Halbzeitpausengespräch: Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image

Dresden macht damit seit einem Jahr seine Erfahrungen, Baden-Württembergs Wirtschaftsförder vor einigen Jahren ebenso und, wie jüngst zu lesen war, das Ruhrgebiet mal wieder auch. Ein schlechtes Image entsteht, war vorhanden, ist immer noch da. Letzteres gilt für das Ruhrgebiet. Die Ruhrstadt hätte ich gerne geschrieben. Ein Name dieser Art gefällt nicht im Ruhrgebiet, wie ich in dem Artikel lesen kann, und so gerate ich mitten ins eigentliche Thema, das hinter diesem schlechten Image steht, die Identität. Der Name „Ruhrgebiet“ ist nach Meinung der Befragten einer Studie die „griffigste“ Bezeichnung für das, was ich eben gerne Ruhrstadt nenne. Ob Ruhrstadt zur Namensauswahl stand? Keine Ahnung. Hört ihr mein Seufzen? Wo soll man nur ansetzen bei  diesem Artikel mit seinem resignativen Ton über die einer Studie abgeleiteten Erkenntnis, dass das Ruhrgebiet ein schlechtes Image hat?

Ich frage mich zum Beispiel, wieso bei diesem schnellen Schluss zwischen Attraktivität für Arbeitnehmer sowie Unternehmen und dem Image des Ruhrgebiets Strukturfragen nicht einmal erwähnt werden? Vielleicht soll ich aber auch beim Schrecken und dem Klagen selbst anfangen, also bei der Enttäuschung, dass dieses Ruhrgebiet weiterhin zunächst mit der Industrie verbunden wird. Bei welchen Bildern genau und in welcher Perspektive entsteht dann ein „schlechtes Image“? Industrie gehört nun einmal zum Wesenskern der Ruhrgebietsgeschichte. Vielleicht bezieht sich das „schlechte Image“ ja auch mehr auf die vermutete Lebensqualität? Oder sollte ich doch erst bei dem kurzen, wenig beachteten Einschub beginnen, bei den Bewohnern der Ruhrstadt selbst sei das industrielle Image ihrer Heimatregion weiter gefestigt? Alles hängt mit allem zusammen. Wer glaubt, dass dabei eine Imagekampagne hilft, glaubt auch an Feen und böse Geister.

Ich lasse mal all die Strukturfragen links liegen, die  eigentlich immer gleichzeitig erwähnt werden müssten, sobald das Wort Image nur auftaucht. Stattdessen also Imagekampagne als mögliche Abhilfe! Eine Frage habe ich sofort: Wie sollen die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets irgendein anderes Bild dieser Region gewinnen, wenn die Ruhrstadt selbst sich ihrer Identität nicht sicher ist. Vor der Beschäftigung mit dem Fremdbild steht doch zu allererst ein Reden im Inneren, getreu dem alten Psychologen-Rat, verändere dich selbst, um den anderen zu ändern.

Dieses Reden aber findet nicht öffentlich statt. Es gibt Gremien, die Arbeitsaufträge haben. Es gibt Menschen, die dafür bezahlt werden, positive Geschichten über das Ruhrgebiet in die Welt zu bringen. Aber wo sind die interessierten unabhängigen Stimmen des Nachdenkens? Eine Art Gegenöffentlichkeit kritischer Stimmen findet sich gerade im Netz häufig. Aber es fehlt ein populäres Medium im Ruhrgebiet, in dem eine interessierte Öffentlichkeit sich ihrer selbst wenn nicht als Ruhrstädter so doch als Ruhgebietsbewohner mit gemeinsamer Geschichte vergewissert. Der Funke-Konzern bietet dieses Medium mit seinen Zeitungen nicht.

Gibt es diese Öffentlichkeit wenigstens in Ansätzen überhaupt? Ich weiß das nicht. Diese Öffentlichkeit wäre aber eine Voraussetzung, damit Identität beredet und Veränderungen bewusst gehalten werden können. Wer sich seiner Identität nicht sicher ist, muss sich auf den Weg machen, diese Identität in der öffentlichen Debatte zu klären. Erst dann werden all die Stimmen der jungen Menschen deutlich erkennbar, die Industrie als eine Traditionslinie ihrer Identität nutzen, ohne dass sie bei dieser Vergangenheit stehen bleiben. Und diese jungen Menschen gibt es. Ich lese ihre Sicht auf die Welt des Ruhrgebiets als Einzelstimmen im Netz.

Mit der Diplomarbeit von Claudia Höllwarth lässt sich schnell ein Blick auf die Wirkung von Imagekampagnen am Beispiel für Baden-Württembergs  „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ werfen. Die Kampagne gilt als sehr erfolgreich, doch um eins der Diplomarbeits-Ergebnisse auf den Punkt zu bringen: So eine Imagekampagne kann vielem nutzen, aber eines erreicht man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht, die Veränderung eines lange bestehenden öffentlichen Bildes. Man kann gezielt Wirtschaftsaktivitäten fördern. Da sind wir dann aber sofort wieder bei den unterstützenden wirtschaftlichen Strukturen, die Grundlage sein müssen für jede Kampagne. Man kann Tourismus fördern, was ja schon recht erfolgreich geschieht. Aber Imageänderung? Sprich: Wer auch immer sich mit dem Image des Ruhrgebiets auseinandersetzt, wird sich wohl oder übel damit beschäftigen müssen, dass er noch so oft die Vielfalt von Kultur, Grün und Freizeitmöglichkeiten lobpreisen kann, die Industriearbeit als Bild für diese Region wird immer mit dabei sein.

Was uns zurück zur Lebensqualität führt, die ja von außen anscheinend nicht wahrgenommen wird, obwohl es sie gibt. Doch auch innen wird sie nur anekdotisch wahrgenommen, als individuelles Erleben, einmal mehr deshalb, weil es keine Ruhrgebietsöffentlichkeit gibt. Wer über das Image des Ruhrgebiets klagt und etwa die Vielfalt der Kultur als Beispiel anführt, der muss diese Kultur als öffentliches Ereignis leben und erzählen. Zunächst braucht das Ruhrgebiet im Inneren die starken Bilder und Geschichten. Die Entwicklung der Oper in Dortmund müsste ein Thema für das Essener Kulturpublikum sein, die Off-Theater-Szene müsste sich als Szene überhaupt erst finden. Die Schließung der Duisburger Mercatorhalle müsste auch in Bochum Entsetzen hervorrufen.

Das ist alles nicht gegeben. Wer aber die Kultur als Standortvorteil des Ruhrgebiets aufs Schild hebt, muss wenigstens im eigenen Alltag mit seinem Verständnnis von Ruhrgebietskultur dazu beitragen. Wer als Ruhrstädter das Kulturangebot nicht  selbst wahrnimmt, kann niemanden mit schönen Worten überzeugen, wie toll es sich in all diesen Stadtteilen der Ruhrstadt leben lässt. Ach ja, es sind ja keine Stadtteile. Es sind ja alles einzelne Städte.

Ein anderes Beispiel für die fehlende Ruhrgebietsöffentlichkeit: Feridun Zaimoglu hat vor einiger Zeit den in Duisburg sowie Bochum handelnden Roman „Ruß“ geschrieben und den Anspruch formuliert, eine Ruhrgebietswirklichkeit der Gegenwart zu zeigen, die gerade untergeht und sie auf diese Weise zu bewahren. Er wollte sich also einer zentralen Identitätsfrage der Region annehmen. So ein Roman hätte Anlass zu einer Debatte sein können. Ich finde, er hat seinen Anspruch mit dem Roman nicht eingelöst. Nach meinem Empfinden hat er für seinen Blick auf die Ruhrgebietswirklichkeit keine passende Geschichte gefunden. Der Notausgang war die eine wilde Spannungshandlung um ein Verbrechen. Der Roman bekam natürlich seine Geschichte in den Medien des Ruhrgebiets. Schließlich wird die Region nicht oft zum Thema in Romanen bundesweit renomierter Autoren. Es gab also  Rezension und reportageartige Berichte über den Aufenthalt Zaimoglus im Ruhrgebiet. Man durfte geschmeichelt sein, weil der Autor nicht mit Lob sparte über diese von ihm als untergehend wahrgenommene Arbeiterwirklichkeit. Ob die Imagebeobachter grimmig die Augen gerollt haben? Was für eine Steilvorlage für eine Debatte zur Ruhrgebietsidentät. Nichts geschah.

Ohne dieses öffentliche Reden können noch so viele kulturelle Großereignisse im Ruhrgebiet geschehen, können noch so viele Freizeit- und Ausflugsmöglichkeiten genossen werden, es wird sich am öffentlichen Bild anderswo nichts ändern, weil irgendein anderes als das bekannte von der Industrie geprägte Bild nicht einmal im Inneren der Region gefestigt ist. Statt über Imagekampagnen nachzudenken sollte Geld dazu genutzt werden, ein Debattenmedium zu subventionieren. Das Ruhrgebiet braucht starke und auch populäre, unabhängige Stimmen, die sich zur Ruhrstadt äußern. Nur dieses öffentliche Reden bringt Bewegung in die Sache.

Wollen sich die Ruhrstädter bewegen lassen? Es gibt doch viele, viele Bewohner dieser Region, die anekdotisch darüber sprechen, wie gerne sie im Ruhrgebiet wohnen. Es gibt kleine Unternehmen, die wirtschaftlich erfolgreich sind. Es gibt junge kreative Menschen, die zusammen jenes Milieu entstehen lassen, das eine Großstadt lebendig werden lässt. Es gibt die Menschen, die für die Region eintreten und nicht nur ihr kleines Umfeld meinen. Aber vielleicht empfinden sie so ein Reden und Nachdenken als überflüssig? Lauter Fragen, auf die eine Imagekampagne keine Antwort geben wird.

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1 Response to “Halbzeitpausengespräch: Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image”



  1. 1 Oh Gott, das Ruhrgebiet – Was für ein Image | Orte im Ruhrgebiet, die uns Geschichte erzählen Trackback zu 24. Oktober 2015 um 10:20

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