Die schlechte Düsseldorfer Kopie

Der im November letzten Jahres verstorbene, langjährige Präsident vom SC Freiburg Achim Stocker konnte sich die Spiele seines Vereins schon früh im Leben nicht mehr ansehen. Die Aufregungen bei so einem Spiel hätte sein Herz nicht verkraften können. Gestern, als ich mich vom Spiel des MSV Duisburg gegen Fortuna Düsseldorf zwanzig Minuten vor Spielende abwenden musste, um noch rechtzeitig bei der Geburtstagsfeier zu erscheinen, habe ich noch etwa eine Stunde einen anhaltenden leichten Schmerz im linken Brustkorb gefühlt. Ich werde das beobachten und hoffe das war nur die Folge dessen, dass ich all die durch Enttäuschung und Ohnmacht ausgeschütteten Stresshormone nicht wie gewohnt durch Bewegung abbauen konnte.

Ich hoffe, diese zum ersten Mal auftretenden körperlichen Beschwerden hängen einfach nur mit diesem fast reglosen Starren auf den PC-Bildschirm zusammen. Ruckelnde Bilder, die dieses Mal ohne Ton daher kamen und merkwürdig verwaschen waren, das ist nur auszuhalten, wenn der MSV Duisburg einigermaßen mit im Spiel ist. Diese ohnmächtige Hilflosigkeit der Mannschaft im Sitzen mit anzusehen, ist unmöglich. Da fühle ich zu sehr mit und diese Ohnmacht überträgt sich auf mich. Der Mensch benötigt das Gefühl handlungsfähig zu sein, sonst wird er krank.

Ich sah tatsächlich eine schlechte Kopie der ersten Halbzeit gegen den FC St. Pauli. Ein früher Fehler, das erste Tor des Gegners und das Spiel nach vorne findet nicht statt. Stattdessen sehen sich die Mittelfeldspieler des MSV immer drei, vier Gegenspielern gegenüber, die früh den Ball erobern. Danach rollt der Angriff des Gegners auf einstudierten Laufwegen. Fast immer über die Außenbahnen getrieben, landet der Ball sehr schnell in der Spitze. Jede Balleroberung birgt so die Möglichkeit für die Fortuna, gefährlich vor das Tor des MSV zu kommen. Dann wird in der Abwehr den Stürmern zudem viel Raum gelassen. So gewinnen die Spieler des Gegners weiter Mut und versuchen immer frecher auch im eins gegen eins den Gegenspieler auszuspielen. Irgendwann fällt durch so einen Alleingang das 2:0. Ein paar Minuten bis zur Pause bleiben noch. Ob nun ein leichtes Aufbäumen beim MSV Duisburg spürbar wird oder der Gegner es ein wenig gemächlicher angeht, das ist egal, tatsächlich gelingt es dem MSV sogar vor das Tor der Fortuna zu kommen. Doch die Hilflosigkeit hat sich nun einfach in den Strafraum des Gegners verlagert.

In der Halbzeitpause wird natürlich ausgewechselt. Zu Beginn der zweiten Halbzeit ist zu sehen, der MSV findet nun zwar besser in das Spiel, doch nach ein paar Minuten bin ich mir sicher, das spielerische Vermögen alleine wird nicht ausreichen, um den Anschlusstreffen zu erzielen. Auch darin war das Spiel eine schlechtere Kopie des letzten Heimspiels. Letzte Woche wurde tatsächlich auch das spielerische Können dieser Mannschaft wieder sichtbar. Gestern hätte nur der Zufall geholfen – zumindest in den siebzig Minuten, die ich gesehen habe. Einzelne Spieler gesondert zu kritisieren hilft meiner Meinung nach nicht weiter. Natürlich gibt es auch auf diesem Leistungsniveau noch Unterschiede bei dem, was die einzelnen Spieler gezeigt haben. Doch alle Spieler tragen dazu bei, dass diese Mannschaft sich ihrer Leistung als Ganzes nicht sicher genug ist, um einem entschlossenen Gegner entgegenzutreten.

Einen Spieler will ich aber doch noch herausheben: Christian Tiffert. Schon in der letzten Saison zeichnete er sich nicht nur auf dem Spielfeld durch seine Leistungen aus, sondern auch vor dem Mikrofon war er einer der klügsten und ehrlichsten Interviewpartner.  Das setzt sich in dieser Saison fort. Pointiert und fundiert antwortet er auf jede Frage und mutet der Mannschaft und den Fans Wahrheit zu.  Gegenüber Marco Röhling von Radio DU bringt er im Interview nach dem Spiel nicht nur die Leistung gegen Düsseldorf auf den Punkt sondern spricht aus, warum wir uns fast kein Spiel des MSV Duisburg entspannt ansehen können: “Es ist eigentlich für viele Mannschaften relativ einfach gegen uns zu spielen, weil manchmal muss man nur planlos nach vorne schlagen und es entwickelt sich schon ´ne Torchance. Das ist eben, wenn wir es andersrum tun, gegen die Gegner eben nicht so. Wir kommen da nicht so durch gegen die Gegner.”

In diesem Satz wird deutlich, der Mannschaft mangelt es an Qualität. Ich habe in dieser Saison noch kein Spiel ohne grundsätzliche spielerische Schwächen gesehen, und in jenen Spielen gegen Mitkonkurrenten um den Aufstieg war der MSV von der Spielanlage her unterlegen. Ich glaube ja an die Magie von Wörtern. Deshalb werde ich nun natürlich hier nichts schreiben, was in meinem Kopf als sorgenvolle Folgerung so einer Zustandsbeschreibung herumgeistert. Da übe ich mich in der rhetorischen Kunst von Trainern und Fußballern, die nie aufgeben, ehe durch die Zahlen der Tabelle die unverrückbare Wahrheit in der Welt ist. Bis dahin denke ich von Spiel zu Spiel und sehe den Karnevalstagen mit neu gewonnenem Mut entgegen. Loss mer fiere, nit lamentiere, das werde ich ab Donnerstag irgendwann sicher in einer der Veedelskneipen hören und dann denken, ein gutes Motto für den Abend des Rosenmontags.

Etwas neidisch …

… bin ich doch, wenn ich an das Spiel des MSV Duisburg gleich gegen Fortuna Düsseldorf denke. Eine große Kulisse wird das ausverkaufte Stadion ebenso bieten wie die Möglichkeit zu großen Gefühlen, und ich werde vor Ort nicht dabei sein. Einmal mehr wird am Spieltag Geburtstag gefeiert und anekdotische Erzählungen über Stadionbesuche statt Familienfeiern sind schön und gut, aber für mich ist die Familienfeier in dem Fall tatsächlich ein wenig wichtiger. So sitze ich bis zur Abfahrt nach Mülheim am PC, starre auf ruckelnde, von irgendwoher ins Netz eingespeiste Live-Bilder und hoffe auf eine deutliche Führung des Vereines aller Vereine, ehe wir eine Viertelstunde vor Spielschluss aufbrechen müssen. Wahrscheinlich ist eine Führung mit drei Toren Unterschied nicht, aber Wünschen darf man immer.

Von Milan Sasic heißt heißt es bei Der Westen, ihn lasse die Rekordkulisse kalt, was hier im Bewegt-Bild und mit Originalton weniger lautsprecherisch klingt. Ein Trainer kann natürlich zur mentalen Stärke seiner Mannschaft auch während einer Pressekonferrenz beitragen. Deshalb benutzt Milan Sasic sorgsam abgewogene Worte, um die besondere Bedeutung des Spiels zu betonen und es gleichzeitig im Berufsalltag eines Fußballers  als normal zu verorten.

Wir Fans können uns da eindeutiger zu der Besonderheit bekennen, die uns unruhig macht. Archaische Gefühle werden dort in Düsseldorf gleich mit einer Woge hochgespült. Territorium streitig machen, den Fremden in ihrer Heimat begegnen, deren Macht prüfen und sich eins in einer Gruppe fühlen. All das spielt eine Rolle. Deshalb gibt es bei dieser Art Auswärtsspiele mit Derby-Charakter  ja auch die Möglichkeit zu ganz großen Glücksgefühlen. An die deshalb ebenso mögliche besonders intensive Niedergeschlagenheit wollen wir jetzt einmal nicht denken.

Etwa 8000 Anhänger des MSV Duisburg wollen auf fremden Terrain dabei sein. Das reicht, damit jeder einzelne sich als Teil einer eindrucksvollen Menschenmasse empfinden kann. Zumal auf diesem fremden Terrain jeder sich zum MSV Duisburg bekennende Zuschauer es besonders intensiv spürt, wie notwendig der Zusammenhalt ist gegenüber den von der Anzahl her überlegenen Zuschauern der Heimmannschaft. Gästefans bei einem Fußballspiel rücken enger zusammen – räumlich ohnehin, aber auch emotional. Wo in Wedau sich das Publikum zersplittert und von hundert Anhängern hundert Meinungen rausgeschrieen werden, wer da jetzt wie schlecht oder gut spielt, da kennt der Duisburger Zuschauer in einem fremden Stadion weder Stehplatzstolz noch Sowiesotribünen-Früher-War-Es-Beim-MSV-Besser-Nostalgie. In einem fremden Stadion fühlt sich jeder Zuschauer im Gästebereich erst einmal als MSV-Fan und ganz viel später erinnert er sich je nach Spielverlauf, dass er zu Hause, in der MSV-Arena,  ja irgendwoher kommt. Was Milan Sasic  seiner Mannschaft immer wieder leistungssteigernd vor Augen hält, fühlen wir Fans im fremden Stadion ebenfalls. Einigkeit macht stark. Und sei es nur für ein Fußballspiel in diesem fremden Stadion.

Tue Gutes für die zebrakids – Ersteiger was

Der Besuch von Fußballspielen des MSV Duisburg kostet Eintritt. Das Geld dazu fehlt vielen Kindern und Jugendlichen. Um diesem sozial benachteiligten Nachwuchs den Besuch von Spielen des MSV  zu ermöglichen, haben MSV-Fans im letzten Jahr den Verein zebrakids e.V. gegründet. Auf Spenden ist so ein Verein angewiesen, und zurzeit sind bei Ebay zwei besondere Versteigerungen gelistet. Sie laufen noch bis Sonntag, 19 Uhr, so dass nach einem begeisternden Sieg gegen Fortuna Düsseldorf  die Gebote noch einmal nachgebessert werden können. Laut zebrakids e.V. soll diese Versteigerung nur ein Auftakt sein:

Im Rahmen einer großen Versteigerungsserie bei Ebay versteigern wir ab sofort mit freundlicher Unterstützung der Stifter der Auktionsgegenstände, Radio Duisburg und DuisburgFans.de, die Gegenstände eines Prominenten!

Den Anfang macht in dieser Auktion MSV-Urgestein Bernhard Dietz!

Ennatz hat den zebrakids gleich mehrere Gegenstände zur Verfügung gestellt – jetzt heißt es mitsteigern und die zebrakids unterstützen! Sichern Sie sich:

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Tosic kommt nicht zum MSV – Und das ist gut so!

Mal ehrlich, der MSV Duisburg kann froh sein, dass Dusco Tosic lieber in England unterkommen möchte als in Duisburg. Alles, was ich seit gestern Mittag über ihn erfahren habe, lässt mich doch stark vermuten, seine Vorstellungen von Professionalität und gutem Fußballer-Leben hätten weder in die wenig glamouröse Stadt Duisburg gepasst noch zu Milan Sasic, den ich als sehr bodenständig erlebe.

Auch das gehört zu den Vorüberlegungen bei einer Verpflichtung: Welchen Einfluss hat es auf das Gefüge der Mannschaft und das sportliche Umfeld, wenn ich über den zu verpflichtenden Fußballer nicht nur im Sportteil etwas zu lesen bekomme sondern auch auf den Glamourseiten der Boulevard-Blätter? So ist es für mich ebenso ein verwegener Gedanke, seine Frau Jelena Karleusa in der VIP-Lounge der MSV-Arena Schnittchen essen und ein Wasser trinken zu sehen wie ein Foto von ihr mit neuester Frisur und gewagtem Oberteil im Duisburger Lokalteil von WAZ oder NRZ.

Dennoch will ich Bruno Hübners Aktivitäten beim Tosic-Teil des Ausleihgeschäftes nicht bewerten, weil es gerade bei solchen Paketgeschäften wie dem Wagner-Transfer auf die Details ankommt. Die kennen wir aber nicht. Womöglich war es bei diesem Geschäft so wie in der Politik, wenn einzelne Fragen zu Teilen einer mit dem Koalitionspartner mühsam ausgehandelten Gesetzesvorlage werden. Der Abgeordnete muss sich also überlegen, ob er wegen des ihm ungleich wichtiger scheinenden einen Gesetzes in dem anderen Fall  Zweifel vernachlässigt oder sich gar gegen seine innere Überzeugung wendet. All das kann auch bei dem Wagner-Paket-Transfer möglich gewesen sein.

Was wir jetzt sowohl aus Bremen als auch aus Duisburg zu lesen bekommen, rückt natürlich das Verhalten Dusco Tosics in den Blick. Klaus Allofs wird nach der Bremer Vertragsauflösung mit Tosic überall – und hier nur ein Beispiel – l mit diesem Satz zitiert: “Nach seinem erneuten Fehlverhalten in den vergangenen Tagen sind wir froh, dass dieses Kapitel nun abgeschlossen ist. Dass sich ein Spieler so verhält, haben wir noch nicht erlebt”. Und Bruno Hübner legt Wert darauf, dass der MSV Duisburg sich nichts hat zu Schulden kommen lassen.

Zu meiner großen Beruhigung war man beim MSV Duisburg schon gestern Abend in der Lage, eine Pressemitteilung mit der Stellungnahme Bruno Hübners herauszugeben. Vor der Saison waren offizielle Worte des MSV Duisburg doch immer mit einiger Verspätung verkündet worden. Manchmal möchte ich bei solch ungewöhnlichen Paket-Geschäften ein stiller Beobachter sein, um einmal genau zu erfahren, wie es zu dem kommt, was der Öffentlichkeit präsentiert wird. Für heute weiß ich nur, der Tosic-Teil des Geschäfts zwischen dem MSV Duisburg und Werder Bremen ist gescheitert. Und das ist gut so!

Kein Konzert im Ruhrgebiet von der “schärfsten Spielerfrau”

Es hätte so schön sein können. Dusco Tosic kommt für ein paar Monate zum Fußballspielen nach Duisburg, und seine Frau Jelena Karleusa gibt zum Kulturhauptstadtjahr ein von Funkhaus Europa gesponsertes Konzert. Doch so kurzfristig konnten Fritz Pleitgen und die Programm-Planer des Kulturhauptstadtjahres anscheinend keine freie Bühne mehr für die serbische Popsängerin finden. Vielleicht entsprach die -  laut Bild-Zeitung – “schärfste Spielerfrau” aber auch nicht dem Programmprofil. Nun kann sie sich hier bei all den anderen abgelehnten Ruhr.2010-Projekten mit einreihen. Dusco Tosic kommt nun natürlich auch nicht mehr zum MSV Duisburg. Zum Trost gibt es ja Youtube:

Auf wiedersehen und herzlich willkommen

Lange habe ich von den Lobby-Arbeitern der Wirtschaftsverbände keine Klagen mehr über die mangelnde Flexibilität deutscher Arbeitnehmer gehört. Vor zehn Jahren ungefähr war das noch anders. Der unflexible deutsche Arbeitnehmer scheint allmählich in Rente zu gehen. Der Nachwuchs aber ist flexibel bis zum Wanderarbeiterdasein, weil er in diesen letzten Jahren als Fußballfan von Kind auf lernen musste, von jetzt auf gleich mit den veränderten Kaderzusammensetzungen seines Vereins zurecht zu kommen.

Gestern noch ein Lebenszeichen von Sandro Wagner aus der Reha-Maßnahme, morgen schon für den Boulevard zum Fototermin neben dem Roland von Bremen bereit. So geht das heutzutage, und man kann froh sein, dass Bruno Hübner eine Ablösesumme ausgehandelt hat. In Duisburg hoffen wir natürlich, dass die Vertragspartner über die Höhe dieser Summe deshalb schweigen, weil Klaus Allofs in Bremen kein Gerede aufkommen lassen will, viel Geld für einen verletzten Spieler auszugeben, der am Ende der Saison kostenlos gekommen wäre. So viel Geld! Ach, das wäre schön.

Doch nicht nur Geld wird da getauscht sondern auch Fußballer. Im Gegensatz zu Sandro Wagner sind die von Werder Bremen kommenden Kevin Schindler und Dusco Tosic nämlich sofort einsatzbereit. Für Schindler ist der MSV Duisburg  nach Hansa Rostock und dem FC Augsburg ja nun die dritte Ausleihstation. Vielleicht passt es ja in Duisburg für ihn am besten. Im Angriff brauchen wir jedenfalls neben Srdjar Baljak sofort jemanden, der eine Ahnung davon hat, wie es sich anfühlt, torgefährlich zu sein. Und wie ich lese, wollte Sasic Schindler schon in Kaiserslautern gerne in seiner Mannschaft haben.

Und Tosic? Ich weiß es nicht. Allerdings beginnt jetzt auch jene Zeit der Saison für mich, in der ich neben der eigentlichen Leistung der Mannschaft des MSV Duisburg auch auf die Mithilfe anderer Mannschaften zu setzen beginne und sich mein Blick für die Zeichen des Schicksals zu schärfen beginnt. In Köln wird gerade ein Ausleihgeschäft regelrecht gefeiert. Zoran Tosic kommt von Manchester United für den Rest der Saison. Vielleicht wohnt dem Namen Tosic ja so was wie eine Energie des Erfolgs inne. Ich hoffe das natürlich sehr, selbst wenn wir noch nicht recht wissen, wo Zorans Namensvetter Dusco im Mannschaftsgefüge des MSV Duisburg seinen Platz findet.

Fußballspieler wollen gerne spielen, aber die von Fußballwanderarbeitern geforderte Flexibilität ist dennoch nicht naturgegeben. Da kannte sich der deutsche Arbeitnehmer alter Zeiten zur Genüge mit aus. Es lässt sich einfach leichter arbeiten, wenn nicht nur die Bedingungen der Arbeit selbst stimmen, sondern auch nach der Arbeit weiter gute Laune herrscht. Ein paar nette Leute in der Nachbarschaft, die Familie in vertrauter Umgebung, so was hebt die Stimmung. Es sei denn, da bastelt einer noch an der großen Karriere. Dann lässt es sich auch einige Zeit im möblierten Appartement und mit leerem Kühlschrank aushalten. So viel gibt es, was wir nicht wissen bei so einem Ausleihgeschäft, wenn die WM in Südafrika nicht als symbolträchtiger Leistungsanreiz zur Schlagzeile gemacht werden kann.

Besser als der Eindruck

“Die Abwehr – wie ein Hühnerhaufen”, ruft der WDR-Reporter in das Mikro. Durch den nächsten herrlichen Konter fällt das dritte Tor. In der achtzehnten Minute. Jetzt sagt ihr, Moment, es sind doch nur zwei Tore gefallen. Richtig. Das war auch gestern. Wir haben aber Samstagnachmittag, ich komme spät zum Schreiben, und ich höre “Sport und Musik”.  In Mönchengladbach erleben die Zuschauer gerade das, was wir gestern auch gesehen haben. Mit dem Unterschied, dort kontert die Heimmannschaft und die Gäste versuchen sich am Spielaufbau.

Relativieren die Bremer Erfahrungen die erste Halbzeit des gestrigen Spiels vom MSV Duisburg gegen den FC St. Pauli schon etwas? Manchmal ist es ein Vorteil, wenn ein wenig Zeit verstreicht, ehe ein Urteil gefällt und Enttäuschung in Worte gefasst wird. Was soll ich all das wiederholen, was fast überall schon geschrieben wurde? Natürlich offenbarte sich ein Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Natürlich hätte es fünf oder sechs Tore für St. Pauli geben können – gerade steht es in Mönchengladbach übrigens 4:1. Und natürlich hielt Tom Starke überragend. Für seine Stärken war das Spiel perfekt geeignet. Natürlich wirkt eine Abwehr bei solchen Kontern überfordert. Wie das Mittelfeld, das beim Spielaufbau jene Fehler machte, die der Abwehr erst das Unmögliche abverlangte. Mal abgesehen vom ersten Tor, bei dem die Abwehrspieler die Stürmer St. Paulis zur freien Kombination einluden. Soll ich also auch schreiben, dass man mit der zweiten Halbzeit halbwegs zufrieden sein konnte? All das ist allerorten schon geschrieben worden.

Wäre es da nicht zumindest unterhaltsamer, provokativ zu sagen, der MSV Duisburg hätte das Spiel gewinnen können. Den Klassenunterschied hat es nur deshalb gegeben, weil der Verein aller Vereine mit seiner für eine Heimmannschaft typischen Spielweise die Stärken des FC St. Pauli nur besonders zur Geltung gebracht hat. Soll ich provokant fragen, ob das Heimpublikum es ausgehalten hätte, einen nach dem frühen Gegentor abwartenden MSV Duisburg zu sehen, eine Heimmannschaft, die sich erst einmal zurück zieht, um sich zu besinnen und aus der verstärkten Abwehr heraus zunächst nicht mehr als das Unentschieden zu wollen? Es waren noch 83 Minuten zu spielen. Im Fußball gibt es solch einen Wechsel der Taktik mitten im Spiel kaum. Es fehlen die Auszeiten, um die Mannschaft kollektiv während einer Ruhephase in eine andere Richtung zu schicken. Dennoch sollte man dieses Gedankenspiel einmal vornehmen. Dann lässt sich die Leistung des FC St. Pauli in der zweiten Halbzeit auch noch einmal gesondert bewerten. Denn bei einem ruhigen Spielaufbau gelingt dieser Mannschaft auch nicht allzu viel.

Das schreibe ich auch deshalb, weil in Duisburg das zu-Tode-betrübt-Sein ein Lieblingsgefühl des Publikums ist. Mich haben die Pfiffe zum Abpfiff der ersten Halbzeit auf dieselbe Weise geärgert wie die vergebenen Torchancen in der zweiten Spielhälfte. Da kann man dieses Mal die von den Ultras motivierten Fans kaum zu wenig loben, die dieses idiotische Pfeifen übertönen wollten. Was soll dieses Pfeifen? Hat diese Mannschaft in der ersten Halbzeit etwa nichts versucht? Das Können dieser Mannschaft reichte nicht aus, um diesen so früh und perfekt agierende Defensivverband St. Paulis zu überspielen. Prügelt ihr auf eure Kinder ein, wenn sie partout nicht aus dem Stand heraus partielle Differentialgleichungen lösen können? Was soll das: “Schlicke raus”? Darf man während des Spiels trotz aller Enttäuschung nicht auch einen Funken Verstand erwarten? Wer sitzt denn da zurzeit auf der Bank als Ersatz? Frank Fahrenhorst. Von ihm lese ich natürlich wegen seiner so überragenden Spielweise immer wieder als “Gefahrenhorst”.

Im Grunde haben wir es vorher gewusst. Es gibt die Schwächen dieser Mannschaft, und manchmal ist der Gegner dazu in der Lage, diese Schwächen auszunutzen. Diese  Schwächen werden in dieser Saison dauerhaft nicht abzustellen sein. Dennoch kann die Mannschaft um den Aufstieg weiter mitspielen. Eine Niederlage gegen einen starken Gegner hat es gegeben. Das nächste Spiel ist auswärts, normaler Weise liegt dem MSV das mehr. Im übrigen nicht nur dem MSV wie die große Zahl der Heimniederlagen in der Bundesliga während dieser Saison zeigt.

Alles zur Ablenkung – samt Appell an Fans

Dann wollen wir mal die Wettervorhersagen ignorieren und uns sofort den wichtigen Dingen des Tages zuwenden. Der FC St. Pauli kommt nach Duisburg, und mit meiner leichten Unruhe schon am gestrigen Abend bin ich wahrscheinlich nicht alleine. Ein untrügliches Zeichen! Das Spiel ist wichtig. Das wissen wir alle, und wir wissen auch, danach kommen drei weitere, nicht weniger wichtige Spiele. So wird das Spiel heute Abend noch wichtiger. Ein Polster für einen möglichen und nicht unwahrscheinlichen Punktverlust in den nächsten drei Wochen zu schaffen, wäre schon nicht schlecht.

Aber wir wollen einmal gemeinsam mit den Spielern unseres Vereins aller Vereine auf die Worte sämtlicher Fußballtrainer dieser Welt hören und nur von Spiel zu Spiel denken. Denn nur das nächste Spiel ist – nämlich was? – natürlich  das schwerste. Die leichte Unruhe spüre ich aber auch, wenn ich an dieses Spiel alleine denke. Denn in beiden siegreichen Spielen des MSV Duisburg nach der Winterpause gab es auch jene schwachen Momente, die bessere Mannschaften als der FSV Frankfurt oder der FC Energie Cottbus vielleicht ausnutzen.

Nun gibt es im Fußball ein kompliziertes Zusammenspiel vieler Einflüsse, das die Leistung einer Mannschaft letztlich bestimmt. Und zu diesen Einflüssen gehört nun auch einmal der Gegner. Aber auch der Blick zum FC  St. Pauli gibt uns nicht viel mehr Sicherheit. Ob die Mannschaft zurzeit so ein besserer Gegner ist, lässt sich nach dem schwachen Spiel der Hamburger gegen Aachen nicht sagen. Und selbst wenn der FC St. Pauli dieser bessere Gegner wäre, könnte sich gerade deshalb eine fehlerlose Leistung des MSV Duisburg ergeben. Alle selbst beim Spiel gegen Frankfurt in der ersten Halbzeit sichtbaren Schwächen im Spielaufbau könnten dann verschwinden.

Im Grunde sind alle diese Gedanken also nicht viel mehr als ein wenig Ablenkung von der leichten Unruhe. Solche Ablenkung fördert dann die Konzentration auf die eigentliche Aufgabe um 18 Uhr und ist nur zu begrüßen. Deshalb gehört auch die Nachricht des Vereinswechsels von Sascha Mölders in die Spielvorbereitung von uns Fans. Da ist er gestern mal eben zum Dorge Kouemaha von Rot-Weiß Essen geworden. Dem MSV Duisburg soll´s recht sein. Meinetwegen soll er sogar noch Torschützenkönig der 2. Liga werden. Der FSV Frankfurt spielt noch gegen alle unsere Konkurrenten um den Aufstieg.

Wer sich während der Woche für den FC St. Pauli interessierte, richtete seine Aufmerksamkeit ja übrigens keineswegs auf das nächste Spiel. Da musste noch das Spiel gegen Alemannia Aachen weiter aufgearbeitet werden, weil der Trainer Holger Stanislawski mit Unmutsäußerungen von Teilen des Publikums überhaupt nicht zufrieden war und das auch meinungstark verkündete. Was macht man bei aufkommenden Konflikten nun am besten? Man redet miteinander. Was Holger Stanislawski hier über Wirkung und Notwendigkeit von Fan-Unterstützung sagt, hört sich sehr überzeugend an. Seine Worte kann sich das Fußballpublikum eines jeden Vereins zu Herzen nehmen. Geben wir also unserer Mannschaft Rückhalt. Sie hat sich das redlich verdient, und manchmal sind die spielerischen Unterschiede so gering, dass die Einheit von Publikum und Mannschaft den entscheidenden Vorteil bringen kann. Ich hoffe auf den 3:2-Sieg.

Trotz 60-minütiger Bewegung noch T69

T69, dieses Kürzel steht in der “Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme” für “Sonstige Schäden durch niedrige Temperaturen”. Der Mannschaftsarzt des FC Energie Cottbus musste nach dem Spiel des FC Energie gegen den MSV Duisburg für die körperlichen Beschwerden des in der 60. Minute ausgewechselten Stanislav Angelov dieses Kürzel verwenden. Es war verdammt kalt in Cottbus am Montagabend. Hoffentlich nicht zu kalt für alle, die sich auf den Zuschauerrängen nur sehr viel weniger bewegen konnten. T33-35 ist selbst ein Auswärtssieg nicht Wert.

Wärmer als in Cottbus ist noch kalt genug

Die Siegesserie reißt nicht. Bereits drei von drei Auswärtsspielen gewann der MSV Duisburg, wenn ich mir den Verein aller Vereine  zusammen mit dem befreundeten Schalke-Fan vor einem Fernseher in Köln-Nippes angesehen habe. Mein unmittelbarer Kontakt mit der Schalke-Aura wird nicht jedem gefallen, doch wie ich uns Menschen kennen gelernt habe, können sorgsam gepflegte Feindschaften Grenzen überwindende Freundschaften normaler Weise gut vertragen.

Dieser 1:0-Sieg in letzter Minute gehört in die Klasse jener Spiele, um deren Bewertung im Nachhinein noch etwas gerungen wird. Nicht, weil das Tor so spät fiel, sondern weil beide Mannschaften ihre Chancen hatten und keine von beiden der anderen deutlich überlegen war. So können sich die Cottbusser ihren Ärger wegen des späten Tores von der Seele reden und sich dem tröstenden Glauben hingeben, sie hätten eigentlich mit drei oder vier Toren führen müssen. Aus so einer Perspektive ist der Sieg des MSV Duisburg natürlich glücklich gewesen.

Vergessen werden dabei nicht nur die zwei Großchancen des MSV durch Srdjan Baljak in der ersten Halbzeit und Anfang der zweiten Halbzeit sondern auch die gesamten letzten zehn Minuten. So etwas lindert natürlich unangenehme Gefühle. Verantwortung für das eigene Handeln übernimmt man so aber nicht. Abspaltung nennen das Psychotherapeuten. Wenn “Pele” Wollitz da nicht aufpasst, verfestigt sich so etwas, und man wird für seine Umwelt ganz wunderlich.

Deshalb wehren sich zurecht gegen diese eindeutige Wertung sowohl Milan Sasic, “Das war kein Glück, sondern Können”, als auch Ivica Grlic im Interview mit Marco Röhling, “von unverdient oder glücklich zu reden? Nö, muss nicht sein.” Doch warum spricht Tom Starke dann vom “Quentchen Glück”, das der MSV gehabt hatte? Natürlich richtet er als Torwart seinen Fokus mehr auf die Chancen des Gegners als Ivo. Doch noch etwas anderes spielt da hinein, und das gibt mir Gelegenheit auf zwei Bedeutungsdimensionen des Wortes Glück hinzuweisen.

Wir sprechen nun einmal nicht allzu oft von denselben Dingen, wenn wir dieselben Worte in den Mund nehmen. Sich verstehen grenzt oft entweder an ein Wunder oder ist ohnehin nichts weiter als ein Missverständnis. Es gibt dieses Glück, von dem die Cottbusser reden und das Milan Sasic und Ivo Grlic mit Recht bestreiten. Dieses Glück ist der Zufall, jener Lottogewinn, der über einen kommt, ohne dass man mehr dazu getan hat als den Schein abzugeben. Dann gibt es aber auch dieses Glück von dem Tom Starke spricht. Das ist weniger ein Ereignis als ein andauernder Zustand. Es ist die Gunst der Götter, eine unsichtbare Macht, die es gut mit einem meint. Dieses Glück ist die schützende  Energie, die die alltägliche Anstrengung eines jeden mal mehr mal weniger unterstützt. Dieses Glück muss man sich erarbeiten. In diesem Sinne nur war der Sieg des MSV Duisburg glücklich.

Und verdient war er deshalb auch. Denn die Mannschaft hat bis zur letzten Minute versucht, das Tor zu erzielen. Wobei mir auffiel, wie sehr der Druck zunahm, nachdem Nicky Adler eingewechselt wurde. Zugegeben, wieder vergab er eine Großchance, doch seine Leistung stabilisiert sich. Eine Aktion wie seinen Übersteiger im Strafraum mit torgefährlichem Abschluss habe ich noch vor wenigen Wochen von ihm nicht für möglich gehalten. Da war er der unermüdliche Sprinter, der notfalls auch durch den Gegner hindurchlaufen wollte und den Ball dabei immer wieder auch mal vergaß. Da hat sich was getan, keine Frage.

Vor seiner Einwechslung hatte ich jedenfalls nicht das Gefühl, der MSV könne noch einmal torgefährlich werden. Richtig zwingend wurde da nichts mehr nach den ersten Aktionen in der zweiten Halbzeit. Da fürchtete ich eher einen erneuten langen Pass auf Cottbussens Kweuke. Gleichzeitig war ich dennoch mit der Leistung in der Defensive  zufrieden. Beim Spiel nach vorne haperte es ein wenig, das war gestern nicht so präzise wie in den Spielen zuvor. Was aber an den eisigen Temperaturen gelegen haben mag.

Trotz des perfekten Zusammenspiels der beiden Winter-Neuzugänge bei dem Siegtor ist Dario Vidosic auf dem Platz längst nicht so präsent wie Srjdan Baljak. Allerdings kann ich mich auch an keinen neuen Spieler beim MSV Duisburg erinnern, der sich sofort derart gut in die Mannschaft eingefügt hat wie der Ex-Mainzer. Erneut waren sowohl seine Einzelaktionen als auch sein Zusammenspiel mit den Mitspielern auf einem Niveau, das die spielerische Leistung der Mannschaft mitträgt.

Als ich nach Hause fuhr, war es in Köln um die zehn Grad wärmer als in Cottbus. Bei aller guten Laune noch immer kalt genug. Doch der Gedanke an den Freitag hat da weiter geholfen. Da wurde mir sofort wärmer, wenn ich an die vier punktgleichen Mannschaften dachte und die Möglichkeit, dass auch die Kaiserslauterner und St. Pauli bald schon nicht mehr allzu weit von diesen vier Vereinen entfernt sein könnten. Das kann spannend werden. Wobei ich das nicht all zu lange brauche. Wärmer wird es in den nächsten Wochen ohnehin.

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