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Briefe aus Westende – Von ZebraFM und dem Gemeinsinn

Etwas Schwund ist immer. Dumm, wenn das drei Punkte des MSV bei einem eigentlich vielversprechenden Spiel gegen den FSV Zwickau sind. Ausgerechnet bei meinem Premierenbesuch bei einer der Livereportagen von ZebraFM verlor der MSV mit 1:0. Während des Spiels blieb ZebraFM-Reporter Mark Zeller kaum Gelegenheit, mich ins Gespräch zu holen. Zu viel passierte auf dem Rasen. Es gab während des ganzen Spiels kaum Ruhephasen. Was natürlich auch mit den vielen Stockfehlern auf beiden Seiten zu tun hatte. Es ging hin und her. Während der Halbzeitpause war ich so optimistisch wie immer. Wenn ein Spiel noch nicht vorbei ist, glaube ich an den möglichst guten Ausgang. Genauso wie ich die Niederlage noch in der 80. Minute fürchte, obwohl der MSV mit zwei Toren führt.

Foto: Jens Thiem

In der Halbzeitpause hoffte ich noch, dass die zuweilen wenig klar wirkenden, letzten Momente einer Offensivaktion beim kontinuierlichen Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus nicht in Ratlosigkeit münden würden.

Nach dem Spiel hätte ich genau von dieser Ratlosigkeit sprechen müssen. Aber es fiel mir schwer, in der Enttäuschung Worte zu finden. Besonders nach so einem intensiven, vergeblichen Anrennen gegen die drohende Niederlage mit einer letzten großen Chance auf den Ausgleich bin ich normalerweise vollkommen stumm und leer. Es war anstrengend dann noch mit Mark Zeller abschließende Worte zu sprechen.

Meine Erinnerung an den Sonntag soll nur noch einmal etwas hervorheben, was viele von euch natürlich wissen. Das Team von ZebraFM ist unfassbar gut, wenn sie eine Spieltagsreportage machen. Mark Zeller, Florian Hermann und Tim Zeiger an den Mikros finden immer Worte. Das ist so beeindruckend, weil sie ja auch mit ganzem Herzen Anhänger dieses Vereins sind. Sie erleben dieses Spiels emotional und schaffen es, im selben Moment andere Fans ohne Blick aufs Spielfeld an diesem Erleben teilhaben zu lassen. Anders als die meisten von uns, stöhnen sie nicht nur auf und stoßen komische Laute hervor, wenn eine gefährliche Situation sich anbahnt. Sie schaffen es, zu beschreiben, was sie sehen.

Gerd Scharrenbroch fehlt noch in dieser Reihe. Bei ihm zu Hause ist die technische Anlage untergebracht. Er bringt sie an jedem Spieltag aufs Neue an ihren Platz, verstöpselt Kabel, reicht Kopfhörer und Mikros. Seine Frau Thordis ist Vorsitzende des Blinden- und Sehbehindertenverein Duisburg. Normalerweise kommt sie auch ins Stadion. Am Sonntag war sie erkrankt.

Beide engagierten sich schon sehr lange für sehbehinderte MSV-Fans, als ein Zufall ihre Möglichkeiten erweiterte. Gerd Scharrenbroch erinnert sich nicht mehr, in welchem Jahr es war, als sie auf einer Rückfahrt von einem Spiel der Zebras in Berlin Andreas Peters kennenlernten.

Andreas Peters gehört dem MSV Fanclub Zebraherde an. Er war zu Zeiten von Walter Hellmich als Vertreter von Fangruppen in den Aufsichtsrat gewählt worden und rannte dort gegen Mauern, als er sich um die Existenz des Vereins zu sorgen begann. Die finanziellen Schwierigkeiten jener Zeit waren für Anhänger des MSV früh ein Thema und Verantwortliche im Verein sahen das nicht gern. Man legte ihm den Rücktritt nahe. Kommuniziert wurde eine einvernehmliche Entscheidung. Andreas Peters hatte seinerzeit einiges auszuhalten. Wie wertvoll für einen Fußballverein aber die Bindung an die Fanbasis ist, erwies sich nach seiner Zufallsbegegnung mit den Scharrenbrochs. Er unterstützte sie dabei, für die sehbehinderten und blinden MSV-Fans regelmäßig eine Spielreportage während der Heimspiele anzubieten.

Heute funktioniert dieses Angebot reibungslos, auch weil inzwischen mit dem Fanclub Innenhafen der nächste Fanclub sich für die Unterstützung des Angebots verantwortlich fühlt. Der Fanclub hat die Kosten für eine neue technische Anlage vor einiger Zeit komplett übernommen. 20 Hörerinnen und Hörer im Stadion können nun versorgt werden. Er stellt den Ehrenamtlern von ZebraFM Jacken und T-Shirts, die sie in ihrer besonderen Funktion erkennbar machen. Letztlich gehört ZebraFM zu jenen vielfältigen Fanaktionen, die zeigen, welche soziale Kraft rund um den Fußball entsteht, wenn Anhänger des MSV neben ihrem Vereinsherz auch noch den Gemeinsinn im Blick haben.

Morgen geht es an dieser Stelle nicht mehr um meine verlorene Sprache, sondern um vermisste Buchstaben. Bei Namen führt das augenblicklich zu Identitätskrisen. Auch ein interessantes Thema.

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Ein Sieg als Mittel zur besseren Menschenkenntnis

Frisch Verliebte, Personalchefs, WGs auf Mitbewohnersuche, eigentlich jeder, der mehr über die Persönlichkeit von einem Fan des MSV Duisburg erfahren möchte – alle mal gut herhören. Dieser 2:1-Auswärtssieg des MSV Duisburg beim Halleschen FC ist ein besonderes Spiel für euch. Denn jede Meinung zu diesem Spiel sagt mehr über den Sprecher aus als über das Spiel selbst.

Festhalten darf man, dieser Sieg war wegen der Chancen des Halleschen FC in der zweiten Halbzeit ein etwas glücklicher Sieg. Je mehr der Spielbeobachter mit dem Halleschen FC verbunden ist, desto glücklicher. Auch ich gehörte zu denen, die den Spielverlauf mit dem Hallenser Fanradio erlebten, durch das Aufstöhnen der beiden Fan-Reporter, deren Schimpfen auf den Schiedsrichter und deren Wehklagen über vergebene Chancen. Auf diese Weise war die Reportage für uns in Duisburg eigentlich kaum aufregend. Meist bekamen wir erst mit, was passierte, wenn der Misserfolg des Halleschen FC schon festgestanden hatte.

Früh schon hatten wir uns über die Führung freuen können. Steffen Bohl war in der fünften Minute im Strafraum durch den Torwart gefoult wurde. Die Folge: die rote Karte für den Torwart und ein Elfmeter, der durch Zlatko Janjic sicher verwandelt wurde. Sehr zuversichtlich schienen wir dem Rest des Spiels entgegen sehen zu dürfen. Wenig später allerdings musste Steffen Bohl verletzt ausgewechselt werden. Er war beim Foul auf die Schulter gefallen. Kevin Scheidhauer war nicht einmal mit nach Halle gefahren. Er war krank. So deutete sich in dieser ersten Halbzeit auch ohne ein einziges Bild und nur mit der etwas kärglichen Reportage an, dass der MSV Duisburg die Überzahl nicht in Spielüberlegenheit ummünzen konnte. Es war mehr ein Gefühl, als dass ich wirkliche Belege dafür bekam. Ein Gefühl, das entstand, weil keinerlei torgefährliche Situationen der Zebras geschildert wurden. Andererseits war in dieser Halbzeit anscheinend auch vom Halleschen FC wenig zu sehen. Der Spielbericht im Kicker bestätigt im Nachhinein dieses Gefühl.

Das änderte sich in der zweiten Halbzeit, als immer wieder enttäuschtes Aufschreien der Fan-Reporter von vergebenen Chancen kundete. Erst kurz vor Schluss gelang der entscheidende Konter, den Rolf Feltscher mit einem langen Sprint einleitete  und den Kingsley Onuegbu kühl verwandelte. Es folgte ein kurzer Schreck, weil tatsächlich noch ein Gegentor fiel. Doch fast sofort danach wurde abgepfiffen. Das war also ein Auftakt nach der Winterpause, wie wir ihn uns vom Ergebnis gewünscht haben. Meine Freude überwog, auch wenn mir ein früheres zweites Tor sehr viel lieber gewesen wäre. Es blieb abzuwarten, ob die Mannschaft tatsächlich so wenig überzeugt hatte, wie die beiden Fan-Reporter uns glauben machen wollten.

Jedes weitere Reden über das Spiel hängt nun eng mit der Persönlichkeit des Redenden zusammen. Das Ziel für diese Saison ist schießlich klar, und wie schön wäre es gewesen dieses erste Spiel hätte durchweg Sicherheit gegeben, dieses Ziel auch zu erreichen. Überlegen wir genau, wäre diese Sicherheit selbst bei einem überlegenen Sieg nur Illusion gewesen. Es scheint mir etwas übertrieben zu sein, von diesem einzigen Spiel der Mannschaft auf deren Möglichkeiten für den ganzen Rest zu schließen. Aber zugegeben, schnell gerate auch ich beim Reden in diese Wenn-Dann-Wirklichkeiten. Zwei Haltungen sind dabei nach dem Sieg gegen Halle möglich. Wenig überraschend lautet zugespitzt die eine, mit solch einer Leistung werden wir nie aufsteigen. Die andere dagegen lautet, wenn wir solche Spiele kühl gewinnen, werden wir aufsteigen. Im Wesenskern geht es also um Pessimismus und Optimismus. Sehe ich den bisherigen Verlauf der Saison, lässt sich weder auf der einen Deutung des Spiels noch auf der anderen eine Wahrscheinlichkeitstheorie begründen. Zu sehr hängt die Leistung der Mannschaft von der Entwicklung eines jeden Spiels ab, zu viel Zufall spielt in dieser Dritten Liga in den Spielen eine Rolle.

Wer allerdings meint, gerade das Spiel in Überzahl liefert ihm Argumente für ein besonderes Versagen der Mannschaft, dem seien die Überlegungen des Physikprofessors Metin Tolan ans Herz gelegt.  Es ist schon einige Zeit her, dass ich mir mal dessen Überlegungen über den durchschnittlichen Nachteil einer roten Karte angesehen habe. Das war eins von vielen Fußballthemen, die sich Metin Tolan aus der Perspektive des Physikers vorgenommen hatte. Intuitiv kennen wir dessen Ergebnis, weil wir von genügend Spielen wissen, die eine Mannschaft in Unterzahl überlegen gewonnen hat. Kurzum: Statistisch gesehen muss jeder Spieler der bestraften Mannschaft nur 5 Prozent mehr Meter laufen, um den Nachteil der roten Karte wieder auszugleichen. Anscheinend ist das der Mannschaft des Halleschen FC gelungen.

Natürlich haben wir uns alle ein überlegeneres Spiel der Zebras gewünscht – nicht zuletzt Gino Lettieri. Ich finde seine Reaktion bei der Pressekonferenz nach dem Spiel sehr sympathisch. Man kann den Eindruck gewinnen, ihm ist es sogar etwas unangenehm, dass seine Mannschaft nach diesem Spielverlauf gewonnen hat. Gleichwohl möchte er nicht zu kleinlaut wirken und so fügt er seine Worte der Freude auf etwas ungewöhnliche Weise zusammen: „Trotzdem Gratulation, dass die Mannschaft – auch in Überzahl muss man sagen – das Ergebnis gehalten hat.“

Einen weiteren Duisburger Gewinner hatte dieser Spieltag dann  noch, obwohl dieses Team spielfrei hatte. Fan-Engagement verdient Respekt, und wenn ich nun noch Worte über ZebraFM verliere, soll das nicht bedeuten, dass ich den Machern vom Fan-Radio in Halle keinen Beifall spende. Schließlich engagieren auch sie sich sehr und es war ihr Verdienst, dass auch wir in Duisburg einen Eindruck vom Spiel erhielten. Allerdings bin ich in Duisburg sehr verwöhnt durch die Reportagen bei ZebraFM. Im Vergleich mit dem, was wir aus Halle gehört haben, sehen wir, welch große Kunst es ist, bei den Hörern Bilder vom Spiel im Kopf entstehen zu lassen nur durch Worte des Moments. Wir konnten  sehen, wie schwierig es ist, erst mitzuteilen, was geschieht und sich dabei gleichzeitig mitreißen zu lassen, engagiert zu sein, als Reporter Fan zu sein, als Fan Reporter. Wir konnten sehen, wie schwierig es ist, in der Begeisterung kritisch zu sein und Distanz zum Geschehen zu haben. Prasselnder Applaus von mir für diesen Gewinner des Spieltags, der spielfrei hatte.

Und das noch: Mit einem Klick geht es weiter zu einem ausführlichen Spielbericht bei PPQ aus Hallenser Perspektive.


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