Posts Tagged 'Arminia Bielefeld'

Sprache und Wirklichkeit

In der Rheinischen Post „ringt“ der MSV Duisburg um die Lizenz und im RevierSport heißt die Zeit von gestern bis heute das „bange Warten“. In Bielefeld titelt die Neue Westfälische: „Arminia Bielefeld vor Rettung in letzter Sekunde.“ Das Bedrohliche wächst in Duisburg, die Erleichterung macht sich in Ostwestfalen breit. Beide Vereine befinden sich in derselben Situation. Die DFL verkündet das Ergebnis des Lizenzierungsverfahrens erst in naher Zukunft.

Niederländisch für Fortgeschrittene: De Hollandse Franz Beckenbauer

In unserem Sprachkurs Niederländisch für Fortgeschrittene lesen wir heute einen etwas längeren Text des niederländischen Fußball-Journalisten Ron Westerhof über „De Hollandse Franz Beckenbauer“, dessen „loopbaan […] zich grotendeels in Duitsland afspeelde“. Die älteren Anhänger des MSV Duisburg werden sich an seinen Namen gut erinnern: Es ist Kees Bregman, der heute, einige von Ihnen wissen es, „zijn eigen kapsalon in de multiculturele Bos en Lommerbuurt aan de westkant van Amsterdam“ betreibt. Dem Fußball ist er weiterhin als Trainer sämtlicher  „recreatieteams“ des Amsterdamsche Football Club verbunden. „Recreatie“ bedeutet so viel wie Erholung oder Freizeit. Außerdem sei darauf hingewiesen, Kees Bregmans Verein ist nicht identisch mit dem Amsterdamsche Football Club Ajax. Sollten Sie Verständnisschwierigkeiten haben, empfehle ich das „Wörterbuch Niederländisch“ auf der Seite woxikon.de.

Ron Westerhof lässt Kees Bregman selbst zu Wort kommen und es ist beachtenswert, wie in seinen Erinnerungen noch die bekannten, lange kultivierten Gegensätze des deutschen und holländischen Fußballs deutlich werden. „Laufen, laufen“ hat sich ihm als Anweisung während seiner ersten Trainingseinheiten beim MSV Duisburg ins Gedächtnis gebrannt. Und Kees Bregman hat die Anweisung von einem „Oost-Duitse Trainer“ auf eine sehr eigene und ihn fünftausend Mark Strafe kostende Weise interpretiert. An den Namen des Trainers erinnert er sich anscheinend nicht mehr, Willibert Kremer hat er jedenfalls nicht gemeint. Wenn es einer von euch sofort weiß, verratet es mir, dann brauche ich es nicht nachzurecherchieren.

Außerdem bestätigt er, dass meine Erinnerung an die Mannschaft dieser Zeit nicht nostalgisch verklärt ist: „We hadden een duivels elftal destijds bij Duisburg. Het liep niet over van kwaliteit, maar op basis van inzet en mentaliteit konden we aardig meekomen.“ Zudem berühren seine Erinnerungen auch die immer mal wieder aufkommende Doping-Diskussion im deutschen Fußball. In den 70ern jedenfalls war das Captagon in den Umkleidekabinen zur Hand.

Dieser Fußball hat ein Problem

Die einen spielen in der Bundesliga um Platz fünf als Eintrittskarte zum Europapokal, die anderen spielen in derselben Liga und in Liga zwei gegen den Abstieg. Nicht zu vergessen das Mittelmaß in Liga eins. Die Mannschaften haben alle etwas gemeinsam. Sie spielen zu schlecht, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Anscheinend spielen sie so unfassbar schlecht, dass es nedfuller in Hamburg in  seinem Blog die  Stimme verschlägt. Dass in Bochum im Blog 18:48 wegen des Schocks ein freiwilliger Abstieg erwogen wird und Ben Redelings in seinem Blog Scudetto Köln und den FC gleich in Mithaftung für die eigene schlechte Stimmung nimmt. Sie spielen so schlecht, dass in Rostock die alten Zuschauer von der Erinnerung an vergangene Zeiten überwältigt werden und die Jüngeren das Wir-sind-und-ihr-nicht-Traditional ausdrucksstark in Erinnerung rufen. So schildert es Ronny Blaschke in diesem Artikel zur Niederlage vom FC Hansa Rostock gegen den FSV Frankfurt. Nicht zu vergessen der vielerorts beschmunzelte „Scheiß-Millionäre“-Gesang der Anhänger in Hoffenheim in der letzten Woche.

Liest man ein wenig herum, ist in Hamburg vor allem der Trainer schuld. In Bochum sind es Spieler und Trainer gemeinsam. In Rostock und Hoffenheim sind es vor allem die Spieler. Dennoch sind die Vorwürfe dieselben. Die Zuschauer erkennen nicht, dass die Spieler ihren Möglichkeiten gemäß Fußball spielen wollen. Das erinnert wiederum auch an den MSV Duisburg. Diese Saison haben wir uns nur recht früh schon an unseren schlechten Gefühlen abgearbeitet. Vielleicht aber ist auch die Leistung der Mannschaft nicht dauerhaft zu schlecht gewesen, als dass bleibende Wut sich entwickeln konnte. Darüber hinaus gab es den  Nebenschauplatz Auseinandersetzung mit den Vereinsverantwortlichen, auf dem viel Energie gebunden war. Auf diese Weise sind zum Ende der Saison rund um den MSV Duisburg für mich eher gemischte Gefühle entstanden.

Zum Beispiel bleibe ich mit meiner Enttäuschung über den nicht gelungenen Bundesliga-Aufstieg vom MSV Duisburg als Zuschauer allein mit anderen Zuschauern. Na gut, Walter Hellmich ist auch enttäuscht. Aber die Spieler? So richtig verlassen will ich mich auf ihre Enttäuschung nicht. Mein Misstrauen richtet sich aber gar nicht an die Spieler persönlich, sondern dieses Misstrauen ergibt sich aus dem Wissen, dass meine Enttäuschung in einem anderen Sinnzusammenhang zu Hause ist als eine mögliche Enttäuschung der Spieler. Meine Enttäuschung ergibt sich aus meiner Verbundenheit mit dem Verein, eine mögliche Enttäuschung der Spieler ergibt sich aus deren Verbundenheit mit ihrer beruflichen Karriere. Mein Misstrauen und die Wut der Anhänger in den anderen Städten sind also Symptome für grundsätzliche Schwierigkeiten des Fußballs durch dessen Professionalisierung als Unterhaltungsbranche. Erreicht eine Mannschaft die gesteckten Ziele nicht, ist für den Berufsfußballer nichts an die Stelle der alten Vereinsverbundenheit getreten. Da gibt es nichts, worauf wir Zuschauer uns verlassen können. Deshalb wird Geld als verbindendes Element von Fußballer und Verein offensichtlich und manchmal dann skandalös.

Auch wenn wir Zuschauer es nicht gerne hören, wir haben Anteil an diesem Skandal und dem doppelbödigen Fußball der Gegenwart. Wir erinnern uns mit Wehmut an die Vereinsverbundenheit alter Zeiten und dem daraus sich ergebenden Vertrauen darauf, dass die Spieler sich für den sportlichen Erfolg anstrengen. Aber wir wollen auch lieber Siege sehen als Niederlagen und zwar nicht morgen oder übermorgen sondern heute. Deshalb hören wir vor einer Saison, es geht um den Klassenerhalt mit jungen Spielern. Den wollen wir aber dauerhaft ungefährdet auf Platz vierzehn, und der Trainer muss gehen, wenn das nicht klappt. So geschehen in dieser Saison in Nürnberg. Deshalb hören wir vom Ziel gesicherter Mittelplatz. Wird der aber mit unattraktivem Fußball erreicht, ist das nicht recht. So geschehen in Köln.

Vielleicht drückt sich in Unzufriedenheit der Zuschauer ein unaufhebbarer Widerspruch der Unterhaltungsbranche Fußball aus? Oder hat sich die Unterhaltungsbranche bislang nur zu viel Gedanken über die Ertragsoptimierung gemacht und zu wenige wie der Geschäftsführer vom DSC Arminia Bielefeld Heinz Anders. „Wir wollen, dass sich Arminia demnächst nicht nur am Tabellenstand messen lässt, sondern vor allem am ‚Arminia-Gefühl'“, hatte er im März gesagt. Auf die Unterhaltungsbranche Bühnenbetrieb angewendet heißt das, die kulturelle Identität des klassischen Schauspiels in einem Musical-Theater des Londoner Westends unterzubringen. Ob das klappt? Dieser Fußball hat jedenfalls ein Problem, und das ist nicht der sportliche Misserfolg einzelner Vereine.

Was haben Arminia Bielefeld und MSV Duisburg gemeinsam

Vielleicht stricken gerade im Ostwestfälischen ein paar Arminia-Fans an einer Verschwörungsgeschichte zum Verlauf dieser Zweitliga-Saison. Ich sage schon jetzt, diese Verschwörungsgeschichte stimmt nicht. Roland Kentsch ist nie ein U-Boot Walter Hellmichs gewesen. Als Geschäftsführer von Arminia Bielefeld hat Roland Kentsch in eigener Verantwortung und im alleinigen Auftrag seines damaligen Arbeitgebers gehandelt. Zu keinem Zeitpunkt hat Roland Kentsch an die Interessen des MSV Duisburg während der Spielzeit 2009/2010 gedacht.

Hauptsächlich geht mir aber etwas anderes durch den Kopf, seitdem ich von den Sanktionen der DFL gegenüber Arminia Bielefeld gestern mehrmals gehört habe. Zwei O-Töne des derzeitigen Geschäftsführers von Arminia Bielefeld, Heinz Anders, waren bei längeren Meldungen stets dabei. Auf der Seite vom DSC Arminia Bielefeld kann man diese O-Töne nachlesen. Im O-Ton Nummer 1 war Heinz Anders froh, „die Chance zu haben, nun eine Saison zu planen, die auf eigenen Berechnungen und nicht auf Zahlen anderer beruht.“ Dieser Satz sitzt, und er lässt uns Anhänger des MSV Duisburg noch ein paar Kerzen mehr aufstellen bei unseren Fürbitten darum, dass Roland Kentsch als einer dieser, wenn nicht der „andere“ aus seinen Erfahrungen bei der Arminia in Sachen Risikobereitschaft einiges gelernt hat.

Und ein zweiter O-Ton von Heinz Anders verweist auf eine Gemeinsamkeit all jener Vereine, die sich im steten Wechsel zwischen erster und zweiter Liga befinden. Es ist ein Gedanke für die Zukunft. Darum müssen sich all diese Vereine kümmern, und die Pointe dabei ist die, dass die Zeit im Fußball dafür nie so gut war wie jetzt. Heinz Anders sagte: „Wir wollen, dass sich Arminia demnächst nicht nur am Tabellenstand messen lässt, sondern vor allem am ‚Arminia-Gefühl“. Ersetze „Arminia“ durch den entsprechenden Verein der Stadt oder Region und deine Aufgabe im Verein neben dem Sport ist klar umrissen.

So wird Hoffnung wachsen: „Wir schauen nur auf uns“

Am Freitag verlor bereits Arminia Bielefeld, und am Samstag fuhren Fortuna Düsseldorf und der FC Augsburg mit Niederlagen von ihren Auswärtsspielen nach Hause. Ist es deshalb nicht gut, dass wenigstens der FC St. Pauli am Sonntag gewonnen hat? Der MSV Duisburg braucht zwar noch weitere Niederlagen der Hamburger, doch frage ich mich, können die Spieler des MSV Duisburg drei Tage hintereinander Aufstiegshoffnungen ignorieren und dadurch so konzentriert bleiben, wie es für ein siegreiches Spiel gegen den TSV 1860 München heute Abend notwendig ist? Vielleicht kommt der Sieg vom FC St. Pauli gerade recht, so dass diese Aufstiegshoffnungen im Verein wieder ein wenig gedämpft werden? Für Niederlagen vom FC. St. Pauli bleibt noch Zeit.

War die Mannschaft des MSV Duisburg einen Spieltag erfolgreich, desto entschiedener muss sich das Trainerteam darum kümmern, die Aufmerksamkeit der Spieler von den Spielergebnissen der vier Vereine auf den Plätzen 2 bis 5 wegzunehmen. So einfach ist das nämlich nicht mit der alten Fußballermaxime, wir schauen nur auf uns.  Sollte dieser Satz nämlich nicht Zustandsbeschreibung sondern ein Vorsatz sein, wird es schon schwierig. Nur mit Vorsätzen lässt sich unsere Psyche nämlich nicht beeinflussen.  Das muss auf Umwegen geschehen und braucht Unterstützung, die Verwirklichung so eines  Vorsatzes. Denn mit dem Vorsatz rückt genau das ins Bewusstsein, woran wir eigentlich nicht denken wollen. Wir können es nicht aussprechen: Heute Abend denken wir nicht an die Niederlagen der anderen Vereine. Im selben Moment haben wir schon daran gedacht und dieses Denken wird Wirkung zeigen. Manche wird es antreiben, andere wird es hemmen. So verschieden sind wir Menschen, und deshalb ist das nicht so einfach mit dem „Wir schauen nur auf uns“.

Deshalb kennen wir Fans vom MSV Duisburg seit einiger Zeit diese besonders unangenehme Erfahrung: Die Möglichkeit, dass sich unsere Hoffnungen rund um den MSV Duisburg noch erfüllen, wird wieder größer. Genau dann aber, genau dann, wenn die Hoffnung am größten ist und die Enttäuschung wieder besonders tief treffen kann, dann begegnen wir ihr auch, dieser Enttäuschung. So soll es heute Abend hoffentlich nicht werden. Aber es wäre schon schön gewesen, wenn der MSV Duisburg gerade an diesem Spieltag schon Samstag hätte antreten dürfen. Dann hätte es die Mannschaft etwas einfacher gehabt nur auf sich schauen.

Immer weiser werden mit dem MSV

Am Abend zuvor sah Der Westen „harte Zeiten“ für den MSV Duisburg anbrechen, einen Tag später schon hatte, zumindest in der Duisburger NRZ-Sportredaktion, die Hochphase dieser Zeit bereits begonnen. Denn „Kensch soll beim MSV die Lizenz retten“. Manchmal beschleunigt sich das Lebenstempo nur durch Worte. Dabei klagt die Welt allerorten über die Hektik der Gegenwart. „Ex-Armine darf beim MSV ran“, so was in der Art hätte es auch getan. Von neuen Fakten zur finanziellen Situation war nämlich nichts zu lesen. Es mag sein, dass der MSV Duisburg einen Retter braucht. Wenn jemand aber so genannt wird,  dann will ich vorher mehr als nur ein bedrohliches Grummeln lesen von dem, was da noch alles kommen kann.

Das soll aber nur eine Randbemerkungen sein. Eigentlich geht es mir um dieses stete Wachsen von Lebensweisheit, das uns Anhängern des MSV Duisburg im Verlauf der letzten Jahre durch die Personalentscheidungen des Vereins so oft ermöglicht wird. Wir befinden uns auf dem Pfad der Erleuchtung. Yin und Yang; die Kehrseite einer Medaille; jedes Ding hat zwei Seiten; alles ist richtig, auch das Gegenteil; solche Einsichten, die Menschen oft erst nach langem Leben formulieren, all das dürfen wir Anhänger des MSV Duisburg allein durch eine Personalentscheidung empfinden.

In anderen Vereinen mag es so sein, dass mit jedem neuen Angestellten des Vereins die Hoffnung auf Erlösung neu einzieht in die Herzen aller Anhänger. Ins Unermessliche wachsen in solchen Vereinen aber Enttäuschungen, denn die Erlösung wird nicht ewig sein. Beim MSV Duisburg ist das anders. In diesem Verein offenbaren die meisten Personalentscheidungen den Zwiespalt allen Lebens von Anfang an. Sie bringen die Hoffnung in den Verein kraft des Neuen, und gleichzeitig gewähren sie den Blick auf die Fratze der uneingelösten Versprechungen.

Roland Kentsch wird neuer Geschäftsführer des MSV Duisburg. Sein Status in den Organisationen des Unterhaltungsgeschäfts Fußball wirkt zunächst beeindruckend. Seine Verbindungen und seine Kontakte mögen eine Rolle bei der Verpflichtung gespielt haben. Doch lese ich das hier in der Neuen Westfälischen vom 29. Mai 2009, muss ich tief durchatmen. Garniert man diesen Artikel mit Kommentaren aus Bielefelder Foren, dann scheint es so, als habe Walter Hellmich einen Bruder im Geiste gefunden. Was in Bielefeld zum Auftreten und Geschäftsgebaren von Roland Kentsch geschrieben wird, kommt uns bekannt vor.

Es wirkt so, als wolle sich Walter Hellmich in Zukunft tatsächlich ganz aus dem Tagesgeschäft beim MSV Duisburg heraushalten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ohne klare Kompetenzabgrenzungen selbst nur auf mittlere Frist Hellmich und Kentsch ohne starke Konflikte zusammen arbeiten können. Im Grunde haben wir jetzt endlich beim MSV Duisburg auf der Führungsebene die Personalkonstellation, die wir so lange vermisst haben. Ich hoffe, es ist nicht zu spät.

Wie nach der Verpflichtung von Milan Sasic hoffe ich auch für Roland Kentsch, dass er aus seinen Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Sorgen bereitet mir da zum einen das Übertreten von Kompetenzen. Kentsch hat in Bielefeld anscheinend immer wieder Entscheidungen der sportlich Verantwortlichen in Frage gestellt. Zum anderen erwies er sich bei der Personalführung auch nicht unbedingt als ein Vertreter zeitgemäßer Praktiken.

Das entspräche dann allerdings der Pädagogik des Trainers Milan Sasic. Das kann eine sehr interessante gruppendynamische Erfahrung für das Führungstrio  des MSV Duisburg werden, gesetzt den Fall Walter Hellmich hält sich tatsächlich weitest gehend aus dem Tagesgeschäft heraus. Bruno Hübner hätte wieder einen potentiellen Bad Guy an seiner Seite. Darüber müsste allerdings intern Einigkeit herrschen. Denn an dieser Stelle herrscht gleichzeitig das größte Konfliktpotential.

Mit Misstrauen begegne ich Roland Kentsch nicht, sondern mit Realismus und besagter Lebensweisheit.

Auswärtsjubel auf Bielefelds Möchtegernflughafen

Immer wieder gibt der Fußball Gelegenheit dazu, sich mit den großen Fragen des Lebens auseinander zu setzen.  Sehr oft beschäftigen wir uns nämlich nach einem Spieltag damit, was eigentlich die Wirklichkeit ist? Welche Tatsachen gibt es da unabhängig von uns? Und wo ist diese Wirklichkeit nur das, was wir in diesen Tatsachen sehen? Der MSV Duisburg gewinnt gestern Abend bei Arminia Bielefeld mit 2:1, und was lese ich heute in diesem Zeitungartikel? Während die Niederlage Arminia Bielefeld im Aufstiegskampf  „schwer zurückgeworfen“ habe, sei der Verein aller Vereine „zurück im Aufstiegsrennen“. Ein bisschen stimmt das. Allerdings für mich nur dann, wenn ich es nicht ausspreche. Sonst stimmt es einfach nicht. Die Arminia hat immer noch zwei Punkte mehr als der MSV Duisburg, und ob da jetzt tatsächlich eine der beiden Mannschaften irgendwas mit dem Aufstieg zu tun haben wird, hängt weiterhin mehr von Krisen der führenden Mannschaften ab als von der spielerischen Qualität in Duisburg oder Ostwestfalen.

Das soll jetzt als Stimmungsdämpfer reichen, denn natürlich trägt die gute Laune von gestern noch immer. Ein verdienter Sieg war das, und von einer „Mordsportion Dusel“ kann trotz des Eigentores keine Rede sein. Arminia Bielefeld stand gestern vor jener Aufgabe, die den MSV in den meisten Heimspielen ebenfalls überfordert. Den Arminen fehlte die spielerische Qualität wirklich gefährlich vor das Tor der gut verteidigenden Duisburger zu kommen. Sie waren vor allem in der ersten Halbzeit hilflos. Dagegen konnte der MSV Duisburg im Spiel nach vorne den Ball in den ihnen gelassenen Freiräumen gut behaupten und mit einigen schnellen Spielzügen sogar gefährlich vor das Tor der Arminia kommen. Ähnliche Worte mit umgekehrten Vorzeichen habe ich für Heimspiele des MSV Duisburg in dieser Saison schon oft benutzt.

Auch den Verlauf des Spiels nach der Pause kannte ich. Die Heimmannschaft kommt auf den Platz und beginnt druckvoller. Manchmal fällt dann der Ausgleich so wie dieses Mal. Aber auch dieses Tor erzielt Bielefeld nicht aus dem Spiel heraus. Auch in der zweiten Halbzeit habe ich die Arminia zwar bemüht aber letztlich zu ungefährlich gesehen. Nach dem Ausgleich war das Spiel sehr umkämpft und nach und nach gelang es dem MSV Duisburg, den Ball immer mehr bereits wieder im Mittelfeld zu erobern. Das wurde dann manchmal ein wenig Ballgeflipper zwischen den Mannschaften, gute Ansätze im Konterspiel des MSV Duisburg waren aber zu erkennen. Endlich gab es die Versuche, diese Konter über zwei oder Stationen zu spielen und nicht nur über den Spieler, der sich den Ball erobert hatte. Es mangelte dann immer noch häufig an Präzision beim Zuspiel,  obwohl einer dieser Konter schließlich zum Siegtreffer führte.

Womöglich lag es an der aufziehenden Erkältung, aber mir gelang es gestern nicht, meine Aufmerksamkeit auf einzelne Spieler zu richten. Das war ein komisches Erlebnis. Es war ein wenig so wie in einem Ritterfilm aus den 60er Jahren, bei dem die entscheidende Schlacht der Guten gegen die Bösen nur in der Totale gefilmt ist. Die Guten trugen gestern übrigens zum ersten Mal grüne Trikots, was uns zunächst verwirrte, weil wir sieben, acht Minuten zu spät ins Stadion kamen.

Wir hasteten die Treppe hoch und hörten unter der Tribüne die anfeuernden MSV-Fans, der Blick aufs Spielfeld: eine Mannschaft in grünen Trikots kommt dem gegnerischen Tor sehr nahe. Ist das nun in Ordnung oder nicht? Neben uns schwillt die ahnende Begeisterung an, der Ball fliegt in die Mitte und es muss in Ordnung ein, diese Torgefahr. MSV-Fans können sich nicht irren. Tor! Jubel!

Der perfekte Zeitpunkt, um ins Stadion zu kommen? Nein, ein wenig früher wäre mir viel lieber gewesen. Doch entweder leben in Ostwestfalen die ängstlichsten Deutschen oder Bielefeld ist neidisch aufs benachbarte Paderborn, weil der Flughafen der Region dort angelegt wurde. Die Sicherheitskontrolle vor dem Einlass war jedenfalls flughafenreif. Ein zweistufiges Verfahren mussten wir durchstehen und wie ich beim Warten erfuhr, kannten ein paar der Fans das Abtasten auch schon vom Bahnhof. Zunächst gelangten wir in einen äußeren Sicherheitskorridor und wurden am Eingang abgetastet. Größere Taschen und Rucksäcke mussten abgegeben werden. Kleinere Taschen wie meine Kamerataschen wurden durchsucht. So weit bekannt.

Im äußeren Sicherheitsgürtel gelangte man dann über einen schmalen Fußweg zu Kassenhäuschen und Stadioneinlass. Dort wurde das ganze Prozedere noch einmal vorgenommen. Abtasten, und dieses Mal inklusive detaillierter Befragung:

Junger Sicherheitsdienstleister tastet Fan mittleren Alters ab. Kurze Irritation beim Sicherheitsdienstleister an der rechten Mantelhälfte. Sicherheitsdienstleister: Was ist das?
Fan (mit ins Gesicht geschriebener Harmlosigkeit): Ein Portemonnaie.
Sicherheitsdienstleister (kennt Harmlosigkeit als Maske der Unschuld von Mördern, Terroristen und Kriegsverbrechern): Würden Sie es bitte öffnen.
Fan holt mühsam Portemonnaie aus Mantelinnentasche heraus und öffnet es. Musternder, sehr kritischer Blick von Sicherheitsdienstleister auf Karten und anschließend auf Münzen. Er nickt.
Sicherheitsdienstleister: Ihre Kameratasche müssen Sie vielleicht abgeben.
Fan: Aber vorne …
Sicherheitsdienstleister: Wenden Sie sich bitte an den Herrn dort. Sicherheitsdiensleister winkt nach hinten. Chef, gucken sie mal.
Fan geht zu Chef, der an einem Tisch steht.
Chef: Stellen Sie die Tasche bitte dorthin.
Fan, allmählich genervt und auf das Raunen von Rängen achtend, stellt die Tasche auf den Tisch.
Chef: Würden Sie bitte öffnen.
Fan: Meine Kamera.
Chef: Schalten Sie sie bitte ein.
Fan seufzt, holt Kamera raus, schaltet sie ein, zeigt Display und sieht Chef fragend an. Chef nickt.
Chef: Und hier?
Fan öffnet kleinere schmale Tasche unterhalb der eigentlichen Kameratasche. In der Tasche befindet sich ein unbeschriebenes kariertes Blatt Papier. Chef zieht das Papier etwas heraus und sieht in den schmalen Spalt hinein. Dann sieht er den Fan streng an.
Chef: Das dürfen sie eigentlich nicht mitnehmen.
Fan sieht in die Tasche und holt blauen Plastikkugelschreiber mit Werbeaufdruck „Marienhospital Mülheim/Ruhr“ heraus. Seine Miene schwankt zwischen Ärger, Ungeduld und Ungläubigkeit. Chef macht Anstalten in einen benachbarten Container zu gehen.
Fan (aufwändigen Gepäckaufbewahrungsvorgang vermutend): Wissen Sie was, ich schenke ihnen den.
Fan gibt Chef blauen Plastikkugelschreiber mit energischer Geste. Chef nimmt den blauen Plastikkugelschreiber und hält ihn prüfend vors Gesicht. Es sieht so aus, als ob er sich fragt, lohnt es sich den blauen Plastikkugelschreiber anzunehmen? Oder handelt es sich dabei gar um Bestechung? Währenddessen nimmt  Fan die Kameratasche und geht am Chef vorbei. Chef steckt blauen Plastikkugelschreiber ein und sieht gedankenverloren darüber hinweg, dass Fan ohne ausdrückliche Erlaubnis ins Stadion geht.

Die Kameratasche samt wichtigstem Inhalt  mitzunehmen hat sich aber auf jeden Fall gelohnt.

Das ist mal eine Anekdote über die Bielefelder Alm

Über die Frage wie die Bielefelder Alm zu ihrem Namen kam, lässt sich heute nur noch spekulieren. Schon in den Anfängen des Bielefelder Fußballs sollen die Clubmitglieder nach dem Fußballspiel nicht gerne nach Hause gegangen sein. So saßen sie gerade an den warmen Sommertagen nach manchem Fußballspiel noch beisammen, lachten, erzählten und sangen nur allzu oft die damals populären Schlager. Das Clubmitglied Heinrich Pehle war einer der wenigen Ostwestfalen jener Zeit,  die eine Wandergitarre besaßen und zudem noch darauf spielen konnten.

War die Zeit fortgeschritten, so griff er zu seinem Instrument und schlug die Akkorde an. Nicht selten unterbrachen dann junge Ostwestfälinnen ihren Spaziergang und hörten den stimmungsvollen Liedern zu. Einmal lud der stattliche Mittelstürmer Arnold Giesen zwei besonders ansehliche junge Frauen ein, sich zu ihnen zu setzen. Doch die zwei Frauen kicherten verlegen und gingen ihres Weges. Arnold Giesen muss aber großen Eindruck auf die zwei Frauen gemacht haben. Es vergingen nur noch wenige Fußballnachmittage, an denen die zwei Schönheiten nicht bei den lachenden und verschwitzten Männern vorbeikamen. Man scherzte dann ein wenig, und manch schmeichelnder Blick wurde aus der Männerrunde hinüber geworfen.

Allerdings vergaßen die zwei Ostwestfälinnen niemals die Anstandsregeln dieser Zeit. Von ihren Eltern wussten sie, es war nicht schicklich den Schotterweg zu verlassen und sich gemeinsam mit den elf Freunden des Fußballs in der Öffentlichkeit zu zeigen. Doch an einem besonders sonnigen Tag, nach einem überragenden 5:0-Sieg gegen Preußen Oldentrup rief Heinrich Pehle im Überschwang seiner Freude den beiden Frauen zu: „Kommt doch endlich herüber, ihr Schönheiten dieser Welt,  hier sind wir auf der Alm, hier gibt es koa Sünd.“ Die beiden Frauen sahen sich fragend an, dann ging ein Leuchten über ihre Gesichter und sie hüpften über das Gras und stimmten ein in den noch heute so populären Schlager „Mein kleiner grüner Kaktus.“ Arnold Giesen heiratete ein Jahr später die eine der beiden Frauen. Heinrich Pehle konnte das Herz der anderen gewinnen. Noch in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts besuchten die zwei Paare regelmäßig die Spiele von Arminia Bielefeld und erinnerten sich schmunzelnd daran, wie es einst dazu kam, dass dieses Bielefelder Stadion so einen ungewöhnlichen Namen trägt.

Ich möchte behaupten, die bei Arminia Bielefeld erzählte Anekdote verblasst hinter solch schönen Schnurren, wie sie ab nun in Duisburg kursieren. Angesichts der dünnen ostwestfälischen Geschichte verwundert es nicht, dass die „Alm“ sofort in SchücoArena umbenannt wurde, nur weil da Herr Schüco vorbeikam und beim Anblick des gepflegten Naturrasens  ausrief: „Hier siehts ja aus wie bei Schücos damals im Garten. “ Ich hoffe natürlich, heute Abend werde ich auch vom MSV Duisburg so einen deutlichen Qualitätsunterschied gegenüber Arminia Bielefeld zu sehen bekommen. Zumal ich jetzt gleich in den Zug steige. In Duisburg steht ein Freund am Bahnsteig und in Bielefeld wartet der Duisburger Exilant. Wir wollen was geboten bekommen.

Programmhinweis: Peter Közle im Interview

Die Fans von Arminia Bielefeld werden mit einem besonderen Interview auf das Heimspiel gegen den MSV Duisburg vorbereitet. Was Peter Közle über den gegenwärtigen MSV erzählt, wissen wir natürlich selbst genauso gut, aber wer sich für ein paar Home-Story-Sätze vom ehemaligen MSV-Spieler interessiert: Bitte schön!

Totalverlust von allem

Das war schlecht. Das war sehr schlecht. Das war ganz und gar nichts. Darüber gibt es hier keinen Zweifel und auch hier nicht. Einen großen Zweifel habe ich allerdings daran, irgendeinen Spieler des MSV Duisburg in dieser Partie besonders verantwortlich für diese Niederlage zu machen. Frank Fahrenhorst steht da ja zu seinem großen Glück leider nicht zu Verfügung. Was hätte er sich sonst alles anhören müssen. Wenn sich Sven Kowalski und Thomas Tartemann sich stattdessen die gesamte Abwehr vornehmen und Tiagos Leistung gesondert, halte ich das für ein wenig kurzsichtig. Was soll eine Abwehr machen, wenn der Ball bei der Vorwärtsbewegung in der eigenen Hälfte verloren geht? Diese Abwehr hatte keinen größeren Anteil an der Niederlage als das völlig überforderte Mittelfeld. Und was ist mit der taktischen Marschroute, die schon unter Bommer nicht funktionierte? Hohe, weite Bälle auf Sandro Wagner? Was ist mit der Einsatzbereitschaft, die mit nichts anderem zu tun hat als dem Willen gemeinsam und geschlossen aufzutreten? Was ist in dieser Mannschaft in den letzten 14 Tagen geschehen?

War Kouemaha das integrative Zentrum von etwa 20 Leuten? War er der große Bruder, der immer dafür gesorgt hat, dass dieser ganze Haufen mal auf den Vater Peter Neururer hört? Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Und trotzdem wirkt das so, als habe diese Mannschaft gestern aus lauter Kleingruppen und Einzelspielern bestanden? Wie kann es sein, dass Änis Ben-Hatira nach ungefähr 20 Minuten den Eindruck erweckt, als ginge ihm irgendwas ganz gehörig gegen den Strich? Ist es ihm zu Kopf gestiegen, dass er kaum zurück in Duisburg bereits in der Startelf steht?

Haben die Ausfälle von Yankov und Caiuby das Spielvermögen derart beschränkt, dass das Mittelfeld nicht überbrückt werden konnte? Sören Larsen war natürlich noch nicht wirklich eingebunden in dieses Spiel. Aber wo sind Laufwege von Spielern geblieben, die die Vorbereitungszeit mitgemacht haben. Ist das alles weg, weil Yankov fehlte. Ist da ein Mann so wichtig? Aber in Kaiserslautern war er doch dabei. Ein so offensichtlicher Unterschied in der Spielanlage war die Sicherheit im Kombinationsspiel. Beim MSV Duisburg wurde der Ball nicht sofort gespielt, sondern von einem Spieler ersteinmal über Meter am Fuß geführt. Bielefeld versuchte fast immer diesen schnellen Pass. Und es war ebenso offensichtlich, dass es da diese Laufwege gab. Da ging der Ball dann manchmal ins Nirgendwo, weil der Spieler, der sich dort eigentlich hätte befinden müssen, noch nicht da war. Aber über die gesamte Spielzeit haben sie sich eben so ihre Chancen und letztlich die Tore erspielt.

Ich habe heute nicht viel Zeit, und womöglich gibt es morgen mit ein wenig Abstand einen etwas durchdachteren Text. Meinen Plan, den gesamten Text dem Niveau des gestrigen Abends anzupassen, habe ich fallen gelassen. Mein erster Gedanke war nämlich, die Leistung der Mannschaft ist so unbestreitbar schlecht gewesen, dass es müssig sei, sich dazu detailliert zu äußern. Da könne doch vielleicht wenigstens auf diese besondere Weise des Schreibens noch ein wenig Spaß herumkommen. Doch das Misslingen als im weitesten Sinne künstlerisches Schreiben auf eine unterhaltsames Weise zu gestalten ist harte Arbeit. Das wissen etwa Slap-Stick-Komiker ganz besonders. Und dieser Aufwand an Arbeit schien mir, nicht nur wegen der zu knappen Zeit, einem solchen Abend wie gestern nicht ganz angemessen.

Dass ich Karten für Mönchengladbach und Oberhausen habe, liegt mir außerdem heute mit Sicherheit auch noch schwer im Magen.


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