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Was hat euch bloß so runiert?

Ist das der Fußball selbst in seiner korrumpierten Ausprägung als Unterhaltungsgewerbe mit Wanderarbeitern, der solche Spiele hervorbringt wie das vom MSV gegen Wuppertal im Niederrheinpokal? Um meinen Ärger über die 6:2-NIederlage der Zebras zu zügeln, brauche ich heute solche Distanziertheit. Ich brauche meinen Blick auf Strukturen des Fußballs. Ich brauche den Blick auf die Angestellten eines Wirtschaftsunternehmens. Nur dann höre ich auf zu schimpfen. Nur dann nehme ich sie nicht einzeln moralisch in die Pflicht, sondern erlebe ihr Versagen als Systemproblem des Gegenwartsfußball. Nur dann denke ich nicht permanent, wie habt ihr nur so einen Dreck spielen können?

Denn begleitet wird dieser Gedanke von weiteren Fragen, die natürlich Vorwürfe sind. Wie könnt ihr all das, was ihr für den Verein in den letzten Wochen erarbeitet habt, in zwei Spielen komplett zu Klump hauen? An dem Tag, an dem mir in meiner FB-Timeline die Dauerkarte für die nächste Saison vom MSV schmackhaft gemacht wird, spielt ihr so einen Fußball. Was für ein Marketingdesaster für den Verein. Das lässt sich doch nur durch die Struktur des Gegenwartsfußball erklären? Oder wie? Es ist mir ein Rätsel. Und nicht nur mir. Pavel Dotchev sagt nach dem Spiel mit dem Verweis auf seine Erfahrung in dieser Dritten Liga, so etwas wie diesen Leistungseinbruch einer Mannschaft habe er noch nie erlebt.

Wenn das also der Mann sagt, der seit einigen Wochen diese Mannschaft trainiert, der Mann, zu dem wir Vertrauen aufgebaut haben angesichts seiner nachvollziehbaren und sehr transparenten Analysen, bleibt mir nur zur Rettung meiner inneren Zufriedenheit der Blick auf die Struktur des Fußballs.

Ich fantasiere mich dann zum Soziologen bei der Arbeit an einer qualitativen Studie, der die Spieler der Mannschaft befragt nach ihrem Selbstverständnis, nach ihrem Verhältnis zu den Mitspielern, nach ihren Absichten für die eigene Karriere, nach der Einschätzung ihrer Fähigkeiten, nach ihrem Verhältnis zum Verein, zur Stadt Duisburg, zum Trainer. Und dann gibt es ja noch die Entwicklung der Taktik. Auch dazu hätte ich Fragen. Mit diesem analytischen Blick schaffe ich es dann meinen Ärger im Zaum zu halten. Vielleicht bekäme ich heraus, was die Gründe für dieses Versagen waren. Wie konnte das passieren?

Um den Spaß zurück zu bekommen, könnten wir dann in alter englischer Stadionsongtradition einen Popsong nehmen, ihn vielleicht auch umtexten und hätten dann was für die Zukunft, wenn mal wieder eine Mannschaft so einen Dreck spielt wie die Zebras gestern gegen Wuppertal. Momentan denke ich an Die Sterne mit ihrer im Song biografisch beantworteten Frage: „Was hat dich bloß so runiert?“ Dass man als allererstes das Kollektiv ansprechen müsste, versteht sich von selbst. Und ob die Frage nicht eher Aussage sein müsste, gebe ich mal als mögliche Alternative in die Arbeitsgruppe für die Stadiongesänge.



Fundstück: Der MSV Duisburg Wuppertals

In den 1920er Jahren war es noch uneindeutiger, welche Städte zum Ruhrgebiet gehören und welche nicht. Für viele Deutsche unterschied sich das seinerzeit noch eigenständige Elberfeld nicht sehr von der Städtelandschaft weiter im Norden. Die Industrie bestimmte das öffentliche Bild. Arbeiterkultur prägte die Stadt. Für die Arbeiter der Region muss diese Verbundenheit ebenso vorhanden gewesen sein. In Elberfeld trafen sich 1920 die Arbeiterführer der Ruhrgebietsstädte, um das linke Bündnis  gegen den Kapp-Putsch zu beschließen. In Elberfeld und später, nach dessen Zusammenschluss mit Barmen, in Wuppertal gibt es ähnliche Erfahrungen wie im Ruhrgebiet.

In der Gegenwart zeigt das die Geschichte des Wuppertaler SV. Bei Brand Eins ist eine Reportage über den Verein zu finden, die exemplarisch sein will für den Fußball der Gegenwart. Das Grundthema der Geschichte kennen wir in Duisburg auch. Ein starker Geldgeber stand im Zentrum des Vereins. In Wuppertal gab es andere, sehr viel emotionalere und persönlichere Gründe für diesen Geldgeber. Unterschiede muss es in der Historie ja auch geben.

Der Artikel ist stimmig in der Beschreibung.  Analyse gibt es aber kaum. Dass der Autor nicht tief über das Thema selbst nachgedacht hat, zeigt sich daran, wie er bei seinem kurzen Versuch das Geschehen einzuordnen, die starken Unternehmen des Fußballs der Gegenwart in den jeweiligen Vereinen alle über einen Kamm scherrt. Red Bull steht eben neben dem klassischen Patriarchen. Schwierigkeiten in einem Verein kommen aber nicht vom finanziellen Engagement als solchem sondern von der Melange aus Interessen und Persönlichkeit der Entscheider bei diesen mittelständischen Unternehmen des Unterhaltungsbetriebs.

Davon ab führt der Artikel vor Augen, was in Duisburg im letzten Jahre hätte auch geschehen können. In Fankreisen gab es ja einige gewichtige Stimmen, die lieber eine Konfrontation mit Walter Hellmich gesehen hätten. Mir selbst war der eingeschlagene Weg angenehmer. Dass damit Zähneknirschen und unangenehme Gefühle verbunden waren, versteht sich von selbst. Wer aber sonst auch die Idee des Vereins über die Menschen stellt, die kommen und gehen, der wird heute feststellen müssen, für den Verein MSV Duisburg führte dieser eingeschlagene Weg zu einer best möglichen Lösung. Die Konsolidierung der Finanzen ging mit einem überschaubaren Einschnitt bei den sportliche Belangen einher.

Für alles weitere braucht es wie immer im Fußball neben der entsprechenden Leistung das nötige Glück.

 

 


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