Posts Tagged 'Unterhaltungsbranche Fußball'

Fundstück – Marco Bode zu einer Verantwortung des Profifußballs

Am letzten Samstag erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit Marco Bode. Thomas Hürner und Ralf Wiegand hatten mit ihm gesprochen. Schon die einleitenden Worte stimmen auf das große Thema dieses Interviews ein: „Seit 2014 ist Bode, 51, Aufsichtsratsvorsitzender des Klubs – und auf der Suche nach Koalitionen, um den deutschen Fußball wieder gerechter zu machen.“ Dass er selbst Profifußballer bei Werder war, füge ich für die jüngeren Leser hier hinzu.

Dieses Thema Gerechtigkeit steht für Marco Bode und andere Verantwortliche bei Werder Bremen offensichtlich in einem größeren Zusammenhang. Wenn es zunächst um die wirtschaftlichen Bedingungen für sportlichen Erfolg geht, rückt der Fußball als Teil der Unterhaltungsindustrie in den Vordergrund. Doch im Laufe des Gesprächs wird deutlich, Marco Bode geht es um sehr viel mehr als um die Spannung des Wettbewerbs, um den Fußball als attraktive Unterhaltungsmöglichkeit zu bewahren.

Marco Bode geht es um den Fußball als Kultur. Seine Worte unten sind vorbildhaft.

Das gesamte Interview gibt es online nur mit Abo. Zusammenfassend mit einem Klick.

Kees Jaratz, Zufallspaparazzo, bietet Bayern München wohlfeil an

Kaum willst du einmal am Rheinufer entlang zum Deutzer Bahnhof laufen, schon begegnest du der Unterhaltungsbranche Fußball und kannst dir ein paar schöne Symbolfotos für diese Unterhaltungsbranche sichern. Der Tross von Bayern München war im Kölner Hyatt abgestiegen. Anscheinend hatten sie gestern in der Region einen Auftritt. Wäre es ein wichtiges Spiel gewesen, hätte ich es natürlich mitbekommen. Solche Spiele vom MSV geschehen nicht ohne mich. Die Fotos zeige ich euch dennoch gerne, zumal ich mir große Mühe mit dem künstlerischen Anstrich gegeben habe.

 

 

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Der BVB – Stark wie die potemkinsche Mauer oder der Zwergen-Treueschwur-Zaun?

Samstag spielt der MSV Duisburg in Dortmund gegen die zweite Mannschaft vom BVB. Einmal mehr zählt nur der Sieg. Deshalb will ich über das Spiel selbst gar nicht so viele Worte verlieren. Ich möchte nach Dortmund fahren und eine Mannschaft des MSV sehen, die ihre Spielweise weder vom zerfurchten Rasen des Stadions noch von der gegnerischen Mannschaft irritieren lässt und dabei ein Tor mehr als der Gegner erzielt.

bvb_treueschwur_potemkin_1Dann könnte ich auch endlich meinen schon länger in der BVB-Schublade wie neu herumliegenden Vergleich nutzen. Irgendwas wie: Der BVB zeigte sich gerade mal so groß wie der hauseigene Treueschwur-Zaun. Ist der euch schon aufgefallen vor dem August-Lenz-Haus? Zwischen Stadion Rote Erde und dem Westfalenstadion, das unter uns Freunden diversifizierter Fußballunternehmensfinanzierung bekanntermaßen ja auch Dingensversicherungs-Park heißt.

Als ich diesen Zaun gesehen habe, musste ich grinsen. Der Fanshop befand sich damals noch in dem Haus, und ich dachte so vor mich hin, ein schöneres Motiv für ein Symbolfoto zur Kommerzialisierung dieses Fußballs habe ich noch nie gesehen. Zugespitzt zeigt sich hier nicht nur die Komplizenschaft zwischen Fans und Fußballvereinen, sondern der gesamte Wohlfühl-Service-Gedanke, der den Besuch eines Fußballspiels ja zum „Erlebnis“ machen will. Fußball als Ware der Unterhaltungsindustrie, als Konsumgut ist an diesem Ort in Dortmund auf den Punkt gebracht.

Die Liebe ist im Fußball seit einiger Zeit allgegenwärtig. In Dortmund heißt das:  „Echte Liebe“. Kollege Werber sagt dazu, ein „catchy brand slogan“ und begeistert sich anschließend an der Markenstärke des BVB. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wir Anhänger und die Fußballunternehmen haben uns gegenseitig darin befeuert, eine der wichtigsten Sinngebungsideen der Gegenwart, die romantische Liebe, auf den Fußball auszuweiten. Für das Geschäft ist das eine unfassbare Entwicklung. Denn die flüchtige Liebe braucht unentwegt Beweise ihrer Existenz.

bvb_treueschwur_potemkin_2 So findet der Fußball eben den Anschluss an jede Mode der zwischenmenschlichen Liebe. Schlösser an Brückengeländer hängen, braucht ohne vorhandene Brücke höchstens kreative Lösungsansätze. Warum nicht einen völlig unnützen Drahtzaun in die Gegend stellen? So wirkt es zunächst. Das Symbol deiner „Echten Liebe“ kaufst du im Fanshop, um es an der dir vorgeschriebenen Stellwand sofort anzuschließen. Bequemer geht’s nicht. Wenn überhaupt, wäre der eigentliche Ort für dieses Schloss der Stadionzaun. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass so ein Schloss länger als einen Tag am Zaun vom Dingensversicherungs-Park hinge.

 

bvb_treueschwur_potemkin_3Die Fotos sind knapp ein Jahr alt. Ich weiß nicht, wie das BVB-Unternehmen die Geschäftsidee weiter entwickelt hat. Samstag werde ich mir das ansehen. Ich bin übrigens  auch so ein Anhänger, der das alles mit am Laufen hält. Ich kaufe nur beim Konkurrenzunternehmen MSV Duisburg. Und das wollte ich auch noch sagen: Manchmal ist die Geschichte besser als die Wirklichkeit. Ich bin ziemlich sicher, dass der Zaun nicht erst für die Schlösser dorthin gestellt wurde. Der Zaun schützt eine potemkinsche Mauer in gelb. In Stein steht dort nämlich nichts, das ist Kunststoff, der ohne Gitterzaun wahrscheinlich bald beschädigt wäre. Weiterer Stoff für schöne Vergleiche. Alles nur Fassade, BVB. Ich red gerade wieder vom Spiel am Samstag.

Erklären statt Versprechen

Dem Spiel des MSV Duisburg gegen die SpVgg Unterhaching folgte unter Anhängern des MSV eine kurze ergebnislose Diskussion in den sozialen Netzwerken. Anlass waren die Pfiffe während des Spiels gegen die eigene Mannschaft. Sie kamen einzeln, wenn auch deutlich hörbar zur Halbzeitpause. Zum Ende des Spiels hin schien das Pfeifen trotz des Sieges sogar lauter geworden zu sein.

Wenig überraschend gibt es zwei Haltungen zu dieser Reaktion. Zum einen heißt es: Reihen schließen, Kräfte bündeln, Pfeifen ist Unsinn, alles für den Aufstieg. Zum anderen heißt es: Schlechte Leistung bleibt schlechte Leistung, Unmut äußern muss erlaubt sein. Der ein oder andere dieser Fraktion sieht auch darin aufstiegsfördernde Energie, nämlich solche der motivierenden Kritik. Ich selbst pfeife ohnehin grundsätzlich nur den Gegner oder Schiedsrichter aus.

Am Rande sei zudem erwähnt, dass in solchen Diskussionen sich die Widersprüche des gegenwärtigen Fußballs auch auf Fanseite sehr deutlich zeigen. Fans, die mit ganzem Herzen an ihrem Verein hängen, erleben sich selbst ja meist als Traditionalisten und Bewahrer des romantischen Fußballs. Wenn es um die Leistung der Mannschaft geht, greifen aber auch solche Fans zu ökonomischen Argumenten. Sie bekräftigen ihre Position als Kunden, die schließlich Eintritt bezahlen und deshalb auch das Recht haben, ihren Unmut über mangelnde Leistung zu äußern. Romantik ade, auch hier.

Zurück zur Stimmung in Duisburg. Das Ringen der Anhänger um die Stimmung auf den Rängen ergibt sich natürlich aus der Spielweise des MSV. Aus dieser Spielweise entstand über die Saison hinweg kein klares Bild einer Mannschaft, die sich auf das Ziel Aufstieg hin ausrichtet. Die Spiele stehen als Einzelstücke nebeneinander. Die Platzierung weit oben in der Tabelle ist irgendwie die Folge. Doch die emotionale Verbindung zwischen Platzierung und Spiel wirkt nicht stabil. Sie ist sachliches Ergebnis. Es springt kein Funke über. Auch die andere zielführende Geschichte von der allmählichen Ausrichtung auf den Aufstieg funktioniert nicht, eben weil es dieses Ziel Aufstieg bereits formuliert gibt. Mehr oder weniger klar, von Anfang an, weil kommuniziert wurde, dass in der nächsten Saison weniger Geld zur Verfügung stände. Dementsprechend ist die Marschroute dieser Saison das kontrollierte Siegen, das wenig emotionalisiert und das im schlechten Fall zu Niederlagen führt, in denen die Mannschaft den Anschein macht, nicht für das Ergebnis zu brennen.

Das führte gerade in den Spielen gegen Osnabrück und die Stuttgarter Kickers zu miserablen Leistungen. Danach wendeten sich Gino Lettieri und neulich auch Zlatko Janjic in kurzen Videobotschaften an die Fans des MSV Duisburg. Grundsätzlich eine gute Idee, da auch die Verantwortlichen und Spieler im Verein wissen, gegen das Publikum anzuspielen könnte das Aufstiegsvorhaben zusätzlich belasten. Es geht also schon etwas länger um die Stimmung.

Mir gefallen diese speziellen Videobotschaften allerdings nicht gut, weil sie sich auf eine Geste beschränken. Entschuldigung und Versprechen ist ihr Anliegen. Nur sagt zumindest uns Älteren die Lebenserfahrung, Versprechen gegenüber Leuten, mit denen man länger zu tun hat, macht man am besten nur, wenn man sicher weiß, sie einhalten zu können. Gino Lettieri hat sich mit seinem Versprechen nach dem Spiel Osnabrück zu weit aus dem Fenster gelehnt. Gegen die Stuttgarter Kickers gab es keine Wiedergutmachung.

Deshalb ist diese Art Videobotschaft  genau einmal nur möglich. Wird das Versprechen nicht eingelöst, gerät der Sprechende in Gefahr, seine Glaubwürdigkeit zu beschädigen. Man könnte solche Videobotschaften aber auf andere Weise gestalten. Gino Lettieri oder auch die Spieler sollten nur statt etwas zu versprechen, was Fans ohnehin erwarten, etwas erklären.

Ich erinnere mich, von einer psychologischen Studie gelesen zu haben. Leider finde ich jetzt nicht mehr die Quelle dazu. In dieser Studie wurde untersucht, wann Menschen an einer Kasse bereit sind, jemanden vorzulassen. Das Ergebnis scheint erst einmal banal. Nur mit der Bitte, als erster bezahlen zu dürfen, ließ kaum jemand dem Fragenden den Vortritt. Folgte aber eine Erklärung, geschah das öfter. Nun wurde die Qualität der Erklärung variiert. Genau weiß ich es nicht mehr, aber sie reichte von etwa ich muss meinen Zug erreichen bis hin zu „Darf ich vorbei, weil ich bezahlen will.“ Und letzteres überraschte dann doch: Selbst diese Form der Erklärung stimmte die Menschen offener für das Anliegen des Fragenden.

Was ich damit sagen will? Nur Erklärungen helfen, Stimmungen zu beeinflussen. Wenn die Verantwortlichen des MSV Duisburg glauben, sich mit Videobotschaften an die Anhänger wenden zu wollen, dann müssen diese Botschaften zumindest in Ansätzen Erklärungen beinhalten. Ich weiß, auch das ist eine Gratwanderung, weil einzelne Spieler Fehler machen und diese dann auf keinen Fall der Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen werden dürfen. Aber es könnten Erklärungen sein, was beabsichtigt war und welches Ziel eine einzelne taktische Maßnahme gehabt hat. Nur ein Vorschlag, um mal drüber nachzudenken. Die Stimmung ist gerade mal wieder in Teilen schlecht. Aber es gibt genügend Anhänger des MSV, die grundsätzlich bereit sind, der Spielweise einiges nachzusehen, wenn es dem Ziel Aufstieg zugute kommt.

Echt und überraschend als Gebot der Stunde für die Unterhaltungsbranche

Vor dem Pokalfinale ist dieses kurze Feuilletonstück von Jens-Christian Rabe aus der Süddeutschen Zeitung auf dem Schreibtisch liegengeblieben. Anlässlich des Eurovision Song Contest hatte er sich ein paar Gedanken zum Erfolg im Unterhaltungsbetrieb der Gegenwart gemacht. Solche Feuilletonstückchen sollen nicht so sehr das intensive Drübernachdenken bezwecken.  Sie können aber das Denken anstoßen, und erst die Unschärfen der benutzten Begriffe lassen die Gedanken tanzen.

Jens-Christian Rabe sieht Lenas Naivität als Bedingung ihres Erfolges. Lena nehme im Gegensatz zu den Entertainern der Vergangenheit keine Rolle auf der Bühne an, und es sei das große Kunststück ihres Auftritts im zweiten Jahr sich noch einmal auf der Bühne selbst überraschen zu können. Das Publikum der Gegenwart suche in seinem Bedürfnis sich zu unterhalten nämlich vor allem dieseen Moment der authentischen Überraschung. Wo findet das Unterhaltungspublikum diesen Moment aber besonders? Im Fußball:

Als das Unterhaltungsspektakel, auf das sich alle einigen können, hat sich dagegen inzwischen fast auf der ganzen Welt der Fußball etabliert. Aus gutem Grund. Nirgends gibt es einen besseren, also erfahrungsgemäß zuverlässigeren Rahmen dafür, dass sich die Protagonisten selbst überraschen können: Ein riesiges Spielfeld ist taghell erleuchtet, in eindrucksvollen Stadien sitzen hunderttausend gespannte Menschen drumherum, aber die Spielregeln sind so konzipiert, dass sogar Lionel Messi, der derzeit mit Abstand beste Spieler Welt, es so schwer hat, seine Brillanz zu beweisen, dass sein haltloser Jubel nach einem großen Tor oder Sieg unzweifelhaft echt ist.

Denkt also weiter, wie Überraschung, Echtheit und Publikumserfolg zusammenhängen; ob Fußball irgendwann der Popmusik die Marktanteile in der Unterhaltungsindustrie völlig abnehmen kann und ob Überraschungen im Fußball nicht manchmal auch jegliche Zufriedenheit verhindern. Jens-Christian Rabe hat jedenfalls einen perspektivisch sehr konzentrierten Blick auf die Überraschung im Fußball. Als ob wir nur des besonders ausdruckstarken Torjubels der Spieler wegen im Stadion sind. Und wie sich die Echtheit zum inszenierten Torjubel verhält, muss ich auch noch überlegen. Ich werde mich zur Unterhaltung von mir selbst überraschen lassen.

Die Männerbegegnung Neururer und Fach

Nicht nur wenn Peter Neururer gerade mal keinen Verein trainierte, war er immer mal für eine öffentliche Stellungnahme in Sachen Fußball gut. Seine kleine Auseinandersetzung mit Holger Fach über die Bande des Boulevards hatte ich ganz vergessen. Die Unterhaltungsbranche Fußball give the people what they want, oder so ähnlich. Uns doch am Sonntag hoffentlich etwas Handfesteres als Meinungen.

Auswärtssieg, Auswärtssieg, Auswärtssieg!

Allmählich müsste es allen hier Lesenden klar sein, vor einem Spiel bin ich wie der Trainer. Übers Verlieren reden kann man nämlich immer noch, wenn es denn geschehen sein sollte. Bis dahin ist jeder Gedanke an einen Sieg aber ein schöner Gedanke. Hören kann ich dieses Mal leider nicht die Reportage von Marco Röhling bei Radio DU. Denn wie es jetzt aussieht, befinde ich mich in der alles entscheidenden Zeit auf der A2 vom Wolfenbütteler Familienfest kommend. Und was das Mobile-Web angeht, bin ich sowas von ein last consumer, so last, dass ich demnächst schon wieder first bin.


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