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Dotchev-Sätze zum Einrahmen

Schon bei seiner Vorstellung als neuer Trainer des MSV überzeugte mich Pavel Dotchev mit seinen souveränen, sachlichen Antworten und seinem Blick auf den sozialen Zusammenhang bei seiner Arbeit als Fußballtrainer. Nun habe ich mir die Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Unterhaching angesehen. Ich finde es beeindruckend, wie er in diesen doch sehr ritualisierten Fragerunden mit den oft gleichen Fragen der Journalisten offen und interessant spricht. Es entsteht ein tatsächlicher Austausch. Auch wenn er über den Gegner spricht, bleibt er nicht bei allgemeinen Floskeln zu dessen Spielstärke. Er ordnet ein und ist genau.

Dieser Eindruck entsteht auch, weil seine Antworten sich immer wieder nicht nur auf den rein sportlichen Zusammenhang beziehen. Durch seine Antworten wird erfahrbar, fußballerischer Erfolg hat Rahmenbedingungen, die ein Trainer nicht immer kontrollieren kann. Natürlich gehört zum Fußball das Emotionale und Irrationale auch bei den Sportlern selbst, doch wie er Fragen in diese Richtung, eben nach der Folklore des Fußballs, in die eigentlich wichtige Richtung lenkt, nämlich die Strukturen des Spiels, lässt den sachlichen Analytiker erkennen.

Pavel Dotchev weiß um die Bedeutung des Wohlbefindens seiner Spieler, aber er lässt sie nicht aus der Verantwortung für die eigene Motivation und Leistung. Er sucht die Fakten für Erfolg, und eine Voraussetzung kann zum Beispiel auch etwas Ritualhaftes vor dem Spiel sein. Dieses Ritualhafte ist für ihn aber offensichtlich eine Kleinigkeit gegenüber den eigentlich wichtigen Dingen.

Am besten hört man ihm selbst zu. Wer dazu keine Zeit hat, hier der Dotchev-Zitat-Service im Zebrastreifenblog.

Für die Spieler muss man auch sagen, es ist auch keine leichte Situation. Das ist jetzt dieses Jahr schon der dritte Trainer, der mit seine Idee kommt und versucht, die Spieler mit zu viel Information zu bombadieren. Deshalb bin ich auch sehr, sehr vorsichtig, wieviel Information ich an die Spieler gebe, weil letztendlich es geht auch um eigene Verantwortung auf dem Platz.

Ich kriege immer wieder auch so von meinen Spielern als Feedback, dass die Stimmung positiv geworden ist.

Ich habe schon sehr viel Respekt vor den Mannschaften in der Liga und die Tabelle darf uns jetzt nicht sehr viel täuschen. Von anderer Seite muss ich sagen, das ist ein Spiel für uns, wo wir gewinnen müssen. Wir können jetzt nicht versuchen, den Druck rauszunehmen. Wir müssen den positiven Druck nehmen, weil das ist ein direkter Konkurrent.

Motivation gehört natürlich auch dazu, du musst die Spieler motivieren. Aber für mich ist aber auch eigene Motivation das allerwichtigste. Als Trainer kannst du dich nicht als Kasper immer machen und 1000 Euro – oder 1000 D-Mark gab es damals – da an die Wand kleben und sagen, das könnt ihr nehmen oder wie auch immer. Es gibt so einige Sachen […] Aber für mich ist ja wichtig, dass die eigene Motivation bringen, dann wirst du Erfolg haben. Weil wenn ich da anfange jedes Spiel die Spieler zu motivieren und die nicht verstanden haben in jetziger Situation um was geht, dann habe ich auch keine Chance.

Google-Lyrik I – Karnevalsdrama

Zum Zebrastreifenblog finden Leser immer wieder auch über Suchmaschinen. Manchmal betrachte ich dann die Statistik mit den Suchbegriffen, die mir leider nur selten angezeigt werden. Gerne würde ich sie öfter sehen. In ihnen steckt oft eine lyrische Kraft, die teils surreal-expressionistisch wirkt und die ich nicht ungenutzt lassen möchte.  

Suchmaschinen-Lyrik
– Das Karnevalsdrama –

Kölner Sprache schlimm.
Sind die FC Köln Fans schlimm?
Ist Karneval Köln schlimm?
Minimalistische Karnevalsausrüstung.
Grundregeln Kölner Karneval.
Wie kann man sich an Fastnacht als Fußballer verkleiden?
Trägt Bruno Hübner eine Perücke?

Weiberfastnacht gehe ich immer fremd, muss das sein?
Ebay Karten für Arminia Frau geknallt.
Seltene Gefühle.
Kann man zum Fasching Mädchen Fußballerin machen?
Haltbarkeit Karnevalsbekanntschaft.
Zerrottete Beziehung.
Gedankenunterdrückung.
Trägt Bruno Hübner eine Perücke?

Fundstücke – Zugrandale und das Wunder in Wedau 1972

Bernd-M. Beyer hat mit 71/72 ein lesenswertes Buch über besagte Fußballsaison geschrieben. Das Fußballgeschehen montiert er mit weiteren zeitgeschichtlichen Ereignissen. Für die Bundesliga gilt sein Blick vor allem dem Wettstreit zwischen dem FC Bayern München und dem FC Schalke 04 um die Meisterschaft sowie dem Bundesligaskandal. Der MSV wie die meisten anderen Vereine jener Saison spielen nur kleine Nebenrollen. Das Buch bespreche ich in den nächsten Tagen noch ausführlicher.

Schon heute möchte ich euch aber mit zwei der Nebenrollenauftritte beglücken. Wenn ich selbst auch erst ab der folgenden Saison zum regelmäßigen Stadionbesucher wurde, so stoßen sie doch für die Älteren unter uns einige Erinnerungen an.

Am 11. März 1972 erwähnt Bernd-M. Beyer den MSV weniger wegen der Niederlage in Mönchengladbach als wegen der MSV-Fans. Erlebnisorientiert sind sie damals noch nicht genannt worden. Und die Kategorie C hat es auch noch nicht gegeben.

Im April dagegen fügt sich der 3:0-Heimsieg gegen den späteren Meister FC Bayern München in die Geschichte von den glorreichen 1970er Jahren des MSV.

Hier auch schon mal die Angaben zum Buch:

 

Bernd-M. Beyer
71/72. Die Saison der Träumer
Hardcover. 352 Seiten
ISBN: 9783730705407
€ 22,00

Halbzeitpausengespräch – Marseille.73 von Dominique Manotti

Mit großer Wucht trifft der zuletzt veröffentlichte Roman von Dominique Manotti über die Wirklichkeit von Marseille im Jahr 1973 auf die deutsche Gegenwart. Oft begnügen sich historische Kriminalromane mit Kulissenschieberei zum unterhaltenden Zeitvertreib. Dominique Manotti dagegen schreibt Texte der Aufklärung mit der Nebenwirkung Unterhaltung. Marseille.73 heißt ihr Roman, der auch ein Krimi ist, vor allem aber eine genaue Erzählung über die Arbeit im Polizeiapparat und die widerstreitenden, zum Teil politisch motivierten Kräfte bei der Aufklärung von rassistischen Verbrechen.

Elf Jahre nach der Unabhängigkeit Algeriens sind eingewanderte Algerier immer wieder Opfer von Gewalttaten. Südfranzösische Unternehmen nehmen die billigen Arbeitskräfte zwar gerne, doch durch ein Gesetzesvorhaben in Paris wird deren Aufenthaltsstatus prekär. Nationalisten und Rechtsextremisten fühlen sich dadurch in ihrem rassistischen Denken bestätigt. Sie handeln immer radikaler, was nichts anderes bedeutet als gewaltvoller. Algerische Migranten werden ermordet.  Ermittelt wird, wenn überhaupt, wenig. Für die Öffentlichkeit bleiben die Taten Auseinandersetzungen im Einwanderermilieu. Weil mit Kommissar Daquin ein Ortsfremder seine Arbeit in Marseille aufnimmt, wird die eingespielte Abwicklung gestört.

Das französische Original hat einen schön bebilderten Clip zur Werbung erhalten, in dem die Geschichte von Dominique Manotti kurz vorgestellt wird. Der Argument Verlag hat ihn mit Untertiteln versehen. Voilá!
Da die Einbindung nicht funktioniert, hier der Link.

Dominique Manotti nutzt eine Momentaufnahme aus der französischen Geschichte quasi-dokumentarisch, um mit ihr vor allem einen Blick auf das System Polizei zu werfen, das Rassismus begünstigt. Sie macht verständlich, warum Ermittlungen nicht vorurteilsfrei erfolgen, selbst wenn nur wenige Polizisten im rechtsextremen Milieu zu Hause sind. Da geht es dann auch um den Ruf der Polizei, um Korpsdenken, um Macht im Apparat und um Politik. Für deutsche Leser wirkt trotz aller Unterschiede zwischen politischen Hintergründen und dem Aufbau der Polizeiinstitutionen beider Länder dieser Blick angesichts der Erinnerung an die Ermittlungen bei den NSU-Morden erhellend und beklemmend. 

Um das rassistische Geschehen genau schildern zu können, verzweigt sich die Geschichte in viele Bereiche der Marseiller Gesellschaft. Dominique Manotti nutzt dazu ein großes Personal und verwebt viele, oft kurz bleibende Handlungsfäden. Dennoch schafft sie einen Sog der Spannung, wenn auch die Lektüre manchmal ein Nachblättern von Namen erforderte. Ihre karge, pointierte Sprache schafft das nötige besondere Tempo für einen solch komplex angelegten Roman. Ihre Figuren werden selbst in kurzen Skizzen lebendig.  In diesen Räumen konnte man Dominique Manotti schon mit ihrem Fußball-Roman Abpfiff kennenlernen. Wer das verpasste, sollte mit Marseille.73 nun den Anfang machen, um eine Quasi-Dokumentaristin und Sprachkünstlerin der französischen Romanliteratur zu entdecken. 

 

Dominique Manotti

Marseille.73

Aus dem Französischen von Iris Konopik.
Gebunden, 400 Seiten. Ariadne 1247.
ISBN 978-3-86754-247-0

€ 23,00

Der MSV Duisburg und die Unterhaltungsindustrie

Heute morgen formulieren sich drei verschiedene Texte in meinem Kopf. Mir ist noch nicht klar, ob sich diese drei Texte vereinen lassen. Versuchen wir es, vielleicht gibt es morgen eine Fortsetzung mit eigenem Auftritt für eines der drei Themen. Drei Identitäten in mir haben sich nämlich bemerkbar gemacht, während ich mir die Pressekonferenz zur Vorstellung von Pavel Dotchev und ein paar Reaktionen darauf angesehen habe.

Als MSV-Fan gab mir der Auftritt von Pavel Dotchev leise Hoffnung auf den Klassenerhalt. Weil ich von ihm und Ingo Wald zusammen mit allen, denen der MSV etwas bedeutete, in die Pflicht genommen wurde, nun nach vorne zu sehen, begann ich zu überlegen, ob dennoch eine Anmerkung zu Ivo Grlics einleitenden Worten der Entschuldigung angemessen ist. Denn dieser Versuch der Entschuldigung wirft trotz der auch von mir für nötig gehalten Beruhigung im Umfeld Fragen auf.

In dem Moment machte sich zudem ein unabhängiger Betrachter des Gegenwartsfußballs mit seinen Gedanken in mir bemerkbar, welche Positition der MSV in diesem Sport-Segment der Unterhaltungsindustrie einnimmt.

Und schließlich meldete sich auch noch der Soziologe in mir, der die Pressekonferenz als ein hervorragendes Beispiel für Entschuldigungsrituale dieser Gesellschaft ansah. These: Durch die sozialen Medien erhält die Glaubwürdigkeit der Entschuldigungs-Darstellung eine größere Bedeutung als Aufklärung und Verstehen. Gegenthese: Das war immer schon so.

Schauen wir also zuerst nach vorne. Pavel Dotchev lässt für mich keinen Zweifel daran, dass er die Situation einer Mannschaft im Abstiegskampf kennt. Anders als Gino Lettieri besitzt er damit die Grundqualifikation für seine Arbeit. Er weiß, was angesichts der weniger werdenden Spiele an Einfluss durch ihn möglich ist. Zudem bin ich sicher, die Spieler werden zu ihm mehr Vertrauen entwickeln als zu Gino Lettieri und damit auch auf dem Spielfeld freier im Kopf sein. Mehrmals zeigte sich seine besondere soziale Kompetenz auf der Pressekonferenz. Nicht nur band er in vielen Antworten Beteiligte des Vereins mit ein. Zudem musste er sich als erstes anhören, wie Ivo Grlic gefragt wurde, ob mit Uwe Schubert bis zum Saisonende nicht mehr Zeit für einen Neuaufbau geblieben wäre. Mehr Zeit, das ließ sich so verstehen, es könnte bessere Lösungen als Pavel Dotchev geben. Natürlich hätte jeder neue Trainer zu dieser Frage gute Miene gemacht. Mir geht es darum, wie entspannt Pavel Dotchev im Verlauf der PK die Frage noch einmal erwähnt. Damit lässt er sowohl sein Standing erkennen als auch sein Verständnis für den Journalisten. Gute Voraussetzungen, um die Einheit der Mannschaft zu erreichen. Was den Fußball selbst angeht, müssen wir abwarten. Mit meinem grundsätzlichen Optimismus kitzelt da eine – zugegeben – leicht übertriebene Fantasie. Mir gefiele eine Uwe-Neuhaus-Geschichte für Pavel Dotchev mit dem MSV. Späte Aufstiegserfolge für jemanden, den man bislang fast nur in einer Liga gesehen hat. Und nun: Für alle die nur nach vorne blicken wollen, wir lesen uns später wieder.

Denn Spoiler-Alarm: Ein vorläufig letzter Blick zurück.

Zugespitzt ließe sich über den Auftakt der Pressekonferenz sagen, das Volk der Fans hat die Demutsgeste laut gefordert. Das Volk der Fans hat sie erhalten. Ivo Grlic sagte, er habe einen Fehler gemacht und entschuldigte sich bei den Fans. Lassen wir mal die sprachlichen Feinheiten und die Frage nach der Authentizität beiseite. Wer hier länger liest, wird wissen, dass mir der Gedanke, Ivo Grlic müsse sich entschuldigen, sehr fremd ist. Er hat einen grundlegenden Fehler bei seiner Arbeit gemacht. Die Verpflichtung von Gino Lettieri ist aber nur der sichtbare Teil des Fehlers. Wenn Ivo Grlic sagt, die Verpflichtung sei ein Fehler gewesen, ist das banal. Die Entlassung machte den Fehler deutlich genug. Entscheidend bei der Selbsteinschätzung von Ivo Grlic sind also alleine die Überlegungen, die zur Verpflichtung geführt haben. Ohne Erklärung für Gründe der Verpflichtung können wir nicht einschätzen, ob solche Fehler nicht wieder passieren.

Wahrscheinlich aber kann derart offen in der Öffentlichkeit nicht gesprochen werden. Es wird also schwierig bleiben mit dem Vertrauen in Ivo Grlics Arbeit. Deshalb muss ein Teil des Vertrauens durch Ingo Walds Ausführungen über den geplanten Sportvorstand entstehen. Diese Ausführungen führen tief in eine Strukturdebatte, bei der sich der Verein, also seine Mitglieder, darüber klar werden muss, wo er sich im Unterhaltungsbetrieb Profifußball verortet.

Für Ingo Wald ist die Frage nicht beantwortet, ob ein Vorstand Sport im Verein MSV oder in der KGaA angesiedelt sein soll. Die Entscheidung hat Konsequenzen für die Position des MSV im Unterhaltungsbetrieb. Neulich schon habe ich auf die zwangsläufig sich ergebenden Widersprüche zwischen Vereinskultur und Unternehmenspraxis der Spielbetriebsgesellschaften hingewiesen. Immer wieder kommt es bei den größeren Vereinen zu Konflikten zwischen beiden Ebenen. Das beiden Einheiten gemeinsame Ziel Erfolg verdeckt nur die grundsätzlichen Unterschiede bei den jeweiligen Handlungsgrundlagen. Dabei gilt für mich die Faustregel, je kleiner der Verein und je niederklassiger, desto mehr rücken die Einheiten zusammen und entscheiden gemeinsam.

Momentan lässt sich beim VfB Stuttgart der in der Struktur angelegte Interessenkonflikt zwischen beiden Einheiten in Idealform erkennen. Auf der einen Seite gibt es das Unternehmen Fußball mit seinen Bedürfnissen nach Entscheidungshoheit und schnellen Prozessabläufen, auf der anderen Seite gibt es den Verein des Fußballs mit seinen Bedürfnissen nach Mitbestimmung und Einfluss auf die Fußball-Kultur im weitesten Sinn.

Die Frage nach der Zukunft von Ivo Grlic ist deshalb zugleich die Frage nach der Zukunft des MSV in diesem Profifußball, und zwar nicht, weil sportlicher Erfolg damit verbunden ist. Sehr viel grundsätzlicher geht es um die Zukunft. Es geht um die Bewertung, wieviel unternehmerische Unabhängigkeit ist für die Spielbetriebsgesellschaft realistisch. Dass solche Bewertung wiederum Auswirkungen auf die Vereinskultur und die Arbeit der Ehrenamtler im Vorstand hat, versteht sich von selbst.

Wegen solcher langfristigen Auswirkungen bei der Anstellung eines Vorstands Sport, scheint es mir sinnvoll, die Frage nach der Besetzung momentan zurück zu stellen. Denn ohne den Klassenerhalt wird sie hinfällig. Ich glaube nicht, dass Ingo Wald die Frage aus den Augen verliert.

Falls jemand die PK noch nicht gesehen hat.

Sportjournalismus und die Wirklichkeit des Baumgart-Interviews

Seitdem mir eine Baumgart-Schlagzeile nach der anderen in meine Timelines gespült wird, denke ich mal wieder, angemessenes Sprechen ist sehr förderlich für gelingendes Zusammenleben. Damit meine ich nicht, wie Steffen Baumgart die Schiedsrichterentscheidung kommentiert. Ich meine die Schlagzeilenproduzenten. Mir ist schon klar, dass ich an den Regeln des Marktes beim Buhlen um Aufmerksamkeit und den Allgorithmen, die das Emotionale nach oben spülen, nichts ändere. Dennoch will ich als Schmetterlingsflügelschlag im Erzählstrom über die Wirklichkeit festhalten:

Steffen Baumgart tobt nicht.

Steffen Baumgart flippt nicht aus

Steffen Baumgart rastet nicht aus.

Einen Baumgart-Ausraster gibt es nicht.

Steffen Baumgart ist wütend. Steffen Baumgart ist zornig. Aber er redet kontrolliert. Er kritisiert und urteilt hart über die Schiedsrichter-Entscheidung sowie das Schiedsrichter-Verhalten. Ich sehe keine Affekt-Reaktion, wie sie die Schlagzeilen suggerieren.

Die entsprechenden Schlagzeilen mit einer fantasierten Wirklichkeit von Sport 1, RTL, Westfälische Allgemeine, BILD, Eurosport und anderen Lokalmedien Deutschlands, die anscheinend eine Agenturmeldung übernommen haben, finden sich mit der Google-Suche.

Ein Muss: Der Mann fürs Planen unter Druck

Seit Sonntag können wir die berechtigte Hoffnung auf bessere Zeiten haben. Seit Sonntag brauchen wir nicht mehr nur auf das Glück zu hoffen. Seit Sonntag wächst mein Vertrauen, dass es dem Verein MSV Duisburg und seiner momentanen Mannschaft in den nächsten Wochen gelingt, wieder in ruhige Fahrwasser zu kommen.

Zunächst zeigte Ingo Wald mit seinem offenen Brief an die „MSV-Familie“ , wie man Zusammenhalt vorlebt. Ihm war klar geworden, dass er sich bei der Pressekonferenz zuvor in den Worten vergriffen hatte und entschuldigte sich. Angesichts des eigentlich zentralen Inhalts der Pressekonferenz hatte ich sogar verstehen können, wie es zu den für ihn ungewöhnlichen Worten der Distanzierung gegenüber MSV-Anhängern kommen konnte. Schließlich beschäftigte sich Ingo Wald in den letzten Wochen damit, die Existenz des MSV abzusichern. Die Übernahme der KG-Anteile durch Capelli garantiert das Überleben des MSV auch für den schlimmsten Fall, den Abstieg. Darüber hinaus drückte dieses Geld Vertrauen in die Arbeit beim MSV aus. Die Bedeutung dieses frischen Geldes wurde angesichts der Abstiegsgefahr und des Unfriedens um Gino Lettierie kaum mehr wahrgenommen. Damit wurde auch die zuvor geleistete Arbeit des Vorstands kaum gewürdigt. Wie lange haben wir im letzten Jahr schon über nötige Investoren gesprochen? In anderen Zeiten hätte diese Pressekonferenz als eine Erfolgsgeschichte erzählt werden können. Diese Möglichkeit gab es nicht mehr.

Zudem birgt schnelles öffentliches Antworten immer die Gefahr pauschaler Sätze. Ein wenig ging mir das im Gespräch mit Studio 47 ebenso, als ich am Freitag unter anderem zu den Aussichten für den MSV in einer möglichen Regionalligasaison befragt wurde. Das Gespräch beginnt bei Minute 1.00.

Ich greife dieses Gespräch deshalb auf, weil ich meinen Blick auf den Verein MSV Duisburg klarer fassen möchte. Oben habe ich zwischen Verein und Mannschaft aus guten Gründen unterschieden. Beim Blick auf die Mannschaft geht es um die mittelfristige Perspektive Klassenerhalt. Hoffnung gibt hier die Verpflichtung der neuen Spieler und des neuen Trainers. Für den Verein aber geht es um langfristige Strukturen. Die Hoffnung hier braucht allerdings noch ein paar Signale aus dem Verein, selbst wenn der offene Brief von Ingol Wald deutlich macht, wie er den MSV in der Stadtgesellschaft verortet sieht. Nicht nur ich denke bei den Signalen an die Arbeit von Ivo Grlic.

Den von Ingo Wald angesprochenen Zusammenhalt braucht der MSV mehr als die Unterhaltungsbetriebe in Bundesliga und Liga 2. Dieses Wort Zusammenhalt aber kommt aus den kulturellen Wurzeln des Vereinslebens. Bei solcher Bedeutung eines ideellen Werts für den Erfolg des Vereins wird es unweigerlich zu Widersprüchen in einem Sport kommen, der sich als Wirtschaftssegment Fußballunterhaltung etabliert hat. Wegen solcher Bedeutung ideeller Werte habe ich den MSV im Gespräch mit Studio 47 in einem Atemzug mit den Spitzenvereinen in der Regionalliga genannt.

Dieser Teil der Identität des MSV kann einerseits in Widerspruch zur angestrebten Professionalität geraten. Andererseits bedingt er die Möglichkeiten der Professionalität. Warum? Weil die immense Bedeutung zugleich ein Symptom des Geldmangels ist. Für das erhoffte Professionalitäts-Niveau auf sportlicher Ebene fehlt Geld, denn Strukturen brauchen Mitarbeiter, die bezahlt werden müssen. Mir geht seit Tagen ein Beispiel aus der Glitzer-Erfolgswelt des Fußballs nicht aus dem Kopf. Neulich habe ich gelesen, beim FC Bayern München gibt es eine Abteilung, die für Datenauswertung und Statistik verantwortlich ist. Diese Abteilung hat 20 festangestellte Mitarbeiter. 20! Diese Mitarbeiter analysieren Spiele und Spieler. Sie stellen Ranglisten auf. Sie arbeiten an Bewertungsgrundlagen und Entscheidungshilfen.

Zwar werden auch Ivo Grlic und das Trainerteam mit Statistiken arbeiten. Die Wahrscheinlichkeit, die falschen Spieler zu verpflichten, ist dennoch größer als beim FC Bayern München, und selbst beim FC Bayern schlagen nicht alle Spieler ein. Mir geht es dabei um den realistischen Blick auf die Mängel von Ivo Grlics Arbeit. Für mich offenbarte die Verpflichtung von Gino Lettieri vor allem den fehlenden konzeptionellem Blick. Die einzelnen Spielerverpflichtungen für sich genommen sehe ich angesichts der Bewertungsmöglichkeiten des MSV gar nicht so kritisch.

Deshalb halte ich es für besser, Ivo Grlic einen Mann für das Konzeptionelle beiseite zu stellen und ihn für die organisatorische Arbeit der Einzelverpflichtung zu behalten als mit einem völlig neun Mitarbeiter komplett neu anzufangen. Sportlich erfolgreich möchte jeder Verein sein. Schwierig wird es, wenn der sportliche Erfolg der Zukunft zugleich den Kredit für die Kostenstruktur der Gegenwart bedeutet. Diesen Zwang zum Erfolg hatte es für den MSV gegeben. Die Zufälligkeit des Fußballs macht Erfolg für Vereine wie den MSV weniger planbar als für Vereine aus der Bundesliga, selbst wenn das Personal keine Fehler macht. Ein Nachfolger von Ivo Grlic wird vor demselben Erfolgsdruck stehen. All die kleinen nun erfolgreichen Vereine sind kein Gegenbeispiel, weil sie in ihren Regionen meist die einzigen Profivereine sind. Ohne die große Konkurrenz in der Nachbarschaft ist es einfacher, erfolgreich zu sein. Mit einem neuen Mann würde es anders werden, ob es besser würde, weiß man vorher nicht. Wir wissen aber, dass Ivo Grlic bei der Verpflichtung einzelner Spieler schon oft richtig lag. Mein Schluss, auch angesichts der Vertragslage: Gebt Ivo Grlic einen Mann für das konzeptionelle Denken an seine Seite. Lasst ihn nicht alleine für die Planungen der nächsten Saison verantwortlich sein. Dann sehen wir weiter.

Hinter Hupen stehen Argumente

Manchmal lässt mich eine der Grundbedingungen des Unterhaltungsbetriebs Fußball verzweifeln. Manchmal ist genau dann, wenn ich mich um die Zukunft des MSV sorge, und die Grundbedingung lautet Emotionalität. Damit lässt sich jedes kritische Geschehen erklären und dementsprechend nichts.

Ich könnte zufrieden sein, weil genau das geschah, was ich gestern befürwortete und entgegen der Meldungen von der sicheren Entlassung Ivo Grlics auch vermutete. Ivo Grlic behält seinen Arbeitsplatz. Ingo Wald sieht momentan keinen Handlungsbedarf. Nun lässt sich trefflich wie die Fans im MSVPortal darüber spekulieren, was dieses „momentan“ bedeutet. Auch die Nachfrage zum Handeln im Sommer ließ Interpretationsspielraum. So ist das immer. Das stört mich alles nicht.

Was mir Sorgen bereitet, sind die nachfolgenden Sätze, mit denen er sich gegen die am Vortag vor dem Stadion protestierenden Fans richtet. Seine Worte machten das Hupen als Protest zu einer erwartbaren Begleitmusik, mit denen Verantwortliche eines Fußballvereins nun mal umgehen müssen. Damit nimmt er eine Erzählweise zur Stimmung unter den Fans auf, die auch Dirk Retzlaff in seinem Kommentar zur Entlassung von Gino Lettieri erwähnt. Die Verantwortlichen hätten die Stimmung unter den Fans unterschätzt und somit habe Gino Lettieri von Beginn an nicht die zweite Chance gehabt, die ihm zugestanden hätte. Das ist leider völlig falsch und eine Dolchstoß-Legende.

Gino Lettieri hatte die besten Bedingungen für seine Arbeit. Kein Publikum im Stadion störte ihn. Kein Publikum wurde unruhig, wenn die Mannschft schlecht spielte. Wo gab es den besagten Einfluss der Fans zu spüren? Hat er sich abends im Internet im MSVPortal die Worte der Fans durchgelesen, weil er sich endlich mal so richtig abgelehnt fühlen wollte? Wir leben in einer Zeit der Abschottung. Er hatte die besten Bedingungen für seine Arbeit, die ein Trainer jemals beim MSV gehabt hat. Deshalb war seine Arbeit in Reinheit zu erleben. Und deshalb macht mir diese Nebelwolke emotionale Fans Sorgen.

Die Stimmung unter den Fans bei Bekanntgabe der Verpflichtung hatte Gründe. Es gab sehr gute Argumente, die gegen ein zweites Engagement von Gino Lettieri sprachen. Diese Argumente waren sehr gewichtig, weil es nicht alleine um ein pauschales „der war beim ersten Mal nicht erfolgreich“ ging. Sofort war sein geradezu zwanghaftes Distanzieren von Misserfolgen seiner Mannschaft ein Thema. Sofort war sein pädagogisches Geschick ein Thema. Sofort war die Abkehr vom im Jahr zuvor gefassten Vorhaben Ausbildungsverein zu sein ein Thema. Sofort waren seine Fähigkeiten taktisch variabel zu spielen ein Thema. Das waren keine Emotionen, das waren sachliche Gründe.

Nun möchte Ingo Wald Ivo Grlic aus der Schusslinie nehmen, wenn er immer wieder betont, dass die Gremien entscheiden und entschieden haben. Wer aber hat in diesen Gremien so viel Kenntniss vom Fußball, dass er eigenständig die bis dato gesehene Arbeit von Gino Lettieri bewerten kann? Wie können wir uns das vorstellen? Gibt es Fachgespräche zu den Auswirkungen der Verpflichtung auf das Konzept? Gibt es Fachgespräche über das Fußball-Wissen von Gino Lettieri? Ich kann diese Gremiengespräche nicht beurteilen. Ich habe aber Mühe mir vorzustellen, dass dort auf Augenhöhe diskutiert wird. Als Fachmann des Fußballs sehe ich bei diesen Gesprächen nur Ivo Grlic in fortwährender Erklärung und Überzeugungsarbeit. Es wäre schön, wenn es anders wäre.

Ich kann mir den Druck nur annähernd vorstellen, unter dem Ingo Wald steht, um dem MSV Duisburg eine tragfähige Zukunft zu geben. Ich schätze seine Arbeit bislang sehr, seine sachliche, ausgleichende Art und sein immer offenes Ohr für Stimmen aus dem Fanumfeld. Gerade deshalb sorgen mich seine Worte zu den hupenden Fans. Sie sorgen mich, weil mit ihnen die Argumente der Fans hinter dem Nebel Emotionalität verschwinden. Sie sorgen mich, weil ich nicht erkennen kann, dass in besagten Gremien des Vereins der grundlegende Fehler, Gino Lettieri verpflichtet zu haben, in aller Wahrhaftigkeit bewertet wird. Wenn diese Sorgen zu groß werden, kann ich dann nur noch hoffen, sie entstehen vor allem deshalb, weil die Verantwortlichen beim MSV die Fallstricke von öffentlichem Sprechen nicht kennen; Fallstricke, die immer ausliegen, wenn nur die Emotion als Kritik wahrgenommen wird.

Ratlos machen Teufelskreise beim MSV

Eines ist für mich klar, in jedem anderen Unternehmen außerhalb der Fußballbranche hätte mit der Entlassung von Gino Lettieri auch Ivo Grlic den Arbeitsplatz verloren. Eine vergleichbare Fehlentscheidung wie dessen Verpflichtung vor drei Monaten würde nirgendwo ohne Folgen bleiben. Das kann die Versetzung innerhalb des Unternehmens sein oder gar die wohlbekannte einvernehmliche Trennung.

Wer in der Krise eines Unternehmens jemanden zur Problemlösung anstellt, der nirgendwo vorher irgendeine Kompetenz bewiesen hat für den Umgang mit solch Krisen und der dann alles schlimmer macht, verliert das Vertrauen der Geschäftsleitung. So viel könnte niemand erklären, um das Vertrauen in seine Entscheidungen wiederherzustellen. Und ich denke gar nicht daran, dass mit der Lettieri-Verpflichtung die Unternehmensphilosophie Ausbildungsverein MSV nebenbei in die Tonne gehauen wurde. Ich denke daran, dass Gino Lettieri die absolut nötige berufliche Kompetenz zur Bewältigung einer Krise komplett fehlt.

Gino Lettieri kann keinen Zusammenhalt herstellen, die grundsätzliche Voraussetzung, um Krisen zu bewältigen. Er selbst war während seines ersten Engagements nie verantwortlich für irgendein Handeln in den seinerzeit ebenfalls vorhandenen großen und kleinen Krisen. Wenn seine Mannschaft verlor, waren das immer die Spieler, die all seine guten Pläne zunichte gemacht hatten. Er hatte ihnen immer alles genau gesagt und trotzdem machten die Spieler die Fehler. So ein Mann wurde verpflichtet mit all den voraussehbaren Konsequenzen. Eine Mannschaft steht momentan nicht mehr auf dem Platz.

Ivo Grlic hätte also bei Krohne, wo Vereinsvorstand Ingo Wald ja Geschäftsführer ist, sicher nicht mehr die Kompetenzen wie vor seiner Personalentscheidung. Angesichts der öffentlich zugänglichen Informationen aber, sehe ich keine Möglichkeit zur Entlassung von Ivo Grlic zum jetzigen Zeitpunkt. Es entstünde eine Leerstelle, die nicht von jetzt auf gleich gefüllt werden kann. Wer soll die Leerstelle im Verein füllen? Zudem fehlt für eine Neuanstellung wahrscheinlich das Geld. Ein Teufelskreis. Sofort sind wir bei den Finanzen, den Besonderheiten der Fußballbranche im Allgemeinen sowie denen eines Vereins wie dem MSV.

RWO-Präsident Hajo Sommers hat neulich sehr drastisch deutlich gemacht, dass ein Abstieg aus der Zweiten Liga in die Dritte Liga eine finanzielle Katastrophe wegen der Fixkosten ist und Vereine, die aus der Regionalliga aufsteigen, es dagegen sehr viel leichter haben. Der MSV ist in dieser zugespitzten Absteiger-Situation, sie ist eine doppelte, weil der Aufstieg letzte Saison nicht gelang und die Kostenstruktur wahrscheinlich auf den Aufstieg ausgerichtet war.

Wo sollte der MSV also die übergeordnete sportliche Kompetenz hernehmen? Wo sollte das Korrektiv für Ivo Grlic herkommen? Wer sollte das bezahlen? Es hat ja anscheinend einen Plan gegeben, eine übergeordnete Position zu besetzen. Jetzt aber brennt es lichterloh. Das Feuer muss erstmal gelöscht werden, ehe alle wieder mit Ruhe perspektivisch denken können. Denn längst sind die Zweifel viel zu groß, ob der Verein überhaupt die Gelegenheit haben wird, im Hinblick auf die sportliche Entwicklung perspektivisch denken zu können.

Rational wäre es, Ivo bis zum Ende der Saison seine Arbeit machen zu lassen. Das ist schwierig angesichts der Stimmung unter den Fans. Wäre der Fußball eine normale Wirtschaftsbranche könnte so eine Lösung der Presse mitgeteilt werden und am Ende der Saison wären die Fakten da, um vernünftig zu entscheiden. Die Fußballbranche hat ihre Besonderheiten, von denen die Unzuverlässigkeit in Sachen sportlicher Erfolg eine der größeren Schwierigkeiten ist.

Wenn nun in Krisenzeiten ehemalige Spieler allerlei kritisieren, so ist das für den MSV seit 2013 mit Vorsicht zu genießen. Tomas Hajto erzählt von seiner größeren Verbundenheit mit Schalke, weil die ihm immer einen Blumenstrauß zum Geburtstag schicken. Da sind wir mehr beim Thema persönliche Eitelkeit. Jeder, der den MSV in den letzten Jahren verfolgte, wird sofort die Frage stellen, wer hätte sich um die persönliche Betreuung verdienter Spieler kümmern sollen? Alles eine Frage des vorhandenen Personals. Mir fallen sofort viele andere Spieler ein, die auch einen Blumenstrauß vom MSV verdient haben. Tomas Hajto ist im Grunde seines Herzens also ein selbstloser Wirtschaftsförder und denkt an den Jobmotor Geschäftsstelle MSV, wenn dort die zusätzlichen Mitarbeiter für die Blumensträuße eingestellt werden. Und das nötige Geld? Ein Teufelskreis.

Ernster ist schon Dietmar Hirsch zu nehmen, wenn er bei Facebook beklagt, ehemalige Profis vom MSV fänden zu wenig Gehör. Ernster deshalb, weil er nach seiner Spielerkarriere auch als Trainer und Vereins- bzw. Unternehmensgründer erfolgreich war und ist. Andererseits: Was war Ivo Grlic nochmal beim MSV, bevor er die sportliche Leitung übernahm? War der nicht mal Fußballprofi und Legende? Dunkel erinnern wir uns. Ganz so einfach ist das also auch nicht mit der Einbindung ehemaliger Profis. Die einen Profis haben die eine Meinung und jene Kompetenzen, die anderen sehen wiederum den Erfolg mit ganz anderen Mitteln und haben andere besondere Fähigkeiten. Ex-Fußballprofi-Sein langt also mal nicht als berufliche Qualifikation für eine Anstellung beim MSV. Er müsste ins unternehmerische Konzept des MSV passen. Das muss aber erstmal wieder aus der Tonne geholt werden, sobald der Ausgang der Saison feststeht. Dieser Ex-Fußballprofi müsste zudem einige planerische und strategische Fähigkeiten mitbringen. Die wiederum scheint Dietmar Hirsch zu besitzen. Unternehmerisch denken kann er anscheinend auch. Aber alles ist eine Frage der Finanzen. Wie aus dem bekannten Teufelskreis ausbrechen?

Klasse halten, MSV, nur durch Glück oder vielleicht auch Glück und allenfalls noch durch viel mehr Glück

Der MSV schlittert auf einem Steilhang in den Höhenlagen eines 2000ers den Berg runter. Er trägt Sandalen, kurze Hose und leichtes T-Shirt. Der Himmel ist zugezogen. Die Temperaturen sind unter zehn Grad. Manchmal versucht er sich aufzurichten, doch Böen wehen ihn dann um. Wie er verdammt noch mal in diese Lage geraten ist, weiß er nicht. Im Tal hatten doch nur ein paar Wolken die Sonne hin und wieder verdeckt. Das Handy hat schon lange keinen Empfang mehr. Verzweifelt versucht er den Weg zurückkommen auf den Pfad in sichere Gefilde. Halb gebückt rutscht er dennoch auf dem Geröll aus. Es geht ein Schritt vor und vier zurück. Der Abgrund ist so deutlich sichtbar. Mit jedem Ausrutschen kommt er näher.

Ich hatte nichts mehr über ein Spiel schreiben wollen. Heute muss ich es mir mit Worten besser gehen lassen. Heute brauche ich Ablenkung von meinem Entsetzen über das Spiel des MSV gegen Magdeburg. Ich konnte mir das Spiel nicht wirklich ansehen. Immer wieder habe ich nur vereinzelt Blicke geworfen. Zu sehr hat mich das Spiel aufgeregt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals diesen so oft gehörten Fan-Gedanken gehabt habe, die sind so schlecht, da könnten wir noch aushelfen. Gestern war es so weit. Ich habe tatsächlich bei manchen Szenen gedacht, es würde keinen Unterschied machen, ob ich den Ball am Fuß habe oder einer der bezahlten Profis. Ich könnte genauso sinnlos zwanzig Meter nach vorne rennen in die dort stehenden Gegenspieler hinein. Ich könnt genauso hilflos stochernd versuchen den Ball zu behaupten, wenn gleich drei Magdeburger mich attackieren. Ich konnte mir das Spiel nach der Magdeburger Führung nicht weiter ansehen.

Der Vierzeiler zum Spiel gegen Meppen über die Aussichten der Mannschaft angesichts der miserablen Konterfähigkeiten hat sich bewahrheitet. Wenn die grundlegende Taktik durch mangelnde Fähigkeiten zum Torabschluss beim Konter scheitert, bleibt nur das Glück, um ein Spiel zu gewinnen. Gerät die Mannschaft gar in Rückstand, wird die komplette Hilflosigkeit der Spieler deutlich. Dann steht keine Mannschaft auf dem Rasen, dann stehen Einzelspieler auf dem Rasen, die verzweifelt versuchen Mannschaftsteile herzustellen. Ich wage gar nicht von einer Mannschaft mit elf Mann zu sprechen.

Was für ein Schrecken ist diese Saison. Der Abstieg wäre schon ein Desaster. Wie dieser Abstieg zustande käme, wäre eine Katastrophe. Gemeinsam hieß es zu Beginn der Saison. Im sportlichen Bereich ist davon nichts zu sehen. Nichts! Es gibt keinen gemeinsamen Geist. Gibt es Versuche, ihn zumindest herbei zu reden? Wenn ich im MSVPortal über Gino Lettieris Umgang mit der Mannschaft in den letzten Minuten lese, weiß ich, diese Gemeinsamkeit wird nur durch Erfolge entstehen. Er selbst trägt dazu nichts bei. Überraschend ist das für die meisten Anhänger dieses MSV nicht. Denn es war kein Geheimnis, Misserfolg verarbeitet die sportliche Leitung gerne durch Distanzierung. Wie sollen Spieler mit dieser zusätzlichen Last der Distanzierung ihre gesamte Kraft für das Spiel aufbringen können? Einen Teil werden sie für sich selber brauchen. Sicher, es gibt sie, die Spieler, die den Widerstand für Höchstleistung nutzen, Spieler, die es ihrem Trainer dann zeigen wollen, wenn sie gereizt sind. Beim MSV sehe ich solche Spieler nicht im Kader. Da sehe ich Spieler, die eher stur und resigniert werden oder solche, die in Vereinen mit erklärender Ausbildungskultur ihre Jugend verbrachten.

Wie dieser MSV den Abstieg verhindern will? Aus eigener Kraft wird das nicht klappen. Die Mannschaft braucht Glück. Im Spiel gegen Meppen hatte sie das, gegen Magdeburg nicht. Die Mannschaft braucht also mehr Glück und davon am besten sicherheitshalber noch mehr.

Sollte diese Mannschaft nicht absteigen, gebührt aller Dank dem Schicksal. Trainer und Sportdirektor haben damit eher wenig zu tun.


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