Montaigne spricht – Über Anhänger von Rot-Weiss Essen

Neulich bin ich in Paris gegenüber der Sorbonne einer bislang unbeachtet gebliebenen Lebensleistung von Michel de Montaigne auf die Spur gekommen. Der 1533 geborene Humanist, Philosoph und Autor der „Essais“ spielte wohl leidenschaftlich und sehr erfolgreich Fußball. Mit dem Goldenen Schuh wurde er noch vor Gründung der UEFA ausgezeichnet. Leider sind alle Statistiken aus jenen Jahren bei einem Brand verloren gegangen.

Wir wissen also nicht mehr, wie viele Tore er in seiner Karriere erzielte. Dennoch könnte der MSV nach der erneuten Verletzung von Benjamin Girth so einen Stürmer gut gebrauchen. Das dachte ich noch und blätterte mit meinem neuen Wissen einmal durch die Essais. Und siehe da, mit dem frischen Blick wird auf einmal deutlich, wie sehr das Denken Montaignes auch vom Fußball geprägt war. Heute noch verhelfen uns seine Gedanken zu einem tieferen Verständnis dieses Sports.

Aufschlussreiches zum Auswärtsspiel gegen Rot-Weiss Essen steht in seinem Essai „Wie die Seele ihre Leidenschaft an falschen Gegenständen ausläßt, wenn die richtigen ihr fehlen“.

Plutarch sagte ihm Hinblick auf jene, die in Äffchen und kleine Hunde vernarrt sind, daß der uns angeborene Liebestrieb, falls er kein rechtes Betätigungsfeld finde, kindische Ersatzbefriedigung aushecke, um nicht müßig zu bleiben. Und tatsächlich sehen wir ja, wie die Seele sich in ihren Leidenschaften eher selbst betrügt uns sogar wider besseres Wissen ein abwegiges Phantasiegebilde ersinnt, als ohne Gegenspieler zu sein.

Michel de Montaigne: Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, Frankfurt am Main 1998, S. 15

Wenn das nicht auf die bedauernswerten Anhänger von Rot-Weiss Essen zutrifft, weiß ich es auch nicht.

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Erlebte Geschichte im Fußball des Ostens – Ein Podiumsgespräch über den DDR- bzw. ostdeutschen Fußball im Wandel

Wenn ihr einen anregenden, oft amüsanten knapp zweistündigen Zeitvertreib sucht, findet ihr ihn mit dem Podiumsgespräch über den Fußball im Osten sowohl zu Zeiten der DDR als auch im vereinten Deutschland bis heute. Bei der von Jutta Braun moderierten Veranstaltung der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur geht es um die Vereinigung, erzählt am besonderen Beispiel Fußball. Es geht aber auch um die Rolle des Fußballs im Alltag der DDR und in der Nachwendezeit. Das kommt einerseits als Oral-History daher, andererseits als das Ergebnis einer soziologischen Studie zur Ostidentität. Das Verhältnis von Fußballfans im Osten zu den Westvereinen kommt ebenso zur Sprache wie das gerade in den Stadien entwickelte Selbstbewusstsein aus Ostdeutschland zu kommen.

Lasst euch nicht von dem Wort Transformation im Titel der Veranstaltung schrecken. Es ist das neue werbende Lieblingswort gegenwärtiger Diskussionen. Überall taucht es jetzt auf wie weiland das „Narrativ“. Das Gespräch selbst wird an keiner Stelle abstrakt. Die Journalisten Christoph Dieckmann und Frank Willmann geben tiefe Einblicke in den DDR-Alltag und den Osten der Nachwendezeit. Der Journalist und über Ostidentität forschende Soziologe Alexander Mennicke fundiert die persönliche Erfahrung mit Ergebnissen seiner Forschung. Besonders wird dieses Gespräch durch das stets mitzerzählte Verhältnis zum Westen. Selbst das Ruhrgebiet wird als Projektionsfläche für ostdeutsche Fanträume einmal kurz erwähnt. Bitte schön:

Albumblatt für Joshua Bitter

Neulich habe ich auf einem Flohmarkt ein Poesiealbum gesehen. Schöne Sprüche für Fußballer habe ich beim Durchblättern nicht gefunden. Seit Montag habe ich das Gefühl, ich sollte die Albumklassiker erweitern, dann ein Faksimile drucken lassen und es Joshua Bitter schenken.

Nach dem einen musst du trachten,
immer auch den Gegner achten.

Lässt sich Foulspiel nicht vermeiden,
sollten Gegner aber leiden.

Lerne viel, denn Wissen lohnt,
etwa, wo der Schiri wohnt.

Handel erst, wenn Wut vergeht.
Merk dir, wo sein Auto steht.

Alles Wissen teile gerne,
auch mit Fans in Stehplatzferne.

Halbzeitpausengespräch – Begeisternde zwei Herren von Real Madrid am Theater Oberhausen

Der grüne Bühnenboden verweist auf den Rasen der Fußballplätze. Zudem sitzt das Publikum wie auf einer Sitzplatztribüne an der lang gestreckten Spielfläche. Fünf Nischen als stilisierte Handlungsorte wirken wie Seitenaltäre in einer Kirche. Während das Publikum Platz nimmt, warten in drei der Nischen die Schauspielerinnen und Schauspieler statuengleich auf den Einsatz. Fußball als Religionsersatz – diese Assoziation liegt nahe. Am Ende wissen wir, das war leicht dahingetupft, denn das Stück selbst vertieft solche Deutungen des Fußballs nicht. Vielmehr deutet sich damit an, wie umfassend die Wirklichkeit des Fußballs am Theater Oberhausen auf allen gestalterischen Ebenen künstlerisch anverwandelt wird. Die Uraufführung des Theaterstücks von Leo Meier „Die zwei Herren von Real Madrid“ beginnt. Es wird ein unterhaltsamer Abend, voller Spielfreude und Komik, inszeniert und ausgestattet mit viel Liebe zum Detail.

Der Anfang: Zwei Männer begegnen sich in einem Wald. Der eine flitscht Steine. Eine absurd surreale Welt entfaltete sich. In dieser Welt stellen die Männer ohne weiteres Erstaunen fest, sie spielen als Fußballprofis in derselben Mannschaft. Sie gehören zu den Topspielern bei Real Madrid. Realismus zeigt sich anderes, ein atmosphärischer Ton ist gesetzt, der in der förmlichen Sprache ihrer Unterhaltung sich fortsetzt. Sie bleiben beim Sie, obgleich die gegenseitige Anziehung, das Begehren im Spiel der beiden Schauspieler sofort miterzählt wird.

Foto: Axel J. Scherer

Tim Weckenbrock und Khalil Fahed Aassy spielen die zwei Herren mit wunderbarem Gespür für die Komik von klischierten Fußballergesten, ohne die Figuren als Karrikaturen zu verraten. Diese zwei Herren sind mehr als komisch, sie berühren mit ihrer Sehnsucht nach Liebe, mit ihrer Scheu, sich zu öffnen, mit ihren Versuchen, sich trotz Schüchternheit stark zu geben.

Foto: Axel J. Scherer

Leo Meier greift für die Dialoge dieser zwei Herren den Sound des Fußballbetriebs auf und erschafft ein eigentümlich poetisches, oft zärtliches Sprechen. Währenddessen hängt Elias Baumann als Jesus am Kreuz und macht sich beim Szenenwechsel pantomimisch bemerkbar. Überhaupt gehören zur wunderbaren Inszenierung von Maike Bouschen tänzerische Elemente. Das Körperliche des Sports Fußball findet sich im schauspielerischen Ausdruck auch immer wieder.

Die Annäherung der beiden Herren führt bald ins Elternhaus des einen. Samia Dauenhauer und Franziska Roth als Eltern lassen nicht nur in der ersten von drei ihrer Nebenrollen der komödiantischen Lust am Spiel freien Lauf. Gleichzeitig macht sich in der absurd-surrealen Welt das Utopische zum ersten Mal leise bemerkbar. Ganz selbstverständlich ermuntert die Mutter augenzwinkernd ihren Sohn, sich zu der anbahnenden Liebe zu bekennen. Auch das Unglück kommt als absurde Note mit dem tödlichen Allergieschock der Mutter durch den mitgebrachten Kuchen vom Spielerkollegen des Sohns. Im Spiegel der Beerdigung wird das Leben mit der vereinten Liebe beider Fußballer gefeiert. So kann sich das Utopische mit Wucht zurückmelden, als Elias Baumann, nun als Real-Star Sergio Ramos, beim gemeinsamen Training das nun öffentlich bekannte Paar gelassen als gewöhnliche Neuigkeit betrachtet. Der Fußball ohne Homophobie, was für eine Zukunft. Die ironische Botschaft dabei lautet, selbst ein Mann alten Schlages, ein überaus hart spielender Innenverteidiger, achtet in dieser Welt alle Menschen gleich, egal, wen sie lieben.

In letzten Wendungen des Stücks macht sich bei aller Surrealität die wirkliche Fußballwelt deutlicher bemerkbar. Vereinswechsel sind auch für Stars die Regel und damit ergeben sich Trennungen auch für die besagten zwei Herren. Wie schwer das fällt, bleibt offen. Der Premierenapplaus wollte kein Ende nehmen. Zurecht. „Die zwei Männer von Real Madrid“ begeistert.

Foto: Axel J. Scherer

Im wirklichen Fußball hieße das Resümee, ein solcher Erfolg gelingt dank einer geschlossenen Mannschaftsleistung und durch die hervorragende Arbeit sämtlicher Teile des Vereins. Wer so auftritt, darf den Blick auch auf die Plätze ganz oben in der Tabelle richten.

Weitere Termine

Die Zeiten ändern sich

Wenn heute vor allem Fußballanhänger sich Gedanken darüber machen, ob der Fußball als inflationäres Unterhaltungsangebot im Fernsehen den Sport zerstört, so war das vor 50 Jahren ein damals recht prominenter Funktionär. Der Präsident des FC Bayern München, Wilhelm Neudecker, wollte offensichtlich mit kräftigen Worten aufrütteln.

Drei TV-Programme kannte das Land, und ich erinnere mich noch an meine Freude in jener Zeit, wenn ich bei einem Bundesligaspiel auch ohne Bayern-Beteiligung Fernsehkameras im Stadion entdeckte. Ein Spielbericht von dreien in der Sportschau, was für ein Fest. Allerdings nur bei einem Sieg. Ich hoffte, dass es nicht der erste war. Denn mit dem Stadionbus war ich meistens erst zehn bis fünfzehn Minuten nach Sportschaubeginn zu Hause.

Bundesliga, ich komm‘ aus dir – Lesung Neuenkamp MSV Fußballfibel – 19. Januar, 15 Uhr

Sicher, man kann sich entscheiden, ob man jetzt jeden unbedingt regelmäßig sehen muss. Mancher bricht ja sogar den Kontakt zu den Eltern ab. Aber sie bleiben deine Eltern. Der du bist, bist du auch durch sie. Neben vielem anderen. So ähnlich geht es mir mit dem MSV.

Ralf Koss alias Kees Jaratz: Fußballfibel – MSV Duisburg, Culturcon medien, 2022

Auftaktlesung 2023! Weiter geht es mit der Stadttour. In Neuenkamp bin ich im Dietrich-Krins-Weber-Zentrum zu Gast mit der MSV Duisburg Fußballfibel, dem Buch über mein Leben mit den Zebras seit den 70ern bis heute. Dort heißt es, Tagesfreizeit auch mal für den Gruppenspaß nutzen. Denn das Programm am 19. Januar beginnt um 15 Uhr. Ort: Mevissenstraße 16. In Kooperation mit PariSozial Duisburg. Eintritt frei.

Schauen wir mal, was ich von meinem Ausflug nach Saarbrücken am Wochenende zuvor erzählen kann. Da soll es ja ein Fußballspiel mit Beteiligung eines Vereins unseres gemeinsamen Interesses geben.

Hier der Link zur Veranstaltungsankündigung bei Facebook.

Bundesliga, ich komm‘ aus dir

Was Ralf Koss in der „MSV Duisburg Fußballfibel“ von Fußballspielen, Auswärtsfahrten mit Freunden und verloren geglaubten Spielen erzählt, stößt bei Fans aller Vereine eigene Erinnerungen an. Dabei heißt es, kein Verein in Deutschland verschafft seinen Anhängern mehr Aufregung als der MSV Duisburg. Was ein Datenspezialist mit komplizierter Formel errechnete, weiß der Schriftsteller seit jeher. Die Dauerkarte kennt Ralf Koss noch als Abrissblock während der 1970er Jahre. Damals hielt er die Zebras als Teilnehmer im UEFA-Pokal für unabsteigbar. Er feierte die Erfolge vom Lienen- und Funkel-Fußball der 90er ebenso, wie er später skeptisch auf das Wirken von Walter Hellmich schaute. Nun erzählt er in der „Fußballfibel MSV Duisburg“ die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte seines Lebens mit dem Herzensverein. Seine Erlebnisse und Erinnerungen geben Duisburg und dem Ruhrgebiet Kontur. Ein Fußballbuch, das zum Portrait der Region wird.

Guter Vorschlag, Kapelle Petra – Einfach über Fußball reden

Als bei der Taktikbesprechung im Brauhaus gestern mir ein Mitspieler mal eben eine Bildungslücke der Pottmusikhistorie schloss, wusste ich noch nicht, dass die Band Kapelle Petra mit einem frühen Stück ein beachtenswertes Angebot für die Kommunikationsprobleme in diesem Land gemacht hat.

Ich werde mir demnächst aus dem Refrain einen Jingle schneiden und wenn mich in Gesprächen irgendjemand nervt oder ich mich langweile, dann drück ich die Jingle-Maschine und spiel ein: Können wir nicht einfach über Fußball reden.

„Über Fußball reden“ gehört zu einigen sehr witzigen Songs der Band aus Hamm. Wegen dieser Komik sehe ich ihr auch nach, dass der ersehnte Fußballstammtisch einem Verein mit dem falschen Kürzel gewidmet ist. Es kommt eben zu manchen Irrtümern im Leben, selbst wenn man in Sachen Lebenshilfe kreativ ist. In der letzten Produktionsrunde scheint die Band übrigens etwas ernsthafter in ihren Texten geworden zu sein. Ich bastel dann mal die Jingle-Maschine. Über Fußball reden, bitte schön:

Alaa Bakir im Gespräch – Vorfreude auf Rückrunde steigt

Schon im letzten Jahr freute ich mich auf die Rückkehr von Alaa Bakir in der Rückrunde. Ich vermisste seinen Beitrag zur Mannschaftsleistung nach seiner Verletzung. Seine Technik und Spielfreude hätten einige Spiele des MSV gut vertragen können.

Nun ist meine Vorfreude auf die Rückrunde noch mehr gestiegen, seitdem ich dazu gekommen bin, mir Alaa Bakir im Gespräch mit dem Youtuber Kevin from the Block anzuhören. Wie entspannt erzählt Alaa Bakir von seinen ersten Jahren mit dem Fußball. Wie lebendig erzählt er von seinen Gefühlen als Zwölfjähiger und später als Jugendlicher. Erst lehnt ihn Preußen Münster beim Probetraining ab, während seine Kumpel beim „großen“ Traumverein der Region angenommen werden. Kurze Zeit später bekommen seine Eltern und er das Angebot von Borussia Dortmund. Großartig, wie er von dem Scout des BVB erzählt, der auf ihn wie ein „Privatdetektiv“ wirkte. Überall tauchte er auf.

Sein Werdegang gibt einen Blick hinter die Kulissen des Talentscoutings im Profifußball, Alaa Bakir erzählt von der harten Auslese und den harten Lebensbedingungen für die Jugendlichen, die sich auf einen Weg bei einem Profiverein machen. Ein sehr interessantes Gespräch. Bitte schön!

Darüber hinaus hat mich dieses Gespräch zum ersten Mal mit einem Youtube-Phänomen konfrontiert, das mir im letzten Jahr von Schülern meiner Kulturprojekte erzählt wurde. Staunend erfuhr ich, dass es erfolgreiche Youtuber gibt, die nichts anderes machen als einen ein Game kommentierenden Gamer zu kommentieren. Die Attraktivität eines solchen Unterhaltungsangebots konnte ich nicht nachvollziehen.

Die Jüngeren unter euch werden mich wahrscheinlich als aus der Zeit gefallen belächeln, weil ich mit diesen Meta-Clips nichts anfangen kann. Vielleicht aber ist der Meta-Clip zum Gespräch auch für euch persönlich vollkommen uninteresant? Wenn ihr Zeit und Lust habe, schreibt mir in die Kommentare, wie ihr das seht. Jedenfalls gibt es einen Meta-Clip zu diesem Gespräch mit Alaa Bakir vom Youtuber Felicio 1892.

Mein Erstaunen über dessen Haltung beim Kommentieren könnte nicht größer sein. Kurios, wie er gönnerhaft über Kevin from the Block spricht, während die Clickzahlen seiner Clips deutlich unter denen seines Kollegen liegen. Dazu kommen billige unlustige Scherze. Irgendeine Hoffnung muss er damit ja verbinden.

Nocheinmal zurück zu dem Phänomen überhaupt. Interessant ist für mich die Frage nach der Zersplitterung der Wirklichkeit, die in diesem Meta-Erleben steckt. Verändern die Kommentare über das Gesehene das Erleben der Konsumenten? Verändert der etablierte Meta-Kommentar die Sprechsituation des Original-Kommentators? Was wird in Zukunft alles mitgedacht beim öffentlichen Auftritt? Falls ihr jüngeren Anhänger des MSV also etwas zu eurem Verhältnis zu solchen Meta-Clips erzählen könnt, ab in die Kommentare. Ich bin neugierig, wie sich das entwickelt und wie das auf die Kommuniation von uns allen in unseren verschiedenen Rollen zwischen Privatheit und Beruf mit der Öffentlichkeit beeinflusst.

Alles Gute für 2023 mit der Blog-Tabellenspitze von 2022!

Soll ich meine Worte aus dem letzten Jahr einfach wiederholen? Soll ich nochmals zweifeln, ob es angebracht ist, meine Wünsche für das neue Jahr mit einem Rückblick auf das alte zu verbinden? Schon wieder habe ich das Gefühl, einfach nur nach vorne sehen, hätte sowohl für den MSV als auch für das Leben überhaupt einiges für sich. Noch mehr als im letzten Jahr rücken Sorgen um den MSV deutlich in den Hintergrund gegenüber dem, was es sonst so für Probleme in dieser Welt gibt.

Manchmal war es im letzten Jahr für mich richtig erleichternd, auf die Schwierigkeiten dieses Vereins zu schauen. Wenigstens dort hatte ich das Gefühl, die Lösungen für die Schwierigkeiten sind klar erkennbar, leicht zu erklären und für alle Beteiligten auch einsehbar. Dass entsprechendes Handeln dann doch wieder Zeit brauchte, erinnerte wieder an die größeren Aufgaben in dieser Welt. Dennoch bringen die Veränderungen beim MSV mich nun nach drei kargen Jahren der Wirkungsloskeit meiner Wünsche für den Verein wieder in die Lage, mit Hoffnung auch Richtung Verein „Alles Gute für 2023!“ zu rufen. Bei euch hatte ich nie Zweifel. Also, auf dass sie helfen bei dem, was sich die Zebras und ihr euch vornehmt.

Etwas von dieser Hoffnung steckt schon in dem Beitrag des Zebrastreifenblogs, der im letzten Jahr Platz 5 der meist aufgerufenen Texte belegt. Der MSV rief vor dieser Saison in einem Clip mit Joachim Hopp zu Unterstützung und Dauerkartenkauf auf. Meine Begeisterung für die Machart des Clips mit dem neuen Ton bei der Ansprache der Fans war groß und führte zum sprechenden Titel des Textes: Dass mich mein MSV so überrascht.

Lasst mich zwischendurch erwähnen, anscheinend sind sowohl sämtliche BVB-Fußballtorten-Interessen inzwischen befriedigt als auch die Neugier zum Namen der Bielefelder Alm. Seit Jahren liefen nur noch außer Konkurrenz die BVB-Fußballtorten mit und der Anekdoten-Text darüber, wie die Bielefelder Alm zu ihrem Namen kam. In diesem Jahr hieß es für diese Beiträge Abschied nehmen von den vorderen Plätzen.

Platz 4 belegt ein Text zur jüngsten Aufregung um den MSV. Zunächst hatte ich nichts schreiben wollen, um nicht zusätzlich Öl ins Feuer zu gießen. Alles schien nur eine von Schauinsland-Vertreter Andreas Rüttgers ausgelöste ausufernde Diskussion im MSVPortal zu sein. Doch versandete sie nicht wie zu früheren Gelegenheiten. Schließlich hatte ich das Gefühl, etwas einordnen zu müssen: Der MSV, Andreas Rüttgers und das richtige Leben. Dass alles aus dem Portal raus schwappte ins richtige Leben, war angesichts von Andreas Rüttgers unbeirrter, verstörender Kommunikationsweise abzusehen.

Dass die Niederlage im Niederrhein-Pokal gegen Rot-Weiß Oberhausen im Verein und bei den Anhängern die Gemüter erregte, zeigt sich am großen Interesse für meinen Text nach dem Spiel, der Platz 3 belegt. Mehrheitsfähig war meine Meinung dennoch nicht. Klares Denken wieder möglich?, habe ich den Text genannt. Der Titel deutet an, dass ich die Niederlage nicht als Komplettversagen der Mannschaft erlebt habe.

Unser aller große Erleichterung, dem Abstieg in der letzten Saison zu entkommen, erweist sich mit dem Beitrag auf Platz 2. Nichts anderes als das Dokument zur Rettung zeigt sich schon im Titel: Läuft! – Soll und Haben im Tabellenrechner. 33. Spieltag.

Es verbietetet sich nun, diese Reihung einer numerischen Tabelle einfach fortzuführen. Mit großem Vorsprung war mein Nachruf auf Holger Glücks der meistgelesene Text des letzten Jahres – Der „Deepsky“ fehlt seit Freitag für immer – Holger Glücks †. So zeigt sich noch einmal das besondere Wirken dieses Anhängers des MSV über den Fußball hinaus.

Zum Schluss nun lasst uns auf einen wieder erfolgreicheren MSV hoffen. Ich gebe zu, das mache ich auch aus eigenem Interesse. Denn Zebra-Fans ohne Sorgen interessieren sich intensiver für Bücher über den MSV. Auch das war das letzte Jahr: Meine MSV Duisburg Fußballfibel war im März erschienen. Ich freue mich auf die Lesungen in diesem Jahr und den Spaß beim gemeinsamen Erinnern mit euch an unser Leben mit den Zebras.

Habt ein gutes Jahr. Wir sehen uns. Bleibt gesund!

Gastbeitrag: Klaus Hansen mit seinem WM-Tagebuch – V – Finalspiele und Fazit

Vor der WM war mit Klaus Hansen ein alter Bekannter aus der MSV-Welt mit seiner WM-Prognose hier zu Gast. Schon mehrere Male waren in diesen Räumen Beiträge von ihm zu lesen. Der 1948 geborene Sozialwissenschaftler Klaus Hansen besucht seit der ersten Bundesliga-Saison bis heute die Spiele des MSV. Der Fußball ist ihm immer wieder Anlass zu Essays und literarischer Kunst, so auch in dem Fall die Weltmeisterschaft. „Der Scheich tritt auf“ hat er seine „WM-Notizen November / Dezember 2022“ genannt. Mit der letzten Folge endet heute die Serie. Nochmals der Dank an Klaus Hansen für die bereichernde Lektüre in der Zeit zwischen den Jahren.

Bitte schön!

17. 12. 22

Modric lacht. Hakimi weint.

Politikum

Erfreuliches Desinteresse des Gastgeberlandes an seiner eigenen Mannschaft: Sang- und klanglose schied Katar schon nach der Vorrunde aus, null Punkte, ein Tor. Keinen Katarer, so scheint es, hat’s gejuckt. Dabei behaupten sie alle, „Patrioten“ zu sein, doch den Fußball brauchen sie dafür nicht. Den Sieg der Saudis über die Gauchos hat man unbändig gefeiert. Über das Weiterkommen Marokkos ist man schier aus dem Häuschen geraten. Beide Triumphe hat man den Palästinensern gewidmet. Ist ein neuer Panarabismus im Entstehen? Wird die ganze WM am Ende eine große Demonstration gegen den Staat Israel gewesen sein? Und das alles angestoßen durch den Fußball, der boykottiert wird, weil er doch so unpolitisch sei? Die Boygroup der Boykotteure verliert langsam den Überblick.

974

46 Tausend Plätze hat das Stadion „974“. Sechs Vorrundenspiele und ein Achtelfinale fanden in ihm statt. Direkt danach begann man mit dem Abbau der Arena.

Das Stadion ist nach der internationalen Telefonvorwahl von Katar benannt, 974; außerdem besteht es aus 974 Containern. Es ist darauf angelegt, nach Gebrauch ab- und anderswo wieder aufgebaut zu werden. Der Kosovo und Uruguay sollen interessiert sein.

Einst waren Stadien mythische Orte. Generationen von Deutschen sind ins Wankdorf-Stadion gepilgert, um am „Wunder von Bern“ zu schnuppern. Heute ist aus der Immobilie Stadion ein weltweit bewegliches Modul geworden. Das ist zwar „nachhaltig“, aber wer sich erinnern will, findet keinen Lieu de Mémoire mehr.

Schönheitspreise

Die Überlegenheit des brasilianischen Spielzugs, der zum Einszunull gegen Kroatien durch Neymar führte, erinnert an ein Foto aus der Frühzeit der Leichtathletik: Der Hürdensprinter Smithson rennt mit einem aufgeschlagenem Buch in der linken Hand über die Hindernisse und gewinnt deutlich. Eine Demütigung für seine Gegner, unter denen keiner war, der Zeit genug gehabt hätte, um unterwegs noch ein Buch zu lesen.

Der äußerst selten zu sehende Seehund-Trick gegen Südkorea: Mit dem Ball, der auf dem Kopf auf und ab hüpft, dreht sich Richarlison um den Gegner, lässt die Pille über die Brust abtropfen, spielt mit dem Fuß weiter, sprintet los, erhält den Ball zurück und schlenzt ein. Tiki-Taka mit Pirouette. – Nach gelungenen Kombinationen wie diesen ist immer auch zu sehen, dass die Spieler auf dem Platz sich nicht weniger darüber wundern wie die begeisterten Zuschauer auf den Rängen. Auch sie gestehen sich in diesem Moment ein, dass es nicht sie allein waren, die das geschafft haben und bedanken sich gestenreich höheren Orts.

Das Seitfallzieher-Tor des gleichen Stürmers Richarlison im Spiel gegen Serbien: So schön wie der Abgang des Olympiasiegers vom Pauschpferd!

Wo alle, nicht nur die Zuschauer, auch die Spieler, nichts als ein Gestrüpp aus Spielerbeinen sehen, erkennt Messi eine Gasse, durch die er den Ball auf seinen Kollegen Molina passt, der nur noch den Fuß hinzuhalten braucht.

Kein Freistoßtrick, ein Riesenfreistoßbluff: das Tor der Holländer zum 2:2 gegen Argentinien.

Das Dreizunull durch Álvarez nach Solo von Messi gegen Kroatien: Was tumbe menschliche Füße auch gegen meisterlichen Widerstand mit einer hochelastischen Kugel, die immer, wie es die Regel will, „frei“ bleiben muss, anzustellen vermögen! Lecko mio!

Faits divers

Beim us-amerikanischen Fußballreporter Grant Wahl hat es im Halbfinale Argentinien gegen Niederlande nicht bis zum Ende gereicht. Herzinfarkt!

Zweiter tödlicher Unfall bei der WM. Ein Wachmann aus Kenia ist vom achten Stock der Lusail-Arena gestürzt. Die Hinterbliebenen erwarten jetzt Bares.

Im englischen WM-Quartier ist „Dave the Cat“, eine herumstreunende Katze, von der Mannschaft adoptiert worden. Jetzt streiten sich die Abwehrspieler Kyle Walker und John Stones darum, wer das Tier mitnehmen darf.

Der Fußball hat überall seine Lobby

Hongkong, hört man, ist überhaupt nicht gut in Fußball, interessiert sich aber sehr dafür. Weil Fußball ein Versprechen auf schnellen Reichtum ist. In Hongkong sind Glücksspiele generell verboten. Mit Ausnahme der Wetten auf Pferderennen und Fußball.

Alter Einzelkönner

Messi mit Ball: besser als Pelé.

Messi ohne Ball: schlechter als Pelé.

Messi als Goalgetter: wie Pelé.

Messi als Vorbereiter: besser als Pelé.

Messi als Kumpel: schlechter als Pelé.

Messi als Paket: „Einer der Besten. Zumindest das wird man wohl sagen dürfen.“ (F.-W. Steinmeier, Bundespräsident) „Und wo bleibt Maradona?“, fragt Altkanzler Schröder.

Junger Einzelkönner

Nicht aus der Tiefe des Raumes, sondern mit Macht von links in die Mitte: Mbappé! Schon 2018 in Russland wurde er mit dem jungen Pelé von 1958 in Schweden verglichen. Jetzt ist er noch besser geworden und immer noch jung, 23. Und freundlich, wie vor vier Jahren in Russland, ist er geblieben: Den ins Aus gedroschenen Ball bringt er zurück zum Gegenspieler, damit der einwerfen kann.

Retro

Bei einer Fußball-WM wird nicht der beste Fußball geboten. Den besseren Fußball spielt man in der Champions-League; die Vereine sind Weltauswahlen und bestens eingespielt. Nationalmannschaften sind beides nicht. Manchester City spielt besser als England, Real Madrid besser als Spanien, Bayern München besser als Deutschland. Aber nur Nationalmannschaften spüren die Begeisterung einer ganzen Nation hinter sich, nicht nur den Lokalpatriotismus einer Stadt oder Region. Sie aktivieren Gefühle von gestern, „Nationalstolz“, in einer Welt, die längst zum Global Village geworden ist. – Die Fußball-WM als Gottesdienst für Zurückgebliebene? Abgehängte? Ewiggestrige?

Es war nicht alles schlecht

Dass die beiden japanischen Tore gegen Deutschland, die den „Untergang“ eingeleitet haben, von Bundesligaspielern geschossen wurden, Asano aus Bochum und Doan aus Freiburg, ist das Beste, was man über den deutschen Fußball bei dieser WM sagen kann. Meint Platthaus in der FAZ. Schön zwiespältig, der Witz!

Und nun?

Unter welchem Namen soll der neue Titelträger in die Annalen eingehen? „FIFA Champion 2022“? „Weltmeister der Schande“? „Gipfel der Korruption“? Oder einfach „Fußballweltmeister“? Diejenigen, die es einfach haben wollen, haben es schwer.

Selbstbestätigung

Infantino wusste schon vorher, dass es die beste WM aller Zeiten wird. Jetzt fühlt er sich bestätigt: „Die Menschen sind in Katar zusammengekommen, um die Probleme zu vergessen und Spaß zu haben.“ Genau! Augen zu und Sau raus, dafür ist Fußball da. Damit macht er den Blindenhunden um Infantino die Taschen voll.

Bilanz

Das Jahr geht zu Ende. Nun wird ein Strich gemacht und zusammengezählt. Auch bei Google. Das Wort „Ukraine“ führt die Liste der “Suchbegriffe des Jahres 2022“ an. Gleich dahinter, auf Platz zwei: „WM 2022“. Von wegen Boykott!

Folge I

Folge II

Folge III

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