Clubfans United fragt – Kees Jaratz antwortet

Das müssten mal die Bremer oder Münchner Anhänger beantworten. Strahlte Valérien Ismaël schon als Spieler nach Niederlagen eine solch grimmige Entschlossenheit aus? Wenn man den Trainer des 1. FC Nürnberg  in der Pressekonferenz seines Vereins vor dem heutigen Pokalspiel gegen den MSV Duisburg sieht, möchte ich als Journalist eigentlich nur ganz vorsichtig Fragen stellen, auch wenn ich mir seiner Höflichkeit sicher sein könnte.
 
 
Nur gut, dass solche Entschlossenheit nicht zwangsläufig auf die Spieler übergeht. Warten wir also ab, wie das, laut Dennis Grote, „Riesenbonus“-Spiel sich heute Abend entwickelt. Gegenüber den Pokalspielen der letzten Jahre nehme ich das Spiel jedenfalls sehr viel weniger wichtig. Der Erfolg in der Liga ist in dieser Saison ungleich bedeutsamer als in den Spielzeiten der jüngsten Vergangenheit. Jedes Zeichen für die weitere Stabilität der Mannschaft würde mich dementsprechend heute fast genauso froh stimmen wie ein Sieg. Fast, wohlgemerkt.
 Gestern konnte ich mich auch mal wieder als Botschafter in Sachen MSV-Fantum für regionsverbindendes Verständnis einsetzen. Alexander Endl von dem Online-Magazin Clubfans United hatte ein paar Fragen per E-Mail rübergeschickt. Seine einleitenden Worte zum Beitrag bei Clubfans United zeigen, die Anhänger des 1. FC Nürnberg hegen eine Liga höher momentan ähnliche Hoffnungen und Zweifel wie wir in Duisburg. Hier also meine Antworten auf seine Fragen; kommentiert drüben, wenn ihr bei der Einschätzung zur Lage beim MSV anderer Meinung seid.
 
[Clubfans United] Hallo Ralf, wir begrüßen Dich in unserer Interview-Reihe „Von Fan zu Fan“. Wie im Vorfeld schon mal angesprochen – und vielleicht nochmal für die Leser als Zusammenfassung – geht es bei unseren Interviews weniger um das Tagesgeschäft Fußball, sondern wir nehmen die Gelegenheit des Aufeinandertreffens unserer Vereine wahr, um euch Fans in den anderen Farben ein wenig näher kennenzulernen. Daher auch meine erste Frage: Wie wird man eigentlich Fan des MSV Duisburg und was macht den Reiz des Vereines aus?
 Zunächst mal gehöre ich ja einer Generation an, für die es noch recht wahrscheinlich war, sich vom Verein der eigenen Heimatstadt begeistern zu lassen. Allerdings hielt sich das in Grenzen bei einem Siebenjährigen, als er mit seiner Mutter und deren Cousin zum ersten Mal im Stadion war. Der MSV gegen den 1. FC Kaiserslautern. So ein Fußballspiel konnte ganz schön langweilig sein. Richtig begeistert war ich erst nach der Grundschule, als ich in der fünften Klasse neuen Freunden begegnete, mit denen ich dann samstags ins Stadion ging. In die Gerade, wo damals 1972 im Wedaustadion die Stimmung gemacht wurde – in den Mob, so hieß die „Kurve“ damals. Seitdem gehört der MSV zu meinem Leben. Und der Reiz, soll man über Gefühle weiter nachdenken? Wir passen gut zueinander, der MSV und ich. Jeder macht das, was ihm am meisten Spaß macht. Ich stehe auf dem Rang, guck zu und schreibe. Der Verein kümmert sich um den Sport. Und all die Jahre hoffe ich immer wieder, wir verändern uns nicht so sehr, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben.

[Clubfans United] Du hast ein „Zebrastreifenblog“ – wie kam das, was passiert da und was liest man als Fan des MSV sonst so regelmäßig im Netz?

Begonnen habe ich den Blog, weil ich ein Medium abseits meines beruflichen Schreibens brauchte. Es gab ein paar Dinge, über die ich schreiben wollte, für die mir als Journalist oder Autor niemand Geld geben wollte. Ich wollte diesen Worten aber dennoch die Chance auf Öffentlichkeit geben. Das war zunächst nicht der Fußball oder der MSV als grundsätzliches Thema, ich wollte den Fußball nur zur roten Linie dieses Mediums machen. Mir ging es damals wie heute um Leben und Kultur im Ruhrgebiet und speziell Duisburg, das sich unter anderem auch beim Fußball ausdrückt. Darüber hinaus ist der Fußball in dieser Gesellschaft so wichtig geworden, dass mit ihm weitere Themen zu erzählen sind, seien es Fragen der Identität, seien es Diskussionen über Politik und Gewalt.

Was das Lesen angeht, bin ich einerseits eine Art Junkie, egal was an mir vorbeitreibt, es wird gelesen, da folge ich Links bei Twitter, Facebook oder der Link11 von Fokus Fußball. Das sind die Online-Ableger der klassischen Print-Medien. Das kann aber auch was völlig Abseitiges sein, Zufälliges. Andererseits habe ich viel zu wenig Zeit. Ich weiß, das geht fast allen so.

[Clubfans United] Und du bist ja auch Buchautor, wie kam es dazu?

Ganz pragmatisch. Ich verdiene mit Schreiben mein Geld – schon seit einer Zeit, als Texte von freien Autoren noch per Brief in die Redaktionen geschickt wurden, also lange vor dem Bloggen, und wenn ein Verlag eine Buchidee aufgreift, mache ich das Buch. 111 Fußballorte im Ruhrgebiet zu erzählen, war dann natürlich eine Herzensangelegenheit, wenn auch der Titel durch die Buchreihe bedingt etwas in die Irre führt. Gesehen haben muss man all diese Orte nicht unbedingt, doch die Geschichten dazu, die sind erzählenswert, zumal ich damit ein kleines Mosaiksteinchen zur Pott-Identität beitragen wollte.
 [Clubfans United] Zum Verein: Duisburg gilt bei uns (neben Aachen) so bisschen als Schreckgespenst. Schreckgespenst im Sinne der griechischen Mytologie des Ikarus: Zu hoch hinaus gewollt, sich die Flügel/Finger verbrannt und dann tief gestürzt. Wann immer bei uns einer rund um den Verein fordert, doch endlich mal den Stadionneubau anzugehen, zieht man Duisburg und Aachen aus der Tasche. Kann man das so einfach auf den Punkt bringen? Oder war das in Duisburg eine ganz besondere Situation?
  Natürlich gibt es in jeder Stadt Besonderheiten, auf die hier einzugehen zu weit führen würde. Grundsätzlich ist es aber bei der Erfüllung des Stadionstraums nicht anders als beim Häuslebau. Die Finanzierung des Baus braucht Spielraum für die Krisen des Lebens. Wenn ich die Baufinanzierung so knapp kalkuliere, dass kein Spielraum für die schlechten Zeit bleibt oder es keine Vertragsklauseln zur Anpassung an schlechte Zeiten gibt, braucht man sehr, sehr viel Glück, damit alles gut geht. Es ist ja ganz einfach, wenn die monatlichen Belastungen durch den Bau so hoch sind, dass die Einnahmen niemals zurückgehen dürfen, wird ein Abstieg mehr als nur die sportliche Enttäuschung. Der Abstieg ist dann die Finanzkatastrophe, die wie bei allen Hasardeur-Geschäften noch weiter vorangetrieben wird dadurch, dass im Moment der Katastrophe noch einmal alles auf eine Karte gesetzt wird. Das Risiko wird noch einmal erhöht, denn bei den anwachsenden Schulden kommt es auf einige wenige Millionen mehr auch nicht mehr an.
 [Clubfans United] Ihr seid nun im zweiten Jahr in Liga 3 – wie scheiße (sorry) fühlt sich das an, für einen Verein, der als Meidericher SV ähnlich wie der 1. FC Nürnberg eigentlich zum Bundesliga-Establishment gehören müsste? Gewöhnt man sich daran? Oder hat man mit seiner Vergangenheit längst abgeschlossen? (Was auch hier in Franken manchem gar nicht mal schlecht täte…)
  Nein, an die 3. Liga sind wir nicht gewöhnt. Ich hoffe natürlich, dass wir uns auch nicht daran gewöhnen müssen. Bundesliga-Establishement ist allerdings weit entfernt und ich glaube auch nicht, dass die meisten Zuschauer in Duisburg sich als Anhänger eines eigentlich zur Bundesliga gehörenden Vereins verstehen. Was nicht bedeutet, dass wir davon träumen, irgendwann mal wieder dahin zu kommen. Wir wären aber erstmal ganz zufrieden, wieder in die Zweite Liga aufzusteigen. Dennoch bringt gerade die Vergangenheit dem Verein Kraft für die Gegenwart. Es gibt eine Rückbesinnung auf die Tradition des Meidericher Spielvereins, auf den Stolz durch die Bindung an Arbeiter- und Stadtkultur. Daraus schöpft der Verein nach der großen Krise des letzten Sommers gerade große Kraft.
 [Clubfans United] Ihr hattet sogar noch in Liga 3 regelmäßig über 10.000 Zuschauer – wie leidensfähig ist eigentlich der Zebrafan?
  Es gibt tatsächlich diesen Stamm von etwa 10.000 Zuschauern, die bei stabilen Zweitligaverhältnissen kommen. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Stamm in der 3. Liga dauerhaft hielte. Die MSV-Fans sind in Teilen ein sehr kritisches Publikum, das hin und wieder auch spielerische Momente einer Mannschaft sehen möchte, solange kein klares Erfolgsnahziel wie der Aufstieg oder ein Kampf gegen den Abstieg vorhanden ist. Das Niveau der 3. Liga reicht da nicht aus, obwohl wir alle natürlich sehr leidensfähig sind, was aber, so glaube ich, für die meisten Anhänger von Vereinen in der Größenordnung wie dem MSV gilt.
 [Clubfans United] Der Club zählt u.a. Richard von Weizsäcker zu seinen Fans (angeblich), beim MSV sagt man das Jürgen Hingsen nach (die Älteren werden sich erinnern). Auch Atze Schröder soll sich zu den Zebras bekennen. Ist der MSV noch irgendwie „Kult“? Was würdest du als besonders liebenswert, bemerkenswert oder kurios rund um den MSV bezeichnen?
 Da der Verein in den letzten Jahrzehnten doch eine sehr wechselvolle Geschichte erlebt hatte, komme ich noch einmal auf den letzten Sommer zurück, der eine Rückbesinnung auf notwendige Werte eines Fußballvereins wie dem MSV mit sich brachte. Verein und Anhänger sind auf eine Weise zusammen gerückt, wie es seit Jahren nicht mehr der Fall war. Natürlich liegt das auch am Personalwechsel beim MSV Duisburg, wo nun Menschen Verantwortung tragen, die ihre Visionen aus der Basis dieses Vereins heraus schöpfen und nicht aus irgendwelchen Hochglanzfantasien, die das Unterhaltungsprodukt Fußball ständig im TV präsentiert. Es gib nun ein deutliches Wissen der Verantwortlichen, dass ein Verein wie der MSV Duisburg seine Zuschauer nicht ganz so sehr als Kunden begreifen kann wie ein Erstligist im oberen Drittel der Tabelle. Als Fußballzuschauer steckt man ja in äußerst widersprüchlichen Verhältnissen zwischen Anhängerschaft und Kunde-Sein, das einem Verein bewusst sein muss. Aber auch das führt hier zu weit.
 [Clubfans United] Wie würdest du euer (Fan-)Verhältnis zum Club beschreiben? Und dein ganz persönliches?
Auf den reinen Sport bezogen fällt mir jetzt auf Anhieb keine wirkliche Besonderheit ein. Für einige hier liegt allerdings eure Fanfreundschaft mit den Schalkern schwer im Magen, nach dem Motto der Freund unserer Feinde ist auch unser Feind. Ich bin da nicht so sehr im Thema. Für mich war Nürberg in der Ära von Roth das Beispiel, wie jemand lange braucht, um zu erkennen, dass im Fußball auch andere Fähigkeiten gebraucht werden, als nur die, die einen Unternehmer groß gemacht haben. Als Walter Hellmich sich in Duisburg zum Alleinherrscher aufschwang, hatte ich kurze Zeit die Hoffnung, er könne ähnliche Einsichten gewinnen wie Roth, der ja irgendwann dann doch sich aus den sportlichen Belangen endlich raushielt. Diese Hoffnung wurde aber schnell enttäuscht. Und Roth hatte im Gegensatz zu Hellmich – so weit ich weiß –  wenigstens keine direkten wirtschaftlichen Interessen am Verein. Das war doch mehr die alte Schiene über den Fußball mit den wichtigen Menschen der Region die Kontakte pflegen?
 [Clubfans United] Der Club hat gerade sein Derby mit 1:5 verloren. Die letzten beiden Jahre schied man zuverlässig in Runde 1 gegen unterklassige Gegner aus. Duisburg hat ein Heimspiel. Also: Alles außer ein Sieg der Zebras wäre eine Überraschung. Oder? (Die Ironie daran nehmen wir da ganz zu unseren Lasten)
  Wenn du das so sagst, passt das zu meinem jetzigen Empfinden. Ich mag gerade keine Überraschungen. Ich hatte in der letzten Zeit genug davon. Ich möchte Normalität. Wird aber dennoch schwierig. Die Defensive der Mannschaft ist noch nicht die Beste. Da greift noch nicht alles ineinander, um es mit Gino Lettieri zu sagen, es geht nicht nur um die Abwehrreihe. Es geht um das Defensivverhalten im Ganzen. Ihr werde also wahrscheinlich die ein oder andere Chance erhalten, bei der ich dann nur auf Abschlussschwäche eurer Angreifer setzen kann. Dem MSV gelingen ja kurioserweise trotz ebenfalls noch vorhandenem Schwächen in der Offensive regelmäßig Tore. Also, schauen wir mal.
[Clubfans United] Wir bedanken uns schon mal für das Interview. Hat uns gefreut Dich und damit stellvertretend die Zebrafans ein wenig kennen zu lernen. Dir gehört auch das letzte Wort – also wenn du Oma grüßen willst, der Liga den Kampf ansagen oder den Weltfrieden ausrufen, dann hast du jetzt die Chance!
  Das mach ich ganz kurz, ich sag auch danke für euer Interesse und wünsche den Clubfans United mehr Erfolg als der Mannschaft, für die euer Herz im Pokalspiel schlägt.
 
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