Posts Tagged 'UEFA-Pokal'

Adventskalender meiner kurzen Nebensächlichkeiten – 12. Türchen

Wirklich nebensächlich an dem torlosen Unentschieden des MSV Duisburg bei Racing Strasbourg in der 3. Runde des Uefa-Pokals der Saison 1978/79 ist das Schicksal meiner MSV-Fahne, die ich im Jahr zuvor tatsächlich an einer Losbude der Beecker Kirmes gewonnen hatte. Auf der Rückfahrt aus Straßburg lag sie im Gepäckraum des Reisebusses – ein sehr moderner Bus jener Zeit, denn es gab in ihm eine chemische Toilette. Wäre diese Toilette weiter erwähnenswert, wenn sie nicht in den Gepäckraum hinein übergelaufen wäre? Ihr habt wahrscheinlich sofort verstanden, was mit meiner Fahne passiert ist. Das blau war in Duisburg sehr batikhaft ins weiß hinein verlaufen. So etwas war sehr modisch damals bei Kleidungsstücken. Bei MSV-Fahnen galt das allerdings nicht als jugendlicher Chick. Zumal die bildhafte Vorstellung dessen, was den modischen Effekt verursacht hatte, mir nicht sehr behagte. Ich habe die Fahne der weiten Reisebuswelt überlassen. Zu Hause stand ohnehin noch meine größere Fahne, die ich normalerweise mitnahm.

Etwas weniger nebensächlich ist Arsène Wenger, der beim 4:0-Sieg des MSV im Rückspiel in der Abwehr von Racing Strasbourg spielte. Wären die Bewegtbilder vom Hinspiel technisch besser, wirkten sie in großen Teilen wie der Clip eines Spielervermittlers, der für Gerhard Heinze, den damaligen Torwart des MSV, zusammengeschnitten worden ist. Es war wohl ein sehr einseitiges Spiel, von dem mir nur noch die Erinnerung an eine uralte Stehtribüne und unentwegtes Anfeuern geblieben ist. Support sagte man damals noch nicht.

 

Nun gesehen und für sehr gut befunden: The Other Chelsea

Weil der UEFA-Pokal seit der Saison 2009/2010 UEFA Europa League genannt wird, wurde Schachtar Donezk zum letzten Gewinner eben dieses UEFA-Pokals. Ich weiß gar nicht, ob mit dem Namen sich auch die Trophäe geändert hat. Muss ich später mal nachschlagen. Zurück zu Schachtar, was ukrainisch ist und auf russisch Schachtjor heißt. So wurde der Verein früher offiziell genannt, und dieses Früher klingt oft an in dem Film von Jakob Preuss „The Other Chelsea“. Denn dieses Früher ist in der Ukrainie überaus lebendig, weil die vor der „Orangenen Revolution“ stabileren Verhältnisse trotz ihrer demokratischen Defizite vielen im Osten der Ukraine in Zeiten wirtschaftlicher Not sehr attraktiv erscheinen.

Der Titel „The Other Chelsea“  ist eine kleine Mogelpackung. Aber wahrscheinlich schenkt er dem Film erst die Aufmerksamkeit, die er verdient. Es geht um Schachtar Donezk in dem Film, doch ist der Verein für den Autor vor allem ein Mittel der Dramaturgie. Es geht kaum um den Blick in den Verein und um seine Entwicklung unter dem Einfluss des Multimilliardärs und Mäzens Rinat Achmetow. Vielmehr verbindet der Verein die unterschiedlichen sozialen Sphären, in denen die von Jakob Preuss gezeigten Menschen leben. Jakob Preuss hatte das Glück, mit dem Verlauf des internationalen Wettbewerbs dem Film seine  Struktur geben zu können und mit dem Siegeszug von Schachtar für den Erfolg des Mäzens Achmetow ein filmisches Motiv zu erhalten.

„The Other Chelsea“ wirkt auf unterhaltsame Weise aufklärerisch. Wer diesen Film sieht, lernt die Ukraine kennen und beginnt das Leben der Menschen dort zu verstehen. Jakob Preuss begleitet den smarten, jungen Politiker und Stadtrat Kolja Lewtschenko in seinem Alltag. Mit ihm als Beispiel kann Jakob Preuss nicht nur die politischen Hintergründe in der Ukraine ausleuchten, zudem kann er mit dem Wohlstand des ehrgeizigen Stadtrats zudem die Abhängigkeit von wirtschaftlichem Erfolg und politischem Einfluss andeuten. Gespiegelt wird dieser Nahblick mit Bildern aus der Ferne auf eine ebensolche Verflechtung von Wirtschaft und Politik in einer anderen Dimension, wenn der inzwischen zum Präsidenten gewählten Wiktor Janukowytsch beim Besuch des Fußballs in der VIP-Lounge von Schachtar Donetsk zusammen Multimilliardär Rinat Achmetow gezeigt wird.

Für die wirtschaftlich weniger erfolgreiche Wirklichkeit steht die Kohlenmine der Stadt, die sich im Staatsbesitz befindet und für die Investoren benötigt werden. Wenn Jakob Preuss die dort arbeitenden Sascha, Walja und Stepanowitsch zeigt, fängt er oft berührende Sequenzen ein, in denen das abgeklärte Wissen um die als unveränderbar angesehenen Verhältnisse sich mischt mit der Verwirklichung des privaten Glücks. Vielleicht ist im Ruhrgebiet solche Mentalität mancherorts ebenfalls noch vorhanden, auch wenn sich die sozialen Zusammenhänge des Bergbaus und der Arbeiterschaft dort inzwischen nahezu aufgelöst haben. Mich erinnern einige Sequenzen rund um Sascha, Walja und Stepanowitsch jedenfalls an die Familienfeste der Kindheit, bei denen die Atmosphäre bestimmt wurde durch den Stolz der Erwachsenen auf ihre Arbeit, durch Erzählungen vom gefahrvollen Tun unter Tage oder an den Hochöfen und durch immer lauteren Spaß und Freude.  Gerade diese Freude wird durch eine bodenständige Lebensklugheit getragen, die es den Menschen damals im Ruhrgebiet und heute in der Ukraine ermöglicht trotz aller widrigen Umstände ihres Lebens im Alltag für Momente ihr Glück zu suchen.

„The Other Chelsea“ erhielt in diesem Jahr beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken den Preis für den besten Dokumentarfilm. Wer den Film noch nicht gesehen hat, schnell weitergeklickt: Noch ist „The Other Chelsea“ in der ZDF Mediathek  zu finden.  Als DVD ist der Film aber auch erhältlich, wie auf der Seite mit zusätzlichen Informationen über „The Other Chelsea“ zu erfahren ist.


Ein Buch verschenken! Weihnachtseinkäufe sind noch möglich

Auch in dieser Saison überrascht es nicht, welche Vereine sich für die Endrunde der Champions League qualifizieren konnten. Die Verhältnisse bleiben stabil. Erfolge von Außenseitern gibt es vielleicht in einzelnen Spielen, die Gruppenphase als Vorlauf des K.o.-Wettbewerbs merzt das fast immer wieder aus. Bekanntermaßen ist das nicht der wahre Grund für oligarchisch anmutende Verhältnisse im europäischen Fußball. Die Gruppenphase ist eher Symptom wirtschaftlicher Entwicklungen, dennoch kann sie als Orientierung für Epocheneinteilungen genommen werden. Denn als die Champions League noch Europapokal der Landesmeister hieß und mit UEFA-Pokal und Pokalsieger-Pokal zwei weitere Wettbewerbe in reiner K.o.-Form auf europäischer Ebene ausgetragen wurden, gelangten auch häufiger jene Mannschaften ins Endspiel, die normaler Weise schon froh über gute Spielzeiten auf nationaler Ebene waren. Einige von ihnen gewannen sogar.

Es waren Mannschaften wie Malmö FF, Hajduk Split, KV Mechelen oder auch Fortuna Düsseldorf.  Mannschaften, die eine Saison lang vom Gewinn des Europapokals träumten und die danach jahrelang wieder nur genug mit dem nationalen Ligabetrieb zu tun hatten. Diesen Mannschaften hat Terence Träber mit „Der Traum vom Europopokal Europapokal“ ein Erinnerungsbuch gewidmet. Von den Wolverhampton Wanderers, mit denen die Geschichte des Europapokals ihren Anfang nahm, über AS St.-Etiénne bis hin zu Dinamo Tiflis, vom 1. FC Magdeburg über Athletico Bilbao bis zu Malmö FF, Träber erzählt den Weg von 35 dieser Vereine zu deren einmaligem Endspiel auf europäischer Ebene in der Vereinsgeschichte. Dem folgen Portraits des zentralen Spielers jener erfolgreichen Fußballergeneration und des Vereins selbst. Zudem fasst Träber die Geschichte des Heimstadions in knapper Form zusammen.

Terence Träber geht es um die Fakten des Fußballs, die er zu lesenswerten Texten verarbeitet. Er greift dazu den Ton des sachlichen Sportjournalismus auf, dem feuilletonistische Nebengedanken ebenso fremd sind wie die heute  in Sportbüchern gern eingestreuten ironischen oder humorvollen Betrachtungen des Geschehens. Terence Träber verfolgt das ernsthafte Anliegen eines Historikers mit einem ungewöhnnlichen Spezialgebiet. Sein Interesse gilt dem Fußball in einer sehr speziellen Forschungsperspektive, deren Grundlage, die „Auswahlkriterien“, er im Vorwort minutiös umreißt. Allgemeines historisches und kulturelles Wissen greift er nur dann auf, wenn ein direkter Einfluss auf die Spiele der jeweiligen Europapokalsaison, die Vereinsgeschichte oder die Biografien der Spieler erkennbar ist. Gerade deshalb wirkt „Der „Traum vom Europapokal“ schnörkellos und geradlinig. Das Buch verströmt nostalgischen Charme jener Zeiten, als Zuschauer  noch im Regen standen und die Sitzplatzbesucher die dezente Kleidung bevorzugten und Vereinsutensilien den Jugendlichen überließen. Dem entspricht die Aufmachung, die eher an den Baumwoll-Trainingsanzug erinnert als an synthetische High-Tech-Textilien der Gegenwart. „Der Traum vom Europapokal“ ist Fußball pur, ohne nervtötende mediale Überhöhung. Da ist nichts schöner Schein, da ist alles interessierender Inhalt, sei es die sportliche Anekdote am Rande oder die Lebensgeschichte von Fußballern als Lokalhelden, die die Zuschauer ihrer Stadt mehr als nur die eine Europokal-Saison lang begeistert haben. Wer noch kein Weihnachtsgeschenk für einen Fußball-Enthusiasten weiß, hier kann er bedenkenlos zugreifen.

Terence Träber: Der Traum vom Europapokal. Fußballklubs auf internationalem Höhenflug. Agon Sportverlag, Kassel 2009. 404 Seiten. € 34,90.

Ändert sich denn gar nichts?

Heute wird es hier ganz persönlich. Heute geht es um das Alter, natürlich geht es auch um den MSV Duisburg. Und um Borussia Mönchengladbach. Und um das Alter. Das sagte ich schon. Der ein oder andere wird es wahrscheinlich mitbekommen haben, so jung bin ich nicht mehr. Aber auch noch nicht alt. Eher so mittel- bis endmittelalt. Auf jeden Fall so alt, dass ich beginne, in meinen Texten beim Korrekturgang Nebensätze zu streichen, in denen ich die Argumente für meine Meinung noch einmal mit einer mir immer erst zutiefst überzeugend vorkommenden Anspielung auf eine lang zurück liegende Erfahrung stärken möchte. Damals war nicht alles besser. Aber damals habe ich beim Blick in das Gesicht einer Frau niemals gedacht, irgendwo hast du die schon mal gesehen.

So vieles häuft sich nämlich als Erfahrung an und so vieles geschieht dann als Wiederholung. Selbst in unwahrscheinlichen Momenten. Es war eine  große Zeit des MSV Duisburg. Es war das Ende der 70er Jahre und der MSV Duisburg spielte im UEFA-Pokal. Schon das Erreichen von Platz 6, dem letzten UEFA-Pokalplatz,  am letzten Spieltag der Saison 1977/78 mit einem 1:0-Sieg gegen den FC Schalke 04 war ein großartiger Erfolg. Das setzte sich im UEFA-Pokal selbst fort. Runde um Runde ging es weiter bis zum Erreichen des Halbfinales. Lech Posen, FC Carl Zeiss Jena, Racing Straßburg, Honved Budapest war die Abfolge der geschlagenen Gegner. Im Halbfinale schließlich traf der MSV Duisburg als Außenseiter auf  Borussia Mönchengladbach. Schon im Heimspiel gab es nur ein 2:2-Unentschieden als Auftakt. Was mich nicht davon abhielt, mir das Rückspiel am Bökelberg ansehen zu wollen. Dumm nur, dass am  Spieltag ebenfalls der Trainingsabend vom Basketball war. Sollte ich das Training bei allem jugendlichen Ehrgeiz ausfallen lassen? Zum Glück stellte sich heraus, auch der Trainer wollte nach Mönchengladbach. Obwohl die Niederlage bald feststand, war es ein gelungener Abend. Von Dribbling, Sprungschuss und Defence-Drills hätte ich heute keine so klare Erinnerung an den Tag.

Bin ich ein wenig weitschweifig geworden? Es sollte doch um dieses Gefühl des Alters gehen, irgendwann wiederholten sich die Dinge. Sogar in unwahrscheinlichen Momenten. Gestern habe ich nämlich die Karten für das Pokalspiel in Mönchengladbach gekauft. Dienstag ist aber inzwischen ein Basketballtag für mich. Noch immer spiele ich dieses Spiel, allerdings ohne jugendlichen Ehrgeiz und Trainer, der mir ein schlechtes Gewissen machen  könnte. Wiederholt sich da nun etwas? Ich lasse Basketball Basketball sein und sehe mir den MSV in Mönchengladbach bei einem Pokalspiel an. Der MSV ist außerdem Außenseiter. Sieht man genauer hin, stimmt das natürlich mit dem Alter und den sich wiederholenden Erfahrungen nicht so ganz. Vielleicht erkennen wir mit dem Alter Grundformen einer Erfahrung eher. Aber im Gesicht der Frau, die dich an eine andere erinnert, ist die Mundpartie bestimmt ganz anders. Und wenn die nicht, dann das Lächeln oder ihre Augen. Und wenn ich nun nach Jahren wieder für ein Pokalspiel in Mönchengladbach einen Basketballabend verpassen werde, wird dieses Spiel dem UEFA-Cup-Spiel vor über 30 Jahren nicht gleichen. Mit Sicherheit werde ich nicht das Gefühl haben, alles wiederhole sich. Dass ich jetzt besonders an das Ergebnis denke, versteht sich von selbst.


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