Posts Tagged 'Wacker Meiderich'

Fußball ist Ruhrgebietsleben – Aus Fotoalben der Vergangenheit

Im Laufe des Tages hat mir Elli Hartmann weitere Fotos geschickt, die ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie bieten Einblick in den Fußball der 1960er bei Wacker Meiderich. Viel mehr kann ich dazu nicht schreiben. Kommentare sind einmal mehr erwünscht. Die Namen der Spieler wären sogar vielleicht noch zusammen zu bekommen. Genug ehemalige Bergstraßenbewohner und Wacker-Kenner scheint es ja im Netz zu geben. Meine Mutter kannte jedenfalls schon mal drei Gesichter zumindestens vom Sehen.

Wacker Meiderich _1Ob folgende Aufnahme bereits nach dem Spiel oder erst in der Halbzeitpause entstanden ist?

Wacker Meiderich_60erVor einem Spiel stellen sich Spieler von Wacker Meiderich an der Ecke Bergstraße, Horststraße zum Foto auf. Damals fuhr dort wohl noch eine Straßenbahn. Ob die Spieler zum Auswärtsspiel in die Straßenbahn einsteigen wollten? Fragen über Fragen.

wacker_auswärtsspiel_Das nächste Foto verweist auf die Arbeiter-Wirklichkeit der 1950er/Anfang 60er Jahre. Zu sehen ist laut Elli Hartmann eine Werksmannschaft von Phönix Rheinrohr.

Werksmannschaft Phönix

Berg, Wacker Meiderich und noch einmal Heinz Bohnes

Meine Großeltern wohnten in Meiderich-Berg. Heute geht’s nach Berg, hieß es immer, erst von Ruhrort aus, später von Mittelmeiderich. Berg, ein griffiger Stadtteilname mit zusätzlicher, sofort erkennbarer Bedeutung. Das mochte ich als Kind, wenn ich im Gegensatz dazu, etwa Obermeiderich hörte. Dass Berg auch Untermeiderich hieß, erfuhr ich erst sehr viel später. Und noch immer habe ich, sobald ich Untermeiderich höre, im ersten Moment das Gefühl, eigentlich ist dabei nicht von dem Teil Meiderichs die Rede, in dem ich als Kind meine Großeltern besuchte. Die Wohnung meiner Großeltern befand sich in der Bergstraße, der Bergschule gegenüber. Besser hätten Großeltern also nicht wohnen können für ein Kind, das sich in der Welt der Namen erst noch zurecht finden muss.

Sie wohnten in der zweiten Etage, heute hieße das in einem Mehrgenerationenhaus. Früher war das so normal, dass es dafür keines besonderen Hinweises brauchte. In der ersten Etage wohnte die Schwester meines Großvaters mitsamt zwei jugendlichen Kindern und der Urgroßmutter. Ihr Mann war Ende der 1950er Jahre auf dem Stahlwerk tödlich verunglückt. Zwei Zimmer hatten diese Wohnungen jeweils. Eine Küche kam dazu. Eine Toilette. In der zweiten Etage gab es noch eine Waschecke, unten gab es nur das Waschbecken der Küche, wo sich jeweils auch der einzige Ofen befand, mit dem geheizt wurde. Bei Eiseskälte wurde in jeder Wohnung ein zusätzlicher Heizstrahler in die Wohnzimmer gestellt, wenn jemand sich dort aufhielt. Das Schlafzimmer blieb stets ungeheizt. Eisblumen, die das gesamte Fenster bedeckten, waren im Winter für mich immer eine schön anzuschauende Sensation. So wurde bis 1971 – so meine ich – noch gewohnt von meinen Großeltern, von den anderen Verwandten. Dann wurde die gesamte Häuserzeile abgerissen. Die Großelterngeneration musste jene Straße verlassen, die seit den 1930er ihre Heimat gewesen war. Sie zogen nach Mittelmeiderich. Eine andere Welt.

Wer aus der Wohnung im ersten Stock aus dem Küchenfenster sah, blickte auf die „Hütte“. Ein riesiges Gelände, für das ich kein konkretes Bild mehr habe. Schwärze sehe ich vor mir, Röhren, Metallkonstruktionen. Nichts Genaues. Alles müsste ich nachfragen. Vielleicht kommt es dazu. Dann muss ich auch nachfragen, ob meine Erinnerung überhaupt stimmt, dass ich den  Fußballplatz von Wacker Meiderich von diesem Küchenfenster aus habe sehen können. Der Cousin meiner Mutter, mein Patenonkel, spielte dort regelmäßig als Torwart einer Werksmannschaft. Wacker Meiderich selbst wurde mir erst zum Begriff, als ich mich um die Vergangenheit des MSV Duisburg kümmerte. Neulich konnte ich hier an Heinz Bohnes erinnern, der bei Wacker Meiderich mit dem Vereinsfußball begann und mit der C-Jugend des Vereins 1949 die Stadtmeisterschaft gewann. Dank Elli Hartmann, die diesen Beitrag las,  kann ich nachträglich sogar ein Mannschaftsfoto der damaligen Meister veröffentlichen.

Wacker Meiderich C-JugendUnd als Elli Hartmann schon dabei war in ihrem Archiv zu kramen, hat sie den Spielbericht eines Schulspiels zwischen der Nombericher Schule und der Fröbelschule gefunden, gleichsam ein Stadtteilwettkampf Berg gegen Hochfeld, der vermutlich ebenfalls spätestens Anfang der 1950er Jahren ausgetragen worden ist.

schulspiel 1950Gerne hätte ich noch mehr über Wacker Meiderich und die Welt der Vergangenheit geschrieben. Mir fehlt aber einmal mehr die Zeit nachzufragen und zu recherchieren. Deshalb erneut an euch der Aufruf, mir eure Erinnerungen zu schreiben, euer Wissen über diese Zeit. Wer durch diesen Beitrag zu anderen Erinnerungen angestoßen wird, schreibt sie auf diese Erinnerungen – in den Kommentaren, in Mails, die ihr mir schickt, damit ich diese Erinnerungen veröffentlichen kann. Denn darum geht es auch hier, nur wer weiß, wo er herkommt, wird sich sicher, wo er hinwill.

Der vergessene Torjäger Heinz Bohnes – Teil 1

Manchmal gleicht städtisches Leben der Gegenwart doch immer wieder mal noch dem dörflichen der Vergangenheit. Lebenswege dieses Dorfes sind auseinander gegangen, doch die nächste Generation führt sie wieder zusammen. So war es, als Bernd Bohnes Ende letzten Jahres mir eine E-Mail schrieb, nachdem ich kurz zuvor an den MSV-Stürmer „Burger“ Hetzel erinnert hatte. Das Privatarchiv seines Vaters bot ebenfalls unzählige Erinnerungen an vergangene Zeiten des MSV Duisburg. Sein Vater war der Fußballer Heinz Bohnes, erfolgreicher Stürmer der Zebras Ende der 1950er Jahre, später beim Duisburger SV aktiv, dann Trainer bei verschiedenen Vereinen, vornehmlich am Niederrhein.

Wer schon wie meine Mutter zu Zeiten der Oberliga West ins Stadion an der Westender Straße ging, musste Heinz Bohnes also kennen. Für meine Mutter stieß der Name zudem weitere Erinnerungen an. Heinz Bohnes und sein Zwillingsbruder Paul hatten als Kinder in Meiderich-Berg auf derselben Straße wie meine Mutter gewohnt. Die Bergstraße rund um St. Matthias,  der längst profanierten katholischen Kirche von Berg, war damals Spielplatz für alle. Man lief sich über den Weg. Man kannte sich.

bohnes_PortraitIch hingegen kannte Heinz Bohnes nicht. Von ihm hatte ich noch keine romantische Oberliga-West-Anekdote gehört, und nun schickte mir sein Sohn Bernd Fotos über Fotos. Das Dorf fand wieder zusammen. Ich sah Heinz Bohnes im Trikot der deutschen Nationalmannschaft, und dachte, über den Mann lässt sich eine größere Geschichte erzählen. Wieso weiß ich nichts über einen Nationalspieler Heinz Bohnes? Darüber hinaus machten diese Fotos die 1950er Jahre auf wunderbare Weise lebendig. Wie konnte ich diesen Archivschatz zumindest mit den notwendigsten Hinweisen versehen?

Wenn ich das machen wollte, wie ich es mir vorstellte, würde darüber ein Jahr vergehen. Ich hatte für den Moment einfach keine Zeit für die Recherche, die noch nötig war, obwohl mir Bernd Bohnes schon einige Informationen über seinen Vater schickte. Deshalb entschloss ich mich zu einem anderen Weg. Dieser Beitrag heute und der morgige werden zu einer Art Mini-Wiki. Ich veröffentliche die Fotos und bitte euch, die ihr die Spieler der MSV-Geschichte in- und auswendig kennt, mir Hinweise zu den betreffenden Personen auf den Fotos zu geben. Dann ließen sich nach und nach Leerstellen füllen.

Außerdem fehlen mir Hinweise auf die Fotografen. Natürlich hätte ich diese Fotografen gerne angeschrieben, um die Erlaubnis zur Veröffentlichung einzuholen. Wenn es also von den jeweiligen Urhebern der Fotos Einwände gegen die Veröffentlichung gibt, so bitte ich darum, mit mir Kontakt aufzunehmen. Mit Hilfe der Erinnerungen von Margret Bohnes, der Ehefrau des Fußballers, kann ich zumindest ein paar kurze biografische Anmerkungen zu Heinz Bohnes Fußballerleben machen. Großer Dank deshalb nochmals an sie und Bernd Bohnes.

Heinz Bohnes wurde am 6. Juni 1935 in Duisburg-Meiderich geboren. Die Jungen seiner Generation spielten Fußball zunächst lange nur auf der Straße. Mit zwölf Jahren schließlich schloss er sich Wacker Meiderich an, dem Fußballverein, der an der Bergstraße seine Fußballspiele bestritt. Mit 14 Jahren gewann er mit seiner Schülermannschaft die Stadtmeisterschaft. Von Wacker Meiderich aus wechselte er 1953 mit seinem Zwillingsbruder Paul Bohnes zu Meiderich 06. Für Paul blieb der Verein bis ins hohe Alter die sportliche Heimat.

bohnes_sturmszene9Heinz Bohnes hingegen wurde 1955 vom Meidericher SV für die Regionalliga abgeworben, der damals zweithöchsten Spielklasse, in der der MSV Duisburg für diese Saison ein einjähriges Intermezzo gab. Unter Hermann Lindemann gelang der direkte Wiederaufstieg in die Oberliga West, in der Heinz Bohnes von nun an spielen sollte. „Heini“ wurde Heinz Bohnes gerufen, der auf dem Spielfeld durch seinen Laufstil mit weit ausholenden, rudernden Armbewegungen unverkennbar war. In der Saison 1957/58 gehörte er mit 17 erzielten Treffern zu den erfolgreichsten Torschützen der Liga. Was ihm nicht nur 1958 das Vertragsangebot  des damaligen türkischen Meisters Fenerbahce Istanbul bescherte, sondern auch Einladungen zur Nationalmannschaft. Bei einem A-Länderspiel eingesetzt wurde er allerdings nicht. In jener Zeit spielte er mit dem MSV  mehrmals im Ausland. So gab es Freundschaftsspiele in Spanien gegen  FC Real Saragossa, Valencia und in Barcelona. In Algerien wurde in Algier gespielt. Für den MSV bestritt er 100 Spiele in der Oberliga West und erzielte dabei 37 Tore.

In der Saison 1959/1960 wechselte er zu Eintracht Braunschweig in die Oberliga Nord. Die Normalität für einen Fußballer heute bedeutete damals einen tiefen Einschnitt in das Leben der Familie. Die gesamte Familie zog nach Niedersachsen um, ohne dort wirklich heimisch zu werden. Margret Bohnes wollte zurück nach Duisburg, und so wurde der Aufenthalt in Braunschweig zum einjährigen Gastspiel. Heinz Bohnes wechselte zurück in die Heimatstadt und spielte ab der Saison 1961/62 beim Duisburger SV, der später mit TuS Duisburg 48/99 zu Eintracht Duisburg fusionierte. Der Stürmer wurde nun als Defensivspieler eingesetzt. Er machte noch 59 Spiele für den DSV und erzielte zwei Tore. Nach der Saison 1965/66 ließ Heinz Bohnes seine Karriere als Spielertrainer bei unterschiedlichen Vereinen am Niederrhein ausklingen. Er erwarb die Trainer A-Lizenz und trainierte unter anderem den SC Kleve und den TV Voerde.

Zum Glück ist Wacker nicht der Spielverein – Teil 1

Hans F. (* 1939)

Es muss 1954 gewesen sein, als ich das erste Mal beim MSV war. Da spielten die noch auf der Westender Straße. Da war noch das alte Stadion. Der MSV spielte in der Oberliga. Das war ja die höchste Liga, und da habe ich erstmal richtig Fußball gesehen … wie Fußball gespielt wurde. Da kamen ja auch die ganzen Vereine wie Rot-Weiß Essen, Westfalia Herne und alles und vor allen Dingen waren zu der Zeit schon diese vielen Zuschauer bei den Spielen. Ich glaube, in das Stadion gingen ja 20.000 Zuschauer rein. Das war schon enorm für mich. So was hatte ich ja noch nie gesehen. Ich kam ja … wie sagt man …sagen wir mal, von so einem Klüngelsverein. Da waren ja höchstens an die fünfzig, sechzig Zuschauer immer. Das war noch in Schleswig-Holstein, so ein Dorfverein.

Nach Duisburg waren wir ja gekommen, weil mein Bruder hier auf der Zeche Arbeit bekommen hatte. Die vom Bergbau sind damals durch die Gegend gefahren und haben Reklame gemacht. Die waren damals überall, in den Städten und so und auch in Schleswig-Holstein, und aufgrund dessen hat mein Bruder sich gemeldet. Und weil mein Bruder jetzt hier unten war, konnten wir auch umsiedeln. Wir waren ja sowieso noch drei Kinder, die noch Arbeit suchten und aufgrund dessen sind wir dann hier runter gezogen – in den Kohlenpott.

Ich komme ja eigentlich aus Schlesien und nach Schleswig-Holstein sind wir nach dem Krieg gekommen. Wir mussten ja unsere Heimat verlassen. Da kam an einem Tag die SS, und da hieß es, sofort hier weg, nur das Nötigste mitnehmen, in sechs Wochen seid ihr wieder zu Hause. Aber drei Monate später waren wir in Schleswig-Holstein. Da sind wir dann für neun Jahre gelandet. Als kleines Kind hatte ich in der Nähe von der Schneekoppe gelebt. Nachdem wir da weg mussten, haben die uns in den ersten zwei Tagen auf diesen großen Lkws durch die Gegend gefahren und dann war auf einmal Schluss. Da waren die Russen vor uns. Die ganzen Soldaten haben reißaus genommen, und dann ging´s zu Fuß weiter – bis zu so einem Aufnahmelager. Da wurden wir dann entlaust, und von da aus wurden wir verteilt. Wir mussten nach Schleswig-Holstein. Da habe ich mit meiner Mutter und meinen drei Brüdern neun Jahre auf einem Bauernhof gelebt, und da bin auch zur Schule gegangen.

Und dann erst kam Meiderich wegen meinem Bruder. In Meiderich musste ich noch ein Jahr zur Schule gehen, weil ich in Schleswig zu spät eingeschult wurde. Als wir in Meiderich ankamen, wollte ich auch sofort den Meidericher Spielverein sehen. Weil ich vorher immer schon die Zeitung gelesen hatte mit den ganzen Tabellen vom Fußball, deshalb kannte ich den Meidericher Spielverein. Da bin ich dann los und hab einen auf der Straße gefragt, wo spielt der Meidericher Spielverein? Ja, und da hat der mich nach Meiderich-Berg geschickt. Zu Wacker Meiderich! Ich weiß noch, da bin ich von Mittelmeiderich aus durch den Tunnel durch. Der hatte gesagt, wenn du da durchkommst, direkt links, hinter dem Berg, da ist der Platz. Ooh, was war ich erschrocken. Da hatten wir ja da oben in dem Dorf einen besseren Sportplatz. Das Spiel habe ich mir angeguckt. Und auch das Spiel, das war genauso wie da oben auf dem Dorf. Ich bin wieder nach Hause, und auf dem Weg nach Hause da traf ich einen Schulkollegen, und den habe ich gefragt: „Hör mal, das ist doch nicht der Meidericher Spielverein?“ „Ne!“, hat der gesagt, „Wart mal Sonntag, dann gehen wir beide auf den Platz.“ Ja, und dann hat er mich dann zur Westender Straße mitgenommen.

Bei dem ersten Mal haben wir dann Eintritt bezahlt, aber später sind wir auch viel über den Zaun geklettert. Auf einer Seite waren ja nur Gärten, und da sind wir dann rüber gekrochen und haben uns da reingemogelt. Und ich hatte nachher das große Glück, dass bei mir in der Klasse der Peter Danzberg war und der spielte ja in der A-Jugend beim MSV. Wir waren gut befreundet, und der hat mich immer mitgenommen. Da bin ich auch zu den Spielen mit, wo die gespielt haben, sagen wir mal nach Hamborn. Da bin ich dann überall mitgefahren – immer mit der Straßenbahn.

So bin ich beim MSV geblieben. Da wollte ich auch mal zur Leichtathletik rein. Aber da war so ein blöder Trainer. Der hat Sprüche losgelassen … das fand ich nicht in Ordnung. Wenn du neu bist, und wenn sich dann einer so ausdrückt … ich will die Wörter gar nicht wiederholen, die der alle zu mir gesagt hat. Da habe ich gesagt, der kann mich mal. Tschüss, und weg war ich. Dann bin ich zu diesem Turnverein in Meiderich, wie hieß der noch, ich komm jetzt nicht auf den Namen, und von da bin ich zum Ruhrorter Turnverein. Aber zum Fußballgucken bin ich immer noch zum MSV gegangen. Da bin ich noch lange hingegangen. Dann habe ich anfangs auch noch Bundesligaspiele gesehen … danach aber irgendwann nicht mehr … nicht im Stadion.

Aufgezeichnet von Kees Jaratz
Und ab ins Fan-Gedächtnis …


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