Der MSV ist wieder da und kennt kaum mehr Zweitligasitten

Nur gut, dass wir Theaterleute solche Premierentage, wie sie der MSV Duisburg in der Zweiten Liga am Freitag erlebt hat, seit Jahren kennen. Wir wissen, irgendetwas kann immer richtig schief gehen. Denn jetzt erst ist es wirklich ernst, und läuft das Stück erstmal, geht es nur noch vorwärts, selbst wenn Text vergessen wird und Szenen mit falschen Läufen beginnen. Man muss sich dann durcharbeiten, alles geben, bis zum Ende. Dann werden auch die ganzen Freunde, Bekannte und überhaupt Menschen, die dem Haus wohlgesonnen sind, nicht nur freundlich Beifall klatschen. Dann werden sie begeistert sein. Dann werden sie alle Beteiligten feiern, egal welcher Fehler auch passiert ist.

Wir, Theaterleute wissen aber auch, wir müssen uns die Fehler ziemlich genau ansehen. Waren das Fehler aus Nervosität, oder gibt es ein grundsätzliches Problem bei der Aufführung? Müssen wir im laufenden Betrieb die Inszenierung noch verändern? Haben wir weiter viel Arbeit mit dem Stück? Das sind die Fragen, die wir uns stellen müssen. Gino Lettieri wird es nicht anders gehen.

Der MSV Duisburg hat am Freitag  im Heimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit 3:1 verloren. Die Heimspielpremiere fand vor einem begeisterten Publikum statt, das die Mannschaft nicht nur in den letzten 30 Minuten des Spiels weiter feierte. Die Stimmung hielt an auch nach der Niederlage. Wir alle wollten uns von dieser Niederlage die Freude über die Rückkehr in die Zweite Liga nicht verderben lassen. Viele von uns hatten schließlich auch mit einer Niederlage gerechnet. Viele von uns wären mit einem Unentschieden zufrieden gewesen.

Dennoch kühlte der Verlauf der ersten Halbzeit die Stimmung auf MSV-Seite zunächst deutlich herab. Die Art und Weise, wie die Tore fielen, ernüchterte sehr. Kevin Wolze verlor kurz vor der Mittellinie den Ball, als er im eins gegen eins seinen Gegenspieler umdribbeln wollte. Den sofort nach vorne ziehenden Kaiserslauterner konnte er nicht mehr aufhalten. Standardkonterabschluss mit dem Pass in die Mitte, das 1:0, 13. Minute. Das nächste Tor leitete Zlatko Janjic ein mit einem viel zu langsamen Rückpass, der zum perfekten Steilpass in den Lauf eines Kaiserslautenerner Spieler wird. Der verstolperte im Strafraum sogar zunächst, wurde dort nach rechts abgedrängt, den harten Schuss zurück Richtung Tor wollte Kevin Wolze grätschend klären. Doch er grätschte den Ball ins eigene Tor, das 2:0, 18. Minute. Ein weiter Ball aus der Kaiserslautener Hälfte, lange unterwegs in die Spitze, wurde gefährlich, weil er an der Strafraumgrenze genau in der Schnittstelle zwischen Branimir Bajic und Dustin Bomheuer landete und vom Schützen des ersten Tores, Kacper Przybylko aufgenommen werden konnte. Aus der Drehung schoss er den Ball perfekt ins lange Eck, das 3:0, 29. Minute.

Diese Tore waren schnelle, harte Niederschläge. In den jeweiligen Spielsituationen wirkte der MSV wie ein übergewichtiger Boxer des Federgewichts gegen einen athletischen, austrainierten Schwergewichtler. Dabei hatte man den Eindruck gewinnen können, sobald das Spiel über einen kürzeren Zeitraum im Fluss war, hielten Zebras einigermaßen mit. Sie konnten das Aufbauspiel der Kaiserslautern stören. Sie kamen sogar in den Strafraum. Präzise Torchancen ergaben sich daraus nicht, alleine Bröker-Kopfbälle aus nicht klar herausgespielten Situationen und aus Standardsituationen heraus machten leichte Hoffnung.

Sind es also nur die berühmten individuellen Fehler gewesen, wegen denen das Spiel verloren ging? Wer darauf hofft, verkennt den Grund für diese Fehler. Die Fehler geschahen, weil der Handlungsdruck für die Zebras im Spiel so viel größer war als in der 3. Liga.  Die Sitten in dieser 2. Liga sind eben andere. Es geht in Zukunft nicht darum, Fehler durch konzentriertes Spiel zu vermeiden. Die gesamte Mannschaft, also, alle Spieler, müssen sehr viel schneller im Kopf werden. Viel zu oft handelten die Spieler noch so, als ob sie Zeit hätten, darauf zu hoffen, dass der Ball ins Aus springt, wenn er knapp neben der Linie aufkommt; als ob sie Zeit hätten, einen Pass zu überlegen; als ob sie Zeit hätten, langsame Bälle über mehrere Meter zu spielen. Diese Zeit gibt es nicht mehr. Ehe der Ball ins Aus springt, holt ihn sich ein Kaiserslauterner Spieler und hat ihn schon mehrere Meter in die Hälfte des MSV getrieben, ehe der Duisburger an der Seitenlinie sich überhaupt in Richtung eigenes Tor bewegt. In jeden langsam gespielten Ball sprintet ein Gegner dazwischen.

Wie viel höher der Druck auf die Spieler des MSV ist, lässt sich gut an Martin Dauschs Spiel im Mittelfeld ablesen. Wieviel Raum hatte er in der 3. Liga, um sich den Ball so zurecht zu legen, dass er immer wieder plötzlich antreten konnte, um Richtung Tor des Gegners zu ziehen. Diesen Raum hat er nicht mehr. Kann er den Ball nicht sofort verarbeiten, kommt er nicht sauber gepasst oder verspringt er ihm, kann er ihn zwar immer noch behaupten, er hat aber keine Zeit mehr die Bewegung nach vorne zu machen, die wir von ihm kennen. Er kann nur noch zur Seite spielen oder zurück. Es wird in den kommenden Wochen weniger um einzelne Fehler gehen, sondern um die Balance zwischen Handlungsschnelligkeit und Sicherheit. Die hinzubekommen wird schwer, das ist aber natürlich machbar.

Für dieses Ziel war es auch gut, dass dem MSV noch ein Tor durch Branimir Bajic nach einem Eckball in der 81. Minute gelang. Viel geschah Anfang der zweiten Halbzeit zunächst nicht. Der MSV bemühte sich zwar aus einer etwas stärkeren Defensive heraus noch ein Tor zu erzielen, gute Chancen ergaben sich allerdings nur nach Standardsituationen. Die Kaiserslauterner hielten sich nun merklich zurück, und ab der 70. Minute ungefähr begannen die Bemühungen des MSV sogar Wirkung zu zeigen. Es wirkte ein wenig so, als hätten wir alle uns entschlossen ungeachtet des Ergebnisses noch einmal von vorne anzufangen. Das Publikum war wieder mächtig da. Das Spiel befand sich in einem Gleichgewicht der Kräfte und wenn man das alles zusammen nimmt, fiel das Bajic-Tor sogar als ein Restspielzeit-Führungstreffer. Das eine Ziel wurde damit erreicht. Die Hoffnung auf den erfolgreichen Verlauf der Zweitligasaison war im Spiel selbst, in der Niederlage wieder lebendig geworden.

Der 1. FC Kaiserslautern kann die Saison übrigens entspannt angehen. Einer von zwei direkten Aufstiegsplätzen ist schon mal belegt. Vor zwei Jahren hatte der MSV im ersten Spiel der neuen Liga einen ähnlichen Start in die Saison. Das Stadion war voll, zunächst sah es so aus, als könne die Mannschaft nach vorne gut mitspielen. Der Gegner aber konterte gnadenlos und bestrafte Ballverluste in der Vorwärtsbewegung. Dieser Gegner hieß 1. FC Heidenheim. Wer stieg damals nochmal auf?

Saisonvorbereitungsabschluss – Fragen aus der 11FREUNDE-Redaktion abarbeiten

Die Ansprüche während der Saisonvorbereitung in der 2. Liga sind ganz andere als in den letzten zwei Jahren. In der 3. Liga hat man viel mehr Ruhe, um konzentriert zu arbeiten. Zurück in der 2. Liga, das heißt auch, der MSV steht wieder viel mehr im Blick der Öffentlichkeit. Die Medien erzählen ihre Geschichten über den Verein. So plingte irgendwann eine Mail  aus der 11FREUNDE-Redaktion ins Postfach mit ein paar launigen Fragen. Im Bundesliga-Sonderheft erscheinen dann die Fragebogen, die von den Erst- und Zweitligabloggern zurückgesendet werden. Wie immer hieß es, am besten unterhaltsam sein. Da hatte sich in zwei Jahren Zweitliga-Abwesenheit des MSV nichts geändert. Unverändert war auch ein gewisser Humor-Zwang, der aus der Fragestellung sprach. Aber diese Art Kalauern überlasse ich denen in der Redaktion, die werden schließlich bezahlt dafür. Ich bin außerdem mal gespannt, ob die Redaktion es dieses Mal schafft, mir ein Belegexemplar zuzusenden.

Darum muss man meinen Blog lesen:
Am besten selbst mal gucken – ansonsten gilt: unabhängig, bewusstseinserweiternd und Ruhrstadt fördernd

Die neue Saison könnte ganz eventuell legendär werden, weil …
die DFB-Pokalfinalrevanche gegen Schalke glückt, das Stadion auch bei Niederlagen voll bleibt und alle Aufstiegsfavoriten bei frühem Klassenerhalt mit Kantersiegen aus dem Stadion geschickt werden.

Wenn ich an die vergangene Saison denke, dann …
war sie legendär, weil der MSV nach einem holprigen Saisonanfang mit dem beeindruckenden Lauf im letzten Viertel der Saison den Aufstieg geschafft hat und wieder dort angekommen ist, wo er mindestens hingehört.

Wenn ich hektisch mein Schweizer Nummernkonto leerräumen muss, kaufe ich meinem Klub
so viele Studentenwohnheime wie möglich in Köln oder München, um mit den Mieteinnahmen dauerhaft meisterschaftstaugliche Kader zu finanzieren.

Mein schlimmster Albtraum…
ist vor zwei Jahren mit dem Zwangsabstieg Wirklichkeit geworden. Jeder andere Traum ist seitdem ein schöner Traum gewesen.

Mein Held vergangener Jahre…
Wird es langweilig, wenn ich immer dieselben Spieler der 70er nenne? Kees Bregmann, Kurt Jara oder Bernard Dietz. Ich kann ja das nächste Mal für die etwas Jüngeren Bachirou Salou sagen.

Die lustigste Fan-Aktion der vergangenen Saison war …
…nicht vorhanden. Trotz guter Laune in Duisburg passt „lustig“ zu keiner Fanaktion in der Zeit nach dem Zwangsabstieg. Dazu war das Ziel Aufstieg einfach eine zu ernste Angelegenheit.

Auf Auswärtsfahrten darf niemals fehlen…
… Handykontakt zu verstreuten Mitfahrern. Eintrittskarte nehme ich aber auch schon mal gerne mit.

Das müsste passieren, damit ich nie wieder in Stadion gehe…
Schwierige Überlegung. Wenn diese Selbstbesoffenheit des ganzen Betriebs inklusive Fans noch größer wird? Wenn das Geschäftsmodell Wrestling als Ziel immer klarer erkennbar wird?

Meine Klatschpappe benutze ich beim nächsten Stadionbesuch um…
Als Ruhrstadt-Kölner sage ich dazu nur, Klatschpappen sind für mich persönlich uninteressant.

Unser aktuelles Trikot ist…
endlich so designt, dass es noch finanzkräftigere Sponsoren zur Trikotwerbung einlädt. Endlich Raum für Namen! Kein Fremdkörper mehr auf den Streifen!

Wenn Peter Neururer bei unserem Klub als Feuerwehrmann anheuert, dann…
Haben wir doch schon alles hinter uns und überlebt. Mit dieser Frage seid ihr für Duisburg nicht auf der Höhe der Zeit.

Zweite Liga ist viel schöner weil…
Zweite Liga nicht Dritte Liga ist.

Auf diese Schlagzeile warte ich schon seit Jahren…
Leichte Frage für einen Blogger – der braucht nicht zu warten, der macht jede Schlagzeile, die er will, selbst.

Diesen Fußball-Twitteraccount habe ich immer im Auge
Immer: Keinen. Täglich: zu viele.

Mein unrealistischer Fünfjahresplan…
Durchmarsch in der 2. Liga plus Pokalgewinn. Euroleague-Teilnahme in der Folgesaison mit Erstrundenaus aber nochmaliger Qualifikation als Tabellenfünfter. Investition der Überschüsse in Studentenwohnheime in Köln oder München. Dann Kader erweitern, verdienten Spielern Vereinsjobs geben und Serienmeister werden.

Fußball gucke ich am liebsten…
Wie schon vor 40 Jahren: Im Stehen. Im Stadion. Neben Freunden.

Die Zweite Liga verlässt nach oben:
War das nicht die Hälfte der Liga? RB Leipzig muss es ja sein zur Rangnick-Entlastung. Dazu ein Überraschungskandidat. Könnte natürlich einer sein, der traditionellerweise von mir nie ausgesprochen wird, ehe rein rechnerisch nichts mehr möglich ist. Relegation siehe unten. Und eben der Rest.

Und nach unten…
War das nicht die andere Hälfte der Liga? Der MSV aber nicht. Der Rest mag sich drum streiten.

Gegner des HSV in der Relegation wird
Arminia Bielefeld, damit Norbert Meier endlich mal Schluss macht mit diesem Dino-Gedöns. Der weiß, wie es geht.

Folgender Filmtitel beschreibt meinen Verein perfekt
Zu Ende ist alles erst am Schluss

Wenn ich Trainer wäre, würde ich zuallererst…
nichts verändern, läuft alles gerade ganz gut.

Der USA-Franchise-Name meines Klubs wäre…
Harbour City Zebras

Dieses Extra würde unser Stadion perfekt machen:
Vernünftig geregelte An- und Abfahrt.

Bei den folgenden Fragen habe ich gepasst, die blieben ohne Antwort: “Mein Verein muss an den DFB Strafe zahlen, weil wir im Stadion…”, “Wenn Aliens auf der Erde landen und ich ihnen Fußball erklären müsste, würde ich sagen…” und Die Superkraft meines Vereins ist…

Und wenn ihr nun ganz andere Antworten gewusst hättet, ich bin gespannt. Nachspielzeit in den Kommentaren

Fundstücke: Erich Loest, prophetisch, in Der elfte Mann

Neulich habe ich ja schon über eine meiner Sommerpausenlektüren erzählt. Da hatte ich “Der elfte Mann” von Erich Loest noch nicht ganz zu Ende gelesen. Die Hauptfigur in dem Roman, Jürgen Hollstein, ein junger Erstliga-Fußballer der DDR mit Aussicht auf die Nationalmannschaftskarriere, ist zugleich  sehr guter Student, dem schließlich eine sichere Hochschulkarriere an einem neu eröffneten Forschungsinstitut in Aussicht gestellt wird. Die Voraussetzung: zusätzliche Kurse und Praktika, unvereinbar mit den Trainingszeiten eines Spitzenfußballers.

So kommt es zum Ende des Romans zur Auseinandersetzung zwischen den Wissenschaftskadern der DDR und den Sportkadern. Die Fußballfunktionäre verweisen auf die große Bedeutung des Sports für das Ansehen eines Staates. “Sportler waren Diplomaten im Trainingsanzug”. Die Wissenschaftler haben dagegen die soziale Bedeutung ihres Fachs im Kopf, schaffen sie doch mit ihren Forschungen die Grundlagen für schnellen und komfortableren Wohnungsbau. Der Wohnungsmangel ist groß in dieser Zeit.

Während der Auseinandersetzung geht dem für Hollstein zuständigen Bauwissenschaftler, Professor Bernskohn, ein Gedanke durch den Kopf, mit dem Erich Loest das Klima in der DDR zu fassen versucht. Als Teil der Auseinandersetzung gehört dieser Gedanke in die Reihe, wir brauchen mehr Wohnraum. Erich Loest lässt ihn aber sehr isoliert auftauchen, so dass er wie ein allgemeines Statement zum geistigen Klima in der DDR wirkt und, im Jahr 1969 geschrieben, prophetischen Gehalt bekommt.

Da war wieder Bernskohn an der Reihe und gab einen Ausblick auf das Jahr 2000. Bevölkerungsexplosion, Wissensexplosion. Hielt die gegenwärtige Beschleunigung an? Er dachte, sprach es nicht aus: Einer der vielen Aspekte der Berliner Mauer war der: In ihrem Schatten konnte es leicht geschehen, daß mancher nicht merkte, woher der Wind wehte und mit welcher Geschwindigkeit, konnte die Entwicklung verschlafen wie Dornröschen, und das Erwachen mußte in jedem Fall schmerzhaft sein. Da keimte dieser gefährliche Gedanke hier und da: Laß die da draußen nur machen, wir kümmern uns einfach nicht drum, Reservationsidee.

Erich Loest, Der elfte Mann, Halle-Leipzig 1969, Seite 218

Mein Rückfall in die Dramasucht

Als ich Samstag vor dem Spiel des MSV gegen den FC Porto auf das Stadion zulief, beschlich mich plötzlich eine Sorge. Die Sonne schien. Die Leute um mich herum waren ausnahmslos gut gelaunt. Unaufgeregt wurde miteinander geredet. Entspannte Zufriedenheit lag in der Luft. Mit einem Mal verblassten alle Worte von Ivo Grlic und Gino Lettieri über den wahrscheinlichen Kampf gegen den Abstieg in der kommenden Saison. Mit einem Mal sah ich einen MSV der nahen Zukunft, der sich sehr schnell den Mittelfeldtabellenplatz dauerhaft sichert. Mit einem Mal sah ich mich vor einer Saison ohne Hoffnung auf den Anschluss nach oben und ohne Sorge vor dem Absturz zurück in die 3. Liga. Ich wurde unruhig. Ich spürte das Gipern meiner Dramasucht.

In den Wochen nach der Lizenzverweigerung hatte ich meiner Sucht abgeschworen. Ich lag mit dem MSV am Boden und sehnte mich nach Normalität. Angesichts des drohenden Zusammenbruchs schwor ich mir, zukünftig mit jeder mittelmäßigen Spielzeit zufrieden zu sein, wenn es überhaupt nur weiterginge. In der aufregenden Zeit vor dem Aufstieg habe ich offensichtlich einen Rückfall erlitten.

Anfang Juni hätte ich die Zeichen schon erkennen können. Längst war ich wieder zu einem Mann geworden, der ein “Kissen zur Sitzerhöhung” nur kaufte, weil sein “unsachgemäßer Gebrauch” große Gefahren erwarten ließ. “Keine Haftung” wollte der Hersteller dafür übernehmen. Ein wohliger Schauer überkam mich, weil nur das “sorgfältige Lesen” einer “Gebrauchsanleitung”  mich vor dem Lebensrisiko durch das “Kissen zur Sitzerhöhung” wappnete. Dieses Kissen barg so viele Gefahren, dass man sie alle gar nicht behalten konnte. Deshalb wurde angeraten, die “Gebrauchsanleitung für “späteres Nachlesen” aufzubewahren. Jedem, dem ich das Kissen weitergeben wollte, sollte ich auch die “Gebrauchsanleitung” übergeben. Welch aufregende Zeiten waren von einem Kissen zu erwarten, das “kein Kinderspielzeug” war und das nicht mehr verwendet werden durfte, wenn es “sichtbare Schäden” aufwies. Ich war so weit, dass ich niemals wie verlangt  einen “Fachmann” herangezogen hätte, um bei Schäden das Kissen zu reparieren. Wieder abgestiegen in die Tiefen meiner Dramasucht übernehme ich solche gefahrvollen Tätigkeiten selbst.

Aber erst vor dem Stadion war mir endgültig klar, wie sehr ich das Drama wieder brauche. Ich fürchtete das Gleichmaß des Gewinnens und Verlierens, bei dem es um nichts anderes als das Spiel der Gegenwart ginge. Ich wollte die großen Gefühle. Ich wollte die Intensität, die sich nur durch die Gefahr des Scheiterns ergibt. Ich wollte keine Abstiegsangst-Tranquilizer aus dem Neururschen Hausmittelversandhandel. Ich wollte, dass es in der nächsten Saison wieder um etwas Großes geht.  Zu Hause habe ich mir deshalb sofort mehrmals die Einschätzungen von Ivo Grlic und Gino Lettieri vorgenommen, dass es für den MSV in der kommenden Saison um nichts anderes gehen kann, als den Abstieg zu vermeiden. Noch besser wurde es dann mit der Saisonprognose beim Rotebrauseblogger. Für alle Zweitligamannschaften hat er die Endplatzierungen wohlbegründet zusammengestellt. Platz 15 bis 18 erwartet er für den MSV. Das ist mal ein Wort, für das ich in den nächsten Tagen immer einen Tab im Browser offen halte, um bei Entzugserscheinungen schnell drauf schauen zu können. So lange, bis neuer Stoff ins Haus kommt. Vielleicht schreibe ich den auch mal selbst. Es gibt ja noch ein anderes Ende der Tabelle. Auch Dramasucht braucht immer Nachschub.

Ausgezeichnet mit dem mediengeprüften Neururer-Siegel

Das hat man doch gerne, wenn der Ex über einen tratscht und gönnerhaft feststellt, doch, doch, die habe das Leben einigermaßen im Griff, scheint ganz gut klar zu kommen mit dem Neuen. Soll man zufrieden sein, wenn so ein Verflossener feststellt, man sei demnächst wahrscheinlich nicht ganz unten? Ist das nicht demütigend? Aber es ist ja nicht mal sicher, ob alle  Zuhörer überhaupt noch wissen, dass sie mal was miteinander hatten.

Der Peter hat nichts Böses im Sinn. Der Peter ist so. Der tratscht immer überall über alle, mit denen er mal was hatte. Der braucht das und findet immer  jemanden, der ihm die Bühne gibt für seinen Tratsch. Unterhaltsam soll er ja sein, und unterhaltsam, das muss heute, wenn es um Fußball geht wie bei Sport und Musik im WDR 2. So eine Redaktion möchte eben möglichst reibunglos und unaufwändig die Arbeit erledigt wissen, und beim Peter wissen sie, woran sie sind.

Als ich Samstag auf dem Weg nach Duisburg war, habe ich beim Zappen durch die Radiosender nur noch Peters abschließendes Urteil mitbekommen, mit dem Abstieg würden sie nichts zu tun haben. Die unglaublich aufgeräumte Moderatorin schmetterte daraufhin dem zweiten Gesprächspartner am Telefon irgendwas Erwartungsvolles entgegen, nach dem Motto: “Was sagen Sie denn jetzt dazu?” Es klang nach: “Begeistert sie die frühe Rettung vor dem Abstieg nicht?” Erst als Ivo zu sprechen begann, wusste ich das Urteil von Peter, dem Fußballgütesiegel-Verwahrer, hatte dem MSV gegolten. Ich musste Ivo bewundern, dass er der Moderatorin sachlich antwortete und ihr nicht durchs Telefon an die Gurgel ging.

Stattdessen ärgerte ich mich für ihn. Ich will von Peter Neururer kein einziges Wort mehr über den MSV Duisburg hören. Von jetzt auf gleich klang alles, was er gesagt hatte, so anmaßend für mich. Worte, die ich ja fast alle gar nicht gehört hatte. Ich war plötzlich mit dem MSV seine Ex, und ich fand es unverschämt, dass er es aus der Ferne wagte zu urteilen. Irgendwie hatte ich was Persönliches mit ihm. Vielleicht weil mir momentan ohnehin manches Geschehen im Fußball gehörig auf die Nerven geht. Vielleicht war Peter Neururer pötzlich mein Symbol für das Mediencredo, Fußball als Spaß- und Unterhaltungsangebot zu inszenieren. Mich nervt das. Mich nervt dieser pseudosachliche Umgang mit Peter Neururer, der seinen Werdegang als Trainer völlig außer Acht lässt. Mich nervt diese aufgesetzte Seriösität, wenn Urteile gewünscht sind und gleichzeitig klatschen alle Medienmacher nur begeistert in die Hände und rufen, unterhaltsam, wir preisen dich, unterhaltsam, wir loben dich, unterhaltsam, großer Peter.

Ich war auf dem Weg zum Spiel des MSV gegen den FC Porto. Viel will ich dazu gar nicht schreiben. Es war ein früher Abend zum Wohlfühlen für mich. Ich erwartete nichts und freute mich, wie der MSV in der ersten Halbzeit mithalten konnte. Ich finde nicht, dass das zu Beginn der zweiten Halbzeit noch anhielt. Direkt nach Wiederanpfiff war klar, nun war es nur noch eine Frage der Zeit bis der Führungstreffer des FC Porto fiel. Der Druck wurde größer.

Mithalten bedeutet, frühes Pressing machte dem FC Porto das Aufbauspiel schwer. Bälle konnten erobert werden und ein schnelles Spiel des FC Porto konnte meist unterbunden werden. Mithalten bedeutet auch, schnelles Umschaltspiel funktionierte gut. Ein Aufbauspiel aus der Abwehr heraus funktionierte gegen einen Gegner wie den FC Porto gar nicht. Dazu brauchten die Spieler des MSV zum einen zu viel Zeit, um Bälle unter Kontrolle zu bekommen. Jeder Ball, der einem Spieler des MSV nur ein wenig versprang, war schon ein toter Ball. Zum anderen fehlten überraschende Laufwege, die Räume öffneten. Die Defensive des FC Porto war zu gut organisiert.

Dennoch waren die Spieler des MSV Duisburg gegen diese sehr gute Defensive präsent. Alleine Zlatko Janjic stemmte sich nicht gegen diese stete attackierende Defensive. Er tauchte ab. Was wir auch aus der Hinrunde der letzten Saison kennen, wenn ein Spiel mal nicht so gut lief. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass mit dieser Offensivleistung des MSV Gegner in der Zweiten Liga in Bedrängnis gebracht werden können. Die Defensiv als Grundlage des Mannschaftsspiel wirkte ohnehin schon sehr eingespielt. Wenn wir davon ausgehen, dass der MSV in dieser ersten Saison  meist nicht das Spiel wird machen müssen, scheinen mir die Voraussetzungen für ein Erreichen des selbst gesteckten Ziels nicht schlecht zu sein.

Bei einem immer überlegeneren Gegner konnte Michael Ratajczak zeigen, was er auf der Linie und im Fünfmeterraum kann. Solche überragende Torwartleistung kannten wir schon von ihm. Viel verblüffender für mich war die Entwicklung, die sein fußballerisches Können genommen hat. Seine Abschläge kamen fast immer dorthin, wo er hinspielen wollte. Er zeigte sich nicht nur entschlossener und mutiger beim Rauslaufen, sondern auch wenn er das Spiel schnell machen wollte. Ich hoffe sehr, dass dieses Können stabil bleibt. Ohne Neuverpflichtung wäre die Mannschaft mit einem Schlag sowohl defensiv als auch offensiv deutlich besser aufgestellt. Der 1. FC Kaiserslautern soll also am Freitag mal kommen.

Wenn Ralf Rangnick an den deutschen Fußball denkt, hat er die 3. Liga längst vergessen

Für einen Anhänger des MSV Duisburg klingt es verdammt ironisch, wenn Ralf Rangnick sich um den deutschen Fußball sorgt. Momentan passiert ja nicht viel in Fußballdeutschland. Deshalb hat nahezu jede Tageszeitung seine Worte, geäußert in einem Interview mit dem Kicker, aufgegriffen. In England habe jeder Aufsteiger in die Premier League  von vornherein 150 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist aber auch so viel Geld mehr als Trinkzeugs-Unternehmer Dietrich Mateschitz jemals durch Dosenverkauf erwirtschaften kann, damit die Mitarbeiter all seiner Marketingprojekte zufrieden sind. Das ist einfach so unvorstellbar viel mehr Geld als etwa die acht Millionen Euro, die RB Leipzig für Davie Selke gezahlt hat, um ihn von Werder Bremen zu verpflichten.

Bei so viel Geld in englischen Vereinen wird doch jeder mittelmäßige Spieler bald aus der Bundesliga weggekauft, und gerade in Leipzig gibt es ja eigentlich nur bessere als mittelmäßige Spieler. Alle weg. Alle in England. Demnächst. Dann muss Ralf Rangnick schon wieder acht oder zehn Millionen in die Hand nehmen, um hier einem Erstligisten einen Nachwuchsspieler abzukaufen, dort dem klammen Zweitligisten den Torjäger oder in Skandinavien einen jungen Spieler, der auf die internationale Karriere hofft.

Aber das ist in den Augen von Ralf Rangnick offensichtlich was anderes. Da geht es um den nationalen Markt, und Trinkzeugs-Geld ist auch kein TV-Geld. TV-Geld wird ja unter allen verteilt, und Trinkzeugs-Geld kriegt einer nur, wenn er was Gutes daraus macht. Was wirklich Gutes, und das ist echte Arbeit im Gegensatz zum Alimente-Betrieb in England. Ich habe mich übrigens über RB Leipzig bislang nie aufgeregt. Ein Geschäftsmodell unter vielen. Dieser Fußballunterhaltungsbetrieb steckt eben voller Widersprüche. Nur, dass Ralf Rangnick zu diesem Thema Budgetunterschied im internationalen Vergleich besser den Mund gehalten hätte. Wenn ich wieder einmal von ihm so was höre, fange ich doch noch an, das ganze Marketingkonstrukt in Haftung zu nehmen. Dann vergesse ich ganz schnell, dass es für viele Leipziger inzwischen richtig um Fußball geht, und dass sich da irgendetwas noch nicht ganz so Festes, Kulturelles gelöst hat von diesem Trinkzeugs-Gedöns.

Diese TV-Geld-Geschichte kann man nämlich auch ganz anders sehen als Ralf Rangnick. Heute morgen lese ich in der Süddeutschen Zeitung, dass Christian Heidel, der Manager von Mainz 05, die finanzielle Übermacht englischer Vereine generell nicht fürchte.  Mehr sogar: Vereine, die potentiell Spieler abgeben, könnten sich über die neue Konstellation freuen. Ach ja, er fügt auch noch hinzu, jene, die teure Spieler kaufen, die könnten sich nicht freuen. Ralf Rangnick war immer schon sehr ehrgeizig.

Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 21: Frank Baier – Über unsern Kohlenpott

Gegen Ende der 1970er Jahre gibt der Liedermacher Frank Baier ein Konzert in Aachen. Glauben wir der Quellenangabe entstammt der Clip mit dem Lied “Über unsern Kohlenpott” aus einem Dokumentarfilm von Florence Kraak und Klaus Helle. “Gegen Spekulanten” habe ich als möglichen Titel gefunden. Allerdings spricht Frank Baier im Clip noch vom Anfang des Jahres 1979 und die Quelle gibt als Entstehenszeitraum 1976 bis 1978 an. So viel zur zeitlichen Einordnung.

Frank Baier – einmal mit einem Klick bei Wikipedia, einmal mit einem Klick zu seiner Seite –  ist nicht nur schon seit jeher ein  politischer Liedermacher, dessen Aufmerksamkeit deshalb auch dem historischen politischen Lied gilt, er versteht sich zudem als eine Art Historiograph des Ruhrgebietslieds. Zusammen mit Jochen Wiegandt hat er die Sammlung Glück auf! – Liederbuch Ruhr herausgegeben.

“Über unsern Kohlenpott” ist eine schöne Liebeserklärung an die Region, in der verbesserbare Lebensverhältnisse der Arbeiter subtil zusammengebracht werden mit dem vordergründig beschriebenen Naturerlebnis Ruhrgebiet. Ende der 1970er Jahre war die Naturlandschaft Ruhrgebiet als öffentliches Bild noch eine sehr viel größere Sensation als heute. Für Frank Baier waren TV-Bilder dieser Naturlandschaft Anlass für das Lied. Frank Baier besingt die Landschaft und kontrastiert diese Freizeitlandschaft mit der “Maloche”. Es klingt ironisch, wenn alle, die so “schön schuften”, sich noch gratis Luft und Wasser warm machen. Schließlich geht es in der letzten Strophe um ein gar nicht mehr so schönes Leben als Malocher. So macht sich ein weiterer Sinnzusammenhang bemerkbar. Abhängigkeitsverhältnisse deuten sich an. Irgendjemand, der ungenannt bleibt, ist verantwortlich für die Lebenssituation der Malocher. Das ist anders als in den Texten der Gegenwart, in denen meist nur ein Zustand harten Lebens beschrieben wird. Nicht einmal indirekt gibt es noch Adressaten, denen Verantwortung für dieses Leben aufgebürdet wird.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

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