Ruhrstadtwirklichkeit 1966 – Industrie, Brieftauben und RWE

Vorschlagslisten im Netz sind ja nicht grundsätzlich von Übel. Man sollte nur ein paar kluge, denkende Menschen in seinen Social-Media-Listen dabei haben, deren sehr individuelle Vorschlagsangebote den eigenen vor sich hinköchelnden Saft mit neuen Zutaten versehen. Das sage ich, weil ich vorhin bei youtube eigentlich ganz andere Clips mit historischen Aufnahmen gesucht habe und dann in der Vorschlagsliste am Seitenrand der nun folgende Clip erschien. Ich reiche den gleich mal weiter, auch wenn der gezeigte Ruhrstadtfußball vom Essener Stadtteilverein Rot-Weiss exemplarisch dokumentiert wurde.

Nebenbei gesagt, interessant, dass solche dort gezeigte Vergangenheit auch Last sein kann. Weil gerade die Spielergebnisse von RWE nicht ganz mit dem Aufbruchsgefühl der Vorsaison zusammenpassen, erinnert sich in Essen mancher gerne an alte Zeiten, ein „Mühlstein am Hals“ wie André vom RWE-Blog Catenaccio 07 solche Tradition deshalb nennt. Als Kehrseite zeigt sich beim Rückgriff auf die Tradition eines Vereins die schnell vorhandene rückwärtsgewandte Perspektive, aus der sich für die Gegenwart keine Kraft und Energie schöpfen lässt.

Fußball ab Minute 0.59.

Wie lebt es sich als Fan des Aufstiegsfavoriten?

Jahr um Jahr sind wir zu diesem MSV Duisburg ins Stadion gegangen und wussten, bei einem Spiel des MSV Duisburg kann alles geschehen. In manchen Spielzeiten gab es irgendwann mehr Siege als Niederlagen, doch sicher konnten wir uns nicht sein. Und nun drängt sich ein völlig neues Gefühl bei einem Fußballspiel des MSV auf. Ich zöger noch etwas, davon zu schreiben. Fünf Spieltage hat es erst gegeben. Deshalb habe ich Sorge, voreilig zu sein. Doch der Verlauf des Spiels gegen den 1. FC Magdeburg ist ein weiterer Beleg dafür, dass dieser MSV Duisburg in dieser Saison den Erwartungen gerecht wird. Dieser MSV Duisburg erweist sich tatsächlich als Favorit auf den Aufstieg. Zusammen mit der Mannschaft beginnen wir die Sicherheit zu gewinnen, Spiele aus eigener Kraft zu gestalten, Rückschläge wegzustecken und souverän genug zu sein, das gesteckte Ziel zu erreichen.

Natürlich sind wir uns einig, für die völlige Sicherheit im neuen Fangefühl hätten die letzten 20 Minuten der Begegnung etwa  souveräner gespielt werden müssen. Doch der Auftritt bei diesem 2:1-Auswärtssieg bis dahin hat mich mit diesem neuen Gefühl als Anhänger des MSV sehr vertraut gemacht. Wie ungerührt hat die Mannschaft den frühen Rückstand hingenommen. Das erwarte ich von einem Aufstiegsfavoriten. Mark Flekken hat einen einfachen Schuss zwischen seinen auffangbereiten Armen durchrutschen lassen. Solche Fehler können passieren. Eine Mannschaft, die sich ihrer Stärke sicher ist, beunruhigt das nicht. Dann muss eben noch ein Tor mehr erzielt werden. Spielen wir also weiter wie bisher. So war das zu sehen.

Die Mannschaft des MSV trat sehr spielstark auf. Kombinationen durch das Mittelfeld, wechselten sich mit halblangen Bällen auf die Flügel ab. Variantenreich wurde gespielt und souverän der Ball kontrolliert. Diese Ballkontrolle führte vom Anpfiff an zum Druck auf die Magdeburger Defensive. Das frühe Gegentor ergab keinen Bruch in diesem Spiel. Wenn zudem Branimir Bajic seine alte Topscorer-Stärke nach Eckbällen auspackt, fällt zwangsläufig der Ausgleich. Ecke Janjic, Kopfballtor Bajic. In welcher Saison war es nochmal, als Bajic im Strafraum bei Eckbällen fast nach Belieben traf. Ich übertreibe etwas. Also, auf dem Boden bleiben, und keine Aufstiegsfavoriten-Euphorie entwickeln. Solide Aufstiegsfavoriten-Zuversicht reicht.

Der MSV bestimmte das Spiel und war präzise in der Spielanlage. Dagegen verfehlte beim FC Magdeburg schon vor dem Strafraum der letzte Pass meist den Mitspieler. Gelangte die Manschaft überhaupt einmal in den Strafraum, waren die Abschlüsse ungenau. Große Sorgen machte ich mir nicht. Dafür konnten wir einmal mehr zur Schublade mit dem Wort Chancenverwertung greifen. Eine scharfe Hereingabe traf Zlatko Janjic vor dem leeren Tor nicht richtig. Der Ball ging vorbei. Tugrul Erat machte es wenig später besser, als er in die Spitze gelaufen war und er einen von der Fußspitze Fabian Schnellhardts abtropfenden Ball in den Lauf erhielt. Die Führung war verdient.

Diese Führung hätte in der zweiten Halbzeit ausgebaut werden können. Dann hätte es die leichte Unruhe zum Spielende hin nicht gegeben. Daran muss weiter gearbeitet werden. Ein schneller Einwurf von Kevin Wolze auf Stanislav Iljutcenko, der freie Bahn aufs Tor hatte. Den Ball behauptete er ganz stark gegen den von hinten attackierenden Magdeburger, doch seinen Schuss im Strafraum parierte der Magdeburger Torhüter. Chancenverwertung – ein zweites Mal hervorgeholt. Danach begann allmählich jene Spielphase, in der die Magdeburger immer mehr Spielanteile erhielten. Klare Chancen konnten sie sich dennoch nicht erspielen. Ob die Magdeburg das Gleichgewicht im Spiel nun eroberten oder der MSV es durch defensive Wechsel ermöglichte, ist nicht ganz so eindeutig. Beides greift ineinander.

Vielleicht waren diese letzten zwanzig Minuten auch eine notwendige Mahnung, sich mit dem Favoritendasein weiterhin ganz allmählich vertraut zu machen. So einfach ist so eine Haltungsänderung für uns Fans auch nicht. Wir müssen alle hineinwachsen in dieses Favoritendasein. Vom Staunen wie es sich als Favorit so anfühlt, ist jedenfalls im Netz bei vielen Anhängern des MSV egal auf welchen Kanälen zu lesen.

Fundstück: Antiker Sportjournalismus

Der Artikel liegt schon etwas länger auf meinem Schreibtisch. Für die Wochenendaussgabe vom 6./7. August hat Peter Linden für die die Süddeutsche Zeitung mir dem amerikanischen Archäologen Stephen G. Miller ein Interview über den Sport der Antike geführt. Das Interview steht nicht online.

Neben Olympia hatte es weitere Sportstätten der Panhellinischen Spiele gegeben. Der Archäologe hat mit seinem Team Nemea ausgegraben. Im Interview kommt immer wieder zur Sprache, wo sich Strukturen des heutigen Sports in dem der Antike wiederfinden. Mir gefällt sein Verweis auf den griechischen Dichter Pindar sehr. Überlieferung, Kanonbildung, Geschichtsschreibung  Man weiß es ja, wie sehr Macht und Geld Perspektiven bestimmen. Manchmal aber muss man das Bekannte wiederholen, besonders wenn es auf solch originelle Weise geschieht.

 

antiker_Journalismus

Süddeutsche Zeitung, 6./7. August 2016, S. 42

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 27: Die Treuen Bergvagabunden – Oh, mein MSV

Volksmusik trifft punkigen Rockabilly, so wird jedenfalls im kurzen Portrait die Musik der heute vorgestellten Heimatlied-Band bei Funkes Der Westen beschrieben. Die Treuen Bergvagabunden kommen aus Rheinhausen und haben sich für ihren Bandnamen von einem alten Heino-Lied inspirieren lassen. Seine schlagerhaften Volkslieder finden sich deshalb auch im Repertoire der Band, die bei Facebook eine Seite online gestellt hat. Für das Heimatlied, das heute zugleich ein MSV-Song ist, hat die Band aber den französischen Popklassiker von Joe Dassin Champs Elysée gecovert. Eine gute Wahl, weil bestens zum Mitsingen geeignet.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Zukunft durch Produktkonzentration nach Pokal-Aus

Bei uns in der Selbsthilfegruppe haben wir schon viele solcher Geschichten wie über den MSV am Sonntag gehört. Oft fließen dann Tränen. Wir Anonymen Unternehmenslenker kennen die Härten des Lebens. Da sitzen dann alte Herren der Familienunternehmen neben den CEOs von international operierenden Branchenführern, und ein paar Frauen haben wir auch dabei. Das ist gut, und es werden mehr. Alle kommen sie immer gerade von irgendeiner Besprechung. Alle haben eigentlich kaum Zeit, aber alle nehmen sie sich. Denn jeder von uns hat es schon erlebt, und wir wissen, es kann jeden von uns wieder treffen. Einer beschäftigt sich gerade mit Sicherheit wieder in seinem Unternehmen mit einem Produkt, bei dem es nicht so läuft. Irgendeiner muss gerade versuchen, das Beste draus zu machen. Oft steht dann am Ende die Entscheidung, weg vom Markt, hin zur Produktkonzentration.

Wenn das jemand schließlich ausgesprochen hat, ist alle Trauer auch fast schon verflogen. Dann sehen wir alle nach vorne. Das gilt immer. Ich war auch im Stadion beim Pokalspiel gegen Union Berlin. Was war das für eine Enttäuschung, diese 2:1-Niederlage nach Verlängerung.  Aber sprecht das mal nach: Wir bekommen nicht das, was wir uns wünschen, sondern das, was wir brauchen. So Sachen sagen wir Anonymen Unternehmenslenker ständig. Das hilft. Ivo, kann ruhig mal vorbeikommen und das ausprobieren.

Wenn die Mannschaft aus diesem Spiel Selbstvertrauen schöpft, ist mir um die 3. Liga nicht bange. In der ersten Halbzeit hat der MSV das Spiel bestimmt, und es wurde deutlich, woran es hapert. Je schneller das Spiel wird, je schneller die Gegenspieler den ballbesitzenden Spieler pressen, desto mehr geraten einige wenige Spieler des MSV so unter Druck, dass ihre Zielgenauigkeit im Umgang mit dem Ball leidet. Direkt vor dem Tor ist der Zeitdruck immer hoch. Deshalb braucht die Mannschaft auch viele Chancen, um ein Tor zu erzielen. Dennoch war eindrucksvoll zu erkennen, wie sehr diese Mannschaft inzwischen organisiert ist. Im Unterschied zu den letzten drei Spielzeiten verwirklicht sie sowohl offensiv als auch defensiv den Plan, den der Trainer dem Spiel zugrunde gelegt hat. Es gibt eine klare Struktur und aus dieser Struktur heraus entwickelt sich das Zufällige eines jeden Fußballspiels.

Dieses Spiel ist nicht mehr nur von der Dynamik des Augenblicks abhängig, die sich im Verlaufe eines Spiels durch den Erfolg einzelner entwickelt. Es macht Spaß, das zu sehen, und deshalb ist die Enttäuschung nach dem Spiel um so größer. Bis etwa fünf Minuten vor dem Schlusspfiff der normalen Spielzeit gab es alle Chance auf einen verdienten Sieg. Nichts wäre durch Glück ermöglicht worden. Alles wäre eigener Verdienst gewesen. Diesen Sieg gab es nicht zu feiern, weil die Kraft in der Verlängerung fehlte. Schon in den letzten fünf Minuten ließ sich vermuten, dass Unions Chance auf den Sieg größer geworden war.

Eine zweite Halbzeit lag hinter uns, in der der MSV zunächst weiter die Spielkontrolle behielt, wenn auch Union etwas stärker wurde. Dass das 1:0 für Union fiel, schien mir aber auch schon ein Zeichen erster Schwäche zu sein. Zu leicht fiel dieses Tor. Zu offen war die Defensive, irriritiert war die Konzentration der Defensive, als der Stürmer von Union im Zentrum des Strafraums völlig frei stand. Wider Erwarten ließ dieser Rückschlag die Mannschaft nicht resignieren. Sie spielte weiter, mühte sich in der engen Defensive um den Ausgleich und war erfolgreich.

Das ist ebenfalls eine gute Botschaft aus diesem Spiel. Die Mannschaft wird von einem taktischen Gerüst getragen, das ihr hilft nach Rückschlägen zurück zu kommen. Sie muss nicht auf Einzelaktionen vertrauen. Die Enttäuschung kann aufgefangen werden und mündet sofort in nächste Offensivaktionen. Stanislav Iljutcenko erzielte den Ausgleich nur kurze Zeit nach dem Rückstand, und alles schien wieder offen, wenn auch die Aktionen vor dem Tor nicht mal mehr zu Chancen wurden. Mark Flekken bewahrte kurz vor Schluss mit einem großartigen Reflex das Unentschieden. Das war das deutlichste Zeichen, es könnte schwer werden in der Verlängerung.

In der Verlängerung wurden die Offensivaktionen des MSV nicht mehr wirklich gefährlich. Dagegen kam Union dem Tor deutlich näher. Wir hofften auf das Glück. Dieses Glück blieb dem MSV vorenthalten. Es fiel der Siegtreffer für Union, in einer Spielsituation, in der einige Spieler des MSV so wirkten, als hätten sie auf den Pfiff des Schiedsrichters gewartet. Ein Handspiel bei Union wurde kurz reklamiert. Einige schienen verlangsamt zu reagieren, während Union munter weiterspielte. Den ersten Schuss von der Strafraumgrenze konnte Mark Flekken noch klären, den zweiten aus ähnlicher Distanz dann nicht mehr. Erst im Nachhinein zeigten die TV-Bilder, dass vor allem Fabian Schnellhardt dem Ball die Geschwindigkeit gegeben hat und der Stürmer Unions den Ball allenfalls etwas berührte.

Der MSV mühte sich weiter, doch kein kontinuierlicher Druck auf das Berliner Tor gelang. Die letzte Spielaktion war bezeichnend für das gesamte Spiel. Eine Chance, kein Tor. Noch einmal wurde der Ball hoch in den Strafraum geschlagen. Ich meine, es war Dustin Bomheuer, der den Ball per Kopf in Richtung hinteren Pfosten verlängerte, wo Simon Brandstetter vollkommen frei stand. Kein Torwart hätte seinen Ball aus dem Eck herausgeholt. Doch diese letzte Riesenchance wurde vergeben. Der Ball ging neben das Tor.

Wenn ich morgen wieder im Gemeinderaum mit meinen Anonymen Unternehmenslenkern zusammensitze, werde ich vom MSV erzählen. Mit dem Ausscheiden aus dem DFB-Pokal verliert der MSV  von jetzt auf gleich den Zugang zum Pokalmarkt, aber ich bin sicher, das wird nur vorübergehend sein. Wenn die Mannschaft sich nun auf ihre Kernkompetenz beschränkt, kann sie gestärkt in der nächsten Saison diesen Pokalmarkt angehen. Als Aufstiegsfavorit gehört die Mannchaft zu den Branchenführern der 3. Liga. Manchmal führt die Konzentration auf einen Markt erst zu dem Erfolg, der eine solide Basis schafft und alles weitere möglich macht. Wir Anonymen Unternehmenslenker wissen, wovon wir sprechen.

Wer den Blick aus Berlin kompakt haben möchte, ist beim Textilvergehen gut bedient, samt weiterführenden Links zu den lokalen Medien.

Halbzeitpausengespräch: Ruhrtriennale – Urban Prayers Ruhr

Der Ort der Aufführung gehört zum künstlerischen Konzept. Urban Prayers Ruhr, die erste Veranstaltung der diesjährigen Ruhrtriennale in Duisburg, fand am Sonntag in der DITIB-Merkez Moschee statt. Die Moschee in Marxloh gehört zu insgesamt sechs Begegnungsstätten unterschiedlicher Religionsgemeinschaft der Ruhrstadt, in der bis Mitte September die Text- und Lied-Collage von Björn Bicker zu sehen ist. Das Kunstprojekt soll zugleich Anlass zur Begegnung sein. Politische Diskussionen zur Türkei und zum Islam rücken in den Hintergrund, wenn bei Sonnenschein, Speisen und Getränken im Hof der Moschee der persönlicher Kontakt zwischen Besuchern der Ruhrtriennale und Gläubigen, die sich der Moschee verbunden fühlen, möglich ist. Die Hoffnung auf Verständigung erhält Bilder. Wovon später noch zu sprechen sein wird.

Mit Urban Prayers Ruhr hat Björn Bicker einen Text für die Ruhrstadt-Wirklichkeit umgeschrieben, der 2013 in München erstmals aufgeführt wurde. Zwei Schauspieler, und drei Schauspielerinnen lesen als „Chor der Gläubigen“ eine Collage aus Meinungen und Erzählungen über den Ruhrstadt-Alltag aus der Perspektive von Gläubigen der unterschiedlichen Religionen. Das sind oft widersprüchliche Sätze, die als bewusst gesetzter Effekt sich in einer der Schauspielerstimmen vereinen. Das ist eine der besonderen Einsichten dieser Collage, die Vielfalt der Haltungen, die zugewanderte Gläubige zu dieser deutschen Gesellschaft haben. Denn ein Thema kehrt in diesem Chor-Text immer wieder. Wie gehören wir als Gläubige dazu? Der religiöse Glauben erhält eine sehr weltliche Dimension, denn auch die Zugehörigkeit erweist sich als Glaube, der allerdings mit konkreten Erfahrungen im Alltagsleben bewiesen werden kann. Aus Glaube wird dann der rationale Beweis, der trennt oder zusammenführt.

Um sieben Themen herum hat Björn Bicker seine Collage arrangiert. „Fahren“, „Helfen“ oder „Bauen“ bieten Anlass zu einem  mehrstimmigen Gedankenfluss, für den das Grundthema Glauben der Nährboden ist. Immer wieder tauchen auch grundsätzliche Beschreibugen des Alltags auf, die auch Ungläubige äußern könnten. Das Zusammenleben wird angesprochen, Schwierigkeiten und Gelingen. Das Ringen um Selbstbewusstsein und Identität ist immer nahe. Fragen der Lebensführung in den Regeln des Glaubens werden berührt, das Verhältnis von Unglauben und Religiösität. Von Erfahrung mit Vorurteilen ist zu hören. Manchmal entsteht Komik.

Der gesprochene Chor wechselt sechsmal in den Chorgesang über. Das großartige ChorWerk Ruhr übernimmt dann und trägt sechs Lieder vor aus den verschiedenen Glaubensrichtungen. Jedes einzelne dieser Lieder wird zu einem Ereignis. Es verbreitet sich der Zauber einer einzigen vollkommenen Stimme, die sich teilen kann und wieder zusammen findet. Welch voluminöser Klangkörper ist dieses ChorWerk Ruhr. Welch einzigartigen Chor gibt es da in dieser Ruhrstadt.

Der Gedankenfluss der Texte hätte an manchen Stellen pointierter sein können. Für mich wiederholte der gesprochene Chortext zum Ende hin zu oft etwas, was ich schon gehört hatte. Zu oft wurden dieselben Themen in zu wenig Variation aufgegriffen. Das ist allerdings nur ein kleiner Makel eines sehenswerten Ruhrtriennale-Projekts.

Im Programmheft beschreibt Björn Bicker unter der Überschrift „Wie wir leben wollen“ eine Hoffnung, und damit komme ich noch einmal auf das zu sprechen, was im Innenhof der Moschee vor und nach der Veranstaltung zu sehen war. Björn Bicker hat für sein Projekt mit Ruhrstädtern gesprochen und sie gefragt, was ihnen am Ruhrgebiet besonders gefällt. Fast jedes Mal sei die Antwort dieselbe gewesen: die Vielfalt. Für ihn beantwortete das zugleich die Frage, in welchem Land wir leben wollen. Er weiß, eine an den Menschen orientierte Sozial- und Bildungspolitik muss hinzu kommen, dann könnten wir vielleicht irgendwann ganz selbstbewusst sagen: In Vielfalt vereint.

Wahrscheinich wird er bei den meisten im Publikum an diesem Sonntag mit solchen Sätzen offene Türen einrennen. Der Alltag mit Schwierigkeiten des Zusammenlebens ist weit weg an einem solchen Sonntag, vielleicht ist so ein Alltag für viele im Publikum grundsätzlich weit weg. Auch DITIB als politisches Problem hat es an diesem Sonntag nicht gegeben. Dennoch brauchen wir diese Bilder des Gelingens. Nichts spricht gegen sie.

Weitere Vorstellungen:

21. August, 16 Uhr: House of Solution, Mülheim a. d. Ruhr
28. August, 14.30 Uhr: Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel, Hamm
4. September, 16 Uhr: Lutherkirche, Dinslaken-Lohberg
11. September, 15 Uhr: Serbisch-Orthodoxe Kirche, Dortmund-Kley
18. September, 16 Uhr: Synagoge Bochum

Eintrittskarten und weitere Informationen mit einem Klick zur Seite der Ruhrtriennale

Drei Minuten Wettkampfmodus reichen zu guter Stehplatzleistung bei einem 4:0

Nach dem Schlusspfiff im Spiel des MSV Duisburg gegen die zweite Mannschaft von Mainz 05 war ich sehr zufrieden. In meinem Alter ist es gut, die Kräfte auch mal schonen zu können. Zumal das Pokalspiel am nächsten Sonntag gegen Union Berlin wahrscheinlich vollen Einsatz verlangen wird. Etwa drei Minuten Wettkampfmodus genügten mir auf meinem Stehplatz, um den 1:0-Vorsprung in eine etwas gesichertere Zwei-Tore-Führung zu verwandeln. Das war Effizienz, die Nerven schonte, dem Blutdruck zugute kam und meine grundsätzliche Entspannung aus der ersten Halbzeit in einen Dauerzustand verwandelte. Derart unaufgeregt schaue ich mir Spiele des MSV eigentlich nur nach einem endgültigem Abstieg an. Wann es das letzte Mal so gewesen ist bei einem Spiel, bei dem es für den MSV um etwas geht, daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Meine Wettkampfeffizienz auf dem Stehplatz war möglich, weil die Spieler des MSV von Anfang an sehr wohl die nötige Spannung und Konzentration im Spiel zeigten, um erfolgreich zu sein. Kingsley Onuegbu stand zum ersten Mal in dieser Saison beim Anpfiff auf dem Spielfeld, und so versprach es interessant zu werden, wie der kontrollierte Spielaufbau mit diesem völlig anderen Stürmertyp als bislang funktionieren würde. Eines war von Anfang deutlich, an dem Grundsatz, den Spielaufbau so weit wie möglich kontrolliert zu versuchen änderte sich nichts. Es gab lange Bälle auf den King, doch sie waren Ausnahmen von der Regel, wie die Mannschaft ihr Spiel offensiv gestalten wollte. Sie waren Variationen eines Spiels, dessen Grundsatz weiterhin der kontrollierte Ballbesitz war.

Erleichtert wurde dieser Plan durch eine frühe Führung. Schon in der 13. Minute köpfte Zlatko Janjic das 1:0, nachdem sich Kevin Wolze schön auf dem Flügel durchgesetzt hatte und frei zur Flanke gekommen war. Danach gab es also die Gelegenheit, das zu schaffen, was in Münster gescheitert war, den Sieg durch ein zweites Tor wahrscheinlicher zu machen. Geduldig wollten wir sein zusammen mit der Mannschaft.

Die Geduld wurde nicht belohnt. Andererseits konnte ich völlig entspannt bleiben, weil die Mainzer Offensive zunächst im Grunde nicht vorhanden war. Erst zum Ende der Halbzeit hin gelang es den Mainzern zwei-, dreimal über die linke Defensivseite des MSV durchzubrechen. An meiner Grundentspannung änderte das nichts. Dazu war das Spiel insgesamt zu langsam. Diese Ballkontrolle des MSV verlangt in der Vorwärtsbewegung irgendwann Tempo, eine plötzliche schnelle Aktion. Sonst bleibt jede Spielaktion harmlos und bewirkt keinen Druck auf die gegnerische Defensive. Dieses Tempo gab es nicht, weil Pässe zu unpräzise waren und Spieler zu langsam. Auf beiden Seiten war das so. Gut, dass ich entspannt war. Gut, dass ich mich nicht aufregte.

Denn in der zweiten Halbzeit setzte sich erfolgreich fort, was zuvor ohne Tor geblieben war. Für den verletzten Zlatko Janjic war Stanislav Iljutcenko ins Spiel gekommen. Statt längerer Pässe variierten nun Einzelaktionen sowohl von Iljutcenko als auch von Thomas Bröker das kontrollierte Flügelspiel. Allmählich gelang es nun, Tempo ins Spiel zu bringen. Ich selbst begann in den Wettkampfmodus zu kommen, damit endlich das zweite Tor fiele. Durchbrüche über die Flügel führten nun zu Flanken in den Strafraum, und das war das Spiel von Kingsley Onuegbu. Zweimal war er an der richtigen Stelle. Einmal schoss er freistehend ein, nachdem sich Kevin Wolze einmal mehr auf der Außenbahn durchgesetzt hatte. Meine Entspannung war augenblicklich wieder da. Das andere Mal sprang er höher als seine Gegenspieler und köpfte nach einem Eckball ein. Mit diesen zwei Toren war das Spiel in der 69. Minute entschieden.

Stanislav Iljutcenko war damit noch nicht zufrieden und attackierte weiterhin die Mainzer Defensive beim Spielaufbau. Eine Minute später nahm er einem Mainzer Verteidiger den Ball ab und stürmte auf das Tor zu. Souverän umkurvte er den herauslaufenden Mainzer Torwart und erzielte das 4:0. Wenn man so entspannt ist wie ich, darf man auch mal die völlige Zufriedenheit auskosten. Ich dachte, jegliche Spekulation über ein Torverhältnis könnte sich mit der Zeit als völlig überflüssig erweisen.

Heute lässt mich meine Entspannung sogar ein wenig Wasser in den Wein gießen, damit etwas klar erkennbar wird. Nach den ersten drei Spielen gab es viele Fans, die in Kingsley Onuegbu den Heilsbringer beim Beheben der Abschlussschwäche sahen. Sie können sich bestätigt fühlen. Doch die Aufstellung vom King hat einen Preis. Der MSV zahlt mit dem Verlust von Tempo in der Offensive. Wenn der King spielt, verliert der MSV Dynamik im Spiel.

Die erste Halbzeit zeigte die Begrenzung des kontrollierten Spielaufbaus mit Kingsley Onuegbu in der Spitze ganz deutlich. Das Spiel war langsam, plätscherte dahin und steile Bälle in die Spitze waren vergebliche Bälle – mit einer Ausnahme, bei der Kingsley Onuegbu schon kurz nach der Mittellinie den Ball erhielt und dank seiner körperlichen Präsenz und Technik bis in den Strafraum laufen konnte, wo er letztlich den Ball verlor. Ob mit oder ohne Foul ließ sich von der Gegenseite aus nicht genau erkennen. Die steilen Pässe in den Strafraum aber gingen ins Nichts. Das waren jene Pässe, die Stanislav Iljutcenko in Osnabrück annehmen konnte, um sich sogar Eins-zu-Eins-Situationen gegen den Torwart zu erspielen. Wir kennen das Ergebnis, Tore gab es keine, also, Nachteil hier Abschlussschwäche.

Kurzum: Es gibt keinen deutlichen Vorteil bei den unterschiedlichen Besetzungen, auch wenn der hohe Sieg das im ersten Moment suggeriert. Es werden Mannschaften defensiv besser aufgestellt sein, und dann wird entweder der Pass auf den King zum Problem oder er selbst wird im Strafraum gar nicht an die Stelle gelangen, um seine Tore machen zu können. Momentan gibt es keine ideale Lösung in der Besetzung des Sturms, weil der Vorteil des einen Spielers mit einem Nachteil einhergeht. Erst die Entwicklung des Spiels erweist, ob die Entscheidung für eine bestimmte Aufstellung richtig oder falsch war. Das ist banal, aber nach dem hohen Sieg möchte ich in all meiner Entspanntheit doch darauf hingewiesen haben. Ganz lässig mal rauszuhausen, das könnte auch alles mal anders kommen, das fühlt sich schon gut an, wenn alles bestens gewesen ist.


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