Namenlos beim FC Liefering

Der FC Liefering ist in Österreichs Erster Liga  in der letzten Saison mit einem dritten Platz recht erfolgreich angekommen, so dass dort somit zwar ein inoffizielles Farmteam des FC Red Bull Salzburg spielt aber keineswegs eine zweite Mannschaft des Getränkevereins. Der MSV Duisburg hat heute ein Testspiel gegen den Verein ausgetragen. Was ich sehr zu schätzen weiß, weil es mir Einblicke in die einsame Welt des modernen Fußballnomadentums brachte, als ich gerade im Ticker als Spielbericht las, wie der frühe Torreigen in dem mit einer 7:3-Niederlage endenden Spiel auf Lieferings Seite eröffnet wurde:

8. Minute: Der FC Liefering erzielt keine 120 Sekunden später den 1:1-Ausgleich. Der Torschütze, der aus der Entfernung draufhält und die Kugel oben links versenkt, bleibt unbekannt. Auch der Gegner konnte leider nicht sagen, wie die Nummer 39 heißt.

Für die Zukunft mehr Glück, liebe Nummer 39, vielleicht helfen dir ja deine Tore. Auf dass du nie mehr in einem Verein spielen musst, wo sich niemand deinen Namen merkt.

 

 

Abschied

Er kannte den Spielplan vom MSV Duisburg und wusste, wann ich ins Stadion ging. Viel sprachen wir aber nicht über die jeweiligen Spiele. Das war schon so, als er noch besser hörte.

“Und warst du in Duisburg? Im Stadion auch?”, fragte er dann wie immer viel zu laut.

Ich nickte, war manchmal zufrieden, beklagte schon mal ein schlechtes Spiel und gelegentlich endeten mitreißende 90 Minuten in drei, vier Worten.

“War klasse,” sagte ich dann etwa, “tolles Spiel.”

“Ich hab zu spät dran gedacht. Da war schon zweite Halbzeit. 1:0. Habe ich dann gesehen, im Teletext, weißt du? Da habe ich noch gedacht, ob das mal gut geht?”

Dann reichte er mir immer eine Zeitungsseite der WAZ mit den Berichten, die ich ohnehin schon gelesen hatte.

“Hier, habe ich mal rausgerissen. Vielleicht interessiert dich das ja noch? Kannst du mitnehmen.”

Ich nahm die Seite, eine weniger, die er nicht mehr abheften musste. Eine Seite Leben, das er an der richtigen Stelle wusste. Überall in den Räumen lagen die Zeitungsseiten gestapelt, lagen Ordner, befanden sich Kisten zum Vorordnen. Es gab große Kisten, in denen die Dinge endgültig verschwanden. Es gab kleine Kisten, die versetzt übereinander gestapelt waren.

Lange hatte ich nicht gewusst, dass ihn mehr als mein Interesse mit dem MSV Duisburg verband. Doch einmal hatte er irgendwann erzählt, wie sie mit Fahrrädern zu den Auswärtsspielen gefahren sind, in den 1950er Jahren, sogar einmal nach Münster. Ich war jung, als er mir das erzählte und ich verstand damals nicht, wo diese Begeisterung geblieben war. Vielleicht waren die sezierten Zeitungen aller Arten eine Antwort.

Gestern hätte er bestimmt gefragt, ob wir denn heute auch das Spiel uns ansehen würden. Wir hätten erzählt, wie immer kämen die Freunde zu uns und wir hofften, dass wir doch weiterkämen. Dann hätte er seinen Enkel angesehen.

„Und du, Tom, guckst du auch mit Freunden?”

Tom hätte genickt und wahrscheinlich hinzugefügt, wo genau wisse er aber noch nicht.

Er hätte seinen Enkel lächelnd angesehen und sich daran gefreut, zu hören, wie er seinen Tag verbringt.

“Und fahrt ihr auch in Urlaub? Wisst ihr schon wann?”

Sein Kalender hätte bereit gelegen, in dem er all die Termine eintrug, die ihn an unserem Leben teilnehmen ließen. Als letztes Datum steht in diesem Kalender “Abi-Ball Tom”. Er hat den Urlaub nicht mehr eintragen können. Er hat die Fragen nach dem Spiel heute Abend nicht mehr stellen können. Er hat den Abi-Ball nicht mehr erlebt.

Die Ordnung der ganzen Welt hat er doch nicht mehr hinbekommen. Warum soll es dann an einem Tag wie heute nicht auch noch regnen?

 

Jogis Jungs – Rausgeschmissen und doch weiter

Die Wirklichkeit ist manchmal ganz schön widersprüchlich, und die RTL 2 News schaffen es diese komplizierte Welt zusammen zu halten. Warum sich die Redaktion dann für technische Schwierigkeiten entschuldigt, ist mir schleierhaft. Wo hat denn die Technik versagt? Menschen haben uns doch nur gezeigt, was wir nicht erkannt haben – die Widersprüche dieser Welt. Dazu sind schließlich Medien da.

 

 

Wie Frankreich Deutschland im Viertelfinale aus der WM warf from Stefan Niggemeier on Vimeo. Der Dank für das Fundstück ist  Stefan Niggemeier gewiss.

Noch einmal: Refait – der Kurzfilmklassiker zu Frankreich gegen Deutschland

Für das Vorprogramm zum heutigen Viertelfinale der Fußballweltmeisterschaft 2014 Deutschland gegen Frankreich möchte ich auf einen Kurzfilm zurückgreifen, der 2010 entstand und den ich damals schon in diesen Räumen hier vorgestellt habe. Mit diesem Film geht es mir wie mit “Dinner for one” zu Silvester. Im Grunde gehört er vor jedem Spiel dieser beiden Mannschaft gezeigt. “Refait” heißt das zeitlose Werk, mit dem das Künstlerkollektiv Pied la Biche seinerzeit die letzten 15 Minuten des Halbfinales der Fußballweltmeisterschaft 1982 zwischen Deutschland und Frankreich so detailgetreu wie möglich in der französischen Stadtlandschaft von Villeurbanne nachstellte, während das durch die französische TV-Übertragung vermittelte Originalgeschehen im Splitsceen daneben gesetzt ist.

Dieses Elfmeterschießen gewann die deutsche Nationalmannschaft. Wenn künstlerische Ausdrucksmittel genutzt werden, um ein Geschehen der Vergangenheit zu bearbeiten, liegt die Vermutung nahe, dass dieses Geschehen in der Welt der schaffenden Künstler von besonderer Bedeutung ist. Vor vier Jahren habe ich darüber etwas länger nach gedacht. Neue Worte braucht das nicht. Wer daran interessiert ist, klicke einmal weiter zur Premiere von “Refait” in diesen Räumen hier. Et voilà  – auch wenn ich auf ein Elfmeterschießen heute Abend gut verzichten kann.

Quelle: Piedlabiche, Vimeo.

Blog Rot und Weiß fragt – Kees Jaratz antwortet

Der MSV Duisburg und Kickers Offenbach erlebten vor der Saison 2013/2014  dasselbe Schicksal. Für ihre jeweiligen Ligen erhielten die Vereine keine Lizenz. Fast hätten die beiden Vereine im letzten Jahr in einer Liga zusammengespielt, klingt für mich deshalb falsch. Dazu hätten die Kickers die Drittliga-Lizenz erhalten müssen. Wenn ich das denke, stellt sich sofort aber auch der Gedanke ein, wenn das passiert wäre, hätte auch der MSV Duisburg die Zweitliga-Lizenz erhalten. So wären sie doch in unterschiedlichen Ligen angetreten. Die Logik unter irrealen Bedingungen ist manchmal etwas kompliziert.

Ich komme drauf, weil mich vor einiger Zeit Markus Horn vom Blog Rot & Weiß zu seiner  Sommerpausen-Serie “Gästeblog” eingeladen hat, ein paar Fragen zu beantworten. Kickers Offenbach und immer mal wieder auch Benfica Lissabon gilt im Blog Rot & Weiß vornehmlich die Aufmerksamkeit. Die Einladung habe ich gerne angenommen und erzählte, wie der MSV in mein Leben kam, warum ich über den Verein schreibe, was darüber hinaus und was ich mit Kickers Offenbach verbinde.

Tatsächlich stellt sich ein spontanes Verhältnis zu den Kickers nur beim Nennen des Vereinsnamens ein, obwohl in meiner langen Zeit mit dem MSV beide Vereine gar nicht so häufig gegeneinander gespielt haben. Ein weiterer Beleg für die Wirkung früher Erfahrungen. Denn dieses Verhältnis wird begründet durch die frühen 1970er Jahre, als die Kickers zu den Gegnern gehörten, bei denen ich eigentlich immer auf einen Auswärtssieg hoffte. Bis heute geblieben ist das Gefühl der Enttäuschung. Anscheinend hat der MSV Duisburg nicht häufig dort auswärts gewonnen, trotz der von mir vermuteten Überlegenheit. Ich müsste die genauen Ergebnisse nachschauen.

Mit einem Klick weiter geht es zu den Fragen und Antworten im Fragen und Antworten im Blog Rot & Weiß.

Befreites Aufspielen von Per Mertesacker

Schon im Interview deutete sich das große Register von Per Mertesacker beim Umgang mit den Medien an. Gestern zeigte er noch ein selbstironisches Nachspiel bei Twitter. Sieht wie befreites Aufspielen nach der Interview-Pflicht aus.

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Quelle: twitter  @mertesacker

Was treibt der Mann mit Mikro am Spielfeldrand?

Meine Sympathie für Per Mertesackers Reaktion im Interview nach dem Länderspiel sollte heute morgen wohl deutlich geworden sein. Eigentlich habe ich gedacht, damit sei der Fall erledigt. Für mich ging es nicht um journalistische Prinzipien, sondern um misslingende Kommunikation. Der Zeitpunkt von Boris Büchlers Frage, ob man sich das Spiel anders vorgestellt hätte,  passte nicht. Mir fehlte vor der Frage nach den Fehlern der Blick auf das Erreichte. Gerade Menschen mit Mikros müssen sich der Kommunikationssituation sehr bewusst sein, wenn sie Antworten erhalten wollen. Jeder von uns kennt das: Man strengt sich für was an, kriegt es irgendwie noch geschafft und dann kommt jemand um die Ecke und bemängelt hier was und dort was. Was glaubst du eigentlich, was ich gerade gemacht habe, denkt man sich. Manchmal sagt man’s laut.

Erledigt ist nun nichts, weil mancheiner glaubt, Boris Büchlers Frage zur falschen Zeit sei ein eindrucksvoller Beweis für seine journalistische Kompetenz. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass manchem diese “kritische” Frage gefallen könnte. Journalistische Kompetenz erweist sich durch sie aber gerade nicht, auch dann nicht wenn Franz Lübberding ihn in der Frankurter Allgemeinen Zeitung für seine Frage sogar beglückwünscht.

Ich hoffe für beide, sie haben einfach nur nicht lange genug überlegt, was am Spielfeldrand nach einem Spiel überhaupt möglich ist. Wäre es anders, es wäre einmal mehr ein Ausdruck des Zynismus, der in dieser Branche manchmal vorhanden ist. Andererseits erinnere ich mich an ein Zeitungsinterview mit dem ZDF-Mann Büchler, bei dem ihm die Grenzen seiner Tätigkeit sehr klar waren. Emotionen einfangen, darum könne es nur gehen, sagte er sinngemäß.

Was hier also abgefeiert wird, ist einfach ein Herauskitzeln von Emotionen. Das ist Boulevardjournalismus, und bei Taff, Brisant und Bunte wird doch niemand als politischer Journalist angesehen, nur weil er beim Bundespresseball tanzende Polit-Paare betextet.  Wer diese Frage von Boris Büchler für vorbildhaften Sportjournalismus hält, kann jeden Fan-Reporter ins öffentlich-rechtliche Programm hieven.  Was Boris Büchler macht, machen hunderttausende Stadionbesucher nach jedem Spiel. Meist geschieht das stellvertretend in der Runde, mit der man das Spiel besucht. Je tiefer die Liga, desto öfter können Fans sogar den Spielern  selbst die Frage stellen. Meist erhalten sie Antworten, auch wenn sie fragen, wieso es schlecht gelaufen ist. Das hat einen einzigen Grund.  So ein Fan wird dem Spieler nicht das Gefühl geben, er komme mit seiner Frage in einem höheren Auftrag, der Journalismus heißt. Den Fan-Sonderfall, dauerhafte Unzufriedenheit nach Nichterreichen des sportlichen Ziels, lasse ich mal außen vor.

Noch einmal: Boris Büchler mag irgendwo seriöser Sportjournalist sein, am Spielfeldrand ist er ein Boulevardjournalist, und der Nachweis von journalistischer Distanz zur deutschen Nationalmannschaft ist nur eine von vielen journalistischen Tugenden. Eine andere ist die zu wissen, mit welchen Grenzen ich umgehe, wenn ich arbeite. Diese Tugend hat gestern eindeutig gefehlt.  Eines wird beim Abfeiern von Boris Büchler doch vollkommen übersehen. Per Mertesacker hat sich  nicht gegen Kritik gewehrt. Er hat nur den Zeitpunkt unpassend gefunden. Es kann am Spielfeldrand nach einem Spiel nur um emotionale Eindrücke gehen, und dabei gilt, die Situation gibt vor, was möglich ist. Ich frage keine Trauernden als erstes nach dem lustigsten Missgeschick des Verstorbenen. Ich frage keine Hochzeitsfeiernden als erstes, wieso sie sich vor einer Woche noch so heftig gestritten haben. Wenn jemand ernsthaft an solchen Antworten interessiert ist, muss er Umwege gehen.

Und nicht vergessen, wir reden nur vom gestern schlechten Boulevardjournalisten Boris Büchler. Fundierte Kritik zur Spielweise gelingt nur mit Abstand. Und selbst die müsste mir mehr erzählen als das, was ich selbst sehe. Sie könnte mich zum Beispiel noch einmal an das grundlegende Spannungsverhältnis dieses Fußballsports erinnern: Ein schönes Spiel führt nicht automatisch zum Sieg. Davon lebt dieser Sport. Dieses Interview von Boris Büchler mit Per Mertesacker war für mich kein guter Journalismus, egal welcher Form. Dieses Interview von Boris Büchler war die Simulation von kritischer Haltung. Mehr nicht. Reicht manchmal für Beifall. Nicht bei mir.

 


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