Erkenntnis ist nicht Meinung

Wenn in den Zeitungen nahezu jeder Text seit Wochen einen Bezug zu Corona hat, darf das hier hin und wieder auch der Fall sein. Denn über den Fußball und den MSV erreiche ich sehr unterschiedliche Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen. Darum geht es mir heute – um Meinungen im Gegensatz zu Erkenntnissen.

Die öffentliche Meinung zum Umgang mit der Pandemie spaltet sich momentan in immer unversöhnlichere Lager auf. Eine grundsätzliche, nützliche Unterscheidung, um die Dinge zu bewerten, gerät dabei unter die Räder. Denn mancheiner verfolgt die eigenen Interessen mit alten rhetorischen Mitteln. Die Lehre der Rhetorik kümmert sich nur wenig um ethische Fragen. Wenn ein Mittel erfolgreich war, dann her damit.

Beschädige den Ruf des Gegners! Das gehört zur Grundausstattung jedes Rednerhandbuchs. Das geschieht spätestens seit dem letzten Wochenende subtil oder brachial mit Virologen. Zerstört werden soll das Vertrauen in deren Arbeit, die Grundlage für politisches Handeln ist.

Deshalb sei daran erinnert, Virologen sind Wissenschaftler und suchen bei ihrer Arbeit Erkenntnis. Fakten sind die Grundlage für ihre Bewertungen. Sie tragen keine Meinungen vor, sondern im Fall von Covid-19 vorläufige Ergebnisse ihrer Forschung. Diese werden wiederum von anderen Wissenschaftler überprüft und bestätigt oder widerlegt. Dieses System der Wissenschaft war überaus erfolgreich und hat die Spezies Mensch dazu gebracht, immer mehr zuvor tödliche Krankeiten behandeln zu können. Die Nebenwirkungen dieses Erfolgs lassen wir jetzt mal außer Acht. Wissenschaftler ändern also nicht ihre Meinungen, sondern stellen immer neue Ergebnisse ihrer Forschungen vor.

Meinungen haben einen anderen Charakter. Der MSV war zum Beispiel der Meinung, die 3. Liga solle nur fortgesetzt werden, wenn alle Entscheidungen sportlich ausgetragen werden. Dafür führt der Verein ein wesentliches Argument an. Die Saison ohne Abstieg zu Ende spielen, führe zur Wettbewerbsverzerrung. Dieses Argument beruht aber wahrscheinlich nicht auf wissenschaftlichen Überlegungen sondern auf intuitiven Überzeugungen, wie sich Mannschaften ohne Wettbewerbsziel im Spiel verhalten. Ich vermute, der MSV hat vor der Entscheidung keine sportwissenschaftlichen Arbeiten zurate gezogen.

Wissenschaftlich fundiert, also von Erkenntnis getragen, wäre diese Meinung aber, wenn sie mit einer Statistik begründet worden wäre, die sämtliche Spielergebnisse von Mannschaften in Endphasen der Saison erfasste. Dann müsste man die Spiele von Mannschaften im gesicherten Mittelfeld sowie feststehende Aufsteiger und Absteiger gesondert betrachten. Zu prüfen wäre, ob diese Mannschaften statistisch signifikant häufiger verlieren als erwartet werden kann. Das ist wahrscheinlich nicht geschehen. Deshalb hat eine Meinung deutlich mehr mit einem persönlichen Glauben als wissenschaftliche Erkenntnis.

Wissenschaftler ändern Wissen. Eine Meinung kann auch unabhängig von Wissen verändert werden. Manchmal muss man das sogar. Die Beweggründe dafür können sehr unterschiedlich sein. Wenn Politiker den Unterschied zwischen Erkenntnis und Meinung aber verwischen, sollte das gegenüber der Meinung dieser Politiker misstrauisch machen.

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