Der abwesende Fußball bestimmt das Leben von Horace Wimp

In meiner Jugend gehörte das Electric Light Orchestra nicht gerade zu meinen bevorzugten Bands, auch wenn man schon Anfang der 1970er Jahre als Hörer der  Diskothek im WDR mit Mal Sondock wegen ihres  Chuck-Berry-Covers Roll over Beethoven nicht an ihnen vorbeikam. Dazu muss man wissen, damals gab es noch eine für alle Pop- und Rockmusikstücke wirksame Vergänglichkeit. Jeder Hit, der ein Jahr zuvor herausgekommen war, begann in eine namenlose Übergangszeit von unbestimmter Dauer einzutreten, um schließlich in der Sphäre der “Oldies” anzukommen. Dort war das Alte, hier war das immer Neue. Deshalb konnte in einer wöchentlichen Rubrik der Diskothek im WDR an das Alte erinnert werden. In einer Endlosschleife wurden die Künstler alphabetisch abgearbeitet und die Oldies der Woche gewählt.

Kam der Buchsstabe “B” an die Reihe, war unweigerlich Chuck Berrys Roll over Beethoven zu hören, und der Verweis auf die Aufnahme des Electric Light Orchestra blieb nicht aus. Ich weiß es nicht, aber vielleicht gab es ab 1975 herum irgendwann sogar eine Zeit, in der beide Fassungen in die Oldies-der-Woche-Liste gewählt wurden. Nach dem ersten Hit mit dem Chuck-Berry-Cover entwickelte sich die Musik des Electric Light Orchestera in eine andere Richtung. Die Rockeinflüsse und Experimentelles gingen zurück, die Melodien wurden eingängiger und populärer. Meinen Geschmack trafen sie immer noch nicht. Ein Song aber sprang mir dennoch irgendwann in die Ohren: The diary of Horace Wimp.

Weder wusste ich damals, dass Fußball den Text dieses Songs bestimmt, noch machte ich mir Gedanken über den Grund für meine besondere Aufmerksamkeit. Heute erfahre ich, der musikalische Laie,  es gab gute Gründe, warum ich den Song mochte. ELO-Kopf Jeff Lynne variierte mit diesem Song den Beatles-Klassiker A Day in the life  - hier bei youtube - und präsentierte mir damit eines meiner Lieblingsstücke der Beatles in neuem Gewand.

Und nun zum Fußball, der im Song abwesend ist und doch das Leben von Horace Wimp bestimmt. Jeff Lynne nimmt den Verlauf einer Woche, um zu erzählen, wie aus einem einsamen Menschen, der noch nie eine Freundin hatte, ein glücklicher Bräutigam wird. An jedem Wochentag  geschieht etwas neues, mit dem wir Horaces Wimps Leben etwas näher kennnenlernen. Nur was er samstags macht, erfahren wir nicht. Als der Song 1979 erschien, wurde kein TV-Programm täglich mit der Unterhaltungsware Fußball bestückt. Es gab einen einzigen Spieltag, und das war der Samstag. Jeder Fan eines Fußballvereins weiß, dass wenigstens so ein Fußball-Samstag  die Tristesse des Alltags erträglich macht.

Deshalb schreibt der Fan von Birmingham City Jeff Lynne nichts darüber, was Horace Wimp am Samstag erlebt. Das liegt auf der Hand. Auch Horace Wimp sieht samstags ein Fußballspiel und kann dann sonntags um so zufriedener heiraten. Lassen wir es offen, ob Jeff Lynne das beim Schreiben schon im Kopf gehabt hat. Seine spätere Erklärung ist jedenfalls eine schöne Geschichte.

Ein großer Hit wurde The diary of Horace Wimp für ELO nicht. Richtig erfolgreich wurde erst die Varitation der Variation: Mister Blue Sky.

Keine Affäre! Darauf einen Weinbegleiter

Manchmal geht es mir mit dem, was mir im Alltag begegnet, wie einem Naturforscher bei der Feldforschung. Der findet auch unscheinbare Pflanzen am Wegrand, freut sich und weiß dann nicht genau, was er mit der Beobachtung anstellen soll, außer dass er sie einem Kollegen beim Bier erzählt. Einfach damit die Pflanze gedanklich erstmal abgelegt ist. “Schmadke ermittelt” ist meine Pflanze der Woche. So titelte der Kölner Stadt-Anzeiger am Montag, weil der FC-Spieler Dominic Maroh nach dem Spiel gegen den SC Paderborn zu einer von Anthony Ujah vergebenen Chance gesagt hat: “Den ersten muss Tony schon machen”. Die Zeitung berichtet weiter, ähnliches habe der Abwehrchef auch über eine Chance des Kapitäns Miso Brecko gesagt.

Das Mannschaftsklima-Frühwarnsystem in Köln schlug daraufhin an und setzte ein von Jörg Schmadke geleitetes Sondereinsatzkommando in Bewegung. Es musste geprüft werden, ob diese Stellungnahmen, so die Zeitung, “bereits den Tatbestand der Kollegenschelte erfüllt”. Jörg Schmadke hat also mit Dominic Maroh gesprochen. Am Mittwoch verkündete der Stadt-Anzeiger, die Gespräche hätten ergeben, nichts Strafwürdiges sei vorgefallen. Jörg Schmadke hatte den FC-Trainer Peter Stöger zum Gespräch dazu gebeten. Wie muss man sich so ein Gespräch wohl vorstellen? Das hat jedenfalls großes komisches Potenzial, wenn drei Männer sich einen Interviewsatz vornehmen und ihn interpretieren. Ich sehe in der Ferne zukünftige Arbeitsplätze für Kommunikationswissenschaftler und Linguisten. An dem Punkt hefte ich das Ganze ab unter Wiedervorlage.

Eine weitere Beobachtung ist festzuhalten. Anscheinend gilt Ralf Rothmann mit seiner Fußballkurzgeschichte “Erleuchtung durch Fußball” in diesem Schuljahr als Literaturbeispiel für das Thema Interpretation im Deutschunterricht. Seit einiger Zeit führt Google jedenfalls die Leute auf der Suche nach Interpretationen dieser Geschichte zu mir, weil ich sie vor geraumer Zeit mal genutzt habe, um über die Denksportaufgabe Interpretation des Deutschunterrichts zu schimpfen. Bedeutung steht in großen Lettern über solchen Kurzgeschichten, was sie mir per se suspekt macht. Der Fußball der Wirklichkeit diente mir als Argument für das Misslingen der Kurzgeschichte. Was für die Schüler im Deutschunterricht wahrscheinlich kein Thema ist. Dafür schreibt Ralf Rothmann aber gute Romane.

Und als letztes: Wie stellt ihr euch einen Weinbegleiter vor? Das ist keine Eskorte in Nobelrestaurants für besonders teuren Wein. Es ist ein wunderbares Wort für schnödes Wasser. Das weiß ich erst seit dem letzten Wochenende, als beim Geburtstagsessen meiner Mutter eine Flasche Selters auf dem Tisch stand, die mehr sein sollte als Trinkwasser. Dieses Aufsteigerdenken kam einer Hochschule zu Gute, die beim Herbeischaffen von Drittmitteln für die Forschung einen Auftrag von Selters ans Land ziehen konnte. Selters ist nun nicht nur einfacher Weinbegleiter, Selters ist zertifizierter Weinbegleiter.  Jesus light.  Da gibt es welche, die Wasser zwar nicht in Wein aber so doch in Weinbegleiter verwandeln können.

Übrigens: Weil in Liga 3 jeder jeden schlagen kann, sind drei Punkte gegen Unterhaching gut möglich. Was wäre das gut.

Defensivstark, in der Abwehr stark und vor allem abschlusssicher

So ein Spiel  wie den 2:0-Sieg am Samstag gegen die Stuttgarter Kickers hat es für den MSV Duisburg schon lange nicht mehr gegeben – ein Spiel, um dessen Deutung gerungen wird, weniger auf Seiten des MSV Duisburg als bei den Stuttgartern. Ein Sieg, bei dem mehr oder weniger offen versucht wird, ihn zu entwerten, selbst wenn die Zuschreibung “unverdient” meist vermieden wird. Eines aber, liebe Stuttgarter, kann ich euch sagen, als beleidigte Miesepeter sind erst wenige Menschen dauerhaft erfolgreich gewesen. Wenn ihr weiter oben mitspielen wollt, würde ich ganz schnell jegliches Verklären der eigenen Spielweise aufgeben, ich würde nicht dem siegreichen Gegner dessen Spielweise ankreiden und ziemlich betriebsblind im Spielbericht auf der eigenen Seite eine Überlegenheit herbeifantasieren, die flugs in die nächste Niederlage münden wird. Ich würde mich etwa auch an die erste Halbzeit nach dem Führungstor des MSV erinnern, in der ich das als Vorwurf im Raum stehende Hinten-Reinstellen nicht gesehen habe.

Die erste Stellungnahme von Horst Steffen hatte auch noch ganz anders geklungen. Er hatte sehr wohl die Unzulänglichkeiten der eigenen Mannschaft gesehen. In seinen Worten klang an, dass dieses Spiel bestimmt wurde durch die jeweiligen Möglichkeiten der Mannschaften kombiniert mit einer glücklichen Fügung. Im Spiel war schnell offensichtlich geworden, warum Gino Lettieri in der Pressekonferenz vor dem Spiel in dreimaliger Wiederholung auf die Spielstärke der Kickers hinwies. Die Stuttgarter kombinierten schnell und verfügten zunächst vor allem auf dem linken Flügel über zwei technisch versierte Spieler, die für viel Unruhe in der Defensive der Zebras sorgten. Dennoch erspielte sich die Mannschaft keine gefährliche Torchance, und das war schon in der ersten Halbzeit so, als sich der MSV Duisburg keineswegs ganz zurück gezogen hatte.

Kurioserweise habe ich das Spiel im Gegensatz zum letzten Spiel gegen Osnabrück nahezu entspannt erlebt. Ich fürchtete nicht um die Führung, obwohl die Stuttgarters Kickers unbeeindruckt von der 2:0-Führung des MSV weiter ihr Spiel durchzogen. Ich konnte nicht erkennen, wie diese Mannschaft in den Strafraum dringen wollte. Zumindest an diesem Tag fehlte den Stuttgartern der entscheidende Zug Richtung Tor. Und hier beginnt die Deutung des Spiels. Denn der MSV Duisburg benötigte allenfalls für das erste Tor Glück, für den Sieg selbst auf keinen Fall. Beide Mannschaften spielten auf Augenhöhe mit unterschiedlichen Ansätzen für die Spielweise. So etwas liegt im Wesen des Fußballs, was in Stuttgart aus Enttäuschung anscheinend aus dem Blick geraten ist. Mit dem Ungleichgewicht der spielerischen Möglichkeiten in der Bundesliga und der Konzentration des Fußballs der Gegenwart auf die eine erfolgreiche Spielweise ist vielleicht vergessen worden, dass ein Mannschaftswettbewerb eigentlich auch ein Wettstreit um die geeignete Taktik ist. Und so eine Taktik ergibt sich aus dem Abwägen der spielerischen Möglichkeiten beider Seiten. Der MSV Duisburg lag in dem Wettstreit um die bessere Taktik in diesem Spiel im Vorteil, weil Michael Gardawski schon früh sein wunderbares Tor erzielte.

Gehörte Michael Gardawski nicht eigentlich auch zu den Spielern, die die Dokumentation über die “Meidericher Vizemeister” gesehen haben? Anscheinend hat er vergessen, welche Geschichte “Hennes” Sabath über ein ähnlich erzieltes Tor erzählte. Vielleicht sollte er sich noch einmal mit ihm unterhalten, wie man aus der Geschichte einer verunglückten Flanke die eines technisch vollendet geschossenen Tores macht. Kevin Wolze kann ich mir in 40 Jahren dann gut als Werner Lotz vorstellen, der die ganze Wahrheit über dieses Tor enthüllt.

Nach diesem ersten Tor zog sich der MSV eben keineswegs sofort zurück. Für etwa 15 Minuten gerieten die Stuttgarter unter Druck. Ihre Angriffsbemühungen wurden im Keim erstickt. Zwei-, dreimal dachte ich, vielleicht kann ich demnächst einmal von Powerplay schreiben. Dann beruhigte sich das Spiel wieder, und gerade dann fiel erneut ein Tor. Rolf Feltscher traf per Kopf nach einer Eckballkombination. Abseits stand er wohl ganz knapp. Manchmal werden solche Tore auch gegeben. Noch einmal geht mir durch den Kopf, liebe Stuttgarter, ich würde eigentlich zufrieden sein, dass die Niederlage nicht noch höher ausgefallen ist.

Zum Wesen dieses Spiels gehört, dass die Tore überraschend fielen und schön anzusehen waren. Zu Beginn der zweiten Halbzeit fiel das 2:0 durch einen Weitschuss von Dennis Grote nach einer abgewehrten Ecke. Völlig frei stehend hatte er Zeit, um technisch perfekt aus etwa 20 Metern den Ball in den Winkel zu setzen. Warum sollte der MSV Duisburg nach dieser Führung mit zwei Toren nicht defensiv agieren? Zumal es den Stuttgarter Kickers eben nicht gelang, dauerhaften Druck auf das Tor des MSV Duisburg zu entwickeln. Sie hätten Glück gebraucht. Das Glück hatten sie nicht. So ist das Leben, liebe Stuttgarter, wer etwas erreichen will, muss auf andere Weise handeln, als der, der seinem Ziel schon nahe ist. Anstrengend sind beide Vorgehensweisen gleichermaßen, das habt ihr bei all eurem Klagen über die Niederlage vergessen. Wie gesagt, ihr klingt irgendwie beleidigt, dort in Stuttgart. Tut mir leid, das kann ich nicht verstehen.

Die PK nach dem Spiel sowie die Stimmen von Michael Ratajczak und Dennis Grote

Spielstark, spielerisch stark und vor allem spielstark

Die Wiederholung kombiniert mit großer Ernsthaftigkeit beim wiederholten Tun ist eine Handwerksgrundlage  in Komik-Werkstätten. Gino Lettieri und Zlatko Janjic zeigen am Anfang der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Stuttgarter Kickers, dass dieses Mittel in jeglichen Zusammenhängen wirkt. Alleine an Janjics Dialog wäre in einem Drehbuch noch gefeilt worden. Sein Verweis auf die Vorrede von Lettieri hätte auf jeden Fall gestrichen werden müssen.

Nicht dass ihr mich missversteht: Gerade wegen solcher Sequenzen mag ich die Pressekonferenzen mit Gino Lettieri. Er wirkt nicht leicht bei diesem Teil seiner Arbeit. Wenn ich ihm zuhöre, meine ich manchmal für kurze Zeit, dass es beim Fußball tatsächlich um nichts anderes als Fußball geht. Einen Eindruck, den ich mit diesem Post natürlich ad absurdum führe.

So, und nun: was zeichnet die Stuttgarter Kickers noch einmal aus? Ab 0.16′.

Plaudereien nach dem Pflichtsieg

Seht es mir nach, ich muss mich mal mit einer wenig zielgerichteten Plauderei ablenken. Seit dem letzten Samstag schwirrt mir nämlich  immer mal wieder dieses Wort “Spitzenspiel” im Kopf herum. Mir ist das unheimlich. Das “Spitzenspiel” hatte ich vollkommen aus meinem Sprachschatz gestrichen. Es gab für mich in den letzten Jahren niemals Spitzenspiele, egal von welchem Tabellenstand aus der MSV Duisburg gerade an Platz vier kratzte. Es gab immer nur Spiele, nach denen vielleicht noch einmal demnächst wieder ein Spiel beginnen könnte, das dann mit großer Vorsicht Spitzenspiel hätte genannt werden können. Aber auch nur falls dieses und auch jenes Spiel gewonnen würden, während zugleich drei andere Vereine verlieren. Da ist es doch kein Wunder, dass ich heute rätsel, ob “Spitzen” nicht doch mit Doppel-z geschrieben wird.

Aber wenn der MSV Duisburg am Samstag gegen die Stuttgarter Kickers spielt? Also, der Tabellenführer kommt zu einer Mannschaft, und nun wird mir etwas mulmig, wenn ich das schreibe, der Tabellenführer kommt zu einer Mannschaft, die erst einmal in dieser Saison verloren hat. Das fühlte sich bis Samstag nur nicht so an wie ein kontinuierlicher Erfolgsweg. Aber seitdem ist mir unheimlich. Ich kann nichts dagegen machen, dass mir dieses blöde Wort ständig in den Sinn kommt. Deshalb wird der Niederrheinpokal nun wieder in die richtige Dimension gerückt. Championsleague kann jeder, aber Niederrheinpokal mit Sicherheit auch und für eine Saison habe ich auch großen Spaß daran gehabt, mich an den kleinen Dingen des Lebens zu freuen. Es führt aber kein Weg an der Einsicht vorbei, in dieser Saison reicht mir das nicht. Im Gegensatz zu den Jahren in Liga 2 will ich mich nicht mit irgendeiner Platzierung am Ende Saison begnügen. Es gibt genau zwei Tabellenplätze, mit denen ich am Ende zufrieden bin.  So denke ich kaum an das Weiterkommen im Niederrheinpokal und viel an den kommenden Samstag.

Da bin ich dann froh, dass mich in den letzten Tagen mal wieder Anfragen zu Werbekooperationen von diesen mir unheimlichen Gedanken ablenkten. Grundsätzlich bin ich solchen Anfragen gegenüber nicht abgeneigt. Ich verdiene mit Schreiben mein Geld, warum also nicht auch mit dem Schreiben im eigenen Medium Geld verdienen? Ich verfolge das nicht offensiv, aber wenn mal einer fragt, lasse ich mir gerne konkrete Vorschläge unterbreiten. Adam hatte jedenfalls für seine Firma, die Becher mit Deckel verkauft, eine, wie sich später rausstellte, lustige Idee. Seine Firma nennt ihre Becher mit Deckel  “Shaker Cup”, was zugegebnermaßen kürzer ist und vielleicht unbedingt notwendig, weil nur in einem “Shaker Cup” allerlei Nahrungsergänzungsmittel mit Wasser so gemischt werden können, dass sie leistungssteigernd wirken. Ich kenne mich da nicht so aus.

Dagegen gefiel es mir gut, wie Adam von den regelmäßigen Lesern hier als meiner “community” schrieb.  Diese englische Gemeinschaft klingt doch nach Beständigkeit und Zusammenhalt, und dieses besitzanzeigende Fürwort kitzelte meine väterlichen Gefühle. Als Sektenführer hatte ich mich bislang zwar noch nicht gesehen, aber dieses Social-Media-Gedöns ist ausbaufähig. Menschen suchen in diesen unübersichtlichen Zeiten schließlich Orientierung, und wenn es nur die Kaufempfehlung für einen “shaker cup” ist. Wie immer möchte der Sektenführer an so was aber Geld verdienen.

Doch nach einem ersten Mail-Wechsel zeigte sich, Adam wollte bei mir keine Werbung schalten, schon gar nicht sollte ich sie als Werbung kennzeichnen. Er wollte mich zu einer Art Online-Tupperparty-Verkäufer machen und  das Ganze nur anders nennen. Die schöne  gefühlige Welt der Netz-Unternehmen war endlich auch bei mir angekommen. Bislang musst ich punkto Werbung mir nur die Frage beantworten, wieviel Wert ich einem Werbeplatz im Blog zumesse. Nun aber ging es in erster Linie nicht ums Geld, es ging um mein Wohlgefühl, und fürsorglich wie Adam war, überließ er mir aus genau diesem Grund alle Freiheiten.

2014-09_shaker-mail

Ich war im ersten Moment natürlich überaus dankbar, dass ich dieses Shaker-Zeug nicht kaufen musste, um darüber zu schreiben. Als ich dann aber in mich ging und meinen Gefühlen intensiv nachspürte, um herauszufinden, wann ich mich besonders wohl fühlte, erspürte ich eine für Adam bittere Wahrheit. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich für die Arbeit, die ich im Auftrag anderer leiste, auch bezahlt werde. Deshalb machte ich ihm einen Kostenvoranschlag für PR-Arbeit. Seitdem ich ihm das geschrieben habe, hat sich Adam nicht mehr gemeldet. Ich hätte doch eine Provision bekommen für jeden über diese Seite verkauften Becher mit Deckel. Er hat es gut mit mir gemeint, und ich habe ihn wohl enttäuscht. Ich hoffe nur, ihr als meine community bleibt mir erhalten, weil ich zugleich auch euch enttäusche. Wegen meiner egoistischen Forderung nach Bezahlung für geleistete Arbeit müsst ihr nun auf einen Discount von 20 Prozent beim Kauf dieses Shaker-Zeugs verzichten.

Kann ich das mit einem artistisch erzielten Basketballkorb im Viertelfinale der Basketball-WM zwischen Frankreich und Spanien wieder gut machen? Spanien hat das Spiel übrigens dennoch verloren. Es fielen wenige Körbe in diesem europäischen Spitzenspiel. Beide Mannschaften spielten defensiv sehr gut. Irgendwie führt alles, was ich schreibe doch wieder zurück zum nächsten Samstag. Spitzenspiel keine Frage, auch wenn es mir unheimlich ist.

 

Ein Sieg ohne Wenn, Dann und Aber

Bislang weiß ich nicht, wieso der MSV Duisburg im Spiel gegen den VfL Osnabrück in Auswärtstrikots gespielt hat. Wenn ich recht überlege, möchte ich eigentlich nur einen Grund hören: Die Mannschaftsbetreuer des VfL waren so schusselig und haben sich beim Griff zum Trikotsatz vertan, die Auswärtstrikots zu heiß gewaschen oder ähnliche auswärtstrikotverhindernde Dinge getan. Dann hätte die 3:0-Niederlage vom Samstag auch eine moralische Seite, und sie könnte erzieherisch wirken. Eine Mannschaft, die sich anmaßt im  Zebraimitat  dort aufzulaufen, wo echte Zebras zu Hause sind, wird unweigerlich verlieren. Das klingt doch besser, als wenn ich von einem Zeichen des Aberglaubens beim MSV Duisburg ausgehe. Endlich mit  jenen Trikots der Saison auch zu Hause schaffen, was auswärts schon gelang? So früh schon in der Saison bei den sportlich Aktiven der Geist von Peter Neururer? Man musste ja zu Spielbeginn fürchten, die vielen schottischen Fans bei uns in der Kurve könnten zur falschen Mannschaft halten.

Diese Sorge wurde uns schnell genommen. Wer in der Heimkurve steht, hält zur richtigen Mannschaft. Auch die Schotten bangten in der ersten Halbzeit bei zwei, drei Angriffen des VfL, auch wenn es dabei aus dem Spiel heraus nur ansatzweise bedrohlich für Michael Ratajczak wurde. Gefährlicher wirkten die Osnabrücker Eckstöße. Das Spiel war zunächst ausgeglichen, und auch der MSV Duisburg erarbeitete sich Torchancen. Ein Pfostenschuss von Michael Gardawski wurde sogar zur größten Möglichkeit des Spiels.

Die Atmosphäre auf dem Spielfeld war von der ersten Minute an hitziger als in anderen Spielen, und der Schiedsrichter Robert Kampka fand keine vernüftige Linie, um diese Grundaggressivität der Spieler ins Fußballerische zu kanalisieren. Er setzte auf die einfachen Pfiffe jeglichen Körperkontakts und der taktischen Fouls. Woraus die Spieler den verständlichen Schluss zogen, sich öfter als sonst fallen zu lassen. Uns nervte das zusehends, und der Schiedsrichter kann sich glücklich schätzen, dass der MSV Duisburg ihn mit dem Sieg vor dem Unmut der Zuschauer bewahrt hat.

Trotz der frühen verletzungsbedingten Auswechselung von Steffen Bohl begann ich allmählich auf ein Tor zu hoffen, weil die Zebras für mich etwas besser kombinierten als ihr lilaweißes Imitat. Auch die gefährlichen Eckstöße der Osnabrücker wurden sicherer abgewehrt. Zudem fügte sich Kevin Scheidhauer ins Spiel der Mannschaft bruchlos ein. Immer wieder mal war seine Dynamik zu erkennen, gab es einen Antritt, ohne dass er den Ball erhielt. Aber wir sind ja gewohnt uns die Möglichkeiten auszumalen. Wenn, dann – das Leidmotiv eines Fanlebens.

Doch diese Sprints von Kevin Scheidhauer waren tatsächlich Probeläufe für die Premiere in der 44. Minute, sein erstes Tor für den MSV Duisburg gleich im ersten Spiel. Im Fünfmeterraum stand er dort, wo ein Stürmer stehen muss, wenn über den linken Flügel so gespielt wird, wie es besser nicht gelingen kann. Ein steiler Pass von Zlatko Janjic auf den nach innen ziehenden Sascha Dum, der an der Torauslinie mit dem Ball weiter Richtung Strafraum zog und flach hineingab. Wenn der Durchbruch über den Flügel gelingt, dann ist innen Kevin Scheidhauer zur Stelle. Das war die Wirklichkeit!

So einer 1:0-Halbzeitführung vertraut kein MSV-Anhänger bei normalem Verstand, selbst wenn ein Gegner wie der VfL Osnabrück keinen zusätzlichen Druck entfalten kann und nur weiter spielt wie bis dahin. Misstrauisch beäugten wir daher das Geschehen zu Beginn der zweiten Halbzeit. Eigentlich schien es so, als wolle der MSV dieses Spiel tatsächlich gewinnen. Ich dagegen war mehr damit beschäftigt, mir auszumalen, wie ich den möglichen Ausgleich mit meinen Hoffnungen auf das Unaussprechliche vereinbaren könnte. Irgendwie war mir das Hier und Jetzt abhanden gekommen, und ich bin froh, dass es den Spielern nicht so ging. Die waren ganz und gar im Hier und Jetzt, machten klar, wir bleiben torgefährlich und dämmten so die Angriffsbemühungen des VfL ein.

Ein wenig mehr Sicherheit brachte mir das Kopfballtor von Sascha Dum nach einem Eckstoß in der 66. Minute. Nun begann ich zu rechnen, ab wann ein Anschlusstor allenfalls noch zum Unentschieden reichen würde. Doch erstaunlicherweise fiel dieses Anschlusstor nicht. Natürlich war das eigentlich nicht erstaunlich, weil die Osnabrücker weder aus dem Spiel heraus dem Duisburger Tor nahe kamen, noch dass ihre Eck- und Freistöße weiter torgefährlich waren. Aber ein MSV-Anhänger bei normalem Verstand und einer 2:0-Führung, siehe oben. Die Osnabrücker wirkten schließlich nicht so, als hätten sie aufgegeben, selbst wenn die Räume für Konter deshalb größer waren. So ein Konter führte mein Denken und die Gegenwart des Fußballspiels schließlich wieder endgültig zusammen. Nico Klotz erzielte das 3:0, und diese Führung in der 84. Minute gegen eine Mannschaft wie den VfL Osnabrück brauchte keine Planspiele mehr, wie das Ergebnis mit der Hoffnung auf das Unaussprechliche zusammenpassen könnte. Das passte ohne Wenn, Dann und Aber.

 

Hätte Rilke nur mal Fußball gespielt

Wäre Rainer Maria Rilke in Deutschland geboren, gehörte er mit seinem Geburtsjahrgang 1875 und der bürgerlichen Herkunft eigentlich noch jenen ersten zwei Generationen deutscher Fußballer an, die mit ihrem damals in Deutschland neuen Sport auch die militärisch geprägte turnerische Körperertüchtigung der Eltern hinter sich lassen wollten. Doch er war Österreicher und statt mit Fußball gegen die Welt der Eltern zu rebellieren ging er andere, ebenfalls nicht gern gesehene Wege, die ihn 1902 in den Pariser Jardins des Plantes führten.

Wie es seine Art war, hat er darüber erst einmal ein paar Gedichte geschrieben. Der Panther ist eins davon, was nur denjenigen überrascht, der französisch spricht und Tiere in einem Botanischen Garten nicht vermutet. Es gab dort aber eine Menagerie vor der Eröffnung des Pariser Zoos. Hätte Rainer Maria Rilke doch mal Fußball gespielt, dann gäbe es heute einige Sportgedichte mehr unter den Evergreens der deutschen Lyrik. Hat er aber nicht. Bleibt mir also nichts anderes übrig, als sein Werk zu erweitern.

Der Torwart
Im Wedaustadion, Duisburg

Sein Blick ist von den zig platzierten Bällen
so wach geworden, dass er alles hält.
Ihm ist, als sind es Tausend-Bälle-Wellen,
da vor ihm niemand mehr die Stürmer stellt.

Doch wächst sein Körper, wenn die Stürmer kommen,
bis er die Wand ist, die das Tor versperrt.
Nur ihm scheint nicht der Siegestraum genommen,
wenn er sogar im Halbfeld Pässe klärt.

Doch oftmals hält kein noch so großer Wille
das Schicksal auf -. Dann rollt ein Ball hinein
ins Tor zum Netz. Im Stadion herrscht Stille. -
Den schrillen Abseitspfiff hört er allein.

 

 


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