Torsten Ziegners Zeit für Sachlichkeit

Wenn Hoffnungen sich erfüllen, beginnt ein Tag mit guter Laune. Vorhin habe ich die Pressekonferenz des MSV vor dem Spiel gegen den Halleschen FC gesehen, und Torsten Ziegners Worte erleichtern mich sehr. Er ordnet seine Anklage an die Mannschaft nach der Niederlage gegen RWO ein. Aus der Enttäuschung heraus habe er bewertet. Da könne man auch mal falsch liegen. Einsatz hätten die Spieler gezeigt. Solche Worte hatte ich mir erhofft, weil mich Ziegners erste Reaktion nach der Niederlage sehr sorgte. Aus zwei Gründen: zum einen hatte ich die Mannschaft nicht so leidenschaftslos erlebt wie ihr Trainer. Zum anderen hoffe ich immer auf Kontinuität der Arbeit im Verein, die nur mit Ruhe und Geduld entsteht. Letzteres ist im Ruhrgebiet immer schwierig zu gewährleisten. Die Publikumskultur beim MSV lässt sich nur über einen langen Zeitraum beeinflussen, wenn überhaupt. Die Arbeit für die Ruhe und Geduld muss im Verein selbst beginnen. Auch mit den geeigneten Worten an besagtes Publikum.

Hansi Flick hatte am selben Tag nach einem ähnlich enttäuschenden Erlebnis ein gutes Vorbild gegeben. Wir Anhänger und die Spieler lernen Torsten Ziegner nun also näher kennen. Er scheint ein emotionaler Mensch zu sein mit der Fähigkeit, die Worte von gestern sachlich auf ihre Gültigkeit hin zu überprüfen. Einen weiteren Hinweis auf diese Eigenschaften ergeben sich durch die Fragen der Journalisten aus Halle auf der Spieltags-PK. Sie fragten Torsten Ziegner und den ebenfalls anwesenden Ralf Heskamp auch nach rückblickenden Bewertungen auf ihre gemeinsame Zeit in Halle. Was hätte damals besser sein können, fragten sie Ziegner sinngemäß. Der antwortete, er sei zu ungeduldig gewesen im Moment des Erfolgs, er hätte von seiner Mannschaft zu viel verlangt.

So eine offene Bewertung schafft Energie für Entwicklung. Großer Ehrgeiz als Grund für solche Ambitionen liegt nahe. Dieser große Ehrgeiz ist weiter vorhanden, wie die RWO-PK beweist. Dass Torsten Ziegner mit dieser Eigenschaft inzwischen anders umgeht, zeigt die PK vor dem Spiel gegen Halle. Im offenen Austausch mit den Spieler zu sein, die eigenen emotionalen Bewertungen mit Abstand neu zu betrachten, das stärkt den Zusammenhalt zwischen Kader und Trainer – die grundlegende Voraussetzung für Erfolg.

Natürlich gibt es jetzt auch MSV-Anhänger, die Ziegners Worte als Zurückrudern bewerten. Sie sind enttäuscht, dass mit den Spieler nun doch nicht Tacheles geredet wurde. Leicht zu finden sind sie im MSVportal. Mit diesen Stimmen klingt die Sehnsucht nach dem „harten Hund“ als Trainer an. Im Ruhrgebiets-Alltag begegnen sich Menschen rau und direkt, doch mit Herz. So sehen wir uns gerne. In Konflikten verwandeln sich diese als positiv empfundenen Umgangsformen schnell in Mittel der Macht. Dann wird direktes Sprechen mit dem Zwang zur Unterordnung verwechselt. Dann wird dem Gegenüber Druck gemacht. Dann muss einer durch Worte spüren, er soll parieren. Auch solche Unterordnung ist tief in der patriachalischen Kultur des Ruhrgebiets verankert. Dabei wird vergessen, mit der Demonstration von Macht, mit autoritärem Gehabe wurden oft Hilflosigkeit und Schwäche verdeckt.

Ich bin froh, dass Torsten Ziegner so eine Form von Autorität anscheinend nicht braucht. Ich bin froh, dass er auch den Austausch mit Spielern als Teil seiner Arbeit ansieht, und ich bin froh, dass er um seine fehlerbelasteten Bewertungen in emotionalen Situationen weiß. Ich hoffe, er überzeugt mit seinen offenen Worten zur Sachlichkeit als Grundlage für seine Arbeit einen möglichst großen Teil des Duisburger Publikums. Der MSV und wir Anhänger brauchen Geduld für die mittelfristigen Ziele des Vereins. Dass ein kurzfristiger Sieg am Samstag dabei sehr helfen würde, versteht sich von selbst.

Wenn zwei das gleiche erleben – Hansi Flick und Torsten Ziegner

Die Menschen sind verschieden, aber Fußballtrainer auch. Einer der Portalisten hatte nach der NIederlage gegen RWO schon ironisch auf die Nationalelf verwiesen, wo Hansi Flicks Mannschaft genauso an ihrer Aufgabe im Spiel gegen Ungarn gescheitert war wie die Zebras gegen RWO. Ich weiß nicht mehr, ob im Ziegner- oder im Nach-dem-Spiel-Thread.

Heute morgen nun habe ich einen Text zu Flicks Umgang mit dieser Niederlage in der Süddeutschen Zeitung gelesen. Dabei wurde Torsten Ziegners Situation gleich mit abgehandelt. Ergebnis ließ sich vermuten: Hansi Flick und Torsten Ziegner folgen bei gleichen Voraussetzungen einem anderen Stil der Menschenführung. Es wird euch nach meinem Text vom Sonntag nicht überraschen, Flicks Stil halte ich besonders zu diesem Zeitpunkt der Saison für angemessener als den von Torsten Ziegner.

Der entscheidende Satz ist der letzte in dem Abschnitt. Auch Torsten Ziegner hat keine anderen Spieler. Schon vorgestern hoffte ich, dass er intern seine Worte einordnet, im besten Fall in Teilen zurücknimmt. Die auch von Torsten Ziegner beschworene Gemeinschaft entsteht, wenn der Trainer mit im Boot ist. Diese Saison ist einfach noch viel zu lang für Risse in der Gemeinschaft.

Süddeutsche Zeitung, 26. September 2022

Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung Bissingheim MSV Fußballfibel – 29. September, 19.02 Uhr

Sicher, man kann sich entscheiden, ob man jetzt jeden unbedingt regelmäßig sehen muss. Mancher bricht ja sogar den Kontakt zu den Eltern ab. Aber sie bleiben deine Eltern. Der du bist, bist du auch durch sie. Neben vielem anderen. So ähnlich geht es mir mit dem MSV.

Ralf Koss alias Kees Jaratz: Fußballfibel – MSV Duisburg, Culturcon medien, 2022

Meine kleine Septembertournee mit dem Buch über mein Leben mit den Zebras seit den 70ern bis heute geht am Donnerstag in Bissingheim zu Ende. Momentan machen wir uns den Spaß mit den Zebras eben selbst. Meinen Teil trage ich diese Woche dazu bei mit der Lesung aus der MSV Duisburg Fußballfibel am Donnerstag, den 29. September, 19.02 Uhr, im Zum Hocker, Vor dem Tore 76 , in Bissingheim. Eintritt frei.

Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Bundesliga, ich komm‘ aus dir

Was Ralf Koss in der „MSV Duisburg Fußballfibel“ von Fußballspielen, Auswärtsfahrten mit Freunden und verloren geglaubten Spielen erzählt, stößt bei Fans aller Vereine eigene Erinnerungen an. Dabei heißt es, kein Verein in Deutschland verschafft seinen Anhängern mehr Aufregung als der MSV Duisburg. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller seit jeher. Die Dauerkarte kennt Ralf Koss noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Seine Erlebnisse und Erinnerungen geben Duisburg und dem Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Klares Denken wieder möglich?

Haben wir uns alle wieder im Griff zwei Nächte nach der 2:1-Niederlage gegen Rot-Weiß Oberhausen im Niederrheinpokal? Schaffen wir es mit ein wenig Abstand, auch etwas sachlicher über diese Niederlage nachzudenken? Nicht dass wir uns missverstehen. Ich war am Freitag sehr enttäuscht. Ich habe mich geärgert über die so schwache Offensive der Zebras. Ich habe geschimpft. Nach dem Abpfiff kam der Ärger über einen Teil der Kurve hinzu, der die Spieler mit Gegenständen bewarf. Am Tribünenzaun neben dem Spielertunnel hätte sich jemand am liebsten mit Bouhaddouz geprügelt. Angepackt hatte er ihn schon. Was für Zustände wenige Wochen nach dem Saisonstart.

Am Samstag setzte sich mein Ärger aber fort, als ich mir die Pressekonferenz nach dem Spiel ansah. Torsten Ziegner redetet sich in kontrollierte Rage. Fehlende Leidenschaft war das Leitmotiv seiner Tirade. Benzin ins Feuer auf den Rängen ist das passende Bild dazu, und ich muss sieben Jahre nach der Niederlage gegen RWO im Niederrheinpokal der Aufstiegssaison wieder einen Trainer erleben, der seine Mannschaft dem Volk zum Fraß vorwirft.

Mich hat er überhaupt nicht überzeugt mit seiner Tirade. Leidenschaft hat mir in dieser so von ihm wahrgenommenen, übersteigerten Form nicht gefehlt. Ich habe damit eine Minderheitenmeinung, das ist mir schon klar. Ich will sie also mal begründen.

Vor vier Wochen etwa habe ich RWO im Ligaspiel gegen Lippstadt gesehen. Es war ein miserables Spiel, das Unentschieden endete. Die Mannschaft gestern hat zwei bis drei Klassen besser gespielt, und damit sollte sich Torsten Ziegner vielleicht an sein kurzes Zögern auf der Spieltags-PK erinnern, als er gefragt wurde, ob er seine Mannschaft als Favorit ansehe. Natürlich musste er sich dazu bekennen, doch wie er seine Antwort einpackte, zeigte auch, ganz so klar waren die Verhältnisse nicht. Vor der Saison wollte RWO um den Aufstieg mitspielen.

RWO begann das Spiel am Freitag, wie wir es in Duisburg aus unseren Spielen gegen höherklassige Mannschaften im DFB-Pokal kennen. Erinnert ihr euch noch an die erste halbe Stunde im Spiel gegen Hoffenheim? Zwei Ligen höher damals. In dieser ersten halben Stunde haben wir den Gegner dominiert. RWO hat den MSV zunächst nur 20 Minuten in die Bredouille gebracht. Mir ist ein Rätsel, wieso ein Trainer bei dieser Konstellation von fehlender Leidenschaft in den ersten 20 Minuten spricht. Die Wucht der klassenniedrigeren Mannschaft mit Aufstiegsambitionen musste erstmal ausgehalten werden. Das haben die Zebras geschafft. Nach etwa 20 Minuten kam das Spiel in ein Gleichgewicht. Dennoch gelang den Oberhausener Spielern technisch fast alles, was in dem Spiel der Liga zur Lachnummer wurde.

Symbolhaft war für mich ein langer Ball RWOs auf den rechten Flügel. Eigentlich kam der zu kurz. Er fiel dem Oberhausener Leichtathleten unter den Fußballern auf den Rücken in Schulterhöhe. Doch der Spieler konnte die Geschwindigkeit des Passes mit einer Schulterdrehung zur Vorlage für sich selbst machen, ein fußballerischer Trick höchster Güte, der ihm zwei Meter Vorsprung vor seinen Verteidiger gab. Wie oft gelingt das? Die Spieler von RWO waren in einem Flow, der erst einmal gebrochen werden musste. Das gelang aus meiner Sicht, und das hat mit Leidenschaft zu tun.

Schauen wir nun auf das, was die Zebras aus diesem Gleichgewicht in der Offensive machten. Die vornehmliche Lösung für die Frage, wie komme ich in den Oberhausener Strafraum, hieß Flügelspiel. Es gab einige Flanken auf die andere Seite des Strafraums oder Pässe auf Verdacht in den Rückraum. Dummerweise war der Strafraum in solchen Momenten gut gefüllt mit Oberhausener Spielern. Die Pässe auf Verdacht gingen ins Nichts. An jeden hoch geschlagenen Ball kam zuerst ein Oberhausener Spieler. Mit mehr Leidenschaft ist dieses Problem leider überhaupt nicht zu lösen. Da müsste es mehr Glück durch Zufall heißen. Vielleicht könnte man von der Hoffnung auf einen besseren Instikt der Zebra-Stürmer sprechen, der zum fußballerischen Können gehört.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit war der Ausgang des Spiels eine offene Angelegenheit. Blicken wir wieder auf die Leidenschaft und nehmen wir erneut eine andere Perspektive ein. Zeugt die Rote Karte für Ajani vielleicht von zu viel Leidenschaft? Da will einer auf jeden Fall an den Ball kommen, sieht vorne und hinten nichts, hebt das Bein und schon ist es zu hoch. Wie war das mit Sebastian Mai und der Leidenschaft? Gibt es vielleicht auch eine Kehrseite dieser so grundweg positiv angesehenen Einstellung zum Spiel? Was passiert, wenn Spieler mit Leidenschaft und Charakter über ihre Grenzen gehen. Denn das ist ja die Voraussetzung des Spiels, das momentan vom Trainer verlangt wird. Kann das zu Unfallverletzungen der Spieler führen? Eine Frage für die Sportwissenschaftler, die ich nur stelle, damit klar ist, so einfach ist das mit der Leidenschaft nicht.

Die Rote Karte verunsicherte. Es fiel das Gegentor. Wie sollte diese Mannschaft mit dieser Spielanlage den Ausgleich erzielen? Ich sah keine Chance, aber den Willen zum Ausgleich, den sah ich. Erst nach dem zweiten Tor der Oberhausener begann das vogelwilde Spiel mit langen Bällen. Normalerweise brauchen diese langen Bälle mehr Glück zum Erfolg als ein Passpiel über die Flügel etwa. Beim MSV war das anders. Erst die langen Bälle brachten endlich Torgefahr und Durcheinander in der Oberhausener Defensive. Nicht genug, wie wir wissen. Doch werden wir mit dem wilden Anrennen an die Struktur erinnert. Denn auch zu dem Zeitpunkt habe ich Leidenschaft wahrgenommen.

Leidenschaft braucht eine Struktur, die sie sinnvoll erscheinen lässt. Es muss doch auf den Rängen genügend Mannschaftssportler geben, die aus eigener Erfahrung, egal in welcher Sportart, dieses vergebliche Mühen kennen und die innere Erschöpfung durch Vergeblichkeit. Mangelnde Leidenschaft als Grund für diese Niederlage zu benennen, ist für mich so unergiebig, dass ich mir über die nächsten Wochen am liebsten gar keine Gedanken mehr machen möchte. Spieler brauchen eine Struktur des Spiels, das ihrem Können gemäß ist. Natürlich machen die vielen Ausfälle es schwierig, die Struktur aufrecht zu erhalten, an die gedacht war. Dann brauchen wir einen Trainer, der erklärt und um Geduld bittet für den eingeschlagenen Weg.

Was wir nicht brauchen, ist der Verweis auf die populistische Münze Leidenschaft. Wir sollten uns an die Binse des Gegenwartsfußball erinnern, dass die Qualitätsunterschiede zwischen „großen“ und „kleinen“ Mannschaften geringer geworden sind. Die Stimmungsextreme im Ruhrgebietsfußball machen das Arbeiten hier schwer. Kontinuierlich etwas aufbauen, heißt es immer wieder. Im Ruhrgebiet kaum möglich. Natürlich höre ich darauf die Erwiderung jetzt schon, was haben wir für Jahre mit solchem Gerede hinter uns. Wir arbeiten aber gerade die Konzeptionslosigkeit der letzten Ivo-Jahre ab. Ich wünsche mir dafür einen Trainer, der sich darüber im Klaren ist und der die Schwächen seines Kaders der Öffentlichkeit in moderierender Form nahe bringt. Das ist ein Seiltanz, weil er sie nicht benennen darf und er doch den Blick für die Wirklichkeit öffnen muss. Und diese Wirklichkeit bedeutet mehr als Leidenschaft und Charakter. Dazu gehört die Struktur des Spiels. Beides steht in einer Wechselwirkung zueinander. Momentan höre ich einen Torsten Ziegner, der ersteres als Voraussetzung von zweitem ansieht. Das macht mir Bauchschmerzen – viel zu früh in der Saison.

Briefe aus Westende – Von Fußball-Wanderarbeitern und erster Trikotwerbung

Geschichten über gescheiterte Karrieren von Jugendfußballern kommen mir inzwischen wie ein Subgenre der Fußballberichterstattung vor. Besonders geeignet dafür sind solche Jugendnationalspieler, die als Senioren etwa in der der Oberliga landen. So ein Werdegang hat die passende Fallhöhe für Geschichten, die einerseits berühren, aber auch nicht allzu sehr beunruhigen. Denn natürlich hören wir von all den Anstrengungen der Jugendleistungszentren, für die jungen Menschen auch den Lebensweg ohne die Bundesligakarriere zu ermöglichen.

So bekommen wir bestätigt, wie hart die Auslese in der Profiwelt ist, während der Spieler selbst mit seinem unerfüllt gebliebenen Traum berührt. Zugleich bleibt der soziale Zusammenhang unangetastet. So ist nun mal die Welt. Nicht jeder kann zu den Allerbesten gehörten. Im versöhnlichen Ende gewinnt der Fußball in der Spielerbiografie seine Kraft zurück, weil bei Ausbildung oder Studium mit der Unterstützung durchs verdiente Geld mit Oberliga-Fußball alles einfacher wird.

Senad Jarovic war zwar kein Nationalspieler, aber bis zur U17 bei Fortuna Düsseldorf. Jetzt ist er 24 und spielt wie nebenan ablesbar bei Sloboda Tuzla in Bosnien-Herzegowina, für ihn als Senior bereits sein neunter Verein. Kürzlich las ich in der ZEIT eine längere Geschichte über ihn von Henning Sußebach (hinter der Paywall).

Senad Jarovics Weg geht nicht in einer so leicht zu deutenden Geschichte auf. Sein Traum, Fußballprofi zu werden, mündete in den Beruf des Fußball-Wanderarbeiters. Zu Zweitliga-Zeiten unter Walter Hellmich gab es solche Spieler auch in Duisburg. Deren Namen erinnere ich nicht mal mehr ohne Hilfe aus dem unerschöpflichen Datenschatz des Netzes. So viele Zufälle spielten bei der Karriere eine Rolle, neben Trainerwechseln auch das Vetrauen in Spielerberater, die statt in Deutschland in Südosteuropa ihre Kontakte besitzen. Er verdient nicht viel Geld in Bosnien-Herzegowina. Dennoch übt er den Beruf aus, den er anstrebte. Das ist ein anderer Weg als einer in Deutschland. Er rückt die ökonomischen Hintergründe des Gegenwartsfußballs mehr in den Blick. Er führt zudem zu der Frage nach dem Sinn und was Zufriedenheit mit dem Leben bedeutet.

Davon ab habe ich kurz besonders aufgemerkt, als ein Datenanalyst in Deutschland nach der Spielstärke Senad Jarovics befragt wurde. Der meinte, er könnte zumindest ein Zweitligaspieler sein. Girth war schon verletzt, und es war absehbar, wie schwer es für den MSV in der Offensive wird. Jarovic ist wohl ein spielender Mittelstürmer, technisch sehr gut, aber weniger Kopfballstark, als es sein Größe erwarten lässt. Der braucht nur das passende Umfeld. Ein Portrait als Bewerbungsunterlage – vielleicht sollte ich Ralf Heskamp den Link zum Artikel schicken.

Und nun zu etwas anderem: einmal mehr gilt, jede Geschichte hat eine Vorgeschichte. Bislang dachte ich,  Trikotwerbung habe Günter Mast zuerst in Deutschlands Fußballwelt ausprobiert, als er das Jägermeister-Emblem bei Eintracht Braunschweig einführte. Doch dort blieb Trikotwerbung nur das erste Mal unangetastet. Schon 1967 hatte es einen Versuch bei Wormatia Worms gegeben, Trikots mit Werbung zu versehen. Deutschlandfunk Nova widmete diesem Geschehen Eine Stunde History – als Podcast bei den üblichen Anbietern oder hier abrufbar in der ARD-Mediathek. Allerdings geht es in der zweiten Hälfte kaum mehr um die Historie, sondern um die Gegenwart. Von Grundlagen des Sponsorings erzählt der unvermeidliche Experte aus der Branche. Viel Substanz kommt nicht dabei herum. Dass Verein und Unternehmen zusammen passen müssen, ist kein nur Experten vorbehaltenes Wissen.

Über Trikotsponsoren und über die Halbjahresengagements von längst vergessenen Profis beim MSV können wir übrigens auch persönlich sprechen. Entweder am kommenden Donnerstag nach der Lesung im Gleis 3 um 20 Uhr in Großenbaum oder eine Woche später, am 29., bei gleichem Anlass in Bissingheim, im „Zum Hocker“. Dort beginne ich um 19.02 Uhr mit meinem Programm zur Fußballfibel MSV Duisburg „Bundesliga, ich komm‘ aus dir“ – Geschichten aus einem Leben mit den Zebras.

Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung Großenbaum MSV Fußballfibel – 22. September, 20 Uhr

Sicher, man kann sich entscheiden, ob man jetzt jeden unbedingt regelmäßig sehen muss. Mancher bricht ja sogar den Kontakt zu den Eltern ab. Aber sie bleiben deine Eltern. Der du bist, bist du auch durch sie. Neben vielem anderen. So ähnlich geht es mir mit dem MSV.

Ralf Koss alias Kees Jaratz: Fußballfibel – MSV Duisburg, Culturcon medien, 2022

Fortsetzung der Septembertournee mit dem Buch über mein Leben mit den Zebras seit den 70ern bis heute. Aber wie schnell ist der Spaß mit dem Fußball unseres Herzensvereins nun schon wieder vorbei. Vor der Lesung in Moers am 9. 9. noch sprach ich davon, wie der mir für die Lesung Rückenwind gab. Nun müssen wir für den Spaß zunächst mal wieder alleine sorgen. Meinen Teil trage ich diese Woche dazu bei mit der Lesung aus der MSV Duisburg Fußballfibel am Donnerstag, den 22. September, im Gleis 3, Angermunder Straße 2-4, in Großenbaum. Eintritt 10 Euro.

Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Am 29. September geht es in Bissingheim beim Zum Hocker weiter.

Bundesliga, ich komm‘ aus dir

Was Ralf Koss in der „MSV Duisburg Fußballfibel“ von Fußballspielen, Auswärtsfahrten mit Freunden und verloren geglaubten Spielen erzählt, stößt bei Fans aller Vereine eigene Erinnerungen an. Dabei heißt es, kein Verein in Deutschland verschafft seinen Anhängern mehr Aufregung als der MSV Duisburg. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller seit jeher. Die Dauerkarte kennt Ralf Koss noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Seine Erlebnisse und Erinnerungen geben Duisburg und dem Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Eine Veranstaltung im Rahmen des Sonderprogramms Aufgeschlagen! des Landes Nordrhein-Westfalen

Fußballlyrik: Verl auswärts – kurz gefasst

Erst klappte nichts im Spiel nach vorn.
Auch offensivschwach war das Team.
Und dann der chancenlose Sturm.
Ein Gegentor und schon verlor’n.

Heimatlied Sektion Ruhrstadt – Folge 50: Flipstar mit Kein schöner Land

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich in dieser Reihe mit „Der Ruhrpott ist unendlich“ eine nostalgische Rückbesinnung von Pott-Hiphoppern im mittleren Alter auf ihre Anfangsjahre mit dem Sound in der Ruhrstadt veröffentlicht. Die Reaktion auf den Clip zeigte, eine Generation des Ruhrgebiets erkannte sich wieder. Zu diesen Oldschool Hiphoppern zählten auch Creutzfeld & Jacob.

Das heutige Stück gehört zu diesem Oldschool-Hiphop, und Flipstar damals zu Creutzfeld & Jacob. Solo unterwegs rappte er in „Kein schöner Land“ über eine Städtelandschaft, in der neben den üblichen Ruhrstadt-Stadtteilen auch Wuppertal genannt wurde. Als der Song entstand, war der Raum der Identität noch der graue schwache Wirtschaftsraum, den die Industrie kürzlich zurückgelassen hatte. Wuppertal gehörte ohne Frage zu diesem schwachen Wirtschaftsraum. Darin glich die Zeit den Anfängen der Industrialisierung, zu denen immer vom rheinisch-westfälischen Industriegebiet gesprochen wurde. Selbstverständlich waren das Bergische Land und die Rheinschiene bis Leverkusen mitgemeint.  

Eine Fassung zum Kulturhauptstadt-Jahr 2010 wurde aufwändiger produziert. Bläsersätze kamen hinzu. Der Sound wurde etwas gefälliger. Auch der Text wurde verändert. Mehr Stadtteile sind nun genannt, und Wuppertal gehörte nicht mehr dazu. Die Ruhrstadt fand Identität, begrenzte sich und war sich ihrer starken Stadtteilidentitäten bewusst.

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

SPONSORED CONTENT – MSV Duisburg: Die Rekordspieler im Überblick

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Beim Fußball wechseln die Spieler im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal den Verein. Doch einige Spieler bleiben für einen längeren Zeitraum einer Mannschaft treu und werden zu echten Helden. Diese Helden werden von den Fans gefeiert und bejubelt. Nicht selten werden die Helden auf einem Foto verewigt und in einem ansehnlichen Holzrahmen in den Vereinsheimen der Fanclubs aufgehängt. Auch der MSV Duisburg kann einige Rekordspieler verzeichnen. Einen kleinen Überblick findet man hier.

Die Helden des Vereins

Ein Held, der nicht so schnell in Vergessenheit gerät, heißt Michael Bella. Michael Bella spielte zwischen 1964 und 1978 für den MSV Duisburg. Das blau-weiß gestreifte Trikot trug der Spieler in rund 405 Bundesligaspielen – ein absoluter Rekord, der auf jeden Fall nicht in Vergessenheit gerät. In den Partien erzielte der ehemalige Verteidiger sogar 13 Tore. Michael Bella ist und bleibt eine Legende, denn neben den zahlreichen Bundesliga-Spielen stand er außerdem zweimal mit dem MSV Duisburg im DFB-Pokalfinale. Auf dem zweiten Platz der Helden des MSV Duisburg ist ein Spieler, der sogar als Kapitän im Jahr 1980 den Pokal holte. Bernard Dietz ist einer der torgefährlichsten Verteidiger und erzielte 394 Spiele für die Duisburger. Auf dem dritten Platz der Helden des Vereins landet Detlef Pirsig. Dieser spielte 337 Spiele für die Mannschaft. Doch nachdem er in Fußballrente ging, kam er 1986 wieder zurück und übernahm die Mannschaft des MSV Duisburg als Trainer. Es folgen Rudolf Seliger mit 288 Spielen und Hartmut Heidemann mit 262 Einsätzen.

Rekordspieler bleiben für immer in Erinnerung

Bereits in der Kindheit war Fußball bei vielen schon ein großes Thema. Fußball ist eine Sportart, die eine große soziale Bedeutung hat. Es geht darum, gemeinsame Regeln zu akzeptieren und respektvoll miteinander umzugehen. Allerdings geht es beim Fußball noch um so viel mehr. Fußball macht unheimlich viel Spaß und lässt Legenden entstehen. Jeder Fußballer, der besonders begabt ist, wird von den Menschen bewundert. Die Anerkennung kommt bereits, wenn man der beste Spieler in einer kleinen Dorfmannschaft ist. Viel größer ist jedoch die Bewunderung, wenn man in einer Bundesliga-Mannschaft auffällt – wie die Helden des Vereins MSV Duisburg.

Ähhm, hektisch? Aber, Herr Anfang!

Mein Gott, was war das ein ermüdendes Spiel vom MSV gegen Dynamo Dresden. Zwei-, dreimal habe ich mich aufgeregt. Mein emotionaler Höhepunkt war das Springteufel-Foul an Moritz Stoppelkamp. Für mich grobe Unsportlichkeit aus Wut. Kein Spieler der Zebras hatte die Dresdner Schauspieleinlage im Mittelfeld beachtet und da rastete dann einer aus. Ein Spieler simulierte so was wie Ohnmacht nahe dem Anstoßkreis, weil er beim schnellen Ballvortrag gestolpert war. Die Dresdner waren zum einen der Ansicht, der MSV-Spieler in der Nähe habe Kraft seiner telepathischen Fähigkeiten das Stolpern herbei geführt. Klares Foulspiel, das nicht gepfiffen wurde, so meinten sie wohl. Und dann besaßen die Duisburger nicht mal den Anstand, die große Laienspiel-Ohnmacht mit einem ins Aus gespielten Ball zu belohnen. Enttäuschung kann schon mal wütend machen. Gott sei Dank, dilletierte der Dresdner beim Kung-Fu-Sprung ebenso wie beim Spielaufbau. Stoppelkamp blieb unverletzt.

Selbst der Elfmeter trug mich nicht aus meiner Ermattung heraus. Ich habe ihn abgenickt. Der Elfmeter war die selbstverständliche Folge, als der Schiedsrichter das hohe Bein gepfiffen hatte. Auf dem Rasen wurde erstmal viel diskutiert. Der gefoulte Dresdner übte sich wieder im Laienschauspiel am Boden. Tritt den beim Diskutieren doch mal einer auf den Fuß. So was ging mir durch den Kopf. Dann gibt es wenigstens einen Grund für die Anwesenheit von medizinischem Personal. Alles floss dahin.

Aufmerksam wurde ich erst wieder bei der Pressekonferenz. Dresdens Trainer Markus Anfang sagte tatsächlich, das Spiel sei hektisch gewesen. Das Wort wäre mir nun als allerletztes eingefallen. Ich lasse mich gerne von Gefühlen anstecken. Hektik hätte ich definitiv gemerkt. Beruhigend wäre mir als erstes gefallen. Einschläfernd. Mehr so was, das nach dem Gegenteil von Hektik klingt. Aber die Trainer müssen ja auch schnell was sagen auf so einer Pressekonferenz. Dann findet man nicht die richtigen Worte. Vielleicht hat er sich selbst auch nur gemeint, der Herr Anfang. Er selbst war sehr hektisch. Unsympathisch hektisch. Am Spielfeldrand unentwegt rumkrakelend. Ja, wahrscheinlich ist er einer Selbsttäuschung erlegen. Das passiert vielen Menschen. Sie machen ihre eigenen Gefühle zum Nabel der Welt. Mit etwas Abstand sollte Markus Anfang zu einem anderen Urteil kommen.

Ganz komisch habe ich mich beim Verlassen des Stadions gefühlt. Ermattet, enttäuscht, eine Prise Ärger. Von so vielem war etwas dabei. Auch Nachsicht. Der MSV war spielerisch besser als die Dresdner, aber genauso ungefährlich. In dem Spiel wäre ohne Elfmeter nie ein Tor gefallen. Ganz so schlagkräftig wie Torsten Ziegner noch am Freitag bei der Pressekonferenz meinte, ist die Mannschaft nach den vielen Verletztungsausfällen dann doch nicht. Die Offensivschwäche ist wieder da, und ich befürchte, daran wird sich nicht viel ändern bis zum nächsten Januar. Im Strafraum ist die Mannschaft harmlos. Ein erster Elfmeterpfiff für die Zebras hätte dem Spiel gut getan. Zumindest aus Duisburger Sicht. Was nicht war, kann ja noch werden. Genau wie die anderen Standards, die nun wieder in kommenden Spielen für Chancen sorgen müssen. Bis auf weiteres verkündet die Land-Art am Rhein-Herne-Kanal das Motto für Spiele der Zebras.


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