Schnellhilfe für die Spielverlegung

Der Versandbuchhändler Zweitausendeins wurde in den 1970ern erfolgreich als Medienhändler einer jungen, sich alternativ verstehenden Käuferschaft. In einigen Großstädten gab es sogar Ladengeschäfte für die Bücher und Schallplatten – jenes Medium, das heute für junge Käufer Vinyl genannt wird. Die Nachkommenschaft dieses Unternehmens findet sich noch unter demselben Namen. Ich glaube sogar mit Ladengeschäft, ich weiß allerdings gerade nicht mehr wo.

Das Unternehmen hatte seine Wurzeln im alternativen Milieu Frankfurts. Entsprechend gehörte gesellschaftskritische Literatur zum Standardangebot von Zweitausendeins – inklusive Handlungsanleitungen, um der Macht des Kapitals subversiv zu begegnen. Ein Longseller des Angebots war ein im Schreibmaschinen-Typoskript gedrucktes schmales Heft, das dem MSV Duisburg heute gute Dienste leisten könnte.

Den Titel weiß ich leider nicht mehr. Heute hieße die Broschüre vielleicht: Die dreißig besten Krankheiten, die zum gelben Schein verhelfen. Gesellschaftskritik bedeutete eben auch, als Arbeitnehmer Sand im Getriebe des ausbeuterischen Arbeitgebers zu sein und den Mehrwert Freizeit gewinnbringend für sich selbst abzuschöpfen.

Das Buch stellte Symptome von Krankheiten dar und beschrieb, was man beim Arzt sagen sollte, damit er die entsprechende Krankheit diagnostizieren konnte. Natürlich waren Rückenbeschwerden und Magen-Darm obligatorisch, aber es gab auch deutlich anspruchsvollere Krankheiten, die ebenso wenig wirklich therapiert werden. Schließlich wollte man ja nach Hause und nicht ins Krankenhaus.

Der DFB scheint zu glauben, der MSV habe genügend Spieler, um gegen Halle am Sonntag anzutreten. Das macht ja nichts, dass die nach der Quarantäne dann gerade mal zwei Tage zusammen trainiert haben. Vollkommen egal, wer da nun den Kader von 13 Spielern auffüllen muss. Meine Lösung wäre, Angriff ist die beste Verteidigung. Bis Sonntag können noch viele Viren von Spielern aufgenommen werden. Es muss ja nicht gerade das Coronavirus SARS-CoV-2 sein. Zweitausendeins wusste Rat. In Antiquariaten ist die bessere Broschüre sicher noch erhältlich. Den Titel wird doch einer von euch wissen?

Großstadtfußball im Podcast – Duisburg, Köln, München

Neulich habe ich schon einmal auf interessante Podcasts hingewiesen, die sich der Fußballhistorie widmen. Nick Kaßner mit seinem Podcast Hörfehler gehörte dazu. Nun sprach er in der letzten Folge seines Podcasts, der Nummer 90, mit seinen drei Gästen aus Duisburg, Köln und München allerdings nur kurz über die Fußballhistorie. Vor allem ging es um die Situation des Amateurfußballs in den drei unterschiedlichen Städten.

Den Duisburger Christian Lenke kenne ich durch sympathische Begegnungen im Stadion. Als gebürtiger Thüringer, der nun auch schon lange in Duisburg lebt, geht er regelmäßig zu den Zebras. Auch wenn er in frühen Jahren sein Herz an den jüngst stark gebeutelten Rot-Weiß Erfurt hängte. Er ist Jugendtrainer beim SV Duissern 1923 und arbeitet zudem auf Verwaltungsebene seines Vereins mit. Er beschreibt den Duisburger Amateurfußball.

Der Autor und Journalist Holger Hoeck gibt die Einblicke in die Kölner Amateurfußballszene. Tim Frohwein lebt in München und arbeitet am Projekt Mikrokosmos Amateurfußball mit, das die gesellschaftliche Perspektive des Amateurfußballs beleuchtet. Unschwer war auch im Gespräch seine soziologische Perspektive beim Blick auf den Amateurfuball Münchens erkennbar.

Alle drei arbeiten an dem von Hardy Grüne ins Leben gerufene Fußballmagazin Zeitspiel mit, der journalistische Ort für einen Fußball abseits der Unterhaltungsindustrie.

In der Folge entwickelte sich schnell ein interessantes Gespräch, das zu einer Bestandsaufnahme des Breitensports Fußball in der Großstadt wurde. Grundlegende Erfahrungen auf dem Bolzplatz wurden beleuchtet. Gemeinsamkeiten und Unterschiede des Fußballs in den so unterschiedlichen Städten wurden deutlich. Schwierigkeiten und Entwicklungen des Amateurfußballs kamen zu Sprache. Der Stadt-Land-Gegensatz war immer wieder Thema. Die Folge macht Lust, sich intensiver mit dem Thema Großstadt-Fußball zu beschäftigen.

Meidericher Kanon des literarischen Fußballs – Manuel Vázquez Montalbán

Wer heute als junger Leser in einer Buchhandlung vor den Kriminalromanen als Hardcover im Stapeltitel steht, wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen, wenn er von den alten Zeiten dieser Genreliteratur hört. Lange Jahre war das Schreiben eines Kriminalromans schon die erste wichtige literarische Aussage eines Autors.

Schon indem sich ein Romanautor der Genreliteratur zuwendete und sie als Belletristik, also „Schöne Literatur“, ernst nahm, wendete er sich gegen den Common Sense des etablierten Literaturbetriebs und damit auch gegen das Bürgertum. Das war dann ästhetische und gesellschaftskritische Aussage zugleich. Alleine durch die Stigmatisierung als minderwertige Konfektionsware der Unterhaltungsliteratur besaß der Kriminalroman subversive Kraft, die Schriftsteller für sich nutzen wollten. Wer heute auf die subversive Kraft des Kriminalromans blickt, wird also schnell zum Literaturhistoriker. 

In Spanien nutzte der 1939 geborene und 2003 gestorbene Manuel Vázquez Montalbán  das erste Mal während der letzten Jahre der Franco-Diktatur diese subversive Kraft. Er war einer der erfolgreichsten und vielseitigsten Schriftsteller Spaniens. Mit seinen von 1972 an erscheinenden Kriminalromanen um Pepe Carvalho tastete er sich bald schon an die Grenzen des Genres heran, um sie in seinen letzten Romanen zu überschreiten. In dem 2001 ins Deutsche übersetzt erschienen Roman „Quintett in Buenos Aires“ etwa erinnern nur noch einzelne Handlungssequenzen und natürlich Pepe Carvalho mit seiner literarischen Biografie als Privatdetektiv an die Wirklichkeit eines Kriminalromans.

Schuß aus dem Hinterhalt

Das war in dem 1988 erschienenen Roman El delantero centro fue asesinado al atardecer noch anders. In dem zwei Jahre später in Deutschland unter dem Titel Schuss aus dem Hinterhalt erschienenen Roman handelt der Privatdetektiv Pepe Carvalho als klassischer Ermittler. Allerdings beschränkt sich das Geschehen nicht auf die Aufdeckung eines Verbrechens im Milieu des Fußballs. Montalban geht es um den Blick auf die spanische Gesellschaft seiner Zeit, auf die Folgen für seine Heimatstadt Barcelona durch das Streben nach Reichtum und die Versuche von Funktionären mit dem Fußball Interessen außerhalb des Sports zu verfolgen. 

Carvalho wird vom größten Fußballverein Barcelonas engagiert, weil dessen englischer Stürmer John Mortimer Erpresserbriefe erhält. Auch das ist ein klassisches Motiv im Kriminalroman: Carvalho merkt bald, großes Interesse an seinen Ermittlungen besteht gar nicht. Er wurde als symbolhafte Beruhigung engagiert.

Verwoben ist dieser Handlungsfaden mit einer Fußballgeschichte voller vermeintlicher Romantik. Ein alternder, ehemals guter Stürmer wird von seinem jetzt viertklassigen Heimatverein als letzter Hoffnungsbote zum Ende seiner Karriere hin noch einmal verpflichtet, um den endgültigen sportlichen und wirtschaftlichen Niedergang des Vereins abzuwenden. Doch auch beim niederklassigen Centellas FC  ist natürlich nicht alles so, wie es zunächst scheint.

Montalban entfaltet zum einen eine Geschichte rund um die Bodenspekulationen, die sich in Barcelona vor den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 ereignet hatten. Zum anderen wirft er einen Blick auf die Heldenverehrung von Fußballern und die Bedeutung des Sports als Sinnersatz in der säkularisierten Gegenwart. Das ist zeitlose Romankunst – sowohl durch die sprachliche Kraft des Erzählten als auch durch die in Teilen immer gültigen Wertungen und Gedanken über den Fußball. 

Carvalho und der tote Mittelstürmer: Ein Kriminalroman aus Barcelona (Ein Pepe-Carvalho-Krimi)Manuel Vázquez Montalbán: Schuss aus dem Hinterhalt.  Aus dem Spanischen von Bernhard Straub.  Rowohlt Verlag, Reinbeck 1990, 236 Seiten.
Wieder veröffentlicht: Piper Verlag, München 2007.
Mit neuem Titel wieder veröffentlicht: Carvalho und der tote Mittelstürmer. Aus dem Spanischen übersetzt und neu bearbeitet von Bernhard Straub. Wagenbach, Berlin 2014.

Tabellensprung und ein Arzt im Lienen-Podcast

Der MSV hat an diesem Spieltag nicht gespielt und sich in der Tabelle um einen Platz verbessert. Der Abstieg ist kein Thema mehr. Sicher bin ich mir nicht, ob diese Form des Erfolgs mir dauerhaft gefallen würde. Andererseits wären viele Probleme für den MSV einfacher zu lösen, wenn die Mannschaft ohne zu spielen langfristig den Aufstieg schaffen könnte. Bis dahin wäre ich schon auch geduldig, wenn ich danach dann wieder zu Spielen eines wirtschaftlich gefestigten Vereins ins Stadion könnte.

Wie in der letzten Saison bin ich schon wieder weniger mit dem Sport als mit der wirtschaftlichen Not des MSV Duisburg beschäftigt. Der Fußball selbst hat sich für mich zu einem Mittel für den wirtschaftlichen Zweck verwandelt. Natürlich ist das auch sonst immer der Fall, aber momentan kriege ich die immer notwendige Verdrängung der Widersprüchlichkeiten dieses Fußballsystems nicht mehr hin. Spaß macht das nicht.

Die Voraussetzungen für Erfolg sind nun mal die finanziellen Möglichkeiten des Vereins. Diese Bedingungen am laufenden Spieltag immer wieder auszublenden gehört zu den Widersprüchen eines Zuschauerlebens. Wie gesagt, dieses Ausblenden gelingt mir gerade nicht gut. Zumal ich mal wieder gelesen habe, wieviele hoch spezialisierte unterschiedliche Funktionsstellen beim FC Bayern München in den letzten zehn Jahren geschaffen wurden, um sportlichen Erfolg zu festigen. So ein Trainerteam ist ja nur das eine. Dahinter steht ein fest angestellter Stab von mehreren Video- und Datenanalysten. Dieser riesige Verwaltungsapparat. Dann arbeiten natürlich unzählige Physiotherapeuten zu bis hin zur Ärzteschaft.

Ein Arzt aber half mir schließlich bei der Ablenkung. Ewald Lienen und Michael Born machen schon seit längerem zusammen den Podcast Der Sechszehnerhier bei Facebook. Meist sprechen sie zunächst zu zweit über das aktuelle Geschehen. Dann kommt nach etwa einer halben Stunde ein Gast dazu. In der letzten Folge war das der Sportmediziner Prof. Dr. Hauke Mommsen. Momentan ist er Mannschaftsarzt der U21. Zuvor war er im Handball beim THW Kiel und in Flensburg Mannschaftsartz. Mit Ewald Lienen hat er beim FC St. Pauli zusammengearbeitet.

Das Gespräch mit ihm beginnt ab Minute 33’29. In dem Gespräch erfährt man, welche komplexen Ursachen Sportverletzungen haben. Wieso Fußballer heute sehr viel individueller trainieren müssten, um Sportverletzungen vorzubeugen und wie das mit Interessen eines Trainers kollidieren kann. Oder wie die Verletzung eines Spielers die Verletzung eines anderen derselben Mannschaft wahrscheinlicher macht. Ein sehr interessantes Gespräch.

Kein Wort davon auf der PK nach dem Spiel

Nach dem Spiel heute gegen Saarbrücken möchte ich auf der PK von Torsten Lieberknecht auf keinen Fall folgende Worte hören: „Saarbrücken war der erwartet schwere Gegner. Sie haben uns die Räume sehr eng gemacht und ihre Konter gut ausgespielt. Aber wir haben uns nicht aus der Ruhe bringen lassen und sind gut zurückgekommen. Deshalb bin ich alles in allem zufrieden.“ Vom Ergebnis spreche ich gar nicht.

In eigener Sache: Duisburg für Klugscheißer

Wenn ich unter unterschiedlichen Namen meine Texte schreibe, steckt überall zwar auch Ralf Koss mit bestimmten Anteilen in diesen Pseudonymen, und doch haben die Namen ein eigenes Dasein mit Eigenheiten entwickelt. Im letzten Jahr dachte sich etwa der Martin Wedau in mir, warum darf Kees Jaratz im Zebrastreifenblog eigentlich regelmäßig zu Worte kommen und ich habe schon lange nichts mehr zu tun gehabt.

Er ging mir etwas auf die Nerven, weil ich gerade mit dem Manuskript von 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss fertig geworden war. Zudem hatte ich mit dem Bühnenprogramm Nach dem Anpfiff alles möglich anderes im Blick. Aber dieser Martin Wedau gab keine Ruhe. Er hatte die Anfrage vom Klartext Verlag mitbekommen, ob ich mir vorstelle könne, ein Buch über Duisburg zu schreiben.

Der Martin in mir sagte: Duisburg, das ist doch dein Thema.
Ralf: Sofort noch ein Sachbuch über eine Stadt?
Martin: Klar, ich mach das doch für dich.
Ralf: Aber da bin ich trotzdem dabei.
Martin: Wirklich? Auch wenn ich das übernehme?
Ralf: Wir sind immer noch ich.
Martin: Und wenn du Tina fragst?
Ralf: Du gibst wohl erst Ruhe, wenn ich ja sage.

Martin grinste. Er wusste, ich hatte schon längst ja gesagt. Kurzum, Tina Halberschmidt machte mit, und Martin Wedau durfte endlich wieder was schreiben. Die gemeinsame Arbeit mit Tina Halberschmidt an Duisburg für Klugscheißer hat großen Spaß gemacht – nicht zuletzt, weil ich für alle Autorenpersönlichkeiten in mir interessante Themen entdeckte, selbst wenn nur Martin Wedau geschrieben hat.

Wir suchten das besondere Wissen über Duisburg. Wir suchten es für die bekannten identitätsstiftenden Orten und in den unbekannteren Ecken. Wir suchten solches Wissen in der Geschichte der Stadt und im Sport. Dem MSV galt also auch unser Blick. Nun ist Duisburg für Klugscheißer erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Tina Halberschmidt/Martin Wedau: Duisburg für Klugscheißer. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten.
104 S., Klartext Verlag, Essen 2020.
€ 14,95
ISBN 978-3-8375-2237-2

Der lyrische Spieltagskommentar – Unzufrieden

Unzufrieden

Nach jedem Spiel sprechen die Trainer.
Der eine deutet die Enttäuschung an,
der and’re wirkt gefasst und sieht gerecht
der Leistung beider Teams das Unentschieden
als Ergebnis. Schauen wir, ob das auch stimmt,
so kennen wir doch nicht des and’ren Stimmung,
wir wissen nichts von dem Verpassen eines Siegs,
von dem, was wir beim Stürmer sahen,
den Ärger über den Verlust von Punkten.
Zeigt uns das Trainerurteil Lebenskunst
mit der Zufriedenheit trotz der Erwartung?


Meidericher SV, 100 Jahre Ruhrgebiet und die Leiden von RWE-Fans

Noch immer bin ich nicht ganz in der Gegenwart dieser Saison angekommen, geschweige denn, dass ich eines der zwei Punktespiele bislang habe sehen können. Die Spielergebnisse des MSV bewegen mich zwar, aber die hoffentlich bald vorübergehende Normalität des hygienischen Stadionbesuchs fühlt sich weiter unwirklich an. Ich schaffe meinen eigenen freiberuflichen Alltag und mein nahes privates Leben unter den besonderen Corona-Bedingungen hinzubekommen. Dafür braucht es mehr Planung als in früheren Zeiten. Es gibt weiter mehr Ungewissheit und weniger Möglichkeiten zu Lesungen und Auftritten. Da bleibt weiter nicht viel Raum, mich an einen Fußball unter Corona-Bedingungen zu gewöhnen.

Statt der Gegenwart bringt deshalb die Vergangenheit, mir den Fußball sehr viel häufiger nahe. Ich beschäftige mich für zwei Projekte mit dem Fußball als Kulturphänomen, und dann gibt es noch die Zufallsbegegnungen wie neulich bei der Ausstellung „100 Jahre Ruhrgebiet – Die andere Metropole“ im Ruhrmuseum auf Zeche Zollverein. In der überschaubaren Ausstellung wird das Ruhrgebiet in sieben Segmenten vorgestellt, eines davon nennt sich „Sport- und Veranstaltungsmetropole“. Lassen wir mal die Metropole als wieder einmal viel zu großes Wort für die Gegebenheiten des Ruhrgebiets beiseite.

Beiseite lassen, das möchte ich gerade, aber dieser kleine Ausstellungs-Nebenraum mit ein paar Plakaten, gröhlt mir gerade noch einmal lachend ins Ohr. „Metropole“, höre ich und dieses irre Lachen. Egal, in dem Metropolen-Tempel der Konzerte und des Sports, der Gruga-Halle, fand jedenfalls im Januar 1964 ein wahrhaftiges Metropolen-Ereignis statt, an dem der Meidericher SV teilnahm. Das Teilnehmerfeld mit den anderen hochkarätigen Vereinen der Metropole muss die Fußballfans in aller Welt begeistert haben. Mir ist das Ergebnis dieses Turniers nicht bekannt. Sehr viel älter als ich, muss man nicht sein, um sich daran zu erinnern. Vielleicht liest ja jemand mit, der dort war, und was erzählen kann.

Die traditionsbewussten Anhängern von Rot-Weiss Essen drehen wahrscheinlich am Rad beim Blick auf das Plakat. Selbst in der Heimatstadt des Vereins hielt es die Gruga-Verwaltung 1964 schon mehr mit der Rechtschreibung als mit der Vereinstradition. Wer einem RWE-Fan das  Doppel-S im Farbwort nimmt, greift dessen Identität an. Mancheiner nimmt das gar als Beleidigung. Vielleicht liegt da der tiefe Grund für den Niedergang von RWE, diese Ignoranz der eigenen Stadt gegenüber den Werten bei RWE.

Deshalb schnell das Beruhigungsmittel für alle mitlesenden RWE-Fans: weiss weiss weiss weiss weiss. Zu Risiken und Nebenwirkungen der täglichen Doppel-S-Zufuhr fragen sie ihre Blogger und Vereinshistoriker. Offensichtlich hat es ein RWE-Fan in Essen schwer. Zeche Zollverein, der Ausstellungsort, liegt ja bekanntlich in besagtem Essen. Als ich die eine einordnende Texttafel zum Stadionbau in der Rubrik Sportereignisse las, hatte ich verzweifelte RWE-Fans wohl gerade verpasst. Es war Hand angelegt worden an die Kürzest-Geschichtsschreibung der Ausstellung. Die RWE-Geschichte der 60er fehlte RWE-Fans jedenfalls dort.

Ich kann die Enttäuschung dieser Fans verstehen. Wenn Bochum dort steht, obwohl der VfL erst 1971 in die Bundesliga aufstieg, kann RWE zurecht auf Gleichberechtigung pochen. Zwar war das in den 1960ern  vorhandene Georg-Melches-Stadion erst wenige Jahre zuvor gebaut worden, doch profitierte RWE damals von einem der modernsten Stadien seiner Zeit.

Geschichtsschreibung ist schwierig. Der Anfang des Textes passt wegen der sehr viel späteren Bundesligazugehörigkeit des VfL argumentativ nicht zum Ende. Da hätte dann RWE auch nicht mehr gestört.

Insgesamt hat mich die Ausstellung übrigens etwas enttäuscht, weil die Ausstellungsinhalte sich zu gut der Hälfte nicht von der Dauerausstellung unterschieden. Dieser Sportbereich findet sich in der Dauerausstellung ebenso in ähnlicher Form wie der andere Kulturbereich. Ich hätte eine engere thematische Bindung an den Regionalverband Ruhr und die Gemeinschaftsbemühungen besser gefunden. Schließlich ist das RVR-Jubiläum Anlass der Ausstellung. Andererseits erhalten Erinnerungen an eigene Lebensgeschichte Futter. Was natürlich auch einen Wert hat.

Der Spieltagskommentar kommt von den Lassie Singers

Nun, es kam, wie erwartet. Dass diese Erwartung einer Pokalniederlage gegen Borussia Dortmund sich mit fünf Gegentoren erfüllte, von denen vier von sehr unglücklichen Umständen begleitet wurden, gibt dem Ganzen eine besondere Note. Ich sehe aber nicht, dass ohne diese unglücklichen Umstände keine Gegentore gefallen wären.

Dieses Spiel gibt mir keinen Aufschluss über die zukünftige Spielstärke der Mannschaft. Zu besonders war dieses Pokalspiel, als dass es nicht auf die Psyche und damit auf die fußballerischen Möglichkeiten der einzelnen Spieler gewirkt hätte. Einige schienen zunächst etwas gehemmt – auch Torsten Lieberknecht spricht vom Respekt, aber sicher wirkte das Spiel zwischendurch auch besonders motivierend. Andere Anhänger des MSV ziehen dennoch aus dem Spielverhalten prognostizierende Schlüsse – mit sich widersprechendem Ergebnis. Alles ist schon fast wie immer.

Heißt für mich, bis zum Spiel gegen Rostock der ewig gültigen Wahrheit der Lassie Singers zu folgen.

 

Ist es übrigens nicht überaus passend, dass die einzige bei youtube gelistete Liveaufnahme von dem Song aus Oberhausen stammt? Ein Mottolied für die Ruhrstadt.

Zufällige Möglichkeit für ein Spieltagssymbolfoto – Rustikal und ausdrucksstark

So weit ich weiß, erhalten die Spieler der Fußballnationalmannschaft zur Vorbereitung auf Länderspiele nicht nur eine fußballbezogene Vorbereitung – mancher sagt auch Training dazu. Sie werden auch mit Länderdossiers versorgt. Durch diese Rundumvorbereitung auf den Gegner wird einerseits sicher gestellt, dass kein Spieler sich der Presse gegenüber zu ewig lustigen Fußballersprüchen hinreißen lässt oder sich gar zu politisch heiklen Bewertungen von autoritären Regimen verleiten lässt. Dieses Recht haben nur die DFB- und Vereinsfunktionäre.

Andererseits werden so auch die Kleinigkeiten beeinflusst, von denen es oft ja heißt, sie seien spielentscheidend. Ein Stürmer, der seinen Verteidiger in eine erregte Diskussion über irgendein umstrittenes Geschehen in dessen Herkunftsland verwickeln kann, gewinnt vielleicht einen entscheidenden Vorteil. Der Verteidiger ist abgelenkt durch aufkommenden Ärger, der nichts mit dem Fußball zu tun hat. So stelle ich mir das vor. Oder landesübliche Animositäten können beim Trash-Talk besser bedient werden. Manchmal braucht es auch schmutzige Tricks, um ein Spiel zu gewinnen.

Ich hätte da Dortmunder Empfindlichkeiten zu bieten. Vor einem Jahr um diese Zeit war mir nicht klar, dass ich mich weit vorausschauend auch für den MSV engagiert habe. Ich war seinerzeit für mein Buch 111 Orte in Dortmund, die man gesehen haben muss intensiv mit Geschichte und gegenwärtigem Alltag von Dortmund beschäftigt. Ich kenne mich also sehr gut aus in der Stadt. Ich kenne die Empfindlichkeiten, die aus Niederlagen in der Historie sich ergeben haben. Vielleicht bringt ja so ein hingerotzter Trash-Talk heute Abend etwas. Mein Vorschlag dazu: Als Dortmunder musst du erst nach München gehen, um mit dem FC Bayern einen wirklich guten Fußballverein zu gründen. Das machte der Dortmunder Bildhauer Benno Elkan, der schon in Dortmund Fußball gespielt hatte und in München zu den jungen Männern gehörte, die den FC Bayern gründeten.

Aber ob das was bei Norwegern und Engländern in der Mannschaft nutzt? Ich hätte ein internationaler angelegtes Dossier anlegen müssen. Das ist der Nachteil beim Vereinsfußball gegenüber Länderspielen. Die kulturelle Vorbereitung muss viel individueller auf die Vereinsspieler aus aller Herren Länder und deutschen Regionen angelegt sein.

Schauen wir also, hoffen ist immer erlaubt. Zumal ich gestern zufällig die Gelegenheit zu einem wunderbaren Symbolfoto bekam. Meine Freundin räumte auf und fand eine Devotionaliendose, das Geschenk ihrer Freundin, die komische Vorlieben im Fußball pflegt. Der Inhalt der Dose war aufgegessen, sie konnte weg, und ich rief laut, ich mache das. Ich schmeiß sie in den Müll. Vielleicht hilft magisches Denken ja. Wenn nicht, bin ich mir ohnenhin mit den neuen Spielern bei den Kurzinterviews einig. Bei der Frage, Aufstieg oder Pokalsieg?, lautet die Antwort immer Aufstieg.


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