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Hurra, hurra – der MSV ist wieder da

Das Spiel vom MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf hatte lange Schatten voraus geworfen. Schon zu Beginn der Woche waren sie am Montag zu erkennen gewesen.  Hatte es seitdem irgendein Gespräch mit irgendjemanden gegeben, in dem ich nicht irgendwann über dieses Spiel zu reden begann? Sollten mir völlig unbekannte Menschen in Köln-Mülheim nicht unbedingt über den MSV haben sprechen wollen? Sollte das einzig wichtige Ereignis dieser Woche in Deutschland tatsächlich jemanden nicht interessiert haben? An solche Fantastereien verschwendete ich keinen Gedanken. Genauso gut hätte man mich fragen können, musst du denn die ganze Zeit atmen? Kannst du das nicht mal lassen?

Ich musste über das Spiel reden, genauer gesagt, über diese kaum aushaltbare Anspannung vor diesem Spiel, über diese so große, nicht mehr erwartete Hoffnung auf den Klassenerhalt und diese ebenso große Sorge mit all dieser Hoffnung am Freitag im Abgrund eines Unentschiedens oder gar einer Niederlage zu zerschellen. Es war mühsam die Woche über einigermaßen bei Verstand zu bleiben. Ich befand mich in einem Tunnel, durch den ich mehr taumelte, als dass ich ging; ein Tunnel, der für die Spieler des MSV unbedingt notwendig war, der das Leben eines Zuschauers dieser Spieler aber verdammt anstrengend machte.

Die Nervosität trieb mich Freitag früh zum Stadion. Sie verschwand nicht vor dem Fancontainer. Sie verschwand nicht beim Bier mit den einen Freunden in der Nord. Sie machte mich blind für die anderen Freunde, die schon in der Kurve warteten und die ich lange im Wimmelbild Stehplatzrang suchen musste. Doch dann stand ich endlich in der Kurve an meinem Platz, war bereit, alles zu geben, wo es doch um alles ging, und als die letzte halbe Stunde vor dem Spiel anbrach, geschah etwas Magisches.

Das Stadion war früher als sonst schon gut gefüllt. Das Duisburg-Lied erklang, und meine Nervosität war plötzlich verschwunden. Vollkommen. Mit einem Mal spürte ich eine Zuversicht, die es für mich in dieser Saison noch nicht ein einziges Mal gegeben hatte. Es war mir so, als hätte ich zusammen mit allen anderen auf den Rängen unsere Sorgen in Energie verwandeln können. Unser Gesang vor dem Spiel, das herausgeschrieene EM-ES-VAU im Zebratwist, der Refrain der Hymne, all das führte zu einer Konzentration sämtlicher Gedanken auf den möglichen Sieg.

Endlich wurde das Spiel angepfiffen, und nun erhielt all diese herumschwirrende Energie eine Richtung durch das Spiel. Was auf den Rängen so mächtig spürbar war, konnten wir bei den Spielern des MSV auch sehen. So sind wir Menschen. Wir lassen uns durch Stimmungen anstecken. Wechselseitig verstärken sie sich dann. Von den Rängen geht es auf das Spielfeld und wieder zurück. Im Spiel gegen Fortuna Düsseldorf hatten die Spieler des MSV und wir Zuschauer auf den Rängen wie nicht zuvor in dieser Saison ein klares Bild vom Gewinnen im Kopf.

Schon in den ersten Spielminuten war von der Mannschaft nicht die von mir befürchtete Verzagtheit und Vorsicht zu sehen, die noch das Spiel gegen 1860 bestimmt hatte. Von der ersten Minute an wollte die Mannschaft des MSV das Spiel an sich reißen. In solchen ersten Minuten geht es auch um ein Gefühl der Stärke. Es geht um Ausstrahlung. Um Dominanz wird gerungen. Die Vorteile im Spiel lagen auf Seiten des MSV, auch wenn sich daraus keine grundsätzliche große Überlegenheit ergab. Dazu erspielte sich die Mannschaft zu wenig Chancen. Dennoch hätte der MSV schon in Führung gehen können, als Giorgi Chanturia nach einem seiner Dribblings einmal ein wunderbares Anspiel in den Strafraum gelang auf Kevin Wolze, der völlig frei stehend vor dem Düsseldorfer Torwart den Schuss verzog. Der Ball ging über statt in das Tor.

Fortuna Düsseldorf erwies sich in der ersten Halbzeit als der harmloseste Gast, den ich in dieser Saison gesehen habe. Wir Anhänger des MSV befürchten natürlich immer das Schlimmste und kennen das Tor aus dem Nichts in den letzten Wochen nur zu gut. Doch gab es bislang keine Mannschaft, deren Offensivspiel derart beschränkt war. Es erinnerte an die schlechten Zeiten des MSV der Hinrunde. Was natürlich auch der guten Defensivleistung der Zebras geschuldet war.

Zur Halbzeitpause musste ich mich zusammen reißen. Die Konkurrenz im Abstiegskampf hielt mit. In Paderborn stand es torlos Unentschieden, München führte sogar auswärts, für Frankfurt sah es gut aus. Hau ab, sagte ich zu meiner Nervosität, ich kann dich hier nicht gebrauchen. Unbeeindruckt blieb sie noch, als das Spiel schon wieder begonnen hatte, und die Spieler des MSV offensichtlich mehr in sich ruhten als ich auf dem Zuschauerrang. Rolf Feltscher marschierte über den rechten Flügel. Diesen Antritt, diese Dynamik, das kennen wir natürlich längst. Das wirkt im Ansatz gefährlich und ist im Ergebnis fast immer harmlos, weil die Streubreite seiner Flanken mit dem Wirkungsraum der Stürmer kaum in Einklang zu bringen ist. Wie hätten wir auch ahnen können, dass alle bislang geschlagenen Flanken nur ein Vorspiel für diesen Angriff gegen Fortuna Düsseldorf gewesen sind.

Besser konnte der Ball nicht hereingegeben werden, als es Rolf Feltscher in dem Moment machte. Die Flanke kam in den Lauf von Kingsley Onuegbu, weit genug weg vom Torwart, nicht zu hoch, nicht zu niedrig für den perfekten Kopfball. Kingsley Onuegbu hatte sich im entscheidenden Moment zum Ball hinbewegt. Ein Tor für Trainer-Schulungen und Lehrsammlungen. In dieser ersten Begeisterung über das 1:0 schwang so große Erleichterung und Staunen mit. So früh in dieser Halbzeit war das Tor gefallen, ein Tor als perfekte Blaupause für alle Flankentore dieser Welt.

Unser aller Sehnsucht nach mehr Sicherheit wurde wenige Minuten später erfüllt. Tim Albutat erhielt den Pass auf dem linken Flügel, zog in den Strafraum und in der Mitte war tatsächlich der Freiraum für die heranrückenden Stürmer. Wir sahen das und hofften auf den perfekten Pass in den Rückraum. Der gelang, doch der erste Schussversuch von Victor Obinna wurde geblockt. Sofort kam Giorgi Chanturia an den Ball. Die Düsseldorfer Defensivspieler versuchten verzweifelt sich in jede Schussmöglichkeit zu schmeißen. Es herrschte Durcheinander im Strafraum und Hoffnung auf den Rängen. Unsere Körper schossen wieder mit, verzögerten, weil die Schussbahn zugestellt wurde. Wir bangten, ob Chanturia den Ball gegen zwei Gegenspieler durchbringten konnte. Irgendwie kam Victor Obinna ebenfalls noch dazu, stand nun näher am Ball, eigentlich zu nah für den Schuss. Wie im Spiel gegen München verdrehte er seinen Körper und versuchte Richtung Tor zu schießen. Großen Druck bekam er nicht auf den Ball, und dennoch rollte er in die Torecke, unerreichbar für den Düsseldorfer Torwart. Aus Begeisterung wurde dieses Mal Freudentaumel im Gewühl. Fremde Menschen fielen sich in die Arme. Der so notwendige Sieg, er konnte gelingen.

Aber es war noch früh im Spiel. Wir MSV-Fans sind gebrannte Kinder, wir haben schon um 3-Tore-Führungen zittern müssen. Wir haben späte Ausgleichstore hinnehmen müssen. Wir wünschten uns ein weiteres Tor des MSV. Stattdessen fiel der Anschlusstreffer. Flanke von rechts, saubere Ballannahme in der Mitte, genügend Platz für den schnellen Drehschuss. Das war schwer zu verteidigen für Thomas Meißner. Es war das einzige Mal, dass er nicht so gut aussah in diesem Spiel. Sonst stand er nicht nur defensiv sehr sicher. Beim Spielaufbau wirkte er ballsicher, souverän und ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

Mit dem Anschlusstreffer begann das große Zittern. Eine halbe Stunde war noch zu spielen. Die Nachspielzeit würde lang werden, das wussten wir nach einer Spielunterbrechung wegen der Pyro-Aktionen im Gästeblock. Die Fortuna witterte noch einmal die Chance zum Ausgleich und drückte den MSV in die eigene Hälfte. Doch für die kompakte Defensivleistung des MSV blieb die Düsseldorfer Offensive eigentlich zu schwach. Was uns nicht Dauersorge, rasenden Puls und Bluthochdruck ersparte. Schließlich versetzte uns ein freier Ball im Strafraum kurz vor Ende in Schockstarre. Ich weiß gar nicht mehr, was dem wilden Getümmel voran ging. Viel zu viele Düsseldorfer Spieler standen frei herum. Einer kam an den Ball, schoss, frei stehend. Doch irgend ein Körper lenkte den Ball ins Toraus ab. Solche Schüsse können auch ins Tor gehen. Die Spannung wurde unerträglich. Nicht nur ich konnte bei jedem Ball in der Hälfte des MSV kaum mehr hinsehen.

Doch anders als im Spiel gegen München behielt die Mannschaft die Ruhe. Eroberte Bälle wurden nicht planlos weggeschlagen. Eroberte Bälle erreichten Mitspieler, die die Uhr herunter spielen konnten. Der Schlusspfiff beruhigte den Puls noch nicht. Dazu war der Jubel zu begeistert, die Freude zu groß. Was für ein Saisonverlauf. Hurra, hurra, der MSV ist wieder da – von der Elbe bis zur Isar, immer wieder MSV.

Wenn ein Stadion die Abstiegsangst wegschreit

Der Schalldruck im Duisburger Süden muss groß gewesen sein in der 85. Minute des Spiels vom MSV Duisburg gegen den TSV 1860 München. Als Victor Obinna den 2:1-Führungstreffer für die Zebras erzielte, knallte diese Arena ihre Begeisterung als Explosion heraus. Danach hielt das Toben und Schreien an, nicht nur auf der Nord, wo es ohnehin immer am lautesten ist. Auch auf den Geraden wussten die Zuschauer nicht mehr wohin mit ihren Gefühlen. Dieser Jubel von knapp 22.000 Anhängern des MSV Duisburg walzte aus dem Stadion, ließ Fensterscheiben vibrieren, schwappte über die Parkplätze, hob das Wasser auf der Regattabahn zu kleinen Wellen und verlor sich in der anderen Richtung allmählich in den Straßen zum Hauptbahnhof. Der Duisburger Süden wurde mit gemeinsamer Glückseligkeit und Erlösung durchdrungen.

Solch ein ekstatischer Ausbruch des Jubels geschieht, wenn die kaum mehr vorhandene Hoffnung auf eine Glück verheißende Rettung wie den Klassenerhalt wider Erwarten durch eine Heldentat wie den Auswärtsieg gegen einen hohen Favoriten befeuert wird. Wenn dieser Hoffnung ein paar Tage Zeit bleiben zu wachsen und sie zugleich in Gedanken schon wieder gefährdet wird. Wenn diese Hoffnung nur durch den Sieg im Spiel weiter lebendig bleibt. Wenn das Spiel selbst dann doch verloren scheint, das Ende nahe ist und wenn dann, in der eigentlichen Torschuss-Situation wir einen winzigen Augenblick Zeit haben, die große Chance zum Tor in dem Ausmaß ihrer gesamten Folgen für die Zukunft intuitiv zu erfassen. Wir denken es nicht, aber wir fühlen es, weil das Tor nicht von jetzt auf gleich fällt. Wir sind  dann vom Scheitern bedroht. Unsere Körper werden miterfasst von der Bewegung des Stürmers, wir spielen gleichsam mit.

Unsere Beine verknoteten sich beim Versuch, zugleich auf unserem Platz zu bleiben und diesen halbhohen Ball unter Kontrolle zu bringen, der von Kingsley Onuegbu zurückgeprallt war in den freien Raum an der Strafraumgrenze. Diese Ekstase konnte Raum greifen, weil wir alle die Last der Verantwortung in diesem Moment spürten. Weil wir diesen winzigen Moment Zeit hatten, um zu fühlen, wie nah Erfolg und Versagen beieinander liegen. Das alles geschah in uns, ohne dass wir es in Begriffen dachten, denn wir waren nichts anderes als unsere Körper, die sich vorbeugten, hin- und herbewegten, verkrampften, die bereit waren, etwas zu machen, ohne dass sie eingreifen konnten. Wir waren dabei, holten noch einmal Luft, hielten den Atem an und wurden eins mit Victor Obinna, dem es gelang den halbhoch springenden Ball direkt zu nehmen und ihn ins Tor zu schießen – am heraus eilenden Torwart ebenso vorbei wie an den versetzt stehenden zwei Feldspielern. Weil für all das dieser winzige Moment Zeit war, entlud sich die angestaute Luft in diesem ekstatischen kollektiven Aufschrei. JA!

Wir hatten eine erste Halbzeit gesehen, in der beide Mannschaften vor allem anderen keine Fehler machen wollten. Beide Mannschaften versuchten ein kontrolliertes Aufbauspiel, was auf Seiten des MSV zu erwarteten Schwierigkeiten führte. Dieser MSV entwickelt bei dieser Spielanlage keine durchgängige Offensivkraft. Das wissen wir, und das fürchtete nicht nur ich. Sehr viel druckvoller wurden auch die Münchner nicht, obgleich ihr Zusammenspiel mehr Potential aufwies, als wir es bei den Zebras entdecken konnten. Pässe und Laufwege der Löwen wirkten besser aufeinander abgestimmt. Die Mannschaft ließ den Ball besser laufen. Zu unserer Beruhigung blieb das ohne Folgen.

Sinnbildhaft für die Offensivstärke des MSV wird an solchen Tagen Giorgi Chanturia. Weil das Spiel des MSV in der kontrollierten Ausführung wenig Dynamik besitzt, liegt mehr Verantwortung bei ihm und seinen Dribblings im eins gegen eins. Sein Gegenspieler aber kannte von Anfang an seine Haken und seine typischen Bewegungen. Entsprechend harmlos blieb Giorgi Chanturia. Er wirkte früh frustriert. Auch sonst war irgendwann der Frust der Offensivspieler bei Fehlpässen zu sehen. Die Mannschaft wirkte so, als müsse sie irgendwann auch gegen eine schlechte Stimmung angehen.

Nach der Halbzeitpause blieb das Bild unverändert. Wenn ein Tor fiele, käme das überraschend zustande. Das war uns klar. Die Überraschung gelang den Münchnern mit einem Weitschuss in der 64. Minute. Das kannten wir aus dem Spiel gegen Heidenheim, und angesichts der Leistung an dem Tag konnte ich mir nicht vorstellen, wie nun noch der Ausgleich fallen sollte. Doch es gibt Gründe, warum auch 1860 München vom Abstieg bedroht ist. Die Ordnung der Defensive gerät bei druckvollem Spiel schneller durcheinander als die anderer Gegner. Als Nico Klotz für den immer unauffälligeren Chanturia eingewechselt wurde, geriet die Münchner Defensive sofort aufgeregt in Bewegung. Das wiederum war anders als im Spiel gegen Heidenheim. Es erinnerte vielmehr an das Spiel gegen Union Berlin. Thomas Bröker musste noch hinzukommen, damit in der Strafraummitte ein weiterer Stürmer Flanken aufnehmen konnte. Die Unruhe in der Münchner Defensive führte zu dem kuriosen Ergebnis, dass der Ausgleich bei der ersten Ballberührung Brökers aus einer recht statischen Situation heraus fiel. Flanke aus dem Stand heraus, Kopfballsprung fast aus dem Stand heraus, ein Kopfball nahezu in Rückenlage, der gegen den Innenpfosten trudelte, Richtung Tornetz sprang und vom Torwart auf diesem Weg zurückgeschlagen wurde. Wir lesen heute, Grund für einen Protest der 60er, die die Tatsachenentscheidung Tor als falsch ansehen. Hingegen hatte ich auch schon ohne Tatsachenentscheidung gejubelt – mit einer kurzen Irritation zwischendurch.

Die Stimmung war nun hochgekocht. Der Zorn der Münchner blieb erkennbar wie der Siegeswillen der Zebras immer mächtiger wurde. Zu Entlastungsangriffen kamen die Münchner nicht. Kurz nur sorgte ich mich, als Milos Degenek die gelb-rote Karte erhielt. Zu viele Erinnerungen an den Misserfolg gibt es in dieser Saison. Paderborn, das blitzte kurz auf, doch sofort war deutlich, kein Handballspiel-Imitat bekämen wir noch einmal zu sehen. Weiter ging es Richtung Münchner Tor, egal ob über die Mitte oder über die Außenbahnen. Der Ball musste irgendwie ins Netz. Das wollten die Spieler. Das wollten wir auf den Rängen. Das wurde geschrien. Das wurde bei jedem Angriff versucht, bis in der 85. Minute Victor Obinna jenen Angriff einleitete, den er selbst mit dem Führungstreffer abschloss.

Die Nachspielzeit bot noch einmal eine besondere Prüfung unserer Nerven. Drei-, viermal gelang es den Zebras nicht mehr, ruhig zu bleiben und den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Dieser Ball war nur noch ein potentielles Gegentor. Möglichst weit weg vom eigenen Strafraum sollte er sein. Jeder Spieler des MSV schlug ihn nun weit nach vorne. Dummerweise kam der Ball augenblicklich wieder zurück. Zäh nur vergingen diese Minuten, in denen schließlich ein Münchner ein letztes Mal derart frei zum Schuss kam, dass ich den Ball schon zum Ausgleich im Netz gesehen hatte. Festgekrallt an der Schulter des Freundes bekam ich den Schlusspfiff nicht mehr richtig mit. Das Feiern des Sieges begann, und Erfolg im Abstiegskampf bedeutet nicht nur ein ekstatischer Jubel beim Führungstor. Erfolg im Abstiegskampf bedeutet auch, volle Zuschauerränge noch lange nach dem Schlusspfiff.

Ein Unentschieden ist immer noch kein Sieg

Nun hat Fortuna Düsseldorf gestern gewonnen. Acht Punkte Abstand. Anscheinend will nun auch die Fortuna wie zuvor schon 1860 München nicht mehr richtig mitspielen dort unten. Schon Freitagabend fragte ich mich, ist es tatsächlich erst vorbei, wenn es vorbei ist? Der MSV Duisburg spielt zu spät in der Saison so, wie es für einen Platz im unteren Mittelfeld hätte reichen können. Einmal mehr ließe sich bei einem anderen Tabellenstand zwar von einem verpassten Sieg sprechen, doch die Enttäuschung über das torlose Unentschieden im Auswärtsspiel gegen den SC Paderborn ginge nicht zu tief. Bei einer Mannschaft auf Tabellenplatz 18 reicht das nicht. Dann wird diese sieglos gebliebene Mannschaft nach dem Schlusspfiff von vielen als Absteiger beschimpft. Erst nach und nach war keinesfalls unverdienter Beifall zu hören.

Die letzten drei Minuten des Spiels waren symptomatisch für die zweite Halbzeit. Die Mannschaft versuchte auf spielerische Weise eine Lücke in der Paderborner Defensive zu finden. Das gelang der Mannschaft nicht. Sie spielte vom linken Flügel nach Rechtsaußen um den Strafraum herum, dann noch einmal kurz hinten herum, und zurück ging es auf die andere Seite. Die Sekunden verrannen. Bei jeder Bewegung Richtung Torauslinie ersehnten wir die Flanke. Sie kam nicht. Was normalerweise auch richtig ist, weil so wenige Tore nach Flanken entstehen. Aber besser eine Minimalchance per Kopfball als gar keine Chance.

Wenn eine Mannschaft das Tor auf spielerische Weise zu erzielen versucht und der Gegner sehr tief steht, muss sie in der Offensive kreativer sein. Kreativ sind im Übrigen die wenigsten Mannschaften in der 2. Liga. Was dem MSV Duisburg aber nicht weiterhilft. Dem MSV hätte nur eine wilde, unkontrollierte Schlussphase zu einem Tor verholfen. Diesen Weg wollte oder konnte der MSV nicht gehen. Die Mannschaft fand nicht zu dem unbedingten Siegeswillen aus dem Spiel gegen Union Berlin. Ohne diesen Biss des Alles oder Nichts, den Victor Obinna und Nico Klotz vor einer Woche verkörperten, kann der MSV keine stabile Defensive aus der Ruhe bringen.

Auch dieses Mal wurden Victor Obinna und Nico Klotz in der zweiten Halbzeit eingewechselt. Doch vielleicht hemmte das Unentschieden mehr, als dass es ein freies Spiel ermöglichte. Es gab noch etwas zu verlieren. Die Mannschaft stand noch nicht mit dem Rücken zur Wand. Sie konnte sich sogar im leichten Vorteil fühlen, weil von etwa der 60. Minute an die Paderborner einen Mann weniger auf dem Feld hatten. Vielleicht wurde dieser Vorteil aber auch zum Nachteil, weil nun die Paderborner kein Risiko mehr eingingen und sich vollends zurückzogen. Schon ohne diesen Mann mehr auf dem Feld begann der MSV nach der Halbzeitpause den Druck zu erhöhen. Eine große Chance zur Führung hatte die Mannschaft kurz nach dem Wiederanpfiff. Schnelles Spiel über den rechten Flügel, Pass in den Rückraum, ein freier Schuss von knapp außerhalb des Strafraums. Der Ball flog weit über das Tor.

Bei uns im völlig überfüllten Gästeblock verstärkte dieser Auftakt die Zuversicht. Wir wollten diese Mannschaft zum Sieg schreien, den Ball mit nach vorne treiben. Schon in der ersten Halbzeit hatten wir allenfalls zweimal den Atem kurz anhalten müssen. Zumindest erinnere ich mich nur an zwei Chancen der Paderborner. Diese Heimmannschaft blieb offensiv genauso harmlos wie die Zebras, die defensiv erneut solide spielten. Bis zum Halbzeitpfiff ging der Plan auf, den Rückstand zu vermeiden. Unbedingt siegreich spielen können die Zebras aber nicht. Dazu fehlt die spielerische Qualität. Den einen Satz des Abstiegskampfs versuche ich Mitte der kommenden Wochen noch einmal überzeugend auszusprechen. Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Kann schon sein, sage ich heute.

Karton mit Zehn-Watt-Hoffnungs-Glühbirnen gefunden

Heute muss es schnell gehen. Ich muss gleich meinen wieder entdeckten Vorrat an Zehn-Watt-Hoffnungs-Glühbirnen unter die Leute bringen. Endlich mal wieder ein bisschen Licht schon in der Woche, ganz zu schweigen vom Spieltag, an denen es in der letzten Zeit für uns alle ja doch ziemlich dunkel geworden war.

Selbst mein Spieltags-3-Watt-Hoffnungsglimmen war allerdings am Samstag während der ersten Halbzeit im Spiel vom MSV gegen Union Berlin auf einen 1-Watt-Rest runtergedimmt. Union spielte einen schön anzusehenden Kombinationsfußball. Das war sehr beeindruckend, wie Unions Spieler jederzeit wussten, in welche freien Räume die Mitspieler zogen, wie die Spieler selbst potentielle Wege des Balles aufnahmen und so ihren Mannschaftskollegen die Gelegenheit gaben, um schnelle Pässe zuzuspitzeln, um selbst scheinbar freie Bälle sofort wieder zu kontrollieren oder per Kopf sehr genau und bewusst abzuspielen. Das sah alles planvoll aus, blieb allerdings für diese Kombinationssicherheit erstaunlich ungefährlich. Sicher, es gab Chancen für Union Berlin. Doch so leicht und dynamisch wie diese Mannschaft sich an den Strafraum heranspielte, so wenig Durchschlagskraft hatte die Mannschaft vor dem Tor des MSV.

Meine Sorge vor diesem Kombinationsfußball erwies sich als zu groß, zumal auch der MSV ohne diesen Kombinationsfußball mit einem viel zufälligeren Spiel zu Chancen kam. Im Grunde sah die Spielweise des MSV nach dem Braunschweig-Spiel sogar in dieser ersten Halbzeit nach einem kleinen Rückschritt aus. Es fehlte der Offensive an Dynamik und der Defensive zu oft der Zugriff auf den Ball. Dennoch stand es zur Halbzeit torlos Unentschieden, dennoch hätte es auch gut 1:1 stehen können.

Die zweite Halbzeit begann, und das Spiel wurde anders. Mit dem Anpfiff war der MSV präsenter. Mit dem Anpfiff stellte sich endlich auch in der Spielanlage ein Gleichgewicht ein. Der MSV wurde besser, Union etwas schlechter und schon sah das Offensivspiel des MSV endlich so planvoll aus, dass meine Hoffnung nicht mehr nur gerichtet war auf das zufällige Herunterfallen eines Balles in Strafraumnähe bei zufälliger gleichzeitiger Anwesenheit eines Spielers im MSV-Trikots und weiteren Zufällen in der Folge. Passend für uns Duisburger kam in diese aufkeimende Hoffnung hinein der Elfmeterpfiff gegen den MSV. Eigentlich wurde ein aus der Ferne gefährlich wirkender Angriff von Union recht souverän geklärt; sofort wurde mit schneller Kombination das Gegenpressing überwunden, der Ball war auf Außen, zeitgleich brachte Rolf Feltscher  im Strafraum einen Spieler Unions zu Fall. War das so? Darf ich mit Recht sagen, selten ein so überflüssiges Foul im Strafraum gesehen zu haben?

Wenige Minuten später führte Union 1:0, und ich begann mir über Fortuna Köln und Auswärtsfahrten in den Osten Deutschlands Gedanken zu machen. Die Mannschaft hingegen war nur kurz irritiert. Sie hatte keine Zeit dazu, denn Victor Obinna und Nico Klotz wurden eingewechselt und schienen sich vorgenommen zu haben, den Ausgleich innerhalb der nächsten Minute zu erzielen. Vielleicht ging es den anderen Spielern auch von Anfang an so, aber dieser brennende Wille beider ragte heraus. Mit dem ersten Ballkontakt brachte Nico Klotz seine Gegenspieler ins Rotieren. Er war so schnell im Dribbling, suchte das Kombinationsspiel und ging mit einer Dynamik auf das Tor zu, die der Defensive von Union Angst machen musste. Ein ähnliches Bild bot Victor Obinna im offensiven Mittelfeld, wo er die freien Räume suchte, die hohen weiten Bälle gut behauptete und sie schnell verarbeitete. Das Spieltempo des MSV hatte angezogen.

Die Tore, die folgten, waren kein Zufall mehr. Diese Tore waren die Konsequenz jenes druckvolleren Spiels, das wir zu sehen bekamen. Den Ausgleich erzielte Stanislav Iljutcenko auf die intuitive Weise eines Weltklassestürmers. Diese Ballannahme im Strafraum mit dem Rücken zum Tor, die eine Selbstvorlage zum Fallrückzieher war, gehört zu den Unberechenbarkeit eines Instinktfußballers. Der 2:1-Führungstreffer fiel nur wenig später durch Nico Klotz, nach schnellem Kombinationsspiel über den linken Flügel, und auch das war ein wunderschön anzusehendes Tor.

Unsere Nerven hätte es beruhigt, wenn einer von zwei vielversprechenden Kontern über den ebenfalls eingewechselten Tim Albutat erfolgreich vollendet worden wären. Ein Freistoß von Union an der Strafraumgrenze auf deren linken Flügel wagte ich kaum mir anzusehen. Knapp strich der Ball über die Latte. Es war die größte Chance zum Ausgleich in einem Spiel, das der Schiedsrichter für unser Gefühl nicht abpfeifen wollte. Vier Minuten Nachspielzeit waren es ohnehin schon. Gefühlte zehn wurden es für mich. Erlösung mit dem Schlusspfiff und die plötzliche Erinnerung an den Karton im Keller mit diesen Zehn-Watt-Hoffungs-Glühbirnen. Die bringe ich jetzt erstmal unter die Leute.

Spontanheilungen gibt es, wenn auch selten

Allmählich beginnt für mich die Zeit mit dem MSV Duisburg, in der mir die Worte zu den Spielen der Mannschaft ausgehen und nichts anderes mehr übrig bleibt als die Fakten des Zustands. Das ist wie im richtigen Leben. Immer will alles gedeutet werden. Immer will alles auf Sinn abgeklopft werden. Immer könnte im Geschehenen eine Einsicht stecken, die Veränderung mit sich bringt. Je aussichtsloser eine Situation aber scheint, desto weniger gibt es zu sagen. Es bleibt das schweigende Warten, nur unterbrochen vom Verkünden der Fakten. Es bleibt das Weitermachen bis zum sich abzeichnenden Ende. Es bleibt das Genügen an diesem Weitermachen und eine gewisse Pflicht.

Der MSV Duisburg hat gegen den FC St. Pauli gestern mit 0:2 verloren. Die Mannschaft hat gut gespielt. Alleine die Leistung von Zlatko Janjic fiel gegenüber der seiner Mitspieler ab. In der ersten Halbzeit kontrollierte der MSV das Spiel. Ruhig und diszipliniert wurde gegen einen abwartend spielenden FC St. Pauli der Spielaufbau versucht, und wahrscheinlich war meine durchgängige Nervosität dem Abstiegskampf geschuldet. Jeder Angriff St. Paulis, der nur in Strafraumnähe kam, sorgte mich mehr, als ein Angriff des MSV auf der anderen Seite in selber Position mir Hoffnung machte. Vielleicht entspricht diese Gemütslage auch der der Mannschaft in ihrem Abstiegskampf. Wir alle sind nicht frei im Kopf, obwohl die Fakten des Spiels bis zum Halbzeitpfiff dazu keinen Anlass boten. Torchancen gab es auf beiden Seiten nicht.

Nach dem Wiederanpfiff schien der FC St. Pauli zunächst druckvoller spielen zu wollen. Die Mannschaft griff früher an und versuchte, mehr Spielkontrolle zu erhalten. Doch der MSV hielt dagegen und erneut befand sich das Spiel wieder im Gleichgewicht. Im Unterschied zur ersten Halbzeit wirkte es nun dynamischer. Die Spieler des MSV suchten früher den Weg zum Tor. Für die Spieler des FC St. Pauli war dieser schnelle Zug zum Tor ohnehin taktischer Bestandteil des Spiels, weil sie auf Ballverluste des aufbauenden MSV hofften und sie erzwingen wollten.

Entsprechend gab es sogar eine Ahnung von Torchancen für den MSV. Die Mannschaft schaffte es einige Male, in den Strafraum zu dringen. Abwehrbeine verhinderten freie Schüsse, weil beim Kleinklein innerhalb des Strafraums die Spieler zu lange brauchten, Pässe zu verarbeiten oder freie Bälle unter Kontrolle zu bringen. Der FC St. Pauli war dagegen vor allem mit einem Distanzschuss einmal gefährlich. Es war klar, die Mannschaft, der  ein Tor gelingen würde, ginge wahrscheinlich als Sieger vom Platz.

Dieses Tor fiel für den FC St. Pauli in der 64. Minute. Ein Spielzug über den rechten Flügel, bei dem die Defensive des MSV den Gegner bis in den Strafraum spielen ließ und die jeweils Ball führenden Spieler nicht aggressiv genug attackiert wurden. Pass, Zug in den freien Raum, Pass, freier Schuss, Tor.

Drei Minuten zuvor war Kingsley Onuegbu  für Janjic eingewechselt worden. Gerade hatte ich zu hoffen begonnen, die Strafraumszenen könnten angesichts seiner Ballbehauptung auf engem Raum wirklich gefährlich werden. Nun war diese Hoffnung weggeweht. Auch das ist ja ein Zeichen für Stimmung rund um den MSV. Meine Hoffnung hätte ja lebendig bleiben können. Ein Gegentor war gefallen, mehr nicht. Dennoch lastete dieses Gegentor nun auf dem Spiel und machte es mir schwerer an einen Erfolg des MSV zu glauben. Ich vermute, die Spieler werden ähnlich eine zusätzlich Last zu tragen gehabt haben.

Der MSV mühte sich für den Rest des Spiels. Victor Obinna wurde nach seiner langen Verletzungspause erstmals wieder für 11 Minuten noch eingewechselt. Thomas Bröker kam kurz vor Schluss. Doch zwingende Chancen ergaben sich nicht mehr. In der letzten Spielaktion verlor Kevin Wolze in der eigenen Hälfte den Ball gegen einen Spieler St. Paulis, der anschließend alleine aufs Tor zumarschieren konnte und erfolgreich abschloss. Über dieses zweite Tor des Gegners ärgerte sich Kevin Wolze offensichtlich mehr als ich. Stoisch nahm ich es als Schicksal.

Dieses Erleben weckt keine schönen Bilder in mir. Ich fühle mich erinnert an Tage, die ich mit Schwerkranken verbracht habe. Ich sehe Behandlungen, von denen nicht klar war, ob sie heilend, lebensverlängernd oder einfach nur überflüssig waren. Ich sehe Ärzte von Wahrscheinlichkeiten sprechen. Ich sehe Ärzte, die traurige Wahrheiten mitfühlend, aber klar aussprachen, und ich sehe Ärzte, die dennoch Raum ließen für das Schicksal. Diese Welt ist trotz aller wissenschaftlichen Anstrengung noch voller unerklärbarer Begebenheiten. Spontanheilungen gehören dazu. Sie geschehen, ohne dass die Medizin erklären kann, wieso sie geschehen. Sie geschehen selten, so dass die statistischen Daten keine kausalen Schlüsse zulassen. Bislang habe ich immer, wenn ich Zeit mit einem schwerkranken Menschen verbracht habe, irgendwann an Spontanheilungen denken müssen.

Spielermienenspiel beim SC Freiburg verhilft zu Zufriedenheit

Manchmal muss man in die Mienen der Spieler und des Trainers beim Gegner schauen, um den Wert eines Ergebnisses besser einschätzen zu können. Das 1:1 beim Schlusspfiff im Spiel vom MSV Duisburg gegen den SC Freiburg hinterließ bei mir nämlich widersprüchliche Gefühle. Aber die Spieler vom SC Freiburg und ihr Trainer Christian Streich wirkten sehr enttäuscht. Das Unentschieden war dem vorläufigen Tabellenersten zu wenig.

Dieses Mienenspiel half mir, mit der eigenen, immer wieder kitzelnden Enttäuschung klar zu kommen. Ich schwankte zwischen Erleichterung, Zufriedenheit und eben der Enttäuschung darüber, die zur Halbzeitpause so verführerisch winkenden 3 Punkte doch nicht eingesackt zu haben. Sicher, bei realistischer Betrachtung können wir alle beim MSV zufrieden sein, doch wer ist schon immer jederzeit Realist?

Höchstens in den ersten zehn, fünfzehn Minuten des Spiels war ich ein Realist gewesen. In dieser Zeit fürchtete ich doch sehr den Führungstreffer des SC Freiburg und den anschließend Kantersieg. Die Spieler des MSV brauchten etwas Zeit, um ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Offensichtlich hatten sie großen Respekt vor dem Freiburger Offensivspiel. Zu recht. Ball- und kombinationssicher, handlungsschnell zeigten sich die Freiburger und erspielten sich sofort Chancen. Was für ein hektisches Defensivgewusel mit unkontrolliertem und deshalb unzureichendem Ballwegschlagen ging schließlich der größten Chance der Freiburger in dieser ersten Halbzeit voraus. Ein Pfostenschuss war das Ergebnis. Doch gerade dieser Pfostenschuss läutete die Wende ein. Von da an ordnete sich das Spiel des MSV. Die Defensive stand stabil. Die Angriffe der Freiburger, egal ob schnell oder im geduldigen Aufbauspiel vorgetragen, konnten stets am oder im Strafraum unterbrochen werden.

Zudem beschränkte sich das Offensivspiel des MSV nicht mehr auf lange, weite Bälle. Zwar fehlten für den kontrollierten Spielaufbau weiterhin die spielerischen Mittel. Doch gab es Kombinationen nach schnellem Umschaltspiel, insgesamt wirkte die Offensive etwas variabler auf mich als in den Spielen zuvor, wenn auch noch nicht zwingend in der Torgefahr. Aber der Gegner war der SC Freiburg, und wenn die Spieler des MSV gegen diesen Gegner unermüdlich versuchen, ein Offensivspiel in Gang zu bringen, ist das ein Erfolg. Es gab Bewegung in den Raum hinein und zwar über den zentralen Spielfeldkorridor. Nicht mehr jeder Angriff wurde zwangsläufig über die Außenbahnen versucht. All das macht mir Hoffnung. Denn nur wenn die Eindimensionalität des Offensivspiels aufgebrochen wird, wenn der Zufall als hauptsächliche Ursache der Torchance aufgegeben wird, verliert sich die Harmlosigkeit der Mannschaft des MSV.

Christian Streich spricht in der Pressekonferenz später von der ersten Chance des MSV zum Führungstor, als er über das 1:0 in der 42. Minute spricht. Vielleicht stimmt das, aber der MSV war in dieser Spielphase keineswegs eine Mannschaft unter Druck. Souverän wurden die Freiburger Angriffe unterbunden. Zwingende Chancen gab es auch für die Freiburger nicht mehr. Dann ging es beim MSV plötzlich schnell über den linken Flügel, Victor Obinna flankte auf rechts, wo Thomas Bröker frei stand und in den Strafraum zog, um aus rechtem Winkel einzuschießen. Endlich einmal in dieser Saison (!) ging ein Schuss überhaupt aufs Tor, und schon war der Ball im Netz. Dieses 1:0 verschaffte uns auf den Rängen ein völlig neues Gefühl für die Saison. Jubel über eine Führung in der ersten Halbzeit, in Teilen war das ein ungläubiger Jubel. Ich sah für einige Zeit Sterne und denke nun daran, einen Arzt zu Rate zu ziehen, ob ich bei der momentanen Tabellenlage des MSV nicht meine Gesundheit zu sehr im Stadion gefährde.

Wer auf Duisburger Seite direkt nach dem Führungstor das Aufbäumen des SC Freiburg erwartete, konnte sich erst einmal entspannen. Viel kam nicht mehr von der Mannschaft in den wenigen Minuten bis zum Halbzeitpfiff. In der Halbzeitpause allerdings waren die Freiburger wieder sehr früh auf dem Platz. Das war eine Kampfansage und bereitete wahrscheinlich nicht nur mir und meinen Freunden Sorgen. Zumal die Voraussetzungen für eine Abwehrschlacht sehr ungünstig waren. Früh hatte der Schiedsrichter, Thorsten Schriever, begonnen, seine gelben Karten zu verteilen. Basketballschiedsrichter lassen heute in den Spitzenligen härteres körperliches Spiel gewähren als er in dieser Begegnung.

Mit Wiederanpfiff begann das erwartete druckvolle Spiel der Freiburger. Wenn der MSV um die 15 Minuten ohne Gegentor bliebe, dachten wir bei uns in der Ecke, dann ließe sich der Sieg vielleicht durchbringen. Der Ausgleich fiel in der 62. Minute. Es war eine jener Ballstaffetten, die zuvor spätestens im Strafraum geklärt werden konnten. Dieses Mal wurde dem Freiburger Spieler zu viel Zeit und zu viel Raum gelassen. Von der Strafraumgrenze aus konnte er den Ball ins lange Eck  schießen.

Für den weiteren Saisonverlauf ziehe ich Hoffnung daraus, dass die Mannschaft dieses Gegentor sofort wegsteckte. Es gab keine Minute des Nachlassens und der Irritation. Die Mannschaft spielte selbstbewusst weiter. Sie zog sich nicht zurück. Sie gestaltete das Spiel offen, rückte mutig geschlossen bei Ballbesitz vor. Mir war das zweimal sogar zu offensiv. Die eigene Hälfte war völlig entblößt und ließ den schnellen Freiburgern den Raum für den Konter. Das eine Mal konnte dieser Konter im letzten Moment am Strafraum unterbunden werden, das andere Mal ging Thomas Meißner noch in der Freiburger Hälfte hart dazwischen. Die zweite gelbe Karte bedeutete in der Summe rotgelb

Selbst in Unterzahl ließ der MSV nicht davon ab, mit Offensivaktionen weiter im Spiel zu bleiben. Zwar wurden die langen Bälle immer unpräziser gespielt, doch wurde die Konterchance immer noch gesucht. So mussten noch etwa zehn Minuten überstanden werden – bei einem größeren Spielanteil der Freiburger. Wirklich in Gefahr geriet das Unentschieden nicht mehr, auch wenn der Schlusspfiff letztlich sehr erleichterte. Allein die Tabellensituation mit dem Punkteabstand zu den Nichtabstiegsplätzen erschwert es für mich, das Unentschieden gegen einen Aufstiegsfavoriten ungetrübt als Erfolg zu werten.

Übrigens hoffe ich für Christian Streich, er hat gute Freunde, die ihn mal beiseite nehmen und mit ihm über seine Laune sprechen. Er ist auf dem Weg ein ungenießbarer Wutnickel zu werden. Vielleicht ist er das schon? Mir kommt es so vor, als sei für ihn inzwischen – zumindest als öffentliche Person – Griesgrämigkeit seine gute Laune. Als er in Freiburg Cheftrainer wurde, wirkte er sehr viel umgänglicher. Manchmal verändert einen der Beruf, weil die Wirklichkeit dem eigenen Lebensideal hinterherhinkt. Ist es das? Der Konflikt zwischen Individuum und dem System Profi-Fußball?

Meine Sorge soll´s aber nicht sein. Ich muss mich um andere Dinge kümmern. Ich bin eher der depressive Typ. Ich bin einer, dem das Unentschieden die aufgekeimten Hoffnungen auf das Klassenerhalts-Wunder bedroht. Diese Gefahr will ich jetzt mal im Zaum halten.

Das Auswärts-Testspiel als Heimspiel – Gedankensplitter und Fotos

Das Testspiel des MSV gegen Viktoria Köln fände unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Eintritt gegen Vorlage des Presseausweises. So ähnlich war das Testspiel angekündigt worden. Mit dem Fahrrad brauche ich 20 Minuten zum Sportpark Höhenberg. Ich hatte nichts vor, also habe ich dort mal reingeschaut. Gesehen habe ich ein 4:4 als Endergebnis und zwei bis auf Tim Albutat komplett unterschiedliche Mannschaften des MSV in den zwei Halbzeiten.

Ein paar Gedankensplitter reihe ich mal aneinander, zu einer Einheit wird das heute nicht.

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Elfmeter – Und alles sieht noch gut aus

Erste gute Nachricht: Thomas Bröker spielte. Ein Verletzter weniger. Viel zeigen konnte er aber nicht, wie die anderen Offensivspieler auch, was weniger an ihm als am nicht vorhandenen Mittelfeld des MSV gelegen hat. Denn wenn Testspiel, dann aber auch ein richtiger Test, ein Test, bei dem Spieler dabei sind, die noch weit von der ersten Elf entfernt sind; U19-Spieler etwa, Spieler, deren Leistungsstand sich die sportlich Verantwortlichen vielleicht unter Wettbewerbsbedingungen anschauen wollten. Vielleicht sollte auch die Stammelf kein ganzes Spiel spielen. Das Spiel wirkte mehr als eine Art Stresstest für die einzelnen Spieler, als dass sie sich zu einer Mannschaft zusammengefunden hätten.

Wie gesagt, es gab so gut wie kein Mittelfeld des MSV. Die Viktoria presste sehr weit in der Hälfte des MSV und machte das verdammt gut. Diese Mannschaft wollte sich ausprobieren, sie wollte Erfolg, sie war hungrig und hat jegliche Aufbauversuche des MSV im Keim erstickt. Ich meine, alle drei Tore der Viktoria fielen nach schnellem Umschaltspiel. Dagegen konnten die langen Bälle des MSV in die Offensive so gut wie nie erobert werden. Einige wenige Male wurden auch Flügelläufe versucht. Ohne Erfolg. Den MSV gab es bis zum 3:0 fast ausschließlich als verteidigende Mannschaft.

Branimir Bajic wurde zusammen mit Kingsley Onuegbu in der 33. Minute kurz nach dem dritten Tor der Viktoria eingewechselt. Eines hat diese erste Halbzeit zweifellos gezeigt, wie wichtig Branimir Bajic für das Spiel des MSV weiterhin ist. Er gibt seinen Mitspielern, egal, wer sie sind, sehr große Sicherheit. Steffen Bohl agierte zwar für sich genommen zuvor ebenfalls souverän. Alleine konnte er die Defensive aber nicht zusammen halten. Mit Branimir Bajic auf dem Feld erhielt das Spiel des MSV Stabilität. Nicht nur, dass die Defensivreihe nach seinem Einsatz ruhiger agierte, selbst das Mittelfeld dirigierte er manchmal und verteilte die Mitspieler in freie Räume bei eigenem Ballbesitz.

victroria-msv_anstossHZ2Als die Stammbesetzung in der zweiten Halbzeit spielte, wurde deutlich, dass Gino Lettieri Thomas Meißner an solch eine leitende Souveränität heranführen will. Thomas Meißner soll mehr Verantwortung übernehmen im Spielaufbau und als ruhender Pol wirken in der letzten Reihe vor dem Torwart; einer, der notfalls immer als Anspielstation zur Verfügung steht und gleichzeitig den Druck nach vorne aufrecht erhalten kann.

Mit Ausnahme von Steffen Bohl fiel mir kein Spieler mit Anschluss an die Startelf positiv auf. Zwei große Chancen hatte der MSV dann noch in der letzten Viertelstunde der ersten Halbzeit. Zwei schnelle Spielzüge über den rechten Flügel brachten diese Chancen. Nico Klotz war beteiligt. Den einen Pass erhielt Stanislav Iljutcenko im Elfmeterraum. Freistehend schoss er über das Tor. Auch wenn der Pass etwas ungenau gekommen war, hätte er treffen müssen, ebenso wie wenig später Kingsley Onuegbu, der am Tor rechts vorbei schoss.

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Nurretin Kayaoglu

Nurettin Kayaoglu als linker Verteidiger, schon in der Presse angekündigt als Verpflichtung, doch noch nicht offiziell bestätigt, spielte ebenfalls unauffällig. Man merkte seine Vorsicht. Er wollte keinen Fehler machen. In der Defensive hat das auch recht gut geklappt. Dem Spiel nach vorne mangelt es dann vielleicht an Risikobereitschaft. All das muss Gino Lettieri einordnen und in den Zusammenhang des Mannschaftsspiels bringen.

Bis auf Tim Albutat stand in der zweiten Halbzeit eine andere Elf auf dem Platz. Nun wurde der Test zur Vorbereitung auf das nächste Punktspiel. Der Druck auf die Viktoria war nun von Beginn an vorhanden. Auffällig waren  Diagonalpässe auf Giorgi Chanturia, die statt der Flankenläufe der Außenverteidiger das Spiel aufrissen. Nun fand die Offensive der Viktoria kaum mehr statt. Alternativ zu den Diagonalpässen wurde der Ball  gut durch das Mittelfeld kombiniert. Victor Obinna erwies sich einmal mehr als sichere Anspielstation auch unter Druck. Gerade das dritte und vierte Tor wurden über mehrere Stationen schön herausgespielt.

Nach der 4:3-Führung verschwanden die spielerischen Lösungen. Die Räume waren zu eng geworden, statt der Kombinationen wurde nun zu oft per Dribbling der Durchbruch gesucht, ohne dass sich die einzelnen Spieler gefährlich durchsetzen konnten. Entsprechend häufiger kam die Viktoria wieder an den Ball und spielte schnell in die Spitze. Beim Ausgleichstreffer wurde die aufgerückte Defensive überlaufen.

Vielleicht fällt mir auf Nachfrage noch mehr ein. Hier ist erst einmal für heute Schluss. Bleiben noch ein paar Fotos.

Mit einem Klick zum Live-Ticker des MSV.

Zum kurzen Spielbericht aus Kölner Sicht mit einem Klick.

Ja und ja und nochmals ja

Im Grunde freue ich mich noch zu viel, um über das Spiel des MSV Duisburg gegen den SC Paderborn zu schreiben. Ich bin auch noch zu mitgenommen vom Hoffen vor dem Anpfiff, das manchmal blitzlichtartig gefährdet war, von diesem Bangen im Spiel und der unfassbaren Begeisterung beim Tor so spät im Spiel, das dennoch früh genug fiel, damit wir einen Ausgleich befürchten konnten.

Optimistisch war ich einen Tag vor dem Spiel. Doch als ich eine Viertelstunde vor Anpfiff zu meinem Stehplatz ging, packte mich von jetzt auf gleich eine so tiefe Enttäuschung, als ob das Spiel schon verloren gewesen wäre. Ich wurde für einen winzigen Moment durchgeschüttelt und musste mich zur Ordnung rufen, nicht dem völligen Irsinn zu verfallen. Wer Zeiten durcheinander bringt und selbstzerstörische Visionen hat, fragt vielleicht besser seinen Arzt oder Apotheker, ob der Besuch eines Spiels vom MSV Duisburg nicht anhaltende psychische Folgen haben kann. Nach diesem 1:0-Sieg warte ich aber erst einmal ab, ob so sich was nicht von alleine gibt.

Dabei hatte ich vor dem Spiel alles versucht, das Schicksal auf unsere Seite zu bringen. Am Bahnhof kaufte ich ganz bewusst noch eine Flasche „Paderborner“. Denn so vertilgte ich im Namen Duisburgs Schluck um Schluck dieses Paderborn, ein mächtiges Zeichen der Überlegenheit. Ich spürte geradezu, wie jeder Schluck Pils mich zuversichtlicher stimmte. Die erste Gefährdung dieser Zuversicht vor dem Spiel war schnell ausgestanden, allerdings kratzte das Spiel selbst in der ersten Halbzeit doch recht stark am Vertrauen in die Mannschaft. Ein Unentschieden schien mir möglich, doch wie sollte diese Mannschaft gewinnen?

Sicher, wir sahen eine Mannschaft des MSV, die alles versuchte, das Spiel an sich zu reißen. Wir sahen eine Mannschaft, die durch die Tabellensituation keineswegs irritiert schien. Die Spieler schienen weiter selbstbewusst zu sein. Doch wirkte die Spielanlage des SC Paderborn reifer. Die Mannschaft wollte schnell spielen. Sie kombinierte sicher, wenn auch die Durchlagskraft am Rand des Strafraums rapide abnahm. Einmal allerdings spielte der SC Paderborn einen der Spieler im Strafraum frei, so dass Michael Ratajczak im eins gegen eins retten musste. In solchen Situationen ist er stark, zumal dem Paderborner Spieler nicht viel Zeit blieb, um abzuschließen.

Das Offensivspiel des MSV hingegen bestand fast auschließlich aus langen Bällen in die Spitze. Das wirkte wie Stückwerk, weil der Erfolg dieser Spielweise überschaubar blieb. Kingsley Onuegbu konnte sich nicht oft klar durchsetzen. Wenn ihm überhaupt das Ablegen der Bälle gelang, kamen die Pässe nicht sehr sauber; was bei dem hohen Druck durch die Paderborner Defensive keine Überraschung war. Bei drei Gegenspielern eine Ahnung von Pass zu spielen, ist schon eine bemerkenswerte Leistung. Selbst diese Ahnung von Pass war genug für Victor Obinna, um immer wieder an den Ball zu gelangen, um weitere Unruhe in der Paderborner Defensive zu verbreiten. Wirklich gefährlich wurden diese Angriffe für die Paderborner Defensive aber auch nicht.

Einige wenige der bekannten Flügelläufe gab es sowohl zunächst von Kevin Scheidhauer, dem aber bald der Schneid abgekauft übel war – siehe Update unten, als auch von Rolf Feltscher, dem aber dieses Mal das Gespür für den Moment der Flanke fehlte. Zwei-, dreimal machte er einen Haken zu viel, nachdem er seine Gegenspieler bereits ins Leere hatte laufen lassen. So begann ich mich zu fragen, wie in diesem Spiel der MSV je ein Tor erzielen sollte. Abgelenkt wurde ich durch die Stimmung im Stadion, die in der ersten Halbzeit bereits immer wieder hochkochte. Die Pokalatmosphäre war nah.

In der zweiten Halbzeit schließlich schien es bald so, als hänge das Schicksal des MSV nur noch vom Ergebnis dieses Spiels ab. Spätestens ab der 60. Minute gab es in diesem Stadion nichts anderes mehr als den unbedingten Willen, dieses Spiel zu gewinnen. Dieser Wille wurde auf den Rängen von fast allen MSV-Anhängern herausgeschrienen, „… für die 2. Liga – EM-ES-VAU!“ Was für eine einpeitschendes Singen, und was für ein Ringen auf dem Platz. Ein Hin und Her war entstanden, in dem der MSV für etwa zehn, fünfzehn Minuten ungeheuer druckvoll spielte. Der neuverpflichtete Giorgi Chanturia war eingewechselt worden, wirkte sofort ballsicher, etwas bindungslos zwar und etwas übermotiviert, doch den dort auf dem rechten Flügel, den konnten wir im Hinterkopf behalten.

Victor Obinna hingegen ist längst in der Mannschaft angekommen. Er verarbeitet Pässe, wie wir es in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen hatten. Er ist gedankenschnell, erkennt Räume und ahnt, wo sich der Ball hinbewegen könnte. Er hat Handlungsoptionenen, kann passen oder selber gehen, auch wenn ihn Gegenspieler unter Druck setzen. Er bringt Schnelligkeit ins Spiel im Duisburger Angriffsdrittel. Mit ihm deutet sich im Spiel der Zebras Unberechenbarkeit an.

Wenn auch die Chancen überschaubar blieben, alles war nun möglich. Sieg oder Niederlage. Auf der Duisburger Seite war Michael Ratajczak nach einem Paderborner Schuss schon geschlagen, als Thomas Meißner heranrauschte und den Ball von der Linie kratzte. Überhaupt war das erneut ein starkes Spiel in der Defensive von ihm.  Auf der anderen Seite gelang dann wenig später das Duisburger Tor durch jene Bewegung, mit der Giorgi Chanturia zuvor zwei-, dreimal an der Überzahl der Paderborner Defensivspieler gescheitert war. Am rechten Flügel zog er in die Mitte, schlug dabei seine Haken und fand dieses Mal Kingsley Onuegbu als Anspielstation; ein Doppelpass folgte, erneut ein Haken Chanturias und sein Schuss ins lange Eck. Jubel der Erleichterung explodierte und erschütterte das Stadion. Wie sehr hatten wir dieses Tor ersehnt. Wieviel Kraft hatte diese Mannschaft dafür bereits eingesetzt. Wie sehr hatten alle Spieler dafür gekämpft. Noch waren etwas mehr als zehn Minuten zu spielen gewesen. Noch bangten wir um diese Führung.

Als neutraler Zuschauer hätten wir vielleicht sehen können, dass die Paderborner geschockt waren, den Glauben nicht mehr wirklich besaßen, den Ausgleich noch erzielen zu können. Wir aber wussten, jeder hohe Ball in den Fünfmeterraum kann mindestens zu Halbchance werden. Wir aber wussten, Ecken und Freistöße des Gegners machen das Gegentor sofort wahrscheinlicher. Ich zitterte bei jeder Ballberührung der Paderborner, egal, wie weit weg sie vom Strafraum geschah. Mich hatte der Irrsinn der Minuten vor dem Spiel wieder gepackt. Spätestens als nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen viele Spieler des MSV einfach nur zu Boden sanken, weil sie keine Kraft mehr hatten, um zu jubeln, sollte jedem klar geworden sein, wie wichtig dieser Sieg gewesen ist. Wie hätten Spieler, die ein weiteres Mal an ihr Leistungslimit gehen, damit umgehen sollen, erneut keine Belohnung für diesen Einsatz zu erhalten?

Dieses Punktspiel war tatsächlich zum Pokalkampf geworden. Dem einen werden noch einige folgen. Ob es tatsächlich 24 werden, bleibt abzuwarten. Weniger wäre in dem Fall mehr. Man braucht den Kampf um den Klassenerhalt ja nicht auf die Spitze zu trieben.

Den Blick aus Paderborner Sicht findet ihr im Blog Schwarz und Blau.

Update 7.10.: „Schneid abgekauft“ war wohl die falsche Deutung des Scheidhauerschen Zurücksteckens im Spiel. In der heutigen Nachbetrachtung bei WAZ/NRZ wird von Übelkeit nach 20 Minuten berichtet.

So oder so wirkt die Niederlage

Dieser MSV macht es einem nicht leicht. Bislang befanden wir uns nämlich in einer Phase der Saison, in der nicht nur das Ergebnis zählte. Zwar redeten wir Anhänger vor den letzten drei Spielen schon anders, wir sagten, jetzt müsse unbedingt ein Sieg her, aber nach der erfolgten Niederlage blieb immer noch eine Hintertür, die Spielweise heißt. Diese Hintertür liegt immer versteckter, aber sie ist noch vorhanden. Nach dem Spiel gegen Paderborn wird sie aber auf jeden Fall fürs erste zugemauert sein.

Mich seht ihr nach der 3:2-Niederlage gegen Union Berlin ständig Richtung Hintertür laufen, ohne dass ich sie wirklich erreiche. Unterwegs verliere ich den Überblick, verirre mich und werde mutlos. Die Erinnerung an die erste Halbzeit in Berlin wird dann übermächtig. Wenn eine Mannschaft im Tabellenkeller hängt, spielbestimmend ist und der Gegner nicht mehr machen muss, als dreimal vor das Tor dieser Mannschaft zu kommen, um drei Tore zu erzielen, dann steigt diese Mannschaft ab. Dann kann sie noch so viel Ballbesitz haben. Dann kann sie noch so viele vom Gegner ungenau gespielte Pässe im Mittelfeld erobern. Dann kann sie noch so oft vor dem gegnerischen Strafraum auftauchen, zumal bei der letzten Aktion, beim Schuss aufs Tor oder beim Pass in den Strafraum, die Präzision fehlte. Wenn jemand sagt, es fehlte das Quäntchen Glück, mag das für die Offensive stimmen. Doch selbst dieses Glück reichte nicht aus, wenn aus drei Chancen des Gegners drei Tore werden.

Schon das erste Tor war in der 4. Minute ein herber Rückschlag. Für mich war es erstaunlich, wie unbeeindruckt die Mannschaft von diesem Tor war. Zwei Standardsituationen führten zu den weiteren zwei Toren. Nicht nur, dass bei dem ersten Freistoß Dustin Bomheuer fehlte, weil er verletzungsbedingt behandelt werden musste und so die neue Zuordnung nicht funktionierte, zudem wissen die gegnerischen Mannschaften natürlich, dass Michael Ratajczak die Linie nicht gerne verlässt, also wird der Ball in den Fünfmeterraum geschlagen, um mal zu gucken, was dort geschieht. Beim dritten Tor kurz vor der Halbzeitpause, erneut nach einem Freistoß, war Branimir Bajic nicht präsent.

Wenn in der Situation des MSV aus drei Chancen drei Tore werden, spielt der MSV als zurückliegende Mannschaft nicht besser als der Gegner. Das klingt für mich falsch, selbst wenn die oberflächliche Betrachtung dieser ersten Halbzeit diesen Eindruck machte. Stände der MSV im gesicherten Mittelfeld ließe sich über solch eine Wertung reden. Bei 2 Punkten nach 9 Spieltagen stimmt sie nicht, auch wenn ich weiß, dass solch eine Wertung Zuversicht herbeischaffen soll.

Ohne Zuversicht geht es nun mal nicht weiter. Die Zuversicht ergibt sich aus dem Spiel nach vorne. Ohne Frage verhilft Victor Obinna dieser Mannschaft zu größerer spielerischer Qualität. Seine Möglichkeiten im eins gegen eins überragen die seiner Mannschaftskollegen. Sie reichen aber natürlich auch nicht aus, um alleine das Offensivspiel zu bestreiten. Mannschaftlich hat das schon ganz ordentlich funktioniert, wenn auch die Angriffe insgesamt immer unter großer Hast ausgespielt wurden. Bislang haben wir aber auch nicht sehen können, dass diese Mannschaft die Fähigkeit zum ruhigen Spielaufbau besitzt. Sie muss so schnell wie möglich den Ball Richtung gegnerisches Tor bringen, und diese Schnelligkeit wird zur Hast, weil die Spieler für diese Schnelligkeit nicht präzise genug sind. Im Grunde steht die Mannschaft vor der Frage, will sie langsam und präzise sein, ohne in den Strafraum einzudringen? Oder will sie schnell und unpäzise sein, um durch die höhere Zahl ungenauer Spielsituationen, die klare Torchance wahrscheinlicher zu machen.

Als in der zweiten Halbzeit das Spiel offener wurde, fielen die Tore für den MSV. Dass Union nun aus dem Spiel heraus ebenfalls zu Chancen kam, konnte nicht ausbleiben. Union schaltete keineswegs einen Gang zurück angesichts der Führung, auch wenn von vielen Anhängern das als Argument für die zwei Tore des MSV angeführt wird. In dieser zweite Halbzeit war das Spiel mehr im Gleichgewicht als in der ersten, und dennoch erzielte der MSV zwei Tore und Union keins. Daher kommt meine Zuversicht. In dieser zweiten Halbzeit war zu sehen, auch die Gegner wie Union sind aus dem Spiel heraus unpräzise, auch diese Gegner machen nicht aus jeder Chance ein Tor. Als Michael Ratajczak in der 75. Minute den Elfmeter hielt und die 4:1-Führung verhinderte, kitzelte noch einmal leise die Hoffnung. Das zweite Tor des MSV fiel 5 Minuten vor dem Ende. Zu spät für den Ausgleich.

Mit dem nächsten Spiel gegen Paderborn befinden wir uns nun tatsächlich erst einmal in jener Phase der Saison, in der nur das Ergebnis zählt. Für Ivo Grlic, Gino Lettieri und die Spieler mag das nach außen hin noch anders sein. Für viele Anhänger nicht. Leise Sorge bereitet mir nämlich, dass sich Enttäuschung allmählich bei einigen in Wut verwandelt. In Berlin waren pfeifende Zuschauer nach dem Spiel noch in der Minderheit, aber deutlich zu hören. Am Zaun ließen einige sogar dieser Wut freien Lauf und überraschten die Spieler damit, die von den meisten anderen mit aufmunternden Worten verabschiedet wurden. Hoffentlich spaltet sich da nicht die Szene. Ein Sieg gegen Paderborn ist wahrscheinlich die einzige sofort wirkende Gegenmaßnahme.

Aus Berliner Sicht der Blick aufs Geschehen bei Textilvergehen – mit einigen Fotos u.a. von gemeinsamer Union-und-Zebra-Nachbetrachtung. Von einer solchen tröstenden Nachbetrachtung beim Fan-Eck am S-Bahnhof Köpenick kann ich auch noch erzählen. Zum einen gab es dort das gemeinsame Leid mit den Xantenern, zum anderen die gemeinsame Hoffnung einiger Union-Fans und uns, dass wir in der nächsten Saison diese Nachbetrachtung wiederholen können. Einem Leben ohne diese Auswärtsfahrt zur Alten Försterei fehlt doch ein immer wieder schönes Wochenende. Vom Ergebnis dieses Mal abgesehen.

Das war dann noch mal eine andere Qual

Als kurz nach Anpfiff ein Freistoß für Eintracht Braunschweig gepfiffen wurde und Hendrick Zuck ihn zielgenau an die Latte des Duisburger Tores knallte, schrie der abergläubische Jaratz in mir sofort auf: „Nein, nicht schon wieder“. Für den abergläubischen Jaratz war das Spiel in dem Moment verloren. Auch der FSV Frankfurt hatte am Sonntag, früh im Spiel, die Latte des Duisburger Tores getroffen. 0:1, das Endergebnis, werden noch nicht viele Zuschauer des Spiels vergessen haben. Dummerweise hat der abergläubische Jaratz recht behalten, und doch lag er auf zweifache Weise zugleich falsch.

Am Ende war die Niederlage das, was gemeinhin eine Klatsche genannt wird, 0:5 verlor der MSV, und im Stadion war auf Duisburger Seite die totale Akutdepression ausgebrochen. Vielleicht ein Drittel der Zuschauer war nach dem dritten Tor der Braunschweiger gegangen. Der Rest erledigte zusammen mit den Spielern des MSV die Pflicht, das Spiel bis zum Ende durchzustehen, die Pein auszuhalten, nicht genau zu wissen, ob gerade jemand dabei ist, einen zu demütigen. Die Braunschweiger taten den Spielern und uns keinen Gefallen. Sie spielten das Spiel mit derselben Intensität zu Ende, wie sie die zweite Halbzeit begonnen hatten. Sie konnten ihr Torverhältnis verbessern. Sie wollten ihr Torverhältnis verbessern. Eine solche Überlegenheit hatte der abergläubische Jaratz sich nicht vorgestellt. Das war keine Wiederholung des Spiels gegen Frankfurt. Die Eintracht war um Klassen besser als der FSV. Die Eintracht spielte präzise, mit variablem Tempo und bei Ballbesitz explodierte die Mannschaft geradezu immer wieder einmal. So schnell wurde der Ball in die Spitze gespielt. So schnell ging es steil über die Flügel. Wie schnell Phil Ofosu-Ayeh sein kann, hat er in Duisburg vor über einem Jahr als Verteidiger bewiesen. Gestern spielte er in der Offensive und brachte die linke Duisburger Defensivseite ein ums andere Mal in Schwierigkeiten.

Außerdem lag der abergläubische Jaratz völlig falsch bei seiner Einschätzung des MSV. Auch die Zebras spielten nach dem ersten Tor der Braunschweiger bis zu dem Moment, in dem Rolf Feltscher die gelb-rote Karte erhielt, um Klassen besser als in dem Spiel gegen Frankfurt. Sie drängten die Braunschweiger in deren Hälfte und schafften es dort immer wieder in den Strafraum. Chancen ergaben sich, obwohl der bessere spielerische Ansatz der Eintracht erkennbar war. Victor Obinnas Spielberechtigung hatte endlich vorgelegen, und er spielte von Anfang an. Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase bewegte er sich immer sicherer über das Feld, wurde mutiger in den Einzelaktionen und konnte zeigen, warum er sich zeigen will. Seine größte Chance, ein trockener, harter Schuss von knapp außerhalb des Strafraums blockte der liegende Kingsley Onuegbu mit seinen Beinen ab. Das ist der MSV im Moment: Wenn etwas schief gehen kann, dann geht es schief. So wie Rolf Feltschers Grätsche, mit der er kurz der Halbzeitpause statt den Ball den Gegenspieler traf und für die er gelb erhielt. Er hatte ja schon eine gelbe Karte, die Summe hieß gelb-rot.

Diese Grätsche gehört zu einem Bild, das ich mir kaum ansehen mag, an dem ich aber nicht vorbei komme. Diese Mannschaft des MSV will ans Limit gehen. Wahrscheinlich muss sie ans Limit gehen, um überhaupt eine Chance im Spiel zu besitzen. Die Folge sind rote Karten und vielleicht auch die ein oder andere schwere Verletzung. Spieler überschreiten Grenzen bei anderen und bei sich selbst. Erfolg steht nicht als Titel über so einem Bild. Dazu kommen an einer anderen Stelle der Leinwand die meisten Gegentore der Liga. Dazu kommt der ungeheure Einsatz, der keinen zählbaren Erfolg bringt. Dazu zählen diese enttäuschten Gesichter der Spieler. Dieses Bild ist ein Faszinosum der Angst. Ich will das nicht so zusammen sehen. Es taucht einfach vor mir auf.

Das zweite Tor der Braunschweiger fiel früh in der zweiten Halbzeit. Wahrscheinlich versuchten die Zebras noch einmal gegen die vollkommene Resignation anzugehen. Sie konnten es nicht mehr, auch wenn sie es vielleicht noch gar nicht merkten. Bewusst wurde es ihnen aber spätestens, als die Braunschweiger ihr drittes Tor machten. Doch das Spiel war noch nicht vorbei. Zwei weitere Tore mussten wir erleben. Das Spiel wurde zur Qual bis zum Schlusspfiff. Es war eine andere Qual als im Spiel gegen Frankfurt. Welche dieser beiden Qualen verheerendere Folgen für die Mannschaft hat, bleibt abzuwarten. Das Publikum des MSV hat sein Urteil mit den Füßen entschieden. Dieses Mal war es für mehr Zuschauer als gegen Frankfurt schlimmer.


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