Posts Tagged 'Umweltverschmutzung'

Akzente inoffiziell: Niederrhein von Willy Bartock

Wenn etwas zum zweiten Mal im Zebrastreifenblog geschieht, beginnt der Kölner in mir schon von unserer schönen Tradition zu sprechen. Wie im letzten Jahr begleite ich die 37. Duisburger Akzente mit einem inoffiziellen Programm. Ob ich tatsächlich jeden Tag etwas bieten kann, werden wir sehen. In diesem Jahr lautet das Akzente-Motto „Nah und Fern – 300 Jahre Duisburger Hafen“.

Um den in Hamborn geborenen Lyriker und Dramatiker Willy Bartok einzuordnen, wird schnell das Etikett Arbeiterdichtung hervorgeholt. Die enge Thematik Arbeitswelt wird aber nur einem Teil seines Werks gerecht, auch wenn  er sich in den 1960er Jahren dann institutionell u.a. mit seiner Mitgliedschaft bei der Gruppe 61  für eine Literatur einsetzte, in der die Wirklichkeit der Industriearbeit einen Platz fand.

Sein 1963 erschienenes Gedicht „Niederrhein“ zeigt nun nicht die Wirklichkeit der Arbeitswelt, sondern die umweltverschmutzenden Folgen der Industrie. Rhein-Romantik war früher.

Niederrhein

Ich will dir
kein verlogenes Loblied mehr singen.
Dein geborgtes Sonnenlicht
soll mich nicht mehr blenden,
dein Reichtümer schleppender Buckel
mich nicht mehr bestechen.

Du bist weit gekommen. Du bist tief gesunken.
Du kamst von heiteren Weinhöhen
und sankst in dumpfe Niederung.
Die Dome und Burgen sind längst
entsetzt stehengeblieben.
Schwefelrauchend, rußrülpsend und ölkotzend
drängen sich Kamine, Waschtürme
und mannsdicke Rohre
an deinen betäubten Strand.

Den toten Fischen will ich einen Nachruf spenden,
die verreckten an dem Gebräu,
das du rechts und links deiner Straße
aus zahllosen Abwässerkanälen säufst.
Deine letzten Töchter, Ruhr, Emscher und Lippe, kriechen,
von dauernder Schändung ermüdet,
in dein schmutziges Altenbett.

Du wehrst dich nicht mehr,
Gewaltiger, Vergewaltigter, Vergifteter.
Deine Sommer stinken zum Himmel.
Deine Winter sind ätzend traurig.
Du benimmst mir den Atem.
Das Meer sträubt sich, dich zu empfangen.
Sogar in Selbstmörderkreisen
verlierst du jeden Kredit:
Wer – wenn er schon sterben will –
will in einer Kloake ersaufen . .

 

 

Mit einem Klick weiter zu den bisherigen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms im Zebrastreifenblog.

Halbzeitpausengespräch: Vom Waschen schmutziger Kinderhälse

Manchmal muss jemand verdammt alt werden, um in einer seiner Grundansichten über das Leben erschüttert zu werden. Dieser Jemand bin ich, nachdem ich mir neulich eine Dokumentation über die frühere Umweltverschmutzung im Ruhrgebiet angesehen habe. In diesem Ruhrgebiet habe ich während der 1960er Jahre  im Freien gespielt, im Hof des Ruhrorter Kindergartens neben der Carpschule, später rund um das Gelände „Am Eisenbahnbassin“, wo meine Mutter arbeitete und ich bis halb fünf auf sie wartete. In dieser Zeit war an solchen Tagen nach dem Spielen im Freien das abendliche Waschen Pflicht. Wegen der Beine und Arme war das vor allem im Sommer sofort einsehbar. Meist war die Haut gräulich nachgedunkelt. Weniger einsehbar war für mich der Hals. Wie konnte dieser Hals schmutzig werden, wo ich ihn doch meines Wissens nach kaum in den Sand des Sandkastens legte. Mit den Händen grub ich herum. Die Beine wurden schmutzig, wenn ich kniete oder mich hinlegte. Aber der Hals?

„Vergiss den Hals nicht!“, rief meine Mutter irgendwoher, wenn ich im Badezimmer war, oder: „Wasch dir bloß auch den Hals!“ Vielleicht hat sie es gar nicht immer gerufen. Vielleicht war das nur anfänglich so. Mir kommt es heute aber so vor, als habe ich mich nie ohne diese Stimme aus dem Hintergrund gewaschen. „Und denk an den Hals!“

Ich seifte mir den Hals ein und nahm dann extra einen helleren Waschlappen, um die Seife wieder abzubekommen. Mir gefiel es nämlich, wenn ich sah, wie grau diese Waschlappen wurden. Es hatte seinen Sinn, sich den Hals zu waschen. Ich bewirkte ein Ergebnis, und gleichzeitig besaß dieses Ergebnis immer den Zauber eines Geheimnisses für mich.

Irgendwann spielte ich nicht mehr draußen. Irgendwann war ich erwachsen. Irgendwann lebte ich in Köln und hatte selbst einen Sohn, der vom Spielen im Kindergarten nach Hause kam. Seine Arme und Beine waren aber nie so schmutzig wie ich es von mir als Kind kannte. Ganz zu schweigen vom Hals. „Wasch dir auch den Hals“, sagte ich ihm dennoch. Nicht ein einziges Mal war dieser Hals in seiner Kindheit so schmutzig wie meiner einst gewesen ist. Ich maß dem wenig Wichtigkeit zu, suchte keine Gründe, warum mir Selbstverständliches bei ihm so anders war.

Menschen sind anders, so dachte ich, auch wenn dieser Mensch dein Sohn ist. Vielleicht habe ich bei seinen Freunden irgendwann mal auf den Hals geschielt, um zu sehen, wie andere kleine Menschen seiner Generation durch die Welt gehen. Orientierung in Sachen Normalität braucht auch der moderne Vater. Schmutzige Hälse habe ich nicht gesehen.

Mein Sohn ist inzwischen erwachsen, und viele Gedanken habe ich mir über schmutzige Hälse nicht weiter gemacht. Gerade deshalb hatte sich ein Bild verfestigt. Diese Generation spielt anders als wir damals. Was sicherlich stimmt, aber keineswegs der Grund ist für weniger schmutzige Hälse. Das aber wurde mir erst neulich klar, als ich diese Frau meines Alters in die Kamera haben sprechen hören, dass bei ihr damals das Halswaschen immer ein Thema gewesen ist. Und überall draußen hätte schließlich der Ruß sich auf dem Boden verteilt. Es gab diesen einen Grund. Wer in den 1960er Jahren viel draußen war, dessen Haut wurde einfach schmutzig, selbst wenn sie nicht mit dem Sand im Sandkasten in Berührung kam.

Diese Einsicht fühlt sich komisch an. Ein wenig kitzelt Scham, den so offensichtlichen Grund für den schmutzigen Hals nicht bedacht zu haben. Andererseits so lange es nur um so ein harmloses Vorurteil geht. Welterklärung, immer mit Vorsicht zu genießen.

 

 

 


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