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Heimatlied Sektion Ruhrstadt – Folge 48: Donato u.v.a. mit Der Ruhrpott ist unendlich

Den Hiphop als reiche Quelle des Ruhrstadtlieds habe ich hier schon oft gerühmt – mit der Ruhrpott AG, mit Snagga und Pillath,  mit Too Strong oder mit Jason Bartsch. Nun ist die erste Hiphop-Generation dieser Stadtlandschaft im gesetzten Erwachsenenalter angekommen, einige von ihnen berühren mit dem Ensemblestück „Der Ruhrpott ist unendlich“ das Lebensgefühl einer Generation, die um die Jahrtausendwende jung gewesen ist.

Innerhalb weniger Tage wird der Clip zum Stück bald 100.000 mal gesehen sein. „Der Ruhrpott ist unendlich“ weckt Erinnerungen und zeigt, wie eine einstige Jugendkultur altert und die damals junge künstlerische Ausdrucksform weiter genutzt werden kann. Gerappt wird von unterschiedlichen Lebenswegen. Der Blick geht zurück in die Anfänge des eigenen Hiphops. Manchmal wird Resumée gezogen und immer wieder geschaut, wie es weitergehen kann.

Das alles geschieht nicht in einer abstrakten Kulturwelt. Die Wirklichkeit im Ruhrgebiet ist immer auch Thema, weil sie Biographien aller Künstler bestimmte. Das wirkt als Lyrik des Realismus. Die Bilder des Clips machen die Städtelandschaft sichtbar. „Der Ruhrpott ist unendlich“ ist ein gelungenes Gesamtkunstwerk, das das Leben in der Stadtlandschaft spürbar macht.

Leider fehlt mir die Zeit, um die einzelnen Künstler mit besonderen Worten vorzustellen und zu würdigen. Auf der Seite Ruhrpotthiphop.com lässt sich ein Überblick zur Hiphopszene der Ruhrstadt gewinnen. Das letzte lange Gespräch dort war mit Terence Chill, der auch am Stück beteiligt ist. 

 

Und als Zugabe der Blick in die Vergangenheit. Wenn ich das richtig verstehe, ist der Titel oben ein Zitat aus dem folgenden Stück von ABS feat. Creutzfeld & Jakob. Falls ich mich irre oder ihr weitere Anmerkungen habt, in die Kommentare und Feuer frei. 

Hinweise auf weitere online zu findende Ruhrstadt-Lieder nehme ich gern entgegen. Helft mit die Sammlung wachsen zu lassen.

Mit einem Klick weiter findet ihr Heimatlied – Sektion Ruhrstadt – Alle Folgen

Ewald Lienen Fußballgott – einmal mehr

Starkem Gegenwind setze ich mich ja nicht mehr aus, wenn ich über Ewald Lienen mal wieder ins Schwärmen gerate. Welch ungebrochener Idealismus muss ihn bei seiner Arbeit im Fußball weiter antreiben. So engagiert wirkt er in der letzten Folge des von ihm zusammen mit Michael Born aufgenommenen Podcast Der Sechszehnerhier zur Facebook-Seite, als er darauf zu sprechen kommt, wofür die deutsche Nationalmannschaft und Joachim Löw stehen.

Da arbeitet er seit den 1970er Jahren in diesem Fußballgeschäft und nichts von dem, was er bis jetzt erlebt hat, konnte ihm die Bereitschaft nehmen, erst einmal an die guten Absichten von Menschen und an deren lautere Motiven zu glauben. Ich hätte ihm laut zujubeln können, als er über die T-Shirt-Aktion der deutschen Nationalspieler vor dem Länderspiel gegen Island sprach. Die Spieler waren ja mit T-Shirts aufgelaufen, auf denen nacheinander der Schriftzug „Human rights“ zu lesen war.

Dass er in all seinen beruflichen Rollen im Fußball immer auch über das große Ganze, die Gesellschaft, nachdachte, sollte jedem bekannt sein. Deshalb durfte seine Zustimmung erwartet werden, wenn sich Fußballer für Menschenrechte einsetzen. Mir geht es aber nicht um Beifall für eine Botschaft, sondern um Ewald Lienens deutlich spürbaren Glauben, dass diese Fußballer ihre Botschaft auch ernst meinten.

Er wusste nichts vom Making-of-Video des DFB und dem Marketing-Geschmäckle, den das Ganze dadurch angenommen hatte. Naiv sind seine anerkennenden Worte aber nicht. Sie zeigen nur, Ewald Lienen sucht innerhalb des Fußballbetriebs nach den Momenten, die eine gute Entwicklung voran treiben können. Dass er diese T-Shirts nicht überbewertet, versteht sich von selbst, und ohne die Abfederung durch Realismus hätte er nicht so lange in dieser Branche arbeiten können.

Ab Minute 22.35 spricht er zunächst grundsätzlich zu Bewertungen der deutschen Nationalmannschaft. Ab Minute 26.55 geht es konkret um deren und Joachim Löws Ausstrahlung. Für Ewald Lienen ist dabei eines klar, im Fußball geht es nicht nur ums Gewinnen. Es gehe auch um Werte und Prinzipien, für die eine Mannschaft steht.

Aygün Yildirim erscheint der Fußballgott

An diesem Sonntag wurde das Osterfest gefeiert. Wofür der Fußballgott nicht zuständig war. Das gehörte zum Arbeitsbereich seines Kollegen vom christlichen Glauben. Der Fußballgott hatte sich von Anfang an ganz dem Ballspiel gewidmet. Da ließ er sich nicht reinreden. Am Sonntag hatte er also meist kaum Zeit. Dann hatte er nach den Spielen am Vortag zu tun. Meist arbeitete er schnell und konzentriert seine Listen ab. Es waren Folgearbeiten für ihn. Eine Erscheinung hier, ein Zeichen dort. Gehandelt werden musste schließlich nur in den Spielen.

Am liebsten erledigte er alles möglichst sofort, weil er nur zu genau wusste, wie verführerisch Fußballspiele und die Fußballer für seine Kollegen oft waren. Wie gerne griffen sie dort ein, wenn er mal kurz nur unaufmerksam war. Wie oft schon hatten sie hinter seinem Rücken mit einem Spieler Tacheles geredet, wenn er nach einem anstrengenden Spieltag erst einmal entspannen wollte.

Gerade der Kollege vom christlichen Glauben mit seinem Stolz auf den Bohei der Menschen in seinem Namen um die Schuld, mochte den Fußball sehr. Der Fußballgott wusste auch, wer von seinen Kollegen sich grundsätzlich allmächtig vorkam. Gerne wurde das zusammen mit dem Alleinvertretungsanspruch zur Sprache gebracht. Auf so eine Idee waren natürlich zuerst die Menschen gekommen, aber wer gar nicht mehr weiter weiß, greift noch auf den abwägigsten Gedanken zurück. Für Menschen in ihrer Beschränktheit war der ja vielleicht ganz praktisch gewesen, um ihr Leben zu bewältigen oder ihre Interessen durchzusetzen. Aber für Götter? Da musste er doch immer wieder lachen.

Er hatte also heute zu tun. Das war klar. Es ging um keine große Sache. Im menschlichen Maßstab ging es sogar nur um die Dritte Liga. In Deutschland. Aber ihm ging es immer um das Spiel selbst. Um die Werte, die ein Fußballspiel vermitteln konnte. So schaute er deshalb auf diese Geplänkel der großen Vereine nur noch flüchtig. Da konnte er noch so oft eingreifen, dort ging es nicht um Details. Dort ging es um Grundsätzliches. Für diese Arbeit bräuchte er vielleicht Unterstützung. Neulich hatte er zufällig einen germanischen Kollegen getroffen. Thor, Donnergott, der hatte ihn auf eine Idee gebracht. Aber das musste noch warten.

Heute richtete er seinen Blick auf Westfalen. Dort lebte die Familie Yildirim. Aygün Yildirim hatte mit seiner Mannschaft, dem SC Verl am Vortag gegen den MSV Duisburg 2:1 verloren. Der Sieg der Duisburger war nicht unverdient, wenn auch etwas überraschend. Der Fußballgott hatte unauffällig gewirkt. Er hatte auf die eindrucksvolle Leistung der Duisburg kein dunkles Licht werfen wollen. Auf keinen Fall wollte er, dass jemand nach dem Spiel von großem Glück sprach.

Dieser MSV brauchte ihn momentan eigentlich nicht. Im Grunde hatten die Spieler das selbst erledigt mit dem Siegen, welch schöne Tore hatte Moritz Stoppelkamp geschossen. Aber der Fußballgott wollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Zu sehr hatte er sich über den Verler Spieler Aygün Yildirim geärgert. Zweimal hatte der sich ohne Berührung des Gegners fallen gelassen. Die Absicht einen Elfmeter herauszuholen war so offensichtlich, selbst wenn er sich einmal beim Fallensassen verschätzte und er sich nur am Strafraumrand befand. Über eine gelbe Karte hätte er sich nicht beschweren dürfen. Wenigstens ist der Schiedsrichter auf diese Versuche zu betrügen nicht hereingefallen. Sonst hätte er um der Gerechtigkeit willen für den MSV womöglich tatsächlich eingreifen müssen.

Nun also kam der Fußballgott in Westfalen nieder, fand Aygün Yildirim auf seinem Sofa vor und sprach zu ihm: „Aygün Yildirim, hörst du mich, mein Sohn? Wo bist du mit deinen Gedanken? Denkst du an deine Leistung im Spiel deiner Mannschaft gegen den MSV Duisburg? Denkst du an eure Niederlage? Deine Mannschaft hat zurecht 2:1 verloren. Du meinst zu wissen, warum. Aber zwei Tore hat der MSV Duisburg erzielt. Zwei! Tore! Weißt du, Aygün Yildirim, warum zwei Tore? Wie oft, Aygün, hast du dich dort fallengelassen, wo du geglaubt hast, der Schiedsrichter könnte Elfmeter pfeifen. Wie oft, Aygün Yildirim? Wenn du es nicht mehr weißt, ich erinnere mich genau. Zweimal, Aygün Yildirim. Zweimal bist du gefallen. Zweimal zu Unrecht. Vergiss, was dein Trainer über das Spiel gesagt hat. Erst jetzt weißt du, warum deine Mannschaft durch zwei Gegentore verloren hat.“

Erwin Kostedde und Gerald Asamoah über Rassismus im ZEIT-Magazin gibt Anlass zur Erinnerung

In der Saison 1967/68 spielte Erwin Kostedde beim MSV Duisburg. Er war aus der Regionalliga von Preußen Münster gekommen und hatte dort als Mittelstürmer überzeugt. In Münster war der 1946 geborene Sohn einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten auch aufgewachsen. In seinem ersten Jahr in der Bundesliga scheint er beim MSV seine Leistungen in Münster nicht bestätigt haben zu können. In 19 Spielen erzielte er fünf Tore. Nach seiner Karriere erzählte Erwin Kostedde mehrmals, ihm sei sein Erfolg zu Kopf gestiegen. Er habe die Nächte zum Tag gemacht. Seine Einstellung habe nicht mehr gestimmt. Deshalb sei es zum Konflikt mit dem Trainer Gyula Lorant gekommen.

Erst nach seinem Wechsel zu Standard Lüttich nahm die Karriere wirklich Fahrt auf. Er wurde einer der erfolgreichsten deutschen Mittelstürmer seiner Zeit. Allerdings entwickelte sich seine Karriere nahezu zeitgleich mit der von Gerd Müller, der noch ein wenig erfolgreicher war. Nach dem Rücktritt von Gerd Müller aus der Nationalmannschaft wurde er 1974 der erste farbige deutsche Nationalspieler. Da spielte er bei Kickers Offenbach. Seinerzeit war er auch mir als jungem MSV-Fan ein Begriff für Torgefahr, ohne dass ich ihn mit meinem Verein verbunden hätte. Niemand in meinem Umfeld erzählte über seine MSV-Zeit. Davon erfuhr ich erst sehr viel später, als ich mich mehr für die Geschichte des deutschen Fußballs interessierte.

Anlass für die kurze Erinnerung ist ein eindrucksvolles Gespräch im ZEIT-Magazin, das Stephan Lebert und Stefan Willecke mit Erwin Kostedde und Gerald Asamoah geführt haben. Im Kern geht es um den erlebten Rassismus von beiden im Fußball und Alltag. Zu lesen ist das Interview nur für Abonennten. Man kann sich das Gespräch aber anhören. Unterhalb des Vorspanns auf der Seite gibt es ein leicht übersehbares Icon „Anhören“. Computergeneriert strengt das Hören auf Dauer zwar etwas an, doch ist das ein nicht gering zu schätzender Service.

Für Kostedde bedeutete Rassismus auch 1990 eines Raubüberfalls verdächtigt zu werden. Ein „Schalke-Fan“, so betont Erwin Kostedde, war Zeuge des Überfalls und meinte, ihn als Täter identitifizieren zu können. Dabei war anscheinend das einzige, was der Zeuge wirklich erkannt hatte: der Täter war farbig gewesen. Bei der Gegenüberstellung wurde ihm nur Erwin Kostedde gezeigt. Da war der Zeuge sich dann erst einmal sicher. Ein halbes Jahr U-Haft führte zum psychischen Zusammenbruch von Erwin Kostedde.

Erwin Kostedde und Gerald Asamoah gehören zwei unterschiedlichen Fußballergenerationen an. Im Gespräch wird klar erkennbar, wie sich daraus auch verschiedene Möglichkeiten ergeben, Erfahrungen des Rassismus zu bewältigen. In einem für die Gesellschaft insgesamt bedeutsamer gewordenen Fußball hat Gerald Asamoah mehr Unterstützung erhalten als Erwin Kostedde.

Zurück zum Fußballer Erwin Kostedde. Im folgenden Clip ist das Spiel von Kickers Offenbach gegen Bayern München am ersten Spieltag der Bundesligasaison 1974/75 zu sehen. Erwin Kostedde erzielt zwei Tore und ist mit Siggi Held laut Kommentator der „Starspieler“ der Offenbacher. Ein schönes Zeitdokument nicht nur wegen der wehenden Haare bei fast allen Spielern. Klaus Wunder machte zudem sein erstes Spiel für Bayern München. Er war gerade vom MSV zu den Bayern für eine Rekordablösesumme gewechselt. Der Kommentator merkte allerdings an, er habe mehr verteidigen müssen als stürmen zu können. Wobei das Verteidigen damals eine sehr gemächliche Betätigung war.

Ahanfouf-Supervision beim DFB verhalf nur kurz zu Hoffnung

Der DFB und Joachim Löw haben im Vorfeld des WM-Qualifikationsspiels der deutschen Nationalmannschaft gegen Nordmazedonien nichts unversucht gelassen, die Fähigkeiten der Nationalspieler zu verbessern und sie für jede mögliche Spielsituation vorzubereiten. Lange wurde nach einem Berater gesucht, der nicht nur ein Gefühl für die Stadiondimensionen in Duisburg hat, sondern auch spezielles Expertenwissen vom Fußball in diesem Stadion.

Dass kurzfristig der Ex-Spieler des MSV Duisburg Abdelaziz Ahanfouf für zwei Tage zur Mannschaft stieß, war eigentlich ein Glücksgriff. Denn noch immer weiß er, wie man glaubwürdig im Strafraum fällt und welcher flüchtige Körperkontakt dazu Möglichkeiten eröffnet. Wie sich gestern beim Elfmeterpfiff vor dem zwischenzeitlichen Ausgleich zeigte, hatte Leroy Sané bei der Sondereinheit des Trainings Dribbling in einen Strafraum des Duisburger Stadions besonders aufmerksam zugehört.

Anscheinend hat Uli Hoeneß die Verantwortlichen auf Ahanfouf aufmerksam gemacht. Als er von der Suche beim DFB hörte, erinnerte er sich an das Bundesligaspiel der Bayern während der Saison 2005/2006 in Duisburg. Seinerzeit war ihm Ahanfouf aufgefallen, als der den MSV durch einen Elfmeter in der 40. Minute in Führung brachte. Ahanfouf selbst hatte den Elfmeter herausgeholt. Auch wenn dieses Foul zweifellos war, deutete der Sturz die besondere Qualität Ahanfoufs an. Der MSV verlor das Spiel dennoch 1:3. Welch bittere Parallele zum Spiel der deutschen Nationalmannschaft.

Die Bewegtbilder im Netz von diesem Elfmeter sind nicht die besten:

Mehr noch als im Spiel gegen die Bayern lässt sich Ahanfoufs Können in Sachen „elfmeterreif gefoult werden“ im folgenden Clip ab Minute 2.10 sehen. Der MSV spielte während der Saison 2003/2004 am letzten Spieltag in Bielefeld. Erst hier zeigt sich die große Klasse des Stürmers deutlich, als er in den Strafraum zieht und der Bielefelder Verteidiger ihm in die Falle geht. Auch in diesem Spiel bringt der Elfmeter die 1:0-Führung. Das Endergebnis war ein 3:1 für den MSV, das für beide Vereine keine Bedeutung mehr hatte. Bielefeld war aufgestiegen, der MSV befand sich im gesicherten Mittelfeld. Schöner Nebeneffekt bei diesem Clip ist die Möglichkeit, sich ein umfassendes Bild von der spielerischen Klassse Ahanfoufs zu machen. Seine sehr unterschiedlich erzielten Tore bezeugen das.

Lesen und Hören: Machtspieler von Ronny Blaschke im Podcast Nachspielzeit

Über die Jahre in der Kulturbranche hörte ich immer mal wieder von Buchkritiken, bei denen sich herausstellte, das höchste Lob oder das vernichtende Urteil geschah ohne wirkliche Lektüre des kritisierten Buchs. Konkreter wurde das nicht. Ich bin mir deshalb nicht sicher, ob das nicht ein moderner Mythos ist, der aus Begegnungen von Autorinnen und Autoren mit uninformierten TV-Moderatoren entstand.

Andererseits empfehle ich heute auch ein Buch nachdrücklich, ohne es gelesen zu haben. Ich werde es aber noch lesen. Nun liegt meiner Empfehlung keine hellseherische Gabe zugrunde, sondern ein über dreistündiges Gespräch im Podcast Nachspielzeit, der von den Machern des Blogs Brustring 1893 verantwortet wird. Vornehmlich geht es dort um den VfB Stuttgart, oft aber auch um allgemeine Themen des Fußballs.

Ron und Daniel sprachen im April letzten Jahres mit Ronny Blaschke, der sich seit Jahren mit ganz unterschiedlichen Fußballthemen beschäftigt. Immer geht es ihm dabei darum, den Fußball in gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen genauer zu fassen. Schon vor langer Zeit habe ich mit „Angriff von Rechtsaußen“ hier ein Buch von ihm besprochen.

Im Gespräch unterhalten sich die drei über Ronny Blaschkes jüngstes Buch „Machtspieler“. In dem Buch beleuchtet er, wie in unterschiedlichen Regionen dieser Welt nationale und regionale Konflikte sich auch über den Fußball organisieren, zum Teil verstärken oder wie der Fußball Chancen bietet, sie aufzulösen. Beispielhaft wird das an Jugoslawien und den Nachfolgestaaten, Israel und Palästina sowie Ruanda erkennbar. Man erfährt in dem Gespräch überaus viel über die jeweiligen Länder und welche Rolle der Fußball bei den dortigen Konflikten spielte. Gleichermaßen erhält man einen Eindruck von Ronny Blaschkes Arbeitsweise in den jeweiligen Gebieten.

Das Gespräch ist überaus hörenswert, dank der Vorbereitung der Podcaster und des offenen Erzählens von Ronny Blaschke. Es wirkt informativ in alle möglichen Richtungen. Journalistisches Handwerk, Haltung und Ethos werden zum Thema, Kultur und Politik der jeweiligen Regionen und eben der Fußball in seiner gegenwärtigen Entwicklung sowie seiner Bedeutung in den jeweiligen Regionen.  Nutzt die Gelegenheit zum Weiterklicken.

Ich zögere keinen Moment, nach diesem Gespräch „Machtspieler“ auch zur Lektüre zu empfehlen, selbst wenn ich es erst demnächst lesen werde.  Auf der Webseite vom Verlag Die Werkstatt finden sich begeistert klingende Zitate aus Rezensionen quer durch die Print-Welt. Nach dem Podcast sind solche lobende Worte nicht überraschend für mich.

 

Ronny Blaschke
Machtspieler – Fußball in Propaganda, Krieg und Revolution

Verlag Die Werkstatt

Paperback € 19,90 oder als Ebook €14,90

ISBN: 9 783 73070495 0

Fußballlyrik – Melancholische Hymne auf gedrehte Spiele

Melancholische Hymne auf gedrehte Spiele

Gedrehte Spiele sind die besten.
Ein Stehplatzspruch vom Stehplatzfreund.
So oft gehört in all den Jahren,
manchmal gefolgt von der Enttäuschung.
Doch wahr bleibt wahr. Das 6 zu 3.
Die Bayern, siebensiebzig,
den Rückstand gab es gleich zweimal.
Als Ennatz Tor um Tor erzielte
und Rummenigge kalt düppierte.

Gedrehte Spiele sind die besten.
Burghausen, Mai, Zweitausendfünf.
Der Druck zu groß? Zwei Tore hinten.
Der Aufstieg schien schon abgehakt.
Doch als Ahanfouf anfing vorn
zu wirbeln, machten alle mit.
Zwei Tore von ihm, eins mit Macht
erzwungen. Ausgleich. Siegtor Kurth.
Das 4 zu 3 zerstörte Zweifel.

Gedrehte Spiele sind die besten.
Sie lassen uns den Tod erleben,
gefolgt von Wiederauferstehung
und sehr paradiesischen Gefühlen.
Wir brauchen nicht ein Leben lang
nur glauben und zu hoffen, bis erst
gestorben die Erfahrung folgt.
Vielleicht, eventuell. Man weiß es nicht.
Und wer es weiß, ist richtig tot.

Da lob ich mir gedrehte Spiele.
Mit ihnen lebt sich’s deutlich länger.
Auch zwanzigeinundzwanzig noch.
Das 3:2, Türkgüncü München,
im März. So wichtig für das Ziel,
die Abstiegszone zu verlassen. 
Zwei Tore waren aufzuholen.
Das Siegtor fällt dann kurz vor Schluss
nach erstem Ballkontakt Ademis.

Die Stille aber auf den Rängen
statt Feier der Unsterblichkeit.
Corona offenbart uns Leere.
Vereinzelt jubeln führt nicht weit.
Erinnert das sogleich ans Hoffen
auf weltliche Unsterblichkeit,
wenn eine Menge Körper wird.
Gedrehte Spiele sind die besten.
Zum weiteren erst bei Gelegenheit.








Der Dotchev der Woche – Spezial – Heute zu Gast Serdar Dayat

Trotz ganz unterschiedlicher Lebensbedingungen ist der Blick der Menschen auf die Wirklichkeit oft ganz ähnlich. Wir neigen nun mal dazu, das Leben selbst als grundsätzliches Problem anzusehen. Da kann dem einen schon mal der 2:0-Vorsprung fast so vorkommen wie ein 0:2-Rückstand. Weil auf der Pressekonferenz nach dem Spiel des MSV gegen Türkgücü München erinnert wurde, dürfen wir mit dem Trainer von Türkgücü München Serdar Dayat einen Gast beim „Dotchev der Woche“ begrüßen.

Um die Lage für seine Mannschaft nach der ersten Halbzeit zu beschreiben, griff er auf eine weit bekannte Fußballweisheit zurück und passte sie an die Wirklichkeit des Tages an.

2:0 ist immer gefährlich, auch für die zweite Halbzeit.

Serdar Dayat, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Pavel Dotchev offenbarte wenig später, dass er nach dem 2:0 gedacht habe, es werde „verdammt schwer“ für den MSV. So sahen die Trainer scheinbar gleiche Ausgangsbedingungen für die zweite Halbzeit des Spiels. Ob Gefahr oder große Bürde, beides macht das Leben nicht gerade einfach.

Doch wie im richtigen Leben offenbart der Blick des Benachteiligten die wahren Machtverhältnisse. Pavel Dotchev sprach aus, wie er die soziale Lage des Spiels sah:

Solche Bedingungen für die, ist ja sogar Riesenvorteil.

Pavel Dotchev, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Es blieb Niko Schmitz, einem Journalisten des Münchner Merkur, vorbehalten, Serdar Dayat mit der Sozialkritik an diesem Spiel zu konfrontieren. Er versuchte die Wirklichkeit zu benennen hinter Serdars Nebelkerze der vermeintlich ähnlichen Ausgangslage beider Mannschaften ab Minute 45 und verband sie zudem mit der Machtfrage. Er wollte wissen, wie sich Serdar Dayat erklärte, „dass das Spiel wieder in der zweiten Halbzeit aus der Hand gegeben wurde?“ Serdar Dayats Antwort besitzt ebenfalls eine lange Tradition im richtigen Leben. Einst war Erfolg das Zeichen für Gottes Wille. Heute bemühen wir Magisches Denken und das Schicksal.

Erste Halbzeit wollte der Ball uns, war auf unserer Seite, zweite Halbzeit war er auf deren Seite. Deswegen haben wir 3:2 verloren.

Serdar Dayat, Pressekonferenz nach dem 3:2-Sieg des MSV gegen Türkgücü München, 20. März 2021

Bleiben wir also bei seiner Weltdeutung und freuen uns, dass die Zebras so attraktiv wurden für den Ball. Lassen wir ihm zudem den Glauben an die Treue des Balls in Halbzeit eins und verraten ihm nicht, dass der schon in der ersten Halbzeit immer mal wieder mit den Zebras geliebäugelt hat.

Lasst uns Spaß haben am Sieg und Spielereien mit Pressekonferenzen. Denn irgendwie muss ich mir immer wieder die Anflüge von Melancholie vertreiben, die mich beim Denken an das Siegestor in der 88. Minute anwehen. Ich bekomme einfach die Leere des Stadions nicht aus dem Kopf und die Erinnerung an diese explosiven Aufschreie von Tausenden, wenn der MSV so kurz vor Ende ein Spiel gedreht hatte. Mit dem Spaß füttere ich meine Hoffnung auf andere Zeiten.

Der Dotchev der Woche – V –

Keine Verspätung lässt mich heute erst zum „Dotchev der Woche“ kommen, auch wenn die schon zwei Tage zurückliegende Pressekonferenz nach dem Spiel gegen Halle meine Quelle für das Dotchev-Zitat ist. Vielmehr folgte ich der Weisheit der Worte selbst. Sie geben Gelassenheit, wenn man die richtigen Schlüsse aus ihnen zieht. Ich nahm Abstand vom Aktualitätenwahn. Ich sah die Zeitlosigkeit als anzustrebendes Lebensgefühl und konnte mich dem Fluss des Alltags überlassen. Denn der richtige Moment für den „Dotchev der Woche“ käme, wenn ich mich nicht von der trotz Pandemie in einigen Teilen unserer Gegenwart bemerkbaren Hast und Unruhe anstecken lassen würde.

Auf dem Spielfeld in Halle war letzteres Dienstagabend der Fall. Was Pavel Dotchev nicht unkommentiert ließ:

Und je länger das Spiel dauerte, desto hektischer wurde natürlich auch das Spiel durch diese ganze Hektik.

Pressekonferenz Halle, 16. März 2021, ab Minute 2.19

Ich bin alleine auf meinem Spielfeld vor der Tastatur. Deshalb fällt mir diese innere Ruhe leichter als einem Spieler vom MSV, der auf dem Rasen unter einer Menge Leute ist. Wir sind soziale Wesen und Gefühle sind ansteckend. Verursacht wird das durch unbewusste, reflexhafte Reaktionen unserer Körper. Wir können nur schwer etwas gegen diese Ansteckung machen, wenn wir uns in Situationen befinden, die vor allem intuitiv und ohne Rationalität bewältigt werden müssen. Ein Fußballspiel ist so eine Situation. Dann springt Angst leichter von einem zum anderen als in Situationen mit Zeit zum Überlegen. Dann verführt die für den Einsatzwillen vorhandene Aggressivität beim einen zum unpassendem Aggressivitätsschub beim anderen, so dass ein Pass dann doch stärker gespielt wird als beabsichtigt, usw usw.

Bleibt mir fürs nächste Spiel auf ansteckende Ruhe zu hoffen, die mir momentan besonders bei Aziz Bouhaddouz vorhanden zu sein scheint. Damit sich diese Ruhe aus der vordersten Reihe über das ganze Spielfeld ausbreiten kann, muss sie möglichst lange wahrnehmbar bleiben. Denn Pavel Dotchev wird mir sicher zustimmen, wenn ich prophezeie, je länger ein Spiel dauert, desto ruhiger wird das Spiel durch diese ganze überzeugende Ruhe.

Spendengeld dem MSV statt der AfD

Wenn sich journalistische Aufklärung von Parteienfinanzierung der AfD und der MSV derart begegnen wie in der letzten Folge des Podcasts Wir und Heute, darf der Zebrastreifenblog auch mal zum Organ der politischen Information werden. Ihr solltet den gesamten Podcast hören, auch wenn fürs erste der Clip beim Alternativvorschlag vom „Steiger“ Martin Kaysh an den aus Duisburg stammenden Milliardär Henning Conle startet, dem MSV statt der AfD Geld zu spenden. Dass er der Partei mutmaßlich illegale Geldspenden zukommen ließ, ist schon länger bekannt. Die AfD hat wegen dieser Spenden gleich zwei Strafbescheide von der Bundestagsverwaltung erhalten.

Laut jüngsten Recherchen von CORRECTIV und Frontal21 bestätigte nun die ehemalige Sprecherin der AfD Frauke Petry mehrere Treffen von Henning Conle mit der Parteispitze der AfD, bei denen er anonyme Spenden angeboten haben soll. Im Podcast ist der Journalist Markus Bensmann von CORRECTIV zu Gast und erzählt von den Recherchen sowie möglichen strafrechtlichen Folgen für die AfD-Spitzenpolitiker. Das Hören des Podcasts lohnt also nicht nur wegen des begrüßenswerten Vorschlags von Martin Kaysh, sondern vor allem um zu verstehen, wie der AfD-Einfluss auf die öffentliche Meinung durch illegale Spendengelder und vermeintlich unabhängige Anzeigenkampagnen verstärkt wurde.


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