Archive for the 'Fußball und Kultur' Category

Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 8: Dominique Manotti macht mit Fußball Krimikunst

In Lisle-sur-Seine, einer fiktiven französischen Kleinstadt, werden eine junge Frau und ein Polizist der Drogenfahndung von einem Motorrad aus mit einem Maschinengewehr erschossen. Commissaire Daquin und seine Kollegen können sich diesen Anschlag  nicht erklären. Der Drogenfahnder scheint mit der Frau verabredet gewesen zu sein, ohne sie gekannt zu haben. Die Ermittlungsmaschinerie läuft an und führt schnell zum lokalen Fußballverein, der aus der vierten Liga kommend in schneller Zeit zum ernsthaften Anwärter auf die französische Meisterschaft geworden ist. Groß wurde der Verein dank seines Vorsitzenden Monsieur Reynaud, einem Bauunternehmer und zugleich Bürgermeister der Kleinstadt.

Bereits 1998 ist „Abpfiff“ von Dominique Manotti in Frankreich erschienen. Nicht die Machenschaften im Fußball als zentrales Thema des Romans begründen für mich dessen Qualität. Der Fußball dient als Karriereinstrument außerhalb des Sports, es geht um Doping und Bestechung. Die Grundentwicklung des Plots ist bei all seinen Wendungen vorhersehbar für die meisten Fußballinteressierten und Krimikenner. So viele Möglichkeiten mit dem Fußball Krimininalität zu erzählen gibt es nun mal nicht. Das aber verweist zugleich auf die besondere literarische Qualität des Romans. Dieser Roman lebt von der Sprache der Autorin, die mit kargen, pointierten Sätzen ihre Wirklichkeit umfassend aufscheinen lassen kann. Manchmal reichen einzelne Worte für Gefühlslagen und Entwicklung, ganze Absätze wirken wie Szenenbeschreibungen von Drehbüchern. Dominique Manotti hat die Kunst des Weglassens perfektioniert. Das verhilft ihren Romanen zum eindrucksvollen Tempo, bei dem es ihr dennoch gelingt, die Figuren lebendig und facettenreich werden zu lassen. Dominique Manotti schreibt Sprachkunstwerke, die zugleich sehr unterhaltsam sind. Beeindruckend.

Kurios mutet mich manche Deutung dieses Romans bei seinem Erscheinen in Deutschland an. Dominique Manottis Geschichte wurde als Beleg für den korrupten Fußball der Gegenwart genommen. Auf die FIFA mit ihren Skandalen wurde reflexhaft verwiesen.  Die „dunklen Seiten“ des heutigen Fußballs soll sie sichtbar machen. Wer aus Romaninhalten solche Schlagwörter macht, beglückt den Verlag werbewirksam und könnte auch erzählen, dass das Romanportrait eines Pass- und Geldfälschers uns einen Einblick in die kriminelle Welt des Datenbetrugs im Internet gibt.

Der Roman erschien in Frankreich 1998 und bezieht sich dementsprechend auf einen Fußball der Vergangenheit und dabei nur auf den der Vereinsebene. Handlungszeit ist sogar 1990. Entsprechend ist die Kriminalität auch eine der Vergangenheit. Wenn sich Dominique Manotti von einem realen Geschehen inspirieren ließ, dann offensichtlich unter anderem von dem Bestechungsskandal bei Olympique Marseille aus dem Jahr 1993, in dem Bernard Tapie als Vereinspräsident Hauptakteur war.

Die Geschichte mit dem „Einblick in den Fußball der Gegenwart“ müsste auf Vereinsebene von Konzernstrukturen erzählen, von Abhängigkeiten zwischen Medien- und Fußballakteuren, von dem wirtschaftlichen Risiko auf Seiten der Medienkonzerne und der Sponsoren, wenn es um den Ruf des Fußballs geht. Dominique Manottis fiktiver Kleinstadtverein hat aber eine Organisationsstruktur des Fußballs zum Vorbild, wie sie im Spitzenfußball kaum mehr vorkommt. Ein Unternehmer, in dem Fall eben ein Bauunternehmer, pusht als Präsident den lokalen Fußballverein zum Erfolg und nutzt sein Engagement im Fußball zugleich, um persönliche Karriereziele zu verfolgen. Dieses erzählerische Motiv dürfte in den unterern Ligen noch für Wiedererkunng sorgen. Angesichts von Konzernstrukturen der Vereine in den europäischen Spitzenligen, ist so eine lokale Unternehmergröße zur Randfigur geworden, geschweige denn, dass diese Geschichte irgendetwas mit den FIFA-Skandalen zu tun hat, außer dass der Fußball eben Raum auf vielen Ebenen für Kriminalität bietet. All das berührt die literarische Qualität des Romans von Dominique Manotti nicht. Die bleibt unbenommen.

Dominique Manotti: Abpfiff. Deutsch von Andrea Stephani, Ariadne Kriminalroman.

Tür 9 öffnet sich morgen bei Cavanis Friseur.

Der Fußball-Weihnachtskalender ist ein gemeinsames Projekt von @berlinscochise, Zebrastreifenblog, Cavanis Friseur, turus.net, Nachspielzeiten und 120minuten.

Informationen zur Fußballblog-Weihnachtskalender-Idee und eine Liste mit allen bisherigen Türchen, die natürlich fortlaufend aktualisiert wird, findet Ihr hier.

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Advent in den Blogs – Der Fußball-Weihnachtskalender, Tür 7: Was macht Horace Wimp nur samstags?

In meiner Jugend gehörte das Electric Light Orchestra nicht gerade zu meinen bevorzugten Bands, auch wenn man schon Anfang der 1970er Jahre als Hörer der  Diskothek im WDR mit Mal Sondock wegen ihres  Chuck-Berry-Covers Roll over Beethoven nicht an ihnen vorbeikam. Dazu muss man wissen, damals gab es noch eine für alle Pop- und Rockmusikstücke wirksame Vergänglichkeit. Jeder Hit, der ein Jahr zuvor herausgekommen war, begann in eine namenlose Übergangszeit von unbestimmter Dauer einzutreten, um schließlich in der Sphäre der „Oldies“ anzukommen. Dort war das Alte, hier war das immer Neue. Deshalb konnte in einer wöchentlichen Rubrik der Diskothek im WDR an das Alte erinnert werden. In einer Endlosschleife wurden die Künstler alphabetisch abgearbeitet und die Oldies der Woche gewählt.

Kam der Buchsstabe „B“ an die Reihe, war unweigerlich Chuck Berrys Roll over Beethoven zu hören, und der Verweis auf die Aufnahme des Electric Light Orchestra blieb nicht aus. Nach dem ersten Hit mit dem Chuck-Berry-Cover entwickelte sich die Musik des Electric Light Orchestera in eine andere Richtung. Die Rockeinflüsse und Experimentelles gingen zurück, die Melodien wurden eingängiger und populärer. Meinen Geschmack trafen sie immer noch nicht. Ein Song aber sprang mir dennoch irgendwann in die Ohren: The diary of Horace Wimp.

Weder wusste ich damals, dass Fußball den Text dieses Songs bestimmt, noch machte ich mir Gedanken über den Grund für meine besondere Aufmerksamkeit. Heute erfahre ich, der musikalische Laie, es gab gute Gründe, warum ich den Song mochte. ELO-Kopf Jeff Lynne variierte mit diesem Song den Beatles-Klassiker A Day in the life  hier bei youtube – und präsentierte mir damit eines meiner Lieblingsstücke der Beatles in neuem Gewand.

Und nun zum Fußball, der im Song abwesend ist und doch das Leben von Horace Wimp bestimmt. Jeff Lynne nimmt den Verlauf einer Woche, um zu erzählen, wie aus einem einsamen Menschen, der noch nie eine Freundin hatte, ein glücklicher Bräutigam wird. An jedem Wochentag  geschieht etwas neues, mit dem wir Horaces Wimps Leben etwas näher kennnenlernen. Nur was er samstags macht, erfahren wir nicht. Als der Song 1979 erschien, wurde kein TV-Programm täglich mit der Unterhaltungsware Fußball bestückt. Es gab einen einzigen Spieltag, und das war der Samstag. Jeder Fan eines Fußballvereins weiß, dass wenigstens so ein Fußball-Samstag  die Tristesse des Alltags erträglich macht. Horace Wimp ist samstags im Stadion. Dieses Stadion ist der einzige Ort, wo Horace Wimp seinem Leben bis dahin hat entfliehen können.

Deshalb schreibt der Fan von Birmingham City Jeff Lynne nichts darüber, was Horace Wimp am Samstag erlebt. Das liegt auf der Hand. Darüber brauchen wir Ende der 1970er Jahre nicht zu reden. Ein Mensch wie Horace Wimp sieht samstags ein Fußballspiel. Dass das auch noch so bleibt, nachdem er sonntags geheiratet hat, kommt mir sehr wahrscheinlich vor. Hoffen wir, dass seine große Liebe für diesen Stadionbesuch auch heute noch Verständnis hat. Und lassen wir es offen, ob Jeff Lynne beim Schreiben schon im Kopf gehabt hat, wieso der Samstag im Liedtext fehlt. Seine Erklärung Jahre später ist jedenfalls eine schöne Geschichte.

Ein großer Hit wurde The diary of Horace Wimp für ELO nicht. Richtig erfolgreich wurde erst die Variation der Variation: Mister Blue Sky.

Tür 8 öffnet sich morgen an dieser Stelle.

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Fremdschamkitzel auf Schalke

Als ich gerade eben den Lobgesang auf Schalkes Trainer Domenico Tedesco in der Süddeutschen Zeitung las, machte mich einer der ersten Sätze neugierig auf einen Werbespot des Vereins. Die Merchandising-Abteilung des Vereins will nämlich die Umsätze im Kleidungssegment steigern. Der Verein möchte auf einer der bescheuertsten Modewellen der jüngsten Zeit mitsurfen – der Ugly Christmas Fashion.

Schon angesichts dieser Mode werde ich augenblicklich zum grantligen alten Zausel. Was für einen unglaublichen Spaß machen diese Pullover bei der After Christmas Family Show, wenn ihr euch mit euren Freunden trefft. Überall diese lachenden Gesichter, besonders bei uns Pulloverstrickern. Tatsächlich wird für so einen Mist Geld ausgegeben. Was haben wir gelacht, als wir merkten, dass nicht der hässlichste Jugendpullover aus dem Kleidersack genommen wird, sondern für den Einmalauftritt was unglaublich profimäßig Designtes gekauft. Mann, was fühle ich mich alt, wenn ich hier kopfschüttelnd über so einen Mist ins Nachdenken komme.

Doch bevor ich gar nicht mehr mit dem Schimpfen aufhören kann, gucke ich mir einfach den Werbespot der Schalker an und erfreue mich an Fußballern und jungen Frauen, die nicht schauspielern können. Dafür hat sich so ein Ugly-Dingens-Gedöns dann doch wieder gelohnt.

 

Fundstück: Fußball lesen wie ein Gedicht

Für die Süddeutsche Zeitung haben Sebastian Fischer und Maik Rosner mit dem Trainer des FC Augsburg Manuel Baum gesprochen. Ohne Abo ist das interessante Interview online nicht zu lesen. Zwei Bemerkungen Manuel Baums will ich aber hervorholen. Zum einen vergleicht er die Bewertung eines Fußballspiel mit der Interpretation von Gedichten.

Seine Bemerkung erinnert daran, dass die immer umfassendere Beschreibung des Fußballs mit statistischen Daten das einzelne Spiel nicht eindeutig erklären wird. Irgendwann muss interpretiert werden, weil das Wissen über die Leistungswerte einzelner Spieler nicht genügt, um die Qualität des Zusammenspiels aller Spieler zu bestimmen. Es gibt keinen absolut wahren Schluss, den die Daten ermöglichen.

Davon ab könnt ihr vielleicht denken, dass es mir sehr gefällt, wie Manuel Baum die beiden unterschiedlichen Sphären der Kultur zusammenbringt. Schließlich geschieht das in diesen Räumen desöfteren ähnlich.

Zum anderen weist er auf eine Grundlage von Erfolg hin. Das Tagesgeschäft entwickelt er, nachdem sich der Verein zu einem grundsätzlichen Spielstil entschieden hat.

Was offenbart die RAG-Stiftungs-Fantasie eines Jahrhundertheimspiels über das Ruhrgebiet?

So ein Montagsspiel des MSV Duisburg verschafft mir Zeit für eine kurze Betrachtung über das Ruhrgebiet. In dieser Region macht sich das unzureichende Vertrauen in sich selbst immer wieder bemerkbar, manchmal an überraschender Stelle, beim Fußball und dem Bergbau dieses Mal. Vom „Jahrhundertheimspiel“ oder auch nur „Jahrhundertspiel“ war letzte Woche nämlich die Rede. Der RAG-Stiftungs-Leiter, Werner Müller, hatte am Dienstag über das besondere Jahr 2018 geredet. Es ist das Jahr des Abschieds vom Steinkohlebergbau in Deutschland, und dieser Abschied soll im Ruhrgebiet angemessen gewürdigt werden. Als eine der geplanten herausragenden Veranstaltungen wurde ein besonderes Fußballspiel angekündigt. Eine Mannschaft des Ruhrgebiets unter Führung vom BVB und Schalke soll gegen die polnische Nationalmannschaft spielen. Die Nachricht sorgte für Verwirrung allerorten, weil anscheinend keiner der namentlich Beteiligten definitive Zusagen für dieses Spiel gegeben hat.

Nun kann man sagen, bei der Planung des Jahresprogramms ist etwas schief gelaufen. Die RAG-Stiftung ist vielleicht vorgeprescht, und alles war  ein handwerklicher Fehler dieser Planung. Für mich ist dieser Fehler aber ein Symptom für eine tiefer verwurzelte Haltung der Entscheider im Ruhrgebiet der eigenen Region gegenüber. In dieser Haltung paart sich die Sehnsucht nach Größe mit einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex. Diese Haltung lässt Entscheider bei vermeintlich öffentlich wirksamen Ereignissen wie diesem Fußballspiel fasziniert ja rufen, ohne die Verankerung für dieses Vorhaben in der Wirklichkeit geprüft zu haben.

Dieser Haltung entspringt auch ein Kulturangebot wie die lit.ruhr, für die viel Geld von den im Ruhrgebiet ansässigen Stiftungen nach Köln zur lit.cologne fließt. Statt die im Ruhrgebiet vorhandenen Strukturen zu nutzen und ein eigenes populäres Literaturfestival des Ruhrgebiets aufzubauen, wird auf die Aura der lit.cologne gehofft. Die Sehnsucht nach populärer Größe des Kulturellen steckt in der lit.ruhr, mit deren Premiere in diesem Jahr eine fünfjährige Fördermaßnahme der Kölner Literaturszene beschlossen wurde. Der Leiter des Literaturbüros Ruhr, Gerd Herholz, hat dazu bei den Revierpassagen die entsprechenden Anmerkungen gemacht.

Diese Sehnsucht nach Größe zeigt sich schon im PR-Sprech der Veranstaltungsankündigung. Tatsächlich steht das Wort „Jahrhundertheimspiel“ in der Pressemitteilung der RAG-Stiftung. Diese Sehnsucht nach Größe kann konstruktiv wirken, wenn sich darin der Wunsch nach wahrgenommener Bedeutung verbirgt. Aber diese Bedeutung muss aus der Wirklichkeit des Ruhrgebiets heraus entstehen. Viel zu oft wird diese Bedeutung woanders gesucht. Beim „Jahrhundertheimspiel“ etwa geht es nicht um das Fußballspiel, mit dem eine Region den Bergbau würdigt. Es geht um ein von oben nach unten verordnetes Bild für die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets.

Deshalb stehen BVB und Schalke im Zentrum der Pressemitteilung. Es sind jene Mannschaften mit überregionaler Strahlkraft und der populären Geschichte einer Feindschaft. Es geht um das Bild für die Welt, dass für dieses besondere Fußballspiel die Feindschaft aufgehoben ist. Wen soll das Fußballspiel aber würdigen? Eigentlich sollen doch die dem Bergbau verbundenen Menschen im Ruhrgebiet damit gewürdigt werden. Eigentlich geht es um die gesamte Städtelandschaft.

Hat irgendjemand nach der ersten Idee zu diesem Fußballspiel genauer darüber nachgedacht, was Fußball im Ruhrgebiet bedeutet? Das besondere Interesse für Fußball macht einen Teil des Ruhrgebiets ja tatsächlich aus. Aber dieses Interesse gilt vielen Vereinen, und wenn man eine Ruhrgebietsmannschaft spielen lassen will, darf nicht ein einziger Vereinsname im Vordergrund stehen. Selbst wenn man dabei die bundesweit erzählte Rivalität vom BVB und Schalke überwinden will. Eine Ruhrgebietsauswahlmannschaft braucht eine Entwicklung aus der Lebenswelt dieser Region heraus. Demgegenüber war man blind angesichts der Faszination über ein „Jahrhundertheimspiel“, das die verfeindeten Marktführer der Region zusammenbringt.

Die Pressemitteilung zu dem Fußballspiel bestätigt meine Vermutung. Nahezu alles, was dort rund um diese Idee des Fußballsspiels erklärend steht, ist schlichtweg falsch. Ein deutlicheres Zeichen für mangelndes Nachdenken kenne ich nicht.

Ziel von „Glückauf Zukunft!“ war immer auch, Zukunftsimpulse und die Würdigung des deutschen Steinkohlenbergbaus und seiner Leistungen in die richtige Balance zu bringen. Im Jahr 2018 wird es daher einen Fokus auf Abschiedsveranstaltungen geben. Einer der Höhepunkte wird das Jahrhundertheimspiel sein. Als Zeichen besonderer Verbundenheit mit dem Bergbau wird eine Ruhrgebietsauswahl unter der Führung von Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 gegen die polnische Nationalmannschaft antreten. Polnische Arbeitnehmer waren die ersten Gastarbeiter im Ruhrgebiet. Sie trugen erheblich zum Wiederaufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Aus Polen stammende Fußballspieler sind zu Leistungsträgern in ihren Vereinen geworden. Ernst Kuzorra und Jakub „Kuba“ Błaszczykowski sind zwei Spieler in einer ganzen Reihe von polnischen Spitzenfußballern in Ruhrgebietsvereinen.

Weder waren polnische Arbeitnehmer die ersten Gastarbeiter im Ruhrgebiet, noch war Ernst Kuzorra Pole. Kuzorras Eltern stammen aus Masuren. Sie waren polnischstämmig, hatten als Ostpreußen einen deutschen Pass. Zwar wurden sie im Zweifel auf jeden Fall als „Polacken“ beschimpft, doch Ernst Kuzorra selbst wurde in Gelsenkirchen geboren. Er verstand sich als Gelsenkirchener. Durch die Hintertür schleicht sich eine Diskussion der Gegenwart ein. Was sind noch einmal die türkischstämmigen Kinder und Enkel?
Polen waren auch nicht die ersten Gastarbeiter im Ruhrgebiet. Sie waren die ersten, die in so großer Zahl kamen, dass ihre Lebensweise in einzelnen Teilen des Ruhrgebiets den Alltag bestimmten. Die erste größere Gruppe von Gastarbeitern waren aber Belgier und Italiener, erstere wegen ihrer Erfahung im Bergbau, zweitere wegen ihrer Erfahrung im Tunnelbau. Erst ab der Reichsgründung 1871 wurden so viele Arbeitskräfte im Bergbau gebraucht, dass auch in anderen Regionen, eben im Osten, gezielt geworben wurde. Allerfeinste Pressemitteilungs-Komik schließt sich übrigens an, wenn diese ersten polnischen Gastarbeiter im Ruhrgebiet noch zum Wiederaufstieg Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg beigetragen haben. Das waren eben noch harte Männer damals, die Kumpel ohne Presslufthammer, die waren anderes gewöhnt und wollten auch noch mit 80 und 90 in den Pütt.
Wenn man durch die Berichterstattung zusätzlich weiß, dass eigentlich ein Spiel gegen die deutsche Nationalmannschaft geplant war, zerfällt auch der letzte Rest an innerer Folgerichtigkeit dieses Spiels. Zurück bleibt der schale Geschmack eines Events um des Events Willen. So zeigt sich das Ruhrgebiet einmal mehr in der Sehnsucht nach verlorener Bedeutsamkeit und Größe, ohne sich um die tatsächlich vorhandenen Chancen einer selbstbewussten Identität zu kümmern.

Nach dem Anpfiff alles möglich – Kees Jaratz beim Platzhirsch Festival

In 14 Tagen beginnt das Platzhirsch Festival. Dieses Festival bereichert Duisburg auf eine sehr eigene Weise, weil es an einem zentralen Ort der Stadt Menschen im Zeichen freier Kultur zusammenbringt. Das Platzhirsch Festival macht Duisburg lebenswerter. Umso mehr freue ich mich, in diesem Jahr dort mit meinem Programm „Nach dem Anpfiff alles möglich“ dabei zu sein. Um 18.30 Uhr lese ich im SG1 Kunstraum. Die Galerie befindet sich in der Schmalen Gasse 1. Und was euch erwartet? Bitte schön:

Zur Veranstaltung bei Facebook.

Keine Angst vor dem FC-Bayern-Museum – Der MSV Museumsvereinsvorsitzende Volker Baumann im Interview

Museums-Verwirklicher
Volker Baumann (r.),
Thomas Heine

Beim Cup der Traditionen gab der MSV Museumsverein einen Eindruck von seinen Aktivitäten. Erste Impressionen von der kleinen Ausstellung zu den vier Pokalfinalen waren im Zebrastreifenblog schon zu sehen.  In den letzten Tagen In den letzten Tagen hatte ich Interviews mit den Sammlern Willi Blomenkamp, Detlef Luderer und  Wolfgang Berndsen veröffentlicht. Die drei engagieren sich im MSV Museumsverein.

Vorgestern kam nun Volker Baumann zu Wort, der Vorsitzende des Vereins MSV Museum. Er war treibende Kraft der Vereinsgründung, die sechs Jahre nach dem „MSV Museumswochenende“ in Buchholz erfolgte. Im ersten Teil des Interviews erklärte er, warum die Vereinsgründung wichtig war und welche Arbeit mit dem Aufbau eines MSV Museums verbunden ist. Heute erzählt Volker Baumann von den Begegnungen mit den Museumsmachern anderer Vereine und von der Haltung der Stadt Duisburg zu einem MSV Museum.

Zebrastreifenblog: In Dortmund gibt es mit BVB-Museum und DFB-Museum ja zwei gut besuchte Museen in der Nähe. Auch in Gelsenkirchen gibt es ein Museum. Gibt es auf solcher Seite womöglich Erfahrungen, von denen ihr profitiert könnt?

Volker Baumann: Auf jeden Fall, es gibt in Deutschland ein Netzwerk der deutschen Fußballmuseen und Archivare. Dort sind die Fußballvereine der 1., 2. Und 3. Bundesliga vertreten. Die Mitglieder treffen sich zweimal im Jahr. Es gibt Vorträge und man diskutiert miteinander, tauscht sich aus. Dort erhalten wir große Hilfe. Wirklich alle dort teilen ihre Erfahrungen, erklären, worauf in unserer Situation jetzt zu achten ist. Da hilft der Dortmunder dem Schalker, der 60er dem Bayern.

Man sieht natürlich auch die riesigen Unterschiede. Zwischen uns beim MSV zum Beispiel, wo alles ehrenamtlich passiert und einem FC Bayern, wo es eine gewisse Anzahl Festangestellte gibt. Dazwischen liegen Welten. Vor solcher Art Museum darf man sich nicht verschrecken lassen. Das ist eben so, trotzdem kann man auch von denen lernen.

Nach solchen Veranstaltungen wurde ich auch schon angeschrieben, von Union Berlin, vom SC Freiburg. Wir haben hier noch alte Stadionhefte von Spielen gegen den MSV, hieß es. Wir misten gerade aus. Wollt ihr die Hefte haben? Die wurden mir dann zugeschickt.

Wie steht die Stadt Duisburg zu dem Projekt „MSV Museum“?

Ich habe mit Herrn Krützberg, dem Kulturdezernenten, gesprochen. Die Stadt war natürlich eine der ersten meiner Ansprechstationen. Die sagten natürlich, Geld könnt ihr nicht von uns erwarten. Klar, Duisburg ist eine arme Stadt. Thomas Krützberg sagte aber auch, sie unterstützen gerne, sei es bei Räumlichkeiten, seien es Ideen für Kontakte.

So entstand die Verbindung zum Stadthistorischen Museum. Von dort habe ich zum Beispiel sämtliche Unterlagen zu der Ausstellung zum hundertjährigen Vereinsjubiläum einsehen dürfen, und mir wurde gezeigt, wie dort Ausstellungen gemacht werden.

Jetzt gibt es hier diese Ausstellung zu den vier Pokalfinalen. Gibt es schon weitere Vorhaben in der nächsten Zeit?

Im Landesarchiv NRW findet am 10. September, dem Tag des offenen Denkmals, eine Ausstellung zur Sportgeschichte des Ruhrgebiets statt. Dort werden wir als MSV Museum einige Vitrinen  bestücken. Außerdem werde ich 2018 mit einem Sporthistoriker aus Berlin, Zentrum für deutsche Sportgeschichte, eine Vortragsreihe zum Thema „DDR-Fußball und der MSV Duisburg“ mache. Solche Institutionen treten im Augenblick an uns deshalb heran, weil wir öffentlich präsent sind über unsere Homepage, über die Homepage des MSV und über die Gemeinschaften. Es wird auf unsere Arbeit reagiert und das hilft uns wiederum sehr, dass freut uns aber auch sehr. Denn das bedeutet, dass wir einiges richtig machen.

Habt ihr Interesse daran eure Sammlung zu erweitern, etwa wenn Menschen mit Fundstücken zum MSV nicht wissen wohin?

Sofort, einfach über unsere Homepage Kontakt mit uns aufnehmen und dann melden wir uns. Wir haben einen eigenen Archivraum, der abgeschlossen und versichert ist. Dort lagern wir Dinge, die uns zur Verfügung gestellt werden. Das wird auch mit einem Vertrag geregelt, sei es mit einer Schenkungsurkunde, wenn es eine Schenkung ist oder einem Leihvertrag, wenn es eine Leihgabe ist. Das wird alles juristisch einwandfrei geregelt. Wir haben einen Juristen bei uns im Vorstand.

Wenn jemand etwas für uns hat, wird das Exponat archiviert. Es wird aber nicht einfach nur eingelagert, wir wollen die Geschichte dahinter auch hören. Wir wollen wissen, wo das Teil herkommt, die Geschichte dahinter hören. Das gehört mit zum Exponat. Und wenn es in Vitrinen ausgestellt wird, steht dann dort natürlich „Schenkung von …“, keine Frage.

Wer das MSV Museum unterstützen will, findet auf der Seite des Museum alle nötigen Informationen. 


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