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Vorher emotional – Nachher rational – Teil 1: Abschied von Michael Tönnies

Fieber hatte ich wohl noch nicht. Aber mir war heißer als sonst. Der Kopf schmerzte, wenn ich ihn nur ein wenig senkte. Die Nasennebenhöhlen waren zu, sind es noch immer. Ich bewegte mich vorsichtig durch die Welt. Gedämpft, was vor dem Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück hilfreich war. Schon in dieser gedämpften Wahrnehmung war die halbe Stunde vor dem Spiel mit der Erinnerung und Würdigung von Michael Tönnies bewegend.

MSV-Präsident Ingo Wald erinnerte in einer kurzen Ansprache an den Menschen Michael Tönnies, an seine Persönlichkeit, an das was er durch seine Erfahrungen mit seiner Erkrankung auch der MSV-Welt hat weitergeben können. Geschäftsführer Peter Monhaupt verkündete, der Arena-Vorplatz werde Michael-Tönnies-Platz heißen und schließlich las Stadionsprecher Stefan Leiwen eine Grußbotschaft der Mutter von Michael Tönnies vor. Es war sicher mit die schwierigste Aufgabe, die Stefan Leiwen als Sprecher hat bewältigen müssen. Er und Michael Tönnies hatten die Stimmung vor den Spielen der Zebras in den letzten Jahren gemeinsam durchlebt. Sie waren Kollegen gewissermaßen, aber in der emotionalen Welt des Fußballs kommt man sich näher als Kollegen sonst. Sie waren auf diese Weise Gemeinschaft geworden. Nun musste Stefan Leiwen Worte des Danks an die MSV-Welt, an Fans und Menschen rund um den MSV vorlesen, die ihn auch selbst betrafen, Worte, in denen der Abschied so greifbar war.

Frau Tönnies Worte machten deutlicher als jedes Wort zuvor, was nicht mehr wieder kommt. Die überall diffus herumflirrende Trauer im Stadion hatte für eine Minute einen deutlich sichtbaren Ausdruck gefunden. Stefan Leiwen rang um Fassung, während er las. Auf das Verkünden der Mannschaftsaufstellungen wurde verzichtet. Im Stadion war es nun stiller geblieben als sonst kurz vor einem Spiel, und Stefan Leiwen stand immer noch auf dem Rasen, alleine, zum ersten Mal wieder, und es war so ungewohnt. So sehr war mir vor einem Spiel des MSV der Anblick zweier Männer auf dem Rasen vertraut, die ihre Köpfe immer wieder zusammen steckten und sich neben ihren eigentlichen Aufgaben zwischendurch austauschten.

Stefan Leiwen blieb, weil noch einmal der Name Tönnies durchs Stadionrund tosen sollte. Und so rief er in sein Mikro: „Mit der Nummer zehn…Tornado… Michael…“ Tönnies knallte es durchs Stadion. Stefan Leiwen wiederholte das, als ob der Tornado gerade ein Tor erzielt hatte. Das Ritual verlangt den Namen eiin drittes Mal. Bei diesem dritten Mal war schließlich die Zukunft wieder zu spüren. Als Stefan Leiwen dieses drittes Mal „Michael“ rief, war in seinem Rufen auch die Erleichterung spürbar, diese schweren Minuten vor dem Spiel bewältigt zu haben. Wir alle aber hatten uns in diesem dreimaligen Rufen dem Anpfiff im Spiel des MSV gegen den VfL Osnabrück genähert. In diesem Rufen des Namen Tönnies steckten alle Namen jener elf Spieler, die gegen den VfL Osnabrück um den Sieg spielen wollten. Mit diesem Rufen hatte uns das Leben wieder.

Dem MSV gelang nicht nur ein würdiger Abschied von Michael Tönnies. Die Verantwortlichen schafften es, an den Fußballer und Menschen Michael Tönnies zu erinnern, der Trauer Ausdruck zu verleihen und das Leben in der Zukunft dabei nicht zu vergessen.

Meine Worte zum Spiel erhalten heute oder morgen einen eigenen Platz. Wie der MSV mit der Mannschaftsaufstellung nicht einfach zur Normalität übergehen konnte, so lassen sich hier für mich keine Worte zum Spiel anschließen.

Die ganze Region? Aber, Herr Weinzierl!

Wenn ein Bayer der Süddeutschen Zeitung in einem Interview über seinen Eindruck spricht, welche Bedeutung der FC Schalke 04 hat, dann weiß man als Ruhrstädter sofort, der Mann ist noch nicht lange im Ruhrgebiet zu Hause. Schalke-Trainer Markus Weinzierl weiß noch nicht viel über das Ruhrgebiet, wenn er die drei Wörter „ganze Region“ und „Schalke“ in einem Satz unterbringt. Also, Herr Weinzierl, Sie können ja nichts dafür, aber das sollten Sie Herrn Heidel auf jeden Fall  raten, der FC Schalke 04 braucht für seine neuen Mitarbeiter noch eine Einführung in Heimatkunde. Das Ruhrgebiet – eine Region der Fußballstadttteile, oder so ähnlich.

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Kalle Kiesant kommentiert den Heimsieg gegen Osnabrück

Samstag spielt der MSV Duisburg gegen den VfL Osnabrück. Der Tabellenführer spielt gegen den Tabellenzweiten, und Kalle Kiesant, das Trainer-Urgestein der Kreisliga B im Kreis Düren, findet jetzt schon die passenden Worte zu diesem Spiel. Wahrscheinlich gehört er längst zum Beraterstab des MSV und zieht im Hintergrund die taktischen Fäden.

 

 

Ein Loblied auf Sicherheit und Wohlergehen in Paderborn

Anhänger des MSV, die ohne Vollkaskoversicherung kein Auto fahren, die ihre Wohnungstür fünffach verriegeln und keine Folge der Lindenstraße seit dem Start im Jahr 1985 verpasst haben, können bedenkenlos zu einem Auswärtsspiel des Vereins unserer Herzen nach Paderborn fahren. Darauf muss ich einfach mal hinweisen in dieser Gegenwart, in der sich scheinbar alles so rasant verändert, in der ständig neue Schwierigkeiten zu bewältigen sind und viele Menschen auf die komplexen Probleme dieser Welt die ganz einfachen Antworten suchen. Ausnahmsweise gibt es nämlich mal eine einfache Antwort, die die vorhandenen Probleme nicht vergrößert.

Diese einfache Antwort lautet, fahrt nach Paderborn, wenn ihr glaubt, das Leben sei zu unsicher geworden. Gut, man muss für diese einfache Antwort ein Anhänger des MSV sein. Die Heimspielstätte des SC Paderborn ist für uns aus Duisburg aber ein Ort der Sicherheit und Geborgenheit. Sie gibt uns Duisburgern jenes Regelmaß der Wiederkehr, das uns ermöglicht an die Zukunft zu glauben. Allenfalls mutet sie uns die kleine Enttäuschung eines Unentschiedens zu. Normalerweise gewinnen wir dort Lebensfreude und Zuversicht, wenn wir uns wie am Samstag in dieser Blechbox-Arena des SCP einen Auswärtssieg ansehen dürfen.

Deshalb habe ich es sehr bedauert, nicht nach Paderborn fahren zu können. Die TV-Bilder in der Konferenz waren nicht annähernd ein Ersatz, um die Freude über den 1:0-Sieg genießen zu können. Nicht annähernd war spürbar, wie auch der Tod von Michael Tönnies dort durch gemeinsame Trauer in der Zebraherde weiter bewältigt werden konnte. Nicht annähernd ist die Leistung des MSV für mich zu bewerten, weil die Schalten zwischen den drei Stadien der TV-Übertragung so unstrukturiert wirkten. Natürlich kann ich davon schwärmen, wie cool Ahmet Engin das Siegtor erzielte, wie seine gute Technik das Tor erst möglich machte.  Im Grunde steckt in diesem Tor die Zukunft des MSV. Ein Spieler, der sich im Verein entwickelt hat, wächst in die Profi-Mannschaft hinein und gewinnt Konstanz in seiner Leistung.

Zum Schluss des Spiele nur blieb die Regie in Paderborn, und es wurde erkennbar, dass  es für den MSV noch einmal schwierig wurde, die Führung zu behaupten. Das wegen Abseits nicht gegebene Tor der Paderborner erwies sich dann ja sogar als regelkonformes Tor. Glück war also auch nötig für den Sieg. Die vorherige Überlegenheit der Zebras war durch die TV-Bilder nicht nachzuvollziehen. Ich musste dem Kommentator glauben und lese davon heute.

Leider sind die Paderborner zu weit abgeschlagen, als dass sie noch einmal um Platz 2 oder 3 mitspielen könnten. Wir Duisburger sollten auf ein dazu notwendiges Wunder hoffen. Ein wenig Sicherheit und Regelmäßigkeit tut uns jetzt schon nach dem hoffentlich erreichten Aufstieg gut. Und was hilft da mehr als eine Auswärtsfahrt nach Paderborn.

Mit Herbert Knebels Affentheater auf zum Auswärtssieg

Wenn ein für den MSV so bedeutsamer Mensch wie Michael  Tönnies so plötzlich stirbt, fällt es schwer, Worte des Alltags zu schreiben. Dieser Alltag geht weiter und einer fehlt. Doch dieser Alltag stellt Anforderungen. Das erste Spiel nach der Winterpause steht an in Paderborn. Dort macht man sich Hoffnungen auf einen Erfolg, wie  im Blog Schwarz und Blau zu lesen ist. Wir haben ebenfalls Hoffnung auf den Erfolg, und diese Hoffnung ist zugleich ein Versuch, den Schmerz über den Tod von Michael Tönnies zu lindern. Drei Punkte für den Tornado, so ist zu lesen. Das sind die öffentlichen Versuche, den Tod ungeschehen zu machen. Sie wirken lindernd für den Moment.

Mir selbst macht der Sommer 2013 einen Strich durch meine Auswärtsfahrtrechnung. Montag halte ich in der VHS einen Vortrag über das Geschehen rund um den MSV in der jüngstem Vergangenheit Duisburgs. Der Vortrag ist noch nicht fertig. Das gegenwärtige Fußballgeschehen leidet drunter. Ich hoffe, ich kann wenigstens den ein und anderen Blick auf die Übertragung werfen.  Drei Punkte für den Tornado, ja, und hinein in die Fußballgegenwart mit etwas härterer Musik, die auch Schmerz lindern kann – selbst wenn offensichtlich ein entscheidender Fanschal auf der Bühne fehlt. Denn in den Affentheater-Text können wir alle einstimmen und uns vorstellen, dass Michael Tönnies irgendwo mitsingt. Irgendwo, irgendwie.

 

Wer das Original „Song 2“ von Blur im Vergleich hören möchte, bitte schön, ein Klick.

Michael Tönnies – 19. Dezember 1959 – 26. Januar 2017

Michael Tönnies ist heute Nachmittag in einem Essener Krankenhaus gestorben. Kaum Worte habe ich. Ein Bild gibt es gerade nur. Es stammt aus dem Sommer 2013, als er bei den Fanaktionen nach dem Zwangsabstieg mit einem Mundschutz zum Talk vor die Arena kam. Es war sein erster öffentlicher Auftritt nach seiner Lungentransplantation. Bewegend erzählte er, wie sehr ihm die Anhänger des MSV Duisburg zu Kraft verholfen haben. Von da an habe er wieder geglaubt an das weitere Leben. Bevor dieses Leben zu Ende ist, sei es eben nicht zu Ende. Das habe er damals gelernt. Das erinnere ich alles sinngemäß. Heute Nachmittag ist er gestorben. Dabei hatte ich längst begonnen an das ewige Leben des Mannschaftsaufstellungs-Herolds Michael Tönnies zu glauben. Er war glücklich, sich wieder lebendig zu fühlen im Stadion auf dem Rasen. Sein Rufen dort auf dem Rasen klingt mir jetzt im Ohr, seine ersten zaghaften Versuche laut zu sein mit transplantierter Lunge. Dieses Rufen wurde mit der Zeit immer kräftiger und war schließlich lautes Ausrufen: „…die Fans vom EM…ES…VAU…“ Das „Duisburg!“ schallte ihm entgegen, und er genoss es. Meist lächelte er zufrieden, wenn er nach dem Verkünden Mannschaftsaufstellung mit Stefan Leiwen auf unsere Stehplatzecke zulief. Ein schönes Bild. Ein trauriges Bild, weil das nie wieder geschehen wird.

Zum Ende der Winterpause: Auch wenn Humor hilft, Leid lässt sich nicht jeden Moment weglachen

Jahrestag! Viele von euch wissen es: So lange ich diesen Blog schreibe, stelle ich zum Ende der Winterpause diesen alten Text von mir online. Er ist zeitlos. In ihm geht es nicht um Fußball. Er ist so viel länger als Texte in diesem Medium Blog normalerweise sind. Dieser Text hat schon vielen Menschen geholfen, und er soll weiter helfen. In dem Text habe ich mir über den Umgang dieser Gesellschaft mit dem Leid von Menschen Gedanken gemacht. Anlass waren eigene Erfahrungen in jener Zeit, in der ich an Krebs erkrankt war. Es gibt mehrere Fassungen dieses Textes, die in unterschiedlichen Zeitungen erschienen sind. Ein Vortrag für die Medizinische Fakultät der Kölner Universität entstand aus den Zeitungstexten. In diesem Jahr stelle ich erneut jene Fassung online, die als erste im August 2000 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist.

Leid lässt sich nicht weglachen
Die Zumutung Krebs oder das Missverständnis vom positiven Denken

Dieses Mal geschah es wieder einmal überraschend. Obwohl ich seit drei Jahren wieder gesund bin, spülte die kurze Glosse im Feuilleton der Tageszeitung alles für einen Moment hoch; das Leid der Krankheit – meiner Krankheit, Krebs. Der Journalist hatte bemerkt, Elend und Leid zeigten sich in der Öffentlichkeit immer häufiger nur noch als Parodie des Erfolgs. Bettler würden zu Kleinunternehmern; selbst die Erkrankung an Krebs, die Bedrohung durch den Tod würden in der heutigen Zeit zur „Chance“. Der Journalist war über das Motto eines Medizinerkongresses gestolpert. Ich konnte ihn verstehen. Auch mir hat man erklärt, dass ich meiner Erkrankung Gutes abgewinnen müsste. Ich spürte den alten Ärger wieder und die zwiespältigen Gefühle, wenn auf Buchumschlägen der Ratgeberliteratur zum Krebs fröhlich lachende Menschen mit Glatze pure Lebensfreude signalisierten.

Während immer neue Bilder der Vergangenheit aufblitzten, suchte ich nach ersten Sätzen meiner Geschichte. Doch stets stellte sich das Gefühl ein, dieser erste Satz brauche zuvor noch eine Erläuterung. Denn wenn ich von meinen Erfahrungen erzähle, stehe ich wieder auf der Seite der Kranken. Als Kranker aber bin ich vorsichtig geworden. Zu oft wurde ich in Gesprächen enttäuscht und begegnete nur vermeintlicher Offenheit. Mehr und mehr Ungeduld spürte ich mit der Zeit. Der Grund für die Ungeduld mit mir war mein andauerndes Leid. Dieses Leid wurde zur Zumutung.

Da gab es diese Begegnung mit einem Bekannten etwa ein Jahr nach Ende der Therapie. Er freute sich für mich, dass alles vorbei sei. Es war nicht vorbei. Ich litt weiterhin unter Nebenwirkungen der Behandlung, und manchmal gab es auch Momente der Angst. Doch bei ihm spürte ich den Wunsch nach einer anderen Auskunft. Immer drängender sprach er auf mich ein. Er redete und wollte überzeugen. Nicht mein Erleben interessierte ihn, obwohl er gefragt hatte. Er wollte nur davon hören, dass die Zeit, die ich durchlebt hatte, mich weitergebracht hätte. Ich sei gesund. Er sprach von tieferer Erkenntnis. Und man dürfe sich doch nicht nur auf die negativen Momente des Lebens versteifen. So kam ich – nicht zum ersten Mal – in die Lage, gleichsam mein Recht auf Leid zu verteidigen.

Eine groteske Situation. Ich sollte mich dafür rechtfertigen, dass es mir schlecht gegangen war und dass daran erst mal nichts Gutes ist. Wahrscheinlich war das Gespräch von Anfang an ein Missverständnis. Wir redeten aneinander vorbei. Bereits mit seiner ersten Frage hatte er begonnen, von seiner Angst zu sprechen; als könne er durch einen fanatisierten Umgang mit Leid sich selbst retten. Wenn man sich wie er verhielte, so hoffte er, werde alles nicht so schlimm. Und ich erzählte ihm nun, es war trotz allem tatsächlich schlimm gewesen. Und manchmal war es das noch immer. Den Trost brauchte er in dem Moment.

Die Krankheit Krebs steht nicht mehr im Zentrum meines Lebens. Seit drei Jahren bin ich geheilt. Mein Arzt meinte bei der letzten Nachsorgeuntersuchung, die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls sei nunmehr nur noch sehr gering. Ich war an Morbus Hodgkin erkrankt, ein Lymphdrüsenkrebs mit sehr hoher Heilungsrate. In den Zeitungsberichten lese ich, inzwischen liege sie bei 90 Prozent. Damals sprach man von 70 bis 80. Die aufnehmende Ärztin der Uniklinik gab sich optimistisch: es gäbe Mediziner, die zögen die Erkrankung an Morbus Hodgkin einem Herzinfarkt vor. Ich hatte dennoch Angst, sterben zu müssen. Zehn Monate insgesamt dauerten erst Chemo-, dann Strahlentherapie. Alles geschah ambulant. Als ich die Krebsdiagnose erhielt, war ich 34 Jahre. Ich war verheiratet, arbeitete mit Erfolg, und unser Sohn war gerade sechs Monate auf der Welt.

Aus meiner Geschichte lassen sich keine allgemeinen Schlüsse ziehen. Zu verschieden sind die Krebsarten, zu verschieden die Perspektiven der Kranken. Alle aber teilen das Bedürfnis, das durch die Erkrankung hervorgerufene Leid zu bewältigen. Es auszuhalten. Es zu lindern. Ihm etwas entgegenzusetzen. Es zu überwinden. Hier geht es um mehr, als um sprachliche Nuancen ein und desselben Vorgangs. Was sich in diesen unterschiedlichen Begriffen andeutet, sind verschiedene Zustände eines komplexen Prozesses. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit aber richtet sich auf das Überwinden. Dabei wirken Kulturmuster mit, die dem Leid kaum eine Daseinsberechtigung lassen.

„Positives Denken“ heißt das Schlagwort, das die vorherrschende Haltung gegenüber dem Leid charakterisiert. Es ist der weltliche Trost einer Gegenwart ohne Hoffnung auf das Paradies im Jenseits. Der Mensch muss nun auf Erden von seinem Leid erlöst werden, und erleichtert sehen die Gesunden, wie es funktioniert. Kranke finden ihr Heil. Man muss nur „positiv denken“, dann bekommt alles wieder seinen Sinn und Leid wird zum Motiv einer Erfolgsgeschichte. Sicher wird mit diesem Schlagwort auch etwas Wahres beschrieben. Zuversicht und Freude sind Lebensqualität im Jetzt; und die hat positive Wirkung auf das Immunsystem; was wiederum die Bemühung der Ärzte unterstützt.

Doch im verkürzten Gebrauch wird die Wahrheit des positiven Denkens zur Lüge; und kehrt so auch im Reden der Kranken wieder – eine magische Beschwörungsformel, um sich selbst und der Welt zu beweisen, man lasse sich nicht unterkriegen. Als Ausdruck der Hoffnung auf Heilung hat das seine Berechtigung. Doch liegt ein Missverständnis nahe. Denn leicht reduziert sich „positives Denken“ auf ein Sein, in dem Angst, Unsicherheit und Trauer zu etwas werden, was die Heilung verhindert. Der vom Leid des Kranken beunruhigte Gesunde nennt solche Gefühle schnell fehlerhafte, falsche Einstellungen, die der Kranke selbst zu verantworten habe. Dieser könnte anders, wenn er nur wollte. Und dann wäre alles besser.

Druck entsteht, und unversehens verschieben sich die Gewichte. Leid ist nur noch auf abstrakte Weise ein Teil des menschlichen Lebens. Jedes konkrete Erleben von Leid aber erinnert an ein Scheitern. Der noch immer tief in uns wurzelnde Glaube an das Heil durch ständigen Fortschritt wird im Alltag wieder einmal enttäuscht. Nebenbei gesagt, das öffentliche Interesse verlagert sich in solchen Fällen immer wieder aufs Neue in die Zukunft. Und siehe da, heute kündigt die Gentechnik bessere Zeiten an. Für einzelne Menschen mag das stimmen; für die Menschheit nicht. Das Leid wird an anderer Stelle auftauchen.

Ohne Anerkennung des Leids in der Gegenwart bleibt keine Möglichkeit zu wirklichem Trost. Diese Anerkennung geschieht aber nicht, indem man auf abstrakte Weise bejaht, die Erkrankung an Krebs sei ein schreckliches Schicksal, um sich dann ausschließlich den Techniken zur Überwindung dieses Schicksals zuzuwenden. Diese Anerkennung des Leids geschieht nur in der direkten Begegnung mit dem Kranken.

Zu solch einer Begegnung bedarf es Kraft. Man muss Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Angst und Trauer aushalten. Man muss es aushalten, dass einem für eine Zeit vielleicht der Sinn des Lebens verloren geht. Man muss es aushalten, nichts machen zu können, außer da zu sein. Ohne Worte, die vorschnell etwas zudecken. Und genau das reicht. Und genau das ist überaus schwer. Wenn meine Frau mit mir zusammen Angst und Trauer ertrug und nicht wegredete, verschwand Verzweiflung in einer grenzenlosen Leere. Sie verwandelte sich nicht in ein glückliches Gefühl, aber ich fand meine Ruhe wieder. So eine Begegnung erfordert gegenseitigen Respekt vor den jeweiligen Grenzen der Kraft. Ihre Voraussetzung ist nicht die vorher schon vorhandene Nähe, sondern eine innere Haltung der Akzeptanz vom Gegenüber.

Dieses Sein ist etwas ganz anderes als das „positive Denken“, dem ich in seiner trivialisierten Form immer mehr begegnete. Je länger die Krankheit andauerte, desto häufiger. Ganz zu schweigen von der Zeit, nachdem die Therapie abgeschlossen war. Von da an gab es in meinem Alltag keine Aktivitäten mehr, die jedem verdeutlichten, dass mein Leben durch die Krankheit Krebs beeinflusst war. Die Therapieroutinen lagen hinter mir, was noch an die Erkrankung erinnerte, war ich selbst. Mein Erzählen holte sie in die Gegenwart. Ich drängte mich niemanden auf, aber da man mich nach meinem Befinden fragte, antwortete ich. Und diese Antworten ertrugen nur noch wenige. Denn anstatt nur vom Glück der Heilung zu reden, redete ich auch davon, wie sich das Vertrauen in meine Gesundheit erst wieder entwickeln musste.

Ich fühlte mich über Monate weiterhin sehr schnell erschöpft. Es gab Krisen, von Angst begleitet, in denen sich Krankheitssymptome einstellten. Mehr als während der Therapie entfernte ich mich innerlich von manchen Menschen. Doch immer wieder ging es mir um das Aufgehobensein mit allen meinen Erfahrungen in der Welt. Es ging um Verstehen. Jede vorschnelle Zuschreibung und Deutung des Leids durch das Gegenüber zerstörte dann die Fäden, die den Leidenden mit dem Nicht-Leidenden verbinden.

Um keinen falschen Eindruck entsehen zu lassen; es gab immer auch Freunde. Ich war eingebunden in ein Netz von Liebe und Zuneigung. Das waren Menschen, die sich mir zuwendeten, ohne zu werten. Zudem half es gerade in dieser Zeit anderen Kranken und Genesenen zu begegnen, von ähnlichen Erfahrungen zu hören und sich nicht ständig erklären zu müssen. Erklärungen, die oft nicht wirklich gehört wurden.

Gerade weil in unserer Gesellschaft die Menschen mit aller Energie daran arbeiten, Leiden zu verhindern, gerät der Leidende selbst oft in die Defensive. Deshalb halte ich auch fröhlich lachende Krebskranke auf einem Buchumschlag der Ratgeberliteratur für einen Missgriff des Verlags. Nicht weil Krebskranke zu sehr leiden, um zu lachen, sondern weil diese lachenden Gesichter mit ihrer Präsenz im öffentlichen Raum helfen, das vorhandene Leid zu verdecken. In diesem Lachen steckt weniger ein Mut machender Appell an die Kranken als ein beruhigender Trost für die Gesunden. Doch sobald ein Gesunder sich vom Leid des Kranken zu sehr bedrängt fühlt, kann sich ein solcher Trost in einen Vorwurf verwandeln. Dann fragt der Gesunde, warum geht es dir nicht so wie denen?

Symptomatisch für das Verdrängen ist auch das Gerede von der „Chance“. Selbstverständlich kann jemand durch die Konfrontation mit dem möglichen Tod zu Einsichten kommen, die ihn sein Leben lebenswerter machen. In einer ausführlichen Lebensgeschichte hat solch eine Deutung der Erkrankung dann ihre Berechtigung. Die Verkürzung zum Motto aber trägt dazu bei, die Gewichte zu verschieben. Zunächst wird das Leid der Erkrankung vielleicht noch mitgedacht. Dann rückt es allmählich aus dem Blick. Chance, das ist Zukunft. Da denkt man nicht mehr an das, was der Chance vorausgeht. Und das ist eine ganz andere Erzählung von der Krankheit. In dieser Erzählung muss man Abschied nehmen von Fähigkeiten, von Träumen und von Zielen. In solcher Erzählung geht es zunächst um Trauer. Das hört man weniger gern, als wenn jemand einen tieferen Sinn in seiner Erkrankung gefunden hat.

Sinn macht Leid erträglich, doch ungeschehen wird es dadurch nicht. Körperliche Schmerzen sind nichts als Schmerzen. Und der Tod beendet tatsächlich ein Leben. Deshalb bleibt Leid im Jetzt, auf das reagiert werden muss. Je weniger leidvoll das gesellschaftliche Bild des Leids aber ist, desto größer wird die Kluft, die den Leidenden von den Menschen um ihn herum trennt. Angehörige, Freunde, Bekannte werden zu Fremden. Der Leidende bleibt unter seinesgleichen oder allein. Da es kaum mehr lebendige kulturelle Formen gibt, die bei der Begegnung von Leidenden und Nicht-Leidenden Halt bieten, muss jeder, auf sich selbst zurückgeworfen, für das Gelingen einer solchen Begegnung einstehen.

Noch einmal: Das ist schwer. Und es ist schwierig, weil diese Begegnungen zweier Wirklichkeiten so empfindlich gegenüber Störungen und Missverständnissen sind. Darum ist das geduldige Bemühen um Verstehen so wichtig. Mir half es auch, wenn mein Rhythmus und mein Tempo geachtet wurden. Es half, wenn jemand in der Orientierungslosigkeit zwar die kleinen Auswege wahrnahm, sie aber nicht erzwingen wollte. Es half, wenn jemand seine eigene Angst erkannte und zu ihr stand. Ich merke, ich beginne, den glücklichen Teil meiner Geschichte zu erzählen. Es gibt ihn – und die Erfahrungen des Leids.


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