Posts Tagged 'WAZ'

Hat Christian Wulff gerade etwas Zeit?

Es nutzt alles nichts. Für mich gilt ab heute: Strategiewechsel. Da das Banner-Thema von WAZ/NRZ nach den bekannten Handbüchern für Skandaljournalismus abgearbeitet wird, werden wir noch ein paar Tage damit zu tun haben. Sich ärgern ist aber so ein unproduktives Gefühl. Wenn die Wirklichkeit gerade ist, wie sie ist, will ich meinen Vorteil dabei suchen,

Schließlich fühle ich mich zum einen ziemlich wohl, wenn ich sehe, wie erwartbar das Ganze gerade vonstatten geht. Ich habe die Welt im Griff. Ein durchweg positives Gefühl. Natürlich wird bei jedem Skandal eine übergeordnete Institution mit hinein gezogen werden. Sonst wäre die Geschichte sofort zu Ende. Die Tat ist nur ein äußeres Zeichen dafür, dass drinnen etwas nicht stimmt. Das ist der klassische Verlauf. Nun hat die Geschichte Potential, wenn viele Menschen zusammen arbeiten, stimmt „drinnen“ immer irgendwas nicht. Das ist normal.

Ich hoffe, Bernd Maas und Ingo Wald nehmen die Dinge auch so gelassen wie ich. Mich stört nämlich sehr, wie kleinlaut gerade Bernd Maas in der Berichterstattung wirkt. Gestern habe ich schon einmal in einem Kommentar hier geschrieben, ich finde, der Verein kann selbstbewusst damit umgehen, dass unter seinen Zuschauern immer wieder auch Menschen sind, die sich nicht benehmen können. Auch das ist normal, weil das Stadion einer der wenigen Orte dieser Gesellschaft ist, an dem Menschen aller möglichen sozialen Herkünfte mit allen möglichen Verhaltensweisen zusammen kommen. Das ist kein Skandal des MSV

Ich habe aber auch noch sehr viel mehr Gründe für gute Gefühle. Denn im Fahrwasser des Skandaljournalismus kriegen meine Worte ebenfalls mehr Aufmerksamkeit. Ich halte es also mit der asiatischen Kampfkunst und nehme die Energie meines Gegenübers einfach auf, um sie in eigene Energie zu verwandeln. Wirklich, ein gutes Gefühl.

Und last but not least lässt sich dieser Vorgang ja auch dazu nutzen, noch mehr über die Welt zu lernen. Im Grunde spaltet sich ja gerade die Öffentlichkeit rund um den MSV zu diesem Thema. Es gibt den Deutungsversuch der Funke-Gruppe über den klassischen Print-Kanal. Daneben gibt es im Netz die andere Öffentlichkeit mit Interesse am MSV, die sich nahezu geschlossen gegen die Skandalsierungsberichterstattung bei WAZ/NRZ wendet und sich in Teilen ebenfalls empört.

Diese Teilung der Öffentlichkeit in der digitalisierten Gegenwart ist ein Phänomen, mit dem sich längst Wissenschaftler beschäftigen. Der Mann, der dazu im Moment meist gefragt wird, ist Professor Bernhard Pörksen. Vor drei Jahren hat er zusammen mit Hanne Detel „Der entfesselte Skandal“ geschrieben. Sollten wir also alle jetzt mal lesen. Bei Spiegel online findet sich dazu eine kurze knackige Besprechung. Außerdem haben Bernhard Pörksen und Hanne Detel dort acht Thesen zu „digitalen Erregungszyklen“  zusammengefasst. Sonderlich tiefe Einsichten sind das nun nicht, aber sie so geordnet einmal vorliegen zu haben, verhilft zur Ordnung auch im eigenen Denken.

Bleibt nur noch die Frage, ob Christian Wulff inzwischen auch im Beratungsgeschäft unterwegs ist? Was er aus seinen Fehlern in seinem Skandal gelernt hat, kann dem MSV nur nutzen. So gut wie nichts ist von all dem übrig geblieben, worüber damals skandalisierend geschrieben wurde.

Wie man aus aufgeblasenen Skandal-Bannern die Luft rauslässt

Eigentlich habe ich über dieses Banner, das im Spiel gegen den FC Schalke 04 hochgehalten wurde, nichts schreiben wollen. Mit Provokationen geht man in der Öffentlichkeit am besten um, indem man sie ins Leere laufen lässt.  Genauso geht man mit der Bearbeitung von Provokationen durch die Medien um. In großen Teilen sind diese Medien ja im Unterhaltungsbetrieb Fußball keine sachlichen Berichterstatter sondern Teilnehmer des Betriebs und befeuern Themen aus eigenem Interesse. Was den konstruktiven Umgang mit Provokationen natürlich erschwert.

Das Banner mit der Anspielung auf die Demenz-Erkrankung von Rudi Assauer in der Duisburger Fankurve war eine Steilvorlage für die B- oder C-Kategorie einer Skandalgeschichte. Da greift der Journalismus gerne zu in Zeiten, in denen der Fußball in dieser Gesellschaft von so großer Bedeutung geworden ist und zugleich eine Krankheit als Thema berührt wird, die seit Jahren von öffentlichem Interesse ist, mit der viele schon zu tun hatten und vor der viele Menschen Angst haben. Besser geht es nicht, es gibt ein wehrloses Opfer und die Bösen. Wie leicht kann man sich über diesen Vorfall empören. Wie gerecht fühlt sich diese Empörung an. Empörung lässt sich auch genießen. Wie lebendig macht sie, und wie sehr möchte man als Journalist für seine Leser doch auf der richtigen Seite stehen. Beifall ist gewiss.

Ich wollte all das ignorieren, weil morgen schon die nächste Sau durch Fußballdeutschland getrieben wird. Da war ich sicher. Da musste ich gar nichts machen. Ich habe weder in Bielefeld auf einen Mannschaftsbus geschossen, noch war ich in Osnabrück, um ein Feuerzeug auf den Schiedsrichter zu werfen.

Nun schreibe ich dennoch, einzig und allein, weil ich meinem Verein den Rücken stärken will, weil ich Sorge habe, die Verantwortlichen dieses Vereins haben zu große Angst vor diesen Schlagzeilen, die nichts anderes sind als mediale Reflexe im Fußballunterhaltungsbetrieb. Wenn ich in WAZ/NRZ die Schlagzeile lese, MSV-Boss Wald kündigt nach Assauer-Banner Konsequenzen an, möchte ich ihm zurufen, mache dir keinen Kopf. Ihr habt euch sofort nach dem Spiel entschuldigt. Ihr hattet ein gutes Krisenmanagement. Auch wenn mir schon der Ton von Bernd Maas auf der Pressekonferenz nach dem Spiel  nicht selbstbewusst genug klang. Ich weiß aber, wie schwer es ist, den richtigen Ton in solch einem Moment zu treffen. Die Entschuldigung ist angenommen, und nun ist aber auch gut.

Geschmacklosigkeiten sind kein Verbrechen. Geschmacklosigkeiten sind Grenzüberschreitungen in sozialen Zusammenhängen, und  solche Grenzüberschreitungen versucht man normalerweise in Gesprächen zu bewältigen. Unaufgeregt muss man den Banner-Machern sagen, was ihr da gemacht habt, war nicht so komisch, wie ihr es euch beim Machen vielleicht gedacht habt. Ihr habt auf Kosten eines Schwächeren euren Witz versucht. Vielleicht gibt es sogar Orte für diesen Witz und Menschen, die diesen Witz hätten machen können. Ich weiß das nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich solch einen Witz selbst machen würde. So etwas handelt eine Gesellschaft situativ aus. In diesem Stadion am Samstag war das Banner fehl am Platz. So könnte man es den Machern sagen, und eine Konsequenz könnte sein, sich direkt bei Rudi Assauer zu entschuldigen. Und dann wäre es auch an dieser Stelle gut.

Liebe Verantwortliche beim MSV, geht doch nicht in die Empörungsfalle, die euch ein Teil der Medien gestellt hat. In sportlichen Fragen folgt ihr doch auch nicht jedem populistischen Aufschrei. Weigert euch, über das Stöckchen zu springen, das euch von den Journalisten des Funke-Konzerns hingehalten wird. Seid selbstbewusst. Das öffentliche Bild vom MSV hat durch das Banner keinen Schaden genommen. Sorgt euch nicht. Wie gesagt, die nächste Sau wartet auch im Pott-Dorf schon.

Kartenlegen statt Recherche und ein Jugendzimmerfundstück

Gestern habe ich bei meiner Mutter einen Blick in die Printausgabe der NRZ werfen können und tatsächlich nimmt dieser unsägliche Kartenlegerin-Artikel über den MSV Duisburg, den ich zuvor schon online gesehen hatte, auch in der Printausgabe ein Viertel der zweiten Seite im Lokalteil ein. Ich hatte gehofft, dem sei nicht so, und ich bedauer nun die ernsthaften Journalisten der Redaktion für die Aussicht auf die Zukunft dieser Zeitung. Und komme mir keiner aus der Redaktion mit der alten Leier, die Leser wollten auch mal bunte Themen.

Mit diesem Artikel werden sämtliche journalistischen Standards unterboten, auch der für „Bunte-Themen-für-die-Leser“. Denn selbst wenn ich zähneknirschend so etwas unter dem Motto „vermutetes Unterhaltungsbedürfnis“ hinnehmen soll, der Zeitpunkt für das Erscheinen passt überhaupt nicht. Der MSV Duisburg befindet sich erneut in einer bedrohlichen Finanzsituation und den Lesern der Zeitung wird als zusätzliche Hintergrundinformation das Fachwissen einer Kartenlegerin geboten, die ihr umfängliches Wissen aus der Quersumme des Gründungsdatums vom MSV Duisburg entnimmt. Werden demnächst im Hauptteil, Sparte Politik, auch die Meinungen von Wünschelrutengängern und Druiden zu Koalitionverhandlungen und Staatsschulden nachgefragt?

Heute, einen Tag nach Erscheinen dieses Artikels trifft sich eine Delegation des MSV Duisburg mit Walter Hellmich. Das Weiterbestehen des MSV Duisburg hängt davon ab, ob Walter Hellmich dem Schuldenschnitt zustimmt oder nicht. Und kein Medium nimmt das zum Anlass, noch einmal sämtliche Fakten zusammen zu stellen, die dieses Treffen so brisant machen. Ein Dossier hätte erstellt werden können, um die überaus komplizierte Geschichte von Walter Hellmich mit dem MSV Duisburg verständlicher zu machen.

Man hätte die gemeinsame Interessenlage von Walter Hellmich und dem MSV Duisburg zu Beginn seines Engagements aufzeigen können. Diese Zeit schuf die Grundlage für Walter Hellmichs unerschütterbaren Glauben, der MSV Duisburg habe ihm mehr zu verdanken als er dem MSV Duisburg. Man hätte auf die damals so nahe liegende Allmachtkonstruktion hinweisen können, die selbstverständlich zu Schwierigkeiten führt, wenn die Interessenlagen von Person und Verein sich voneinander entfernen. Man hätte dann versuchen können, genauer zu benennen, was Walter Hellmich auch dem MSV Duisburg zu verdanken hat und umgekehrt. All das hätte zu der von allen Beteiligten immer wieder geforderten Transparenz beigetragen. Stattdessen erfahren wir, die Gründungsdatum-Quersumme steht laut Kartenlegerin für „Doppelte Sonne“. Klingt irgenwie gut. Wie man es von Kartenlegerinnen erwarten darf.

Was WAZ/NRZ kann, kann ich übrigens besser. Wenn schon Leserbindung, dann mit den richtigen Mitteln, die nicht zum Thema gehören. Deshalb nun zu etwas ganz anderem: Neulich habe ich eine Umzugskiste mit altem Kram von meinem Vater zu mir geholt und was finde ich? Ein Original-Jugendzimmer-Schlafcouch-Dekokissen der 1970er Jahre. Bitte schön!

2013-10-15_MSV_Kissen 001b

Halbherziger Boulevard zeigt den Dilettantismus bei der WAZ

Es ist schon schwierig mit den Strukturen. Immerzu gibt es da eine Vergangenheit, die sich in der Gegenwart bemerkbar macht. Bei der WAZ etwa heißt diese Vergangenheit Lokalzeitung für ein sehr gemischtes Lesepublikum, und die schleppt so eine WAZ der Gegenwart immer mit sich, wenn sie es in Krisenzeiten mal so richtig populistisch krachen lässt. Mein Gott, was muss dann da für eine dicke, fette Überschrift noch an Text alles drunter. Die Leser erwarten einfach längere Artikel als in der BILD. Dabei reichen sechs, sieben Sätze für so eine Überschrift: „Der Reck-Rauswurf zeigt den Dilettantismus beim MSV Duisburg“.  Damit wäre die empörte Volksseele auch wunderbar bedient. Daneben das Foto einer nackten Spielerfrau gesetzt, und schon steigen die Klickzahlen ins Unendliche.

Dann fiele auch nicht weiter auf, dass der Dilettantismus mit nicht einem Satz im Text weiter begründet wird. So aber steht der WAZ-Journalist plötzlich nackt da, denn das jedem sichtbare Geschehen soll schon hinreichend für ein Urteil sein? Nachher ist immer alles leicht bewertbar. Was wäre denn, wenn Jürgen Gjasula gesund geblieben wäre? Ich behaupte, dann könnte man von einem mittelprächtigen Saisonanfang berichten und müsste eigentlich das gleiche Urteil fällen. Lauter Dilettanten beim MSV Duisburg! Können nicht mal verhindern, dass die Spieler erkranken und sich verletzen.

So könnten sich die Journalisten bei der WAZ eigentlich in derselben Situation wie die Verantwortlichen beim MSV Duisburg fühlen. Immerzu müssen sie sich mit alten Strukturen auseinander setzen. Sie sind zwar auf einem guten Weg zum Neuen, dem Boulevard, indem sie die letzten zwei Jahre in diesem Verein unterschiedlos zusammenrühren. Der Rest aber wirkt noch etwas dilettantisch. Doch dafür kann ja der einzelne Journalist nichts. Das sind die Strukturen. Das dauert bis eine Lokalzeitung so verändert ist, dass man nur noch Meinung und keine Analyse mehr erwartet.

An der Analyse versuche also ich mich einmal. Zugegeben auch nur per äußeren Ansehen, doch mit nachvollziehbaren Begründungen, so dass überhaupt irgendetwas argumentativ verhandelt werden kann. Die Strukturen, das ist das entscheidende Stichwort auch beim MSV Duisburg. Da gab es einen Verein, dessen Organisationsstruktur ganz auf die Persönlichkeit Walter Hellmichs abgestellt war. Als Erfolge ausblieben, war sogar Walter Hellmich selbst nicht mehr glücklich damit und meinte, es sei besser, zu gehen. Mitentscheiden über das, was kommt, wollte er aber auch.

Wenn Macht so konzentriert war, wie in seiner Vergangenheit, ist es nicht einfach, das entstehende Vakuum zu füllen, besser noch eine Struktur zu schaffen, die in Zukunft gar nicht erst so ein Vakuum entstehen lässt. Andreas Rüttgers erst versucht das, und er geht dabei mit Menschen um, die schon länger als er im Unternehmen MSV Duisburg, diesem dem Verein ausgelagerten Profi-Betrieb, Verantwortung tragen. Das sind schwierige Konstellation. Denn auch diese Menschen, sagen wir Roland Kentsch,  haben Verträge und Vorstellungen von erfolgreichem Arbeiten. Das ist normal und nicht verwerflich. Niemand kann also einfach daher gehen,  irgendetwas Neues in Gang setzen. Nicht einmal ein Wunderonkel mit viel Geld könnte das, um die Hellmich-Linie mit einem neuem Namen fortzusetzen. Auch er müsste mit vorhandenen Strukturen umgehen. Ihm ginge das leichter von der Hand, weil es auf den ein oder anderen Euro nicht ankäme.

Reden wir also vom Geld. Dieses Geld gibt den Rahmen vor. Bruno Hübner ging, weil er ein attraktiveres Jobangebot bekam. Die Modalitäten seines Wechsels sind fragwürdig, aber von den gegenwärtigen Personen im Verein nicht zu verantworten. Was macht also der Name Bruno Hübner in dem oben genannten Artikel? Er ist einfach ein bisschen Feuermaterial für die Stimmung. Weiter im Text. Der MSV Duisburg hat immer noch zu wenig Geld, auch nach dem Weggang von Bruno Hübner. Milan Sasic fehlt zudem der Konterpart, damit er nicht erneut in alte Fehler seiner Persönlichkeit verfällt. Hat damit irgendeiner der derzeit Verantwortlichen etwas zu tun?

Milan Sasic ist nicht erfolgreich. Als kostengünstigste Lösung tritt Oliver Reck die Nachfolge an. Unterstützt wird er von Uwe Schubert. Es ist ein ungewöhnliches Modell. Die Entscheidung ist nachvollziehbar. Inzwischen ist auch Andreas Rüttgers Vereinspräsident geworden und besitzt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Dieter Steffen Vorstellungen darüber, welche Voraussetzungen für die zukünftige Entwicklung des MSV Duisburg geschaffen werden müssen.

Doch bei Entscheidungen in diesem Verein stehen die Verantwortlichen immer vor der Frage, wohin fließt das Geld am besten. Geht das Geld in die Verpflichtung eines neuen Spielers oder bringt es uns stattdessen im Jugendbereich weiter? Verpflichten wir einen externen Sportdirektor, der die Gegebenheiten vor Ort erst kennenlernen muss, so also betriebswirtschafltlich gesehen, zusätzliche Kosten produziert oder nehmen wir jemanden, der sich im Verein auskennt, aber nicht ganz so erfahren ist. Die zweite Variante wurde gewählt. Mit Erfolg! Die Verpflichtungen von Ivica Grlic habe ich nach dem ersten Spieltag gelobt. Und ich bleibe bei meinem Urteil. Er hat mit den vorhandenen finanziellen Möglichkeiten, den Kader nicht schlechter gemacht, eher potentiell verstärkt. Die Ausfälle hat er nicht zu verantworten.

Beim Kaderumbau sind lang laufende Verträge zu berücksichtigen. Wieder stehen die Verantwortlichen vor der Frage, was tun? Versprochen war Kontinuität. Diese Kontinuität wurde zum ersten Mal seit längerem erfüllt. Dass das jetzt nicht funktioniert, wusste vorher niemand. Man muss Pläne erst einmal in die Wirklichkeit umsetzen.

Es bleibt alleine ein möglicher Kritikpunkt, und das ist die Verlängerung des Vertrages von Oliver Reck zu einem Zeitpunkt, in dem er erfolgreich war. Ich finde ihn sympathisch, und er hat mit dazu beigetragen, dass dem MSV Duisburg in der letzten Saison der Klassenerhalt gelang. Dafür gilt ihm unser aller Dank. Nun jedoch wird  Oliver Reck von vielen als ein Opfer angesehen. Aber bitte schön, der Mann ist erwachsen. Er kann frei entscheiden. Trage ich die Gegebenheiten mit. Oder denke ich, das kann eigentlich nicht gelingen. Der Kader ist zu dünn. Die Ausfälle werden uns zu Saisonbeginn chancenlos machen. Außerdem spüre ich das Misstrauen meiner erfahrensten Spieler Bajic und Sukalo – was so kolportiert wird. Das mache ich nicht mit. Da habe ich Gesprächsbedarf mit Ivica Grlic. Da geht es nicht um Loyalität. Da geht es um professionelles Arbeiten.

Also, das wäre eine Aufgabe eines ernst zu nehmenden Journalismus. An der Stelle müsste im Verein und bei Oliver Reck nachgefragt werden. Das müsste eingeordnet werden, denn jeder hat auch eigene Interessen in dieser Branche. Leichter ist es natürlich, in den Chor des tobenden Mobs mit einzustimmen. Wie gesagt, das ist schon mal keineswegs dilettantischer Boulevard. Schließlich eröffnen sich Möglichkeiten, wenn diese Stimmung befeuert wird. Platzsturm! Darüber kann man sich dann auch wieder heillos empören. Mit fetten Schlagzeilen. An der Textlänge und den Fotos der nackten Spielerfrauen muss allerdings noch gearbeitet werden.

In Parallelwelten, die wenig voneinander wissen?

Ich verstehe das nicht. Was ist im WAZ-Konzern los? Was wissen die Journalisten dort über den MSV Duisburg, was niemand sonst weiß und warum berichten sie dann nicht diese exklusive Nachricht? Ich will hier jetzt nicht andauernd Medienkritik betreiben, aber diese Woche stoße ich ständig auf journalistische Texte, die ich nicht verstehe. Mancheinem ist es ja egal, welche Behauptung über den MSV Duisburg in Kommentaren und Berichterstattung wahr ist und welche nicht. Das sind die ergebnisorientierten Leser, die glauben bei Erfolgslosigkeit einer Mannschaft folgt die Branche gesetzmäßig dem immer gleichen Verfahren. Mannschaft droht Abstieg, Trainer die Entlassung.

Aber bin ich naiv, wenn ich darauf bestehe, dass auch Sportjournalisten in ihren Kommentaren und in ihrer Berichterstattung zumindest berücksichtigen müssen, was vom Gegenstand ihrer Berichterstattung zu vernehmen ist? Die eigene Meinung dazu äußern kann man danach immer noch. Journalisten müssen doch in irgendeiner Weise auch im Blick halten, was offiziell gesagt wird. Das sind die Spielregeln.

Gerade verstoßen diese Journalisten ununterbrochen gegen diese Spielregeln und mich interessiert wirklich, warum das so ist. Da bin ich ganz neugieriger naiver Betrachter von außen. Das ist mir so unbegreiflich, dass ich mich gar nicht aufregen kann. Da kommt ein Kommentar aus der Essener WAZ-Zentralredaktion und auch in diesem Kommentar wird unter der Überschrift „MSV Duisburg lässt im Abstiegskampf keinen Fehler aus“ dieses in WAZ und BILD berichtete Ultimatum des Wochenanfangs aufbereitet: „Zum Beispiel: Ein Ultimatum wie aus dem Kindergarten (Siegen oder Fliegen) für Trainer Oliver Reck“.

Ich verstehe das nicht. Ich verstehe wirklich nicht, wieso folgender Satz auf der MSV-Seite für die Journalisten überhaupt keine Rolle spielt: „Rüttgers bei der PK auf die Frage der Medien nach einem ‚Ultimatum‘ für Reck: ‚Unser Sportdirektor Ivo Grlic und auch kein anderer vom MSV hat von einem Ultimatum gesprochen. Das sind Spekulationen. Dass der Sportdirektor sagt, dass wir einen Sieg wollen, ist für mich ganz normal – das wollen wir nämlich immer.'“

Das muss ich doch in irgend einer Weise aufgreifen, wenn ich über ein Ultimatum berichte? Aus Sicht eines Journalisten, der partout die normalen Mechanismen des Fußballgeschäfts beim MSV Duisburg greifen sieht, wirkt sein so kritisch gemeinter Kommentar doch nicht weniger aufrüttelnd, wenn er auch noch diese Spitze losließe: Bleibt die Frage, ob sich der neue Vereinspräsident nicht nur rausreden will? Ich verstehe das einfach nicht. Ich verstehe nicht, wieso sich Ralf Birkhan eine so offensichtliche Blöße gibt.

Macht er das etwa, weil er sich sicher sein kann, niemanden interessiert das Geschehen wirklich. Macht er das, weil er weiß, seinen Lesern geht es auch nur um den Thrill, um die Erregung durch die Sensation? Oder macht er das gar, weil die Genauigkeit für die meisten am MSV Interessierten Menschen inzwischen nur noch zu den Feinheiten gehört? Einzelheiten sind uninteressant, nicht wichtig? Die große Frage ist alleine, überlebt der MSV oder nicht. Fast kommt es mir so vor, weil diese Behauptung im Kommentar, die so offensichtlich den MSV-Aussagen widerspricht, kaum kritische Bemerkungen  hervorruft. Einzelne Stimmen gibt es, wie hier in viel deutlicheren Worten, als sie mir möglich sind. Ich hingegen staune einfach nur, und verstehe diesen Kommentar einfach nicht, weil ich Ralf Birkhahn bislang als ausgewogenen berichtenden Journalisten habe wahrgenommen. Was passiert da im WAZ-Konzern? Ich verstehe es nicht.

Skandal um Tippspiel von „Der Westen“

Entschuldigt, bitte, die reißerische Überschrift, aber ich möchte heute möglichst viele Leser erreichen, und deshalb erweisen sich zu meiner eigenen Überraschung meine ethischen Grundsätze zur Sachlichkeit auf dieser Seite etwas flexibler, als es sonst der Fall ist. Skandal hört sich doch packender an als etwa „Rechtsphilosophische Überlegungen zu Wettbewerbsverzerrungen bei Tippspielen“. Ich rede hier nicht über dieses Tor. Darüber redet zwar ganz Fußball-Deutschland, aber mich interessiert etwas anderes, was ungeachtet aller Sachlichkeit natürlich doch ein Skandal ist, weil die Organisatoren des Fußballspiel-Tippspiels vom WAZ-Portal  Der Westen gestern im Laufe des Tages entschieden haben, mir drei der am Wochenende ehrlich ertippten Punkte abzuerkennen. Morgens triumphierte ich noch als Tagessieger unserer zehn Mann starken Tipprunde, abends erreichte mich die vom Freund weitergeleitete Mail folgenden Inhalts und ich war in unserer internen Tabelle zwei Plätze runtergerutscht :

Sehr geehrter Herr xxxxxx,

aufgrund eines Systemfehlers, dass das Freitagsspiel noch bis Samstag getippt werden konnte und somit Manipuliert werden konnte, wurde der Tipp für ungültig erklärt. Dies ist nur zugute der Fairness, wir bitten um Entschuldigung.

Bitte lassen Sie bei Rückfragen den vollständigen Schriftverkehr in der E-Mail eingefügt, damit wir den Sachverhalt schnell zuordnen können.

Mit freundlichen Grüßen
xxxxxxx xxxxxxxxxx

Ihr Team von „DerWesten“
WAZ New Media GmbH & Co. KG

Bei dem oben erwähnten Spiel handelt es sich um das Spiel von Union Berlin gegen Rot Weiß Oberhausen, das ich mit großem Sachverstand und natürlich unter Beachtung unzähliger mir zugänglichen Informationen am Freitagmorgen mit dem genauen Endergebnis getippt hatte.

Für mich stellt sich nun die Frage, ob die Entscheidung des Teams von „Der Westen“ tatsächlich wie etwas holprig formuliert „zugute der Fairness“ ist. Mir gegenüber war das nicht fair. War es denn den Tippern gegenüber fair, die am Freitag keinen Punkt ertippt hatten und deshalb im Nachteil gegenüber denen waren, die irgendwie mitbekommen hatten, dass sie im Nachhinein noch das richtige Ergebnis hatten eintragen können? Was – wie ich meine – nicht allzu häufig passsiert. In unserer Tipprunde tippt jeder, so weit ich weiß, sämtliche Spiele in einem Aufwasch und interessiert sich dann auch nicht mehr weiter für die Seite bis zur Ergebnisauszählung.

Vielleicht gilt das Fairnessargument aber auch der Idee und wirkt unabhänig von konkreten Überlegungen, wer nun durch die Entscheidung Vor- oder Nachteile erfährt? Was muss da abgewogen werden bei so einer Entscheidung, wie sie die Organisatoren wahrscheinlich eher aus dem Bauch heraus getroffen haben?

Ihr seht, mit Rechtsphilosophie habe ich mich in meinem Leben bislang noch nicht oft beschäftigt. Gibt es hier mitlesende Juristen, die das ein oder andere beitragen können?

Lokale Perspektiven

Das Bemerkenswerte an den Zeitungen im Ruhrgebiet des WAZ-Konzerns sind die lokalen Perspektiven. Welcher Artikel kommt aus der Duisburger Redaktion und welcher aus Essen: „Zebras brachten RWE wieder ins Spiel“ oder „RWE-Fehler werden gnadenlos bestraft„? So ein Titel drückt ja Stimmungen aus und die hängen wohl vom grundsätzlichen Vertrauen in den Erfolg des Vereins ab. Darum geht es mir hier aber gar nicht. Mir geht es darum, dass der WAZ-Konzern beide Perspektiven auf „Der Westen“, nämlich demselben Portal, ins Netz stellt. So ein gemeinsamer Auftritt zweier Städte unter einer Internetidentität kann sehr unterschiedliche Folgen haben. Zum einen könnte das einen wahrscheinlich so nicht beabsichtigten Beitrag zur Entwicklung von Ruhrgebietsidentität haben, zum anderen – und das ist mit Sicherheit sehr beabsichtigt – werden Maßnahmen zur Umstrukturierung des Konzerns und insbesondere seiner Redaktionen erleichtert. Menschen, die im Ruhrgebiet die Medien beobachten, haben da so ihre Sorgen um die Qualität des Lokaljournalismus im WAZ-Konzern. Ob die berechtigt sind, kann ich nicht beurteilen. Da sind die Leute vor Ort wie hier bei den „Ruhrbaronen“ oder hier im „Pottblog“ besser informiert. Es wird nur an solchen Artikeln zu einem Derby-Freundschaftsspiel so offensichtlich, dass dieser lokale Bezug der Zeitungen, das Pfund ist, mit dem der WAZ-Konzern weiter wuchern müsste. Ich verstehe die Sorgen um die Qualität. Denn eins ist sicher: Für jemanden, der Kosten reduzieren will, ist es ganz schön verführerisch, zu einem Ereignis an dem zwei Städte des Ruhrgebiets beteiligt sind, nur noch einen Journalisten hinzuschicken. Das brächte Spielraum, um im Lokalen Redakteursstellen abzubauen. Da könnten dann in einiger Zeit zwei Spielberichte zu einem werden. Dieser Spielbericht wäre aus einer wie auch immer aussehenden neutraleren Perspektive geschrieben. Das wäre schade – trotz aller notwendiger Ruhrgebietsidentität.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: