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Original und Kopie

Montagabend habe ich in der VHS einen Vortrag über die Identität des Ruhrgebiets gehalten. Ein interessanter Vortrag übrigens, wenn ich das mal so unbescheiden sagen darf. Führte er doch zu einer grundsätzlichen Diskussion über Selbstbewusstsein, Stärken und Schwächen des Ruhrgebiets, wie sie eigentlich in einem ruhrgebietsweiten Debattenforum immerzu geschehen müsste. Dieses Forum gibt es nicht. So ein fortwährendes öffentliches Reden wäre nötig, denn natürlich interessiert die Identität des Ruhrgebiets vor allem deshalb, weil mit ihr ein Image verbunden wird und dieses Image leider immer wieder nicht so ist, wie die Wirtschaftsförderer dieser Region es gerne möchten.

Während der Vorbereitung dieses Vortrags war ich vom täglichen Geschehen etwas abgelenkt. Gestern, sehr spät abends habe ich mir deshalb einen Stapel Zeitungen vorgenommen. Zu meiner großen Überraschung las ich dann in der Süddeutschen Zeitung dieses gestrigen Dienstags einen großen Artikel über das Spiel vom MSV gegen Fürth. Ich konnte das erst nicht glauben. So lange nach dem Spieltag? Aber ich las „Der Mangel an Treffsicherheit ist zur unangenehmen Gewohnheit geworden.“ Ich las vom „Gegentor“, bei dem ein Schulz, den Ball hätte wegschlagen müssen.  Aber das war doch Nauber, dachte ich noch und schimpfte auf die Journalisten, die sich mal wieder überhaupt nicht auskennen. Erst als ich vom „Zufallstor“ las, habe ich noch einmal von vorne angefangen zu lesen. Dieses Zufallstor war ja gegen Fürth eben nicht gefallen. Darauf hatten wir doch nur gehofft.

Natürlich wisst ihr das schon längst, die SZ hatte über das Länderspiel Deutschland gegen Peru berichtet. Sowohl dieses Spiel als auch das gegen Frankreich habe ich nicht gesehen. Das war wohl eine gute Entscheidung. Ich schau mir doch nicht die Kopie an, wenn ich fast jede Woche das Original haben kann. Bleibt die Frage was uns die Erkenntnis verrät, dass Ilia Gruev vor denselben Schwierigkeiten steht wie Joachim Löw.

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Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Folge 40: Jo Marie mit Ruhrpott Romantik

Gestern habe ich einen Vortrag zur Identität des Ruhrgebiets gehalten. In der Diskussion nach dem Vortrag wurde deutlich, wie unterschiedlich Kohle und Stahl als Klammer für eine Ruhrgebietsidentität bewertet werden. Für einige war der Bezug auf Kohle und Stahl gleichbedeutend mit Stagnation und einem Denken, das den Verlust beklagt, ohne das Neue anzupacken.

Es mag Menschen im Ruhrgebiet geben, für die diese Bewertung gilt, wenn sie auf die Montanindustrie schauen. Ich selbst glaube dennoch, das Ruhrgebiet kommt an Kohle und Stahl als einigender Klammer nicht vorbei. Denn Kohle und Stahl sind nun einmal der Grund, warum es das Ruhrgebiet überhaupt gibt. Wenn wir nichts mehr von Kohle und Stahl hören wollen, werden wir geschichtslos im Ruhrgebiet.

Gerade die jungen Bewohner des Ruhrgebiets haben ein unbelastetes Verhältnis zu Kohle und Stahl. Junge Menschen kennen die Arbeitswirklichkeit von Kohle und Stahl nicht mehr. Sie nehmen Kohle und Stahl symbolhaft. Sie gehen ironisch damit um. Sie können Kohle und Stahl benutzen, um sich in ihrer Lebenswelt zu positionieren. Damit verlieren sie den Blick für die Zukunft nicht. Sie trauern der Montanindustrie nicht hinterher. Sie schauen nach vorn. Wer im Ruhrgebiet bleibt, will etwas im Ruhrgebiet bewegen, und zwar in Berufen, die zukunftsträchtig sind.

Dennoch kann ich die Sorgen vor einem lähmenden Historienbezug auf Kohle und Stahl verstehen. Ruhrpott Romantik etwa von Jo Marie wirkt mit seiner Popmelodie so, als ob die junge Sängerin aus Lünen den Anschluss an den gegenwärtigen Popmusikbetrieb findet. Im Text aber schleicht sich rückwärtsgewandtes Denken ein, wenn es heißt, „zu verstehen, wie es hier wirklich ist, ist fast unmöglich, wenn du von woanders bist.“ Damit offenbart sich die Kehrseite eines Bezugs auf regionale Identität, die inhaltlich mit Kohle, Fußball und malochen gefüllt wird. Ausschluss liegt jederzeit nahe. Daran denkt Jo Marie wahrscheinlich nicht. Sie will nur die Besonderheit der Ruhrgebietswirklichkeit zum Ausdruck bringen.

Bei dem Lied mit dem zum Teil sinnfreien Text geht es ja ohnehin vor allem um Refrain und Melodie. Deshalb will ich ihre Worte nicht auf die Goldwaage legen. Im alltäglichen Leben mischen sich eben manchmal die Wirkungen beim Bezug auf die Historie des Potts. Mit diesem Bezug auf Kohle und Stahl bei der regionalen Identität ist es wie mit allem im Leben. Es kommt immer auf das Wie an.

 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Wenn MSV-Fans zurzeit einen Jazz-Standard hören

Gestern beim Jazz auf’m Platz spielte Soleil Niklasson zusammen mit dem Blue Motion Trio. Der skandinavisch klingende Name gehört einer in Chicago geborenen US-Amerikanerin. Zu hören war vom Swing inspirierter Vocal-Jazz. Zufällig habe ich beim Konzert einen Freund getroffen, mit dem ich sonst immer wieder auch im Stadion beim MSV zusammen stehe.

Obwohl wir über die Niederlage gegen Fürth schon gemeinsam vor Ort geschimpft hatten, mussten wir noch einmal kurz klagen über dieses Spiel vom MSV. So was ist Trauerarbeit und hilft, sich der Wirklichkeit der nächsten Spiele zu stellen. Denn die werden wieder auf uns zukommen, das ist ja klar, und während wir noch sprachen, hörten wir im Hintergrund, wie Soleil Niklasson das letzte Stück vor der Pause Moritz Stoppelkamp widmete. „I dedicate this song to Moritz Stoppelkamp“. Das muss sie gesagt haben. Je länger ich darüber nachdenke, desto sicherer bin ich. Der Freund war sich von Anfang an sicher. Er sagte sofort: „Die hat doch gerade Moritz Stoppelkamp gesagt.“

Gerade wenn ich ihre längere Erklärung vor dem Stück versuche zusammen zu bekommen, dann meine ich, sie hat sogar erzählt, wie sie in Chicago im letzten Herbst den MSV als ihren Lieblingsverein entdeckte. Sie klang so melancholisch. „What a nice one!“, sagte sie. Da muss sie sich an das Stoppelkamp-Tor erinnert haben, bei dem er auf den Rückpass zum Torwart spekulierte und dazwischenging. Und dann geriet sie ins Schwärmen und heute weiß ich, dass sie vom „early goal“ sprach, von „the volley against Sändhausen“.

Schön, wenn jemand sein MSV-Gefühl zurzeit mit einem Jazz-Standard wie These foolish things ausdrücken kann. Ein Standard, bei dem im Text Gegenstände aufgelistet werden, die an jemanden erinnern, der gerade nicht anwesend ist. Erfolgreich Enttäuschungen verarbeiten verschafft Energie und Hoffnung. Dann wird es wieder vorstellbar, dass Abwesendes durch Neues wie Stoppelkamp-Tore in der Gegenwart ersetzt werden kann. Die Fahrkarte nach Berlin habe ich schon länger im Haus.

Nat King Cole hat den Song übrigens auch schon sehr schön interpretiert.

Als Kommentar zur Spieltagsterminierung reicht auch mal ein Lied

Montag, zweimal, nacheinander, nein, das muss nicht sein. Selbst wenn ich das als Vertrauensbeweis seitens der DFL in die weitere Entwicklung des Vereins unserer Herzen ansehe.

Helikopter-Eltern schuld an deutschem WM-Aus

In der letzten ZEIT gibt es ein Interview von Jörg Krämer mit Peter Hyballa. Als Jugendtrainer war er sehr erfolgreich mit den U19-Mannschaften von Borussia Dortmund und dem VfL Wolfsburg, später trainierte er unter anderem Alemannia Aachen. Seit Juli arbeitet er beim slowakischen Erstligisten DAC Dunajská Streda, nachdem er im Mai erst beim DFB als Trainer-Ausbilder angefangen hatte. Ich vermute, seine Kündigung beim DFB machte neugierig auf seine Meinung zur Entwicklung des deutschen Fußballs.

Die Quintessenz des Interviews: Die Strukturreform im deutschen Fußball brachte als Nebenwirkung Einheitlichkeit und Stromlinienförmigkeit der Spieler mit sich. Die Individualität der Spieler wurde systematisch beschnitten. Große Spieler brauchen aber Freiräume zur Entfaltung. Zudem fehlen in der Trainerausbildung die Praktiker. Solche Aussagen haben wir schon öfter gehört, dennoch ist das Interview wegen der klaren Meinung und praxisbezogener Aussagen interessant.

Das Schlussstatement hat mich schließlich schmunzeln lassen. Denn Peter Hyballa erzählt uns, dass Jugendtrainer heutzutage sich gerne mit an Lehrer-Stammtische setzen würden. Gemeinsamer Ärger über ehrgeizige Eltern, die für schlechte Leistungen ihrer Kinder die Schuld bei den Pädagogen suchen, hebt schon mal die Laune sehr. Anekdotenhaft wird in Berichten über den Lehreralltag ja immer die Klage gegen Zeugnisnoten angeführt. Ich warte also auf Eltern, die vom Spielerberater mit dem entsprechenden Anwalt versorgt, den Startelfplatz für ihren Sohn einklagen.

 

Hier sollte eine Überschrift zum MSV stehen

Ein paar Jahre ist es nun schon her, dass ich ein Spiel des MSV nicht der Mühe wert empfand, weitere Worte darüber zu verlieren. Nach dem Schlusspfiff im Spiel des MSV gegen Greuther Fürth war es dann wieder so. Gestern dachte ich tatsächlich wieder, die aufgewendete Arbeit hier muss doch in einem Verhältnis zu der Leistung der Mannschaft stehen. Als erstes habe ich mir die Überschrift gespart.

Aber ihr könnt ja nicht sehen, wie langsam ich mich dem Laptop näher. Ihr könnt nicht sehen, wenn ich statt mit zehn Fingern im Drei- bis Fünffingersuchsystem tippe. Ihr könnt nicht sehen, wenn ich aufstehe, gedankenlos herumlaufe, mich wieder setze, nur auf den Rand des Stuhls, den Seitenrand natürlich, und während des Setzens den Bildschirm zuklappe. Wie das passiert ist, weiß ich nicht. Ihr könnt nicht sehen, dass ich mit zugeklapptem Bildschirm dennoch mal versuche durch den Laptop-Kunststoffmantel die Tasten zu drücken. Irgendwie könnte das doch eine Wirkung haben. Solch unsinniges Arbeiten könnt ihr einfach nicht sehen. Ihr könnt nicht sehen, wie ich nach all meinem vergeblichen Drücken ganz langsam diesen Bildschirm mit meiner Nase zu heben versuche. Also muss ich Leistung doch in Worten verdeutlichen, und das benötigt eine Qualität, die die Mannschaft des MSV nicht gezeigt hat.

Eine Szene des Spiels hat man sehen müssen, um die Leistung der Mannschaft an diesem Tag zu begreifen. Es war um die 67. Minute herum. Ein Fürther Angriff war abgewehrt worden. Etwa acht Spieler des MSV befanden sich gestaffelt auf Höhe des Fünfmeterraums und am Strafraumrand. Nach der Klärung des Angriffs war der Ball wieder bei den Fürthern im Halbfeld gelandet. Die Fürther Offensive verringerte ihr Tempo dabei nicht. Dieser zweite Ball wurde sofort wieder in einer schnellen Spielaktion weiter verarbeitet. Was aber machten die Spieler des MSV? Alle Spieler rückten zwar synchron in Richtung des Balles, es muss aber genauer gesagt werden, wie sie aufrückten. Sie gingen Richtung des Balles und jede Gangart, die ihr dabei vor Augen habt, ist noch zu schnell. Diese Orientierung hin zum Ball geschah in einer Art Trainingsspaziergang. Wir sahen die Aufführung eines Balletts zu einer Musik, für die im Kreuzworträtsel die Lösung immer heißt: Largo.

Diese Szene zeigte, warum der MSV es nicht schaffte einen 1:0-Rückstand aufzuholen, der schon in der zweiten Minute feststand. Ein Fehler in der eigenen Hälfte führte zu dem Tor der Fürther. Auch dieser Fehler als Kombination von Rückpassspiel von Stanislav Iljutcenko, Ballsicherungsversuch durch Gerrit Nauber und Wegrutschen von Daniel Davari vor dem Herauslaufen ist bezeichnend für das derzeitige Spielvermögen des MSV. Die Fürther waren jederzeit gedankenschneller, bissiger und technisch besser.

Die wenigen Chancen des MSV verdecken nur die grundsätzliche Unterlegenheit der Mannschaft. Wie soll diese Mannschaft je ein Tor erzielen? In keinem der vier Spiele sah es so aus, als könne ein Tor alleine durch das gezeigte spielerische Vermögen zustandekommen. In allen vier Spielen habe ich sehr schnell das Glück und den Zufall als unbedingt notwendige Voraussetzung für ein Tor eingerechnet. Wir sehen, wie schnell die Mannschaft sich verunsichern lässt. Wir sehen Frustration. Die Spieler laufen und laufen, und es kommen kaum sinnvolle Spielaktionen dabei herum. Wenn der Gegner den Ball besitzt, laufen sie ihm hinterher. Eigener Ballbesitz geschieht trotz mässigem Tempo durch die halblangen Bälle oft zu unkontrolliert. Anstrengung ohne den kurzzeitigen Erfolg im Spiel ist demotivierend. Ich brauche noch ein paar Tage für ein wenig Zuversicht. Gut, dass die Länderspielpause mir dazu Gelegenheit gibt.

Von flachliegenden Böcken und geplatzten Knoten

Wenn morgen der MSV Duisburg gegen Greuther Fürth spielt, wird sich auf dem Rasen neben den Spielern nicht nur der Schiedsrichter befinden. Ein Bock wird auch dabei sein, weniger ein männliches Tier einer Paarhuferart, denn ein Hindernis. Umstoßen kann man allerdings beide. Denn ohne Umstoßen des Bocks wird es den Sieg nicht geben. So lässt sich Ilia Gruev jedenfalls vernehmen. Ich befürchte so ein Bock wird erst mit dem Schlusspfiff endgültig liegen bleiben. Die Fürther werden wahrscheinlich sogar versuchen, diesen Bock zu ihrem zwölften bis dreizehnten Mann zu machen und immer wieder aufrichten.

Einen geplatzten Knoten wieder zu nutzen wäre nicht so einfach möglich. Dessen Fetzen würden überall rumliegen und das Spiel der Zebras nicht weiter behindern. Was wäre es schön, wenn Ilia Gruev in dieser Woche von einem solchen Knoten hätte sprechen können. Dann hätten wir schon eine Leistung der Mannschaft gesehen, der man grundsätzlich vertrauen könnte. Dann müssten wir nicht erwarten, dass eine zusätzliche Anstrengung hinzukommen muss, eine Steigerung der Leistung, die das Umstoßen des Bocks erst möglich macht.

Fehler werden abgestellt, versprechen Spieler und Trainer. Hart wurde gearbeitet. Alle wissen, was von ihnen erwartet wird. Und zusammen stehen werden wir auf den Rängen mit den Spielern auch. Also, hoffen wir darauf, dass die erste Hürde genommen wird, die Flaute mit dem Durchbruch der Mauer im Kopf endet und die bisherige Durststrecke nicht in den Tunnel führt, an dessen Ende erst ein Licht erscheint. So lange wollen wir doch nicht warten.


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