Jetzt bestellen: Mehr als Fußball – Das Buch über Duisburg im Sommer 2013 und den Wiederaufstieg des MSV

Es ist so weit. Mehr als Fußball ist lieferbar. Mehr als Fußball – so  habe ich das Buch genannt, in dem ich vom Geschehen im Sommer 2013 rund um den MSV Duisburg bis zum Wiederaufstieg des Vereins in die 2. Liga zwei Jahre später erzähle. Was im Sommer 2013 geschah, schuf die Voraussetzung für den Erfolg zwei Jahre später. Diese besondere Geschichte des Sports ist zugleich eine besondere Geschichte Duisburgs, eine Geschichte zum Weitererzählen.

Ralf Koss, Kees Jaratz: Mehr als Fußball, 363 Seiten, € 14,90
ISBN 978-3-00-054423-1
(plus € 2,10 Versand)

Falls ihr Interesse am Buch habt, das Kontaktformular ausgefüllt und abgeschickt.

Rechtliche Hinweise und Datenschutz.

Wenn ihr einen ersten Eindruck gewinnen wollt, klickt auf die Vorschaubilder. Vorwort und die ersten Seiten der Geschichte des Sommers habe ich online gestellt.

Akzente 2017 inoffiziell – Der Umbruchsvierzeiler für den MSV des Sommers 2013

Die diesjährigen Duisburger Akzente sind zu Ende gegangen, und damit gibt es auch in diesen Räumen hier den letzten Programmtag. Das Motto des Kulturfestivals lautete Umbrüche. Bei diesem Motto darf ein Beitrag zum MSV Duisburg nicht fehlen.

Manchmal ist uns von Anfang klar, dass uns ein Umbruch bevorstehen kann. Das ist so, wenn unser Leben von einer einzigen Entscheidung abhängig ist, die wir nur bedingt beeinflussen können. Das war für viele Duisburger so im Sommer 2013, als sie merkten, wie sehr der MSV Duisburg zu ihrem Leben dazu gehört. Der MSV hatte keine Lizenz für die 2. Liga erhalten. Dem Verein drohte das Ende. Es war keine Frage, für den MSV Duisburg würde es so oder so einen Umbruch geben, und damit sahen auch die Anhänger des Vereins ein Umbruch auf sich zukommen, den sie fürchteten. In dieser Krisenzeit standen in Duisburg Menschen zusammen, die zunächst sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Handeln hatten. Tatkraft und Energie waren zu spüren. Damit diese gute Geschichte Duisburgs immer wieder erzählt werden kann, habe ich sie in „Mehr als Fußball“ aufgeschrieben.

So eine Umbruchzeit bringt aber auch andere Gefühle mit sich. Schließlich heißt Umbruch auch Veränderung und Abschied. Nachdem der Einspruch des MSV gegen den abschlägigen Lizenzentscheid abgelehnt wurde, verließen nahezu alles Spieler des Zweitligakaders den MSV Duisburg. Das hieß Abschiedsschmerz. Ich bewältigte den schreibend, getreu dem Heinz Erhardtschen Motto  „noch ’n Gedicht“.

Bewältigen mit lyrischem Fragment

Alle auf den Zaun, alle auf den Zaun!
Und immerzu denke ich: Lücken.
Mit Trümmern etwas Neues aufbau’n,
das macht man nicht aus freien Stücken.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

Von der Nervosität des Streamzuschauers war bei den Zebras nichts zu spüren

Eine Mannschaft, die so ein Spiel wie das beim Chemnitzer FC gewinnt, steigt auf.  Diesen ersten Satz wage ich kaum zu schreiben. Die vier sieglosen Spiele des MSV Duisburg hängen mir noch nach. Doch immer wieder schaffe ich es mit ein wenig Abstand vom Spieltag, einen kühlen Blick auf den Saisonverlauf zu werfen. Immer wieder sehe ich Spiele, die bei einer Mannschaft mit einer gewissen Tradition des Erfolgs zu keinem anderen als diesem ersten Satz zwingen. Der MSV Duisburg hat keine Tradition des Erfolgs, meldet sich gestern nach dem Spiel sofort eine andere Stimme in mir, und deshalb heißt das gar nichts. Genau, sagte ich, du hast ja so recht und jetzt halt bitte den Mund. Ich höre dir einfach nicht mehr. Ich zitter doch ohnehin genug, wenn ich diese Zweifellosigkeit eines solchen ersten Satzes öffentlich zur Schau stelle.

Diese andere zweifelnde Stimme in mir hatte beim Spiel des MSV Duisburg in Chemnitz allerdings jede andere Stimme der Zuversicht meist unhörbar gemacht. Der MSV Duisburg hat beim Chemnitzer FC zwar mit 3:2 gewonnen, aber entscheidende Momente des Spiels habe ich erst in der Zusammenfassung gesehen, obwohl der Livestream die ganze Zeit lief. Hinge der Aufstieg von meiner Leistung als Zuschauer ab, wäre gestern der erste große Vorrat Felle davon geschwommen. Ich habe Nerven gezeigt.  Das Führungstor von Andreas Wiegel hatte mir nur vermeintliche Sicherheit gegeben. Welch schöner Außenristpass von Fabian Schnellhardt in den freien Raum hat dieses Tor ermöglicht. Welch fussballerischer Genuss sind die Spielaktionen von Fabian Schnellhardt so oft.

Doch dann fiel der Ausgleich zum 1:1, und es gab kein Halten mehr für mich. Wahrscheinlich habe ich sogar den Rückstand verantwortet, weil ich mir den Freistoß der Chemnitzer nicht mehr konzentriert genug angesehen habe. Wahrscheinlich habe ich die Mannschaft mit meiner Nervosität auf unerklärliche Weise angesteckt, so unaufmerksam wirkten die Spieler bei diesem Freistoß der Chemnitzer. Alleine, weil die Mannschaft den Komplettausfall von mir als Zuschauer später aufgefangen hat, gab es noch eine Chance. Ich selbst habe am Spiel kaum mehr teilgenommen. Hätte ich auf dem Spielfeld gestanden, hätte ich in Ballnähe nur vorgegeben, einen Pass erhalten zu wollen. Wann immer es möglich gewesen wäre, hätte ich mich hinter meinen Gegenspielern versteckt. Ich wäre viel gelaufen, das schon, aber möglichst so, dass ich unanspielbar geblieben wäre.

Die Mannschaft vom MSV aber glaubte weiter an den möglichen Erfolg. Sie wusste um die Bedeutung des Spiels für den weiteren Saisonweg. An der Freude der Spieler war das zu erkennen, als Mark Flekken den letzten Eckball der Chemnitzer aus der Luft herunterholte und damit den Sieg gleichsam in der Hand hielt. Es war daran zu erkennen, wie Stanislav Iljutcenko bei dem Eckball davor seine Genugtuung über den zu einer erneuten Ecke abgewehrten Ball in die Luft schrie.

Vorher war diese Mannschaft aber in Rückstand geraten, und ich nahm mein Joggingprogramm in der Wohnung auf. Bewegung führt zu Spannungsabbau. Die Mannschaft aber wollte den Ausgleich, das sah ich in den Momenten, wenn ich mal einen Blick auf den Laptop warf. Sie wollte den Ausgleich so lange, bis Simon Brandstetter es Andreas Wiegel gleich machte. Beide sind in der bisherigen Saison nicht durch eine gute Chancenverwertung oder grundsätzlich gute Entscheidungen am Ende ihres Ballführens aufgefallen. Beide schienen ihrer fußballerischen Intuition nicht ganz zu vertrauen. In diesem Spiel war es anders. Beide behielten die Nerven, beiden kam das eigene Denken bei ihrem Spiel nicht in die Quere. Brandstetter gelang das Tor nach einem Pass in den freien Raum von Tugrul Eral. Ich habe den Ausgleich nicht mal in der Zeitlupe gesehen, weil ich gerade sehr weit vom Stream weggelaufen war.

Auch das Führungstor habe ich nicht gleich gesehen, sondern nur die aufgeregte Sprecherstimme gehört. Zurück kam ich zur Zeitlupe, um mein Joggingprogramm mit lang anhaltenden Sprungkraftübungen abzuwechseln. Erneut war es Tugrul Erat, der mit einem schönem Fallrückzieher den Ball parallel zur Torauslinie vor das Tor brachte, wo Kingsley Onuegbu am hinteren Pfosten stand und den Ball problemlos über die Linie bringen konnte. Von da an kämpfte auch ich wieder an meinem Platz als Stream-Zuschauer. Von da an hielt ich die Nervorsität wieder aus. Mit dem Schlusspfiff bahnte sich der erste Satz dieses Textes seinen Weg in meinem Kopf. Die andere Stimme in mir hörte sofort auf zu jubeln und begann irgendwas auf mich einzureden. Ich habe bis heute morgen nicht richtig hingehört.

Akzente 2017 inoffiziell – Als der Bergmann Heinrich Kämpchen ab 1890 zu dichten begann

Momentan finden die  38. Duisburger Akzente statt. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Berufsinvalidität bringt Zeit fürs Dichten. Diese Kurzformel verweist auf das lyrische Werk des 1847 im heute zu Essen gehörenden Burgaltendorf geborenen Bergmanns Heinrich Kämpchen – zu Wikipedia geht’s per Klick. Er war einer der ersten Arbeiterdichter, die mit ihren Worte nicht nur agitieren wollten. Ihm ging es nicht um die Lyrik als Mittel zum klassenkämpferischen Zweck. Er wollte sich selbst ausdrücken. Unweigerlich bekamen seine Gedichte deshalb einen bürgerlicheren Ton, auch wenn sie das Leid und Schicksal von Bergleuten aufgriffen. Er schrieb wie bürgerliche Dichter über die Natur als Gegenwelt zur Arbeit. Er schrieb über Gefühle. Sein dritter Gedichtband aus dem Jahr 1909 steht bei Wikisource online.

Hier veröffentliche ich ein früheres Gedicht über das Leben als Bergmann.

Ideal und Prosa

Wer nie im Schacht die Keilhau schwang,
Wer nie, vom Pulverdampf umgeben,
Nach Luft und Atem röchelnd rang,
Der kennt dich nicht, du Bergmannsleben.

Man wirft uns in die Gruft hinein,
Wer bürgt, daß nicht zerschmettert färben
Wir unten blutig das Gestein?
Es geht auf Leben und Sterben.

Und wer den Bergbau besang
Und wer ihn pries in Melodieen,
Er wolle nur zwei Monde lang
Mit uns durch seine Grüfte ziehen.

Er habe nur wie wir im Schacht,
Durchleuchtet nie von Tageshelle,
So manche schwere Schicht vollbracht,
Den bleichen Tod als Mitgeselle.

Und meinen Kopf setz ich zum Pfand,
Ihm sind die Lieder ausgegangen –
Das Schaumgold ‚Ideal‘ verschwand
Dort, wo die ‚Prosa‘ angefangen.

 

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

Akzente 2017 inoffiziell – An der Knieenden kam auch Klaus Thies nicht vorbei

Momentan finden die  38. Duisburger Akzente statt. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Als Die Knieende, die Skulptur von Wilhelm Lehmbruck, Ende der 1920er Jahre in Duisburgs innerstädtischem Tonhallenpark aufgestellt wurde, fand das wenig Zustimmung in der Duisburger Öffentlichkeit. 50 Jahre später hatte sich das geändert. Die Knieende wurde zum Grundmotiv eines Werbeplakats für das Lehmbruck Museum. Nur dass nicht die Skulptur selbst zu sehen war, sondern Duisburger aller Gesellschaftsschichten. Für die „111 Fußballorte, die man gesehen haben muss“ habe ich daran, erinnert, dass auch der damalige Spieler des MSV, Klaus Thies, auf dem Plakat zu sehen gewesen ist. Mit einem Klick geht es zum Portrait der Ballerina Greetje Groenendyk für das Plakat auf der letzten Seite der Katalogvorschau.

Unter kunstinteressierten Fußballfreunden sei für Duisburg folgender Vergleich erlaubt: Im Werk des 1881 in Meiderich geborenen
Bildhauers Wilhelm Lehmbruck ist die »Kniende« wie das Spiel der Spiele von Bernard Dietz, der 1977 fast im Alleingang für den 6:3-Sieg des MSV Duisburg gegen den FC Bayern München sorgte. Anstrengung, das Ringen um das Ergebnis und die Zweifel am Erfolg sieht man dem Endstand genauso wenig mehr an wie der lang gestreckten Skulptur in Überlebensgröße. 1911 entstand ein erster Bronzeguss, und ein weiterer präsentiert sich rechts vom Weg zum Museumseingang, während die Steinskulptur in dessen Räumen betrachtet werden kann.
Ein Werk von solcher Bedeutung für Künstler und Kunstgeschichte wird dann genutzt, wenn wie 1976 das Museum eine Werbekampagne startet. Beauftragt war der Fotograf Gerd Jansen, dem ein doppeldeutiger Slogan einfiel, Zustandsbeschreibung und selbstbewusstes Statement zugleich: »An der Knienden kommt keiner vorbei«. Für die Fotos zum Slogan ließ Gerd Jansen Duisburger aller Gesellschaftsbereiche sich niederknien. Eine Ballerina etwa gab sich anmutsvoll, ein Müllmann massig, und der damals 25-jährige Klaus Thies vom MSV Duisburg zeigte sich an der Seitenlinie im Wedaustadion fußballerisch.
Vielleicht waren es seine glatten, etwas längeren Haare und sein eher hagerer Körperbau, die ihn als Lookalike der »Knienden« geeignet machten. Die Zeit hat die Erinnerung verwischt. Deutlicher konturiert sie sich für MSV-Fans der älteren Jahrgänge beim Namen Thies, obwohl er in der Historie des MSV Duisburg kein bedeutender Spieler wurde. Ihnen fällt sofort das Pokalfinale 1974 gegen Eintracht Frankfurt samt der einen großen Chance zum Führungstreffer ein, die Klaus Thies vergab. Vergessen ist dabei, dass sich der Spieler mit einem Sololauf über das halbe Spielfeld die Chance selbst erarbeitet hatte. Erinnerungen sind manchmal ungerecht.

Entnommen ist der Text dem Buch „111 Fußballorte im Ruhrgebiet, die man gesehen haben muss“. Im Buchhandel ist es nicht mehr erhältlich. Bei mir lässt es sich noch für € 9,90 inklusive Versand statt € 14,95 bestellen.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

Akzente 2017 inoffiziell: Heinrich Heine kannte Deutschland im Jahr 2017

Am Freitag sind die  38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Heinrich Heines literarisches Werk wurde in Deutschland bis Anfang der 1980er Jahre immer wieder herabgesetzt, weil er sich auch als politischer Schriftsteller verstand, als politischer Lyriker gar. Der romantische Dichter Heine wurde gegen den politischen Schriftsteller ausgespielt. Ein rechts-konservatives Milieu der deutschen Gesellschaft wollte von solchen Werken nichts wissen, die eine konkrete politische Entwicklung kommentieren.

Wer sich Heines Gedicht „Die Wahlesel“ anhört oder es liest, wird sofort verstehen warum. Auch in der Gegenwart wirkt es als satirischer Kommentar zu nationalistischem Populismus jedweder Art. Die Zeiten haben sich geändert, nationalistischer Populismus ist derselbe geblieben.

Das Gedicht ist im Nachlass erschienen. Das genaue Entstehungsjahr habe ich auf die Schnelle nicht herausbekommen. Wahrscheinlich wird es Ende der 1840er Jahre entstanden sein, als Kommentar zu Debatten in der Frankfurter Paulskirche, wo ab Mai 1848 die Nationalversammlung tagte.

Und nun Herr Heine, bitte schön.

Die Wahlesel

Die Freiheit hat man satt am End,
Und die Republik der Tiere
Begehrte, dass ein einzger Regent
Sie absolut regiere.

Jedwede Tiergattung versammelte sich,
Wahlzettel wurden geschrieben.
Parteisucht wütete fürchterlich,
Intrigen wurden getrieben.

Das Komitee der Esel ward
Von Alt-Langohren regieret.
Sie hatten die Köpfe mit einer Kokard,
Die schwarz-rot-gold, verzieret.

Es gab eine kleine Pferdepartei,
Doch wagte sie nicht zu stimmen.
Sie hatte Angst vor dem Geschrei
Der Alt-Langohren, der grimmen.

Als einer jedoch die Kandidatur
Des Rosses empfahl, mit Zeter
Ein Alt-Langohr in die Rede ihm fuhr,
Und schrie: Du bist ein Verräter!

Du bist ein Verräter, es fließt in dir
Kein Tropfen vom Eselsblute.
Du bist kein Esel, ich glaube schier,
Dich warf eine welsche Stute.

Du stammst vom Zebra vielleicht, die Haut
Sie ist gestreift zebräisch.
Auch deiner Stimme näselnder Laut
Klingt ziemlich ägyptisch-hebräisch.

Und wärst du kein Fremdling, so bist du doch nur
Verstandesesel, ein kalter.
Du kennst nicht die Tiefen der Eselsnatur,
Dir klingt nicht ihr mystischer Psalter.

Ich aber versenkte die Seele ganz
In jenes süße Gedösel.
Ich bin ein Esel, an meinem Schwanz
Ist jedes Haar ein Esel.

Ich bin kein Römling, ich bin kein Slaw.
Ein deutscher Esel bin ich,
Gleich meinen Vätern. Sie waren so brav,
So pflanzenwüchsig, so sinnig.

Sie spielten nicht mit Galanterei
Frivole Lasterspiele.
Sie trabten täglich, frisch-fromm-fröhlich-frei,
Mit ihren Säcken zur Mühle.

Die Väter sind nicht tot! Im Grab
Nur ihre Häute liegen,
Die sterblichen Hüllen. Vom Himmel herab
Schaun sie auf uns mit Vergnügen.

Verklärte Esel im Gloria-Licht!
Wir wollen Euch immer gleichen
Und niemals von dem Pfad der Pflicht
Auch nur einen Fingerbreit weichen.

O welche Wonne, ein Esel zu sein!
Ein Enkel von solchen Langohren!
Ich möcht es von allen Dächern schrein:
Ich bin als ein Esel geboren.

Der große Esel, der mich erzeugt,
Er war von deutschem Stamme.
Mit deutscher Eselsmilch gesäugt
Hat mich die Mutter, die Mamme.

Ich bin ein Esel, und werde getreu,
Wie meine Väter, die Alten,
An der alten, lieben Eselei,
Am Eseltume halten.

Und weil ich ein Esel, so rate ich Euch,
Den Esel zum König zu wählen.
Wir stiften das große Eselreich,
Wo nur die Esel befehlen.

Wir alle sind Esel! I-A! I-A!
Wir sind keine Pferdeknechte.
Fort mit den Rossen! Es lebe, hurra!
Der König vom Eselsgeschlechte!

So sprach der Patriot. Im Saal
Die Esel Beifall rufen.
Sie waren alle national,
Und stampften mit ihren Hufen.

Sie haben des Redners Haupt geschmückt
Mit einem Eichenkranze.
Er dankte stumm, und hochbeglückt
Wedelt er mit dem Schwanze.

 

Es gibt zwei wunderbare Rezitationsfassungen des Gedichts von Lutz Görner. Nehmt euch die kurze Zeit und hört euch wenigstens eine dieser ausdrucksstarken Auftritte an. Bei dem älteren Bühnenauftritt überraschte mich die Reife der Rezitationsstimme schon des jungen Lutz Görner. Mir war das nicht bewusst, auch wenn ich ich ihn bereits Mitte der 1980er Jahre im Kölner Schauspielhaus gesehen habe. Er war es, der mir zum ersten Mal die Gedichtrezitation als ein bereicherndes Kulturerleben nahe brachte.

In der anderen Fassung ist Lutz Görner einige Jahre älter und nicht minder ausdrucksstark. Die Wahlesel, ab Minute 4.17

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.

Trotz krankheitsbedingtem Zuschauerausfall endlich wieder siegen

Die Zuschauer beim Spiel des MSV gegen Rot Weiß Erfurt mussten die Zebras mit einem Mann weniger unterstützen. Eine beginnende Erkältung raubte mir Kraft, und was übrig blieb brauchte ich für den Abend für die Lesung im RuhrKUNSTort. Schonung war also angesagt, damit die Veranstaltung so gelingen konnte, wie es dann geschah. Ich gab Prosa über Ruhrort in den 1960ern zum Besten, ich streute Komik und Witz mit Lyrik ein und natürlich las ich auch aus „Mehr als Fußball„. Bei Funkes WAZ/NRZ gibts einen Eindruck von der Lesung.

Im Stadion am Nachmittag konnte der Mann weniger durch gute Stimmarbeit kompensiert werden. In der TV-Übertragung war das deutlich zu hören. Erleichterung herrscht nun allerorten nach diesem 3:2-Sieg. Unsicherheit war zu Beginn des Spiels spürbar. Der frühe Rückstand nach dem Fehler von Dustin Bomheuer schien die Köpfe endgültig  frei zu machen. Der MSV wollte den Sieg und drückte die Erfurter in deren eigene Hälfte. Während ich noch letzte Änderungen an der Setlist meiner Texte für den Abend machte, fielen Ausgleich und 2:1 durch Stanislav Iljutcenko. In der Kopfballabfolge beim Führungstor war zunächst Branimir Bajic am Ball. Er spielte wieder, und dabei haben wir zunächst immer die Stabilität in der Defensive im Auge. Doch auch in der Offensive verbreitet er als Kopfballspieler oft Gefahr. Was aber für mich am meisten zählt und nicht wirklich als Leistung messbar ist, heißt Erfahrung, die ins Mannschaftsspiel eingeht. Die Ruhe, die er ausstrahlt, dient dem gesamten Team als Stützpfeiler.

Wie zu erwarten war, spielten die Erfurter nach der Halbzeitpause mutiger. Deshalb ist der Ärger des Gasts über den Elfmeterpfiff verständlich. An einen Pfiff nach einer solchen Aktion des Torwarts kann ich mich nicht erinnern. Wie dem auch sei, Branimir Bajic vewandelte zum 3:1. Wunderbar, wie dieser Mann sich über das Tor freute. Auch in dieser Freude ist sein Wert für die Mannschaft erkennbar. In dieser Freude zeigte sich der Wille dieses Spiel zu gewinnen.

Eigentlich hatte Fabian Schnellhardt dem Tackling von hinten nach seinem Platzverweis doch abgeschworen. Wahrscheinlich war es nur das platzverweis-würdige Foul. Nun sollte er auch das Strafraum-Tackling von hinten aus seinem Repertoire nehmen. Der fällige Elfmeter wurde verwandelt und machte das Spiel noch einmal spannend. Oder sagen wir es so, der Anschlusstreffer schenkte uns ein Heimatgefühl, das Bangen um den MSV in den Schlussminuten. Nun sind es wieder sieben Punkte Vorsprung auf den dritten Platz. Ja, auch ich bin sehr erleichtert.

Akzente 2017 inoffiziell – Als in den 1920ern im Park der Tonhalle die Knieende aufgestellt wird

Am Freitag sind die  38. Duisburger Akzente eröffnet worden. In diesem Jahr lautet das Motto des Kulturfestivals Umbrüche. Ich begleite die Akzente mit einem inoffiziellen Programm im Zebrastreifenblog nunmehr im dritten Jahr. Ob ich an jedem Tag Zeit und Idee für einen Programmbeitrag habe, weiß ich am offiziellen Eröffnungstag nie. Eine Unwissenheit, die zum Motto der Akzente in diesem Jahr passt. Wenn sich etwas umfassend verändert, eben das geschieht, was gemeinhin mit einem Umbruch einhergeht, dann ist eins gewiss, wie das Leben nach einem solchen Umbruch aussieht, weiß niemand genau. Behauptet wird zumeist etwas anderes.

Wo sich früher der Tonhallenpark befand, steht heute das CityPALAIS.

Dieser innerstädtische Park Duisburgs entsteht, als die Tonhalle 1887 gebaut wird. Er macht dem wachsenden Bürgertum der Stadt das neue Konzerthaus repräsentativer, wird er wie bei einem herrschaftlichen Anwesen doch von einer halbhohen Mauer mit schmiedeeisernem Zaun umschlossen. Bei Konzerten Zutritt erlaubt! Das ändert sich erst 1927, nachdem der Rat der Stadt beschließt, die Mauer einzureißen und den Park in eine öffentliche Grünanlage umzuwandeln. Derart dem städtischen Leben anvertraut, soll dort auf dem Rasen für die Duisburger auch die Begegnung mit bildender Kunst möglich sein. Schon lange schlagen der Museumsverein und sein Vorsitzender, Professor Dr. August Hoff, vor, den bekanntesten Künstler der Stadt, den Meidericher Bergarbeitersohn Wilhelm Lehmbruck, mit der Aufstellung eines seiner Werke zu ehren. So wird ein Bronzeguss der 1911 geschaffenen »Knienden« probeweise aufgestellt.

Die lang gestreckte Frauenfigur in Überlebensgröße gilt als eines der bedeutendsten Werke Lehmbrucks. In Duisburg kommt es nun zum innerstädtischen Streit. Schimpfende Passanten können sich durch die konservative Presse bestärkt fühlen. Als »Volkes Stimme« versteht sich diese und befeuert mit hetzerischen Worten die Empörung gegen die »Neandertalerin« und das »Produkt einer irregeleiteten Phantasie«. Publizistische Unterstützung erhält die Stadtführung nur von außerhalb. Die linken und liberalen Zeitungen Duisburgs berichten zurückhaltend neutral. Gehandelt wird auch: Schülerinnen verhängen die Skulptur mit einem Laken. Junge Männer beschädigen sie schwer, indem sie sie umstoßen. Trotz des Widerstands bleibt der Rat der Stadt bei seinem Entschluss. Die weiterhin erscheinenden Polemiken gegen die »Kniende« verebben nun langsam. Doch deren Unterton wird politischer. Die hetzerischen Worte gegen die »Kniende« sind eines der Vorzeichen für die Nazi-Diktatur.

Entnommen ist der Text aus dem von mir als Ralf Koss geschriebenen Buch „111 Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen. Emons Verlag.“ Die Historie des Ruhrgebiets hat mich seitdem nicht losgelassen. „Orte, im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen“ heißt mein Blog zum Thema. Pressestimmen und Informationen zum Buch gibt es dort ebenfalls.

Mit einem Klick weiter zu allen Beiträgen des inoffiziellen Akzente-Programms 2017 im Zebrastreifenblog.


JETZT BESTELLEN
Das Buch über den Sommer 2013 in Duisburg rund um den MSV bis zum Wiederaufstieg zwei Jahre später

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 9,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: