Vereinsgeschichte entspannt bei Niederlagen

Für zwei Bücher beschäftige ich mich seit dem Frühsommer mit der Geschichte des MSV und wie mein Leben mit diesem Verein verwoben ist. Das eine Manuskript für den Klartext-Verlag ist schon etwas länger fertig, am anderen Manuskript schreibe ich noch. Ich freue mich sehr auf beide recht unterschiedlichen Bücher. Der MSV Duisburg des Klartext-Verlags vom Martin Wedau in mir und Tina Halberschmidt gehört in die Sachbuchecke, der MSV Duisburg in der Fußballfibel-Reihe des Culturcon-Verlags gehört als erzählerisches Buch in die Rubrik Literatur. Gelistet ist es dort übrigens noch nicht.

Als unerwarteter Nebeneffekt dieser Arbeit erweist sich zumindest heute meine Entspannung bei Niederlagen und schlechtem Spiel. Weil ich meine Erinnerungen an den MSV für die Gegenwart seit Wochen lebendig mache, trägt mich ein gutes Gefühl mir dem Verein durch den Fußballalltag. Das Geschehen der Gegenwart scheint neutralisiert zu werden. Das ändert natürlich nichts an den schlechter erscheinenden Aussichten für die Zukunft des MSV. Sie rücken nur so sehr in den Hintergrund, dass ich auch nach der 0:1-Niederlage gestern gegen Türkgücü München über die Ticker-Prosa des Kickers noch schmunzeln konnte.

Der Kicker machte Bakalorz‘ Einsteigen zum schnellen Geburtstagsgruß. Hart, aber herzlich gerieten die Glückwunsche. Alles andere des Spiels brauche ich in meiner Entspanntheit nicht einmal mehr verdrängen. Ärger ist kaum dagewesen. Die alten Zeiten des MSV bieten mir einfach zu schöne Erinnerungen. Ich bin mir nicht sicher, wie ich das nun für meine Zukunft mit dem Verein deuten soll.

Die Stimmungsreaktions-PK

Gute Laune und der MSV haben sich gerade eine Paar-Auszeit genommen. Die On-Off-Beziehung von beiden kennen wir ja schon länger. Aber manchmal kommt das doch wieder unerwartet. Erneut der Abstand, um zu sich selbst zu finden. Schon wieder Zeit für Treffen mit Freundinnen und Freunden, die einen verstehen. Schon wieder intensive Beziehungsgespräche. Das dauert dann bei so einer Therapiesitzung vulgo Pressekonferenz auch länger als die üblichen 15 bis 20 Minuten.

Eines lässt sich vorab feststellen. Die Verantwortlichen beim MSV wissen um die brisante Stimmung unter den Anhängern und sie versuchen darauf zu reagieren. Sie nehmen die Fans ernst. Deshalb war Ivo Grlic an der Seite von Pavel Dotchev bei der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Würzburger Kickers. Jeder scharfe Kritiker der Verantwortllichen müsste darüber zufrieden sein. Wenn diese Welt die beste aller Welten wäre, entspannte sich jetzt die Stimmung und wir könnten sachlich über Inhalte sprechen. Da sie es nicht ist, wird nur ein Sieg gegen Würzburg zur Entspannung führen.

Dabei hat Pavel Dotchev auf der Pressekonferenz eine grundsätzlichen Kritik an ihm entkräftigen können. Zu emotionslos wirkt er auf viele MSV-Fans. Diese Pressekonferenz sahen wir ihn von Anfang an in kämpferischer Stimmung. Wir können nur rückschließen, ob er in dieser kämpferischen Weise auch bei Ansprachen vor der Mannschaft motivierend wirken kann. Lethargisch ist er jedenfalls nicht. Auch Ivo Grlic hat seine Sache grundsätzlich gut gemacht. Nicht oft wirkt er zuletzt bei angespannter Stimmung um den Verein so souverän wie in diesem Fall.

Allerdings wurde er auch nichts gefragt, was seine Arbeit als Sportdirektor konkret in Frage gestellt hätte. Ganz allgemein gefragt, ob er irgendwas falsch bei der Vorbereitung gemacht haben, wird jeder etwas erfahrende Mensch antworten, niemand könne immer alles richtig machen. Was soll man da schon anderes sagen? Und Corona war für ihn ein sicheres Terrain, weil alle geimpft sind, Hyginiemaßnahmen eingehalten werden und Infektionen nun einmal dennoch geschehen können. Wer diese Corona-Infektionen beim MSV zum Anlass nahm, die Arbeit dort zu kritisieren, folgt dem Irrglauben dieser Gesellschaft, das Schicksal komplett kontrollieren zu können. Deshalb braucht diese Gesellschaft immer Schuldige. Das erleichtert die Hoffnung, man selbst werde niemals von Leid betroffen sein.

Zurück zur PK. Machmal bringt mich dieses Starren auf die emotionalen Seiten des Fußballs zum Verzweifeln. So sehr bewegte sich das Sprechen immer wieder hin zur Psyche. Wie niedergeschlagen sind alle gerade? Die eigene Mannschaft, der Gegner? Was haben Sie für die Stimmung gemacht? Und schon reden wir über Bauchgefühl und Küchenpsychologie. Pavel Dotchev machte mir die Möglichkeiten eines Vereins wie dem MSV unfreiwillig deutlich. Er hat mit Ivo überlegt, ob sie Szenen des Spiels aus Dortmund mit den Fehlern der Spieler noch einmal zeigen oder nicht. Beide entscheiden aufgrund eigener Erfahrungen. Die Unterhaltungsunternehmen Fußball der Oberklasse haben für solche Entscheidungen eine Abteilung Psychologie, in der basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen Anleitungen gegeben werden, wie Spieler ihre Fehler konstruktiv verarbeiten. Wir sehen, dieses Wissen ist in einem Verein wie dem MSV zufällig vorhanden. Es fehlt einfach das Geld, um es dauerhaft im Verein zu speichern. Pavel Dotchev mag dennoch die richtige Entscheidung getroffen haben. Der nächste Trainer dann vielleicht nicht. Oder auch umgekehrt.

Nun haben wir dennoch auch Fakten rund um die Defensivabteilung erfahren. Wir haben bestätigt bekommen, dass Fehler geschehen und die möglichst nicht geschehen sollen. Wir haben von der Bedeutung von Marvin Bakalorz, Moritz Stoppelkamp und Aziz Bouhadouz erfahren. Wir haben immer wieder über einzelne Spieler gesprochen. Mich wundert, dass eine entscheidende Frage einfach nicht gestellte wurde. Wieso wirkt die Mannschaft so planlos in der Offensive? Das ist eigentlich die einzige Frage, die mich interessiert hätte. Die anderen Fragen konnte sich im Grunde jeder selbst beantworten.

Natürlich ist es wichtig, dass die Verantwortlichen das Offensichtliche auch selbst einordnen und Zeitungen dann darüber schreiben können. Aber manchmal träume ich davon, dass einmal ganz sachlich über den ominösen Matchplan gesprochen wird. An der Stelle lichtete sich kein Nebel. Aber es war ja auch eine Stimmungsreaktions-PK, und Stimmung beantwortet man mit Stimmung. Was gut gelungen ist. Die Menschen hinter dem Trainer und dem Sportdirektor wurden erkennbar. Mir ihrer Energie, die sie in der täglichen Arbeit aufbringen. Was vielleicht hilft. Sicher helfen 3 Punkte gegen Würzburg. Auch das habe ich deutlich als Botschaft von Pavel Dotchev gehört und ebenfalls zuvor schon gewusst.

Die Sexbombe entspricht nicht dem Geist des Rasensports

Der Meidericher SV schloss sich bald nach seiner Gründung 1902 nicht nur dem Westdeutschen Spiel-Verband an. 1908 gehörte der Verein zu den 10 Gründungsmitgliedern vom Duisburger Rasensportverband. Zusammen mit BV Beeck, VfvB Ruhrort, BV Laar, Meiderich 06, Preußen Duisburg, Duisburger SV, Duisburg 08, Duisburg 48/99 und Duisburg 88 sollte die „Vereinsmeierei“ in „Nützlichkeitswerte“ umgewandelt werden. So schreibt P. Grandjean in der Festschrift zum 50-jährigen Jubiläum des Verbandes 1958.

Wenn man P. Grandjean so liest, müssen die vielen neuen Sportvereine gegenüber den etablierten gesellschaftlichen Kräften ein starkes Bedürfnis gehabt haben, sich in jenen Anfangsjahren des Fußballs für ihren Sport zu rechtfertigen. Wenn ich die erwähnten Leistungen sehe, so wirken die Aktivitäten des Verbandes auf mich wie Lobbyarbeit. Es ging darum, Rasenplätze anzulegen und Vereinsheime zu bauen. Es ging darum aufzuweisen, dass Sportvereine Jugendlichen in den 20er Jahren eine sittliche Orientierung bieten. Es ging aber auch um Städtespiele, in denen sich Duisburg als „westdeutsche Sporthochburg“ bewies. Fußballmannschaften aus Amsterdam, Antwerpen, Göteborg, Rotterdam, Köln, München, Schalke wurden allesamt besiegt. Nur gegen Wien verlor die Duisburger Stadtauswahl, weiß P. Grandjean zu berichten.

Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass es diesen Rasensportverband einmal gab. Im Netz gibt es kaum Zeugnisse über diesen Verband, der aber in vielen deutschen Städten gegründet wurde. Vielleicht liegt dieses Verschwinden und Vergessen auch daran, dass die Festschrift selbst für das Jahr 1958 auf mich wie aus der Zeit gefallen wirkt. Die Sprache klingt sehr nach dem Gründungsjahrzehnt des Verbandes. Auch wenn P. Grandjean das Vaterländische ins Vaterstädtische wandelt, sehe ich das Kaiserreich vor mir und nicht die Bundesrepublik. Das mag allerdings ein Fehlurteil sein. Historiker wissen zu dieser geistigen Strömung für das Ende der 50er Jahre sicher mehr zu sagen.

Mit seiner Kritik an der aufkommenden Jugendkultur seiner Zeit wird P. Grandjean aber nicht alleine gewesen sein. Der Sport stand schon damals in Konkurrenz zu anderen körperbetonten Freizeitaktivitäten. Und wie wir wissen, die Sitten werden in jeder Generation aufs Neue durch die Jugend gefährdet.

Duisburger Heimatkalender 1959, Hrsg. mit Unterstützung des Verkehrsvereins für die Stadt Duisburg, S. 123

Die Mehrzahl von nicht

Die Mehrzahl von nicht

Sie haben gewusst, leicht wird es nicht.
Die Mitte verdichten reichte dann nicht.
Über Außen zu kommen gelang einfach nicht
Damit zufrieden sein kann man jetzt nicht.
Den langen Ball festmachen schafften sie nicht.
Das Tor nach dem Einwurf verstehen sie nicht.
Nach hinten gut abgesichert haben sie nicht.
Energisch nach Standards waren sie nicht.
Nach Ecken den freien Mann sahen sie nicht.
Die Mehrzahl von nicht ist ja wohl nichts.

Der Einfluss des Kunsthandwerks der 70er auf die Fußballtaktik

Ganz sicher bin ich mir bei der zeitlichen Einordnung nicht. Aber ich meine, es waren die frührer 1970er Jahre, als eine frühe Form kreativen Ausdrucks ihren kulturellen Höhepunkt erreichte. Auf eine schwarz gestrichene Pressspanplatte wurde mit kleinen Nägeln eine beliebige geometrische Figur gesetzt. Das waren Kreise, Quadrate oder Rechtecke. Anschließend wurden bunte Fäden um die Nägel geführt, so dass der Raum zwischen den Nägeln sich zu unterschiedlichen geometrischen Formen verdichtete. Der individuelle Ausdruck zeigte sich in der Anordnung der durch die Fäden entstehenden farbigen Flächen. Das konnten dann übereinander gelagerte Dreiecke sein mit Quadraten als Rahmung. Oder ein buntes Wirrwarr. Was weiß ich. So etwas hing als Dekoration meist an den Wänden in Partykellern, Fluren oder Kinderzimmern.

Je nach Talent des ausführenden Kunsthandwerkers besaßen die Fäden eine unterschiedliche Spannung. Auf manchen Holzplatten hingen viele Fäden schnell schlaff herum. Ich kannte sogar damals Freunde in Duisburg, wo solch Fädenbilder angefangen und nie zum Ende gebracht wurden. Da fehlten dann oft noch Nägel, um Formen zu vervollständigen. Bei Bekannten allerdings hing so ein Bild zum Stolz der Eltern im Wohnzimmer über der Couch. Den Bekannten hatte ich im Urlaub kennengelernt. Er wohnte in Wiesbaden.

Gestern hat der MSV übrigens 2:0 zu Hause verloren. Gegen den SV Wehen Wiesbaden. Was für ein Zufall. Ich meine der Bekannte hieß nämlich Rüdiger Rehm, und wenn mich nicht alles täuscht, waren meine Freunde weitläufig mit Pavel Dotchev verwandt. Sie hatten jedenfalls einmal erzählt, wie auch Bulgarien an internationalen Kunsthandwerksmoden den Anschluss suchte. Der Dotchev-Familie wollten sie jedenfalls einige ihrer unvollendeten Werke als Beispiel gegeben haben.

Es ist doch immer wieder schön zu sehen, wenn die Beschäftigung der Kindheit im erwachsenen Alter wieder fruchtbar gemacht werden kann. Taktiktafeln mit Spielzügen sind im Grunde soche Nägelbilder in den Anfängen. Wenn man Spielzüge eines Spiels alle übereinander legen würde, entstände ein kunstvolles Gespinst. Schade, dass die unterschiedliche Qualität der 70er-Jahre-Bilder in den beiden Städten bis in die Gegenwart hineingewirkt hat. Für den weiteren Verlauf der Saison bin ich gespannt, ob nun der Salzteig-Trend von Anfang der 80er seine Wirkung entfaltet. Wenn ich mich an den Meidericher Kunsthandwerksmarkt erinnere, überwogen dort die groben Formen.

Aus neu wird alt – Die unerwartete Kontinuität

Das Entsetzen nach dem Auswärtsspiel in Saarbrücken ist allgegenwärtig. Welch ein Glück! 2:0 nur hat der MSV verloren. Die Mannschaft hätte untergehen können, wären die Saarbrücker abschlussstärker gewesen. Freie Schüsse aus 20 Metern, die über das Tor gingen, haben den MSV vor dem Schlimmsten bewahrt. Hinzu kamen mehrere noch nicht perfekt vollendete Spielzüge, bei denen die zentralen Spieler frei vor dem Tor knapp verfehlten.

Man brauchte kein Hellseher zu sein, um in den Anfangsminuten sehr offensive Saarbrücker zu erwarten. Die erste Großchance ergab sich nach zwei Minuten? Oder waren es doch schon vier Minuten? Die Hoffnung, nach diesem zu erwartenden Angriffsdruck könnte sich das Spiel beruhigen, machte ab der 20 Minute etwa meiner neuen Hoffnung Platz, mit viel Glück vielleicht torlos in die Halbzeitpause zu gehen. Dem war nicht so. Das Führungstor der Saarbrücker fiel, und es war nahezu sicher, dass dem ein weiteres Tor folgen würde.

Die Defensive der Zebras war kaum vorhanden. Vor allem auf der linken Seite schien es so, als wolle man dem Gegner ein Labyrinthspiel für Kleinkinder aufstellen. Die Abstände zwischen den Spielern waren möglichst so groß gewählt, dass die Gegner im Dribbling mit ein paar gemütlichen Richtungsänderungen plus Dopelpassspiel hindurchspazieren konnten. Die jeweiligen Gegenspieler dort liefen in gebürtigem Abstand mit – wie Eltern, die fürsorglich und stolz die Ballführung ihrer Kinder beobachten. Zum abrundenden Bild hat nur noch so ein typisches Aufmuntern von Eltern beim Mitlaufen gefehlt.

Als Moritz Stoppelkamp eine Ecke verhindern wollte und den Ball von der Grundlinie kratzte, war auf dieser linken Seite weit und breit niemand, der um diesen freien Ball hat kämpfen können. Diese Szene vor dem zweiten Tor ist das Symbolbild für das gesamte Spiel. Wenn dann noch Ballverluste in der eigenen Hälfte hinzu kommen, sowohl beim Passspiel als auch beim Versuch den heranlaufenden Stürmer auszuspielen, dürfen wir alle mit der überschaubaren Höhe der Niederlage zufrieden sein.

Natürlich ist das ein Spiel nur, wie jenes gegen Havelse auch nur ein Spiel war. Dennoch beunruhigt mich die atmosphärische Kontinuität zur letzten Saison. Eine Mannschaft, die zu mehr als der Hälfte aus neuen Spielern besteht, tritt genauso auf wie beim Aus im Niederrheinpokal in der letzten Saison.

Nach diesem katastrophalen Auftreten der Mannschaft erweist sich nun, wie befürchtet, Pavel Dotchevs offene Komunikation mit der Öffentlichkeit als ein Problem. Nach dem Spiel zeigte auch er sich überrascht von dem Versagen seiner Mannschaft. Er versteckt sich nicht hinter einer glatten Oberfläche, die Kontrolle der Situation vorgibt. Mich überrascht nicht, dass der Ärger vieler Fans über dieses Auftreten der Mannschaft sein Ventil jetzt schon im Schimpfen über den Trainer findet. Sein Engagement auf der Trainerbank während des Spiels wurde zudem vermisst.

Wie groß so ein Einfluss während des Spiels ist, steht allerdings keinesfalls fest. Denn auch in dem Fall zählt, ob jeder Spieler unter Druck im laufenden Spiel überhaupt Anweisungen umsetzen kann. Je niedriger die Liga, desto niedriger das Niveau. Geändert wurde und zwar in der Pause. Ein wenig war davon im Spiel zu sehen. Folgen für das Ergebnis gab es keine.

Das Spiel macht keine Hoffnung für den Mittwoch in Osnabrück. Der MSV trifft auf eine wütende Mannschaft, die in letzter Minute noch verlor. Der VfL wird wie Saarbrücken etwas gut machen wollen. Morgen aber werde ich wieder meine Grundzuversicht gefunden haben. Für einen Teil von euch da draußen hoffe ich auch auf die Rückkehr der Geduld mit Pavel Dotchev.

Das ist eine Schwierigkeit für den MSV

Gestern haben die Ruhrbarone ein Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling veröffentlicht. Dietrich Schulze-Marmeling bereitete der heutigen Fußballbuchkultur mit seinem Werk „Der gezähmte Fußball“ den Boden und zählt heute zu den renommiertesten Sachbuchautoren im Fußballbuch. In Kamen geboren richtete sich seine Aufmerksamkeit auf den BVB. Im Interview spricht er vor dem Saisonstart in der Bundesliga über den Fußball im Allgemeinen und die Situation der drei Ruhrgebietsvereine in Bundesliga und 2. Liga. Seine abschließende Anmerkung zum Fußball im Ruhrgebiet gefiel mir allerdings gar nicht.

Dass der MSV in diesem Gespräch nicht neben Rot-Weiss Essen genannt wird, ist ein Problem für das Unternehmen MSV Duisburg. Wir können Dietrich Schulze-Marmelings Meinung natürlich nur als persönliche Meinungsäußerung eines voreingenommenen Autoren betrachten. Dann würden wir ihm als Anhänger des MSV je nach Persönlichkeit von humorvoll bis wütend antworten. Wir können das Fehlen des MSV in dieser Reihe der Ruhrgebietsvereine aber auch ernst nehmen und als Gefahr für die Zukunft sehen. Denn dieses Fehlen ist ein Symptom, das auf die wirtschaftlichen Bedingungen aufmerksam macht, die den sportlichen Erfolg ermöglichen. Die Vereine stehen eben auch in einem Wettbewerb um Sponsoren und dabei geht es um die Attraktivität der Marke MSV. Das Fehlen ist ein Gradmesser für diese Attraktivität.

Denkt man an der Stelle weiter, müssten wir in Duisburg uns wegen des weiter voranschreitenden Konzentrationsprozess im Unterhaltungssegment Fußball vor dem möglichen Aufstieg von Rot-Weiss Essen Sorgen machen. Was uns als Publikum mit Derbygelüsten reizvoll erscheint, könnte mittelfristig den wirtschaftlichen Druck auf den MSV erhöhen.

Ich kann mir vorstellen, im Beratersprech heißt so etwas: Der MSV hat ein Problem als Marke im Ruhrgebietsfußball. Sicher hat das auch etwas mit der Randlage von Duisburg im Ruhrgebiet zu tun. Was letztlich aber unerheblich ist. Weil auch das Einzugsgebiet Niederrhein an dieser schwachen Marke nichts ändert. Es ist keineswegs banal festzustellen, dass für die Marke MSV der sportliche Erfolg einen größeren Einfluss hat als bei anderen Vereinen. Anscheinend ist der MSV unabhängig von diesem sportlichen Erfolg weniger im Bewusstsein eines Betrachters des Ruhrgebietsfußballs als etwa Rot-Weiss Essen. Und wenn ich einen Blick auf die Zuschauerzahlen in Duisburg werfe, meine ich, selbst beim Duisburger Publikum ist das der Fall.

Die Freude genießen und einen richtigen Gegner erwarten

Zwischendurch musste ich mich gestern doch einige Male kurz mahnend erinnern. Hier, im Spiel gegen den TSV Havelse geht es um etwas. Das ist ein echtes, richtiges Spiel der Dritten Liga. Hier geht es um drei Punkte. Dann habe ich gleich geschimpft über verspringende Bälle im Mittelfeld und die dann möglichen Konter, die nicht ausgespielt wurden von Havelse. Im Grunde habe ich das nicht ernst gemeint. Das war mehr so eine innere Verpflichtung, es ernst nehmen zu müssen. Denn gleich war ich wieder in dieser rosigen Stimmung, die einfach nicht vergehen wollte.

Denn zu überlegen war der MSV, und schließlich stand ich wieder auf meinem Stehplatz, auf einem nummerierten Stehplatz, der oft dann doch als grobe Orientierung nur diente. Endlich traf ich jene Menschen wieder, die ich eben nur beim Fußball sehe, so flüchtig das auch manchmal ist. Die Freunde standen neben mir. Es war nicht zu heiß, es war nicht zu kalt. Auf dem Rasen sah man den Zebras von Anpfiff die große Spielfreude an. Der TSV Havelse war dafür ein ein bestens geeigneter Gegner, der wie ein ausgesuchter Sparings-Partner wirkte. Es schien so, als wollten die Zebras herausfinden, was sie so drauf haben.

Wir Zuschauer konnten ebenfalls versuchen herauszufinden, was wir unter der neuen Normalverteilung auf den Rängen so drauf haben. Luftiger angeordnet, nehmen die etwa 7000 Zuschauer mehr Raum ein als die üblichen 12.000 Zuschauer. Und da der größte Teil vom Stimmungsblock sich auf die Gegengerade unter das Dach begeben hatte, war es für uns am Stehplatz deutlich lauter als sonst, wenn Kohorte und Co sich neben uns befinden.

Der Sparings-Partner Havelse bemühte sich redlich, Fehler der Zebras zu nutzen. In der ersten Halbzeit völlig vergeblich, doch Anfang der zweiten Halbzeit führte das sogar für wenige Minuten dazu, dass die Defensive des MSV herausfinden musste, was sie so drauf hat. Natürlich müssen wir alle mit Trainern und Spielern im Chor anstimmen, wer weiß, wie das Spiel verlaufen wäre, wenn der Elfmeter zum Ausgleich verwandelt worden wäre. Richtig ernst kann ich aber auch das nicht nehmen. So ein Satz gehörte gestern eben zur Tradition wie der Zebratwist. Kann schon sein, dass auch diese Mannschaft mit den vielen neuen Spielern, wie Pavel Dotchev meint, mit Gegentreffern nicht umgehen kann. Das weiß er aber im Grunde genauso wenig wie das Gegenteil, auch wenn es Freundschaftsspiele gegeben hat. Vielleicht kann diese neue Besetzung das doch.

Der Ausgleich fiel jedenfalls nicht, bald schon aber das zweite Tor für den MSV durch einen Elfmeter und dann das dritte durch Kolja Pusch, sofort nach seiner Einwechslung. Wie gesagt, ich sah das alles entspannt und spielte zwischendurch ein wenig Ärger. Ich musste mir allerdings verbieten, an die nächsten vier Gegner zu denken. So etwas ist meine Form der wer-weiß-wie-das-Spiel-ausgegangen-wäre-Tradition. Denn ich glaube, jeder dieser Gegner wäre bei mindestens einer der bestimmt fünf oder sechs Balleroberungen von Havelse im Mittelfeld zum Abschluss gekommen. Dazu muss der Gegner nur ein kleines bisschen besser sein als der TSV Havelse.

Zwei Bilder des Tages gibt es für mich. Zum einen ist das Moritz Stoppelkamp mit seiner langen Umarmung von Alaa Bakir, als der ausgewechselt wurde. Darin steckt sowohl alles, was ein junger Spieler wie Bakir braucht, als auch alles, was ein älterer Spieler wie Stoppelkamp in einer Mannschaft neben dem eigentliche Fußball bewirken kann. Das andere Bild ist die Mannschaft nach dem Abpfiff auf ihrem Rundgang durchs Stadion vor alle Ränge. Darin steckt die Freude der Wiederbegegnung von Fußballern und Fans in besagter entspannter Sommerstimmung. Das wollte auf den Rängen und auf dem Rasen gleichermaßen genossen werden. Wir sind wieder alle da, und welch Glück, dass es dazu das passende Spiel gegeben hatte.

Mit diesen Wünschen sollte es klappen

Gestern las Tonio Schachinger bei der ersten von zwei Veranstaltungen in Ruhrort im Rahmen von Literatour 100, dem Tagesfestival vom literaturgebiet.ruhr. Selbst den fußballfernen Teil des Publikums begeisterte er mit seinen Auszügen aus „Nicht wie ihr“, dem Roman über einen österreichischen Nationalspieler bosnischer Herkunft.

Nach der Moderation von Tonio Schachingers Lesung in Ruhrort habe ich ihm mein Exemplar von „Nicht wie ihr“ zum Signieren unter die Nase gehalten. Ich muss sagen, er hatte schnell erkannt, wie er mir eine zusätzliche Freude machen konnte. Ich denke, nach diesen Wünschen sollte das gleich was werden gegen den TSV Havelse.

6. März 2020

Muss ich mehr schreiben als dieses Datum aus der Saison 2019/2020? Einige wenige von euch haben nach dem Spiel gegen Magdeburg an jenem Tag noch zweimal Gelegenheit bekommen, ins Stadion zu gehen. Für mich passten weder das Pokalspiel gegen den BVB noch das Heimspiel Ende September gegen Zwickau zu meinen Vorstellungen von einem Stadtionbesuch.

Die Einzelergebnisse der gesamten Zeit von da an bis heute haben sich für mich verflüchtigt. Jedes Spiel habe ich nur als Teil eines langen Zwischenspiels wahrgenommen, um den Fußball des MSV in seiner einzig möglichen Bedeutung für mich wieder zu erleben.

Alles Hoffen bei den Finanzen und im Abstiegskampf galt nicht der Gegenwart sondern dem Versprechen, irgendwann werde ich wieder mit Freunden im Stadion in der Kurve stehen. Es wird am Sonntag im Stadion immer noch ungewöhnlich sein. Einen nummerierten Stehplatz habe ich in meinem Leben noch niemals gesucht. Doch Sonntag werde ich mit den Freunden zusammen genau das machen. Egal wie nah das sein wird, wir stehen nebeinander und wir sehen die Zebras wieder dort, wo es sich richtig anfühlt. Ich freue mich drauf. Sehr!

Und übrigens: am Samstag kann Tonio Schachinger in Ruhrort im Plus am Neumarkt um 15.30 Uhr noch ein paar Zuschauer vertragen, wenn er aus seinem Roman über den österreichischen Nationalspieler bosnischer Herkunft liest. Eine Geschichte über Identität und Integration, nicht ohne amüsante Querverweise in die Welt der Fußballstars. Infos nach dem Link-Klick oben.


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