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Leider langen Kampf und Leidenschaft nicht immer

Neu trifft auf neu. Denn der MSV probiert gerade ein neues Format aus, einen neu verpflichteten Spieler seinen Anhängern vorzustellen. Da begleiten zwei MSV-Fans den ersten Termin zur Öffentlichkeitsarbeit, da erhält der Clip eine beschwingte Hintergrundmelodie und das obligatorische Interview wird mit allerlei Szenen aus diesem Tag gegengeschnitten. Journalistisches Format und PR nähern sich schon seit langem an.

Wenn man weiß, wo eine Botschaft herkommt, ist das kein Problem. Zumal MSV-Pressemann Martin Haltermann interessante Fragen stellt, die jeden Anhänger eines Vereins beschäftigen und die über die üblichen harmlosen Anstöße zu Willkommensgrüßen hinausgehen. Dass die Antworten in diesem Format dann doch bekannte Standardformeln des Fußballgeschäfts sind, gehört eben zu solchem. So bleibt die Ausstrahlung von Marvin Bakalorz als erster zusätzlicher Eindruck. Ich nehme ihm also erst einmal ab, dass er das „alles geben“ auf dem Rasen mit entsprechendem Spielverhalten ausfüllt.

Ich weiß, so Momente des Anfangs sind eigentlich immer Idyllen. Jede neue Liebe wird getragen vom Gefühl des ewigen Glücks. Man kommt doch nicht vom Nebentisch daher und schmeißt dem turtelnden Pärchen den Ausblick auf die möglichen Katastrophen vor die Füße. Wartet mal ab, ihr werdet euch noch wundern. Wir reden nochmal, wenn ihr erstmal klar gekommen seid, dass einer von euch immer früher als der andere den Dreck auf dem Boden sieht.

Aber Nickis und „Ruhris“ Versprechen, in Duisburg sei man im Niederlagenfall nachsichtig, wenn Kampf und Leidenschaft erkennbar waren, das berührt doch meine Erinnerungen an viele Spiele, in denen mich dieser ewige Hilferuf des Publikums „wir wollen euch kämpfen sehen“ genauso erschöpfte wie die verlierende Mannschaft auf dem Rasen. Den beiden nehme ich natürlich ab, dass sie Kampf und Leidenschaft auch bei Niederlagen honorieren. Außerdem gibt es ja solche Niederlagen, nach denen die Mannschaft Applaus vom ganzen Publikum erhält.

Ich habe aber genauso viele Spiele in diesem Stadion des MSV gesehen, bei denen verzweifelt kämpfende Einzelspieler zusammen nur eine blutleer wirkende Mannschaft ergaben. Der Gegner war in solchen Spielen in allen Belangen überlegen. Da reichten Kampf und Leidenschaft nicht, um die Zuschauer zufrieden zu stellen. Da wurde laut gepfiffen.

Mit dem Kampf und mit der Leidenschaft ist es wie mit der Liebe. Beides braucht eine Struktur, die von den Beteiligten gelebt wird und in gewisser Weise gelernt wird. Im Fußball ist das letztlich alles. Über alles zu sprechen ist am Anfang wahrscheinlich etwas viel verlangt. Romantisch ist das auch nicht. Vielleicht habe ich gerade nur ein Problem mit diesem romantischen Blick auf den Fußball. Vielleicht wirkt die Saison noch nach. Vielleicht vergeht das, wenn ich den Clip noch einmal schau.

Heimatlied – Sektion Duisburg – Folge 45: Frikka mit Duisburg und ich

 

„Duisburg und ich, eine Seele“ rappt Frikka – hier mit einer länger nicht gepflegten Facebook-Seite.  Doch eigentlich wirkt Frikka in seinem Song „Duisburg und ich“ sehr zerrissen in seiner Haltung zur Stadt. Zerrissen zwischen Dableiben und angedrohtem Wegzug, zwischen BVB als Schlüsselanhänger im Clip und dem „Traditionsverein“ MSV, der wie einiges bekannte andere Duisburg ausmacht. Zerrissen zwischen berapptem Grau der Wände in der Stadt und der guten Laune durchs Sommerwetter – eine Zerrissenheit, die die poppig anmutenden Melodie kräftig beiseite schiebt.

Hinweise auf weitere online zu findende Duisburg-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Duisburg – Alle Folgen

Blick aufs Meer – Ein letztes Saisonfazit

Der Urlaubskatalog vor der Saison

Freuen Sie sich auf die kommende Saison, in der unser ganzes Team bereit ist, oben mitzuspielen. Wir stellen die höchsten Ansprüche an Qualität. Ausbildung wird bei uns ganz groß geschrieben. Die langjährigen Gäste unseres Hauses werden sich über einige neue Gesichter freuen können. Wie immer konnten wir junge und erfahrene Kräfte mit unserem ganz speziellen Ambiente überzeugen. Die Westender Straße punktet mit ihrer Wohlfühl-Atmosphäre im satten Grün der Natur mitten in einem pulsierenden Szeneviertel zum Ausgehen. Der Weg zum Strand ist nicht weit. Der wunderbare Blick aufs Meer wird Sie den Alltag vergessen lassen.

Die Wirklichkeit beim Aufenthalt in der Saison

Was hat euch bloß so runiert?

Ist das der Fußball selbst in seiner korrumpierten Ausprägung als Unterhaltungsgewerbe mit Wanderarbeitern, der solche Spiele hervorbringt wie das vom MSV gegen Wuppertal im Niederrheinpokal? Um meinen Ärger über die 6:2-NIederlage der Zebras zu zügeln, brauche ich heute solche Distanziertheit. Ich brauche meinen Blick auf Strukturen des Fußballs. Ich brauche den Blick auf die Angestellten eines Wirtschaftsunternehmens. Nur dann höre ich auf zu schimpfen. Nur dann nehme ich sie nicht einzeln moralisch in die Pflicht, sondern erlebe ihr Versagen als Systemproblem des Gegenwartsfußball. Nur dann denke ich nicht permanent, wie habt ihr nur so einen Dreck spielen können?

Denn begleitet wird dieser Gedanke von weiteren Fragen, die natürlich Vorwürfe sind. Wie könnt ihr all das, was ihr für den Verein in den letzten Wochen erarbeitet habt, in zwei Spielen komplett zu Klump hauen? An dem Tag, an dem mir in meiner FB-Timeline die Dauerkarte für die nächste Saison vom MSV schmackhaft gemacht wird, spielt ihr so einen Fußball. Was für ein Marketingdesaster für den Verein. Das lässt sich doch nur durch die Struktur des Gegenwartsfußball erklären? Oder wie? Es ist mir ein Rätsel. Und nicht nur mir. Pavel Dotchev sagt nach dem Spiel mit dem Verweis auf seine Erfahrung in dieser Dritten Liga, so etwas wie diesen Leistungseinbruch einer Mannschaft habe er noch nie erlebt.

Wenn das also der Mann sagt, der seit einigen Wochen diese Mannschaft trainiert, der Mann, zu dem wir Vertrauen aufgebaut haben angesichts seiner nachvollziehbaren und sehr transparenten Analysen, bleibt mir nur zur Rettung meiner inneren Zufriedenheit der Blick auf die Struktur des Fußballs.

Ich fantasiere mich dann zum Soziologen bei der Arbeit an einer qualitativen Studie, der die Spieler der Mannschaft befragt nach ihrem Selbstverständnis, nach ihrem Verhältnis zu den Mitspielern, nach ihren Absichten für die eigene Karriere, nach der Einschätzung ihrer Fähigkeiten, nach ihrem Verhältnis zum Verein, zur Stadt Duisburg, zum Trainer. Und dann gibt es ja noch die Entwicklung der Taktik. Auch dazu hätte ich Fragen. Mit diesem analytischen Blick schaffe ich es dann meinen Ärger im Zaum zu halten. Vielleicht bekäme ich heraus, was die Gründe für dieses Versagen waren. Wie konnte das passieren?

Um den Spaß zurück zu bekommen, könnten wir dann in alter englischer Stadionsongtradition einen Popsong nehmen, ihn vielleicht auch umtexten und hätten dann was für die Zukunft, wenn mal wieder eine Mannschaft so einen Dreck spielt wie die Zebras gestern gegen Wuppertal. Momentan denke ich an Die Sterne mit ihrer im Song biografisch beantworteten Frage: „Was hat dich bloß so runiert?“ Dass man als allererstes das Kollektiv ansprechen müsste, versteht sich von selbst. Und ob die Frage nicht eher Aussage sein müsste, gebe ich mal als mögliche Alternative in die Arbeitsgruppe für die Stadiongesänge.



Mottolied heute – Everything is beautiful

Im Hier und Jetzt mit der Hoffnung auf die nächste Saison passt die Erinnerung an die 1970er Jahre. Auch damals gab es schon Boy Groups. Damals mussten die aber Brüder sein, und sie gab es in White und Black. Bitte schön! Die Begleitmusik zum Aufwärmprogramm gegen Ingolstadt.

Wenn alles beautiful ist, dann stonn op un danz

#BeleidigtEndlichVäter

Nach dem Samstagsspiel des MSV Duisburg in Magdeburg ging alles ganz schnell. Die MSV-Fans Arca Ceribasi und Jan Kastner telefonierten. Am Abend wurde aus dem Dauertelefonat eine Zoom-Konferenz, weil Esra Bashri und weitere Freundinnen, Freunde und Bekannte hinzukamen. Um Mitternacht stand der Plan, angesichts des Geschehens in Magdeburg grundsätzlich zu werden. Denn der Magdeburger Spieler Alexander Bittroff hatte mal wieder ganz tief in die Mottenkiste abgestandener Beleidigungen gegriffen. Die Mutter von Aziz Bouhaddouz war das Ziel. Bittroff störte sich auch nicht an der traurigen Wahrheit, dass diese Mutter schon gestorben war. Anscheinend hatte ihn das sogar befeuert in seiner Beleidigungslust.

Kurzum, diese Beleidigung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte für die jungen Erwachsenen. Gestern nun traten drei von ihnen aus Duisburg als Sprecher einer Initiative an die Öffentlichkeit. Sie fordern Gleichberechtigung für Väter. Unter dem Hashtag #BeleidigtEndlichVäter kann man ihnen auf allen sozialen Kanälen folgen. Sie sprechen nicht nur für sich, sondern für die Interessen von Millionen Vätern in Deutschland und wissen sich von vielen Prominenten unterstützt.

In der Kulturszene gärt das Thema schon lange. Jan Kastner arbeitet als Aufnahmeleiter in bekannten TV-Produktionen und kennt aus vielen Gesprächen mit Kulturschaffenden die Nöte von unbeleidigten Vätern. „Das große Problem ist“, so Kastner, „Männer, und das sind ja Väter meistens, trauen sich nicht über ihre Minderwertigkeitsgefühle zu sprechen.“

„Genau“, bestätigt Esra Bashri. „Am Samstag gab es ja auch das große Missverständnis, Aziz Bouhaddouz hätte sich über die Beleidigung der Mutter so aufgeregt.“ Esra hat schon oft mit Aziz gesprochen, seit er in Duisburg spielt. Sie weiß, wie er tickt. „Schon in unserem ersten Gespräch an der Westender Straße habe ich das mitbekommen, wie ihn dieses Mütter-Väter-Ding beschäftigt. Er sagte mir, seit Jahren werde seine Mutter in allen möglichen Spielen beleidigt. An seinen Vater habe noch niemals einer gedacht. Aber der sei doch auch immer für ihn dagewesen. Aziz spricht viel mit anderen Spielern und versucht schon was, aber wenn einer alleine nur aktiv ist, reicht das natürlich nicht“

„Ganz ehrlich“, mischt sich Arca wütend ein, „so Typen wie der Bittroff bringen diese Gesellschaft doch nicht weiter.“ Arca ist seit zwei Jahren selbst Vater und auch für ihn gilt, noch niemals in seinem Leben wurde sein eigener Vater von jemandem beleidigt. „Ich meine, mein Vater hat sich längst damit abgefunden, dass er niemals die Chance erhielt, über eine Vaterbeleidigung wütend zu werden. Aber das war auch eine andere Zeit. Ich mache das nicht mehr mit. Bin ich es etwa nicht wert beleidigt zu werden, oder was? Das ist doch ein Denken von Vorgestern. Weißt du, am liebsten würde ich zu dem Bittroff gehen und dem sagen, man, sei doch ein Mann, Bitroff und beleidige mal irgend’nen Vater. Mütter beleidigen, wie klein bist du.“

Esra legt ihm beruhigend die Hand auf den Arm und fügt hinzu: „Unser Aufruf ist erst der Anfang. Wir kennen so viele Leute in ganz Deutschland, die genauso denken wie wir. Jeder Vater hat ein Recht auf Beleidigung. Du Sohn eines Strichers macht doch nicht weniger wütend als deine Mutter ist ’ne Hure.“

Von Heroes, Aziz und Koch – Plauderstimmung am Montag

Kaum denke ich an den MSV, komme ich heute unweigerlich ins Plaudern. Wahrscheinlich bin ich für manchen von euch zu entspannt. Ich habe eine Vermutung, warum es mir so geht, und die lautet: Sonntagsspiele der 3. Liga. Durch den Sieg von Unterhaching gestern gegen die Bayern kann ja nur noch Uerdingen den MSV einholen. Was nicht geschehen wird. Ich glaube das einfach nicht. Jemand müsste mal nachschauen, wie oft die Fußballbinse „rein rechnerisch“ auch ein Ergebnis brachte, das Beweiskraft bewies für eine Mathematik des Hoffens. Der MSV hat zwar gegen Magdeburg verloren, aber so einen niedlichen Punkt für den Klassenerhalt wird es in den ausstehenden zwei Spielen schon noch geben.

Mir verhilft das Spiel in Magdeburg aber noch zur Gelegenheit auf das in diesen Räumen schon mal genannte und mit einigen Ehrungen bedachte HEROES-Projekt hinzuweisen. Ihr wisst, ich spreche in gewisser Weise pro Domo, weil ein großer Teil der Heroes-Arbeit im Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh stattfindet. Vom Fördervein dieses Jugendzentrums Lemonhaus e.V bin ich der Vorsitzende. Bei den HEROES Duisburg machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche, junge Männer und inzwischen auch junge Frauen aus sogenannten “Ehrkulturen” mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Ich erzähle davon, weil in Magdeburg Aziz Bouhaddouz vom Magdeburger Alexander Bitroff provoziert wurde. Mir geht es nicht um die Details des Vorgangs und die anschließende Verleumdung durch die lokalen BILD-Journalisten. Dazu hat der MSV eine offizielle Erklärung abgegeben. Aber ich füge hinzu, mein Verständnis für Aziz Bouhaddouz ist deutlich größer als für Alexander Bitroff, wenn ich berücksichtige, dass anscheinend Bitroff kein Interesse an einem versöhnlichen Austausch hatte. Ich erinnere mich, während des Spiels konnte Aziz Bouhaddouz eine entschuldigende Geste nicht annehmen. So wird das schnell unübersichtlich für Außenstehende, wer jetzt wann wie zum dynamischen Geschehen beigetragen hat. Unzweifelhaft aber ist die verleumderische Falschmeldung der BILD. Wenigstens auf das Gift dieses Organs dürfen wir uns verlassen.

Nun denke ich aber auch darüber nach, wie schön es für Azis Bouhaddouz und letztlich für den MSV gewesen wäre, die Wut in seine fußballerische Leistung verwandeln zu können und dem Gegner Bitroff allenfalls im Vorbeigehen beim Trash-Talk was zurück zu geben. Und da kommen die HEROES Duisburg ins Spiel, wo ein anderer Zugang zum Begriff der Ehre und Umgang mit Beleidigungen zur Sprache gebracht wird. Aziz wird sicher auch ohne die HEROES in der Welt zurecht kommen. Er hat seinen eigenen Weg im Sport gefunden, wo Gegner dann manchmal vielleicht leichteres Spiel mit ihm haben, wenn Sie einen Nerv bei ihm treffen. Für die jüngeren Männer aber gilt, es gibt auch andere Wege. Die HEROES Duisburg helfen dabei und befördern damit die Grundlagen einer humanistischen Gesellschaft.

Komisch, dass ich dabei sofort an den DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch denken muss. Rache ist nämlich nicht eindeutig ein humanistischer Gedanke. Aber als ich gestern in einem Clip seine Reaktion auf die Frage von Katrin Müller-Hohenstein nach einer E-Mail gesehen habe, stimmten mich seine Nöte und sein offensichtliches Unwohlsein sehr zufrieden. Das schmeckte nach Rache. Zwiespältig. Aber ich hatte seit April/Mai letzten Jahres im Namen des MSV mit ihm noch eine Rechnung offen. Was er und seine Kollegen vom DFB damals über den MSV während der Saisonunterbrechung gesagt hatten, verzerrte die Wahrheit. Sie waren von eigenen Interessen geleitet, die sie zunächst öffentlich nicht aussprachen.

Im folgenden ist das Gespräch in einen längeren Beitrag hineingeschnitten. Das Begleichen meiner offenen Rechnung geschieht ab Minute 13.30.

Wenn ein MSV-Fan auch im TV arbeitet

Bei der überregionalen Wahrnehmung hat die eine Pressekonferenz des MSV zu einer zukünftigen TV-Dokumentation der anderen Pressekonferenz am selben Tag, abends nach dem 2:2-Unentschieden im Ligaspiel gegen den FC Bayern München II, wahrscheinlich den Rang abgelaufen. Der Grund: Joachim Llambi, ein MSV-Fans seit Jugendzeit, ist als RTL-Gesicht mit dem Schwerpunkt Tanzsendungen beim Sender gut gelitten. Da lässt sich schon mal ein neues Projekt anschieben, wo doch der Fußball in der letzten Zeit in immer mehr medialen Formen nach Publikum sucht.

Einzelnen Spielern sind Filmportraits gewidmet worden. Die Bayern haben ihren eigenen TV-Kanal. Der BVB verantwortet etwas, was der Verein Dokumentation nennt. Für ein Buch hat Christoph Biermann Union Berlin eine Saison lang begleitet. Und bei Netflix läuft „Sunderland ‚till I die“ mit großer Resonanz. Der Boden ist bereitet. Der Sunderland entsprechende angeschlagene Verein in Deutschland musste für eine Dokumentation nur gefunden werden. Gut, dass Joachim Llambi MSV-Fan ist. Seine Kontakte zum Verein führen also nun zu einer Langzeitdokumentation über den MSV, seine Fans und die Wirklichkeit in Duisburg.

So wurde es auf der PK angekündigt. Das klingt ambitioniert und macht neugierig. Gesendet wird die Doku bei TVNOW, der Streaming-Plattform der RTL-Gruppe. Der MSV hat nun einmal nicht die Manpower, um wie andere Vereine so ein Medienprojekt aus eigener Kraft zu initiieren. Deshalb ist es erst einmal gut, dass ein bekennder Fan sein Netzwerk nutzt, um eine mögliche win-win-Situation herzustellen.

Allerdings halte ich den Anspruch der Macher für eine mutige Ankündigung. Zum einen ist es schwierig, weil aufwändiger, neben der Fußballwelt noch etwas anderes aus der Duisburger Wirklichkeit zu erzählen. Zum anderen ist es ein heikles Unterfangen, aus der komplexen Fußballwelt den Hintergrund im laufenden Tagesgeschäft zu beleuchten. Man darf von einer solchen Doku ja keine vollständige Einsicht in die Wirklichkeit des täglichen Geschäfts erwarten. Das würde jedes seriöse Arbeiten des MSV Duisburg torpedieren. Die Offenheit aller beim MSV gegenüber Kamera und Mikro ist ein Balanceakt, und natürlich müssen Türen verschlossen bleiben. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen beim MSV sich der Gefahr von Bildern bewusst sind und dass Joachim Llambi sich in seiner Verantwortung weniger dem Format als dem MSV verpflichtet fühlt. Da gerät im Hinblick auf unkontrollierbare Folgen vermeintlich harmloser Bilder mein eigenes journalistisches Ethos unter Druck.

Das kann natürlich Auswirkungen auf die Qualität haben. Das muss es aber nicht. Es gibt genügend Inhalte, mit denen dennoch Hintergrund und das sonst Unbekannte gezeigt werden kann. Wieviel davon eingefangen wird, hängt aber vom Budget der Dokumentation ab. Zwar ist Joachim Llambi MSV-Fan, doch die Produktion insgesamt ist ja nicht von allen Mitarbeitern ein Herzensprojekt. Der Aufwand wird also seine Grenzen haben.

Vor einigen Jahren gab es schon einmal einen Versuch mit kurzen Clips beim damaligen DSF den MSV dokumentarisch zu begleiten. Ich habe damals jede Folge von Mitten in Meiderich in diesen Räumen hier besprochen. Es war deutlich bemerkbar, dass der Anspruch zu Beginn ein anderer war als zum Ende dieser Mini-Clips. Zu Beginn gab es den ambitionierten Hintergrundblick. Zum Ende hin wurde es das übliche Abfilmen von Fußballer-Köpfen in irgendwelchen x-beliebigen Zusammenhängen, die Authentizität suggerieren sollten, begleitet von belanglosen Interview als Beleg für den wahren Menschen im Profi-Fußballer. Diese veränderte Ausrichtung lag vermutlich an der Finanzierung. Letzteres geht schnell und verlangt wenig Arbeit beim Schnitt. Ersteres braucht sehr viel mehr Material und entsprechende Mehrarbeit bei der Fertigstellung.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Qualität der Dokumentation. Die Latte ist hoch gelegt mit dem Verweis auf die Sunderland-Serie. Aber Netflix wird wahrscheinlich deutlich mehr Geld in die Hand genommen haben als es TVNOW nun macht. Schaun wir mal. Unabhängig von der tatsächlichen Qualität könnte sich die Dokumentation aber für den MSV lohnen wegen der zusätzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit.




Vom DFB-Geschehen auf MSV-Historie schließen

In den letzten Wochen werde ich durch die Berichterstattung über den DFB immer wieder an die MSV-Vergangenheit kurz vor 2013 erinnert. Dass beim DFB die Spitzenverantwortlichen gerade ihren Endkampf bestreiten, wird wohl jeder mitbekommen haben. Alle Verantwortlichen kommen mir vor wie der schwarze Ritter in Monthy Pythons „Ritter der Kokosnuss“. Der Ausschnitt aus dem Film bei youtube hat eine Altersbeschränkung und ihr müsst bei youtube eingeloggt sein, um ihn zu sehen, wenn ihr weiterklickt. Ohne Arme und Beine stehen sie alle allmählich da und denken, immer noch weiterkämpfen zu müssen.

Die einschlägige Berichterstattung verlinke ich hier jetzt nicht extra. Mir kommt es auf den MSV an. Ich kann mir nämlich gut vorstellen, dass Andreas Rüttgers viel Verständnis für Fritz Keller hat, auch wenn ihm niemals ein gemurmelter Nazi-Richter-Vergleich über die Lippen gekommen wäre. Dazu scheint er mir zu freundlich in der Welt zu sein. Die Angelegenheiten beim DFB lassen uns jedenfalls einen Eindruck gewinnen, wie es nach dem Amtsantritt von Andreas Rüttgers beim MSV zugegangen sein muss. In Duisburg gab es nur nicht so ein großes Interesse an Hintergrundberichterstattung. Außerdem wäre jeder Endkampf zu Zeiten der Präsidentschaft von Andreas Rüttgers das Ende vom MSV gewesen.

Mir geht es um die identische Struktur der Auseinandersetzung. Auf der einen Seite gibt es die Geschäftsführung mit eigenen nicht näher bestimmbaren Interessen, zu denen auf jeden Fall aber die Sicherung der eigenen Position zählt. Friedrich Curtius entspricht strukturell Roland Kentsch. Auf der anderen Seite gibt es den Präsidenten des Vereins mit einem Interesse an Aufklärung über Sachverhalte der Vergangenheit. Damals haben viele Fans des MSV nicht verstanden, warum die Vereinsführung nicht mehr Druck ausübt auf die vermeintlich weiter geschlossene Allianz von Kentsch und Hellmich. Ganz abgesehen von den vorhandenen finanziellen Risiken für so ein Vorgehen, gab es Verträge, Vereinbarungen, interne Vermerke usw., in die nur die Geschäftsführung Einsicht hatte.

Gibt es dann keine vertrauensvolle Zusammenarbeit, wird Einsicht verwehrt, wie es gerade wohl beim DFB wieder einmal der Fall ist. Beim MSV arbeitete Ronald Kentsch ebenfalls mit diesem Machtmittel des kontrollierten Informationsflusses. Die Recherchen zum Geschehen beim DFB machen es nun möglich, sich ein Bild vom Handeln unter solchen Bedingungen zu machen. Man ertrinkt dann in einer Abfolge von Fakten und verliert in dieser Draufsicht den Überblick, wer jetzt noch integer handelt. Die struktulle Gleichsetzung von DFB-Vizepräsident Rainer Koch und Walter Hellmich stimmt nur annähernd. Am ehesten ähnelt sich hier das diffuse Wirken von Macht im Hintergrund, auch wenn mir Koch bislang sehr viel mächtiger vorkam als Walter Hellmich damals. Aber wer weiß.

Wie erleichternd nun, dass Fritz Keller sich in so einer Situation zum gemurmelten Nazi-Richter-Vergleich hat hinreißen lassen. Wie erleichternd für einen Teil der Beteiligten und auch für die Medien, weil damit eine schnell verständliche Teil-Geschichte erzählbar wird. Wer dagegen ein Gespür für die ganze Geschichte gewinnen möchte, muss sich die letzte Ausgabe vom Sechszehner anhören. Ewald Lienen und Michael Born sprechen mit dem ehemaligen DFB-Vizepräsident Eugen Gehlenborg. Er holt zu Beginn des Gesprächs etwas aus, um das gegenwärtige Geschehen als Ergebnis früherer Entwicklungen zu erklären. Gerade dann steht man vor einem neuen Kausalkettenwirrwarr, das in die Gegenwart hineinwirkt und beim Erhellen des Ganzen Verantwortlichkeiten unkenntlicher macht. Machtkämpfe im Detail zu verstehen zu wollen, ist eigentlich nur was für Fachhistoriker. Ab Minute 27.45


Dresdner Kehrwochenergebnisunsicherheit

Guck mal einer an, wie sich die Wege von Menschen immer wieder kreuzen. Alexander Schmidt wird gute Erinnerungen an erste Begegnungen mit dem MSV in seinen neuen Vereinen haben. 2014 hatte Alexander Schmidt als Trainer vom SSV Jahn Regensburg sein erstes Pflichtspiel dort gegen den MSV. HIer seine Pressekonferenz seinerzeit. Den MSV trainierte damals Gino Lettieri. Es hängt also alles mit allem zusammen. Das erleben wir heute. Wahrscheinlich war das Spiel gegen Dresden mit ein Grund für die Entlassung von Gino Lettieri. Denn Alexander Schmidt sah damals einen recht ungefäährdeten 3:1-Sieg seiner Mannschaft.

Man muss die Trainerwechsel in den Ligen wohl inzwischen als eine Art Reigen verstehen, bei dem Entscheidungen auch im Hinblick auf Wackelkandidaten und deren Nachfolger in anderen Vereinen getroffen werden. Dass Gino Lettieri nicht mehr am Spielfeldrand sitzt, führt also heute zu einem späten Vorteil, der über den des bisherigen Einflusses von Pavel Dotchev hinausgeht. Ob dieser so große Vorteil in Person von Pavel Dotchev diese merkwürdigen psychischen Prozesse zumindest im ersten Spiel nach Trainerentlassungen egalisiert, können wir nur hoffen. Solche ersten Spiele von neuen Trainern setzen ja oft zumindest kurzfristig Kräfte frei, die später meist wieder versickern.

Deshalb nutzen Trainerentlassungen ja auch nur im Fall von Gino Lettieri und dem MSV etwas. Hoffe ich jedenfalls mit Blick auf das Spiel heute Abend und dem guten Gefühl, dass das Selbstbewusstein einer siegreichen Mannschaft vielleicht auch noch hinzu kommt, um die Verunsicherung der Dresdner trotz neuem Trainer schnell wieder hervor zu rufen. Schauen wir mal, ob die gewohnte Verunsicherung der Zebras in den ersten Minuten dieses Mal ausbleibt und der Trainerwechsel in Dresden zur bekannten Statistik ausgleichend für den Dotchev-Fall beiträgt. Denn wir wissen alle, rein statistisch betrachtet nutzt so ein Trainerwechsel gar nichts. Die statistische Verteilung verlangt geradezu als Ausgleich für den Dotchev-Erfolg das gänzliche Nutzlose in Dresden als Trainerwechsel-Resultat.


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