Posts Tagged 'VfL Wolfsburg'

Helikopter-Eltern schuld an deutschem WM-Aus

In der letzten ZEIT gibt es ein Interview von Jörg Krämer mit Peter Hyballa. Als Jugendtrainer war er sehr erfolgreich mit den U19-Mannschaften von Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg, später trainierte er unter anderem Alemannia Aachen. Seit Juli arbeitet er beim slowakischen Erstligisten DAC Dunajská Streda, nachdem er im Mai erst beim DFB als Trainer-Ausbilder angefangen hatte. Ich vermute, seine Kündigung beim DFB machte neugierig auf seine Meinung zur Entwicklung des deutschen Fußballs.

Die Quintessenz des Interviews: Die Strukturreform im deutschen Fußball brachte als Nebenwirkung Einheitlichkeit und Stromlinienförmigkeit der Spieler mit sich. Die Individualität der Spieler wurde systematisch beschnitten. Große Spieler brauchen aber Freiräume zur Entfaltung. Zudem fehlen in der Trainerausbildung die Praktiker. Solche Aussagen haben wir schon öfter gehört, dennoch ist das Interview wegen der klaren Meinung und praxisbezogener Aussagen interessant.

Das Schlussstatement hat mich schließlich schmunzeln lassen. Denn Peter Hyballa erzählt uns, dass Jugendtrainer heutzutage sich gerne mit an Lehrer-Stammtische setzen würden. Gemeinsamer Ärger über ehrgeizige Eltern, die für schlechte Leistungen ihrer Kinder die Schuld bei den Pädagogen suchen, hebt schon mal die Laune sehr. Anekdotenhaft wird in Berichten über den Lehreralltag ja immer die Klage gegen Zeugnisnoten angeführt. Ich warte also auf Eltern, die vom Spielerberater mit dem entsprechenden Anwalt versorgt, den Startelfplatz für ihren Sohn einklagen.

 

Fundstücke: Wenn ein Interview zu VW und Fußball mit Lebensweisheit endet

In der ZEIT vom 1. Oktober gibt es ein Interview von Moritz Müller-Wirth mit Klaus Allofs, dem Geschäftsführer Sport beim VfL Wolfsburg. Vielleicht war das Interview schon länger verabredet, der Aufhänger für dieses Interview ist aber nun die Frage, ob die finanziellen Folgen für VW nach dem Skandal um die manipulierten Abgaswerte der Dieselfahrzeuge Auswirkungen auf das Sponsoring des Konzerns beim VfL Wolfsburg haben könnten. Routiniert und entschieden verneint Klaus Allofs solch eine Vermutung. Ein paar Argumente dafür hat er sofort bei der Hand. Zugleich klingen seine Sätze deshalb nach politischer Botschaft an die Adresse der Konzernleitung. Ob er sich also tatsächlich so sicher ist, wie er vorgibt?

Danach beginnt der interessante Teil des Interviews, in dem Klaus Allofs nicht nur am Beispiel „Kevin De Bruyne“ über Grundprinzipien seines Arbeitens erzählt, sondern auch persönliche Erfahrungen im Umgang mit Leid zur Sprache kommen.

ZEIT: Hat Ihnen die eigene Erfahrung im Umgang mit dem Tod in dieser Situation [dem Umgang der Spieler des VfL Wolfsburg mit der Nachricht vom Unfalltod von Junior Mandala, K. J.] geholfen?

Allofs: Ganz sicher. Aber jeder Fall ist anders. Man kann nicht sagen, so ist es richtig, so habe ich es durchgestanden. Was für den einen gut ist, kann für den anderen total falsch sein. Aber es ist einfach die durch Lebens- und Leiderfahrung gestützte Betrachtungsweise, die sich abhebt von der Perspektive jüngerer Menschen mit weniger Erfahrung. Das hat mich auch im Umgang mit den Folgen von weniger gravierenden Einschnitten geprägt, deshalb sage ich: Man darf keine Angst vor Fehlern haben.

Und wenn man in der letzten Frage sowie der Antwort Fußball durch Leben ersetzt, kann man noch ein wenig über die Leistungsideologie unserer Gesellschaft nachdenken.

ZEIT: Im Verhältnis von Chancen und Risiken: Inwieweit ist Erfolg im Fußball planbar?

Allofs: Man kann schon Voraussetzungen schaffen, in denen Erfolg wahrscheinlicher wird, aber klar, letztlich bist du ausgeliefert, auch die größten Perfektionisten. […]

Der VfL Wolfsburg kommuniziert ne Menge Bekleidungsstücke

Fußballvereine stehen heute vor der Notwendigkeit, ihre Anhänger mit allen möglichen Medieninhalten zu versorgen. Die reine Information reicht nicht mehr. Unterhaltendes ist gefragt. Das Ganze wird dann zum Marketingmix, worüber das Fachmagazin W & V einen Artikel schreiben kann – zum Beispiel wenn der VfL Wolfsburg vor dem Auswärtsspiel in Mailand die erste Folge einer Webserie auf mehreren Abspielkanälen platziert hat.

Für mich liest sich der Artikel so, als sei der VfL an diese erste Folge günstig gekommen, weil die Produktionsfirma sich einen Auftrag erhofft. Amüsant ist bei solchen Testballons ja immer das Wortgeklingel Werbesprech drumherum. W & V zitiert den  Leiter Markenmanagement vom VfL, German Schulz, grundsätzlich sei der VfL immer auf der Suche nach „neuen, innovativen und sympathischen Kommunikationsformen, um mit bestehenden und potenziellen Fans zu kommunizieren“.

Die Hoffnung mit dem Clip bei irgendjemandem Sympathien für den VfL zu wecken, der nicht schon Fan des VfL ist, scheint mir doch sehr optimistisch zu sein. Es macht mir definitiv keine Freude, fast fünf Minuten Product Placement zu sehen, bei kaum vorhandener Dramaturgie eines pointenarmen Gesprächs dreier unterschiedlicher Fan-Charaktere. Aber momentan hat der VfL ja Fans genug, die das Gefühl haben werden, der Verein kümmert sich um sie.

Kevin Scheidhauers Arbeitsproben als Vorgeschmack

Vermutlich hatte Ivo Grlic eine DVD mit den Arbeitsproben von Kevin Scheidhauer auf dem Schreibtisch liegen. Einiges, was  youtube auch uns bietet, wird sicher dabei gewesen sein. Das Finalspiel um die deutsche Meisterschaft der U19 zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem VfL Wolfsburg wird nicht gefehlt haben, weil  Kevin Scheidhauer wohl einer der besten Spieler am 19.6. 2011 gewesen ist.

Er bringt seine Mannschaft in Führung,  ab Minute 0.24. Er erzielt Tor Nummer 2, ab Minute 2.23 und trifft ein drittes Mal, ab Minute 3.14.

 

Am 2. September 2012 schießt er das erste Tor des VfL Bochum bei Jahn Regensburg – ab Minute 8.55:

 

Vom Elfmeterpunkt trifft er auch. Am 22. März 2014 erzielt er das Siegtor für die U23 vom VfL Wolfsburg im Auswärtsspiel gegen ETSV Weiche Flensburg, ab Minute 3.29.

Ich habe jetzt leider keine Zeit mehr zu suchen, aber wenn ihr noch mehr Sehenswertes findet, ab in die Kommentare, danke schön!

Ein Wolfsburger Schwede und der Ruhrorter Hafen in den 1920er Jahren

Bei der Verpflichtung von Fußballern ist es nicht viel anders als beim Brötchenkauf. Es gibt schließlich noch für viele Menschen Lieblingsbäckereien neben all den Backwerk-Discountern. Eine Lieblingsbäckerei des MSV Duisburg ist der VfL Wolfsburg geworden, und daran ändert anscheinend auch der Wechsel in der Geschäftsführung nichts.  Felix Magath hat den Fußballerhandel  als ein Kerngeschäft der Marke VfL Wolfsburg wohl nicht dauerhaft beschädigt.

Deshalb können wir uns während der Vorbereitung auf das erste Spiel nach der Winterpause am Freitag auch noch  ein paar Gedanken zur möglichen Verpflichtung des jungen Wolfsburger Stürmers Rasmus Jönsson machen. Ein Spieler der bei youtube mit einem „Dreamgoal“ gelistet ist, freut mich schon mal, ungeachtet aller Fragen zur gegenwärtigen Klasse. Das Tor zeigt jedenfalls, er besitzt eine feine Schusstechnik.

Verabschieden wir also den Gedanken Stoßstürmer mit Brecherqualitäten. Hegen wir andere Hoffnungen und warten mal ab, was daraus wird. Sind ja noch ein paar Tage bis zum Spiel in Dresden. Bis dahin lässt sich auch noch das ein oder andere aus den Halbzeitpausengesprächen veröffentlichen. Schon einmal konnte ich dank Wilfried Krüssmanns VideoDu  einen kurzen Clip über den Ruhrorter Hafen hier einbinden. Damals ging es vornehmlich um die 1950er und 1960er Jahre.  

Dieses Mal geht es um die Zeit zwischen 1920 und 1930. Die Qualität der Bilder hat seit ihrer Entstehung etwas gelitten. Auf die unterlegte Musik könnte man nach meinem Geschmack auch verzichten. Es sind fast ausschließlich Aufnahmen aus einer geschäftigen Arbeitswelt, die bei rund 15 Minuten ohne erklärende Worte manchem vielleicht etwas lang erscheinen.

Nur am Anfang, ab Minute 1.30 etwa, wird auch kurz das städtische Ruhrort jener Zeit erkennbar. An Bilder von der alten Schifferbörse fügen sich Aufnahmen vom Ufer des Hafenmundes, aufgenommen von einem vorbeifahrenden Schiff. Auffallend ist einmal mehr, wie voll damals die Hafenbecken jeweils waren und wie leer sie heute dagegen wirken, wenn die Liegezeit der Schiffe so kurz wie möglich gehalten wird.

Wegwerfgesellschaft VfL Wolfsburg

Wenn ich mich im Moment zu Wort melde, könnt ihr sicher sein, da bewegt mich etwas sehr. Da es beim Verein aller Vereine im Moment ruhig ist, geht es um etwas anderes.  Irgendwann gibt´s immer ein erstes Mal. Ich musste dazu recht alt werden. Bestimmte Fußballvereine auf besondere Weise nicht zu mögen, gehört für viele Zuschauer ja zur Grundausstattung ihres Fandaseins. Bislang konnte ich mit zelebrierter Feindschaft nicht allzu viel anfangen. Mir sind andere Vereine immer gleich gewesen. Sie waren Gegner, die kamen und gingen, die besiegt wurden oder nicht. Sie spielten in anderen Ligen und erregten mal mehr, mal weniger meine Aufmerksamkeit.

Felix Magath nun schafft es mit seinem Wirken beim VfL Wolfsburg in dieser Saison, dass ich diesem Verein nicht nur den Abstieg gönne. Am besten sollten sich auch noch sämtliche Funktionäre überwerfen. Ein paar Rückrufaktionen des Spielerwagenparks wegen unklarer Bremsgeräusche der VW-Luxuslimousinen wären auch nicht schlecht, und als besonderen Spaß stelle ich mir einen feinen Lebensmittelskandal im Cateringbereich der VIP-Logen vor.

Ganz Kind seiner Generation scheint Felix Magath die Gedankenlosigkeit der Wegwerfgesellschaft in seinem Umgang mit Spielern auszuleben. Vielleicht weil dieses tiefe innere Bedürfnis in der Warenwelt inzwischen nicht mehr allzu offen seine Erfüllung finden darf. Passt nicht. Weg damit. Neues muss her. Mein Mitleid mit den Spielern hält sich angesichts ihrer Gehälter in Grenzen. Mir geht es um die Botschaft dieses Handelns. Wenn etwas nicht klappt, geben wir eben das nächste Geld aus. Ich habe den Unmut gegenüber dem Mäzenatentum von Dietmar Hopp nie so recht verstanden. In Wolfsburg wäre dieser Zorn gerecht. Dort spielt Geld in dieser Saison auf eine obszöne Weise keine Rolle.

In Tippspielen war bislang meine einzige nicht ganz sichere Bank der Sieg des MSV Duisburg. Die Niederlage des VfL Wolfsburg ist nun hinzugekommen. Ein bisschen Aberglauben gönne ich mir dort. Vielleicht folgt der prophezeienden Energie ja doch eine entsprechende Reaktion in der Wirklichkeit. Selbst wenn ich mir auf diese Weise meinen Schnitt beim Tippspiel versauen sollte. Ich will mir nicht vorwerfen müssen, ich hätte nicht alles versucht.

Zu wenig MSV-Fans? Gebt dem Verein die DDR zurück

Es war November, ein Freitagabend, und unser Bus aus Duisburg war trotz Megastau auf der A2 noch rechtzeitig vor dem Anpfiff in Wolfsburg angekommen. 1998 hatte das Wolfsburger Stadion auf der Gästefan-Seite noch eine richtige Kurve. Vielleicht hundert bis hundertfünfzig Duisburger Fans waren schon da. Begrüßung hier und Begrüßung dort. Doch noch geschafft! Und wie lange habt ihr gebraucht? Mann, was für eine Fahrt, und ich bekomme mit, wie einer der Busmitfahrer ganz selbstverständlich Einverständnis voraussetzt bei dem Blau-Weißen, auf den er gerade eingeredet hat. Der aber erwidert:  „Ich bin gar nicht aus Duisburg hier. Ich komm´ aus dem Osten. Aus Magdeburg.“ Sein Zungenschlag war eindeutig nicht Ruhrpott.

Danach hörte ich eine kuriose Geschichte des Fan-Werdens mit. Gleichzeitig erzählt diese Geschichte so viel Alltag aus der deutsch-deutschen Vergangenheit. So fern und für viele schon unvorstellbar klingt das, was da zum Nutzen des MSV Duisburg in Magdeburg geschah. Vielleicht liest dieser Mann selber mit oder jemand, der ihn kennt. Es wäre schön, seine besondere Geschichte in seinen eigenen Worten für das Fan-Gedächtnis geschrieben zu bekommen.

Dieser Mann in Wolfsburg war wahrscheinlich Ende 20, Anfang 30, denn seiner Erzählung nach war er Ende der 70er Jahre ein Kind oder ein Jugendlicher, jemand, der in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs und sich für den Fußball in der BRD interessierte. Am meisten faszinierte ihn damals der Hamburger Sportverein, bei dem in der Saison 1978/79 der Engländer Kevin Keegan spielte. Der HSV wurde in dieser Saison das Maß der Dinge, und der Junge in Magdeburg wünschte sich nichts so sehr, wie noch mehr über diesen Verein zu erfahren. Zu seinem großen Glück gab es Verwandtschaft im Westen, die so manchen Wunsch im Osten erfüllen half. Etwas vom Lieblingsverein HSV zu besitzen, das war es gewesen für den Jungen. Der Wunsch des Jungen wurde weitergeleitet, und als die Verwandten aus dem Westen das nächste Mal in Magdeburg waren, durfte der Junge einige kostbare Mitbringsel auspacken. Was genau er dort dann auf dem Tisch liegen hatte, weiß ich nicht mehr. Ich stelle mir vor, es war das 1976 erschienene Buch „Die Zebras kommen“, dazu vielleicht ein Wimpel vom MSV, ein Trikot. Von Fanartikeln konnte man in den 70ern jedenfalls noch nicht sprechen. Der Onkel oder welcher männliche Verwandte auch immer hatte sich verhört. Aus dem HSV war der MSV geworden. Und der Junge im Osten nahm die Dinge mit einer weisen Gelassenheit, die normalerweise nur Menschen mit langer Lebenserfahrung  aufbringen. Mit ein wenig System-Abstand bleibt es eben gleich, mit welchem Verein aus dem Westen man als Fan den Sinn seines Fußball-Daseins findet. Und so häufig kamen die Verwandten aus dem Westen nun auch nicht.

Das Spiel endete mit einem 2:0-Sieg für den MSV Duisburg. Das 1:0 war ein Selbsttor des Wolfsburger Peter Kleeschätzky und das 2:0 erzielte Uwe Spies, der bei den Heimspielen in Duisburg ja immer einen schweren Stand beim Publikum hatte.  Nach dem Spiel bin ich in Wolfsburg geblieben, um mit dem Linienbus zum angeheirateten Neffen nach Braunschweig zu fahren. Ich ging vom Stadion aus zu Fuß Richtung Innenstadt und wartete bei einer Schale Pommes auf meinen Bus. Am Nebentisch saßen drei jugendliche Wolfsburger Fans. Sie hatten die Niederlage schon weggesteckt und unterhielten sich über ihre Fahrten zu Auswärtsspielen ins Ruhrgebiet. Sie waren sich einig, dort niemals leben zu können. So verödet war ihnen die Gegend zwischen Dortmund und Bochum vorgekommen. Fünfzehn Minuten vorher hatte ich beim Anblick von fünfzig Meter Fußgängerzone mit Sonnenstudio oder Spielhalle oder Jeans-Shop noch gedacht, das wirkt ja sogar noch trostloser als in Duisburg. Und in den 90ern war die Königstraße sehr trostlos am Abend. Heimat kann überall sein.


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