Posts Tagged 'Zweiter Weltkrieg'

In eigener Sache: Akzente 2018 – Unsere geprägten Leben im Ruhrorter Lokal Harmonie

Statt eines weiteren Beitrags im inoffiziellen Akzente-Programm des Zebrastreifenblogs gibt es heute  einen Hinweis in eigener Sache auf das offizielle Programm der Akzente morgen Abend.

In Duisburg leben Menschen unterschiedlicher Generationen und Herkünfte, die den Krieg aus eigener Erfahrung kennen. Die älteren Duisburger haben als Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebt. Duisburger im mittleren Alter wissen vom Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre zu berichten. Noch jünger sind oft jene Menschen, die vor dem gegenwärtigen Syrienkrieg flohen. Im Ruhrorter „Lokal Harmonie“, Hamorniestraße 41, bringe ich morgen, am Freitag, den 16. März, um 19 Uhr im Rahmen der Duisburger Akzente fünf Duisburger bei einer Lesung aus persönlichen Erinnerungen an den Krieg in einen Dialog.

Eigentlich hatte ich vor, diesen Dialog als von mir geschriebenen Text mit einer szenischen Lesung auf die Bühne zu bringen. Doch während der Gespräche mit den Zeitzeugen veränderte sich das Konzept für den Abend. Denn diese Zeitzeugen haben das Bedürfnis ihre berührenden Erfahrungen im Krieg als eigene geschlossene Geschichte zu erzählen. So wird der Dialog über Haltungen zum und dem Erleben im Krieg live auf der Bühne entstehen – unter uns Auftretenden und mit dem Publikum.

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Akzente 2018 inoffiziell – Flucht vor der Verantwortung im Duisburger Stadtwald

Am Samstag sind die 39. Duisburger Akzente eröffnet worden. Nie wieder Krieg? lautet das Motto des Kulturfestivals. Auch dieses Jahr begleite ich die Akzente im Zebrastreifenblog mit einem inoffiziellen Programm ohne Bühnenpflicht für jeden Tag.

Südlich vom Worringer Reitweg, östlich der A 3 deutet im Duisburger Stadtwald nichts darauf hin, dass dort Mitte April 1945 Walter Model, der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B der Wehrmacht den Kampf um das Ruhrgebiet aufgab. Für das von mir als Ralf Koss geschriebene Buch 111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen habe ich den folgenden kurzen Text zu diesem Ereignis geschrieben. Die Historie des Ruhrgebiets lässt mich weiterhin nicht los. „Orte, im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ heißt mein Blog zum Thema. Pressestimmen und Informationen zum Buch gibt es dort ebenfalls.

Flucht vor der Verantwortung

Die Munition ist aufgebraucht, Lebensmittel sind kaum vorhanden. Nach und nach nehmen die US-amerikanischen Truppen die Städte des Ruhrgebiets ein. Bald ist der Krieg zu Ende. Am 17. April 1945 gibt der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B den geordneten Verteidigungskampf auf. Den im Ruhrkessel eingeschlossenen etwa 300.000 Soldaten stellt er frei, in Gruppen kämpfend die feindliche Linie zu durchbrechen oder sich einzeln durchzuschlagen, zivil oder in Uniform. Vier Tage später greift Walter Model in einem Duisburger Waldstück nahe Lintorf zu seiner Waffe und erschießt sich.

Als fanatischer Anhänger des Nationalsozialismus will er die Niederlage erklären: »Unter dem Druck der Kriegsereignisse zeigt sich, daß noch immer weite Kreise des deutschen Volkes und damit auch der Truppe vom jüdischen und demokratischen Gift der materialistischen Denkweise verseucht sind.« Ein Kapitulationsangebot hat er abgelehnt, und fast bis zuletzt ist er bereit, seine sinnlosen Befehle unter Androhung von standrechtlichen Erschießungen durchzusetzen.

Anfang März war die US-Army bei Remagen über den Rhein gesetzt. Nach der britischen Großoffensive nahe Wesel kann das Ruhrgebiet in einer Zangenbewegung umschlossen werden. Großen Widerstand gibt es nicht, während sich die alliierten Truppen im Hinterland des Ruhrgebiets aufeinander zubewegen. Am 1. April treffen sie bei Lippstadt aufeinander. Der Ruhrkessel ist geschlossen

Indem der Kessel enger gezogen wird, gelingt das erhoffte »mopping up«, das »Aufwischen« der deutschen Truppen, ohne große Verluste der Alliierten. Als ein letztes Mittel des Kampfes bleibt den Nationalsozialisten, die Wirklichkeit zu verdrehen: »Wir wissen mehr, als der Gegner weiß« heißt es auf einem Flugblatt vom Gauleiter Westfalen-Süd, Albert Hoffmann. Das Schließen des Ruhrkessels sei ein großer Erfolg der Wehrmacht und von der Führung geplant gewesen.

 

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Zwei Deutsche in Le Havre

Wenn ich mich für ein paar Tage an einem anderen Ort aufhalte, probiere ich ja gerne aus, wie sich dort ein anderes Leben anfühlt. Momentan versuche ich mich gerade als Anhänger von einem der ältesten Fußballvereine Frankreichs – vom Le Havre AC. Für uns Duisburger ist das nicht schwer. Hafenstadt, Zweitligist, immer wieder auch Erste Liga. Es gibt Erfahrungen, die mich schnell Anschluss finden lassen. Gerade haben die Vorbereitungen auf die neue Saison begonnen. Nächsten Mittwoch Testspiel gegen Rennes. Zweitligist mit Ambitionen. Ganz da ist der MSV noch nicht wieder, vor allem aber war der MSV noch nie Meister seines Landes wie 1899 der Le Havre AC. Die Geschichte dieser Meisterschaft erzähle ich auch ohne Vorerfahrung im alten Leben  sehr gerne, seit ich sie im französischen Wikipedia-Artikel zu Le Havre AC gelesen habe.

Auch für den Fußball der Anfänge war im zentralistischen Frankreich Paris das Maß aller Dinge. Im Grunde war es wahrscheinlich sogar so, niemand in Paris nahm den Fußball außerhalb der Stadt ernst. Das wollte 1899 eine gerade zwei Jahre alte Sportorganisation, die Union des sociétés françaises de sports athlétiques (USFSA), ändern. Sie rief die Fußballvereine Frankreichs auf, an einer gesamtfranzösischen Meisterschaft teilzunehmen. Le Havre AC und l‘Iris Club lillois waren die einzigen Vereine außerhalb von Paris, die dem Aufruf folgten. Das Schicksal meinte es dann gut mit dem Le Havre AC. Das Ausscheidungsspiel für das Finale um die französische Meisterschaft gegen den Pariser Meister gewann Le Havre kampflos, weil der Gegner aus Lille wegen Grippeerkrankungen nicht antrat.

Dazu hatte der Pariser Meister eine ganz eigene Meinung. Denn was ein richtiger Pariser ist, der hat seinen Stolz und will gegen Provinzler nur spielen, wenn der sich schon einmal bewiesen hat. So weigerte sich der Pariser Meister gegen Le Havre als einer Mannschaft ein Finalspiel zu bestreiten, die auf dem Weg ins Finale nicht ein einziges Mal Fußball gespielt hat. Vielleicht eine Frage der Ehre, die damals von der USFSA als nicht ganz so wichtig angesehen wurde wie die Autorität der eigenen Entscheidung. Die USFSA-Funktionäre entschieden, wenn die Pariser Mannschaft nicht antritt, wird Le Havre AC eben Meister. Meisterruhm ohne ein Spiel. In diesem Wettbewerb hätte sogar ein MSV vor der eigenen Gründung noch gute Chancen gehabt. Ob man Wikipedia bzw. dem Fußballhistorienbuch, auf das sich berufen wird, glauben soll, ist in dem Fall weniger wichtig. Die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden.

Ein neues Stadion für 25.178 Zuschauer hat mein französischer Verein übrigens auch. Die Architekten haben sich beim Bau vom Stade Océane anscheinend von Stadien in der deutschen Voralpenregion inspirieren lassen.

Auf eine besondere Fußballer-Biografie hat mich mein neuer Verein auch noch aufmerksam gemacht. Der Le Havre AC war die vorletzte Trainerstation des Deutschen Max Schirschin, der als Spieler und Trainer in Frankreich, besonders beim FC Rouen, viel Anerkennung gefunden hat und dem hier im französischen Wikipedia ein ausführlicher Artikel gewidmet ist. Ein weniger ausführlicher Artikel findet sich im deutschsprachigen Wikipedia, in dem das Deutsch an einigen Stellen ungewöhnlich  wirkt, so als habe ein Nicht-Muttersprachler dafür sorgen wollen, dass über diesen Mann auch in seiner alten Heimat zumindest ansatzweise etwas zu erfahren ist.

Der 2013 im Alter von 92 Jahren gestorbene Max Schirschin begann in Oberschlesien mit dem Fußball. Ab 1939 spielte er im ersten Jahr des Zweiten Weltkriegs für eine Saison beim FC Schalke 04. Danach wurde er von der Wehrmacht eingezogen. Am Ende dieses Krieges war er als Kriegsgefangener in einem französischen Lager in Hyères inerniert. Nach seiner Entlassung beschloss er, in Frankreich zu bleiben und begann wieder mit dem Fußball. Nach kürzeren Engagements im Süden und Westen kam er zunächst für zwei Jahre zu meinem Le Havre AC, bis er dann in den 1950er Jahren beim FC Rouen eine längere sportliche Heimat fand. Seine aktive Zeit als Spieler endete dort. Danach arbeitete er als Trainer unter anderem auch beim FC Rouen über 20 Jahre. Lese ich all das, sehe ich die Biografie eines Menschen mit und quer zur europäischen Geschichte. Über einen Deutschen, der im Nachkriegsfrankreich erfolgreich wurde, ließe sich bestimmt einiges erzählen.

Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 7

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig diese Erinnerungen genannt, die ich nach und nach bearbeite und hier in loser Folge veröffentliche.

Heute geht es um das Ende des Zweiten Weltkriegs und wie der mit seiner Mutter nach Süddeutschland evakuierte Gerd Hennig zurück nach Duisburg gelangte.


Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 7
Von Gerd Hennig
Herausgegeben und bearbeitet von Kees Jaratz

Gailingen liegt am  am wunderschönen Hochrhein zwischen Bodensee und dem Rheinfall bei Schaffhausen. In diesem Ort hatten  meine Mutter und ich zum Ende des Krieges dank der Hilfe meiner schon dort lebenden Schwester gewohnt, nachdem wir in Meiderich ausgebombt worden waren. Die Rückkehr nach Meiderich aus der von uns gewählten Selbstevakuierung nach Gailingen wurde zu einem strapaziösen Abenteuer und vollzog sich in zwei Etappen.

Von Gailingen aus war es nach dem Kriegsende zunächst zu meiner Schwester nach Singen am Hohentwiel gegangen. Sie  bewohnte dort mit ihrem aus Siebenbürgen gebürtigen Ehemann Wilhelm und zwei zwischenzeitlich zur Welt gekommenen Töchtern Hilde und Brigitte eine bescheidene 3-Zimmer-Wohnung. Von dort aus wollten wir die Reise antreiten. In jener Zeit ohne Auto und geregelten Zugverkehr benötigte man gute Beziehungen, um zumindest auf Güterzügen mitgenoemmen zu werden. Mein Schwager konnte so einen Kontakt herstellen und brachte uns in einer Nacht- und Nebelaktion auf den Güterbahnhof Singen. Dort bestiegen wir einen geschlossenen Waggon, um nach Stuttgart-Kornwestheim aufzubrechen. Zwei Tage und Nächte dauerte die Fahrt zu dem zentralen Güterbahnhof für den süddeutschen Raum. Dort wurden die Züge für andere Regionen zusammengestellt.

Als wir in Kornwestheim ankamen, wurden wir von einer Familie Spielvogel mit Leiterwagen abgeholt. Wir waren dank nachbarschaftlicher Freundschaft an sie weitergeleitet worden. Unser verbliebenes Habe an Leib- und Körperwäsche passte in zwei große Koffer. Für drei Nächte blieben wir bei der Familie in ihrem geretteten Einfamilienhaus. In dieser kurzen Zeit hatte meine Mutter eine Putzstelle angenommen. Währenddessen schlenderte ich tagsüber durch die Innenstadt Stuttgarts und sammelte weggeworfene Zigarettenkippen auf. Am Abend pulten wir sie gemeinsam auseinander. Den dadurch gewonnenen Tabak tauschten wir am nächsten Tag auf dem heftig blühenden Schwarzmarkt gegen lebenswichtige Produkte und Erzeugnisse ein.

Die nächste Etappe unserer „Odyssee“ begann, als unser Gastgeber und Hausherr durch seine beruflichen Verbindungen herausbekam, dass am nächsten Sonnabend ein Güterzug in den damaligen „Goldenen Westen“ zusammengestellt wurde. Zur Weiterfahrt war der für uns ideal, obgleich dieses Mal nur offenene Wagen zur Verfügung standen. Letztendlich war uns das egal. Wir bestiegen einen Waggon, die Fahrt begann. Unzählige Male wurde auf der Fahrt umrangiert, ehe der Zug im Westen ankam.

Nachdem wir an einem Güterbahnhof ausgestiegen waren, ging es zu Fuß weiter. Am Montagfrüh erreichten wir die Kanalbrücke in Duisburg-Meiderich an der Koopmannstraße.  Sie war allerdings gesprengt worden, weshalb wir den Rhein-Herne-Kanal mit unseren zwei Koffern auf einem schwankenden, schmalen Holzsteg überqueren mussten. Auf der Bügelstraße nahm uns mein Onkel Fritz in Empfang. Er hatte einen grünen Holzkarren dabei, auf den wir unsere zwei Koffer stellten. Durch die menschenleeren Straßen geleitete er uns zur Hausnummer 62, wo er die eine Hälfte eines alten, ehemaligen Bergmanns-Häuschens alleine bewohnte. Dort konnten wir erst einmal bleiben, weil er sich auf einen Bauernhof nach Hünxe zurück gezogen hatte und nur am Monatsende zum Abholen seiner Bahnrente in Ruhrort zu einem Kurzbesuchen kommen wollte. Das störte uns nicht weiter, denn jetzt hatten wir wieder ein Dach über dem Kopf in der Heimat.

Ich musste dann zwar mein eigenes Zimmer gegen das Sofa im Wohnzimmer eintauschen, doch das war gegenüber fünf Nächten auf Güterwaggons der reine Luxus. Auch spielte es keine Rolle, dass die Fensterscheiben durch die Gläser alter Bilderrahmen zusammengestückelt werden mussten und durch genagelte schmale Holzleisten zu befestigen waren. Fensterkitt war nicht aufzutreiben. Alle Fenster wurden mit jeweils zwei grünen Holzblenden gesichert, denn die heute üblichen Rolläden gab es noch nicht oder waren nicht erschwinglich. Um Lebensmittel zu erhalten, wurden farblich unterschiedliche Karten vom Einwohnermeldeamt ausgegeben. Die Anzahl der zum betreffenden Haushalt gehörenden Personen bestimmte die Menge. Lebensmittel waren streng rationiert.

Gekauft wurde bei Caspers Trina auf der Talbahnstraße, die mit ihrer sehr korrekten Verkäuferin Mathilde einen alteingesessenen „Tante-Emma-Laden“ betrieb. Supermärkte oder Einkaufszentren gab es nicht. Zum Monatsende konnte man bei ihr noch „anschreiben“ lassen und die offen stehende Summe Geld erst nach der Lohn- oder Gehaltszahlung begleichen. So hatte diese Zeit auch gewisse Vorteile!

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Der Duisburger Gerd Hennig – Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 5

Vor einiger Zeit habe ich begonnen, die Erinnerungen von FIFA-Schiedsrichter Gerd Hennig zu sichten. “Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter” hat Gerd Hennig diese Erinnerungen genannt, die ich nach und nach bearbeite und hier in loser Folge veröffentliche.

Heute geht es nicht um den Schiedsrichter Gerd Hennig, sondern um dessen Kindheit und das Leben während des Zweiten Weltkriegs.


Vom Straßenfußballer zum FIFA-Schiedsrichter – Folge 5
Von Gerd Hennig
Herausgegeben und bearbeitet von Kees Jaratz

Am 24. April 1935 wurde ich als Sohn des Büroangestellten Otto Hennig und seiner Ehefrau Margaretha auf der Stolzestraße 10 im Duisburger Stadtteil Mittelmeiderich geboren. Meine Eltern waren Jahrgang 1902, und meine Mutter hieß mit Mädchennamen Stratenwerth. 1924 schon war meine ältere Schwester Hildegard zur Welt gekommen. Wir bewohnten in der 2. Etage des Hauses auf der Stolzestraße eine 5-Zimmer-Wohnung, eine für damalige Verhältnisse ungewöhnlich große Wohnung.

Ein normaler Tagesablauf sah damals folgendermaßen aus: Mein Vater verließ bereits gegen 7.30 Uhr das Haus, um zu Fuß seinen nahe gelegen Arbeitsplatz bei einem ansässigen Betrieb der Zinkverarbeitung  zu erreichen. In der Kantine dort aß er zu Mittag. Gegen 18.30 Uhr kam er auf direktem Weg in die Wohnung zurück. Meine Mutter blieb, was seinerzeit normal war, ohne Beruf und versorgte zusammen mit meiner Schwester den gesamten Haushalt. Meine Schwester fand in ihrem jungen Alter damals selbstverständlich keine geeignete Lehrstelle, so dass sie meiner Mutter hilfreich zur Seite stand. Denn das Einkaufen, die Zubereitung der üblichen drei Mahlzeiten sowie die Reinhaltung der mit vielen Fenstern und Türen bestückten Wohnung war sehr aufwändig.

Ich, als kleines Kind, spielte nur innerhalb der eigenen Wände mit einfachem Spielzeug wie Kochtöpfen mit Holzlöffeln und Stampfern oder malte in einem Malbuch mit Buntstiften. Das Spielen auf der Straße war wegen möglicher Gefahren auf Geheiß meiner strengen Mutter absolut verboten. Sie trug für die Erziehung der Kinder die alleinige Verantwortung, da mein Vater fast immer abwesend war und nur selten eingreifen konnte. So spielte sich das ganze Familienleben in der meisten Zeit nur daheim statt, zumal freundschaftliche Begegnungen mit Nachbarn sowie Verwandten und Bekannten kaum stattfanden. Das Familienleben war dementsprechend eintönig.

So freute ich mich schon früh auf den April 1941. Von da an durfte ich als Sechsjähriger die nahegelegene Volksschule an der Stolzestraße besuchen. Meine Schwester hatte mich durch häusliches Vorschulen bereits bestens vorbereitet, so dass ich mit dem Unterricht keinerlei Schwierigkeiten hatte. Weil ich in den geforderten Fächern glänzende Zensuren erhielt, war eine Versetzung in die nächsthöhere Klasse nie infrage gestellt. Auch bei den früher so wichtigen drei Kopfnoten „Führung und Haltung“, „Allgemeines Betragen“ sowie „Beteiligung am Unterricht“ gab es nie Schwierigkeiten. Der Fußball spielte damals noch keine Rolle in meinem Leben, weil auf dem großen Schulhof ein Fußballverbot gab.

Der Krieg bestimmte schon lange unser Leben. In dieser Zeit nahmen die Luftangriffe immer mehr zu. Schließlich wurde unsere Wohnung durch den Einschlag mehrerer Luftminen in die Gärten zwischen Stolze- und Gabelsbergerstraße fast restlos zerstört. Mit den wenigen verbliebenen Resten unseres Besitzes kamen wir zunächst in der zufällig leer gewordenen Wohnung einer Familie Lankhoff, schräg gegenüber liegend, unter. Das war aber nur von kurzer Dauer, weil auch auch diese Behelfswohnung nach dem Abwurf von Brandbomben ausbrannte. So sollten wir zwangsevakuiert werden. Meine Schwester konnte das verhindern, weil sie kurzfristig eine Stellung im Haushalt der Unternehmerfamilie Reinhold, auf der Kardinal-Gahlen-Straße in der Duisburger Stadtmitte, angenommen hatte. Diese Familie verfügte mit der „Villa Alpenblick“ über einen zweiten Wohnsitz in Gailingen am Hochrhein. Meine Schwester arbeitete dort bereits. Auf ihren Wunsch konnten meine Mutter und ich nachkommen. Mein Vater war seinerzeit als Soldat beim Bodenpersonal der Luftwaffe. Von da an war eine Dachgeschosswohnung mit 3 Räumen unser zu Hause.

In Gailingen besuchte ich nach Bezug unseres neuen Domizils sogleich die konfessionsfreie Volksschule in der Ortsmitte. Zwanzig Minuten dauerte es dorthin zu laufen. Ein Fräulein Mayer war die Lehrerin, die den Stoff für alle Klassen und Stufen über den gesamten Tag hinweg den Schülerinnen und Schüler vermitteln musste. Sport war dabei nicht vorgesehen, weil stattdessen die von der Hitlerjugend zwangsweise angeordnete Körperertüchtigungen den Vorzug erhielten. Wieder war von Fußball nie die Rede.

Unser einziges Spielzeug dort war der sogenannte „Bensel“, der aus einem ausrangierten Fahrrad entnommmenen war. Dieser „Bensel“ war eine blanke Felge,  ohne Speichen und Nabe, die mit einem kurzen Holzstab in alle Richtungen von uns bewegt wurde. Auf der harten Dorfstraße machten wir dann allerlei Wettrennen mit dem „Bensel“. Nach Schulschluß konnten mich zum Leidwesen von Mutter und Schwester die zweifellos vorhandenen Annehmlichkeiten im Umfeld der hochherrschaftlichen „Villa Alpenblick“ nicht reizen. Mich zog es zu der etwa 300 Meter weiter wohnenden kinderreiche. Sie lebten in einer dürftigen, kleinen Holzbehausung. Von dort aus fuhr der  Vater Stefan jeden Morgen mit dem Fahrrad 15 Kilometer zu seiner Arbeitsstelle bei den FAHR-Landmaschinenfabriken. Die Mutter Maria blieb zu Hause und kochte an jedem Tag einen Kessel Kartoffeln für ihre fünf Kinder und mich. Dieser Kleinbauernbetrieb mit Hühnern und Puten war  mein Leben und ließ mich die komfortablere Vorteile in der Villa vergessen – auch wenn mich meine Mutter nach der Heimkehr am Abend mit gesammeltem Obst und Beeren aus der freien Natur verwöhnte.

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Und vor dem Spiel noch etwas ganz anderes: Ruhrorter Hafenhistorie – Ein Film

Im Museum der Deutschen Binnenschifffahrt ist man  ins Filmarchiv gegangen und hat Filmaufnahmen vom Hafen der Stadt aneinandergeschnitten. Die Quellen der Ausschnitte wirken auf mich sehr unterschiedlich. Womöglich stammen die Ausschnitte der 1950er und 1960er Jahre aus Industriefilmen. Am Ende des Clips sind Ludwig Erhard und Queen Elisabeth bei ihren Hafenbesuchen zu sehen. Schon Anfang der 1960er Jahre konnte die Queen sehr anmutig von einem Schiff herunterwinken. Anscheinend bereitete sie sich damals schon auf ihre Thronjubiläumsfahrt auf der Themse vor. Die Bilder sind unkommentiert und  musikalisch untermalt. Den typischen Historiendoku-Sound des Anfangs ersetzt später der „Bolero“ von Maurice Ravel. Vom französichen Komponisten Maurice Ravel ist ja ein Besuch Hamborns Anfang des letzten Jahrhunderts verbürgt, bei dem er sich von der Industriekulisse entsprechend beeindruckt gezeigt hat. Eine gerne erzählte Anekdote in Ruhrgebiets-Heimatbüchern und eine Vorgeschichte für ein anderes Spiel. Eine Hafenrundfahrt müsste ich mal wieder machen. Der Besuch des Museums ist natürlich auch zu empfehlen.

Nachtrag: Am Freitag, 23. November, 18.00 Uhr, startet im Restaurant „Schiffchen“, Deichstraße 1, 47119 Duisburg, die „2. Ruhrorter Filmnacht – Alte Filme neu entdecken“, veranstaltet von der Fördergesellschaft Museum der Deutschen Binnenschifffahrt und dem Ruhrorter Bürgerverein.


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