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Das wird schwierig in dieser Saison

Meine Dauerkarte lag noch auf dem Küchentisch. MSV-Fans waren die Einbrecher schon mal nicht. Den Stehplatz hätte einer der oder der Einbrecher  ja unerkannt besuchen können. Mitten in der Nacht waren wir nach sieben Tagen Istanbul wiedergekommen, und die Nachbarn erwarteten uns dennoch. Sie wollten uns nicht unvorbereitet, dem Chaos begegnen lassen. Viel gab es bei uns nicht zu holen. Wir sind technisch nicht ganz auf der Höhe der Zeit. So hält sich der materielle Schaden trotz Laptop-Verlust in Grenzen. Was mich umtreibt, und was sich an diesem Freitag wie die Nachricht vom Tod eines nahestehenden Menschen anfühlte, ist der Verlust an Kontrolle über das eigene Leben. Da blieb erst mal nicht viel Platz im Kopf für das Spiel des MSV Duisburg gegen den FC Ingolstadt am Abend. Nach dem Aufräumen brauchte ich noch etwas Zeit für die Entscheidung, mich in dieser gedrückten Stimmung auf den Weg nach Duisburg zu machen. Das Spiel hat sie dann nicht besser gemacht.

Die 0:2-Niederlage gegen den FC Ingolstadt macht es uns schwer, an mögliche Siege des MSV Duisburg zu glauben. Die Zebras hatten nach einer passablen ersten Halbzeit nach der Pause nicht den Hauch einer Chance mehr. Die Grenzen dieser Mannschaft sind so deutlich geworden, und im Moment glaube ich tatsächlich, wir können nur noch auf mehr Glück in der Hinrunde hoffen, um  ein paar Punkte zu holen, bis die Verletzten zurückkommen. Anscheinend ist Kosta Runjaic der Ansicht, Antonio da Silva sei nicht gut genug, um eine spielgestaltende Rolle in der Mannschaft zu übernehmen. Da Silvas Verpflichtung war aber die Reaktion auf die Erkrankung von Jürgen Gjasula, und schon in der letzten Saison hatte der MSV Duisburg nur mit eben Jürgen Gjasula spielerische Qualität erkennen lassen. Wie also soll sich die Mannschaft ohne diese beiden spielerisch behaupten?

Die Stimmung nach Niederlagen in solchen Spielen wie gegen den FC Ingolstadt schlägt sogar in Ärger um, weil der Eindruck entsteht, die Mannschaft habe auch kämpferisch versagt. Doch in so einem Spiel verliert sich der andauernde Kampf, weil der Gegner sich nicht auf Kampf einlässt.  Dazu hatte sich der FC Ingolstadt zu weit zurück gezogen. Das macht den großen Unterschied des ersten Eindrucks zum Spiel gegen Hertha BSC, einem Verein, der das Spiel mitbestimmen wollte. Der FC Ingolstadt wollte nichts mitbestimmen. Dieser Gegner wollte auf die Fehler des MSV Duisburg warten, und damit das Spiel gewinnen. Dieser Gegner machte das deshalb, weil die Mannschaft ihre Konter beeindruckend schnell und präzise ausspielte. Jeder Ballverlust des MSV konnte zur Bedrohung für dessen Tor werden. Die Ingolstädter hatten einen Plan, den sie genau befolgten. Es schien so, als sei ihnen die Ballführung in der Mitte beim Konter verboten gewesen. Bei den Kontern war die Nähe der Eckfahne das Ziel, selbst wenn der Ball sich schon in der Mitte befand und das erste Torgefahr bedeutet hätte. So fiel das 1:0 vielleicht auch deshalb, weil zum Unglück des MSV Duisburg kein Ingolstädter mehr zur Eckfahne mitgelaufen war. Der Abschluss in der Mitte war die Konsequenz.

Diese Schnelligkeit der Ingolstädter nach der Balleroberung sehen wir seit Spielzeiten beim MSV Duisburg nicht als gefestigte Spielweise der Mannschaft. Fast immer erfolgt der Pass nach der Balleroberung nicht sofort in die Spitze, weil der ballerobernde Spieler erst die Übersicht gewinnen muss, wo er Mitspieler findet und dann ist es wie gestern gegen Ingolstadt zu spät. Die nur vorsichtig aufgerückte Verteidigung steht wieder bereit. Im Gegensatz dazu musste die Defensive des MSV deutlich mehr als vorsichtig aufrücken, damit überhaupt Druck auf die Ingolstädter aufgebaut werden konnte.

In der zweiten Halbzeit fand die Mannschaft kein einziges Mittel mehr, den Ball in die Nähe des Ingolstädter Tores zu bringen. Diese Mittel standen in der ersten Halbzeit zumindest zeitweilig zur Verfügung. Es hatte ja die Chance auf die Führung gegeben. Völlig untergegangen in der Nachbetrachtung ist etwa die erste Minute, in der der angelegte Plan des MSV Duisburg so offensichtlich war. Aus dem Halbfeld kommt ein halbhoher Pass in die Sturmspitze auf Valeri Domovchiyski in den Elfmeterraum. Der Verteidiger bedrängt ihn zwar, doch Valeri Domovchiyski kann den Ball annehmen und ist vollkommen frei vor dem Tor. Nur scheint er damit nicht gerechnet zu haben. Er erkennt in diesem Moment seine große Chance nicht, sucht nicht den Abschluss, sondern läuft weiter, ohne den Ball wirklich kontrollieren zu können und gibt dem Verteidiger genügend Zeit, ihn zu stören.  Dabei hat er sich im weiteren Verlauf dieser ersten Halbzeit bei den engen Räumen immer wieder gut behauptet, ehe auch er in der zweiten Halbzeit nicht mehr in Erscheinung trat.

Der MSV Duisburg bekommt in so einem Spiel nicht viele Chancen für ein Tor. Diese wenigen Chancen wurden also entweder nicht erkannt oder vergeben wie um die 35. Minute herum, als kurz nacheinander Benjamin Kern die Latte traf und Ranisav Jovanović an einem überragenden Reflex vom Ingolstädter Torwart scheiterte. Die Spieler wussten um ihre beschränkten Möglichkeiten. Deshalb folgte dem Gegentor der vollkommene Zusammenbruch der Mannschaft. Sie fühlten  Aussichtslosigkeit und ergaben sich dem Schicksal der Niederlage. Das sah dann so aus, als wollten sie sich nicht  anstrengen.  Es ist aber die Lähmung nach vergeblicher Anstrengung, die wir da sahen. Das wenige Selbstvertrauen aus den letzten Spielen war wieder vollends verschwunden. Bezeichnend, dass selbst der eigene Anstoß dann sofort wieder zur Großchance von Ingolstadt wird.

Felix Wiedwald übrigens ist ein verdammt guter Torwart.  Für mich verebbt das Nachdenken über das Spiel hier jetzt. Lähmung als Ergebnis von Kontrollverlust bei den Spielern und bei mir. Also, bewältigen und weiter machen. Was anderes gibt´s mal wieder nicht.

Das Spiel als Schleuder für Gefühle

Was für ein Wirbel der Gefühle, um mit so einem unbestimmten ich-weiß-nicht nach Hause zu gehen. Die Zufriedenheit mit dem Auftritt des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit wird immer wieder gestört durch die leise Enttäuschung über den Ausgleich zum 2:2. Manchmal pieckst sogar der Ärger, weil schon zuvor nach dem Vorpreschen von Dzemal Berberovic und der völlig offenen linken Seite für uns auf den Rängen so erkennbar war, dass da nur mit sehr viel Glück der zu erwartende Konter überstanden werden kann.

Bei diesem ständigen Anwehen  der Enttäuschung hilft auch der Rückblick auf die erste Halbzeit nicht. In der habe ich mir zum Ende nicht mehr vorstellen können, dass die Zebras ein Tor erzielen werden. So viel Einsatz wieder und so wenig Gefahr im Strafraum. Wie sollte ein Tor gelingen, wenn die  wenigen Gelegenheiten beim Eindringen im Strafraum ohne Druck zu Ende gespielt werden? Valeri Domochiyski wirkt im entscheidenden Moment schon wieder zu zögerlich. Der Strafraum scheint ein schwarzes Loch für sein Selbstvertrauen zu sein. Dort wird es weggesogen, so dass er schon wieder auf auf die Hilfe des Schiedsrichters hoffte.

Allerdings wirkte auch der Schiedsrichter in der ersten Halbzeit schwer gehandicapt, fehlte ihm doch kurz hintereinander die Hilfe seines Linienrichters bei Entscheidungen an der Torauslinie.  Zwei Eckstöße für den MSV Duisburg wurden nicht gegeben. Diese Eckstöße hätte der MSV aber für besagte Torgefahr unbedingt gebraucht. Deshalb waren diese Fehlentscheidungen besonders ärgerlich.

Zunächst zeigte die Hertha das reifere Spiel, dem der MSV Duisburg mit Kampf entgegen halten wollte. Die Berliner schlagen etwa Flanken jedes Mal scharf und relativ flach an die vordere Ecke des Fünfmeterraums. Dorthin kann der Torwart niemals kommen, zudem ist das Timing der Stürmer so aufeinander abgestimmt, dass aus dem Rückraum der Kopfballspieler noch hineinlaufen kann. In dieser Weise kann der MSV Duisburg keinen Angriff über Außen gestalten. Damit gilt es sich abzufinden. Die Flanken des MSV machen höhere Bögen, bleiben länger in der Luft, sind sehr viel ungenauer und bieten so den Abwehrspielern mehr Gelegenheit, sich auf sie einzustellen. Um so bemerkenswerter ist es, dass Goran Sukalo dennoch, nach einem Standard zwar, zum Kopfball kommt, so wie es dem Tor von Srjdan Baljak zum Ausgleich voranging.

In der zweiten Halbzeit aber entwickelte der MSV Duisburg seine eigenen Mittel um die Hertha unter Druck zu setzen. Das Kurzpassspiel mit dem überraschenden Pass in die Tiefe funktioniert inzwischen sehr gut. So schafft die Mannschaft ihre Chancen, und Sören Brandy seine Erfolgserlebnisse. Was ihm in der ersten Halbzeit alles misslang, klappte in Halbzeit zwei. Es war ein mitreißendes Spiel in dieser zweiten Hälfte, nachdem der Ausgleich gefallen war. Der MSV setzte die Hertha weiter unter Druck, und natürlich wuchs die Gefahr eines Konters durch die Berliner.  Doch zunächst gelang es dem MSV gut, diese Konter im Keim zu ersticken, oder sie endeten im Aus oder Abseits. Die 2:1-Führung entstand dann sogar aus dem Spiel heraus, was Hoffnung für die Zukunft gibt. Die Mannschaft erspielte sich nun auch Möglichkeiten. Standards blieben nicht ihr einziges Mittel.

Wenn dann noch endlich in der Defensive die Spieler hohe Bälle des Gegners nicht mehr per Kopf in die zentrale Position vor den 16-Meter-Raum abwehren, erzielen die Gegner auch mal weniger Tore. Der frühe Rückstand ist wieder die Konsequenz solch einer  Kopfballabwehr und auch später gab es noch zwei, drei unangenehme Situationen zu überstehen, weil der Ball zum Gegner dorthin gespielt wurde, wo die Hertha sofort wieder torgefährlich werden konnte.

Das Bangen um den Sieg dauerte nicht lange an, weil Sandro Wagner recht schnell den Ausgleich zum 2:2 erzielte. Mit den den Gefühlen ging es danach ebenso rauf und runter wie das Spiel hin und her. Sieg oder Niederlage, hieß die Devise für beide Mannschaften bis kurz vor Ende, so dass der Schlusspfiff in der Nachspielzeit von jeweils der Mannschaft ersehnt wurde, die gerade nicht den Ball hatte. Zum Spatz in der Hand seufzend gelugt, die verführerische Taube auf dem Dach sehnsüchtig angestarrt. So richtig wusste keiner mehr, ob er sich freuen sollte und wie gerade die Gefühlslage so war.

Nur einer wird da sicher keine Schwierigkeiten gehabt haben. Änis Ben-Hatira war mit Sicherheit mit sich selbst hoch zufrieden und wird wahrscheinlich selbst eine Umarmung von Maskottchen Hoppelhase als Bad in der Menge empfunden haben. Gesehen habe ich ihn am Ende nicht mehr, und schon wieder war es wie früher, als ich zu seinen Zeiten beim MSV keine Chance hatte, ihn so richtig als Publikumsliebling abzufeiern. Dabei musste ich ihm während des Spiels zu seiner Einschätzung seines Verhältnisses zu den Duisburger Fans gegenüber den Berliner Medien tatsächlich recht geben. In der zweiten Halbzeit wurde er von unserer Kurve so hochfrequent anhaltend bejubelt, dass es sogar wie Pfeifen klang. So einen tollen Publikumsliebling hatte der deutsche Fußball noch nie. Änis, wir wollen ein Kind von dir.  Den Spielbericht bei Sky gibt es mit einem Klick weiter.

Geduld zu haben fällt nicht leicht – Unentschieden statt Sieg

Und es wär‘ so schön gewesen, so ein Tor für den MSV Duisburg, zwischen der 46. und etwa der 70. Minute. Doch es wollte nicht fallen. In einem sind wir uns ja alle einig, richtig gefährlich vor das gegnerische Tor kommt die Mannschaft nicht oft und wenn, fehlt ihr (noch) die Treffsicherheit. Es gab die Chancen in dieser Zeit, ein Tor zu erzielen. Es waren keine todsicheren Chancen, sie waren aber gut genug. Ein freier Schuss von Maurice Exslager von der Strafraumgrenze, der deutlich neben das Tor ging. Ein Kopfball im Fünfmeterraum von Adli Lachheb, ebenfalls neben das Tor.

Dazu sahen wir bis auf die letzten zehn Minuten gefällige Kombinationen bis an die Strafraumgrenze, oft ohne die richtige Entscheidung dort, wo es für den Gegner wirklich gefährlich wird: ein Abspiel zu viel, wenn der Abschluss nötig war, ein Ansatz zum Dribbling, wenn der freie Mann auf dem Flügel stand. Das braucht weitere Arbeit, weiteres aufeinander Abstimmen. Der Wert dieses Kombinationsspiels lässt sich daran ermessen, dass der VfL Bochum dicht gestaffelt stand und sowohl die entsprechenden Lücken erst einmal gefunden werden mussten, als auch der entsprechende zusätzliche Druck durch die Defensivabteilung der Mannschaft notwendig war.

André Hoffmann zeigte gestern ein ganz starkes Spiel, sorgte für diesen Druck nach vorne und war zudem zur Stelle, wenn der Ball in der Vorwärtsvorbewegung verloren schien. Gerade in den fünfundzwanzig Minuten nach der Halbzeitpause holte er sich zusammen mit Goran Sukalo nahezu jeden in der Angriffshälfte verlorenen Ball sofort wieder zurück. Dazu kam in der hinteren Linie ein stark spielender Adli Lachheb, der zuverlässig die längeren Bälle der Bochumer ablief. Mit ihm an seiner Seite knüpft auch Branimir Bajic wieder an alte Leistungen an.

Als dieses Führungstor für den MSV Duisburg dann nicht gefallen war, begann das Zittern um das Unentschieden. Solche Spiele haben einen eigenen Verlauf, und es ist klar, wenn eine Mannschaft derart überlegen, aber erfolglos auf ein Tor spielt, wie es der MSV Duisburg für etwa fünfundzwanzig Minuten gemacht hat, dann kann das in einer Niederlage enden. Schließlich ist es schwierig, auch die Abwehrarbeit weiter im Blick zu halten, wenn schon so viel investiert wurde und die Belohnung durch ein Tor immer noch nicht erfolgte. Dann ist die Gefahr groß auch noch die letzte Kraft nur noch auf den Angriff zu verwenden. So hatten die Zebras in den letzten zehn Minuten zweimal großes Glück, dass der VfL sehr aussichtsreiche Konter nicht mit dem Führungstreffer abschloss. Da geht es den Bochumern genauso wie dem MSV, es fehlt ein Stürmer, der im entscheidenden Moment zuschlägt. Dem 1. FC Köln geht es übrigens auch so und einigen anderen Mannschaften mehr. Wir lernen also, neben dem Linksverteidiger sind auch abschlussstarke Stürmer auf dem Spielermarkt nicht oft im Angebot.

Man muss also die Spieler verbessern, die im Kader stehen, und da bemerke ich mit Kosta Runjaics Arbeit einen allmählichen Aufschwung. Nach dem Spiel gestern denke ich übrigens auch, vielleicht sollte Ivica Grlic das Trainerteam noch um eine Honorarkraft erweitern. Ich habe da Abdelaziz „Aziz“ Ahanfouf im Blick. Praktischerweise kennen sich Kosta Runjaic und Ahanfouf  aus der letzten Saison, als beide noch in Darmstadt weilten. Wo heute doch die Trainingsarbeit von immer mehr spezialisierten Fachkräften übernommen wird, könnte Ahanfouf sich in Intensiv-Workshops der darstellenden Künste annehmen. Wie fällt man bei drohendem Körperkontakt so, dass der Schiedsrichter ein Foulspiel erkennt? Seine große Erfahrung würde vor allem Valeri Domovchiyski helfen, der tatsächlich erheblich besser spielt, aber oft noch nicht robust genug ist, wenn er von Abwehrspielern angegangen wird. Er fällt dann einfach um und der Ball ist weg. Frustration droht. Ahanfouf könnte ihm zu Freistößen verhelfen und vielleicht auch beibringen, dass der beidfüßige Absprung in den Strafraum niemals einen Elfmeterpfiff bringt, wenn der Abwehrspieler mit Abstand nebenher läuft.

Wo sich alle einig über die Qualität des Sturmspiels sind, gehen die Meinungen über den Wert dieses Unentschiedens sehr auseinander. Diese Wertungen haben dann nichts mehr mit der Leistung der Mannschaft zu tun, sondern werden durch die Persönlichkeit des Betrachters hervorgerufen.  Ich kann da nicht anders, als die Fortschritte im Spiel dieser Mannschaft zu sehen. Seit gestern bin ich sicher und da hänge ich mich schon mal weit aus dem Fenster, die Mannschaft wird nicht absteigen. Und mit dem Punkt gegen den VfL Bochum startet sie nun noch besser als Fortuna Düsseldorf, die bei besagtem Katastrophenstart in der Saison 2010/11 auch ihr sechstes Spiel nacheinander, gegen eben diesen VfL Bochum, verloren. Fortuna wurde damals dann noch siebter. Wenn alles gut läuft, sollte deshalb  der sechste Platz für den MSV Duisburg nun drin sein. Sich im Mittelfeld tummeln reicht natürlich möglichst bald auch aus.

Gute Besserung, Jürgen Gjasula!

Auch wenn im Moment mir immer wieder nur Seitenblicke zum Verein unserer Zuneigung möglich sind, ein paar Bilder von der neuen Saison hatte ich schon im Kopf. Schöne Bilder! Vorfreude! Denn eigentlich wusste ich seit langer Zeit einmal wieder so ungefähr, was ich von der Mannschaft erwarten durfte. So viele neue Gesichter sind im Kader nicht dabei. Mit der Rückrunde der letzten Saison im Kopf konnte ich mir vorstellen  –  und war damit bestimmt nicht alleine – , das ein oder andere könnte im Spiel der Mannschaft direkt vom ersten Spieltag an klappen.

Und nun diese Nachricht, Jürgen Gjasula fällt wegen einer Herzmuskelentzündung lange Zeit aus. Schublade auf, alte Frage heraus: Wie wird das alles werden? Für mich war er in der ersten Hälfte des Jahres einer der Garanten für die erfolgreiche Spielweise der Zebras. Sein Ausfall rüttelt mit Sicherheit heftig an den Grundlagen, an denen Oliver Reck und Uwe Schubert gerade für die kommende Saison arbeiten.

Zeit, sich zu sammeln und die Frage zu beantworten: Wo bleibt nun das Positive? Ich denke, wir sollten zu schätzen wissen, dass Jürgen Gjasulas Herzmuskelentzündung keinen schleichenden Verlauf genommen hat. Wir kennen alle die anderen Geschichten des Fußballs der Gegenwart, bei denen unerkannte Herzkrankheiten zu Überlastungen der Sportlerherzen führten. Über die Folgen möchte ich gar nicht weiter nachdenken. Jürgen Gjasula braucht nun nur die Zeit, um wieder gesund zu werden. Gute Besserung!

Gleichzeitig muss eine Lücke gefüllt werden. Oliver Reck spricht von Sören Brandy oder Valeri Domovchiyski, die auch die spielerischen Möglichkeiten haben für eine gestaltende Rolle im Mittelfeld. Auch daraus lässt sich Zuversicht ableiten. Da wird einem neuen Spieler im Kader von Anfang viel zugetraut. Zudem überrascht mich Valeri Domovchiyski in der Rolle, was auf Weiterentwicklung hinweisen würde. Auch kein schlechter Gedanke. Natürlich wird sich alles an der Wirklichkeit messen lassen müssen. Aber fürs erste gibt es ein paar Zeichen, die uns die Nachricht von Jürgen Gjasulas Ausfall – nach einem tiefen Durchatmen zugegebenermaßen – etwas erträglicher machen.

Schade um den möglichen Sieg, aber …

Nun konnten wir im dritten Auswärtsspiel hintereinander nach einer Führung des MSV Duisburg auf einen Sieg hoffen. Nur wer hofft, kann enttäuscht werden. Es war schade, dass der Ausgleich kurz vor Spielende fiel, doch welch große Fortschritte hat diese Mannschaft gemacht, seit gegen Union Berlin das Ausgleichstor kurz vor dem Schlusspfiff fiel. Was damals ein Gefühl von Unglück hinterließ, betrachtete ich gestern als ein Ergebnis, das bei einer knappen Führung immer möglich sein kann. Damals war mein Vertrauen in diese Mannschaft jederzeit angreifbar und deshalb trauerte ich um verlorene zwei Punkte. Was man hat, das hat man.  Heute wirkt diese Mannschaft so gefestigt auf mich, dass sie eben in den nächsten Spielen ihre Punkte holen wird.  Sie nimmt den Ausgleich hin, holt damit aber sogar einen Punkt mehr, als ich in meinem Plan „Klassenerhalt“ vorgesehen habe und richtet den Blick auf das nächste Spiel.

Diese Mannschaft ist auf einem guten Weg, der durch späte Ausgleichstore nicht mehr irritiert wird. Wie ruhig und sicher hat sie in der ersten Halbzeit versucht Angriffe aufzubauen gegen einen FC Ingolstadt, der sich sehr weit zurück zog. Der MSV Duisburg war gezwungen, das Spiel zu machen. Die Mannschaft musste der Gefahr begegnen, durch ein Konterspiel ausgeknockt zu werden, durch das schon der SC Paderborn unter die Räder gekommen war. Doch dieses Konterspiel des FC Ingolstadt wurde im Keim erstickt.

Der MSV Duisburg wird sich seiner spielerischen Möglichkeiten immer sicherer. Dieses Spiel war von seiner Anlage her ein völlig anderes als das in Paderborn. Auch deshalb wächst mein Vertrauen in die Mannschaft vom MSV Duisburg weiter. Unterschiedliche Aufgaben werden unterschiedlich gelöst, und über allem steht das Wissen, wir werden Abwehr des Gegners mit spielerischen Mitteln überwinden. Die Mannschaft ist allerdings (noch) nicht so gut, dass keine Fehler passieren. Deshalb reicht eine Führung mit nur einem Tor nicht immer für den Sieg. Deshalb zittern wir zum Ende eines Spiels hin immer mehr. Schnittstelle ist das Stichwort, und die Sportberichterstattung spricht dann gerne von der Abstimmung zwischen Außen- und Innenverteidigung. Da kriege ich Herzklopfen, wenn kurz vor dem 16-Meter-Raum die Pässe steil gespielt werden, weil bei die Raumaufteilung unserer Verteidigung darauf angelegt ist, dass Pässe des Gegners auch immer mal ankommen. Beim folgenden eins gegen eins können wir aber nie ganz sicher auf den Ballgewinn setzen und im noch schlechteren Fall rennt unser einer dem gegnerischen anderen bei dessen einsamen Sprint auf Felix Wiedwald zu hinterher.

Bei meinem Plan „Klassenerhalt“ war sogar eine Niederlage in Ingolstadt einkalkuliert. Der Punktgewinn stimmt mich deshalb trotz kitzelnder Enttäuschung zufrieden. Wie er zustande kam, lässt mich sogar hoffen, das auch aus meiner einkalkulierten Niederlage im Spiel gegen Eintracht Frankfurt etwas anderes wird. Andererseits fallen André Hoffman und Valeri Domovchiyski wegen ihren fünften gelben Karten aus, Goran Sukalos Knie schmerzt und über weitere Folgen von Verdrehen will ich erst mal nicht nachdenken. Das Spiel gegen Aachen ist zwar weitaus wichtiger, aber wie gesagt, was man hat, das hat man.

Auf neuem Rasen Auswärtssieg

Das brauche ich auch nicht jedes Mal. Mein Auswärtssieg-Fieber wollte wenigstens einmal im Leben so ein richtiges Fieber sein, und was so ein richtiges Fieber ist, das will auf keinen Fall jemanden mit Tastaturen teilen, geschweige denn mit lobenden Worten über die Mannschaft vom MSV Duisburg. Nun hat es das alles mal 36 Stunden ausprobiert, und allmählich habe ich den Eindruck, das Auswärtssieg-Fieber ist mit seinem Dasein als euphorisches Gefühl vollauf zufrieden.

Für euch und mich hat das Ganze aber nun den Vorteil, einen Tag später und damit länger den 2:1-Sieg des MSV Duisburg beim SC Paderborn noch einmal lebendig werden zu lassen. Die Energieteam Arena vulgo das Paderborner Stadion war vor dem Spiel gegen den MSV Duisburg mit einem neuen Rasen versehen worden. Das war kein Nachteil für den MSV Duisburg, auch wenn die Spieler vom SC Paderborn in der ersten Halbzeit nicht nur ballsicherer waren, sondern auch mit ihrem beeindruckenden Flügelspiel einen überlegeneren Spielaufbau zeigten. Doch die Spielweise vom MSV Duisburg verlangt im Moment ebenfalls einen möglichst ebenen Rasen. Diese Mannschaft merkt in diesen Wochen, was sie im Offensivspiel alles kann. Die technisch versierteren Spieler der Mannschaft probieren, was sonst nur im Training geht. Kurzpassspiel wird immer versucht, der Ball wird kontrolliert. Manchmal rumpelt und knirscht es, doch das wird in Kauf genommen. Nur zum Ende des Spiels hin kam es wieder zu altbekannter Gjasula- und Brosinski-Stimmungstöter-Körpersprache, die zum Glück keinen Schaden anrichtete. So etwas liegt tief in der Persönlichkeit und hindert Jürgen Gjasula etwa noch ein großartiger Spieler zu werden. Gegen den SC Paderborn war er das spielerische Zentrum dieser Mannschaft. In der entscheidenden Szene vor dem 1:0 behauptete er den Ball an der Strafraumgrenze gegen drei Paderborner Gegenspieler, dann spielte er noch einmal raus auf den Flügel zu Dzemal Berberovic, ist sofort wieder anspielbereit und gibt den Pass in die Mitte zum vollstreckenden Kevin Wolze. Allmählich gibt es auch das mannschaftliche Verständnis, das seine Pässe überhaupt erst zur Gefahr werden lässt. Pässe in den Raum wie vor dem Siegtor sind nur möglich, wenn Spieler aufeinander eingestimmt sind.

Pässe in den Raum bestimmten auch das Paderborner Spiel. Die erste große Chance in der 2. Minute bildete die Blaupause für alle gefährlichen Angriffe. Entweder kam ein weiter Ball auf die Flügel oder der Pass kam aus dem Mittelfeld zwischen Innenverteidiger und Außenverteidiger steil gespielt. Die Bälle erreichten die Flügelspieler in dieser ersten Halbzeit fast immer. Diese Präzision beeindruckte gerade bei den weiten Bällen. Das waren keine Verlegenheitspässe. Das war so gewollt und auf den Punkt genau ausgeführt. Nach zehn Minuten wünschte ich mir so etwas wie eine Auszeit des Basketballs, damit vor allem beiden Außenverteidigern Hinweise zum Verteidigungsverhalten für genau diese Angriffe hätten gegeben werden können. Sie hätten solche Anweisungen auch nach dem Führungstreffer für den MSV Duisburg gut gebrauchen können. Die Paderborner blieben weiter sehr gefährlich, und Felix Wiedwald erhielt Gelegenheiten genug zu zeigen, dass seine Großtat in der zweiten Minute kein Zufall gewesen ist.

Aber schon in der ersten Halbzeit wurde offensichtlich, dass die Mannschaft vom MSV Duisburg durch die gefährlichen Angriffe der Paderborner wenig beeindruckt war. Die Mannschaft suchte weiter den Weg nach vorne und zwar als geschlossene Einheit. Weites Aufrücken barg gegen die schnellen Paderborner zwar Risiken, doch auch weil der MSV Duisburg mitSPIELEN wollte, war das Niveau der Begegnung hoch. Dieses weite Aufrücken führte schließlich zum Ausgleichstreffer zu Beginn der zweiten Halbzeit. Bei einer Mannschaft, die so weit aufrückt, darf es in der letzten Reihe zu keiner unkontrollierten Spielaktion kommen. Ein Schussversuch ohne ausreichende Abdeckung nach hinten ist dann ein Fehler. War es Vasileios Pliatsikas, der einen aus der Paderborner Abwehr kommenden Ball direkt zu schießen versuchte? Im Ansatz war zu sehen, wenn das schief geht, ist der Weg frei zum Tor des MSV Duisburg. Und es ging schief.

Beeindruckend war der dann weiterhin vorhandene Wille, dieses Spiel zu gewinnen. Diese Mannschaft besitzt wieder Selbstbewusstsein. Die Einwechslungen von Valeri Domovchiysk und später Srdjan Baljak waren Zeichen der Stärke. Nun kamen die Pässe der Paderborner auch nicht mehr ganz so präzise. Der Ausgleich war keineswegs ein Signal für die Heimmannschaft, weiter aufzudrehen. Der MSV Duisburg hielt dagegen und erspielte sich seine Möglichkeiten. Deshalb empfinde ich die Kategorien verdient und unverdient für dieses Spiel als unpassend. Natürlich hatte Paderborn mehr Torchancen, aber sie haben sie nicht verwandelt. Und das unverdient käme für mich nur in Betracht, hätte sich der MSV hinten reingestellt und per Zufall wäre ein Kontertor möglich geworden. Dem war nicht so. Die Mannschaft vom MSV Duisburg versuchte das gesamte Spiel über, in den zweiten Halbzeit allerdings erfolgreicher, durch eigene Kreativität im Spiel Chancen zu schaffen.

Das ist neben dem Sieg, der uns alle begeistert, die entscheidende Nachricht über dieses Spiel, selbst wenn die Mannschaft ihre Qualitäten nicht ganz stabil über 90 Minuten zeigen kann. So kam es in den letzten fünf Minuten wieder zum einfachen Hergeben des Balles. Das kannten wir schon aus dem Spiel gegen Bochum. Die Mannschaft bekam plötzlich Angst vor dem Siegen. Noch einmal Bangen und Zittern, obwohl in meinem Tabellenrechner-Endstand nicht einmal ein Unentschieden in Paderborn vorgesehen war. Aber echt ist echt, und Planspiele sind Planspiele. Jedes Mal Gewinnen ist einfach schöner, als im Plan zu bleiben. Klassenerhalt gibt es in beiden Fällen. Und zu dem von der örtlichen Polizei gewollten Viehtrieb-Ambiente für die Bahnreisenden MSV-Fans schreibe ich noch gesondert was. Die gute Laune will ich mir heute nicht mehr verderben.

Alles war möglich – Wirklich wurde Überschwang und Erleichterung

In den letzten Minuten des Spiels vom MSV Duisburg gegen den VfL Bochum habe ich über zwei Einwürfe für die Zebras so gejubelt, als hätte die Mannschaft gerade das entscheidende Tor zum Klassenerhalt im allerletzten Spiel geschafft. Genauso sicher wie ich mir vor dem Spiel war, die Mannschaft wird nicht absteigen. Genauso sicher war ich mir in den letzten Minuten, würde der Ausgleich fallen, würde der Klassenerhalt nicht zu schaffen sein. Dieser 2:1-Sieg war nicht wichtig, er war unbedingt notwendig. Er gelang.

Was für eine Erleichterung im Stadion beim Abpfiff. Was haben wir gezittert. Wie unendlich lang wurden diese letzten zehn Minuten. Sie wurden deshalb so lang, weil es fünf Minuten Nachspielzeit gab und die Angriffe der Bochumer zwar abgefangen wurden, die Mannschaft es aber nicht mehr schaffte, den Ball sicher in den eigenen Reihen zu halten. Die Spieler kämpften und kämpften, kamen in Ballbesitz und die Erleichterung schwand sofort wieder, weil ein Fehler passierte. Ein Freistoß aus dem Mittelfeld auf den rechten Flügel geht zu weit, ins Aus. Vasileios Pliatsikas kann nach einem Sololauf über den linken Flügel nicht rechtzeitig flanken, wählt die richtige Option und zieht mit dem Ball zur Eckfahne. Sechs Beine von Gegenspielern stehen zum Abprallen ins Aus bereit. Doch ehe „Billy“ schießen kann, springt ihm der Ball schon selbst ins Aus. In dieser Weise verliefen die letzten Minuten, und deshalb jubelte ich, wenn ein Verteidiger den Ball ins Aus spielte und der Ball auf dem Weg dorthin noch einen Bochumer Spieler berührte.

In diesem Spiel war alles möglich. Es hätte den endgültigen Absturz bedeuten können, weil in ersten Halbzeit die Mannschaft so wirkte, als drohte sie psychisch zusammenzubrechen. Diese Mannschaft ist anfällig. Der Zusammenbruch drohte kurioser Weise nicht nach dem Rückstand. Den steckte die Mannschaft nach kurzer Enttäuschung weg, wenn auch noch nicht deutlich wurde, wie ihr ohne Hilfe des Bochumers Nikoloz Gelashvili ein Tor hätte gelingen können. Der Ausgleich kam, alle Zeichen standen wieder auf Anfang und dann kam diese Spielsitutation um die 33. oder 34. Minute herum. Ein Angriff der Bochumer offenbart Abstimmungsprobleme in der Duisburger Abwehr. Ich weiß nicht mehr, wer danach mit wem etwas deutlicher redete. Felix Wiedwald hatte den Ball, irgendjemanden möchte er anspielen, doch Abwehr und Mittelfeld rücken zwar nach vorne, aber niemand bietet sich für das Anspiel an. Alle gucken angestrengt auf den Boden. Für einen Moment habe ich geglaubt, der Schiedsrichter hätte gepfiffen und ich hätte es überhört, weil diese Mannschaft so aussah, als wolle sie nicht weiterspielen. Natürlich ging es dann weiter, aber für einen Moment war aufgeblitzt, warum es Niederlagen gegen Dresden und Rostock gegeben hat. Es gibt unter Druck jederzeit die Gefahr, dass diese Mannschaft sich überfordert fühlt und aufgibt. Sie strengt sich an und anscheinend wächst das Gefühl der Vergeblichkeit. Es sind Momente der psychischen Instabilität, die sie ohne Gegentor überwinden muss.  Der Halbzeitpfiff half dabei. Aber es sind auch die jungen Spieler wie Maurice Exslager, Felix Wiedwald oder André Hoffmann, die bei allen spielerischen Fehlern, den Willen im Spiel zu bleiben über die gesamte Zeit hin ausstrahlen. Das ist so wichtig für diese Mannschaft.

In der zweiten Halbzeit war dieses Zwischentief vergessen. Spielerisch kam da immer noch nicht viel. Aber der Wille unbedingt zu gewinnen war wieder da. Jürgen Gjasula zeigte vor allem in dieser zweiten Halbzeit neben spielerischer Klasse auch den Einsatz bei Ballverlusten, den ich zu Beginn der Saison von ihm erwartet hatte. Wer ihn für Fehlpässe kritisiert, sollte sich vor Augen führen, dass nicht alle seine Mitspieler die Freiräume auf dem Spielfeld sehen, die er sieht. Es sind immer zwei Spieler für das Gelingen eines Passes verantwortlich.

Zwei Spielsituationen habe ich beispielhaft vor Augen. Bei schnellen Gegenangriffen trieb Jürgen Gjasula den Ball aus dem Mittelfeld heraus in halbrechter Position. Er zieht zwei Gegenspieler auf sich, behauptet den Ball und ein dritter Gegenspieler kommt hinzu. Drei, vier Meter vor ihm läuft die ganze Zeit in nahezu derselben Laufbahn Daniel Brosinski mit. Er macht Jürgen Gjasula als eine Art vierter Bochumer den Weg zu. Nun kann man zu seiner Verteidigung sagen, er erwartet den Steilpass. Der war aber für Gjasula wegen der möglichen Abseitsposition von Brosinski viel zu risikohaft. Zumal er selbst sehr schnell war. Effektiver wäre Brosinkis Schritt raus Richtung Flügel gewesen, Anspielstation sein für den Doppelpass. Solche Momente gibt es im Spiel des MSV Duisburg häufiger.

Die Duisburger Abwehr stand in der zweiten Halbzeit sicherer, vermutlich auch weil Mimoun Azaouagh mit schwerer Verletzung ausgewechselt wurde. Vasileios Pliatsikas hatte einen schweren Stand gegen ihn. Ein ums andere Mal wurde er in der ersten Halbzeit von ihm ausgespielt. Auch Dzemal Berberovic macht mich im Moment gerade dann nervös, wenn er den Ball erobert hat. Gefährlich wurde es für den MSV Duisburg dann, wenn er in der eigenen Hälfte den Ball irgendwie nach vorne bringen musste. Dann ist er im Moment jederzeit für einen Raum öffnenden Pass zum Gegner gut.

Warum Maurice Exslager einen Stammplatz in dieser Mannschaft hat, wurde in diesem Spiel mehr als deutlich. Er gibt nie auf, trotz persönlicher Fehler. Er wird trotz dieser Fehler immer mutiger im Spiel eins gegen eins, und es gelingt ihm immer häufiger Anspiele zu behaupten.  Hoffen wir, dass sein Tor ihn weiter beflügelt. Er ist im Moment der Garant für Torgefährlichkeit überhaupt, es sei denn Valeri Domovchiyski kann die Leistung nach seiner Einwechslung stabilisieren. Was war das für ein technisches Kabinettstückchen, mit dem er fast das 3:1 erzielt hätte. Wieviele Bochumer hat er da ausgespielt? Vier? Fünf? Oder übertreibe ich? Schade. Dieses Tor hätte uns alle sehr entspannt. Andererseits suchen wir Gegenwartsmenschen nicht immer die intensiven Gefühle? Suchen wir alle nicht die Momente der Flucht aus dem alltäglichen Dahingehen der Zeit? Spart euch Bungee Jumping und Extremsport. Kommt zum MSV Duisburg, da bekommt ihr sie, eure gesuchten intensiven Gefühle zwischen Angst und überschwänglicher Freude.

Der Hauptmann in Köpenick

Langsam stellt sich die konzentrierte Anspannung vor dem Spiel ein. Zeit für ein paar einschwörende Worte, um Zuversicht zu stärken. Wenn gerade jetzt die Wolkendecke über Berlin aufreißt, kann auch das nur ein gutes Zeichen sein. Ihr seht, ich bin seit gestern schon vor Ort, lese mich durch die Berichterstattung über Union und treffe bei einer Mini-Vernissage in einem Mütter-Café in Prenzlauer Berg einen Hertha-Fan, mit dem ich über Valeri Domovchiyski fachsimpel, Stichwort: Psyche. Meine gelungene Spielvorbereitung lässt mich auch für die Mannschaft vom MSV Duisburg hoffen.

Der MSV Duisburg hat in den letzten Spielen immer dann gut ausgesehen, wenn die gegnerische Mannschaft auch selbst das Spiel gestalten wollte. Im Heimstadion gehört Union Berlin wahrscheinlich zu solchen Mannschaften. Von dem inzwischen dünn besetzten Sturm bei Union werdet ihr schon gelesen haben. Nur zwei Spieler sind übrig geblieben, nach Weggang und Verletzung der anderen. Simon Terodde kennen wir noch, und wir wollen natürlich nicht dieses eine Klischee der Sportberichterstattung hören. Kein „ausgerechnet“ soll irgendeinem Reporter über die Lippen gehen. Das wäre schon mal ein Hinweis darauf, dass einem der beiden gegnerischen Stürmer kein Tor gelungen ist. Dem Tagesspiegel  gemäß soll sich Chinedu Ede auch weiter entwickelt haben. Von ihm scheint ebenfalls Klischeegefahr auszugehen.

Der MSV Duisburg kann in der Alten Försterei fraglos bestehen. Voraussetzung dazu: Entschlossenheit. Das ist banal. Aber gerade an dieser Entschlossenheit mangelte es bei den Auswärtsspielen in Rostock und Dresden. Ich habe den Eindruck, die Mannschaft vom MSV Duisburg kann ihre spielerischen Qualitäten nicht aus einem ruhigen Angehen heraus entwickeln. Deswegen ist Konstanz so schwierig herzustellen. Von Anfang an muss sich unbedingter Wille als Gruppengeist verbreiten. Aber je unsicherer sich ein Fußballspieler seiner Fähigkeiten ist, desto schwieriger wird es für ihn, die Balance zu finden zwischen unbedingtem Willen, Spielwitz und -kontrolle sowie der notwendigen Frustrationstoleranz bei vergeblichem Tun. Die Mannschaft vom MSV Duisburg scheint mir sehr abhängig von dieser inneren Stimmung zu sein. Und wenn wir uns an die Körpersprache mancher Spieler erinnern, wissen wir sofort, wo die Einfallstore sind, die von der schlechte Stimmung zum Hereinschleichen genutzt wird. Hoffen wir, der Mannschaft unserer Zuneigung gelingt es heute, am frühen Abend diese Einfallstore möglichst geschlossen zu halten. Hoffen wir weiter, sie bietet einem ihrer Mitspieler die Möglichkeit zum erfolgreichen Torschuss. Dann könnte ich auch bedenkenlos titeln: Der blau-weiß gestreifte Hauptmann in Köpenick! Bei Siegesfreude ist jedweder Jubeltitel, wie nahe liegend auch immer, erlaubt.

Eine Hilfe bei zu wenig Toren?

Wie wir alle wissen, erzielen die Stürmer vom MSV Duisburg zu wenig Tore. So viele Chancen erhalten sie nicht, und bei diesen wenigen Chancen gibt bevorzugt der Torwart die Schussrichtung vor. In der Mitte des Tores steht er und nimmt die Bälle problemlos auf. Wir dürfen wohl annehmen, der Torschuss geht dorthin wegen der gesteigerten Wahrscheinlichkeit, das Tor überhaupt zu treffen. Ein Stürmer, der dorthin zielt, will möglichst wenig falsch machen. Etwas weiter nach links oder rechts zu zielen erfordert unweigerlich eine verminderte Streubreite des Torschusses. Dazu braucht es erstens die Schusstechnik und zweitens das Selbstbewusstsein. Beides hängt unlösbar zusammen. Wer das eine verbessert, nutzt dem anderen.

Nun stoße ich heute  im Wissens-Ressort der Süddeutschen Zeitung auf das Destillat einer Studie, bei der die Auswirkung einer optischen Täschung auf die Zielgenauigkeit von Golf-Spielern untersucht wurde (hier im englischen Original). Vielleicht kennt ihr aus Kindertagen diese optische Täuschung noch: Welcher Innenkreis ist größer? heißt die Frage.

Natürlich sind beide Innenkreise gleich groß. Den Golfern wurde diese optische Täuschung als Versuchanordnung auf den Rasen projiziert mit dem Ergebnis, Golfer putten besser, wenn sie der Illusion erliegen, das Loch im Rasen sei größer. Die Wissenschaftler glauben, die Golfer putten dann mit mehr Selbstvertrauen.

Diese Erkenntnis gehört ins Handlungswissen auch des Fußballs. Praktiker also nach vorne. Gerade das der Fan-Kurve gegenüber liegende Tor bietet sich für jedwedes Experimentieren  an. Vielleicht könnten die leeren Sitzreihen mit den Freikarten-Schülern so besetzt werden, dass die Sitzanordnung das Tor größer erscheinen lässt. Natürlich nur in der Halbzeit, in der der MSV Duisburg auf das Tor spielt. Valeri Domovchiyski braucht einfach mehr Selbstvertrauen für den Torschuss neben den Torwart. Wenn es hart auf hart kommt, müssen alle Register gezogen werden.

Von allen Wahrscheinlichkeiten befreites Spielen

Das Gute mal als erstes: mir war es zu kalt, um mich wirklich aufzuregen über nicht mehr gezählte, vergebene Großchancen, ein Mittelfeld mit den bekannten wenigen spielerischen Möglichkeiten und eine Abwehr, die sich immer wieder überraschend für Zuschauer und Mitspieler sowie einladend für den Gegner verhielt. In so einem mit 2:1 verlorenen Spiel wie dem gegen den FSV Frankfurt werden die Grenzen dieser jetzigen Mannschaft des MSV Duisburg besonders  bewusst.

Gerät diese Mannschaft in Rückstand, besitzt sie keine variablen Möglichkeiten ein Tor zu erzielen. Dennoch kam sie gestern zu Chancen mit den meist halblang aus dem Mittelfeld gespielten Pässen. Doch wenn diese Chancen nicht genutzt werden, lässt die Abwehr dem Gegner immer Möglichkeiten, selbst ein Tor zu erzielen. Deshalb gibt es im Spiel des MSV Duisburg keine Wahrscheinlichkeiten. Meist ist alles möglich. Das ist der Leistungsstand dieser Mannschaft. Sie strengen sich an, und es geschehen eben die Fehler, die schon immer geschehen sind. Manchmal endet das gegen die gleichwertigen und schlechteren Mannschaften mit einem Sieg. Wenn es blöd läuft, folgt die Niederlage.

Am offensichtlichsten war das am gestrigen Abend im Angriff.  Valeri Domovchiyski schafft es einfach nicht, beim Schuss aufs Tor den Ball auch mal in die Nähe der Pfosten zu bringen; Emil Jula tut es ihm inzwischen gleich; und Daniel Brosinski kann bei zweiten Bällen an der Strafraumgrenze Schusstechnik und Kraft nicht in Einklang bringen, Schussentfernung entspricht bei ihm der Höhe, in der der Ball über das Tor fliegt. In so einem Spiel kann dann der Torwart der Gegner zum Held werden, auch wenn er zunächst nichts anderes machen muss, als auf der Stelle stehen zu bleiben. Zugegeben, in der zweiten Halbzeit verhinderte er mit einem großartigen Reflex die Großchance zum 2:2. Vorher aber gaben die Stürmer des MSV Duisburg alles, um ihn gut aussehen zu lassen.

Deshalb ist die Einwechselung von Srdjan Baljak in der 70. Minute eine so gute Nachricht. Natürlich ist er kein Heilsbringer, aber seine ersten Spielaktionen schon ließen ein anderes Niveau des Zusammenspiels aufblitzen. Was er tat, war nicht vorhersehbar. Er kann in einer Spielsituation auch eine zweite Möglichkeit des Ausstiegs erkennen, selbst wenn er zunächst zu etwas anderem entschlossen schien.  Vor allem in der zweiten Halbzeit war das Spiel des MSV Duisburg berechenbar, und der Erfolg hing vom Durchsetzungsvermögen des einzelnen angespielten Spielers ab. Srdjan Baljak versuchte den kurzen Pass und band damit mehr Mitspieler in den Angriff ein. Was war sein Auftritt aber auch eine Prüfung meines Mitgefühls. Durch seine hagere Gestalt wirkt er ja ohnehin schon etwas zerbrechlich, dazu dieser glatte Rasen, der die Spieler gerade zum Ende des Spiels in Reihen ausrutschen ließ und noch das Wissen um sein genesenes Knie! Am liebsten hätte ich ihn im Football-Dress gesehen, wenn ein Verteidiger auf ihn zueilte, und genauso gern hätte ich ihm mit all meiner Erfahrung des Blockstellens beim Basketball Begleitschutz geleistet. Meine Schulter zeigte immer schon in Richtung Brust des anrennenden Verteidigers. Darf man im Basketball eigentlich nicht, ist aber eines älteren Spielers letzte Waffe,  wenn die Wogen hochkochen und nicklige Fouls des Gegners bestraft werden müssen. Spätestens wenn Baki sein erstes Tor erzielt, werde ich mir um so was keine Gedanken mehr machen. Dann wird hoffentlich auch wieder etwas häufiger der Kurzpass im Mannschaftsspiel zu sehen sein. Bis dahin aber heißt es, manchmal geht es gut aus und manchmal eben anders.


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