Posts Tagged 'Verlag Die Werkstatt'

Weggelesen – Erwin Kostedde von Alexander Heflik

Die Zeit war reif für den Dokumentarfilm Schwarze Adler und die begleitende PR-Arbeit sehr gut. Denn von April an berichtete nahezu jedes Medium in diesem Land über die Geschichte von afrodeutschen Fußballern und Fußballerinnen, von person of colour, wie ein Teil jener Deutschen sich selbst nennt. Auf Amazons Streamingdienst Prime Video hatte Schwarze Adler von Torsten Körner im April seine Premiere. Im Juni war er dann als Einzelausstrahlung auch beim ZDF zu sehen.

In vielen dieser Berichte, Portraits und Interviews kam Erwin Kostedde zu Wort. Als erster afrodeutscher Nationalspieler ist er einer der Protagonisten des Films. In der Saison 1967/68 spielte er beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga konnte er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigen. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Ein älterer Anhänger des MSV erzählte mir neulich noch von einem Auswärtsspiel jener Saison, bei dem Erwin Kostedde zur vereinbarten Abfahrtszeit nicht erschienen war. Aus einer Kneipe gegenüber dem Schlachthof in Meiderich sei er dann herausgeholt worden. Ob er noch mitfahren durfte, wusste er nicht.

Diese Anekdote passt in das Bild, das der Münsteraner Journalist Alexander Heflik in seiner Biografie von Erwin Kosteddes Zeit in Duisburg zeichnet. Das kommt nicht von ungefähr. „Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“ fußt zum großen Teil auf Gesprächen mit dem Fußballer selbst. Außerdem sprach Heflik mit einigen Wegbegleitern sowie jüngeren Beobachtern der Fußballszene.

Der Duisburger Zeit sind nur wenige Seiten gewidmet. Liest man sie als Teil der gesamten Lebensgeschichte, wird deutlich, dass Erwin Kosteddes selbstkritische Wertung über seine Professionalität in Duisburg zu kurz greift. Die Flucht in nächtliche Trunkenheit lag nahe, wenn man von seinem Aufwachsen im Bewusstsein des eigenen Außenseitertums liest. Sie lag nahe für einen empfindsamen Menschen, dem ein autoritärer Trainer wie Lorant besondere Aufmerksamkeit widmete und nicht deutlich war, ob man für Misserfolge zum Sündenbock gemacht wurde. Im folgenden Jahr bei Standard Lüttich konnte er dann an alte Erfolge anknüpfen. Die Grundlage für seine weitere Karriere in Deutschland war von da an gefestigt.

Auch nach dieser Karriere als Fußballer war Erwin Kostedde Rassismus ausgesetzt. So meinte der Zeuge eines Raubüberfalls ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Alexander Heflik lässt die Erfahrungen von Erwin Kostedde für sich sprechen. Deutlich wird auf fast jeder Seite: Wie Menschen angesehen werden, das hat Folgen. Die Biografie ist ein lebendiges Portrait in Buchform geworden. Alexander Heflik macht Erwin Kosteddes Persönlichkeit verständlich, die Zeit aber, in der er gelebt hat kaum. Historische Einflüsse und Zeitgeist werden meist nur indirekt erkennbar. Wer sich für besondere Lebenswege und Schicksale interessiert, wird diese Biografie mit Gewinn lesen.

Alexander Heflik

Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler

Verlag Die Werkstatt

208 Seiten, Hardcover

ISBN: 9783730705735

Hardcover: 19,90 €

Ebook: 16,90 €

Auf der Seite vom Verlag Die Werkstatt finden sich weitere Zitate aus Besprechungen. Das Buch kann auch dort versandkostenfrei bestellt werden.

Weggelesen – 71/72. Die Saison der Träumer von Bernd-M. Beyer

Wenn ältere Menschen sich an die Vergangenheit erinnern, beschäftigt sie in der Neuzeit zugleich oft auch die Veränderung ihrer eigenen Welt. Inzwischen haben Gesellschaften sogar Schwierigkeiten mit dem Tempo der Verändungen. Es bleibt keine Zeit mehr, einen scheinbaren Zustand des Normalen zu bestimmen. Einen Zustand, auf den wir uns alle beziehen können und bei dem wir dann das Gefühl haben, wir streiten über dieselben Dinge.

Vielleicht ist deshalb der Fußball auch so wichtig geworden in der Gegenwart. Er lenkt ab von den wahren Problemen auf dieser Welt, und er erlaubt uns das Gefühl, wir wissen, wovon wir sprechen. Im Fußball kann der Einfluss des Gelds auf Leben und Erfolg so klar benannt werden, und trotz aller Unterschiede haben wir als Anhänger eines Vereins zudem Anteil an einer gemeinsamen Geschichte. Auch deshalb hat diese ominöse Tradition so große Bedeutung erhalten.

In der Bundesligasaison 71/72 war das alles anders. Bernd-M. Beyer hat mit 71/72 – Saison der Träumer ein wunderbares Buch über besagte Fußballsaison geschrieben. Zweifellos gilt das für Leser, die spätestens in den 1960ern geboren wurden. Ich frage mich allerdings auch, wie das Buch auf jüngere Leser wirkt. Das hängt mit dem Gestaltungsprinzip zusammen. Bernd-M. Beyer erzählt von Spieltag zu Spieltag zusammenfassend anekdotisch, Länderspieltage inklusive. Einordnende Erklärungen werden dabei elegant eingearbeitet.

Zudem montiert er das Fußballgeschehen mit der Bandgeschichte von Ton, Steine, Scherben in jenem Jahr sowie dem terroristischen Geschehen, das von der RAF bestimmt war. So schafft Bernd-M. Beyer einen ungemein lebendigen Einblick in einen spezifischen bundesrepublikanischen Alltag jener Monate. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass jüngeren Anhängern des Fußballs eine solche Ereignisgeschichte zu gleichförmig ist, weil diese Vergangenheit auf sie fern wirkt. 

So anders war der Fußball in dieser Zeit. Die Bundesliga war vom Bestechungsskandal bestimmt. Das Zuschauerinteresse war gesunken. Die Saison wird geprägt durch den Zweikampf von Schalke und Bayern um die Meisterschaft. Es war die Gelsenkirchener Meineid-Mannschaft des Bestechungsbetrugs, in der die Spieler ihre Angst vor Strafverfolgung verdrängen mussten. Der politisierte und zugleich populärkulturell geprägte Zeitgeist war auch im konservativem Fußball angekommen – wenn auch selten in der Lebensführung der Fußballer. Vor allem die Frisuren waren ein Thema. Paul Breitner und Günter Netzer galten auf unterschiedliche Weise als Repräsentanten dieses Zeitgeistes. Beide vereinte zudem, dass sie in öffentlichen Stellungnahmen damals schon den Fußball als Teil des Wirtschaftssystem begriffen. Welch andere Bedeutung der Fußball in jener Zeit für die Gesellschaft besaß, zeigt sich vor allem nach Länderspieltagen. Die deutsche Nationalmannschaft damals war jene, die England im Wembley-Stadion auf grandiose Weise 3:1 besiegte und die die Europameisterschaft gewann. Von nationalem Freudentaumel keine Spur.

Bernd-M. Beyer gibt dem Geschehen außerhalb des Fußballs Tiefe, indem er Beweggründe der handelnden Menschen erwähnt und er für einzelne Ereignisse einen längeren zeitlichen Rahmen der Darstellung wählt. Neulich habe ich schon auf das Buch hingewiesen, weil der MSV Duisburg zweimal in einer für mich erwähnenswerten Nebenrolle genannt wurde und ich euch mit den entsprechenden Stellen schon mal einen Vorgeschmack geben wollte. Stil und Erzählweise lassen sich dort erkennen. Dass Fußballanfang des Bestechungsskandals und terroristisches Zeitgeschehen am Ende zusammenfallen, ist eine für mich so überraschende Pointe, dass ich sie nicht verraten möchte. Lest 71/72 – Die Saison der Träumer am besten ganz schnell selbst.

 

 

Bernd-M. Beyer
71/72. Die Saison der Träumer
Hardcover. 352 Seiten
ISBN: 9783730705407
€ 22,00

Fundstücke – Zugrandale und das Wunder in Wedau 1972

Bernd-M. Beyer hat mit 71/72 ein lesenswertes Buch über besagte Fußballsaison geschrieben. Das Fußballgeschehen montiert er mit weiteren zeitgeschichtlichen Ereignissen. Für die Bundesliga gilt sein Blick vor allem dem Wettstreit zwischen dem FC Bayern München und dem FC Schalke 04 um die Meisterschaft sowie dem Bundesligaskandal. Der MSV wie die meisten anderen Vereine jener Saison spielen nur kleine Nebenrollen. Das Buch bespreche ich in den nächsten Tagen noch ausführlicher.

Schon heute möchte ich euch aber mit zwei der Nebenrollenauftritte beglücken. Wenn ich selbst auch erst ab der folgenden Saison zum regelmäßigen Stadionbesucher wurde, so stoßen sie doch für die Älteren unter uns einige Erinnerungen an.

Am 11. März 1972 erwähnt Bernd-M. Beyer den MSV weniger wegen der Niederlage in Mönchengladbach als wegen der MSV-Fans. Erlebnisorientiert sind sie damals noch nicht genannt worden. Und die Kategorie C hat es auch noch nicht gegeben.

Im April dagegen fügt sich der 3:0-Heimsieg gegen den späteren Meister FC Bayern München in die Geschichte von den glorreichen 1970er Jahren des MSV.

Hier auch schon mal die Angaben zum Buch:

 

Bernd-M. Beyer
71/72. Die Saison der Träumer
Hardcover. 352 Seiten
ISBN: 9783730705407
€ 22,00

Weggelesen – Fussballwappen von Hardy Grüne

Zugegeben, ich war etwas skeptisch, als ich im letzten Herbstkatalog vom Verlag Die Werkstatt ein Buch über Fußballwappen angekündigt sah. Ich hatte nur den Titel gesehen und das Cover. Coffe table books sind nicht so mein Fall. Doch beim zweiten Blick sah ich, Hardy Grüne war Autor des Buches – mit einem Klick zu seiner Seite im Netz. Das nun verringerte meine Skepsis schon sehr. Repräsentative Hochglanzbücher für den Wartebereich von Spieleragenturen würde der Mann sicher nicht machen.

Denn Hardy Grünes publizistisches Engagement für Fußballkultur hatte ich auch über die Fußballzeitschrift Zeitspiel wahrgenommen. Dort ist er einer von zwei Herausgebern. Zeitspiel widmet sich vierteljährlich einerseits historischen Themen, andererseits geht es um den Fußball „auf seinem Weg in die Gegenwart“ abseits von „Bundesliga und Champions League, WM und EM“. Hier geht es zur Seite der Zeitschrift. Hier geht es zur Beschreibung des Projekts auf der Seite von Hardy Grüne. 

Hardy Grüne löste meine Erwartungen ein. „Fussballwappen“ ist nicht nur ein Buch zum Blättern und Ansehen. „Fussballwappen“ ist gespickt mit der Historie des Fußballs auf Vereinsebene. Für jeden Verein gibt es neben der einen Seite Vereinswappen auf der anderen Seite einen Parforce-Ritt durch Vereinsgeschichte oder historische Besonderheiten, die Folgen für das jeweilige Wappen hatten. Manche der Veränderungen bei den Vereinswappen regen zum Nachdenken über Fußballkultur im Besonderen und Kultur im Allgemeinen an. Denn das Vereinswappen verweist auf die Tradition des Fußballs und je näher die Gegenwart rückt, desto mehr spielt bei der Gestaltung der Wappen der großen Vereine das Marketing eine Rolle.

Es macht Spaß, sich die Wappen genau anzusehen und die Entwicklung der Ausdrucksformen jeweils zu verfolgen. Knapp die Hälfte der Wappen stammen von deutschen Vereinen, die andere Hälfte von Vereinen aus der gesamten Welt mit Schwerpunkt Europa. Hier im Zebrastreifenblog hole ich natürlich schnell mal die Wappenseite des MSV hervor. Wer sie als Teil des Buchs sehen möchte, klickt weiter und blättert über etwa 15 Seiten im Buch herum.

Wer mit Fußballwappen derart anregend von Vereinsgeschichte und der Kultur des Sports erzählen kann wie Hardy Grüne, besitzt einen besonderen Blick auf den Fußball.

 

 

Hardy Grüne: Fußballwappen.
Verlag Die Werkstatt 2018.

214 Seiten, 21 x 21 cm, Hardcover
über 1000 Abbildungen, durchgehend farbig
ISBN: 978-3-7307-0416-5

€ 24,90


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