Weggelesen – 71/72. Die Saison der Träumer von Bernd-M. Beyer

Wenn ältere Menschen sich an die Vergangenheit erinnern, beschäftigt sie in der Neuzeit zugleich oft auch die Veränderung ihrer eigenen Welt. Inzwischen haben Gesellschaften sogar Schwierigkeiten mit dem Tempo der Verändungen. Es bleibt keine Zeit mehr, einen scheinbaren Zustand des Normalen zu bestimmen. Einen Zustand, auf den wir uns alle beziehen können und bei dem wir dann das Gefühl haben, wir streiten über dieselben Dinge.

Vielleicht ist deshalb der Fußball auch so wichtig geworden in der Gegenwart. Er lenkt ab von den wahren Problemen auf dieser Welt, und er erlaubt uns das Gefühl, wir wissen, wovon wir sprechen. Im Fußball kann der Einfluss des Gelds auf Leben und Erfolg so klar benannt werden, und trotz aller Unterschiede haben wir als Anhänger eines Vereins zudem Anteil an einer gemeinsamen Geschichte. Auch deshalb hat diese ominöse Tradition so große Bedeutung erhalten.

In der Bundesligasaison 71/72 war das alles anders. Bernd-M. Beyer hat mit 71/72 – Saison der Träumer ein wunderbares Buch über besagte Fußballsaison geschrieben. Zweifellos gilt das für Leser, die spätestens in den 1960ern geboren wurden. Ich frage mich allerdings auch, wie das Buch auf jüngere Leser wirkt. Das hängt mit dem Gestaltungsprinzip zusammen. Bernd-M. Beyer erzählt von Spieltag zu Spieltag zusammenfassend anekdotisch, Länderspieltage inklusive. Einordnende Erklärungen werden dabei elegant eingearbeitet.

Zudem montiert er das Fußballgeschehen mit der Bandgeschichte von Ton, Steine, Scherben in jenem Jahr sowie dem terroristischen Geschehen, das von der RAF bestimmt war. So schafft Bernd-M. Beyer einen ungemein lebendigen Einblick in einen spezifischen bundesrepublikanischen Alltag jener Monate. Ich kann mir dennoch vorstellen, dass jüngeren Anhängern des Fußballs eine solche Ereignisgeschichte zu gleichförmig ist, weil diese Vergangenheit auf sie fern wirkt. 

So anders war der Fußball in dieser Zeit. Die Bundesliga war vom Bestechungsskandal bestimmt. Das Zuschauerinteresse war gesunken. Die Saison wird geprägt durch den Zweikampf von Schalke und Bayern um die Meisterschaft. Es war die Gelsenkirchener Meineid-Mannschaft des Bestechungsbetrugs, in der die Spieler ihre Angst vor Strafverfolgung verdrängen mussten. Der politisierte und zugleich populärkulturell geprägte Zeitgeist war auch im konservativem Fußball angekommen – wenn auch selten in der Lebensführung der Fußballer. Vor allem die Frisuren waren ein Thema. Paul Breitner und Günter Netzer galten auf unterschiedliche Weise als Repräsentanten dieses Zeitgeistes. Beide vereinte zudem, dass sie in öffentlichen Stellungnahmen damals schon den Fußball als Teil des Wirtschaftssystem begriffen. Welch andere Bedeutung der Fußball in jener Zeit für die Gesellschaft besaß, zeigt sich vor allem nach Länderspieltagen. Die deutsche Nationalmannschaft damals war jene, die England im Wembley-Stadion auf grandiose Weise 3:1 besiegte und die die Europameisterschaft gewann. Von nationalem Freudentaumel keine Spur.

Bernd-M. Beyer gibt dem Geschehen außerhalb des Fußballs Tiefe, indem er Beweggründe der handelnden Menschen erwähnt und er für einzelne Ereignisse einen längeren zeitlichen Rahmen der Darstellung wählt. Neulich habe ich schon auf das Buch hingewiesen, weil der MSV Duisburg zweimal in einer für mich erwähnenswerten Nebenrolle genannt wurde und ich euch mit den entsprechenden Stellen schon mal einen Vorgeschmack geben wollte. Stil und Erzählweise lassen sich dort erkennen. Dass Fußballanfang des Bestechungsskandals und terroristisches Zeitgeschehen am Ende zusammenfallen, ist eine für mich so überraschende Pointe, dass ich sie nicht verraten möchte. Lest 71/72 – Die Saison der Träumer am besten ganz schnell selbst.

 

 

Bernd-M. Beyer
71/72. Die Saison der Träumer
Hardcover. 352 Seiten
ISBN: 9783730705407
€ 22,00

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