Halbherziger Boulevard zeigt den Dilettantismus bei der WAZ

Es ist schon schwierig mit den Strukturen. Immerzu gibt es da eine Vergangenheit, die sich in der Gegenwart bemerkbar macht. Bei der WAZ etwa heißt diese Vergangenheit Lokalzeitung für ein sehr gemischtes Lesepublikum, und die schleppt so eine WAZ der Gegenwart immer mit sich, wenn sie es in Krisenzeiten mal so richtig populistisch krachen lässt. Mein Gott, was muss dann da für eine dicke, fette Überschrift noch an Text alles drunter. Die Leser erwarten einfach längere Artikel als in der BILD. Dabei reichen sechs, sieben Sätze für so eine Überschrift: „Der Reck-Rauswurf zeigt den Dilettantismus beim MSV Duisburg“.  Damit wäre die empörte Volksseele auch wunderbar bedient. Daneben das Foto einer nackten Spielerfrau gesetzt, und schon steigen die Klickzahlen ins Unendliche.

Dann fiele auch nicht weiter auf, dass der Dilettantismus mit nicht einem Satz im Text weiter begründet wird. So aber steht der WAZ-Journalist plötzlich nackt da, denn das jedem sichtbare Geschehen soll schon hinreichend für ein Urteil sein? Nachher ist immer alles leicht bewertbar. Was wäre denn, wenn Jürgen Gjasula gesund geblieben wäre? Ich behaupte, dann könnte man von einem mittelprächtigen Saisonanfang berichten und müsste eigentlich das gleiche Urteil fällen. Lauter Dilettanten beim MSV Duisburg! Können nicht mal verhindern, dass die Spieler erkranken und sich verletzen.

So könnten sich die Journalisten bei der WAZ eigentlich in derselben Situation wie die Verantwortlichen beim MSV Duisburg fühlen. Immerzu müssen sie sich mit alten Strukturen auseinander setzen. Sie sind zwar auf einem guten Weg zum Neuen, dem Boulevard, indem sie die letzten zwei Jahre in diesem Verein unterschiedlos zusammenrühren. Der Rest aber wirkt noch etwas dilettantisch. Doch dafür kann ja der einzelne Journalist nichts. Das sind die Strukturen. Das dauert bis eine Lokalzeitung so verändert ist, dass man nur noch Meinung und keine Analyse mehr erwartet.

An der Analyse versuche also ich mich einmal. Zugegeben auch nur per äußeren Ansehen, doch mit nachvollziehbaren Begründungen, so dass überhaupt irgendetwas argumentativ verhandelt werden kann. Die Strukturen, das ist das entscheidende Stichwort auch beim MSV Duisburg. Da gab es einen Verein, dessen Organisationsstruktur ganz auf die Persönlichkeit Walter Hellmichs abgestellt war. Als Erfolge ausblieben, war sogar Walter Hellmich selbst nicht mehr glücklich damit und meinte, es sei besser, zu gehen. Mitentscheiden über das, was kommt, wollte er aber auch.

Wenn Macht so konzentriert war, wie in seiner Vergangenheit, ist es nicht einfach, das entstehende Vakuum zu füllen, besser noch eine Struktur zu schaffen, die in Zukunft gar nicht erst so ein Vakuum entstehen lässt. Andreas Rüttgers erst versucht das, und er geht dabei mit Menschen um, die schon länger als er im Unternehmen MSV Duisburg, diesem dem Verein ausgelagerten Profi-Betrieb, Verantwortung tragen. Das sind schwierige Konstellation. Denn auch diese Menschen, sagen wir Roland Kentsch,  haben Verträge und Vorstellungen von erfolgreichem Arbeiten. Das ist normal und nicht verwerflich. Niemand kann also einfach daher gehen,  irgendetwas Neues in Gang setzen. Nicht einmal ein Wunderonkel mit viel Geld könnte das, um die Hellmich-Linie mit einem neuem Namen fortzusetzen. Auch er müsste mit vorhandenen Strukturen umgehen. Ihm ginge das leichter von der Hand, weil es auf den ein oder anderen Euro nicht ankäme.

Reden wir also vom Geld. Dieses Geld gibt den Rahmen vor. Bruno Hübner ging, weil er ein attraktiveres Jobangebot bekam. Die Modalitäten seines Wechsels sind fragwürdig, aber von den gegenwärtigen Personen im Verein nicht zu verantworten. Was macht also der Name Bruno Hübner in dem oben genannten Artikel? Er ist einfach ein bisschen Feuermaterial für die Stimmung. Weiter im Text. Der MSV Duisburg hat immer noch zu wenig Geld, auch nach dem Weggang von Bruno Hübner. Milan Sasic fehlt zudem der Konterpart, damit er nicht erneut in alte Fehler seiner Persönlichkeit verfällt. Hat damit irgendeiner der derzeit Verantwortlichen etwas zu tun?

Milan Sasic ist nicht erfolgreich. Als kostengünstigste Lösung tritt Oliver Reck die Nachfolge an. Unterstützt wird er von Uwe Schubert. Es ist ein ungewöhnliches Modell. Die Entscheidung ist nachvollziehbar. Inzwischen ist auch Andreas Rüttgers Vereinspräsident geworden und besitzt im Gegensatz zu seinem Vorgänger Dieter Steffen Vorstellungen darüber, welche Voraussetzungen für die zukünftige Entwicklung des MSV Duisburg geschaffen werden müssen.

Doch bei Entscheidungen in diesem Verein stehen die Verantwortlichen immer vor der Frage, wohin fließt das Geld am besten. Geht das Geld in die Verpflichtung eines neuen Spielers oder bringt es uns stattdessen im Jugendbereich weiter? Verpflichten wir einen externen Sportdirektor, der die Gegebenheiten vor Ort erst kennenlernen muss, so also betriebswirtschafltlich gesehen, zusätzliche Kosten produziert oder nehmen wir jemanden, der sich im Verein auskennt, aber nicht ganz so erfahren ist. Die zweite Variante wurde gewählt. Mit Erfolg! Die Verpflichtungen von Ivica Grlic habe ich nach dem ersten Spieltag gelobt. Und ich bleibe bei meinem Urteil. Er hat mit den vorhandenen finanziellen Möglichkeiten, den Kader nicht schlechter gemacht, eher potentiell verstärkt. Die Ausfälle hat er nicht zu verantworten.

Beim Kaderumbau sind lang laufende Verträge zu berücksichtigen. Wieder stehen die Verantwortlichen vor der Frage, was tun? Versprochen war Kontinuität. Diese Kontinuität wurde zum ersten Mal seit längerem erfüllt. Dass das jetzt nicht funktioniert, wusste vorher niemand. Man muss Pläne erst einmal in die Wirklichkeit umsetzen.

Es bleibt alleine ein möglicher Kritikpunkt, und das ist die Verlängerung des Vertrages von Oliver Reck zu einem Zeitpunkt, in dem er erfolgreich war. Ich finde ihn sympathisch, und er hat mit dazu beigetragen, dass dem MSV Duisburg in der letzten Saison der Klassenerhalt gelang. Dafür gilt ihm unser aller Dank. Nun jedoch wird  Oliver Reck von vielen als ein Opfer angesehen. Aber bitte schön, der Mann ist erwachsen. Er kann frei entscheiden. Trage ich die Gegebenheiten mit. Oder denke ich, das kann eigentlich nicht gelingen. Der Kader ist zu dünn. Die Ausfälle werden uns zu Saisonbeginn chancenlos machen. Außerdem spüre ich das Misstrauen meiner erfahrensten Spieler Bajic und Sukalo – was so kolportiert wird. Das mache ich nicht mit. Da habe ich Gesprächsbedarf mit Ivica Grlic. Da geht es nicht um Loyalität. Da geht es um professionelles Arbeiten.

Also, das wäre eine Aufgabe eines ernst zu nehmenden Journalismus. An der Stelle müsste im Verein und bei Oliver Reck nachgefragt werden. Das müsste eingeordnet werden, denn jeder hat auch eigene Interessen in dieser Branche. Leichter ist es natürlich, in den Chor des tobenden Mobs mit einzustimmen. Wie gesagt, das ist schon mal keineswegs dilettantischer Boulevard. Schließlich eröffnen sich Möglichkeiten, wenn diese Stimmung befeuert wird. Platzsturm! Darüber kann man sich dann auch wieder heillos empören. Mit fetten Schlagzeilen. An der Textlänge und den Fotos der nackten Spielerfrauen muss allerdings noch gearbeitet werden.

4 Responses to “Halbherziger Boulevard zeigt den Dilettantismus bei der WAZ”


  1. 1 Mik 28. August 2012 um 18:27

    DANKE, Kees!!!!!!

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  2. 2 Christian Moosbrugger 29. August 2012 um 18:41

    Ich stimme dir bezüglich der Einschätzung der Reaktion der WAZ ausdrücklich zu. Ärgerlich, dass es bei der WZ-Gruppe Methode zu haben scheint, den MSV nur unter dem Attribut „graue Maus zwischen lauter hungrigen Katzen“ zu rezensieren. Nur den Hellmich haben sie stets hofiert wie sonst eins.
    Trotzdem: was ich schon dillettantisch finde, ist das jetzt offenkundig gewordene Herumeiern bezüglich Reck von Seiten des MSV. Offenbar hat man ja in der Sommerpause Kontakte zu andern Trainern gesucht, und Rüttgers hat im Portal auch mitgeteilt, dass unverzüglich nach dem Aus für Reck eine Liste möglichr Nachfolger bereit lag, abgearbeitet zu werden.
    Ich glaube, hier wurde die entstehende Dynamik ganz eindeutig unterschätzt. Man hatte nicht auf dem Zettel, dass Spieler sowas direkt mitkriegen und der vollständige Rückhalt, den ein Trainer braucht, sofort verlorengeht. Das kann meines Erachtens die zehn Prozent machen, die man hätte besser sein müssen, trotz der Ausfälle von Gjasula, Perthel und anderen.
    Ich war ziemlich schockiert und auch wütend über dieses Ende für einen Mann, dem die Fans beim MSV zwar stets mit einigen Vorbehalten gegenüberstanden, der sich aber meines Erachtens wenigstens so sehr um die Zebras verdient gemacht hat wie sein Vorgänger Sasic, wenn nicht sogar mehr.
    Profifussballer leben ja beständig in einer Athmosphäre von extremem Leistungsdruck. Wenn da einer infrage gestellt wird, und sei es auch nur unter der Hand oder hinter dem Rücken, gibt es eine kollektive Reaktion. Peter Neururer, der ja auch hin und wieder zu Gedankenstarkem in der Lage ist, hat das im Fernsehen mal schön beschrieben, origineller Weise ging es dabei um seine eigene Entlassung beim MSV Duisburg.

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    • 3 Kees Jaratz 29. August 2012 um 19:11

      Zum Thema WAZ: So begründet, wie du es machst, lässt sich über Wertungen nachdenken. Das fehlt mir gerade bei den so entschiedenen vernichtenden Urteilen aus der WAZ-Redaktion völlig. Das macht die Rheinische Post anders.

      Und zum Thema Reck: Wenn ich an das Gute glauben will, könnte es auch so sein, dass gerade wegen dieser Verdienste der Vertrag verlängert wurde. In der Hoffnung der geringe Anspruch sicheres Mittelfeld ergibt sich. Ab 2013/14 mit konsollidierten Finanzen gibt es den neuen Trainer für den mittelfristigen Aufbau.
      Wir wissen, das war eine schwierige letzte Saison und sowohl Ivo Grlic als auch Andreas Rüttgers mussten sich auf ihren Positionen erstmal finden. Sichere Entscheidungen trifft man in solch einer Stimmung vielleicht nicht.
      Aber Auswirkungen im Kader kann es natürlich gegeben haben, auch wenn ich das einfach nicht wirklich nachvollziehen kann, warum das so sein muss. Rational weiß ich um die Dynamiken im Mannschaftssport, doch ich ertappe mich aber immer wieder dabei, dass ich diese Gegebenheiten nicht wahr haben will. Schließlich geht es bei Erfolg allen besser. Da gab es nicht viel Anspruch an die Leistung.

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