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Chaos vor dem Gästeeingang – Fortuna-Fans berichten

Die Berichterstattung in TV und Print galt am Freitag nicht nur dem Fußball beim Spiel des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf. Das Spiel rief für die Gästeseite gängige Medienbilder zu Fangewalt, notwendigem Polizeieinsatz und uneinsichtigen Fans mit Vorliebe für Pyrotechnik hervor.  Eine Auswahl suggestiver Schlagzeilen findet sich mit der Google-Suche für die News.

Die Verantwortung wird in dieser Berichterstattung implizit und auch ausdrücklich den Anhängern von Fortuna Düsseldorf zugeschrieben. Das sind die gängigen Medienbilder, zumal einige dieser Anhänger durch ihre groß angelegte Pyroaktion nicht gerade zur Bereitschaft beigetragen haben, sich über das Geschehen vor dem Spiel ein differenziertes Bild zu machen.

Über die Situation vor dem Gästeeingang empören sich nun die Anhänger von Fortuna Düsseldorf ebenso wie über die einseitige Schuldzuweisung durch Polizei und Berichterstattung. Im Blog Ein BISSCHEN Fussball findet sich ein Augenzeugenbericht zur Polizeistrategie im Umgang mit den Fortuna-Fans am Bahnhof Schlenk und zur eskalierenden Lage am Gästeeingang, sehr sachlich im Ton und nachvollziehbar.

Ähnlich wird die Situation im Blog Yalla Yalla, Fortuna! geschildert, hier klingt schon mehr Empörung im Augenzeugenbericht an.

Nehme ich die Berichterstattung in den Medien und die Augenzeugenberichte zusammen, klingt das Geschehen sehr nach klassischer Polizeistrategie für Auswärtsfans, die ich ebenfalls so schon erleben durfte, ohne dass die Situation eskalierte. Nach dem Motto mitgefangen, mitgehangen werden alle Fans der Gästemannschaft, die per Bahn anreisen unterschiedlos „behandelt“. Man ist nicht frei in der Entscheidung, wo man sich, wie lange aufhalten darf. Das führt automatisch zu Zwangssolidarisierung und zu gereizter Stimmung. Wenn dann noch die Zeit vor dem Anpfiff knapp wird, kocht die Stimmung in einer Gruppe gerne hoch. Knapp wurde die Zeit nach Meinung der Augenzeugen, nicht, wie es in den Medien dargestellt wurde, nach dem verabredeten späten Losgehen vom Bahnhof Schlenk aus, sondern wegen des verspäteten Ankommens einer zuvor defekten S-Bahn.

Nun beschreiben zwei gegensätzliche Aussagen die Wirklichkeit des Freitags. Um Lehren aus solchem Geschehen zu ziehen, ist es wünschenswert, dass nicht nur beide Sichtweisen ihren Platz in der Öffentlichkeit finden, sondern beide Seiten auch in die Verantwortung genommen werden, Fans und Polizei. Dieses Geschehen ist nur das Beispiel für eine immer wieder zu führende Diskussion. Denn die nächste Auswärtsfahrt ist nach einem Heimspiel fast immer nur eine Woche weit weg.

Nachtrag: Sehr gut und detailliert analysiert Gero Wollgarten die Situation vor dem Gästeeingang und die Polizeistrategie. Für jeden mit Interesse an fundierter Information ein Klick-Muss.

Und noch dies: Traut euren Augen am TV-Bildschirm nicht

Im Spiel Deutschland gegen die Niederlande war Joachim Löw beim Stand von 0:0 doch nicht ganz so cool, wie es im Zwischenschnitt während der 22. Minute aussah. Bei stern.de können wir lesen, TV-Zuschauer meinen nur zu wissen, was der Bundestrainer in dieser Minute machte. Einen Balljungen foppen war es jedenfalls nicht. Gut, dass doch alles, was ich bislang über das Spiel gelesen und gehört habe, im Ergebnis nicht von dem 2:1 abwich. Bleibt´s erstmal eine Zukunftsidee: die wild gewordene Bildregie-Crew, die sich den Spielverlauf eines EM-Spiels nach eigenem Gusto zusammenschneidet.

Das geschah jedenfalls irgendwann vor dem Spiel:

Hat jemand die Unterschrift von Bruno Soares gesehen?

Es ist keine große Sache, weil der Ausgang des Ganzen schon seit einiger Zeit immer wieder als sehr wahrscheinlich beschrieben wird. Doch gibt mir die Berichterstattung über die mögliche Verpflichtung von Bruno Soares die Gelegenheit mal wieder auf die nicht unerhebliche Frage hinzuweisen, wie erfahre ich von der Wahrheit eines Geschehens und aus welchen Informationen setzt sich unser Umgang mit der Wirklichkeit zusammen? Gestern meldete RevierSport den Vollzug der Verpflichtung, dagegen lese ich bei der NRZ mit Meldung vom selben Tag, die Unterschrift stehe kurz bevor. Dem Artikel selbst ist indirekt zu entnehmen, der „Medizincheck“ fehle noch. Es sind etablierte Medien, die etwas schreiben, was offensichtlich gleichzeitig nicht stimmen kann. Dank des Internets sehe ich nun beide Meldungen ein und stehe vor der Aufgabe, wenn mich die Wahrheit wirklich interessiert, beim MSV selbst nachzufragen. Denn auf der Seite des Vereins gibt es keinerlei Informationen. Was ja wiederum einen ersten Hinweis darauf gibt, dass der NRZ wohl mehr zu trauen ist. Letztliche Gewissheit gibt aber nur das direkte Gespräch.

Den Aufwand in dieser Sache so weit zu treiben, scheint mir jetzt ein wenig übertrieben. Mir dient dieses Geschehen nur als Beispiel, gerade weil die Folgen dieses nicht geklärten Geschehens auf das eigene Leben so gering einzuschätzen sind. Man kann darüber nachdenken, ohne sich aufzuregen – außer man hielte Soares für den Garanten des Wiederaufstiegs. Man kann also anhand dieses Beispiels überlegen, welche Quellen der Information man grundsätzlich für sich erschließt, um gewappnet zu sein, wenn ein Geschehen für das eigene Leben einmal wirklich wichtig ist. Diese Quellen müssen im vorhinein erschlossen werden, weil man bewerten muss, wie vertrauenswürdig diese Quellen sind. Dieses Vertrauen erwächst aber und ist nicht von Anfang vorhanden. Etablierte Medien werden natürlich weiterhin immer einen Vertrauensvorschuss erhalten. Doch im Netz ist ja auch eine Art Gegenöffentlichkeit entstanden, die diesen etablierten Medien Fehler nachweist und andere Wahrheiten kennt. Wahrheit scheint demnach immer zersplitterterter, denn nicht immer geht es um so leicht zu überprüfende Informationen wie die, ob eine Unterschrift geleistet wurde oder nicht. Häufig fließt die eigene Posititon im Geschehen in die übermittelte Information mit ein. Also muss man in Erfahrung bringen, wer da spricht. Das kennt man zum Teil aus alten übersichtlichen Zeiten, als die polititische Ausrichtung von Tageszeitungen etwa noch klar erkennbar war. Im Internet hat sich diese mögliche Färbung einer Wahrheit weiter vervielfältigt.

Wahrscheinlich mache ich mir darüber gerade deshalb ein paar Gedanken, weil ich sehe, wie mein Sohn beginnt, dem Wissen im Internet zu vertrauen. Das lernt er gleichsam nebenbei in der Schule, wenn er Hausaufgaben aufbekommt mit dem Hinweis, sich dazu im Internet zu informieren. In seiner Schule gibt es anscheinend so gut wie kein Bewusstsein darüber, dass dort Wahrheit und Information nicht einfach gefunden werden kann, sondern vorher bewertet werden muss. Von jedem einzelnen selbst, und zwar angesichts eines Überflusses an Information. Man entschuldige diesen kleinen Ausflug in die Medienerziehung und -kritik, aber manchmal liegt mir etwas auf der Seele, für das der Fußball plötzlich als Katalysator beim Schreiben wirkt.


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