Posts Tagged 'TuS Koblenz'

Wer ist der Schreck vom Niederrhein? Nur der MSV!

Berlin? Berlin? Fahren wir nach Berlin? Welch guten Fußball spielt der MSV Duisburg, wenn es der Mannschaft gelingt, tatsächlich nur an das eine Spiel zu denken. Drei, vier Wochen war die Leichtigkeit des Spiels verloren gegangen. Drei, vier Wochen waren die Blicke vielleicht zu sehr auf die Zukunft gerichtet? Drei, vier Wochen hatte die Aussicht auf ein Saisonende mit einem überraschenden Erfolg vielleicht die Mannschaft gehemmt? Gestern Abend war die Leichtigkeit wieder da. Gestern Abend sahen wir, warum der MSV Duisburg in der Zweitliga-Tabelle mit 30 Punkten auf dem fünften Platz steht. Die Mannschaft war sich ihres schnellen Kombinationsspiels wieder sicher. Die Spielanlage war wieder variabel. Und schon hob Stefan Maierhofer nicht mehr viel zu oft den Arm für das gewünschte Anspiel.

Natürlich muss man auch sagen, dass der 1. FC Köln bei weitem nicht so gut gespielt hat wie am letzten Freitag der VfL Bochum. Diese Mannschaft des 1. FC Köln wirkt in allen Teilen verunsichert. Gestern besaß sie eine Verteidigung, in der immer wieder unglaubliche Fehler passierten. Ich kann den Ärger der Kölner Zuschauer verstehen. Wenn es denn wenigstens Fehler in der Bedrängnis wären. Aber die Ecke, die zum Tor von Stefan Maierhofer in der 3. Minute führte, war ein Geschenk des 1. FC Köln. Das soll jetzt aber nicht heißen, der Sieg des MSV Duisburg sei alleine durch die schlechte Leistung der Kölner ermöglicht worden. Nein, das gute Spiel des  MSV Duisburg hat selbstverständlich auch den 1. FC Köln so schlecht aussehen lassen.

Der Warnhinweis für auswärtige Zuschaer im Block N14 war im Übrigen   keineswegs übertrieben. In dem Block lebt die Hooligan-Tradition der 90er munter weiter. Was uns bewog, in der Halbzeitpause per Schalausweis die Grenzkontrolle zum Nachbarblock zu überwinden und dort im Schutz der Zebraherde erst wirklich auf das zweite Tor des MSV Duisburg zum Sieg zu hoffen. In der ersten Halbzeit war ich  jedenfalls angesichts der weiteren Chancen des MSV Duisburg in große Gewissenskonflikte gekommen. Ob der Sicherheitsdienst so schnell bei uns gewesen wäre, um uns bei einem weiteren Treffer gegen den FC zu schützen, schien mir eine offene Frage zu sein. Schon der frühe Führungstreffer durch Stefan Maierhofer in der 3. Minute war für die Reihe vor uns nicht nur ein Ärgernis sondern eine Provokation, die wir mit verursachten. Dabei konnten wir uns gar nicht mal übermäßig freuen, weil wir eben erst unseren Platz eingenommen hatten. Die Anreise aus dem rechtsrheinischen Köln war gestern ein Glücksspiel, weil sich „Personen in den Gleisanlagen“ der Hohenzollernbrücke aufgehalten hatten und der S-Bahn-Verkehr Richtung Deutz über vierzig Minuten eingestellt war.

Der Anpfiff mit zehnminütiger Verspätung kam uns also zugute. Die Aggression im Stadion war allerdings nicht nur in unserem Erste-Halbzeit-Block spürbar. Es schien so, als wollten Anhänger des FC nahezu überall ihre sehr schlechte Laune mal so richtig rauslassen. Für viele dieser Menschen war es geradezu ein segensreiches Geschenk, dass so viele Duisburger Zuschauer ins Stadion gekommen waren. Da hatten sie wenigstens ein weiteres Feindbild. Unter den Kölner Zuschauern war aber so viel Hass in der Luft, dass er nicht mal an Duisburger Zuschauern und durch Spielerbeschimpfung abgearbeitet werden konnte. Ununterbrochen wurden auch Feinde in den eigenen Reihen entdeckt, und weil es kostenaufwändig ist, Plexiglaswände um jeden Einzelplatz der Kölner zu ziehen, kam es immer mal wieder zu irgendwelchen Rangeleien. Die Arbeit beim Ordnungsdienst des Kölner Stadions scheint mir im Moment keine einfache zu sein.

Natürlich kenne ich in Duisburg Zuschauer ähnlichen Zuschnitts, doch habe ich den Eindruck, es gibt im Kölner Stadion mehr Menschen, die große Lust am sichtbaren Ausleben ihrer Aggression verspüren. Da ist nichts mehr vom gemütlichen Kölner-Sein vorhanden. Da lässt sich eine dunkle Seite der Stadt erkennen, über die sonst wenig Worte verloren wird.

Zurück zum Spiel. Dass es ab der 75. Minute noch einmal spannend wurde, lag einmal mehr an der Chancenverwertung des MSV Duisburg. Welch große Chancen erspielte sich diese Mannschaft. Doch Srdjan Baljak fehlt im Moment jegliche Sicherheit beim Abschluss, und Olcay Sahans Torgefährlichkeit ist nun auch keine beständige. Beim Pfostentreffer gelingt ihm der Schuss noch gut, wenige Minute später war so ein Schuss mal wieder mehr eine Rückgabe zum Torwart. Aber ich habe gelernt damit zu leben, schließlich spielte er gestern wieder ansonsten sehr gut. Julian Kochs Tor zum 2:0 hat für mich alle Zutaten einer für ihn typischen Spielaktionen. Dieser dynamische Antritt, das Vorantreiben des Balls und das sofortige Nachgehen, wenn dieser Ball für den ersten Moment verloren scheint. Großartig! Einmal mehr.

Ab der 75. Minute war der Mannschaft anzumerken, wie anstrengend das Spiel bis dahin gewesen ist. So viele Konter schnell zu laufen kostet Kraft, und deshalb ist es doch auf mittlere Frist sehr sinnvoll, noch ein Tor mehr aus so vielen Chancen zu machen. In dieser Spielphase drohte die Ordung in der Defensive immer wieder verloren zu gehen, zumal der ein und andere Fehler von Bruno Soares für Unruhe sorgte. Er soll den Ball nicht wegschlagen, sicher, aber manchmal kommen dann so Aussetzer und dann gibt er ihn einfach wieder weg. Das hat mich schon sehr nervös gemacht. Wahrscheinlich habe ich deshalb auch für etwa eine Minute gedacht, der von Lukas Podolski im Strafraum geschossene Freistoß sei ins Tor gegangen. Ich sah ein Netz sich ausbeulen, guckte auf den Boden und mir ging durch den Kopf, ob noch genug Kraft vorhanden sei, sich gegen den Ausgleich zu stemmen. Dann sah ich wieder nach oben und wunderte mich nur kurz, wieso David Yelldell den Ball schon wieder abschlug. So schnell war der Anstoß ausgeführt worden? Und der wurde in die eigene Hälfte zurückgespielt? Erst nach dem Abstoß fiel mein Blick auf die Anzeigetafel und die weiterhin bestehende 2:0-Führung. Anscheinend braucht nicht nur die Mannschaft die Winterpause, auch ich muss meine Kräfte erneuern, um mir im neuen Jahr mit der Konzentration des Saisonanfangs die Spiele anzusehen.

Als das Anschlusstor dann wirklich fiel, war ich deshalb gar nicht mehr beunruhigt. Ich bangte nicht um den Sieg. Ein irrationaler Moment. Mit Wahrscheinlichkeit hatte das alles nichts zu tun, sondern nur mit der Hoffnung, dass alles gut ausgeht und dem Gefühl, die Kölner Mannschaft war zu planlos. Allenfalls hätte sich ein zufälliger Ausgleich noch ergeben können. Großer Jubel beim Schlusspfiff, und genügend Plexiglasscheiben zwischen mir und den hasserfüllten Idioten, um ausgiebig in der Zebraherde die Mannschaft und uns selbst zu feiern. Heute nun schwinge ich immer noch ein wenig in der Stimmung bei allen letzten Weihnachtsvorbereitungen und bedauere den 1. FC Kaiserslautern. Ein unglückliches Viertelffinal-Los für die Mannschaft. Denn mit großer Wahrscheinlichkeit wird beim Nachholspiel im Januar nun nämlich TuS Koblenz weiterkommen. Im anderen Fall gäbe es ja für den MSV Duisburg in der nächsten Runde des DFB-Pokals ein Heimspiel, und wir kennen alle das eine der neueren Pokalgesetze. Auf dem Rasen des Duisburger Stadions herrscht striktes Pokalspielverbot, das andere heißt ja, zwei Zweitligavereine kommen in dieser Saison ins Finale.

Ich, Kees Jaratz – MSV-Anhänger und Gott per Tabellenrechner

Nachdem mir vor ein paar Wochen das Bekenntnis zur Derby-Gefühlslosigkeit einfach fiel, zögere ich jetzt mit den Worten. Das hat einen einfachen Grund. Unverständiges Kopfschütteln oder gar ärgerliche Empörung sind als Reaktion allemal leichter zu ertragen als spöttisches Lachen und sarkastische Kommentare. Dennoch gibt es innere Wahrheiten, die aus einem herausdrängen.

Deshalb verstehe ich im Gegensatz zu einigen anderen Fans des MSV Duisburg übrigens auch Christian Tiffert, der anscheinend bei Sky im Live-Interview nach dem Spiel gegen die TuS Koblenz Pfiffe der Zuschauer beim Stand von 3:1 kritisch kommentierte. Was genau er gesagt hat und in welcher Weise kann ich nirgendwo finden. Ein wenig wirkt das Ganze auf mich wie ein plötzlicher kurzer Schusswechsel nach einem allgemeinen und schon beendeten Schlachtengetümmel.

Alle Beteiligten rund um den MSV Duisburg, ob Spieler, Vereinsverantwortliche, Zuschauer oder Medienarbeiter, zu denen ich mich mit dem Blog im weitesten Sinn auch zähle, wir alle befinden uns noch in Alarmbereitschaft. Bei  jedem kleinen Gefahrenzeichen geht der Adrenalinspiegel hoch. Dann wird von einzelnen Zuschauern bei einem schwachen Torschuss gepfiffen, Spieler hören diese einzelnen Pfiffe besonders laut, und ich schreibe noch einmal ein paar Sätze mehr als nötig und beschwichtigend ums Wortschussgeplänkel drumherum.

Eigentlich haben wir nämlich am Freitag vom MSV Duisburg nicht nur ein passables Spiel gesehen, sondern auch das öffentliche Reden von Spielern und Vereinsverantwortlichen wirkte auf mich so, als wäre tatsächlich der Konflikt im Verein selbst als Chance genutzt worden. Das Bild des Vereins in der Öffentlichkeit zeigt trotz eines Milan Sasic mit dem Versprechen sich zu ändern weder Gewinner noch Verlierer. Eine gute Voraussetzung für die Beteiligten, sich im Konflikt nicht nur als Person weiter zu entwickeln sondern auch gemeinschaftlich dazu beizutragen, Strukturen im Verein zu verbessern. Davon ab, die Pfiffe im Spiel haben mir ebenfalls nicht gefallen.

Merkt ihr, wie meine Worte zu Konflikten mein Schweigen verhüllt? Kennt ihr das, wenn viele Worte das Aussprechen einer peinlichen Wahrheit hinauszögern. Tabellenrechner! Ohne diese Wahrheit bin ich kein ganzer Mensch. Es kommen in einer Fußballsaison mit dem MSV Duisburg immer wieder jene Wochen, in denen ich beginne meiner Allmachtssehnsucht heimlich zu verfallen. Mein Instrument dieser Allmachtssehnsucht ist der Tabellenrechner des Kicker. Seit gestern ist es wieder so weit. Augsburgs Auswärtsniederlage gegen Aachen war für mich wie der erste Schluck Bier für einen trockenen Alkoholiker. Als Gott der Zweitligatabelle bin ich kein Fantast. Der MSV Duisburg wird Dritter. Ich kriege das mit gut bedachten  Spielergebnissen hin, und empfinde mich dabei auch nicht als zu größenwahnsinnig.

Ein wenig glaube ich dann sogar im Alltag an solch eine Vollendung der Saison. Damit unterscheide ich mich nicht sehr von jenen Alkoholikern, die auch beim Trinken ihr Schicksal in dieser Welt alleine durch die Bilder in ihrem Kopf im Griff behalten. Fast immer tauchen sie aus diesen Bildern mit einem Kater auf und müssen weitertrinken, um die Wirklichkeit zu ertragen. Ganz, ganz selten aber, da nähert sich diese Wirklichkeit den Bildern im Kopf an und wird mit diesen Bildern identisch. Ich weiß gerade nicht genau, ob mir der Gedanken gut gefällt.

Milde Freude beim Sieg über einen schwachen Gegner

Erst vierzehn Minuten nach Anpfiff betrat ich gestern das Stadion, und wer war schuld? Auf jeden Fall niemand vom MSV Duisburg. Was schon mal eine gute Nachricht ist. Mein Zug war in Düsseldorf am Hauptbahnhof über eine halbe Stunde stehen geblieben, weil sich „Personen in den Gleisanlagen zwischen Düsseldorf und Duisburg“ befanden. Ich vermute deshalb der Einfachheit halber, Fans aus Koblenz waren schuld; Fans, die am Bahnhof Schlenk ihren Sonderzug nicht über den Bahnsteig verlassen haben oder den Bahnsteig nicht durch den Ausgang an dessen Ende oder wie auch immer. Wer meine Anfahrt aber derart behindert, dessen Verein wird mit einer Niederlage nicht unter 4:1-Toren nach Hause geschickt.

So kann der MSV Duisburg also die Saison zu Ende spielen. Wir freuen uns dann milde über einen höchstens fünf Minuten umkämpften Sieg gegen einen Gegner, der mit der bislang schlechtesten Saisonleistung einer Gastmannschaft in der MSV-Arena aufwartete. Vielleicht war die Laufbereitschaft der Duisburger Spieler aber dieses Mal auch hoch genug, so dass sie die Koblenzer Spieler stets unter Druck setzen konnten, sobald diese in Ballbesitz waren. Andererseits ließen die Koblenzer durch ihr langsames Spiel dem MSV auch die Zeit, den Druck aufzubauen. Außerdem sah ich Versuche der Koblenzer Spieler, den Ball unter Kontrolle zu bringen oder zu spielen, die mit Bolzen noch geschönt beschrieben sind. Zum Bolzen gehört in meinem Verständnis nämlich, dass der Ball im Spielfeld bleibt.

Von der ersten recht frühen, großen Chance für den MSV Duisburg durch Olcay Sahan musste ich mir noch erzählen lassen. Das Führungstor habe ich dann selbst gesehen. Christian Tiffert spielte auf den rechten Flügel in den Lauf von Olcay Sahan und dem gelang jenes Abspiel, das er zuvor bereits einige Male zu ungenau versucht hatte. Srdjan Baljak vollendete zum Tor. Solche Spielzüge wurden auch später immer wieder versucht. Allerdings kannten wir das auch: Oft haperte es dabei am letzten Pass. Stärkere Gegner entwickeln aus dem abgefangen Ball ihre Konter. So etwas war von der TuS Koblenz nicht zu befürchten.

Der Torjubel der Spieler nach dem 1:0 galt vor allem Olcay Sahan, der selbst in den knapp fünfzehn Minuten, die ich bis dahin nur gesehen hatte, durch seine unermüdlichen Versuche auffiel, die Angriffe spielerisch zu entwickeln. Das ist um so mehr hervorzuheben, weil ihm die letzte Aktion am Ball nicht durchweg gelingt. Da gehen dann Flanken ins Nichts oder er prallt im Dribbling am Verteidiger ab und geht zu Boden, aber er übernahm Verantwortung. Deshalb war er oft am Ball und riskierte, ein Ziel möglicher Kritik am Spiel zu werden. Dass er zudem durch einen nicht allzu starken und von Rasenunebenheiten zum Aufsetzer werdenden Schuss das zweite Tor kurz nach dem Wiederanpfiff erzielte, war deshalb eher eine Art Vorschuss für seine sich wieder stabilisierende und in Zukunft noch besser werdende Leistung. Denn abschlussstark ist er ganz sicher ebenfalls noch nicht.

Für etwa fünf Minuten geriet das Spiel für den MSV Duisburg nach dem sofortigen Anschlusstor der Koblenzer etwas aus den Fugen und kurz stand die Frage im Stadion, hat Koblenz das Spiel des MSV gegen Ahlen eingehend studiert und die TuS beginnt die Chance auf den Ausgleich nur viel früher wahrzunehmen? Doch sogar ohne drittes Tor gewann der MSV die Spielkontrolle zurück. Aus dieser Spielphase muss ich noch ein technisches Kabinettstückchen von Srjdan Baljak erwähnen. Nach steilem Zuspiel fand er mit schnellen Zweischritt und zwischen den Füßen tanzendem Ball die Lücke zwischen zwei eng stehenden Gegenspielern. Anschließend schoss er gefühlvoll aus halblinker Position am Torwart vorbei aufs lange Eck. Der Ball ging leider nur an den Pfosten, doch was für ein Überblick; und welche Kunst am Ball da aufblitzte. Beeindruckend.

Das 3:1 unterstrich dann auch vom Ergebnis her, was sich auf dem Spielfeld abgezeichnet hatte. Der Sieg war ungefährdet. In so einem Spiel gelingt dieses Tor dann sogar nach einem Eckstoß, wenn auch im Nachschuss von Frank Fahrenhorst. Mit der Torgefahr nach Eckstößen und dem MSV Duisburg verhält es sich ja schon seit einigen Spielzeiten fast so wie mit der Meisterschaft und dem FC Schalke 04.  Das 4:1 war auch wegen der anschließenden Freude von Caiuby über sein Tor bemerkenswert. Als ich ihn und die auf ihn zueilenden Mitspieler sah, schien es mir für einen Moment so unwirklich, was in der letzten Woche über die Stimmung im Verein zu hören und zu lesen war.

Auch wenn dieser Sieg keine großen Gefühle bei uns Zuschauern weckt, es geht in diesen letzten Spielen der Saison um etwas Wichtiges, und das ist nicht nur der mögliche vierte Platz. Egal, wie die Mannschaft in der nächsten Saison aussehen wird, das Auftreten dieser Mannschaft jetzt und die daraus sich ergebende Stimmung im Verein und im Umfeld werden eine Grundlage für diese kommende Saison bilden. Darum sind diese Siege vor allem wichtig.

Der bald zulässige Magath-Vergleich?

Ich habe die letzte Nacht unruhig geschlafen. Immer wieder wurde ich wach und musste daran denken, ob ich im heutigen Spiel des MSV Duisburg gegen den TuS Koblenz als Zuschauer fehlerlos bliebe. Schlaffes Stehplatz-Stehen gibt es bei mir zwar nicht, ich drücke das Kreuz immer durch und stütze mich nie auf einen Wellenbrecher, aber weiß ich, was Milan Sasic noch einfällt, wie professionelles Stehplatz-Stehen auszusehen hat? Ich mag es nicht, angeraunzt zu werden. Wenn mir jemand sagt, dass ich was falsch mache, soll er das im vernünftigen Ton sagen. Gestern Abend dachte ich wegen der Stimmung im Verein sogar kurz an ein Probestehen beim FC, hier in Köln, und habe mich nach dem Zähneputzen vorsichtig in ein paar Soldo-Raus-Rufen versucht.

Seit ich nun gerade den Clip von der gestrigen Pressekonferenz des MSV Duisburg gesehen habe, bin ich sehr erleichtert. Unbeschwert und motiviert gehe ich in das Spiel heute Abend, weil ich ein erstes Zeichen für die konstruktive Aufarbeitung der letzten Woche gesehen habe. „Der neue Sasic beim MSV“ titelt Der Westen. Auf der Pressekonferenz hat sich Milan Sasic ganz deutlich und ohne Vorbehalte dazu bekannt, Fehler gemacht zu haben. Zwar erklärte er an einem Beispiel, wie es zu seinen verärgerten Anrauzern kommt, aber er hat das fehlerhafte Verhalten eines Mitarbeiters nicht als Entschuldigung benutzt. Darauf kommt es an. Deshalb können wir seinen Worten glauben, er wolle dieses Verhalten abstellen. Das wird nicht einfach sein. Er wird Rat brauchen und Strategien, um seine gewohnten Wege zu verlassen. Wir wissen alle, wie schwierig so etwas ist, das rechte Maß, die passenden Worte und den richtigen Augenblick für Kritik zu finden.

Hört man sich seine Erklärung bei dem Einzelfall an, fallen mir sofort verschiedene Möglichkeiten auf, daraus zu lernen. Er schildert ein klassisches Beispiel für sich anhäufenden Ärger und einer vom Verursacher dann nicht nachvollziehbaren Überreaktion in dem Moment, wenn sich der Ärger entlädt. Hinzu kommt, nicht jede der Grundregeln im Fußballgeschäft scheinen alle Mitarbeiter zu kennen. In dieser Weise müssten solche Situationen von den Konfliktbeteiligten analysiert werden. Auch das ist schwierig, nicht umsonst gibt es im Bereich der Unternehmensberatung eine große Unterabteilung Konfliktmanagement.  Bruno Hübner ist da gefordert. Das dazu notwendige Vertrauensverhältnis zu Milan Sasic scheint mir gegeben. Die Pressekonferenz machte jedenfalls diesen Eindruck.

Oft wurde Milan Sasic in den letzten Tagen zur Verteidigung seiner Persönlichkeit und seines Verhaltens mit Felix Magath verglichen. Bislang war dieser Vergleich unzulässig. Im von den Medien tranportierten Bild erweist sich Felix Magath vielleicht so autoritär wie Milan Sasic, sein Verhalten aber sowohl Fußballern gegenüber als auch den anderen Vereinsangestellten wirkt rationaler und kalkulierter. Zudem konnte er seine Vorstellungen von Professionalität viel strategischer durchsetzen als es Milan Sasic beim MSV Duisburg je möglich sein wird. Milan Sasic kann nicht die Strukturen beim MSV Duisburg von jetzt auf gleich verändern, wie es Felix Magath sowohl zu Beginn seiner Zeit beim VfL Wolfsburg als auch beim FC Schalke 04 gemacht hat. In Duisburg fehlt dazu das Geld. Milan Sasic muss seine Vorstellung von professionellerem Arbeiten mit den vorhandenen Mitarbeitern verwirklichen.

Das geht nicht von jetzt auf gleich und man muss diese Mitarbeiter bei der Veränderung mitnehmen, sonst torpedieren sie die Anstrengungen. Das kennen Unternehmensberater aus ihrem Berufsalltag und machen daraus amüsante Kurzvorträge, die manchmal sehr an das Geschehen beim MSV Duisburg erinnern.

Nach dem Spiel gegen Hansa Rostock war von Anfang an klar, allein aufgrund der finanziellen Lage wird der MSV Duisburg mit Milan Sasic in die nächste Saison gehen. Für mich war die alles entscheidende Frage für die zukünftige Stimmung im Verein, wie sehr würde Milan Sasic seine starke Position im Verein gegen die entstehende öffentliche Stimmung ausspielen. Er ist einer möglichen Versuchung nicht erlegen, vielleicht hat es sie gar nicht gegeben. Im Gegenteil seine Worte tragen zur Verbesserung der Stimmung bei. Sie lassen hoffen, dass der Vergleich mit Felix Magath in der Zukunft einmal stimmen könnte. Dass ich dabei auch an den möglichen Erfolg denke, versteht sich von selbst.

Die Mannschaft wieder einen

Während Marco Röhling neun einsilbige Wörter sagt, deren genauen Sinn sich mir erst mit dem zehnten und elften Wort erschließt, habe ich erstaunlich viele Gedanken gleichzeitig. Erst um die zwanzigste Minute herum bin ich zum Webradio von Radio DU gekommen und das erste, was ich hörte, war folgendes: „Und schob den Ball ein zum eins zu null …“ Nicht zu erkennen war in diesem Moment für mich, wer da nun führte. Normalerweise stelle ich das inzwischen an der Stimmlage von Marco Röhling recht schnell fest. Dieses Mal nicht, so neutral sprach Marco Röhling diesen Satz.

In dem Moment fanden Gedanken Worte in meinem Kopf, sie versanken, andere tauchten auf und stürzten augenblicklich wieder ab, übrig gebliebene vermischten sich mit anderen Gedanken und schufen einen Moment des unentschiedenen Stillstands, in dem alles möglich wurde. Das dauerte vielleicht ein bis zwei Sekunden, und in dieser kurzen Zeit hatte ich einerseits die Ahnung aller Gefühle, die dieser Verein in mir immer wieder weckt. Bange Hoffnung, die die Freude ahnen lässt, gefolgt von dem Absturz in Sorge und Enttäuschung. Andererseits hatte auch sofort das Denken über diesen Zustand begonnen. War ich doch kein direkter Beobachter des Spiels. Das Medium der Sportreportage gewährte mir Distanz.

Dieser Zustand eines blitzartigen Nebeneinanders von Gefühl und Rationalität war aber nur deshalb möglich, weil der MSV Duisburg zurzeit selbst nicht weiß, wo er steht. Immer noch wollen wir nach Aussage von Walter Hellmich auf der Pressekonferenz zur Entlassung von Peter Neururer alles tun, um ganz oben mitzuspielen. Wenn Bruno Hübner zu der Frage Stellung nimmt, was die Entlassung bringt, klingt das vorsichtiger. Da wollen wir bis zur Rückrunde alles tun, um zu sehen, was noch möglich ist. Ich hoffe, wir hören bei den beiden nur die Belege für deren unterschiedliche Persönlichkeiten. Sie werden dieselben Ziele haben. Wenn man aber an die Leistung der Mannschaft denkt, ist nichts vorhersehbar in einem Spiel wie dem gegen TuS Koblenz.

Dann hörte ich Marco Röhling sagen: „… für den MSV Duisburg und diese Führung hat immer noch Bestand nach inzwischen 21 Minuten.“ Das klang gut. Ich war eher still zufrieden, als dass ich mich laut freute. Schon in normalen Zeiten wäre dieses Spiel gegen TuS Koblenz ein Pflichtsieg gewesen, gestern war es immer noch ein Pflichtsieg, ohne dass ich wirklich daran glauben konnte. Denn, wie gesagt, erwartbar ist im Moment nichts.

Doch ich hörte gestern und lese heute bei „Der Westen“ und im „Kicker“ von einem „klaren Sieg“ und einer „ansprechenden Leistung“. Das viel beschworene  Potenzial der Mannschaft hat sich anscheinend deutlich gezeigt. Natürlich ist dieser Sieg nicht das Ergebnis der Entlassung von Peter Neururer. Das ist die Geschichte, die in einer kurzen Zeitungsmeldung am einfachsten zu erzählen ist. Dennoch zeigt sich, und zwar nach dem Spiel im Interview mit Christian Tiffert, die Entlassung war richtig.

Christian Tiffert erweist sich in dieser Saison nicht nur auf dem Spielfeld als Stütze dieser Mannschaft. Auch wenn er Stellung nimmt zu den spielerischen Leistungen der Mannschaft, sagt er entscheidende Sätze im richtigen Ton. Im Podcast von Radio DU geht es da mehr um die Einordnung des Sieges, im Interview nach dem Spielbericht von Sky gibt er bei Minute 3:45 aber auch noch einen Einblick in die Stimmungslage der Mannschaft. Christian Tiffert sieht für die Stimmung innerhalb der Mannschaft Verbesserungsbedarf. Stimmung hat etwas mit Zusammenhalt zu tun, und der ist Voraussetzung, um Krisen zu überstehen. Die Bewertung der Entlassung Peter Neururers überlässt er allerdings anderen.

Mir, zum Beispiel: Betrachte ich, wie Peter Neururer mit den Problemen dieser Mannschaft seit Anfang dieses Jahres immer wieder umgegangen ist, dann weiß ich sicher, egal wie gut sein Fußballverstand sein sollte, ihm fehlen geeignete Mittel zur Menschenführung. Er hätte dieser Gruppe von Spielern mit unterschiedlichen Interessen nicht mehr zur Einheit verhelfen können. Da steht sein Umgang mit der Personalie Ben-Hatira vor. Zudem wirkt die Drohung mit seiner Kündigung als Hemmschuh. Hinzu kommt noch sein populistisches öffentliches Auftreten, bei dem er immer wieder zwischen den Extremen schwankte. Einerseits nahm er Spieler gegen jede Kritik von außen in Schutz, andererseits distanzierte er sich grundsätzlich nach dem völligen Versagen von der Mannschaft. Wie soll so jemand integrierend auf die Gruppe einwirken? Derjenige, der integrierend wirken möchte, braucht das Vertrauen aller Gruppenmitglieder. Ich glaube nicht, dass dieses Vertrauen noch gegeben war. Darum wird es einem neuen Trainer vor allem gehen müssen, die Mannschaft wieder zu einen. Dann kann sie das legendäre spielerische Potenzial vielleicht bis zum Ende der Saison häufiger abrufen, als es bislang der Fall war.

Die Erstkommunionfeier vom MSV Duisburg

Wenn ich jetzt von einer Erstkommunionfeier in Paderborn zu erzählen beginne, bedeutet das keineswegs, dass das Spiel vom MSV Duisburg gegen TuS Koblenz hier nur am Rande interessiert. Ganz im Gegenteil, beim obligatorischen Essen im Restaurant konnte ich etwa auf der Toilette das 1:0 bejubeln. Auf der Toilette deshalb, weil dort WDR 2 vor sich hindudelte und die Schwingungen des Jubels im Stadion mich anscheinend so erreichten, dass ich genau zur Verkündung der 1:0-Führung diese Toilette betrat. Unnötigerweise! Einfach nur, um mal Pause vom Tafelgespräch zu machen. Da ich nicht rauche, gebe ich in solch einem Fall einer notwendigen Auszeit gerne vor, ich gehe mal eben … Jeder hat da Verständnis.

Den enttäuschenden weiteren Verlauf habe ich dann einmal mehr nur am Live-Ticker bei der zweiten Kommunionfeier mitbekommen, zu der wir ebenfalls eingeladen waren. Man sieht, unsere Verbindungen nach Paderborn sind nicht nur zahlreich sondern die katholische Kirche dort hat noch einigen Einfluss auf das alltägliche Leben. Über den Live-Ticker-Text als Puffer zwischen dem Geschehen und meinem Erleben bin ich heute allerdings recht froh, wenn ich lese, wie enttäuschend das Spiel gewesen ist.

Ich möchte hier keine religiösen Gefühle verletzten, aber anscheinend haben die Zuschauer im Stadion und ich gestern in Paderborn etwas ähnliches gesehen. Bei der einen Kommunionfeiern war ich nämlich in der Messe und hatte den Eindruck, einem Geschehen beizuwohnen, bei dem nicht alle Teilnehmer so genau wussten, was da ihre Aufgabe ist und wie sie selbst als Persönlichkeit für das abstrakte Ziel des Geschehens einzustehen haben. Ob es nun um „die letzte Chance für den Aufstieg“ (Peter Neururer) oder um den „Beginn einer neuen Gemeinschaft mit Gott und der Kirchengemeinde“ (Paderborner Pastor) geht, beides verlangt neben der inneren Haltung auch das Wissen um Abläufe. In der Kirche habe ich jedenfalls viel Aufregung gesehen und stetes Bemühen aller Beteiligten. Dennoch scheiterten sowohl Kinder als auch zusehende Erwachsene an der Aufgabe, sich sowohl auf den von der Kirche vorgesehen religiösen Wert der Feier zu konzentrieren als auch sicher, die verlangten rituellen Handlungen zu erfüllen. Der Pastor fühlte sich sogar in der Pflicht, als eine Art Einpeitscher des richtigen Glaubens aufzutreten und erinnerte eindringlich an den Sinn der Kommunionfeier. Es gab einen in den Kirchenbänken ausgelegten Ablaufplan der Messe mit dem schriftlich festgehalten Sinn der Feier als Motto. Alles das nutzte nur bedingt und in der gemeinschaftlichen Feier rückten die Kinder als Einzelne in den Vordergrund und wussten Erwachsene nichts von den Abläufen in der Gemeinschaft. Ganz zu schweigen vom weltlichen eventhaften, das sich als Atmosphäre über die Feier zog.

So kommt es mir vor, als sei ich gestern doch bei der Niederlage anwesend gewesen. Nun von Planungssicherheit zu sprechen, wirkt auf mich völlig unpassend. Planungssicherheit heißt für mich etwas mehr als die Gewissheit, der MSV Duisburg spielt in der nächsten Saison erneut in der 2. Liga. Zur Planungssicherheit gehört für mich auch ein professioneller Umgang mit der Niederlage, sich sachlich anzusehen, wo die Verantwortlichen des Vereins stehen, was sie sich wünschen und wie das zu erreichen ist. Die heutige Berichterstattung über die Zukunft von Peter Neururer beim MSV Duisburg lässt mich allerdings Böses ahnen. Was ich als Bericht aus dem Verein lese, vermittelt den Eindruck, dass nun nicht sachlich die Zukunft beredet wird. Wieder werden die Sachfragen mit allerlei Nebenbemerkungen gewürzt, die Rückschlüsse auf persönliche Befindlichkeiten lassen. Diese persönlichen Befindlichkeiten von Walter Hellmich und Peter Neururer scheinen die Professionalität des weiteren Ablaufs zu bedrohen. Wo Bruno Hübner dabei positioniert ist, wird nicht ersichtlich. Schweigen wollen wir darüber, wie die Vertragsverlängerung bislang in der Öffentlichkeit dargestellt wurde. All das bereitet mir Sorge und ich merke eine leichte Gereiztheit. In solche einem Zustand beginne ich jeder Meldung vom MSV Duisburg zu misstrauen. Denn eins und eins ist in diesem Verein manchmal aus irgendeinem mir unersichtlichen Grund doch drei.

Klagechor hat eine Stimme mehr

Der dreistimmige Klagegesang in der Besetzung Jochen, Tina und Thorsten wird ja bereits von einem vielstimmigen Hintergrundchor unterstützt. Da muss ich nur noch leise mitsummen. Es gibt also kein stabiles Leistungsvermögen dieser Mannschaft. Da bleibt nicht mehr als resigniertes Seufzen nach einem Sonntagnachmittag bei Kaffee, Kuchen und Duisburger Familienbesuch in Köln, während einmal mehr im Hintergrund Marco Röhling ununterbrochen um Worte rang, die schlechte MSV-Leistung erzählbar zu machen. Und dann: „Was für ein Graupentor! Aber egal…!“ So ganz egal war es mir nicht, weil so ein Tor dann immer wieder meine Hoffnung kitzelt, wenn ich nichts mit eigenen Augen sehe. Der Glaube versetzt dann schon mal den ein oder anderen Hügel auf dem inneren Weg zum Anschluss an die Spitzenplätze. Vielleicht sollte ich ja ohnehin demnächst eher die Spiele des Vereins aller Vereine imaginieren. Dann sind die Niederlagen wenigstens schön anzusehen. Ach, es war ja ein Unentschieden gegen TuS Koblenz. So etwas vergisst man angesichts der gehörten Worte und der im SWR gesehenen Bilder ganz. Andererseits, dieses Tor zum Ausgleich wird mir im Gedächtnis bleiben. Das hatte was vom choreografierten Chaos einer Slapstick-Komödie, als Mihai Tararache an die linke Eckfahne schoss, um ins Tor zu treffen, und Björn Schlicke da hineinrannte, flankte und in der Mitte Cedrick Makiadi einschoss.  Leider ist so was ja beim Verein aller Vereine eher selten wiederholbar. Denn im Gegensatz zur Slapstick-Komödie, in der dann das Spiel auf perfektem Timing beruht, scheint es sich beim MSV ja meist eher doch um Zufall zu handeln.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: