Archive for the 'Fußball und Kultur' Category

Jetzt erschienen: MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten

Schauen wir mal, wie Hagen Schmidt auf die Mannschaft weiter einwirken kann. So ein Trainerwechsel bringt ja immer sofort Hoffnung zurück, dass sich mit der äußeren Änderung auch innerhalb der Mannschaft entscheidendes verändert. Das hebt die Stimmung schon mal etwas.

Für den Restärger gibt es seit dieser Woche den Blick auf die MSV-Vergangenheit. Tina Halberschmidt und ich in Person von Martin Wedau haben uns in den Wochen größten Ärgers jedenfalls beim Schreiben von MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten gut ablenken können.

Natürlich muss man bei der Dosierung aufpassen. Sonst versinkt man vollkommen in diesen alten Geschichten von Erfolgen und der schon verarbeiteten Enttäuschung. Dann käme man womöglich auf den Gedanken, früher sei alles besser gewesen und will gar nichts mehr mit der Gegenwart zu tun haben. Also fragt euren Arzt und Apotheker, vulgo Kumpel, wieviel ihr euch zumuten könnt. Er kennt euch vielleicht besser als ihr euch selbst.

Amazon jedenfalls kennt unsere Bedürfnisse gerade sehr genau. Dort wird das Buch neben der Kategorie Sport und Fußball in einer dritten Kategorie geführt. Der Lachtherapie! Muss man mehr über uns und den MSV in diesen Tagen wissen?

Tina Halberschmidt und Martin Wedau
MSV Duisburg. Populäre Irrtümer und andere Wahrheiten
Klartext Verlag, Essen 2021
ISBN: ‎ 978-3837523959
€ 16,95

Das ist eine Schwierigkeit für den MSV

Gestern haben die Ruhrbarone ein Interview mit Dietrich Schulze-Marmeling veröffentlicht. Dietrich Schulze-Marmeling bereitete der heutigen Fußballbuchkultur mit seinem Werk „Der gezähmte Fußball“ den Boden und zählt heute zu den renommiertesten Sachbuchautoren im Fußballbuch. In Kamen geboren richtete sich seine Aufmerksamkeit auf den BVB. Im Interview spricht er vor dem Saisonstart in der Bundesliga über den Fußball im Allgemeinen und die Situation der drei Ruhrgebietsvereine in Bundesliga und 2. Liga. Seine abschließende Anmerkung zum Fußball im Ruhrgebiet gefiel mir allerdings gar nicht.

Dass der MSV in diesem Gespräch nicht neben Rot-Weiss Essen genannt wird, ist ein Problem für das Unternehmen MSV Duisburg. Wir können Dietrich Schulze-Marmelings Meinung natürlich nur als persönliche Meinungsäußerung eines voreingenommenen Autoren betrachten. Dann würden wir ihm als Anhänger des MSV je nach Persönlichkeit von humorvoll bis wütend antworten. Wir können das Fehlen des MSV in dieser Reihe der Ruhrgebietsvereine aber auch ernst nehmen und als Gefahr für die Zukunft sehen. Denn dieses Fehlen ist ein Symptom, das auf die wirtschaftlichen Bedingungen aufmerksam macht, die den sportlichen Erfolg ermöglichen. Die Vereine stehen eben auch in einem Wettbewerb um Sponsoren und dabei geht es um die Attraktivität der Marke MSV. Das Fehlen ist ein Gradmesser für diese Attraktivität.

Denkt man an der Stelle weiter, müssten wir in Duisburg uns wegen des weiter voranschreitenden Konzentrationsprozess im Unterhaltungssegment Fußball vor dem möglichen Aufstieg von Rot-Weiss Essen Sorgen machen. Was uns als Publikum mit Derbygelüsten reizvoll erscheint, könnte mittelfristig den wirtschaftlichen Druck auf den MSV erhöhen.

Ich kann mir vorstellen, im Beratersprech heißt so etwas: Der MSV hat ein Problem als Marke im Ruhrgebietsfußball. Sicher hat das auch etwas mit der Randlage von Duisburg im Ruhrgebiet zu tun. Was letztlich aber unerheblich ist. Weil auch das Einzugsgebiet Niederrhein an dieser schwachen Marke nichts ändert. Es ist keineswegs banal festzustellen, dass für die Marke MSV der sportliche Erfolg einen größeren Einfluss hat als bei anderen Vereinen. Anscheinend ist der MSV unabhängig von diesem sportlichen Erfolg weniger im Bewusstsein eines Betrachters des Ruhrgebietsfußballs als etwa Rot-Weiss Essen. Und wenn ich einen Blick auf die Zuschauerzahlen in Duisburg werfe, meine ich, selbst beim Duisburger Publikum ist das der Fall.

Mit diesen Wünschen sollte es klappen

Gestern las Tonio Schachinger bei der ersten von zwei Veranstaltungen in Ruhrort im Rahmen von Literatour 100, dem Tagesfestival vom literaturgebiet.ruhr. Selbst den fußballfernen Teil des Publikums begeisterte er mit seinen Auszügen aus „Nicht wie ihr“, dem Roman über einen österreichischen Nationalspieler bosnischer Herkunft.

Nach der Moderation von Tonio Schachingers Lesung in Ruhrort habe ich ihm mein Exemplar von „Nicht wie ihr“ zum Signieren unter die Nase gehalten. Ich muss sagen, er hatte schnell erkannt, wie er mir eine zusätzliche Freude machen konnte. Ich denke, nach diesen Wünschen sollte das gleich was werden gegen den TSV Havelse.

Fußball war mal auch ein Spiel

Neulich verblüffte mich der Blick auf die Trefferliste meiner Suchanfrage. Ich weiß gar nicht mehr, was ich gegoogelt hatte. Bei einem der Ergebnisse wurde mir jedenfalls „Fußball Nachhilfe“ angeboten. Welch Blüte dieses Wirtschaftszweigs Fußball.

Manchmal vergesse ich, wie konsequent Systeme sich ausweiten können. Das geschieht eben unter den Bedingungen, denen diese Gesellschaft folgt. Chancengleichheit kann der herstellen, der über Geld verfügt. Warum nicht in die Fußballzukunft seiner Kinder investieren? Der Fußball verspricht schließlich für einige Jahre ein gutes Auskommen. Mangelnde Leistung schafft dann ein Angebot. Mich befremdet das, aber ich bin ja auch schon in die Jahre gekommen.

Greift beim Fußball mal zur Ideologiekritik

Die gute alte Ideologiekritik lässt sich mit Wikipedia als Methode verstehen, gültige Deutungen der Wirklichkeit als Interessen verhüllende Wirklichkeitsbeschreibungen zu erkennen. Normalerweise ist damit auch verbunden die Entstehensbedingungen von Wirklichkeit und Denken zu benennen. Neulich dachte ich bei einer Notiz im Feuilleton, der Fußball braucht sehr, sehr dringend den ideologiekritischen Blick.

Unten könnt ihr nachlesen, warum ich das dachte. Aber lasst das dort geschilderte Geschehen schon einmal kurz auf euch wirken: Ein erfolgreicher Pariser Galerist spricht in einer Loge im Pariser Prinzenpark bei einem Spiel des mit Geld aus Quatar finanzierten Fußballunternehmens Paris Saint-Germain vom Fußballstadion als letztem egalitären Feld. Der Schriftsteller hebt dagegen hervor, der Fußball habe die besondere Fähigkeit, die Lager in Frankreich zu versöhnen.

Dieses Gespräch wird in einem Buch des Schriftstellers über den Fußball widergegebem. Dieses Buch wiederum wird vom deutschen Journalisten als Besonderheit in Frankreich gelobt sowie als kultureller Beitrag dort zur Verteidigung des Fußballs gegenüber dünkelhaftem Geschmäcklertum. Vielleicht gebührt dem gesamten Buch von Olivier Guez „Une passion absurde et dévourante“ tatsächliches dieses Lob.

Die berichtete Passage ist für mich allerdings kein Beleg. Wer in dieser Situation im Pariser Prinzenpark bei der Erwähnung von Gleichheit nicht sofort auch vom Geld spricht, erzählt über den Fußball der Gegenwart in dem Moment nur die üblichen verklärenden Worte. Solche Worte brauchen Ideologiekritik.

Süddeutsche Zeitung, Nr. 150, 3./4. Juli 2021

Das Kartellamt und das Selbstbild des deutschen Profifußballs

Es ist zwar schon ein paar Tage her, dass das Interview mit dem Präsidenten des Kartellamts Andreas Mundt in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde, aber diese elegante Spitze von ihm gegen den Profifußball möchte ich euch nicht vorenthalten.

Das Interview wurde geführt, nachdem das Bundeskartellamt veröffentlichte, wie es die 50-plus-1-Regel wettbewerbsrechtlich bewertet. Die Prüfung geschah auf Bitten der DFL hin. Die sportpolitischen Ziele dieser Regel wurden nicht in Frage gestellt. Problematisch seien aber die Ausnahmeregeln für die TSG Hoffenheim, Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg.

RB Leipzig ist ein Sonderfall, da der Verein formal nicht von der 50-plus-eins-Regel ausgenommen ist. Im Interview warf Andreas Mundt allerdings die Frage auf, ob die sportpolitische Zielsetzung mit der findigen Auslegung des Vereinsrechts bei RB Leipzig zusammen passe. Seiner Meinung nach müsse auch das bei der DFL mitdiskutiert werden.

Schön war es zu lesen, wie beiläufig und elegant er die besondere Rolle, die dem Fußball in der Gesellschaft zugemessen wird, ins Leere laufen ließ. Die DFL hat nun eine Aufgabe. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn der Fußball nun mal zum Wirtschaftszweig der Unterhaltungsindustrie geworden ist, gilt es eben auch entsprechende Regeln zu beachten. Der gern genommene Ausweg ist das Verweisen auf die kulturelle und soziale Bedeutung, die entsprechende Sonderbehandlung ermöglichen soll. So geht das seit Gründung der Bundesliga. In diesem Spannungsfeld bewegen auch wir Anhänger uns.

Süddeutsche Zeitung Nr. 146, 29. Juni 2021

Von Heroes, Aziz und Koch – Plauderstimmung am Montag

Kaum denke ich an den MSV, komme ich heute unweigerlich ins Plaudern. Wahrscheinlich bin ich für manchen von euch zu entspannt. Ich habe eine Vermutung, warum es mir so geht, und die lautet: Sonntagsspiele der 3. Liga. Durch den Sieg von Unterhaching gestern gegen die Bayern kann ja nur noch Uerdingen den MSV einholen. Was nicht geschehen wird. Ich glaube das einfach nicht. Jemand müsste mal nachschauen, wie oft die Fußballbinse „rein rechnerisch“ auch ein Ergebnis brachte, das Beweiskraft bewies für eine Mathematik des Hoffens. Der MSV hat zwar gegen Magdeburg verloren, aber so einen niedlichen Punkt für den Klassenerhalt wird es in den ausstehenden zwei Spielen schon noch geben.

Mir verhilft das Spiel in Magdeburg aber noch zur Gelegenheit auf das in diesen Räumen schon mal genannte und mit einigen Ehrungen bedachte HEROES-Projekt hinzuweisen. Ihr wisst, ich spreche in gewisser Weise pro Domo, weil ein großer Teil der Heroes-Arbeit im Jugendzentrum Zitrone in Obermarxloh stattfindet. Vom Fördervein dieses Jugendzentrums Lemonhaus e.V bin ich der Vorsitzende. Bei den HEROES Duisburg machen sich per Schneeballprinzip Jugendliche, junge Männer und inzwischen auch junge Frauen aus sogenannten “Ehrkulturen” mit aufklärerischem Denken vertraut. Die Religion ist dabei nur Teil all dessen, was im Alltag der Teilnehmer wirksam wird.

Ich erzähle davon, weil in Magdeburg Aziz Bouhaddouz vom Magdeburger Alexander Bitroff provoziert wurde. Mir geht es nicht um die Details des Vorgangs und die anschließende Verleumdung durch die lokalen BILD-Journalisten. Dazu hat der MSV eine offizielle Erklärung abgegeben. Aber ich füge hinzu, mein Verständnis für Aziz Bouhaddouz ist deutlich größer als für Alexander Bitroff, wenn ich berücksichtige, dass anscheinend Bitroff kein Interesse an einem versöhnlichen Austausch hatte. Ich erinnere mich, während des Spiels konnte Aziz Bouhaddouz eine entschuldigende Geste nicht annehmen. So wird das schnell unübersichtlich für Außenstehende, wer jetzt wann wie zum dynamischen Geschehen beigetragen hat. Unzweifelhaft aber ist die verleumderische Falschmeldung der BILD. Wenigstens auf das Gift dieses Organs dürfen wir uns verlassen.

Nun denke ich aber auch darüber nach, wie schön es für Azis Bouhaddouz und letztlich für den MSV gewesen wäre, die Wut in seine fußballerische Leistung verwandeln zu können und dem Gegner Bitroff allenfalls im Vorbeigehen beim Trash-Talk was zurück zu geben. Und da kommen die HEROES Duisburg ins Spiel, wo ein anderer Zugang zum Begriff der Ehre und Umgang mit Beleidigungen zur Sprache gebracht wird. Aziz wird sicher auch ohne die HEROES in der Welt zurecht kommen. Er hat seinen eigenen Weg im Sport gefunden, wo Gegner dann manchmal vielleicht leichteres Spiel mit ihm haben, wenn Sie einen Nerv bei ihm treffen. Für die jüngeren Männer aber gilt, es gibt auch andere Wege. Die HEROES Duisburg helfen dabei und befördern damit die Grundlagen einer humanistischen Gesellschaft.

Komisch, dass ich dabei sofort an den DFB-Vizepräsidenten Rainer Koch denken muss. Rache ist nämlich nicht eindeutig ein humanistischer Gedanke. Aber als ich gestern in einem Clip seine Reaktion auf die Frage von Katrin Müller-Hohenstein nach einer E-Mail gesehen habe, stimmten mich seine Nöte und sein offensichtliches Unwohlsein sehr zufrieden. Das schmeckte nach Rache. Zwiespältig. Aber ich hatte seit April/Mai letzten Jahres im Namen des MSV mit ihm noch eine Rechnung offen. Was er und seine Kollegen vom DFB damals über den MSV während der Saisonunterbrechung gesagt hatten, verzerrte die Wahrheit. Sie waren von eigenen Interessen geleitet, die sie zunächst öffentlich nicht aussprachen.

Im folgenden ist das Gespräch in einen längeren Beitrag hineingeschnitten. Das Begleichen meiner offenen Rechnung geschieht ab Minute 13.30.

Wenn ein MSV-Fan auch im TV arbeitet

Bei der überregionalen Wahrnehmung hat die eine Pressekonferenz des MSV zu einer zukünftigen TV-Dokumentation der anderen Pressekonferenz am selben Tag, abends nach dem 2:2-Unentschieden im Ligaspiel gegen den FC Bayern München II, wahrscheinlich den Rang abgelaufen. Der Grund: Joachim Llambi, ein MSV-Fans seit Jugendzeit, ist als RTL-Gesicht mit dem Schwerpunkt Tanzsendungen beim Sender gut gelitten. Da lässt sich schon mal ein neues Projekt anschieben, wo doch der Fußball in der letzten Zeit in immer mehr medialen Formen nach Publikum sucht.

Einzelnen Spielern sind Filmportraits gewidmet worden. Die Bayern haben ihren eigenen TV-Kanal. Der BVB verantwortet etwas, was der Verein Dokumentation nennt. Für ein Buch hat Christoph Biermann Union Berlin eine Saison lang begleitet. Und bei Netflix läuft „Sunderland ‚till I die“ mit großer Resonanz. Der Boden ist bereitet. Der Sunderland entsprechende angeschlagene Verein in Deutschland musste für eine Dokumentation nur gefunden werden. Gut, dass Joachim Llambi MSV-Fan ist. Seine Kontakte zum Verein führen also nun zu einer Langzeitdokumentation über den MSV, seine Fans und die Wirklichkeit in Duisburg.

So wurde es auf der PK angekündigt. Das klingt ambitioniert und macht neugierig. Gesendet wird die Doku bei TVNOW, der Streaming-Plattform der RTL-Gruppe. Der MSV hat nun einmal nicht die Manpower, um wie andere Vereine so ein Medienprojekt aus eigener Kraft zu initiieren. Deshalb ist es erst einmal gut, dass ein bekennder Fan sein Netzwerk nutzt, um eine mögliche win-win-Situation herzustellen.

Allerdings halte ich den Anspruch der Macher für eine mutige Ankündigung. Zum einen ist es schwierig, weil aufwändiger, neben der Fußballwelt noch etwas anderes aus der Duisburger Wirklichkeit zu erzählen. Zum anderen ist es ein heikles Unterfangen, aus der komplexen Fußballwelt den Hintergrund im laufenden Tagesgeschäft zu beleuchten. Man darf von einer solchen Doku ja keine vollständige Einsicht in die Wirklichkeit des täglichen Geschäfts erwarten. Das würde jedes seriöse Arbeiten des MSV Duisburg torpedieren. Die Offenheit aller beim MSV gegenüber Kamera und Mikro ist ein Balanceakt, und natürlich müssen Türen verschlossen bleiben. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen beim MSV sich der Gefahr von Bildern bewusst sind und dass Joachim Llambi sich in seiner Verantwortung weniger dem Format als dem MSV verpflichtet fühlt. Da gerät im Hinblick auf unkontrollierbare Folgen vermeintlich harmloser Bilder mein eigenes journalistisches Ethos unter Druck.

Das kann natürlich Auswirkungen auf die Qualität haben. Das muss es aber nicht. Es gibt genügend Inhalte, mit denen dennoch Hintergrund und das sonst Unbekannte gezeigt werden kann. Wieviel davon eingefangen wird, hängt aber vom Budget der Dokumentation ab. Zwar ist Joachim Llambi MSV-Fan, doch die Produktion insgesamt ist ja nicht von allen Mitarbeitern ein Herzensprojekt. Der Aufwand wird also seine Grenzen haben.

Vor einigen Jahren gab es schon einmal einen Versuch mit kurzen Clips beim damaligen DSF den MSV dokumentarisch zu begleiten. Ich habe damals jede Folge von Mitten in Meiderich in diesen Räumen hier besprochen. Es war deutlich bemerkbar, dass der Anspruch zu Beginn ein anderer war als zum Ende dieser Mini-Clips. Zu Beginn gab es den ambitionierten Hintergrundblick. Zum Ende hin wurde es das übliche Abfilmen von Fußballer-Köpfen in irgendwelchen x-beliebigen Zusammenhängen, die Authentizität suggerieren sollten, begleitet von belanglosen Interview als Beleg für den wahren Menschen im Profi-Fußballer. Diese veränderte Ausrichtung lag vermutlich an der Finanzierung. Letzteres geht schnell und verlangt wenig Arbeit beim Schnitt. Ersteres braucht sehr viel mehr Material und entsprechende Mehrarbeit bei der Fertigstellung.

Ich bin jedenfalls gespannt auf die Qualität der Dokumentation. Die Latte ist hoch gelegt mit dem Verweis auf die Sunderland-Serie. Aber Netflix wird wahrscheinlich deutlich mehr Geld in die Hand genommen haben als es TVNOW nun macht. Schaun wir mal. Unabhängig von der tatsächlichen Qualität könnte sich die Dokumentation aber für den MSV lohnen wegen der zusätzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit.




Die Superleague, MSV-Gemeinsinn und die Causa Flick

Momentan bekommen wir in unseren unterschiedlichen Rollen im und um den MSV Duisburg den Spagat einigermaßen hin zwischen den idealistischen Vorstellungen von Unterstützung und Mitbestimmung in einem Verein sowie der unternehmerischen Arbeit für wirtschaftliche Solidität und sportlichen Erfolg. Um im Bild zu bleiben: Eine Gruppe von MSV-Anhägern versucht sich seit jüngstem an einer Turmkonstruktion von Anhängern im Spagat. Sie haben mit den Zebra-Genossen eine Genossenschaft gegründet und sich damit in eine lange Tradition von wirtschaftlichen Solidargemeinschaften gestellt, die in der Arbeiterbewegung ihre Wurzeln hat.

In Genossenschaften ist ökonomisches Handeln gebunden an Ziele, die vom Gemeinsinn getragen werden. Ihr könnt euch vorstellen, dass mir diese Genossenschaftsgründung sehr gefällt. Was nichts damit zu tun hat, dass Gründungsmitglieder der Genossenschaft Bekannte von mir sind und wir zum Teil denselben Fanclubs angehören.

Das schreibe ich nur der Transparenz wegen. Das Ringen um Erkenntnis in dieser Gesellschaft braucht mehr Wissen über die sozialen Verbindungen derjenigen, die sich über ein Thema äußern. Es geht dabei nicht ums Skandalisieren sondern um Einordnen. Das ist idealistisch gedacht, ich weiß. Aber wenn ich mich schon mal für dieses Bewusstsein einsetzen kann, dann mache ich das nun mal. Demnächst also in diesen Räumen etwas mehr Hintergrund zu der Genossenschaft. Ich denke an ein Gespräch mit einem der Vordenker der Genossenschaft.

Das ist der Fußball in Duisburg. Der Fußball in Europa erlebt gerade den sich doll drehenden Turbokapitalismus. Zwölf Vereine aus England, Spanien und Italiene haben die Katze aus dem Sack gelassen. Seit langer Zeit ist die Superleague im Gespräch, der feuchte Traum von Geldanlegern im Fußballgeschäft. Verlustrobust im Niederlagenfall durch ewige Zugehörigkeit. Natürlich ist so eine Entwicklung konsequent in diesen Corona-Tagen. Die leeren Stadien haben gezeigt, Fußball funktioniert auch ohne Anhänger. Nun ist sogar niemand präsent, der den Plänen laut in die Quere kommen kann. Die Gründung ist auch die konsequente Fortschreibung der ökonomischen Leitgedanken der letzten 20 Jahre. The winner takes it eben all.

Dass deutsche Vereine nicht dabei sind, zeigt für mich einerseits, dass handelnde Protagonisten bei Bayern München und auch Borussia Dortmund sich trotz gegenteiligem Eindruck im deutschen Binnenmarkt mit der deutschen Wirtschaftskultur des Ausgleichs identifizieren. Andererseits ist die kulturelle Kraft des Vereinsgedanken und der Mitbestimmung in Deutschland offensichtlich sehr viel mächtiger als in den anderen europäischen großen Fußballnationen. Was dann wiederum einigen Druck auf Fußballunternehmen und deren leitende Mitarbeiter ausübt. Ob das so bleiibt, ist mir völlig egal. Letzte Woche im Podcast habe ich noch gesagt, sollen sie ihre Superleague doch gründen. Damit meinte ich auch die Bayern und den BVB. Mein Fußball wird dadurch nicht schlechter. Mein Fußball wird dadurch nicht gefährdet. Mich interessiert dieser Fußball nicht mehr. So eine Superleague wird wie jeder schlechte Hollywoodfilm sein weltweites Publikum finden. Kulturelle Kraft hat so ein Fußball nicht mehr. Besorgnis erregend finde ich das nicht.

Dass im deutschen Fußball trotz momentaner Abwesenheit in der Superleague bei den Großvereinen auch Gepflogenheiten von Großunternehmen herrschen, versteht sich von selbst. Schmunzelnd lese ich, dass der FC Bayern Hansi Flicks Stellungnahme am Samstag missbilligt. Als versierter Offensivtaktiker hatte er verkündet, er beende seine Arbeit bei den Bayern am Saisonende. So eine Geschichte steht normalerweise auf den Wirtschaftseiten, wenn über Machtkämpfe in Großunternehmen berichtet wird.

In Deutschland redet die Fußballbranche aber seit Wochen über die Bayern so, als ginge es dort um Meinungsverschiedenheiten über Kaderstärken, die zu persönlichen Animositäten wurden. Dabei zeigt sich in diesem Konflikt einmal mehr nur der immerselbe Widerspruch. Ein Unternehmen handelt nach unternehmerischen Prinzipien. Im Geschäftsfeld Sport zählt zwar Erfolg, aber in Deutschland nun auch die Sportkultur. In dem Fall vertritt Hasan Salihamidzic das Unternehmen FC Bayern München gegenüber dem leitenden Mitarbeiter Hansi Flick. Das Unternehmen sieht nun unternehmerische Prinzipien verletzt, muss aber klein beigeben. In dem Fall ist nicht das Unternehmen FC Bayern bedeutender als Hansi Flick. Denn dessen Erfolge sind in der öffentlichen Wahrnehmung Vereinserfolge. Sie machen ihn unabhängig vom Unternehmen. Selbst beim FC Bayern wirkt noch immer die kulturelle Kraft von Vereinen, auch wenn die nur im Konflikt bemerkbar wurde.

Fußballlyrik – Melancholische Hymne auf gedrehte Spiele

Melancholische Hymne auf gedrehte Spiele

Gedrehte Spiele sind die besten.
Ein Stehplatzspruch vom Stehplatzfreund.
So oft gehört in all den Jahren,
manchmal gefolgt von der Enttäuschung.
Doch wahr bleibt wahr. Das 6 zu 3.
Die Bayern, siebensiebzig,
den Rückstand gab es gleich zweimal.
Als Ennatz Tor um Tor erzielte
und Rummenigge kalt düppierte.

Gedrehte Spiele sind die besten.
Burghausen, Mai, Zweitausendfünf.
Der Druck zu groß? Zwei Tore hinten.
Der Aufstieg schien schon abgehakt.
Doch als Ahanfouf anfing vorn
zu wirbeln, machten alle mit.
Zwei Tore von ihm, eins mit Macht
erzwungen. Ausgleich. Siegtor Kurth.
Das 4 zu 3 zerstörte Zweifel.

Gedrehte Spiele sind die besten.
Sie lassen uns den Tod erleben,
gefolgt von Wiederauferstehung
und sehr paradiesischen Gefühlen.
Wir brauchen nicht ein Leben lang
nur glauben und zu hoffen, bis erst
gestorben die Erfahrung folgt.
Vielleicht, eventuell. Man weiß es nicht.
Und wer es weiß, ist richtig tot.

Da lob ich mir gedrehte Spiele.
Mit ihnen lebt sich’s deutlich länger.
Auch zwanzigeinundzwanzig noch.
Das 3:2, Türkgüncü München,
im März. So wichtig für das Ziel,
die Abstiegszone zu verlassen. 
Zwei Tore waren aufzuholen.
Das Siegtor fällt dann kurz vor Schluss
nach erstem Ballkontakt Ademis.

Die Stille aber auf den Rängen
statt Feier der Unsterblichkeit.
Corona offenbart uns Leere.
Vereinzelt jubeln führt nicht weit.
Erinnert das sogleich ans Hoffen
auf weltliche Unsterblichkeit,
wenn eine Menge Körper wird.
Gedrehte Spiele sind die besten.
Zum weiteren erst bei Gelegenheit.









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