Wenn Faktenwissen starke Meinungen nur stört

Leider fehlt mir die Zeit, um selbst vor dem außerordentlichen DFB-Bundestag ein Dossier zur Lage in Liga 3 zu erstellen. Das wäre eigentlich nötig, um zu verstehen, was heute geschieht. Das Dossier müsste sehr präzise zusammenstellen, welche Bedingungen die Hoffnungen auf das Erreichen von sportlichen Zielen bei den Vereinen begleiten, unter welchen Bedingungen Vereine für den Saisonabbruch plädieren und welche Fakten beim DFB zu nennen sind, die Einfluss auf das Handeln des Verbandes besitzen. Das ist viel Stoff. Einfacher ist es nur den Streit wahrzunehmen und Meinungen zu äußern.

Im Kicker nahm sich gestern sogar Chefredakteur Rainer Franzke des Themas an. Es lohnt sich nicht, hinzuklicken. Die Botschaft lautet: Stellt euch nicht so an, ihr bösen Verweigerervereine. Ihr seid schuld mit eurem Widersinn und Meckern, wenn alles den Bach runtergeht. Es geht doch um den Fußball und sportliches Verhalten. Dieselben Worte hätte auch einer der vielen genervten DFB-Vertreter in ein Miko sprechen können. Rainer Franzke stellte die Waschmaschine für die weiße Weste des DFB an. Für Streitgründe und Fakten interessierte er sich nicht. Die starke Meinung hätte ja beim Blick auf die Wirklichkeit irritiert werden können.

Es ist mühsam, sich ein Urteil zu bilden. Dazu gehören viele Informationen. Das ist immer so. Fakten stellen oft die Fans der betroffenen Vereine zusammen. Im MSVPortal zum Beispiel gibt es einen Thread zur 3. Liga, in dem die User in den letzten Tagen immer differenzierter Hintergründe und Bedingungen für Haltungen und mögliche Entscheidungen aufzeigen. Natürlich springt dort eine Tendenz zur DFB-Kritik ins Auge und nicht jeder Beitrag gibt neue Information. Die Fakten entwertet das aber nicht.  Sie wären eine sehr gute Grundlage für ein zu schreibendes Dossier. Wer sich vertiefen will, dieser Klick zu den Beiträgen ab Freitag lohnt sich.

Was für ein Desaster, DFB

Vorab sollte ich wahrscheinlich eines kurz erklären: Meine Meinung äußere ich nicht als Anhänger eines Fußballvereins, also als Fan vom MSV Duisburg. Mir geht es um die gesamte Liga, weil ich für ein Handeln von Institutionen vernünftige und wahrhaftig geäußerte Gründe erfahren möchte. So etwas können sich in diesen Tagen viele Menschen nicht mehr vorstellen, besonders wenn sie sich lautstark zu der speziellen Frage äußerten, wie es mit der Saison in der 3. Liga weitergehen soll und wie mit den entsprechenden Saisonentscheidungen verfahren werden kann.

Ich glaube ja immer an das Gute im Menschen und deshalb denke ich manchmal zaghaft, vielleicht hat der DFB einfach seine Kommunikation nicht im Griff. Vielleicht gibt es ja tatsächlich nachvollziehbare Argumente, warum nun qua Verfügung das Weiterspielen am 30. Mai angekündigt wurde. Vielleicht wirkt es ja nur beleidigt und rücksichtslos, was immer wieder von verschiedenen Vertretern des DFB zu hören ist. Vielleicht sind sie hinter den geschlossenen Türen ernsthaft um irgendetwas besorgt, was zu den Kernaufgaben des DFB gehören sollte, nämlich für die Gesamtheit der dem Verband angeschlossenen Vereine sich verantwortlich zu fühlen. Vielleicht gibt es ja Hilfen für Vereine, die durch das Weiterspielen in größte Schwierigkeiten geraten. Die sportlichen Fragen von Auf- und Abstieg sind damit nicht gemeint. Vielleicht gibt es ja doch auch beim DFB das Gute in den Menschen?

Je länger ich mich all das frage, desto schöner werden die Träume, desto besser male ich mir die Welt beim DFB aus. Aber dann reißt mich das MDR-Interview mit dem Sportdirektor vom Halleschen FC, Ralf Heskamp, aus diesen rosa Wolken. Mit seinen ersten Sätzen erzählt er von einer anderen Wirklichkeit. Er berichtet, 24 Stunden vor der Entscheidung „Weiterspielen“ habe der Hallesche FC die Nachricht erhalten, am Montag werde entschieden. Zur Erinnerung, dann findet der außerordentliche Bundestag vom DFB statt. Dem Halleschen FC wird also eine Grundlage für dessen Entscheidungen mitgeteilt, die eigentlich Gewicht haben sollte. Schließlich kommt mit dem Bundestag ein groß besetztes Gremium zusammen. 24 Stunden später ist davon keine Rede mehr. Das erstaunt.

Nun gibt es vielleicht Einwände, man könne so etwas ja einfach auch nur behaupten. Der Verein stehe am Ende der Tabelle auf einem Nichtabstiegsplatz und habe vielleicht deshalb ein Interesse am Saisonabbruch. So ein Einwand verkennt das grundlegende Problem, dass ein Vereinsvertreter überhaupt in dieser Weise sich an die Öffentlichkeit wendet.

Wenn so eine Stellungnahme zu hören ist, wurde zuvor miserabel gearbeitet. Offensichtlich ist der Austausch zwischen Vereinen und DFB katastrophal gescheitert. Offensichtlich hatte der DFB ein eigenes Interesse und sah sich nicht als Interessenvertreter aller seiner Vereine. Es wäre die Aufgabe des DFB gewesen, die Sorgen und Schwierigkeiten aller Vereine der 3. Liga in dieser besonderen Situation ernst zu nehmen.

Wenn von DFB-Vertretern zu hören ist, der Bestand der 3. Liga sei gefährdet, wenn nicht weitergespielt werde, dann ist dem eines entgegen zu halten. Ohne überlebende Vereine gibt es keine 3. Liga. Die 3. Liga besteht nicht, weil der DFB verfügt, es gibt eine 3. Liga, sondern weil es Vereine gibt, die Interesse daran haben, in einem hierarchischen Ligensystem Fußball zu spielen.

In der 3. Liga herrscht eine seltsame Mischung aus Unternehmertum und Amateursport. Das ist nicht abwertend gemeint, sondern verweist auf die in dieser Liga kaum vorhandenen Möglichkeiten, ein Wirtschaftsunternehmen im Fußball profitabel und sportlich erfolgreich zugleich zu führen. Corona hat diese Tatsache nur in kurzer Zeit offenbart, weil die Zuschauereinnahmen als unbedingt notwendige Einkommensquelle fortgefallen sind.

Viele Stimmen haben beim DFB gesprochen und keine hat mir erklärt, wie die Schwierigkeiten fast der Hälfte der Vereine zu beheben sind. Alles wurde immer an die Vereine zurück gegeben, so als ob es dieses grundlegende Problem der 3. Liga nicht gäbe. Mit klarem Blick ist das doch mehr als misslungene Kommunikation. Mit klarem Blick gibt es ein eigenes Interesse des DFB am  Weiterspielen, für das ich keine ausreichende Erklärung bekommen habe. Für einige Vereine der 3. Liga sind die sportlichen Belange tatsächlich ein Grund. Sie haben noch Ziele, die sie erreichen können. Beim DFB ist das eine gern genommene Nebelkerze, die andere Gründe unsichtbar machen kann.

Skandal ist ein Skandal für Liga 3 – Jeder darf mal diffarmieren beim DFB

Wenn ich auf die Lage in der 3. Liga schaue, versuche ich die Stellungnahmen vom DFB nicht mehr ernst zu nehmen. Ich versuche mir mit Komik zu helfen, sonst platze ich vor Ärger. Heute morgen ist mir das wieder nicht gelungen. Wer hat sich da eigentlich noch nicht an die Öffentlichkeit gewandt, um Vereine der 3. Liga zu diffamieren? Nun nimmt Tom Eilers, der Drittliga-Ausschuss-Chef, und in Personalunion Präsidiumsmitglied beim Zweitligisten Darmstadt 98, das Wort „Skandal“ in den Mund. Damit meint er aber nicht seine Kollegen beim DFB sondern das Handeln von Vereinen in der 3. Liga.

Ich schaffe es einfach nicht, mich nicht aufzuregen. Ein Skandal sind seine Worte. Es ist Skandal, dass seriöses Argumentieren und konstruktives Aufzeigen von Alternativen zu DFB-Vorhaben derart abgewertet werden.

Wenn der Geschäftsführer von Waldhof Mannheim sachlich die eigene finanzielle und personelle Situation bei Fortführung der 3. Liga öffentlich darstellt, ist das kein Skandal sondern eine sachgemäße Information der interessierten Öffentlichkeit. Natürlich wirbt er damit auch für die Position des Abbruchs, nur hat er Argumente. Tom Eilers hat kein Argument außer den ominösen Ruf der 3. Liga. Dieser Ruf ist dummerweise immer schon nicht der Beste gewesen, weil die Vereine dort bislang unter großem finanziellen Druck standen. Ob Vereine das Wirtschaften dennoch gut hinbekommen, ist dabei kein Argument. Es geht um die schlechten Rahmenbedingungen, die sich in diesen Corona-Zeiten nur klar offenbaren.

Dass das nun ein öffentliches Thema wird, ärgert Tom Eilers. Wenn man sich ärgert, poltert man eben los, auch wenn es keine wesentlichen Antworten auf die im Raum stehenden Fragen zur Finanzierung des Weiterspielens gibt. Dabei hat er aber nicht nur die 3. Liga im Blick. Als Präsidiumsmitglied von Darmstadt 98 verfolgt er natürlich auch Interessen für die 2. Liga. Da gibt es eine Interessenkollision, die nicht weiter thematisiert wird.

Die Bundesliga und Zweitliga-Welt möchte nämlich allmählich Ruhe in Sachen öffentlicher Diskussion über den Fußball. Sie wollen ihr fragiles Konstrukt des Weiterspielens nicht gefährden, indem eine Liga tiefer mögliche Schwierigkeiten auftauchen und irgendjemand dann auf die Idee kommt, diese Schwierigkeit könne für den gesamten Fußball gelten. Kein Wort von DFB-Seite in dieser Diskussion über das Weiterspielen in Liga 3 ist offen und ehrlich.

Es gibt eine einzige Frage, die der DFB mit aller Macht versucht, aus der Öffentlichkeit zu halten. Diese Frage lautet, wie lässt sich das Weiterspielen finanzieren, ohne dass ein Verein insolvent wird. Dass der DFB diese Frage nicht ernst nimmt, ist der wirkliche Skandal.

Und der DFB zu Liga-3-Vereinen so…

Früher stand unter vielen gezeichneten Witzen lakonisch „Ohne Worte“. Das gilt nach dem Beitragtitel heute auch für diesen Clip:

Wenn wir im Bild  bleiben, ist die Frage in Sachen Liga 3 aber offen: Zählt er oder zählt er nicht?

Beim Befreiungsschlag im folgenden Clip ist das klar entscheidbar. Das Endergebnis kennen wir allerdings nicht.

 

Lars Windhorst und die Naturgesetze

Gestern präsentierte die Süddeutsche Zeitung im Sportteil die Krisen der Gegenwart in einem einzigen Satz, indem Hertha-Investor Lars Windhorst in einem Interview über einen weit verbreiteten Glauben sprach. Wahrscheinlich hat er recht, schließlich reguliert auch die Schwerkraft auf der Erde das Leben zum größtmöglichen Wohle aller überaus wirksam. 

Wenn der DFB über Konsequenzen spricht, ist das doch weder Drohung noch Erpressung

Es gibt in Thrillern ein überschaubares Repertoire an Standardszenen, wenn Menschen gefügig gemacht werden sollen. Da spricht dann freundlich jemand zum Gegenüber, dessen Miene entweder Misstrauen oder Angst widerspiegelt. Geld wird gefordert oder Mitarbeit, und im selben Moment liegt beiläufig eine Waffe auf dem Tisch, die anscheinend im Jackett unbequem geworden ist. Das Ganze geht auch ohne Waffe, indem die Zukunft des Gegenübers in dunklen Farben ausgemalt wird, wenn besagte Mitarbeit verweigert wird. Dann wären statt des jetzt doch überschaubaren Schutzgeldes noch ganz andere Kosten zu übernehmen. Die Vertreter dieser besonderen Form des Wirtschaftens meinen es immer nur gut. Sie garantieren schließlich das Funktioniren des Wirtschaftens für ihr Hoheitsgebiet. Schließlich kann jeder sein Geschäft nur betreiben, wenn alles reibungslos verläuft. Was reibungslos bedeutet, lässt sich mit einer Waffe auf dem Tisch schlecht diskutieren.

Im deutschen Fußball sind wir zivilisiert. Waffen liegen nicht auf dem Tisch. Aber einen möglichen Lizenzentzug in den Raum zu stellen gegenüber einem Mininsterpräsident, in dessen Bundesland die Corona-Regularien die Fortsetzung des Drittligabetriebs behindern, ist die pazifistischere Variante dieses Drohens, und sie besitzt Kinothrillerformat. Das Dementi folgt in dem Fall immer sogleich, denn ganz deutlich wird das nur selten gesagt. Subtiles Sprechen gehört zum learning by doing in solchen Organisationen, die Macht organisieren.

Dieser Anfang des Thrillers müsste natürlich weiter ausgearbeitet werden. Nach dem ersten Anziehen der Daumenschraube würde nun im privaten Umfeld des Ministerpräsidenten herumgestochert, um irgendeinen Dreck aufzuwühlen, der genutzt werden kann. Flankierende Maßnahmen durch Wissen, was nicht öffentlich werden soll.

Die Situation rund um die 3. Liga führt mich einfach zu solchen Gedanken. Denn eine zweite Thrillervariante sehen wir ja auch, und wie im wahren Leben des Kinothrillers gibt es für jede Drohgebärde eigene Spezialisten. DFB-Vizepräsident Rainer Koch spricht von Regressforderungen an die Vereine, sollte die Saison selbst gewählt abgebrochen werden.

So offenbart sich endlich das eigentliche Motiv für das Beharren des DFB auf das Weiterspielen. Offensichtlich steht der DFB unter Druck und hat entweder sehr ungünstige Verträge zur Vermarktung abgeschlossen oder das noch nicht eingenommene Geld schon ausgegeben. Wahrscheinlich geht es vor allem um Magenta TV. Noch einmal sei betont, anscheinend profitieren Vereine und DFB auf sehr unterschiedliche Weise von der Vermarktung der 3. Liga. Deshalb gibt es diese Konfliktlage. Was vor Corona nicht offensichtlich war, wird nun deutlich. Die 3. Liga ist ein Konstrukt, bei dem der DFB sich die Vereine zu eigenen Zwecken zunutze gemacht hat. Nur zu normalen Zeiten ist das kein Problem. Zu normalen Zeiten lässt sich diese Ungleichheit durch das Wirtschaften der Vereine in ihren lokalen Bezügen ausgleichen. Und auch das sei noch einmal betont, wie heuchlerisch war das Argumentieren mit sportlichen Belangen.

Auf Fanseite und von unabhängigen journalistischen Einzelgängern wurde das Handeln des DFB die ganze Zeit schon mit Skepsis beobachtet. Dietrich Schulze-Marmeling hat gestern in seinem Blog beim Verlag Die Werkstatt eine von Ärger getriebene Bestandsaufnahme geschrieben. Aber auch in der überregionalen Presse findet sich heute endlich die erste harsche Bewertung des Handelns beim DFB. Michael Horeni kommt am Ende seines Artikels in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über den Bundesligastart auf den Unterschied bei der Bewältigung der Corona-Krise zwischen DFL und DFB zu sprechen. Sehr lesenwert auch im Ganzen, obwohl ich hier nur die dritte Seite verlinke. Hoffen wir auf Wirkung solcher Kritik beim DFB.

Programmhinweis: Die Bundeslesung – Fußballblogger ab 20.30 Uhr bei youtube

Letzte Woche hatte Trainer Baade eine schöne Idee. Er schrieb ein paar ihm bekannter Fußballblogger an und fragte nach, ob sie mit einer bis zu zehnminütigen Lesung ihrer Texte bei der Bundeslesung dabei wären. Das klang gut, das konnte ich. Heute Abend ist Premiere. Ab 20.30 Uhr geht es in dem Bildschirm hier unten rund. Ein MSV-T-Shirt wird dann auch zu sehen sein.

 


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