Hilfreiche Lachtherapie mit unserem Buch über den MSV

Tina Halberschmidt und ich, wir haben uns neulich getroffen und uns gegenseitig aus unserem neuen Buch über den MSV vorgelesen. Wir kennen die Texte natürlich noch. Doch laut Amazon ist MSV Duisburg Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten nicht nur ein Sachbuch in der Kategorie Fußball und der Oberkategorie Sport. Der Versandoligarch findet, das Buch passt auch bestens in die Kategorie Lachtherapie. Und so eine Lachtherapie können wir momentan gebrauchen. Nicht nur dass der MSV sich weiter auf einem Abstiegsplatz befindet, die bedrohliche Lage beim MSV führt – um es mal vorsichtig zu sagen – zu einer gewissen Zurückhaltung, sich mit dem Inhalt des Buches zu beschäftigen.

Dem Buch geht es wie dem Zebratwist im letzten Jahr beim Grandprix de la Vereinslieder Song Contest. Die Lage ist zu ernst für die Geschichten außerhalb des Sports wie den Blick auf die Vergangenheit des MSV.

Beim MSV sträuben sich ja schon die Nackenhaare aller, wenn sie das Wort „Irrtümer“ im Untertitel lesen. Dementsprechend müsste das Buch eigenlich reißenden Absatz finden, wenn allerorten über die Irrtümer der sportlich Verantwortlichen gestritten wird. Dabei ging es uns doch um die alle verbindenden guten Geschichten über den MSV. Der Verlag hätte beim „Klugscheißer“-Titel der Reihe bleiben sollen. „MSV Duisburg für Klugscheißer“ verspricht Wissen. Unser Duisburg-Buch mit dem Reihen-Titel hat man uns ja förmlich aus der Hand gerissen. Ist mir auch noch nicht passiert, dass Siege des MSV meine Laune aus sehr unterschiedlichen Gründen heben.

Tina Halberschmidt und Martin Wedau
MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten
Klartext Verlag, Essen 2021
ISBN: ‎ 978-3837523959
€ 16,95

Jetzt erschienen: MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten

Schauen wir mal, wie Hagen Schmidt auf die Mannschaft weiter einwirken kann. So ein Trainerwechsel bringt ja immer sofort Hoffnung zurück, dass sich mit der äußeren Änderung auch innerhalb der Mannschaft entscheidendes verändert. Das hebt die Stimmung schon mal etwas.

Für den Restärger gibt es seit dieser Woche den Blick auf die MSV-Vergangenheit. Tina Halberschmidt und ich in Person von Martin Wedau haben uns in den Wochen größten Ärgers jedenfalls beim Schreiben von MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten gut ablenken können.

Natürlich muss man bei der Dosierung aufpassen. Sonst versinkt man vollkommen in diesen alten Geschichten von Erfolgen und der schon verarbeiteten Enttäuschung. Dann käme man womöglich auf den Gedanken, früher sei alles besser gewesen und will gar nichts mehr mit der Gegenwart zu tun haben. Also fragt euren Arzt und Apotheker, vulgo Kumpel, wieviel ihr euch zumuten könnt. Er kennt euch vielleicht besser als ihr euch selbst.

Amazon jedenfalls kennt unsere Bedürfnisse gerade sehr genau. Dort wird das Buch neben der Kategorie Sport und Fußball in einer dritten Kategorie geführt. Der Lachtherapie! Muss man mehr über uns und den MSV in diesen Tagen wissen?

Tina Halberschmidt und Martin Wedau
MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten
Klartext Verlag, Essen 2021
ISBN: ‎ 978-3837523959
€ 16,95

Der MSV, der Presseausschluss und geleistete Arbeit

Immer wieder lehrt uns der Fußball, wie widersprüchlich wir Menschen in der Welt sind. Wir selbst empfinden das meist nicht so. Für uns selbst erzählen wir unsere Geschichten völlig folgerichtig. So kann ich gut verstehen, warum gestern zu Beginn der Jahreshauptversammlung des MSV ein Mitglied zwei Anträge stellte. Zum einen sollten Bild- und Tonaufnahmen grundsätzlich verboten werden. Vor allem ging es hier um die Kameras der RTL-Dokumentation über den MSV. Zum anderen sollten die Journalisten der Printmedien gebeten werden, nach den Berichten der Vorstände die Jahreshauptversammlung zu verlassen. An der Aussprache, also die Fragen und die Kritik der Mitglieder, die ja normalerweise auch Anhänger der Zebras sind, sollten Journalisten nicht teilnehmen dürfen. Wenn schmutzige Wäsche gewaschen wird, sollte das nicht an die Öffentlichkeit, um den Ruf des Vereins nicht zu schädigen. Die Mitgliederversammlung nahm beide Anträge unter großem Beifall an. Wie gesagt, ich verstehe das Anliegen gut, obwohl ich beim Einlass meinen Presse- und keinen Mitgliedsausweis gezeigt habe. Nach den Berichten der Vorstände bin ich also gegangen und habe mir meine Gedanken gemacht.

Mir zeigten diese Anträge einmal mehr die Widersprüchlichkeit, in der wir Anhänger eines Fußballvereins leben. Ich rede jetzt nur vom Ausschluss der schreibenden Kollegen. Unbezahlte Unterhaltungsware werden für RTL empfinde ich auch nicht als erstrebenswertes Ziel einer Jahreshauptversammlung. Vereinsmitglieder haben also gesprochen. Was ihr gutes Recht ist. Zu einem professionellen Fußballunternehmen passt dieser Ausschluss der Tagespresse allerdings nicht. Ein professionelles Unternehmen informiert über Diskussionen von Interessierten und positioniert sich offen gegenüber kritischen Stimmen. Immer wieder treffen diese beiden Welten Unternehmen und Verein aufeinander. Einen gleichgewichtigen Ausgleich beider Welten gibt es nicht. Mal wird die eine Welt des Unternehmertums im Vordergrund sein, mal die andere des amateurhaften Vereinslebens. Mal wird an den Vereinsvorstand der eine Maßstab angelegt, mal der andere.

Wenn ich das Geschehen unabhängig vom Fußball und dem MSV betrachte, macht es mir leider ein paar Sorgen. Steckt in diesem Antrag doch das Misstrauen gegenüber der Institution des Journalismus, das ich aus politischen Zusammenhängen kenne und eben dort seine gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Dieses Misstrauen zersetzt die bürgerliche Öffentlichkeit und damit Zusammenhalt. Ich wünsche mir sehr, dass dieses Misstrauen wieder schwindet, weil es nicht grundsätzlich gerechtfertigt ist. Wir haben eine vielfältige Medienlandschaft mit unterschiedlichen Stimmen. Auch ich habe die Jahreshauptversammlung verlassen müssen. Ich war nicht böse drum. Ich hatte mir ohnehin nicht vorstellen können bis maximal halb eins dort zu bleiben. Ich verdiene hier kein Geld. Da muss dann alles passen, um Zeit aufzuwenden. Zwar habe ich nicht die Reichweite der Printmedien dieser Region, dennoch werde ich wahrgenommen. Ich habe mehr Raum für meine Wertungen. Ich habe einen eigenen Blick. Ich denke, ich urteile sehr differenziert. Auch dieser andere Blick konnte die Aussprache nicht beobachten. Wie gesagt, ich verstehe gut die Beweggründe. Es gibt aber eine andere Perspektive, über die es lohnt nachzudenken.

Nun aber kurz zu zwei Berichten. Der Vorsitzende Ingo Wald erklärte die Arbeit der letzten zwei Jahre, sprach von der großen Enttäuschung über den verpassten Aufstieg und erläuterte die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Capelli. Die wichtigste Botschaft seiner Worte lautete: Wir haben an den Strukturen gearbeitet, so dass die vor zwei Jahren verkündete Mitteilung, der MSV überlebe in Liga 3 nicht länger als zwei Jahre, überholt sei. Das Zeitfenster für ein Überleben in Liga 3 ist größer geworden. Zwei, drei Jahre blieben jetzt Zeit, um den Aufstieg in Liga 2 zu schaffen.

Als Ivo Grlic zu seinem Bericht ans Rednerpult ging, buhten die Mitglieder. Man darf ihm abnehmen, dass dieser Gang schwer war und diese Ablehnung ihn trifft. So viel zum Menschlichen, das er anschließend immer wieder mal erwähnte. Das allerdings ist das grundsätzliche Problem bei seiner Arbeit. So klar war das gestern erkennbar. Denn vor allem das Menschliche kam zur Sprache in Sachen Gino Lettieri. Er wusste, er musste auf die Verpflichtung zu sprechen komrmen.

Was er sagte, ließ nicht erkennen, ob er den eigentlichen Fehler bei dieser Verpflichtung wahrnahm. Er scheint tatsächlich zu glauben, Gino Lettieri sei gescheitert, weil er in Duisburg von den Anhängern so viel „Gegenwind“ erhalten habe. Das war schon bei dessen Entlassung das Hauptthema. Darum geht es aber gar nicht, wenn ich Ivo Grlics Beweggründe verstehen will. Es gab keine Zuschauer im Stadion. Der Mann konnte in Ruhe arbeiten, auch wenn überall Unverständnis herrschte. Ivos Grlics oberflächliches Argument für die Verpflichtung war der einmal schon vorhandene Erfolg Lettieris beim MSV und dass er den Verein kannte. Die erste Entlassung Lettieris schien für Ivo keine Rolle mehr zu spielen. Zehn Verletzte hätte er damals im Kader gehabt.

Einem Nebensatz nur ließ sich indirekt entnehmen, ob sich Ivo Grlic Gedanken über die Rolle Lettieries bei der weiteren Entwicklung des Vereins gemacht hatte. Sinngemäß sagte Ivo, welchen Fußball er spielen ließe, darüber könne man ja streiten. Nein! Darüber kann man eben nicht streiten, weil darüber nicht gesprochen wurde. Doch Ivo Grlic muss sich um Spielideen von Trainern kümmern, weil er für die sportlichen Belange zuständig ist. Das ist eine der entscheidenden Stellschrauben für die Entwicklung des Vereins. Habe ich die Worte dazu überhört?

Wenn er dagegen über Spielerverpflichtungen spricht, ahne ich, dass er sich auf sicherem Terrain bewegt. Bei einem Spieler lassen sich einfacher Bewertungen vornehmen als bei einem Trainer. Die Datenlage bei Spielern ist viel umfangreicher und lässt sich klarer auf vergleichbare Zahlenwerte herunterbrechen als bei einem Trainer. Dessen Arbeit müsste umfassend analysiert werden, um seine Fähigkeiten zu bewerten. So ein Trainer-Profil muss wahrscheinlich immer erst erstellt werden. Ich habe gestern von Ivo Grlic nicht erfahren, dass diese Arbeit beim MSV vorgenommen wird. Das bereitet mir weiter große Sorgen. Wenigstens beschränken sich die nur auf den MSV. Gesamtgesellschaftlich betrachtet haben diese Trainerverpflichtungen wohl keine Auswirkungen.

Halbzeitpausengespräch: Christoph Dieckmann im KS36 – Ein Abend zu ostdeutschen Befindlichkeiten und deutscher Identität

Christoph Dieckmann, Foto: Privat

Am Mittwoch, den 20. Oktober, findet um 19.30 Uhr im Duisburger KS36 die Auftaktveranstaltung der Lesereihe „Viele Stimmen! Ein Chor?“ statt. Ich freue mich, den Berliner Autor Christoph Dieckmann als Gast begrüßen zu dürfen. Er liest aus seinem letzten Buch „Woher sind wir geboren“, und wir sprechen über ostdeutsche Erfahrungen und die deutsche Identität.

Der in der DDR aufgewachsene Christoph Dieckmann hat als Journalist für die ZEIT lange Jahre über den Osten Deutschlands geschrieben. Die empfundene Benachteiligung, die Beschreibungen von außen, Identitätsfragen waren dabei oft ein Thema. Noch immer beschäftigt er sich mit den Besonderheiten ostdeutscher Biografien und den Wurzeln deutscher Identität.

So erzählt er vom langen Untergang seiner DDR und von der Münchner Räterepublik. Er reiste zum »Schrein der Christenheit« nach Aachen, zur »Judensau« in Luthers Wittenberg, zur Walhalla und in Deutschlands einstige Kolonialmetropole Hamburg. Er beschreibt, was die Deutschen unterscheidet, doch nicht trennen muss: Vergangenheit und Erinnerung. Christoph Dieckmann wurde 1992 mit dem Internationalen Publizistik-Preis von Klagenfurt ausgezeichnet, 1993 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis, 1994 den Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1996 den Friedrich-Märker-Preis für Essayistik.

Die Veranstaltung verstehe ich als Beitrag zu den gegenwärtigen Debatten rund um Identitäten. Auch wenn die Beschäftigung mit der ostdeutschen Identität gerade etwas in den Hintergrund gerückt ist, stehen wir auch hier weiter vor der Frage, wie die unterschiedlichen Stimmen in Deutschland zu einer gemeinsamen Sprache finden. Die Veranstaltungsreihe „Viele Stimmen! Ein Chor?“ konnte auf den Weg gebracht werden, weil mit dem KS36, der Neudorfer Buchhandlung Tausendundein Buch und mir gleich drei Akteure der Duisburger Kultur zusammenarbeiten.

Karten zu 15 Euro, ermäßigt 12 Euro, gibt es in der Buchhandlung Tausendundein Buch an der Oststraße, per Nachricht über das Kontaktformular an mich oder über den Eventbrite-Link mit Aufschlag von € 2,50 Vorverkaufsgebühr.

„Viele Stimmen“ Ein Chor?“ wird gefördert durch das Programm Neustart Kultur und unterstützt vom InterCity Hotel Duisburg.

Nicht MSV, nur ich, ich, ich beim Pfiff

Fünf Minuten blieben dem MSV noch Zeit, um mit Glück und weiteren hohen Bällen in den Strafraum den Ausgleich im Spiel gegen den SV Meppen zu erzielen. Bis dahin spielte der MSV miserabel, aber das Unentschieden war immer noch besser als nichts. Was machen dann Zuschauer, denen ihr Verein wirklich am Herzen liegt? Sie stellen ihren berechtigten Ärger zurück und werden nicht laut, wenn ein Spieler eingewechselt wird, der ihnen nicht passt – aus welchen Gründen auch immer. Denn dieser Spieler ist groß und könnte im Strafraum vielleicht… Sie halten sich zurück, wenn sie sich über den Trainer ärgern und nehmen den hilflosen Spielern nicht auch noch zusätzliche Energie bei deren Bemühen um ein Tor. Nach dem Spiel bleibt dafür Zeit, wenn der Unmut unbedingt raus muss. In der Schlussphase des Spiels zu pfeifen ist eine Frechheit – dem Verein mit seiner Geschichte gegenüber, dem eingewechselten Spieler gegenüber und allen Zuschauern gegenüber, die immer noch auf den Ausgleich hofften. Das Pfeifen war laut, und dennoch hoffe ich, es war wie so oft eine Minderheit, die sich mit Lautstärke in den Vordergrund spielt, während die Mehrheit solch ein Verhalten missbilligt.

Was für eine Selbsttäuschung von jedem, der gestern im Stadion bei der Einwechslung von Dominik Schmidt gepfiffen hat. Jeder dachte in dem Moment nur an sich und nicht an den MSV Duisburg. Er dachte nicht an den Verein, der ja im selbstbeduselten Lobsprech auf das eigene Fantum die ewige Liebe ist. Wahre Liebe ist selbstlos, Leute. Sie dachten nicht an die ewig gleiche Formel von der Größe des MSV, von einer Bedeutung, die Spieler, Verantwortliche und Fans überdauert. Was für ein Unsinn, wenn so einer dann sagte, der MSV sei größer, als wir alle zusammen. Sie dachten nur an sich und ihren Ärger. Sie fühlten nur, dass dieser Ärger doch endlich mal raus muss. Sie sahen nur sich selbst und wurden erlöst durch dieses befriedigende Gefühl, ihrer Wut freien Lauf zu lassen. Welch Befreiung für sie, dass endlich Dominik Schmidt eingewechselt wurde. Welch Befreiung, dass endlich der Gefühlshaushalt in Ordnung gebracht wurde. Welch schönes wohliges Leben in solch einer Selbsttäuschung.

Schade, dass nicht jeder sich diesem so selbstgerechten Gefühl hingeben kann. Schade, dass viele, viele Zuschauer sich gestern erst über das Spiel und dann zusätzlich sich über das Pfeifen ärgern mussten. Diese unterirdische Leistung der Mannschaft verstörte und als Krönung gab es dieses Pfeifkonzert in der Schlussphase. Ein Samstag für die Tonne.

Vereinsgeschichte entspannt bei Niederlagen

Für zwei Bücher beschäftige ich mich seit dem Frühsommer mit der Geschichte des MSV und wie mein Leben mit diesem Verein verwoben ist. Das eine Manuskript für den Klartext-Verlag ist schon etwas länger fertig, am anderen Manuskript schreibe ich noch. Ich freue mich sehr auf beide recht unterschiedlichen Bücher. Der MSV Duisburg des Klartext-Verlags vom Martin Wedau in mir und Tina Halberschmidt gehört in die Sachbuchecke, der MSV Duisburg in der Fußballfibel-Reihe des Culturcon-Verlags gehört als erzählerisches Buch in die Rubrik Literatur. Gelistet ist es dort übrigens noch nicht.

Als unerwarteter Nebeneffekt dieser Arbeit erweist sich zumindest heute meine Entspannung bei Niederlagen und schlechtem Spiel. Weil ich meine Erinnerungen an den MSV für die Gegenwart seit Wochen lebendig mache, trägt mich ein gutes Gefühl mir dem Verein durch den Fußballalltag. Das Geschehen der Gegenwart scheint neutralisiert zu werden. Das ändert natürlich nichts an den schlechter erscheinenden Aussichten für die Zukunft des MSV. Sie rücken nur so sehr in den Hintergrund, dass ich auch nach der 0:1-Niederlage gestern gegen Türkgücü München über die Ticker-Prosa des Kickers noch schmunzeln konnte.

Der Kicker machte Bakalorz‘ Einsteigen zum schnellen Geburtstagsgruß. Hart, aber herzlich gerieten die Glückwunsche. Alles andere des Spiels brauche ich in meiner Entspanntheit nicht einmal mehr verdrängen. Ärger ist kaum dagewesen. Die alten Zeiten des MSV bieten mir einfach zu schöne Erinnerungen. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das nun für meine Zukunft mit dem Verein deuten soll.

Die Stimmungsreaktions-PK

Gute Laune und der MSV haben sich gerade eine Paar-Auszeit genommen. Die On-Off-Beziehung von beiden kennen wir ja schon länger. Aber manchmal kommt das doch wieder unerwartet. Erneut der Abstand, um zu sich selbst zu finden. Schon wieder Zeit für Treffen mit Freundinnen und Freunden, die einen verstehen. Schon wieder intensive Beziehungsgespräche. Das dauert dann bei so einer Therapiesitzung vulgo Pressekonferenz auch länger als die üblichen 15 bis 20 Minuten.

Eines lässt sich vorab feststellen. Die Verantwortlichen beim MSV wissen um die brisante Stimmung unter den Anhängern und sie versuchen darauf zu reagieren. Sie nehmen die Fans ernst. Deshalb war Ivo Grlic an der Seite von Pavel Dotchev bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Würzburger Kickers. Jeder scharfe Kritiker der Verantwortllichen müsste darüber zufrieden sein. Wenn diese Welt die beste aller Welten wäre, entspannte sich jetzt die Stimmung und wir könnten sachlich über Inhalte sprechen. Da sie es nicht ist, wird nur ein Sieg gegen Würzburg zur Entspannung führen.

Dabei hat Pavel Dotchev auf der Pressekonferenz eine grundsätzlichen Kritik an ihm entkräftigen können. Zu emotionslos wirkt er auf viele MSV-Fans. Diese Pressekonferenz sahen wir ihn von Anfang an in kämpferischer Stimmung. Wir können nur rückschließen, ob er in dieser kämpferischen Weise auch bei Ansprachen vor der Mannschaft motivierend wirken kann. Lethargisch ist er jedenfalls nicht. Auch Ivo Grlic hat seine Sache grundsätzlich gut gemacht. Nicht oft wirkt er zuletzt bei angespannter Stimmung um den Verein so souverän wie in diesem Fall.

Allerdings wurde er auch nichts gefragt, was seine Arbeit als Sportdirektor konkret in Frage gestellt hätte. Ganz allgemein gefragt, ob er irgendwas falsch bei der Vorbereitung gemacht haben, wird jeder etwas erfahrende Mensch antworten, niemand könne immer alles richtig machen. Was soll man da schon anderes sagen? Und Corona war für ihn ein sicheres Terrain, weil alle geimpft sind, Hyginiemaßnahmen eingehalten werden und Infektionen nun einmal dennoch geschehen können. Wer diese Corona-Infektionen beim MSV zum Anlass nahm, die Arbeit dort zu kritisieren, folgt dem Irrglauben dieser Gesellschaft, das Schicksal komplett kontrollieren zu können. Deshalb braucht diese Gesellschaft immer Schuldige. Das erleichtert die Hoffnung, man selbst werde niemals von Leid betroffen sein.

Zurück zur PK. Machmal bringt mich dieses Starren auf die emotionalen Seiten des Fußballs zum Verzweifeln. So sehr bewegte sich das Sprechen immer wieder hin zur Psyche. Wie niedergeschlagen sind alle gerade? Die eigene Mannschaft, der Gegner? Was haben Sie für die Stimmung gemacht? Und schon reden wir über Bauchgefühl und Küchenpsychologie. Pavel Dotchev machte mir die Möglichkeiten eines Vereins wie dem MSV unfreiwillig deutlich. Er hat mit Ivo überlegt, ob sie Szenen des Spiels aus Dortmund mit den Fehlern der Spieler noch einmal zeigen oder nicht. Beide entscheiden aufgrund eigener Erfahrungen. Die Unterhaltungsunternehmen Fußball der Oberklasse haben für solche Entscheidungen eine Abteilung Psychologie, in der basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen Anleitungen gegeben werden, wie Spieler ihre Fehler konstruktiv verarbeiten. Wir sehen, dieses Wissen ist in einem Verein wie dem MSV zufällig vorhanden. Es fehlt einfach das Geld, um es dauerhaft im Verein zu speichern. Pavel Dotchev mag dennoch die richtige Entscheidung getroffen haben. Der nächste Trainer dann vielleicht nicht. Oder auch umgekehrt.

Nun haben wir dennoch auch Fakten rund um die Defensivabteilung erfahren. Wir haben bestätigt bekommen, dass Fehler geschehen und die möglichst nicht geschehen sollen. Wir haben von der Bedeutung von Marvin Bakalorz, Moritz Stoppelkamp und Aziz Bouhadouz erfahren. Wir haben immer wieder über einzelne Spieler gesprochen. Mich wundert, dass eine entscheidende Frage einfach nicht gestellte wurde. Wieso wirkt die Mannschaft so planlos in der Offensive? Das ist eigentlich die einzige Frage, die mich interessiert hätte. Die anderen Fragen konnte sich im Grunde jeder selbst beantworten.

Natürlich ist es wichtig, dass die Verantwortlichen das Offensichtliche auch selbst einordnen und Zeitungen dann darüber schreiben können. Aber manchmal träume ich davon, dass einmal ganz sachlich über den ominösen Matchplan gesprochen wird. An der Stelle lichtete sich kein Nebel. Aber es war ja auch eine Stimmungsreaktions-PK, und Stimmung beantwortet man mit Stimmung. Was gut gelungen ist. Die Menschen hinter dem Trainer und dem Sportdirektor wurden erkennbar. Mir ihrer Energie, die sie in der täglichen Arbeit aufbringen. Was vielleicht hilft. Sicher helfen 3 Punkte gegen Würzburg. Auch das habe ich deutlich als Botschaft von Pavel Dotchev gehört und ebenfalls zuvor schon gewusst.

Die Sexbombe entspricht nicht dem Geist des Rasensports

Der Meidericher SV schloss sich bald nach seiner Gründung 1902 nicht nur dem Westdeutschen Spiel-Verband an. 1908 gehörte der Verein zu den 10 Gründungsmitgliedern vom Duisburger Rasensportverband. Zusammen mit BV Beeck, VfvB Ruhrort, BV Laar, Meiderich 06, Preußen Duisburg, Duisburger SV, Duisburg 08, Duisburg 48/99 und Duisburg 88 sollte die „Vereinsmeierei“ in „Nützlichkeitswerte“ umgewandelt werden. So schreibt P. Grandjean in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Verbandes 1958.

Wenn man P. Grandjean so liest, müssen die vielen neuen Sportvereine gegenüber den etablierten gesellschaftlichen Kräften ein starkes Bedürfnis gehabt haben, sich in jenen Anfangsjahren des Fußballs für ihren Sport zu rechtfertigen. Wenn ich die erwähnten Leistungen sehe, so wirken die Aktivitäten des Verbandes auf mich wie Lobbyarbeit. Es ging darum, Rasenplätze anzulegen und Vereinsheime zu bauen. Es ging darum aufzuweisen, dass Sportvereine Jugendlichen in den 20er Jahren eine sittliche Orientierung bieten. Es ging aber auch um Städtespiele, in denen sich Duisburg als „westdeutsche Sporthochburg“ bewies. Fußballmannschaften aus Amsterdam, Antwerpen, Göteborg, Rotterdam, Köln, München, Schalke wurden allesamt besiegt. Nur gegen Wien verlor die Duisburger Stadtauswahl, weiß P. Grandjean zu berichten.

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es diesen Rasensportverband einmal gab. Im Netz gibt es kaum Zeugnisse über diesen Verband, der aber in vielen deutschen Städten gegründet wurde. Vielleicht liegt dieses Verschwinden und Vergessen auch daran, dass die Festschrift selbst für das Jahr 1958 auf mich wie aus der Zeit gefallen wirkt. Die Sprache klingt sehr nach dem Gründungsjahrzehnt des Verbandes. Auch wenn P. Grandjean das Vaterländische ins Vaterstädtische wandelt, sehe ich das Kaiserreich vor mir und nicht die Bundesrepublik. Das mag allerdings ein Fehlurteil sein. Historiker wissen zu dieser geistigen Strömung für das Ende der 50er Jahre sicher mehr zu sagen.

Mit seiner Kritik an der aufkommenden Jugendkultur seiner Zeit wird P. Grandjean aber nicht alleine gewesen sein. Der Sport stand schon damals in Konkurrenz zu anderen körperbetonten Freizeitaktivitäten. Und wie wir wissen, die Sitten werden in jeder Generation aufs Neue durch die Jugend gefährdet.

Duisburger Heimatkalender 1959, Hrsg. mit Unterstützung des Verkehrsvereins für die Stadt Duisburg, S. 123

Die Mehrzahl von nicht

Die Mehrzahl von nicht

Sie haben gewusst, leicht wird es nicht.
Die Mitte verdichten reichte dann nicht.
Über Außen zu kommen gelang einfach nicht
Damit zufrieden sein kann man jetzt nicht.
Den langen Ball festmachen schafften sie nicht.
Das Tor nach dem Einwurf verstehen sie nicht.
Nach hinten gut abgesichert haben sie nicht.
Energisch nach Standards waren sie nicht.
Nach Ecken den freien Mann sahen sie nicht.
Die Mehrzahl von nicht ist ja wohl nichts.

Der Einfluss des Kunsthandwerks der 70er auf die Fußballtaktik

Ganz sicher bin ich mir bei der zeitlichen Einordnung nicht. Aber ich meine, es waren die frührer 1970er Jahre, als eine frühe Form kreativen Ausdrucks ihren kulturellen Höhepunkt erreichte. Auf eine schwarz gestrichene Pressspanplatte wurde mit kleinen Nägeln eine beliebige geometrische Figur gesetzt. Das waren Kreise, Quadrate oder Rechtecke. Anschließend wurden bunte Fäden um die Nägel geführt, so dass der Raum zwischen den Nägeln sich zu unterschiedlichen geometrischen Formen verdichtete. Der individuelle Ausdruck zeigte sich in der Anordnung der durch die Fäden entstehenden farbigen Flächen. Das konnten dann übereinander gelagerte Dreiecke sein mit Quadraten als Rahmung. Oder ein buntes Wirrwarr. Was weiß ich. So etwas hing als Dekoration meist an den Wänden in Partykellern, Fluren oder Kinderzimmern.

Je nach Talent des ausführenden Kunsthandwerkers besaßen die Fäden eine unterschiedliche Spannung. Auf manchen Holzplatten hingen viele Fäden schnell schlaff herum. Ich kannte sogar damals Freunde in Duisburg, wo solch Fädenbilder angefangen und nie zum Ende gebracht wurden. Da fehlten dann oft noch Nägel, um Formen zu vervollständigen. Bei Bekannten allerdings hing so ein Bild zum Stolz der Eltern im Wohnzimmer über der Couch. Den Bekannten hatte ich im Urlaub kennengelernt. Er wohnte in Wiesbaden.

Gestern hat der MSV übrigens 2:0 zu Hause verloren. Gegen den SV Wehen Wiesbaden. Was für ein Zufall. Ich meine der Bekannte hieß nämlich Rüdiger Rehm, und wenn mich nicht alles täuscht, waren meine Freunde weitläufig mit Pavel Dotchev verwandt. Sie hatten jedenfalls einmal erzählt, wie auch Bulgarien an internationalen Kunsthandwerksmoden den Anschluss suchte. Der Dotchev-Familie wollten sie jedenfalls einige ihrer unvollendeten Werke als Beispiel gegeben haben.

Es ist doch immer wieder schön zu sehen, wenn die Beschäftigung der Kindheit im erwachsenen Alter wieder fruchtbar gemacht werden kann. Taktiktafeln mit Spielzügen sind im Grunde soche Nägelbilder in den Anfängen. Wenn man Spielzüge eines Spiels alle übereinander legen würde, entstände ein kunstvolles Gespinst. Schade, dass die unterschiedliche Qualität der 70er-Jahre-Bilder in den beiden Städten bis in die Gegenwart hineingewirkt hat. Für den weiteren Verlauf der Saison bin ich gespannt, ob nun der Salzteig-Trend von Anfang der 80er seine Wirkung entfaltet. Wenn ich mich an den Meidericher Kunsthandwerksmarkt erinnere, überwogen dort die groben Formen.


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