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Von Nazihools, Identität und Real Madrid in drei Podcasts

Ohne Stadionbesuch beschäftigt mich immer intensiver die Fußballkulturwelt. Weniger der aktuelle Sport bewegt mich als das Schreiben und Sprechen über die Bedeutung des Fußballs in der Gesellschaft. Ich lese darüber, wie Mannschaftstaktiken und nationale Selbstbilder sich gegenseitig beeinflussen. Ich höre Podcasts, wenn über Fußball als soziales oder politisches Phänomen gesprochen wird. So haben sich drei Folgen vom Hörfehler angesammelt, auf die ich jeweils sofort nach dem Hören hatte hinweisen wollen. Daraus wurde nun ein Sammelhinweis, auf dass ihr euch das Hören verteilen könnt.

Der Sozialwissenschaftler und Buchautor Robert Claus ist in Folge 91 zu Gast. Im Verlag Die Werkstatt ist sein Buch Ihr Kampf – Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert erschienen. In ihm beschreibt er das Wirken von Rechtsextremisten im Kampfsport und deren Vernetzung in Europa, nicht ohne Querverbindungen zum Fuball nachzugehen. Da er mit Hooligans zudem ein Buch über die gegenwärtige Holligan-Kultur geschrieben hat, kennt er sich auch gut in den Fankurven deutscher Stadien aus. Dieser Podcast bietet sowohl einen tiefen Einblick in die Strukturen gewaltbereiter Rechtsextremisten als auch in den unterschiedlichen Umgang von Vereinen und Fans mit dem Versuch von Rechtsextremisten Einfluss auf Fankurven zu gewinnen. Ganz grundsätzliche Fragen zu sozialen Entwicklungen werden angesprochen und indirekt wird einmal mehr deutlich, das Benennen von Strategien und Methoden des Rechtsextremismus ist die Voraussetzung, um vorgeblich unpolitisches Handeln als demokratiefeindlich zu erkennen.

In Folge 88 spricht Nick mit dem Historiker Julian Rieck über Real Madrid im Franquismus. Wer sich für europäische Geschichte interessiert, wird dieser Folge gebannt zuhören. Wieder führt das Gespräch über den Gesprächsanlass hinaus. Der genau Blick des Historikers Julian Rieck macht das komplexe und oft widersprüchliche Geschehen erkennbar, das wir sonst so gerne auf eine eindeutige Historienerzählung reduzieren. Wer so von der Historie erzählt, macht das allgemein Menschliche in dem Geschehen einer anderen Nation und Kultur deutlich.

In der zuletzt erschienenen Folge widmet sich der Hörfehler dem Thema Fußball und Identität. Nick spricht mit Hardy Grüne, dem Herausgeber vom Fußballmagazin Zeitspiel, und Bernd Sautter, der ebenfalls für das Magazin schreibt. Beide hatten sich für die letzte Ausgabe des Magazins mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt. Interessant ist dieses Gespräch durch die besondere Mischung von Erzählen über die eigene Fußballzuschauerbiografie, bei der immer auch der lokalhistorische Kontext angerissen wird und der Betrachtung, wie sich durch die veränderte Gesellschaft die Verbindung zu einem Lieblingsverein in den letzten 60 Jahren gewandelt hat.

Großstadtfußball im Podcast – Duisburg, Köln, München

Neulich habe ich schon einmal auf interessante Podcasts hingewiesen, die sich der Fußballhistorie widmen. Nick Kaßner mit seinem Podcast Hörfehler gehörte dazu. Nun sprach er in der letzten Folge seines Podcasts, der Nummer 90, mit seinen drei Gästen aus Duisburg, Köln und München allerdings nur kurz über die Fußballhistorie. Vor allem ging es um die Situation des Amateurfußballs in den drei unterschiedlichen Städten.

Den Duisburger Christian Lenke kenne ich durch sympathische Begegnungen im Stadion. Als gebürtiger Thüringer, der nun auch schon lange in Duisburg lebt, geht er regelmäßig zu den Zebras. Auch wenn er in frühen Jahren sein Herz an den jüngst stark gebeutelten Rot-Weiß Erfurt hängte. Er ist Jugendtrainer beim SV Duissern 1923 und arbeitet zudem auf Verwaltungsebene seines Vereins mit. Er beschreibt den Duisburger Amateurfußball.

Der Autor und Journalist Holger Hoeck gibt die Einblicke in die Kölner Amateurfußballszene. Tim Frohwein lebt in München und arbeitet am Projekt Mikrokosmos Amateurfußball mit, das die gesellschaftliche Perspektive des Amateurfußballs beleuchtet. Unschwer war auch im Gespräch seine soziologische Perspektive beim Blick auf den Amateurfuball Münchens erkennbar.

Alle drei arbeiten an dem von Hardy Grüne ins Leben gerufene Fußballmagazin Zeitspiel mit, der journalistische Ort für einen Fußball abseits der Unterhaltungsindustrie.

In der Folge entwickelte sich schnell ein interessantes Gespräch, das zu einer Bestandsaufnahme des Breitensports Fußball in der Großstadt wurde. Grundlegende Erfahrungen auf dem Bolzplatz wurden beleuchtet. Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Fußballs in den so unterschiedlichen Städten wurden deutlich. Schwierigkeiten und Entwicklungen des Amateurfußballs kamen zu Sprache. Der Stadt-Land-Gegensatz war immer wieder Thema. Die Folge macht Lust, sich intensiver mit dem Thema Großstadt-Fußball zu beschäftigen.

Zeitspiel sucht den gelingenden Fußball abseits vom Kommerz

Die Fußballzeitschrift Zeitspiel widmet sich vierteljährlich einerseits historischen Themen, andererseits geht es um den Fußball „auf seinem Weg in die Gegenwart“ abseits von „Bundesliga und Champions League, WM und EM“. Hier geht es zur Seite der Zeitschrift. Hier geht es zur Beschreibung des Projekts auf der Seite von Hardy Grüne, einem der Herausgeber.

Gestern nun erreichte mich von der Facebook-Seite der Zeitschrift unten stehender Aufruf, den ich teilen möchte. Denn diese Suche nach einem gelingenden Fußball abseits des Kommerz passt zu einem grundsätzlichen Thema, das die Gesellschaften der Gegenwart  immer mehr beschäftigen wird.  Das Nachdenken über die Zukunft bedeutet nämlich auch ein Nachdenken über die Form des Wirtschaftens in der Gegenwart, ein Nachdenken über Konsum und Nachhaltigkeit, ein Nachdenken darüber, wie Menschen sich gemeinschaftlich und sinnhaft fühlen können, ohne dass sie immer mehr Ressourcen verbrauchen. Für mich gehört der Fußball als Unterhaltungsbetrieb in die große Schublade Konsum.

Es ist interessant, welche Gegenmodelle zum Fußball als Unterhaltungsbetrieb entwickelt werden, da das ja innerhalb des Systems Fußball mit seinen Verbänden geschieht. Für mich ist die Frage, ob und wie das gelingen kann angesichts von Widersprüchen zwischen Hoffnung auf Erfolg und den daraus entstehenden Zwängen durch das System.

Hier also der Aufruf von Zeitspiel:

In der kommenden Ausgabe #15 wollen wir uns im Leitartikel „Überleben im Turbokapitalismus II“mit dem Zustand des Fußballs unterhalb der Kommerzebene beschäftigen. Dabei wollen wir nicht nur jammern und stöhnen über all das, was vermeintlich „schlecht“ läuft, sondern vor allem schauen, wo es schon anders (besser) läuft und wie der Fußball eine überlebensfähige Zukunft bekommen kann.
Und da kommt Ihr ins Spiel: Zum einen suchen wir Vereine vorzugsweise ab 3. Liga bis 6. Liga, aber auch bis hinunter bis auf Kreisebene, die bereits neue Wege beschreiten. Die sich herausgelöst haben aus einem sich selbst verschlingenden Geldsystem und den Fußball und das Vereinsleben unter zeitgemäßem Rahmenbedingungen in den Vordergrund gerückt haben. Die nicht mehr um jeden Preis aufsteigen wollen sondern stattdessen darauf achten, sich nicht selbst ständig in Insolvenzgefahr zu bringen. Die zeitgemäße Nachwuchsarbeit betreiben, denen es gelingt, ihre Mitglieder für sich zu begeistern.
Gilt das für Euern eigenen Verein? Oder kennt ihr Vereine, bei denen das so ist? Dann gebt uns gerne einen Hinweis.
Zum anderen wollen wir von Euern Visionen, Utopien und Hoffnungen hören. Wie kann der Fußball im Jahr 2030 aussehen? Schickt uns kurze Statements, die wir sammeln und im Heft präsentieren. Dabei darf es sowohl um den „großen“ Fußball gehen als auch auf den in der Kreisklasse oder im Nachwuchsbereich.
Reclaim the game!

Wir freuen uns auf Eure Beiträge unter redaktion (at) zeitspiel-magazin.de


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