Festgekrallt an der Schulter des Freundes bekam ich den Schlusspfiff nicht mehr richtig mit. Das Feiern des Sieges begann, und Erfolg im Abstiegskampf bedeutet nicht nur ein ekstatischer Jubel beim Führungstor. Erfolg im Abstiegskampf bedeutet auch, volle Zuschauerränge noch lange nach dem Schlusspfiff.


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