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Wie antirassistisches Engagement mehr als Symbolpolitik sein könnte

Die Aufarbeitung des abgebrochenen Spiels zwischen dem MSV und dem VfL Osnabrück ist kompliziert. Auch wenn viele MSV-Fans das anders sehen und dieses Thema Rassismus schnell wieder vergessen wollen. Dabei ließe sich an dem Geschehen viel darüber lernen, wie wir Menschen in dieser Gesellschaft besser miteinander auskommen.

Eines war ja schnell gewiss nach dem Spielabbruch, ein Rassist möchte niemand genannt werden. In den sozialen Netzwerken sprachen sich viele gegen Rassismus aus. Was das genau bedeutet, blieb aber unklar, oft überaus deutlich markiert durch ein „aber“. Dieses „aber“ interessiert nun hier vor allem. Denn dieses „aber“ verweist auf Konflikte beim Engagement gegen Rassismus, die mehr brauchen als Symbolpolitik, wie sie heute Abend im Stadion mit der von DFB, MSV und VfL gemeinsam formulierten Botschaft gegen Rassismus zu sehen sein wird, vielleicht auch zu hören, ich weiß das nicht. Zumal diesem „aber“ letzte Woche Genugtuung folgen konnte, weil die Ermittlungen der Polizei bestätigten, was bald nach dem Spiel schon die Runde machte. Die vom Linienrichter bekundeten Affenlaute hat es nicht gegeben. Außerdem meinte der Fan mit seiner Beschimpfung nicht den farbigen Spieler Aaron Opoku, sondern den weißen Spieler Florian Kleinhansl.

Naiv betrachtet ließe sich sagen, das Ganze war ein Missverständnis. Nur liegt so ein Missverständnis nahe, wenn ein farbiger Deutscher zeit seines Lebens Erfahrungen der Ausgrenzung und des Misstrauens erleben musste. Wir können uns mit diesem Geschehen also auch dem verdeckten, dem strukturellen Rassismus nähern, dem sehr viel schwieriger zu entgehen ist als nur durch das Vermeiden von bestimmten Wörtern. Wer sein Bekenntnis zum Anti-Rassismus ernst nehmen will, muss also versuchen, Menschen wie Aaron Opoku in ihrer Wahrnehmung zu verstehen. Dann könnten Missverständnisse weniger werden und auch rassistische Strukturen im eigenen Denken würden erkennbarer.

Das wäre aus diesem Geschehen in Duisburg zu lernen: Selbst wenn man es nicht beabsichtigt, kann man rassistischem Handeln nahe kommen, vielleicht sogar rassistisch sein. Mit dieser Einsicht könnte es dann auch leichter sein, nicht dem Gefühl zu folgen, ein ungerechter Vorwurf sei im Dezember einem von „uns“, der Stadt und dem MSV gemacht worden. Man könnte dann vielleicht sogar denken, das tut mir leid, dass Opoku dieses Wort „Affe“ auf sich bezieht. Dieser Satz drückt nichts anderes als Mitgefühl aus. Er ist kein Schuldbekenntnis, wie viele ihn vielleicht verstehen.

Aber auch Aaron Opoku und der VfL Osnabrück können etwas lernen. Denn so ein Missverständnis braucht den Versuch, sich gegenseitig zu verstehen. Gegenseitig! Mir missfällt an der Stellungnahme des VfL Osnabrück zum Spiel heute Abend folgender Satz sehr: „Die strafrechtliche Würdigung der Beleidigung spielt deshalb zwar für den Verursacher eine bedeutende Rolle, mit Blick auf die Reaktionen und das notwendige Engagement gegen Ausgrenzung ist das aber unbedeutend.“

Unbedeutend ist das Ermittlungsergebnis überhaupt nicht bei diesem Engagement gegen Rassismus. Erst das Ermittlungsergebnis gibt uns die Fakten, auf die wir uns bei unserem Engagement beziehen können. Jeder kann sich mit dem symbolpolitischen Antirassismus heute Abend auf der Seite der Guten fühlen, doch nur die Betrachtung des konkreten Falls wirkt aufklärerisch. Erst die Ermittlungsergebnisse machen darauf aufmerksam, wie schwierig es sein kann, rassistisches Verhalten zu identifizieren. Erst wenn diese Ergebnisse als bedeutsam wahrgenommen werden, entsteht jene gemeinsame Wirklichkeit von Aaron Opoku und Fan, in der ein umfassenderes Verstehen von Opokus Reaktion als strukturelles Problem dieser Gesellschaft möglich wäre. Werden sie nicht ernst genommen, bestärkt der VfL das „aber“ der MSV-Fans. Ein Bärendienst beim Engagement gegen Rassismus.

Übrigens bin ich nach wie vor der Meinung, am Spieltag haben die Verantwortlichen des MSV richtig gehandelt. Immer wieder lese ich, Ingo Wald und Martin Haltermann hätten vor ihren deutlichen Worten der Distanzierung die Untersuchung des Geschehens abwarten müssen. Es gab aber vermeintliche Fakten an diesem Abend, die vom Schiedsrichtergespann geschaffen wurden. Sie schufen eine Wirklichkeit, auf die reagiert wurde. Es gab zunächst kein unklares Geschehen. Auch die Zuschauer haben ja mehrheitlich auf diese Wirklichkeit reagiert. Meine damals in den sozialen Medien von einigen hart kritisierten Worte vertrete ich weiter.

Und damit auch das noch einmal geschrieben ist: Ein Makel bleibt für mich am MSV nicht hängen. Die Reaktionen in den überregionalen Medien direkt nach dem Spielabbruch waren positiv. Das ist Meinung, entscheiden lässt sich das nur durch Analyse. Andere meinen eben das Gegenteil. Beides steht nebeneinander. Die Argumente ohne Daten sind getauscht. Nun taucht aber der Rassismusgrund für den Spielabbruch in wenigen Kürzestmeldungen zur Neuansetzung wieder auf. Dabei denke ich, das versendet sich. Wirkkraft hat auch das nicht. Entscheidend ist, ob du selbst an den Makel glaubst oder nicht. Fragt mal Aaron Opoku, der kann euch das genau erklären.

Anti-Rassismus zum zweiten – Von Verantwortung und Haltung

Das ist doch schon mal was. Selbstbewusst nennt sich kaum einer mehr Rassist. Das kommt gleich hinter dem Nazi. Das ist eine sehr klare Einsicht, die wir aus den öffentlichen Debatten nach dem Abbruch des Spiels zwischen dem MSV und dem VfL Osnabrück gewinnen können. Jeder betonte, er sei gegen Rassismus. Da müssten also viele Türen in Deutschland offen stehen, in die alle vom Rassismus betroffenen Menschen gehen könnten. Dann ließen sich lange Gespräche führen über Erfahrungen der Diskrimierung und der rassistischen Ächtung. Es könnten besondere Empfindlichkeiten ausgesprochen werden, die entstehen, wenn sich jemand sein Leben lang benachteiligt fühlt.

Die Menschen könnten sich gegenseitig zuhören. Gegenseitig! Vielleicht empfinden die einen ja tatsächlich manchmal auch etwas als rassistisch, was die anderen nicht rassistisch meinten. Mit diesem letzten Satz bewege ich mich tief in die Rassismusdebatte hinein. Denn ich kenne die Forderungen der von Rassismus Betroffenen, dass ihnen endlich zugehört werde. Dass endlich sie sprechen, Weiße hätten lange genug geredet. Allerdings habe ich von privaten Unterhaltungen gesprochen. Eine Debatte in der Öffentlichkeit erfolgt nach anderen Regeln. In der Öffentlichkeit spielen sofort soziale Regeln eine Rolle. Wenn in der Öffentlichkeit darüber diskutiert wird, wie was gemeint gewesen sein sollte, führt das schnell zu den Fallstricken von Deutungshoheit und der ihr zugrunde liegenden Macht. Man entkommt dem strukturellen Rassismus dann nicht mehr.

Damit sind wir zurück bei dem, was uns seit Sonntag beschäftigt. Auch weil kaum einer mehr sich mit dem Rassisten als Ehrentitel schmücken will, drängen viele MSV-Fans darauf, die Wahrheit des Geschehens sei eine ganz andere gewesen. Sie nehmen Augenzeugen ernst, die bestätigen, nicht der Spieler Aaron Opoku sei mit der Beschimpfung „Affe“ gemeint gewesen, sondern sein weißer Mitspieler, der den Eckstoß ausführen wollte. Affenlaute habe es zudem nicht gegeben. Haben die Verantwortlichen des MSV sich also vorschnell zerknirscht gezeigt und den Rassismus voreilig verurteilt?

Die eindeutige Antwort lautet: Nein! Denn die Aussage der Spielleitung hatte für alle Verantwortlichen das entscheidende Gewicht. Laut Presse teilte der Schiedsrichter mit, sein Linienrichter habe Affenlaute gehört. Im Nachhinein (!) erst konzentriert sich die Schilderung des Geschehens auf die Tribüne. Während der entscheidenden Minuten waren das Schiedsrichtergespann und die Spieler die Akteure des Geschehens. Der Schiedsrichter bricht das Spiel ab. Dadurch hat er den rassistischen Vorfall zu einem Tatbestand gemacht. Der rassistische Vorfall war in diesem Moment als Fakt in der Welt. Daran war nichts zu ändern. Auf diesen Fakt musste der MSV kurz nach dem Spielabbruch reagieren. Dazu mussten sich Martin Haltermann und Ingo Wald verhalten. Das haben sie gut gemacht. Die Aufklärung nun kann nicht Sache des Vereins sein. Das muss die Aufgabe der Polizei sein.

Lassen wir das Sportliche mal außen vor und schauen auf den Ruf des MSV. Der MSV und seine Fans wurden von den überregionalen Medien als vorbildhaft wahrgenommen. Es gibt keine Kollektivschuld. Direkt nach dem Spiel betonte der Geschäftsführer des VfL Osnabrück Michael Welling, es ginge nicht um den MSV oder VfL, es ginge um eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Der MSV wird keineswegs auf besondere Weise mit dem Rassismus in Verbindung gebracht.

Ist denn der MSV jetzt einer Ungerechtigkeit ausgesetzt gewesen? Ich finde das nicht und zwar deshalb, weil der betreffende Zuschauer anscheinend sehr viel dazu beigetragen hat, einem möglichen Missverständnis Vorschub zu leisten. Dieses Missverständnis scheint der betreffende Zuschauer billigend in Kauf genommen zu haben. Um den Vorwurf des Rassismus als gerechtfertigt zu erachten, scheint dieser Zuschauer einige Anstrengungen unternommen zu haben. Warum sonst soll sich Leroy Kwadwo, ein Spieler der eigenen Mannschaft, ebenfalls beschimpft gefühlt haben? Warum erschrak der Zuschauer nicht, als Aaron Opoku sich offensichtlich gemeint gefühlt hat? Und jetzt kommt mir keiner mit dem normalen rauen Umgangston im Stadion. Ihr wolllt alle keine Rassisten sein. Dann müsst ihr ernst nehmen, wenn sich jemand rassistisch behandelt fühlt. Und ihr müsst dazu beitragen, dass derjenige eurer Aussage vertraut, ich will dich nicht rassistisch behandeln.

Wenn ich die Bilder des Spiels sehe, herrscht dort an der Ecke doch die Atmosphäre eines Kreisligaspiels. Da lassen sich die einzelnen Sätze gut verstehen. Da lässt sich ein Missverständnis ausräumen. Wenn ich das will. Wenn ich klar haben möchte, Florian Kleinhansl habe ich gemeint, dann sage ich das, so wütend ich auch noch bin. Der betreffende Zuschauer scheint dazu nicht in der Lage gewesen zu sein. Es bleibt die Verantwortung für das Geschehen bei ihm hängen.

Im Blick auf den Fortschritt zu einer humaneren Gesellschaft lässt sich aus dem Geschehen vom Sonntag weiterhin viel lernen. Für mich ist nicht die zentrale Botschaft dieses Sonntags, im Duisburger Stadion lassen wir keinen Rassismus zu. Das ist die selbstverständliche Haltung, die ich von Zebrafans und vom MSV erwarte. Für mich lautet die zentrale Botschaft, nehmt in eurem Alltag euer Bekenntnis zum Anti-Rassismus ernst. Hört nicht auf oder beginnt, einem Mann wie Aaron Opoku zuzuhören. Gebt ihm das Gefühl, er gehört zu euch. Verhelft ihm dazu, dass er sich nicht als erster gemeint fühlt, wenn er eine solche Beschimpfung wie am Sonntag hört. Verhelft ihm dazu, dass er seinen Kumpel Florian angrinst und ihm zuflüstert, der Typ hat recht, du kannst keine Ecken. Und danach kann Leo Weinkauf mit der leicht abgefangen Ecke durch einen weitem Abwurf den Konter zum Führungstor einleiten.

MSV und VfL Seite an Seite gegen Rassismus

Was für Wochen! Ich will doch einfach nur mal wieder in Ruhe mein Leben leben. Stattdessen Corona und Rechtsextreme, die bei Impfskeptikern andocken. Überall melden sich Menschen zu Wort, die meinen, ihren Körper so zu kennen, dass Sie die Evolution austricksen können. Nein, ihr wisst nicht, wie euer Körper auf das Virus reagiert. Vielleicht habt ihr Glück, vielleicht habt ihr Pech. Es ist nicht eure besondere Leistung. Es ist Schicksal. Das Virus mag den einen Körper mehr als den anderen, und ihr habt keine Ahnung, ob ihr der Lieblingsort dieses besonderen Virusses seid. Mich hat die Impfung definitiv vor dem Krankenhaus bewahrt. Ich habe dennoch zweieinhalb Wochen nur gelegen. Brauchte anderthalb Wochen, um mal einen ganzen Tag wieder auf den Beinen zu sein, und kann jetzt immer noch nicht längere Zeit mich so anstrengen, wie ich es Mitte November noch gewohnt war.

Mitte November hatte ich gerade das Manuskript für mein Anfang nächsten Jahres erscheinendes Buch über mein Leben mit dem MSV, dessen Geschichte und die Entwicklung im Ruhrgebiet, die MSV Fanfibel, mit folgenden Sätzen abgeschlossen.

Noch ist offen, ob seine Mannschaft die Liga nach oben oder unten verlässt. Sicher bleibt dabei eins, egal, wie es ausgeht, ich werde das im Stadion miterlebt haben. Ich habe also noch was vor mit diesem MSV. Dabei könnte der ein und andere Aufstieg ruhig nochmals drin sein in meiner Karriere als Fan.

Wenige Tage danach stand mir mein eigenes Schicksal näher als das des MSV. Und jetzt wo ich allmählich wieder meinen normalen Alltag aufnehme, zwar noch nicht ins Stadion gehen kann, ich aber dennoch auf drei Punkte hoffte, muss ich mich statt um den ersehnten Heimsieg um eine andere bedeutende Debatte dieser Gesellschaft kümmern. Zum ersten Mal im deutschen Profifußball wurde ein Spiel wegen eines rassistischen Vorfalls abgebrochen. Mit dem MSV wird diese Geschichte verbunden, weil ein Fan des MSV sich rassistisch verhalten hat und mit dem VfL Osnabrück. Dessen Spieler Aaron Opoku war laut Schiedsrichterkommentar Affenlauten ausgesetzt.

Nun wurde der MSV Duisburg zum Exempel im deutschen Fußball beim Umgang mit rassistischen Vorfällen im Stadion. Einen Verein musste es irgendwann treffen. Es ist ja nicht so, dass in den Stadien Deutschlands die heile Welt gleichberechtigter Mitmenschlichkeit auf den Rängen gelebt wird, während draußen die Rassisten ihr Unwesen treiben. Für den MSV ist es eine glückliche Fügung, dass beim VfL Osnabrück ein Mann wie Michael Welling Geschäftsführer ist. Auf der Pressekonferenz hat er den Vorfall in einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang gestellt – bei 2.23. Damit bekräftigt er, dass nicht nur dem rassistischen Handeln einzelner begegnet werden muss. Es geht um die Haltung dieser Gesellschaft. Es geht um grundsätzliche Grenzen, die gezogen werden müssen und für die wir uns einsetzen. Dabei brauchen Organe dieser Gesellschaft wie Fußballvereine Geschlossenheit und gegenseitige Unterstützung.

Eine Anmerkung sei zudem zu Ingo Walds Worten erlaubt. Er war natürlich tief betroffen und versuchte Worte zu finden, um diesem Vorfall als zu verurteilende Abweichung von einer Normalität des sonstigen Miteinanders in Duisburg für sich begreiflich zu machen. Die Stadt Duisburg böte vielen Nationalitäten eine Heimat, viele Ausländer gäbe es hier, sagte er. Doch behindert gerade dieser Gedanke die Normalität eines vielfältigen Miteinanders in Duisburg. Aaron Opoku ist in Hamburg geboren. Er ist Deutscher. Er macht die Heimat Hamburg aus und damit Deutschland. So wie alle jungen Menschen Duisburg ausmachen, denen ich in den letzten Jahren in Schreibwerkstätten begegnete, ob sie nun Dogukan, Abdul, Alisha oder Daria hießen. Sie alle waren meine Heimat Duisburg. Ich will das nur noch einmal deutlich machen, verstehe aber, was Ingo Wald ausdrücken wollte. Und ich kann verstehen, wie schwer es ist nach diesem Vorfall die richtigen Worte zu finden.

Alles ist immer eine Frage der Perspektive. Im ersten Schock war von einem Tiefpunkt für den MSV die Rede. Die Öffentlichkeit macht aber nicht den MSV verantwortlich. Im Gegenteil, das Handeln von den meisten Fans und Verantwortlichen wird als vorbildhaft sowohl von den Medien als auch von neutralen Beobachtern in den sozialen Medien wahrgenommen. Das beruhigt.

Diese Öffentlichkeit ist aber immer zersplitterter, und in den sozialen Medien melden sich noch viele andere Stimmen. Auf diesen Debattenplätzen wird um die Wahrheit der Geschichte gestritten. Augenzeugen behaupten in der Nähe gewesen zu sein, ohne dass sie Affenlaute gehört hätten. Die Beleidigung „Affe“ sei gefallen, aber ein anderer Spieler gemeint gewesen. Wobei in dem Fall zu fragen ist, wieso eskaliert dann die Situation? Wieso wird auch Leroy Kwadwo beschimpft, der hinzugekommen war. Nicht rassistisch, so heißt es. Aber er wird beschimpft vom eigenen Publikum. Auch das unfassbar. Man sieht, je mehr Menschen sich äußern, desto unübersichtlicher wird das Geschehen.

Das befriedigende Gefühl, die ganze Wahrheit zu kennen, wird es nicht geben. Mit der Unzuverlässigkeit von Augenzeugen kennen sich Polizei und Gerichte aus. Der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen kann gefährlich sein. Als eindeutige Erzählung wird sich das vom Schiedsrichtergespann dokumentierte Geschehen durchsetzen. Das sind die Fakten, und angesichts dieser Fakten gestern, war es gut, dass mit dem Spielabbruch eine strikte Grenze gegenüber rassistischem Handeln gezogen wurde. Dahinter lässt sich nicht mehr zurückgehen. Das ist kein Tiefpunkt, sondern ein nächster Schritt zu einer humaneren Gesellschaft.

Der Geschmack der Saison

Wenn der eigene Verein nicht spielt, bleibt der Blick auf die Verhältnisse in der Liga von Enttäuschung und Jubel ungetrübt. Auch wenn das heutige Spiel zwischen Würzburg und Verl neben dem vom MSV am nächsten Sonntag gegen Havelse fehlt, könnte der zweite Spieltag dieser Drittligasaison einen Geschmack von dem geben, was uns erwartet.

Viele Unentschieden zeugen von gleichwertigen Gegnern. Traditionsvereine der Liga haben weiter Mühe dem Selbstbild gerecht zu werden. Bei einem der Aufstiegsaspiranten, dem VfL Osnabrück, deutet sich Beständigkeit an. Ein weiteres Fußballinvestementprojekt, der FC Viktoria 1899 Berlin, möchte als Neuling oben mitspielen.

Diese Dritte Liga hat für mich inzwischen keine dauerhafte Identität mehr. Dazu sind die finanziellen Bedinungen zu unsicher. In der nächsten Saison steht vielleicht das dritte Investementprojekt auf der Matte. Die kleinen Vereine kommen besser zurecht mit Ansprüchen des Umfelds und ihrem Budget.

Trotz aller Oberes-Mittelfeldplatz-Prognosen träume ich von überraschender Erfolgskontinuität beim MSV und der Möglichkeit dieser mir unangenehmen Drittliga-Atmosphäre zu entrinnen.

Einstimmen auf die erste Pokalrunde

Alles, was ihr könnt, das könn‘ wir viel besser. Ja, wir könn‘ alles viel besser als ihr. Das können wir zur Einstimmung auf das Pokalspiel heute Abend alle gemeinsam laut singen. Heidi Brühl hat die Ich-zentrierte Fassung des Lieds zusammen mit Robert Trehy in der deutschen Version von „Annie get your gun“ hierzulande vor langen Jahren mal populär gemacht.

Natürlich poste ich hier nur das englischsprachige Original, weil ich die Entwicklung im Fußballgeschäft nicht verschlafen will. Der asiatische Markt birgt auch für uns in der 2. Liga und für den zebrastripesblog als special-interest-online-magazin Chancen. Waren Zebras in China nicht schon immer Glückstiere? Aber das nur am Rande.

Besser als der VfL Osnabrück müssen wir heute aber nicht sein. Nur genau so gut. Dort in Osnabrück wurde der HSV schon 2009 einmal aus dem Pokal geworfen. Zur Einstimmung hatte sich die Mannschaft ein Video von diesem Sieg angesehen. Und schon hat der VfL Osnabrück den HSV erneut aus dem Pokal geworfen.

Bevor wir also den Nürnbergern unser Mottolied des Tages singen, variieren wir das für die Osnabrücker und schauen uns ebenfalls Bewegtbilder vom letzten Pokalsieg gegen Nürnberg an. Also: Alles was ihr könnt, das könn‘ wir genauso. Übrigens wurde der letzte Pokalsieg gegen Nürnberg am selben Wochenende noch vom Weiterkommen im Niederrheinpokal begleitet. Damals dachte ich beim Schreiben über dieses Wochende vom MSV, „zwei auf einen Streich“ klingt gut. Sehr viel besser ist es aber, sich auf das Weiterkommen im DFB-Pokal beschränken zu können.

 

Vorher emotional – Nachher rational – Teil 2: Ein Spiel hat glücklicherweise zwei Halbzeiten

Gerade eben hallte der Name Tönnies noch durch das Stadion, und die Kraft des Rufens aller auf den Rängen hatte das Leben wieder gegenwärtig gemacht. Dieses Leben forderte in den nächsten Momenten Leistung und Anstrengung. Dieses Leben war das Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück, auf dessen Anpfiff wir nun alle warteten. Die MSV-Hymne erklang, und schließlich kamen die Mannschaften auf das Spielfeld. Doch noch einmal wurde der normale Ablauf eines Spieltags mit einer Schweigeminute für Michael Tönnies unterbrochen. Die schon überwunden geglaubte Ergriffenheit kroch noch einmal heran. Dann begann das Spiel, und ehe ich mich versah, führte der VfL Osnabrück. Ich war auf keinen Fall schon richtig im Spiel angekommen. Ich hatte weder die Großchance des MSV kurz zuvor mit der entsprechenden Aufregung gesehen, noch ärgerte ich mich über den Rückstand.

Wie schon gestern in dem Text über die Trauerfeier für Michael Tönnies geschrieben, ich fühlte mich krank, gehörte womöglich eigentlich eher ins Bett und nahm alles nur gedämpft wahr. Aber wenn ich den Verlauf des Spiels sehe, klingt für mich noch etwas anderes plausibel. Vielleicht beschäftigten mich wie eben die Spieler des MSV die Momente vor dem Spiel noch, sodass es uns in unserer jeweiligen Leistung auf dem Stehplatz und Rasen beeinträchtigte. The show must go on, sagen die Bühnenkünstler und liefern ihr Unterhaltungsprogramm gegen alle Widrigkeiten ihrer Leben ab, wenn es sein muss. So ein Ligaspiel ist trotz aller Unterhaltungsaspekte dieses Fußballbetriebs etwas anderes, wenn eine kollektive Stimmung im Stadion entstanden ist, eine Stimmung, die so gar nichts mit der notwendigen Einstellung für einen Wettbewerb zu tun hat. Vielleicht kann so ein Spiel doch nicht so unbeeinträchtigt begonnen werden, weil eine Mannschaftsleistung im Sport mit ihren vielen Einflussgrößen eben sehr viel abhängiger von Stimmungen ist als ein stets gleiches Bühnenprogramm.

Die Mannschaft des MSV wirkte in der ersten Halbzeit häufig zu langsam im Kopf und nicht aggressiv genug im Kampf um die zweiten Bälle. Nicht die Grundhaltung war das Problem. Die Spieler setzten sich ein, gingen lange Wege und versuchten zum einen  ein Kombinationsspiel, das oft über die Flügel kam. Zum anderen wurde immer wieder auch vergeblich der lange Ball auf Simon Brandstetter versucht, der Meter um Meter rannte und dabei oft im letzten Moment den entscheidenden Schritt in die falsche Richtung machte. Der Passgeber wird seinen Anteil daran haben. Der MSV versuchte die Spielkontrolle zu bewahren, so weit es ging, aber viel zu oft ging es nur sehr kurz. Systematisch sollte der Ball in den Strafraum gebracht werden. Zur Not musste es eben auch noch einmal hinten rum gehen. Torgefahr entstand so nicht. Die Zebras waren unterlegen, die Osnabrücker schneller im Kopf und beim Kombinationsspiel ballsicherer. Sprints in der Offensive waren meist nicht vergeblich. Bälle kamen dorthin, wo sie gut verarbeitet werden konnten. Die Chancen auf ein weiteres Tor für die Osnabrücker ergaben sich. Die Defensive des MSV hatte viel Arbeit. Der Halbzeitpfiff kam und vereinzelte Zuschauerpfiffe folgten. Für mich war das vollkommen übertrieben und ein Rückfall in alte Mäkelzeiten des Duisburger Publikums.

Zunächst sah es nach Wiederanpfiff nicht so aus, als hätte die Halbzeitpause die vorhandene Stimmung unterbrochen. Zwar war Kingsley Onuegbu eingewechselt worden, doch es war nicht erkennbar, wie die Zebras torgefährlich werden wollten. Immer noch gelangen die Kombinationen nicht präzise genug. Stattdessen schlug Fabian Schnellhardt einen Freistoß zielgenau in den Strafraum und Dustin Bomheuer köpfte zum Ausgleich. Mit diesem Ausgleich wirkte das Spiel des MSV befreit. Nun erst brachte die Offensivkraft des MSV die Osnabrücker Gelassenheit im Defensivspiel ins Wanken. Dennoch ist es bezeichnend für die Möglichkeiten dieses Tages, dass auch das Führungstor für den MSV aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Kingsley Onuegbu nahm einen Einwurf mit dem Rücken zum Tor auf halblinker Position an der Strafraumgrenze an. Sich selbst den Ball vorlegen, drehen und der Schuss ins lange Eck ergaben eine einzige fließenden Bewegung, ein wunderbares Stürmertor, Lehrbuchmaterial. Der MSV drang auf das dritte Tor. Es gab die Chancen und sie wurden nicht genutzt.

Weil der MSV weiter offensiv spielte und überlegen blieb, schien mir der Sieg wahrscheinlich, sicher ist er natürlich nie. In der Nachspielzeit kamen die Osnabrücker noch einmal druckvoll vor das Tor der Zebras. Der Ausgleich fast mit dem Schlusspfiff hatte als Drohung in der Luft gehangen. Zu viel Hektik und Durcheinander war plötzlich in der Hälfte des MSV entstanden. Enttäuschend war dieser Ausgleich dennoch, eine Enttäuschung, die für mich nicht lange anhielt, weil mein Verstand mir ein paar Auswege anbot. Der Vorsprung von drei Punkten in der Tabelle etwa war unverändert geblieben. Was wir erleben mussten, hatten die Osnabrücker beim Hinspiel schon hinter sich. Und gerecht war dieses Unentschieden auch. Was mit der Trauerfeier höchst emotional begonnen hatte, endete mit einem sehr rationalen Umgang mit dem Ergebnis.

Vorher emotional – Nachher rational – Teil 1: Abschied von Michael Tönnies

Fieber hatte ich wohl noch nicht. Aber mir war heißer als sonst. Der Kopf schmerzte, wenn ich ihn nur ein wenig senkte. Die Nasennebenhöhlen waren zu, sind es noch immer. Ich bewegte mich vorsichtig durch die Welt. Gedämpft, was vor dem Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück hilfreich war. Schon in dieser gedämpften Wahrnehmung war die halbe Stunde vor dem Spiel mit der Erinnerung und Würdigung von Michael Tönnies bewegend.

MSV-Präsident Ingo Wald erinnerte in einer kurzen Ansprache an den Menschen Michael Tönnies, an seine Persönlichkeit, an das was er durch seine Erfahrungen mit seiner Erkrankung auch der MSV-Welt hat weitergeben können. Geschäftsführer Peter Monhaupt verkündete, der Arena-Vorplatz werde Michael-Tönnies-Platz heißen und schließlich las Stadionsprecher Stefan Leiwen eine Grußbotschaft der Mutter von Michael Tönnies vor. Es war sicher mit die schwierigste Aufgabe, die Stefan Leiwen als Sprecher hat bewältigen müssen. Er und Michael Tönnies hatten die Stimmung vor den Spielen der Zebras in den letzten Jahren gemeinsam durchlebt. Sie waren Kollegen gewissermaßen, aber in der emotionalen Welt des Fußballs kommt man sich näher als Kollegen sonst. Sie waren auf diese Weise Gemeinschaft geworden. Nun musste Stefan Leiwen Worte des Danks an die MSV-Welt, an Fans und Menschen rund um den MSV vorlesen, die ihn auch selbst betrafen, Worte, in denen der Abschied so greifbar war.

Frau Tönnies Worte machten deutlicher als jedes Wort zuvor, was nicht mehr wieder kommt. Die überall diffus herumflirrende Trauer im Stadion hatte für eine Minute einen deutlich sichtbaren Ausdruck gefunden. Stefan Leiwen rang um Fassung, während er las. Auf das Verkünden der Mannschaftsaufstellungen wurde verzichtet. Im Stadion war es nun stiller geblieben als sonst kurz vor einem Spiel, und Stefan Leiwen stand immer noch auf dem Rasen, alleine, zum ersten Mal wieder, und es war so ungewohnt. So sehr war mir vor einem Spiel des MSV der Anblick zweier Männer auf dem Rasen vertraut, die ihre Köpfe immer wieder zusammen steckten und sich neben ihren eigentlichen Aufgaben zwischendurch austauschten.

Stefan Leiwen blieb, weil noch einmal der Name Tönnies durchs Stadionrund tosen sollte. Und so rief er in sein Mikro: „Mit der Nummer zehn…Tornado… Michael…“ Tönnies knallte es durchs Stadion. Stefan Leiwen wiederholte das, als ob der Tornado gerade ein Tor erzielt hatte. Das Ritual verlangt den Namen eiin drittes Mal. Bei diesem dritten Mal war schließlich die Zukunft wieder zu spüren. Als Stefan Leiwen dieses drittes Mal „Michael“ rief, war in seinem Rufen auch die Erleichterung spürbar, diese schweren Minuten vor dem Spiel bewältigt zu haben. Wir alle aber hatten uns in diesem dreimaligen Rufen dem Anpfiff im Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück genähert. In diesem Rufen des Namen Tönnies steckten alle Namen jener elf Spieler, die gegen den VfL Osnabrück um den Sieg spielen wollten. Mit diesem Rufen hatte uns das Leben wieder.

Dem MSV gelang nicht nur ein würdiger Abschied von Michael Tönnies. Die Verantwortlichen schafften es, an den Fußballer und Menschen Michael Tönnies zu erinnern, der Trauer Ausdruck zu verleihen und das Leben in der Zukunft dabei nicht zu vergessen.

Meine Worte zum Spiel erhalten heute oder morgen einen eigenen Platz. Wie der MSV mit der Mannschaftsaufstellung nicht einfach zur Normalität übergehen konnte, so lassen sich hier für mich keine Worte zum Spiel anschließen.

Ein früher Prüfstein für das „Top“ des Favoritendaseins

Wie schön, wenn ganz früh in der Saison eine erste etwas anspruchsvollere Prüfung für den MSV Duisburg ansteht. Wie schön, wenn diese Prüfung zudem zwar knapp, doch erfolgreich bewältigt wird. Wie schön, dass dieses knappe Bewältigen in einer so zugespitzten Weise geschieht, dass daraus nicht Erschöpfung folgt sondern zusätzliche Kraft. Der MSV Duisburg und der VfL Osnabrück trennen sich 1:1-Unentschieden. Hinter dem unspektakulären Ergebnis verbergen sich die Euphorie eines Ausgleichs durch den Torwart des MSV, Mark Flekken, in der allerletzten Spielaktion und ein paar Einsichten.

Lange Zeit sah es so aus, als werde der MSV Duisburg das Spiel gewinnen. In der ersten Halbzeit bestimmte die Mannschaft die Begegnung. Angriff um Angriff wurde ruhig aufgebaut und die wenigen Bemühungen der Osnabrücker in der Offensive wurden im Keim erstickt. Die Osnabrücker mussten auf Fehler des MSV hoffen. Zwei-, dreimal hielt ich den Atem an, weil der ruhige Aufbau im letzten Drittel der eigenen Hälfte misslang. Die kurzen Pässe wurden in die Füße des Gegners gespielt. Wenn das tornah geschieht, kann das auch torgefährlich werden. Die Osnabrücker konnten mit den  Geschenken von Tim Albutat, Kevin Wolze oder Branimir Bajic aber nichts anfangen.

Wieder bewies sich die neue Qualität des Aufbauspiels. Kontrolliertes Spiel war in den letzten Spielzeiten immer auch mit zu wenig Bewegung verbunden. Kontrolliertes Spiel bedeutete immer auch ein sehr statisches Spiel. Das ist Vergangenheit. Wieder ergaben sich aus der kontrollierten Spielweise heraus dynamische Angriffszüge. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die dynamischen Angriffszüge auch in Torgefahr mündeten. Zweimal hatte ich den Torschrei auf den Lippen. Ein drittes Mal holte ich tief Luft. Der Osnabrücker Torwart hielt großartig.

In dieser ersten Halbzeit wurde erkennbar, was uns diese Saison erwartet. Dichte Abwehrreihen,  viel Laufarbeit für die Offensive, viele vergebliche Sprints von Spielern abseits des Balls, um Anspielstationen zu schaffen. Eine schwierige Balance, die Defensive stabil zu halten, wenn aufgerückt werden muss. Denn anscheinend lassen sich die Gegner kaum aus der Defensive herauslocken. Immer wieder gibt es Kontergefahr. Nehmen wir das zusammen, muss die Verwertung der Torchancen besser werden. Sehr gute Chancen werden nur mit viel Arbeit zu erspielen sein. Das kostet Kraft. Sehr gute Chancen müssen genutzt werden.

In der zweiten Halbzeit schien die Mannschaft nahtlos an die Leistung der ersten anknüpfen zu wollen. Der Druck auf das Osnabrücker Tor wurde hoch gehalten. Zlatko Janjic kam nach einer schönen Kombination frei zum Kopfball. Wieder verhinderte der Osnabrücker Torwart mit einem großartigen Reflex die Führung. Nach dem Eckball brachten die Osnabrücker ihren ersten Konter des Spiels wirklich gefährlich in den Strafraum. Fast hätte der Querpass noch geklärt werden können. Doch der Osnabrücker Halil Savran lief in den zur Seite weggeschlagenen Ball und wehrte sich nicht dagegen, als Torschütze wahrgenommen zu werden.

Die Enttäuschung war zu spüren bei uns im Gästeblock und auf dem Spielfeld. Die Zebras waren zu überlegen gewesen, um dieses Tor in der 48. Minute einfach wegstecken zu können. Sie hatten zu viele Chancen vergeben. Es kitzelte die Befürchtung, der Ausgleich könne nicht mehr gelingen, obwohl noch so lange zu spielen war. Nach diesem Tor dauerte es einige Zeit, bis die Angriffe des MSV wieder die Klarheit besaßen, um Torgefahr zu entwickeln. Die Mannschaft bemühte sich zwar, doch die Osnabrücker Defensive konnte nicht stark genug unter Druck gesetzt werden. Stattdessen wurde aus der Kontergefahr die Konterwirklichkeit. Die Osnabrücker besaßen zwei Chancen auf ein zweites Tor, ehe der Druck des MSV in den letzten 15 Minuten wieder so groß war, dass die Osnabrücker nichts mehr riskieren wollten.

In diesen letzten 15 Minuten wurde alles von den Zebras versucht. Immer wieder drangen sie in den Strafraum. Ich erinnere mich allerdings nur an eine einzige halbwegs gute Chance. Gefährlich zum Abschluss kam die Mannschaft nicht. Dann aber folgte der Eckball, bei dem Mark Flekken mit in den Strafraum der Osnabrücker kam. Branimir Bajic köpfte Richtung Toreck, und Mark Flekken, mit dem Rücken zum Tor stehend, verlängerte den Ball mit der Hacke entscheidend ins Tor hinein. Der Jubel explodierte. Was wir in der letzten Saison erst im Saisonfinale erleben konnten, gibt es nun bereits am zweiten Spieltag. Lieblingsauswärtsgegner VfL Osnabrück, die Fahrt hat sich einmal mehr gelohnt.

Als Nebeneffekt des Spiels hat nun die Fußballwelt den Beleg dafür, René Müller, der Trainer des SC Paderborn, verfügt über einen großen Vorrat an Nebelkerzen auf seinem Trainingsgelände. Die braucht er um die Podeste unsichtbar werden zu lassen, auf die er Gegner und eigene Mannschaft je nach Wunsch vor und nach dem Spiel stellt. In Osnabrück hat Fußballdeutschland jedenfalls sehen können, der Müllersche „Topfavorit“ der Liga ist der MSV nicht. Für solch eine herausragende Rolle fehlte der Mannschaft Souveränität nach dem Rückstand. Sie schien doch einige Zeit verunsichert. Einige Spieler waren mehr mit der Enttäuschung beschäftigt als dass sie auf das Gelingen dank eigener Fähigkeiten vertrauten. Ich bin ohnehin zufrieden mit dem Aufstiegsfavoriten in einer Reihe mit ein paar anderen Mannschaften. Wieviel „Top“ dann noch hinzu kommt, wird sich die Mannschaft erarbeiten müssen.

Als ab Mitte der zweiten Halbzeit die Mannschaft sich gegen die drohende Niederlage stemmte, entwickelte sich im Gästeblock ein Dauersupport mit immer größerer Dynamik, der trotz Rückstand immer euphorischer wirkte und nach dem Schlusspfiff Feierhymne wurde: Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein. Die einzige ganz große Liebe. Mein Herz schlägt für dich, Spielverein. Kann man mal eine halbe Halbzeit singen.

 

 

Und nun bin ich auch fast schon in Münster. Das geht schnell diese Woche. Nach dem Spielverlauf kommt das der Mannschaft nur zugute. So lässt sich vielleicht noch etwas mehr von diesem selbstbegeisternden Gefühl des Last-Second-Tores mitnehmen.

Du bist es schon immer gewesen. Du wirst es für alle Zeit sein….

Saisonvorbereitung – Worte über und Tore der Neuzugänge: Stanislav Iljutcenko

Stanislav Iljutcenko spielte zwei Jahre beim VfL Osnabrück, hat einen Wikipedia-Eintrag und wurde bei seinem letzten Spiel für Osnabrück groß gefeiert, Teil dieser Feier und Anerkennung in Osnabrück ist bei youtube ein Clip mit dem Jubel zu einem Tor von ihm in diesem Spiel.

Diese Fan-Begeisterung sagt viel über die Persönlichkeit eines Spielers aus, ist sie doch zugleich Abschiedsgruß, denn die Verpflichtung von Stanislav Iljutcenko durch den MSV stand bereits fest. So ein Spieler wird dann nicht nur wegen der Tore für den Verein gefeiert, sondern auch für die Art und Weise, wie er zu seinem Verein gestanden hat. Auch die Osnabrücker Zeitung versteht den Abschied nach zwei Jahren: „Stani“ nutzt, und das ist nur legitim, seinen Entwicklungssprung, den er unter Walpurgis genommen hat, um künftig auf Zweitligabasis besser zu verdienen und seine Familie abzusichern.“ Ihm wird zugetraut, sich in der 2. Liga durchzusetzen.

Einige seiner Tore sind auf Clips bei youtube zu finden. Solche Clips sind ja Momentaufnahmen. So wird in ihnen Stanislav Iljutcenko als ein Spieler erkennbar mit sehr gutem Gespür für den freien Raum, Durchsetzungskraft und Coolness im Abschluss. Er steht an den oder läuft an die richtigen Stellen in den Abwehrketten, um anspielbereit zu sein oder per Kopf zu verwandeln. Er scheint aber auch immer wieder per Dribbling in den Strafraum zu ziehen, um alleine den Abschluss zu suchen.

Das war schon in der Oberliga bei Westfalia Rhynern mit zwei Toren im Spiel gegen Sprockhövel so – ab Minute 0.25 für etwa eine Minute.

Beim VfL Osnabrück erzielt er das dritte Tor für den VfL kurz vor Spielende – ab Minute 1.08.

Zwei Kopfballtreffer erzielt er im Spiel gegen den Chemnitzer FC – ab Minute 4.35 und ab 5.35.

Zwei Tore im Spiel gegen Arminia Bielefeld – ab Minute 1.30 und ab 2.10.

Vielleicht findet ihr noch weitere Clips mit Toren oder Skills von ihm?

Saisonabschluss Teil 1 – Soll und Haben im Tabellenrechner: 38. Spieltag

Nach all dem Feiern des Aufstiegs will ich mich mal an den Saisonabschluss in diesen Räumen hier machen. Es gibt mit dem Tabellenrechner einen losen Faden, den ich mir als erstes vornehme – aus einem einfachen Grund: Zum zweiten Mal habe ich recht gute Erfahrungen damit gemacht. Zum zweiten Mal konnte ich schon früh meine Nerven beruhigen, weil der Tabellenrechner mir große Zuversicht gab, das Saisonziel des MSV wird erreicht.

Wenn also mal wieder Not am Mann ist, kurzer Hinweis und ich schaue wieder, wie unter möglichst schlechten Vorzeichen für den MSV eine Abschlusstabelle zustande kommt, die uns allen Freude macht. Ich gebe zu, ich habe großen Spaß daran, die alles entscheidenden Tabellenplätze recht genau kalkuliert zu haben.

Eines erweist sich bei diesem Abgleichen auch noch: Bis ungefähr zum letzten Viertel der Saison haben die Trainer der in einem Spiel favorisierten Drittligisten immer wieder darauf hingewiesen, in dieser Liga könne jeder jeden schlagen. Die Zahlen bestätigen das. Bei  meiner Prognose bin ich fast immer von Favoritensiegen ausgegangen. Der erste Blick auf die Tabelle zeigt, wieviel Punkte mehr die Vereine im unteren Tabellensegment geholt haben, als es die Prognose nach der einfachsten Bewertungsgrundlage erwarten ließ.

Um so klarer wird auch erkennbar, wie sehr die ersten drei Mannschaften sich vom Rest der Liga unterschieden. Sie zeigten in jeweils unterschiedlichen Phasen der Saison stabil positive Ergebnisse. Der MSV war im letzten Viertel des Saison erfolgreich, als es entscheidend wurde. Im Rückblick lassen sich die Unentschieden zu Beginn der Saison auch anders bewerten. Was in der Anfangsphase der Saison für das Ziel Aufstieg nicht erfolgreich genug war, erweist sich in dieser Perspektive als das Fundament des Aufstiegs. Diese Unentschieden machen die Siegesserie zum Saisonende zu einem Erfolgsendspurt.

Im Abgleich seht ihr die Abschlusstabelle samt Punkten; in der ersten Klammer steht meine Prognose der Platzierung, in der zweiten Klammer meine Prognose der Punktezahl am Saisonende, daneben die endgültig Punkteabweichung von dieser Punkteprognose.

1. (1.) Arminia Bielefeld  74  (77) -3
2. (2.) MSV Duisburg 71 (70) +1
3. (3.) Holstein Kiel 69 (69) 0
4. (4.) Stuttgarter Kickers 65 (67) -2
5. (12.) Chemnitzer FC 59 (50) +9
6. (10) Dynamo Dresden 56 (54) +2
7. (6.) Energie Cottbus 56 (60) -4
8. (5.) Preußen Münster 54 (65) -11
9. (9.) SV Wehen Wiesbaden 53 (55) -2
10. (11.) Hallescher FC 53 (53) 0
11. (8.) VfL Osnabrück 52 (57) -5
12. (7.) Rot-Weiß Erfurt 51 (59) -8
13. (14.) VfB Stuttgart II 47 (42) +5
14. (13.) Fortuna Köln 46 (43) +2
15. (17.) SG Sonnenhof Großaspach 46 (36) +10
16. (18) Mainz 05 II 42 (34) +8
17. (15) Hansa Rostock 41 (41) 0
18. (17) Borussia Dortmund II 39 (30) +9
19. (16.) SpVgg Unterhaching 39 (36) +3
20. (20) Jahn Regensburg 31 (27) +4


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