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Leser fragen – Kees Jaratz antwortet: Das DFB-Pokalfinale

Die beliebte Ratgeber-Rubrik dieser Seite „Leser fragen – Kees Jaratz antwortet“ widmet sich bis zum Pokalfinale am Samstag natürlich nur einem: dem Pokalfinale. Im Moment führen über Google täglich Fragen zu diesem Spiel hierher und, wie schon einmal gesagt, wer hier landet, soll nicht vergeblich gekommen sein. Ich weise gerne auch noch einmal darauf hin: Wer seine Fragen lieber genauer stellen möchte, als es die Google-Gepflogenheiten erlauben, kann auch direkt Kontakt mit mir aufnehmen.

Anonymer Google-Nutzer (Alter unbekannt): In welchem Trikot spielt der MSV am 21. Mai 2011?

Lieber anonymer Google-Nutzer, die Mannschaft vom MSV Duisburg wird in den blau-weiß gestreiften Zebra-Trikots auflaufen, das heißt in den Heimspieltrikots. Was sich übrigens keineswegs zwangsläufig daraus ergab, dass der MSV Duisburg schon bald nach den Halbfinalergebnissen vom DFB durch Losentscheid zur Heimmannschaft bestimmt wurde. Dieser erste Losentscheid hatte nur den Zweck, die Spielpaarung des Finales in einheitlicher  Form kommunizieren zu können. Die sich normalerweise aus dem Status der Heimmannschaften ergebenden Rechte wurden mit einem zweiten Losentscheid am 16. März beim „DFB-Pokal-Finalisten-Meeting“ in Berlin vergeben. Hierbei gewann der MSV Duisburg den Losentscheid und wählte daraufhin das Trikot sowie die Umkleidekabine. Nach dieser zweifachen Wahl wurde die Entscheidung für die Aufteilung der Fans innerhalb des Stadions dem FC Schalke 04 überlassen. Der MSV Duisburg informierte über die zweite Auslosung hier.

Verschiedene anonyme Google-Nutzer (Alter unbekannt): Welcher Spieler des MSV Duisburg hat schon einmal den DFB-Pokal gewonnen?

Ivica Banović weiß, wie man sich als Pokalsieger fühlt. Als Werder Bremen in der Saison 2003/2004 das Endspiel gegen den Zweitligisten Alemannia Aachen gewann, gehörte Ivica Banović zum Kader des Vereins. Eingesetzt wurde er allerdings nur in den Pokalspielen der 1. Runde und des Achtelfinales. In der Saison 2006/2007 spielte er beim 1. FC Nürnberg und wurde im DFB-Pokalfinale in der 115. Minute eingewechselt. Der 1. FC Nürnberg siegte gegen den VfB Stuttgart nach Verlängerung mit 3:2.

Filip Trojan gehörte zum Spielerkader vom FC Schalke 04 in der Saison 2001/2002, als der FC Schalke 04 den DFB-Pokal mit einen 4:2-Sieg gegen Bayer 04 Leverkusen gewann. Allerdings wurde er in keinem Spiel der Saison eingesetzt und gehörte nicht zum 18er-Kader des Pokalspiels.

Auch Ivica Grlic kennt die Atmosphäre in Berlin, auch wenn er bislang noch nicht als Pokalsieger vom Platz ging. Für jene Aachener Mannschaft, die in der Saison 2003/2004 das Pokalfinale verlor, stand Ivo auf dem Platz. Wenn mich zudem nicht alles täuscht, ist auch der Pressesprecher des MSV Duisburg Martin Haltermann darin geübt, den Medienandrang nach Pokalsiegen abzuarbeiten. Als der 1. FC Nürnberg Pokalsieger wurde, arbeitete er dort in gleicher Funktion wie nun beim MSV.

Außerdem gibt es im derzeitigen Kader drei Spieler des MSV Duisburg, die bei Pokalsiegern anderer Nationen gespielt haben. Branimir Bajić spielte von 2000 bis 2007 mit einer kurzen Ausleih-Unterbrechung für FK Partizan Belgrad und gewann mit dem Verein den serbischen Pokalwettbewerb in der Saison 2000/2001. Ebenfalls in dem Verein spielte Srdjan Baljak schon ab 1996 als Jugendspieler. Er erlebte somit nicht nur den Pokalerfolg 2001/2001 mit, sondern auch den Pokalerfolg der Vorsaison 1999/2000.

Auch wenn Mihai Tararache für den MSV Duisburg sehr wahrscheinlich nicht mehr spielen wird – wer weiß, wer sich noch verletzt -, zum Kader des Vereins gehört er dennoch, und es soll nicht vergessen werden, dass auch er in der Saison 2004/2005 mit dem FC Zürich Sieger im Schweizer Cup wurde.

Anonymer Google-Nutzer (Alter unbekannt); sehr wahrscheinlich vermutlich ein Mitarbeiter der Geschäftsstelle vom FC Schalke 04 im Auftrag von Vorstandsmitglied Horst Heldt (41), der neben seinen Aufgaben im sportlichen Bereich mal kurz Aufgaben im Unternehmensfeld Kommunikation abarbeitete: Wie schreibe ich eine vorübergehende Schließung wegen Trauerfall?

Lieber Horst Heldt, ich kenne Sie als Mann wohlfeiler Worte und nehme an, so unglücklich drücken Sie sich nicht aus, wenn Sie sich für den Ernstfall rüsten wollen. Es wird einer Ihrer Mitarbeiter gewesen sein. Die junge Generation braucht manchmal noch ein wenig Übung beim Ausformulieren längerer Sätze. Ich glaube aber Sie richtig zu verstehen. Der Schock in der Geschäftsstelle des FC Schalke 04 wird bei einer Niederlage der Mannschaft des Vereins im Pokalfinale zu groß sein, um die anfallende Tagesarbeit zu bewältigen. Sie werden in sich gehen müssen und Zeit und Ruhe zum Trauern brauchen. Womöglich werden Ihnen erste Gedanken kommen, wo Geld einzusparen ist, da der Verein an keinem europäischen Wettbewerb teilnehmen kann. Ich schlage deshalb vor, sogleich am kommenden Montag mit dem Sparen zu beginnen. Ihre Frage geht doch dahin, wie Sie die Öffentlichkeit darüber informieren sollen, dass die Geschäftsstelle wegen des Trauerfalls „Niederlage im Pokalfinale“ geschlossen bleibt? Ich empfehle ein einfaches, handbeschriebenes Pappschild an die Tür zu kleben: „Wegen Trauerfall geschlossen“.  So einfach ist das und so kostengünstig. Vielleicht lässt sich der eine oder andere Schalker Spieler ja sogar ermuntern, die Worte niederzuschreiben.  So ein selbst verfertigtes Zeugnis mit der Originalschrift eines echten Vizepokalsiegers könnte alle zu Herzen rühren, die vor der verschlossenen Tür der Geschäftsstelle stehen. Der erste Ärger wäre gelindert, und kein Krakeler würde ihre Gedanken stören, wie es weitergehen wird mit Gazprom, Schulden, Rangnick, Raúl, dem Torwart ohne Namen und was Ihnen sonst noch alles auf der Seele lastet.

Innere Betriebsamkeit, äußere Ruhe

Selbst wenn wir es uns in vielen Momenten einer laufenden Spielzeit nicht so richtig vorstellen können. Das Leben ist immer auch ein wenig mehr als Fußball, und Fußball ist immer auch ein wenig mehr als der MSV Duisburg. Weil es so ist, gäbe es eigentlich immer was zu schreiben, auch wenn über den Verein aller Vereine nicht viel Neues zu hören ist. Allerdings geht es mir gerade genauso wie dem MSV Duisburg. Ich weiß, es gibt das Datum, an dem das Tagesgeschäft unweigerlich weitergehen wird, doch im Moment besinne ich mich für den Zebrastreifenblog gerade auf alte Ziele und konzeptionelle Arbeit und die Frage, wie diese für mich grundsätzlichen Anliegen mit dem Tagesgeschäft in Zukunft zusammen zu bringen sind. Und so fehlen mir zurzeit die schnellen Worte.

Was gab es nicht alles für Vorhaben? Doch das Festhalten an Konzepten verlangt einfach mehr Zeit, um angestrebte Ziele zu erreichen, sei es der Aufstieg oder Texte mit Substanz zu anderen Themen als dem letzten und dem nächsten Spieltag. Die Ereignisse beim MSV Duisburg in der letzten Saison erforderten allerdings immer auch schnelles Bearbeiten, wenn ich dem hauptsächlichen Anlass dieses Blogs gerecht werden wollte. Gleichzeitig ist diese Notwendigkeit der schnellen Bearbeitung immer auch das einfachere Vorgehen um Worte für diesen Blog zu finden. Man sieht hoffentlich das Dilemma, mit dem sich auch jeder Absteiger aus der Bundesliga bestens auskennt. Konzepte schön und gut, doch das einzig mögliche Ziel nach einer Abstiegssaison, der sofortige Wiederaufstieg, ist mit großer Wahrscheinlichkeit nur durch schnelles Reagieren auf dem Spielermarkt erreichbar.

So lange genügend Geld vorhanden ist, scheinen dann Konzept und kurzfristiges Ziel sogar deckungsgleich zu sein. Vor zwei Wochen noch hieß es, die Schulden von Hertha BSC Berlin seien so hoch, dass aus der Erstliga-Mannschaft kaum Spieler gehalten werden können. Nun bleiben sogar Ramos und Raffael als Teil-„Achse des Aufstiegs„. Der Gedanke an das Geld wird in die übernächste Saison verschoben. Klappt es mit dem Aufstieg, wurde alles richtig gemacht. Klappt es nicht, … Aber an noch größere Schulden will bei dieser Hoffnung jetzt natürlich niemand denken.

Mit diesem von Hertha BSC Berlin angestrebten Balanceakt war der MSV Duisburg während der letzten zwei Jahre nicht erfolgreich. Im Augenblick hat man den Eindruck, nun schwebt der Verein an einem Sicherungsseil, dessen anderes Ende hinter die Kulissen führt. Wir wissen aber, dort hat Roland Kentsch die Kurbel der Drahtseilrolle fest in der Hand, und er bemüht sich, das Sicherhungsseil auf eine Höhe zu ziehen, von der aus der Verein sich wieder auf das Drahtseil begeben kann. Gut ausgestattet ist so eine Sicherungsvorrichtung aber nur mit einen zweiten Mann an der Kurbel, deshalb hat Roland Kentsch den Finanzfachmann Henrik Wiehl, einen Mitarbeiter aus Bielefelder Zeiten, zum Mitanpacken geholt.

Gleichzeitig steht Bruno Hübner in der Manege und beruhigt das Publikum, was auch von Journalisten dankbar aufgegriffen wird und aufmerksame Medienbeobachter angesichts identischer Texte darüber nachdenken lässt, ob die RevierSport bei Der Westen demnächst regelmäßig mit am Newsdesk sitzt. Wie schnell wird doch aus der platonischen Liebe einer Kooperation die verschmelzende Hingabe der Lebensgemeinschaft in der großen Familie des WAZ-Konzerns. Bruno Hübner belässt es nicht nur bei Ansprachen, er holt mit Julian Koch auch schon einen neuen Trapezkünstler in die Manege. Ich meine auch, Bruno Hübner findet sehr passende Worte für die Situation. Wie wir Finanzkrisen-Experten wissen, geht es in solchen Zeit immer um „Psychologie“. Es geht um die stimmige Rede über die Gefühlslage zwischen Besorgnis, Einsicht in notwendige Maßnahmen angesichts der Gegebenheiten und Hoffnung auf die Zukunft. In solch einer Situation geht es um Vertrauen, und Bruno Hübner ist der Mann beim MSV Duisburg, der weiß, dieses Vertrauen verspielt man durch Schönreden. So einen Mann brauchen wir Zuschauer, so lange wir das Sicherungsseil noch belastet sehen.

Hat sich eigentlich noch jemand am Samstag während des Endspiels der Champions League an zwei, drei Heimspiele des MSV Duisburg erinnert? Aachen, Kaiserslautern und wegen des Unentschiedens mit Abstrichen Oberhausen huschten mir immer wieder in den Kopf, als ich die vergeblichen Versuche des FC Bayern München sah, gefährlich vor das Tor von Inter Mailand zu kommen. Es gibt trotz des so großen Unterschieds in der spielerischen Qualität eine grundsätzliche Gemeinsamkeit, den das Spiel als Eindruck bei mir hinterlässt. Die eine Mannschaft versucht das Spiel in die Hand zu nehmen, die andere bewegt sich so perfekt organisiert im Gegenzug, dass es bei dem Versuch bleibt und sich kaum Torgefahr entwickelt. Dagegen ist man sich nach kurzer Zeit fast sicher, mindestens ein Konter dieser sehr gut organisierten Mannschaft wird durch ein Tor abgeschlossen. Das Endspiel im DFB-Pokal, eine Woche zuvor, gehörte hingegen einem anderen „Genre“ an und natürlich nicht, weil der FC Bayern München das Spiel gewann, sondern weil hier beide Mannschaften von Anfang an versuchten, das Spiel durch Ballbesitz zu gestalten. Was mich an die erste Halbzeit des Heimspiels gegen den FC St. Pauli erinnerte, in der der MSV Duisburg den Hamburgern wie die Bremer den Bayern hoffnungslos unterlegen war.

Lothar Niemeyer hat übrigens noch nicht auf meine Mail geantwortet, welche gemeinsame Zeit er mit Marcus Feinbier beim MSV Duisburg gehabt hat. Da bleibe ich am Ball.

In Gerüchteküchen wird allmählich gearbeitet – Tobias Kempe

Das wäre mal einen Versuch wert: Die DFL legt eine Obergrenze für die Zahl der möglichen Familiennamen von Berufsfußballern fest. Das könnte natürlich zu Geld- und Machtkonzentration bei vom Auswahlglück begünstigten Familien führen. Was aber ja nur die sozialen Gegebenheiten des wirklichen Lebens wiederspiegelte. Wir Zuschauer bräuchten dann bei den neuen Spielern zu Beginn einer Saison nur noch die Namen vergangener Zeiten  wieder hervorkramen. Kempe wäre für uns in Duisburg so ein Name. Thomas Kempe kam 1979 als Neunzehnjähriger aus Voerde zum MSV und erspielte sich sofort einen Stammplatz. Er blieb drei Jahre bis zum ersten Bundesligaabstieg des MSV Duisburg und wechselte danach für drei Jahre zum VfB Stuttgart, um schließlich für acht Jahre beim VfL Bochum zu spielen. Thomas Kempes 1989 geborener Sohn Tobias spielt bei Werder Bremen in  der zweiten Mannschaft. Er soll laut worum.org einen Profivertrag bis 2012 erhalten und denkt allerdings daran vielleicht in Liga 2 sich weiter zu entwickeln. Entsprechende Angebote lägen vor.  Der einzige Zweitligaverein der im gut informierten Blog genannt wird, ist jener, der schon vor kurzem mit guten Verbindungen nach Bremen aufwarten konnte, der MSV Duisburg. In der Gerüchteküche soll wohl ein einziger kurzer Satz in einem sehr langen Text über viele Spieler von Werder Bremen reichen, um ein wenig Neue-Kader-Suppe ans Kochen zu bringen.

Tosic kommt nicht zum MSV – Und das ist gut so!

Mal ehrlich, der MSV Duisburg kann froh sein, dass Dusco Tosic lieber in England unterkommen möchte als in Duisburg. Alles, was ich seit gestern Mittag über ihn erfahren habe, lässt mich doch stark vermuten, seine Vorstellungen von Professionalität und gutem Fußballer-Leben hätten weder in die wenig glamouröse Stadt Duisburg gepasst noch zu Milan Sasic, den ich als sehr bodenständig erlebe.

Auch das gehört zu den Vorüberlegungen bei einer Verpflichtung: Welchen Einfluss hat es auf das Gefüge der Mannschaft und das sportliche Umfeld, wenn ich über den zu verpflichtenden Fußballer nicht nur im Sportteil etwas zu lesen bekomme sondern auch auf den Glamourseiten der Boulevard-Blätter? So ist es für mich ebenso ein verwegener Gedanke, seine Frau Jelena Karleusa in der VIP-Lounge der MSV-Arena Schnittchen essen und ein Wasser trinken zu sehen wie ein Foto von ihr mit neuester Frisur und gewagtem Oberteil im Duisburger Lokalteil von WAZ oder NRZ.

Dennoch will ich Bruno Hübners Aktivitäten beim Tosic-Teil des Ausleihgeschäftes nicht bewerten, weil es gerade bei solchen Paketgeschäften wie dem Wagner-Transfer auf die Details ankommt. Die kennen wir aber nicht. Womöglich war es bei diesem Geschäft so wie in der Politik, wenn einzelne Fragen zu Teilen einer mit dem Koalitionspartner mühsam ausgehandelten Gesetzesvorlage werden. Der Abgeordnete muss sich also überlegen, ob er wegen des ihm ungleich wichtiger scheinenden einen Gesetzes in dem anderen Fall  Zweifel vernachlässigt oder sich gar gegen seine innere Überzeugung wendet. All das kann auch bei dem Wagner-Paket-Transfer möglich gewesen sein.

Was wir jetzt sowohl aus Bremen als auch aus Duisburg zu lesen bekommen, rückt natürlich das Verhalten Dusco Tosics in den Blick. Klaus Allofs wird nach der Bremer Vertragsauflösung mit Tosic überall – und hier nur ein Beispiel – l mit diesem Satz zitiert: „Nach seinem erneuten Fehlverhalten in den vergangenen Tagen sind wir froh, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen ist. Dass sich ein Spieler so verhält, haben wir noch nicht erlebt“. Und Bruno Hübner legt Wert darauf, dass der MSV Duisburg sich nichts hat zu Schulden kommen lassen.

Zu meiner großen Beruhigung war man beim MSV Duisburg schon gestern Abend in der Lage, eine Pressemitteilung mit der Stellungnahme Bruno Hübners herauszugeben. Vor der Saison waren offizielle Worte des MSV Duisburg doch immer mit einiger Verspätung verkündet worden. Manchmal möchte ich bei solch ungewöhnlichen Paket-Geschäften ein stiller Beobachter sein, um einmal genau zu erfahren, wie es zu dem kommt, was der Öffentlichkeit präsentiert wird. Für heute weiß ich nur, der Tosic-Teil des Geschäfts zwischen dem MSV Duisburg und Werder Bremen ist gescheitert. Und das ist gut so!

Auf wiedersehen und herzlich willkommen

Lange habe ich von den Lobby-Arbeitern der Wirtschaftsverbände keine Klagen mehr über die mangelnde Flexibilität deutscher Arbeitnehmer gehört. Vor zehn Jahren ungefähr war das noch anders. Der unflexible deutsche Arbeitnehmer scheint allmählich in Rente zu gehen. Der Nachwuchs aber ist flexibel bis zum Wanderarbeiterdasein, weil er in diesen letzten Jahren als Fußballfan von Kind auf lernen musste, von jetzt auf gleich mit den veränderten Kaderzusammensetzungen seines Vereins zurecht zu kommen.

Gestern noch ein Lebenszeichen von Sandro Wagner aus der Reha-Maßnahme, morgen schon für den Boulevard zum Fototermin neben dem Roland von Bremen bereit. So geht das heutzutage, und man kann froh sein, dass Bruno Hübner eine Ablösesumme ausgehandelt hat. In Duisburg hoffen wir natürlich, dass die Vertragspartner über die Höhe dieser Summe deshalb schweigen, weil Klaus Allofs in Bremen kein Gerede aufkommen lassen will, viel Geld für einen verletzten Spieler auszugeben, der am Ende der Saison kostenlos gekommen wäre. So viel Geld! Ach, das wäre schön.

Doch nicht nur Geld wird da getauscht sondern auch Fußballer. Im Gegensatz zu Sandro Wagner sind die von Werder Bremen kommenden Kevin Schindler und Dusco Tosic nämlich sofort einsatzbereit. Für Schindler ist der MSV Duisburg  nach Hansa Rostock und dem FC Augsburg ja nun die dritte Ausleihstation. Vielleicht passt es ja in Duisburg für ihn am besten. Im Angriff brauchen wir jedenfalls neben Srdjar Baljak sofort jemanden, der eine Ahnung davon hat, wie es sich anfühlt, torgefährlich zu sein. Und wie ich lese, wollte Sasic Schindler schon in Kaiserslautern gerne in seiner Mannschaft haben.

Und Tosic? Ich weiß es nicht. Allerdings beginnt jetzt auch jene Zeit der Saison für mich, in der ich neben der eigentlichen Leistung der Mannschaft des MSV Duisburg auch auf die Mithilfe anderer Mannschaften zu setzen beginne und sich mein Blick für die Zeichen des Schicksals zu schärfen beginnt. In Köln wird gerade ein Ausleihgeschäft regelrecht gefeiert. Zoran Tosic kommt von Manchester United für den Rest der Saison. Vielleicht wohnt dem Namen Tosic ja so was wie eine Energie des Erfolgs inne. Ich hoffe das natürlich sehr, selbst wenn wir noch nicht recht wissen, wo Zorans Namensvetter Dusco im Mannschaftsgefüge des MSV Duisburg seinen Platz findet.

Fußballspieler wollen gerne spielen, aber die von Fußballwanderarbeitern geforderte Flexibilität ist dennoch nicht naturgegeben. Da kannte sich der deutsche Arbeitnehmer alter Zeiten zur Genüge mit aus. Es lässt sich einfach leichter arbeiten, wenn nicht nur die Bedingungen der Arbeit selbst stimmen, sondern auch nach der Arbeit weiter gute Laune herrscht. Ein paar nette Leute in der Nachbarschaft, die Familie in vertrauter Umgebung, so was hebt die Stimmung. Es sei denn, da bastelt einer noch an der großen Karriere. Dann lässt es sich auch einige Zeit im möblierten Appartement und mit leerem Kühlschrank aushalten. So viel gibt es, was wir nicht wissen bei so einem Ausleihgeschäft, wenn die WM in Südafrika nicht als symbolträchtiger Leistungsanreiz zur Schlagzeile gemacht werden kann.

Besser als der Eindruck

„Die Abwehr – wie ein Hühnerhaufen“, ruft der WDR-Reporter in das Mikro. Durch den nächsten herrlichen Konter fällt das dritte Tor. In der achtzehnten Minute. Jetzt sagt ihr, Moment, es sind doch nur zwei Tore gefallen. Richtig. Das war auch gestern. Wir haben aber Samstagnachmittag, ich komme spät zum Schreiben, und ich höre „Sport und Musik“.  In Mönchengladbach erleben die Zuschauer gerade das, was wir gestern auch gesehen haben. Mit dem Unterschied, dort kontert die Heimmannschaft und die Gäste versuchen sich am Spielaufbau.

Relativieren die Bremer Erfahrungen die erste Halbzeit des gestrigen Spiels vom MSV Duisburg gegen den FC St. Pauli schon etwas? Manchmal ist es ein Vorteil, wenn ein wenig Zeit verstreicht, ehe ein Urteil gefällt und Enttäuschung in Worte gefasst wird. Was soll ich all das wiederholen, was fast überall schon geschrieben wurde? Natürlich offenbarte sich ein Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Natürlich hätte es fünf oder sechs Tore für St. Pauli geben können – gerade steht es in Mönchengladbach übrigens 4:1. Und natürlich hielt Tom Starke überragend. Für seine Stärken war das Spiel perfekt geeignet. Natürlich wirkt eine Abwehr bei solchen Kontern überfordert. Wie das Mittelfeld, das beim Spielaufbau jene Fehler machte, die der Abwehr erst das Unmögliche abverlangte. Mal abgesehen vom ersten Tor, bei dem die Abwehrspieler die Stürmer St. Paulis zur freien Kombination einluden. Soll ich also auch schreiben, dass man mit der zweiten Halbzeit halbwegs zufrieden sein konnte? All das ist allerorten schon geschrieben worden.

Wäre es da nicht zumindest unterhaltsamer, provokativ zu sagen, der MSV Duisburg hätte das Spiel gewinnen können. Den Klassenunterschied hat es nur deshalb gegeben, weil der Verein aller Vereine mit seiner für eine Heimmannschaft typischen Spielweise die Stärken des FC St. Pauli nur besonders zur Geltung gebracht hat. Soll ich provokant fragen, ob das Heimpublikum es ausgehalten hätte, einen nach dem frühen Gegentor abwartenden MSV Duisburg zu sehen, eine Heimmannschaft, die sich erst einmal zurück zieht, um sich zu besinnen und aus der verstärkten Abwehr heraus zunächst nicht mehr als das Unentschieden zu wollen? Es waren noch 83 Minuten zu spielen. Im Fußball gibt es solch einen Wechsel der Taktik mitten im Spiel kaum. Es fehlen die Auszeiten, um die Mannschaft kollektiv während einer Ruhephase in eine andere Richtung zu schicken. Dennoch sollte man dieses Gedankenspiel einmal vornehmen. Dann lässt sich die Leistung des FC St. Pauli in der zweiten Halbzeit auch noch einmal gesondert bewerten. Denn bei einem ruhigen Spielaufbau gelingt dieser Mannschaft auch nicht allzu viel.

Das schreibe ich auch deshalb, weil in Duisburg das zu-Tode-betrübt-Sein ein Lieblingsgefühl des Publikums ist. Mich haben die Pfiffe zum Abpfiff der ersten Halbzeit auf dieselbe Weise geärgert wie die vergebenen Torchancen in der zweiten Spielhälfte. Da kann man dieses Mal die von den Ultras motivierten Fans kaum zu wenig loben, die dieses idiotische Pfeifen übertönen wollten. Was soll dieses Pfeifen? Hat diese Mannschaft in der ersten Halbzeit etwa nichts versucht? Das Können dieser Mannschaft reichte nicht aus, um diesen so früh und perfekt agierende Defensivverband St. Paulis zu überspielen. Prügelt ihr auf eure Kinder ein, wenn sie partout nicht aus dem Stand heraus partielle Differentialgleichungen lösen können? Was soll das: „Schlicke raus“? Darf man während des Spiels trotz aller Enttäuschung nicht auch einen Funken Verstand erwarten? Wer sitzt denn da zurzeit auf der Bank als Ersatz? Frank Fahrenhorst. Von ihm lese ich natürlich wegen seiner so überragenden Spielweise immer wieder als „Gefahrenhorst“.

Im Grunde haben wir es vorher gewusst. Es gibt die Schwächen dieser Mannschaft, und manchmal ist der Gegner dazu in der Lage, diese Schwächen auszunutzen. Diese  Schwächen werden in dieser Saison dauerhaft nicht abzustellen sein. Dennoch kann die Mannschaft um den Aufstieg weiter mitspielen. Eine Niederlage gegen einen starken Gegner hat es gegeben. Das nächste Spiel ist auswärts, normaler Weise liegt dem MSV das mehr. Im übrigen nicht nur dem MSV wie die große Zahl der Heimniederlagen in der Bundesliga während dieser Saison zeigt.


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