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Stimmungsschwankungen überall

Vor einigen Jahren habe ich mich einmal mit dem Begriff der öffentlichen Meinung beschäftigt. So eine öffentliche Meinung ist ja nicht ein Naturereignis. So eine öffentliche Meinung ist menschengemacht. Und weil sie menschengemacht ist, müssen die gesellschaftlichen Verhältnisse so sein, dass Meinungen öffentlich gesagt werden dürfen. Aufklärung und in Deutschland vor allem die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts sind hier die Stichworte. In jener Zeit begann also ganz zaghaft so etwas wie öffentliche Meinung zu entstehen, und die Menschen haben sich sehr intensiv darüber Gedanken gemacht, was diese öffentliche Meinung eigentlich ist und wie sie idealer Weise zu befördern sei. Ganz aufklärungsoptimistisch, wie gerade Popularphilosophen damals so waren, glaubten diese an einen vom Verstand geleiteten Prozess.

Die Menschen – damit war das Bürgertum gemeint – sollten ihre Meinungen mit Texten in die Welt bringen. Die Leser sollten aber auch zu Verfassern von neuen Texten werden und somit zum einen das Flüchtige  der öffentlichen Meinung verfestigen und ihr zudem zu größerer Wahrheit verhelfen. Ein kleines Problem war der Irrtum in Gemeinsamkeit. Den kannte man, und Bildung sollte die Lösung  dieses Problems sein.

Klingt alles doch sehr aktuell und moderner denn je, da im Zeitalter des Internets wir endlich jenen Zustand erreichen, den die Popularphilosophen des 18. Jahrhunderts als Voraussetzung für eine aufgeklärte öffentliche Meinung eigentlich als notwendig angesehen hatten und der damals natürlich überhaupt nicht gegeben war. Heute kann jeder Leser zum Verfasser eines veröffentlichten Textes werden. Jede Stimme, sofern sie des Produktionsmittels PC und Internetzugang habhaft ist, kann gehört werden.

Allerdings war seinerzeit so etwas wie wechselhafte Stimmung eine etwas vernachlässigte Einflussgröße zur Herausbildung von öffentlicher Meinung.  Das geht mir nämlich durch den Kopf, wenn ich versuche die öffentliche Meinung zur Saisonvorbereitung beim MSV Duisburg zu erfassen. Mir kommt das so vor, als seien die der Meinung zugrunde liegenden Tatsachen keine so große Einflussgröße wie die Sorge um den Erfolg des Vereins. War es um das vorletzte Wochenende herum, als die Berichterstattung in den Print-Medien für mich aus unerklärbaren Gründen plötzlich einen positiven Klang bekam? Ende der letzten Woche nun schwankte diese Stimmung wieder in die andere Richtung. Peter Neururer wird mit seinen Aussagen zum nicht-aufstiegsfähigen Kader in den Blick gerückt. Die Situation selbst war aber überhaupt nicht verändert. Alle – die sportliche Leitung, die Spieler und die Fans –  wissen, ohne weiteren Stürmer wird es schwer. Das ist aber schon die ganze Zeit bekannt.

Es gab kein Ereignis nach dem Verhandlunsdesaster mit Markus Brzenska – das in großen Teilen ein Kommunikationsdesaster war -, das für sich genommen den zukünftigen Erfolg des MSV Duisburg wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher gemacht hätte und das der sportlichen Leitung anzulasten war. Der Strihavka-Wechsel scheiterte, Ben-Hatira-Verpflichtung wurde sehr unwahrscheinlich. Dafür geriet die Ausleihe von Caiuby Francisco da Silva in den Blick. Die sportliche Leitung machte also ihre Alltagsarbeit. Und da vertraut man entweder oder man vertraut nicht. Fakten werden nur durch Anwesenheit von Spielern geschaffen.

In den herkömmlichen Medien gilt, Seiten müssen gefüllt werden und immer das gleiche zu schreiben wird als uninteressant bewertet. Wie öffentliche Meinung sich verfestigt, wie also Texte der herkömmlichen Medien nun zusammenspielen mit den Texten von Lesern, die heute ebenfalls Sender oder einfacher Verfasser von Texten sein können, das lernen wir gerade erst. Die Popularphilophen der Vergangenheit hätten jedenfalls ihren großen Spaß an dem Geschehen heute, und wahrscheinlich stellten sie dann recht schnell auch fest, womöglich mit ein wenig Wehmut, neben Bildung und Verstand spielen die Emotionen beim Zustandekommen der öffentlichen Meinung keine kleine Rolle. Welche Chancen der MSV Duisburg zum Aufstieg hat, wird sich jedenfalls nicht schon jetzt endgültig entscheiden.


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