Fangewalt und Extremismus – Eine Grundsatzerklärung vom MSV Duisburg

Auch wenn der MSV Duisburg die Erklärung zum „Vorgehen gegen Gewalt und Extremismus“ selbstverständlich auf seiner Seite veröffentlicht hat, möchte ich sie in diesen Räumen im gesamten Wortlaut ebenfalls online stellen.  Der MSV Duisburg ist grundsätzlich geworden, und das verdient starken Beifall und größt mögliche Verbreitung. Solch grundsätzliche Erklärung braucht mehr Worte, als wir sie sonst vom MSV Duisburg zu lesen bekommen, auch weil Fangewalt und Extremismus komplexe soziale Geschehen sind. Entsprechend vielfältig können sie beschrieben werden, vor allem aber entsprechend vielfältig sind die Mittel, mit denen auf Fangewalt und Extremismus reagiert werden kann.

Mir gefällt an dieser Erklärung sehr, wie sich der Verein auf die zurückliegenden Vorfälle in und um die Stadien bezieht. Auf diese Weise wird die Erklärung zu mehr als einer selbstverständlichen aber auch harmlosen Bekundung, zu den Guten in dieser Gesellschaft gehören zu wollen. Der MSV Duisburg zeigt auf diese Weise, es gibt Regeln und der Verein ist gewillt auf die Einhaltung der Regeln zu achten. Bislang mäanderte die Auseinandersetzung zum Extremismus zwischen Fans mit den häufig selben Argumenten hin und her. Nun zeigt sich der Verein als die Instanz, die entscheiden wird, was geht und was nicht geht. Er überlässt die Extremismus-Debatte nicht allein den Fans.

Für die Trennschärfe bei solchen Entscheidungen sucht der MSV Duisburg Unterstützung von vielen Institutionen, die sich mit dem Extremismus in unserer Gesellschaft beschäftigen. Zudem werden etwa mit der Koordinatiosstelle der Fanprojekte auch solche Institutionen mit eingebunden, die sich als Interessenvertreter der Fanszene verstehen. Nicht zu vergessen die Absicht, den Dialog mit den Fans vor Ort aus den unterschiedlichen Gruppierungen zu intensivieren. Miteinander Sprechen ist immer die erste Wahl bei Schwierigkeiten.

Nicht zuletzt ordnet der Verein die Vorfälle ein und setzt sie ins Verhältnis zu extremistischen Tendenzen in Duisburg außerhalb des Fußballs. Was zugleich überleitet zu der Verantwortung, die jeder Zuschauer als Bürger dieser Gesellschaft übernehmen kann. Alles richtig gemacht, MSV Duisburg! Nun heißt es, die Absichten bei den Anforderungen des Saison-Alltags nicht aus den Augen verlieren.

Die Erklärung des MSV Duisburg zum Vorgehen gegen Gewalt und Extremismus im Wortlaut:

Der MSV Duisburg nimmt die intensive Arbeit der vergangenen Wochen und Monate innerhalb des Vereins zum Anlass, zu informieren, wie und in welcher Form der Verein gegen Gewalt und extremistische Ausschreitungen vorgeht. Wir möchten Ihnen aber auch aufzeigen, was wir als Fußballklub nicht leisten können.

Der MSV Duisburg betont dabei erneut, dass bei uns Integration, Toleranz und Respekt gelebt werden.
In den letzten Monaten gab es rund um Liga- und Pokalspiele Vorfälle, die wir nicht tolerieren können und wollen.
• Während des DFB-Pokalspiels im Sommer 2012 beim Halleschen FC fielen mehrere Personen auf, die offensichtlich rechtsextrem motiviert waren. Unter anderem wurde eine Fahne mit der Aufschrift „Good night left side“ für einen kurzen Moment gezeigt.
• Nach dem Spiel gegen Regensburg im August 2013 skandierten die Fans ein lautstarkes „Sieg“ in Richtung Mannschaft, welches durch zwei Personen um den Ausruf „Heil“ verlängert wurde.
• Nach dem Spiel gegen den 1.FC Saarbrücken im Herbst 2013 kam es am Fancontainer auf dem Parkplatz vor der Schauinsland-Reisen-Arena zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen verschiedenen MSV Gruppierungen.
• Während des Spiels in Heidenheim im Dezember 2013 kam es zu einer handfesten Auseinandersetzung im Fanblock, als ein Transparent ausgerollt wurde.
• Rund um das Auswärtsspiel bei Borussia Dortmund II im Februar 2014 gab es verschieden gewalttätige Vorfälle, sowohl im Bahnhof in Essen auf dem Hinweg als auch im Gästeblock während der Begegnung, an der Bahnhaltestelle in Dortmund und bei der Rückkehr im Hauptbahnhof Duisburg.

Auf Basis des regelmäßigen Austauschs u.a. mit der Polizei und dem Staatsschutz, gehen wir davon aus, dass es unter den größtenteils aufgeschlossenen und friedlichen Fans, die regelmäßig die Spiele der Zebras besuchen, auch einige wenige gewalttätige und extremistische Personen gibt. Die Behörden haben in den vergangenen Jahren nach ihren Angaben uns gegenüber keinen bedeutsamen Anstieg festgestellt. Eine belegbar politisch rechtsextrem oder linksextrem motivierte Straftat habe es – das ist Stand der aktuellen Ermittlungen – dabei nicht gegeben.

Nach einigen der oben genannten Vorfälle konnte der MSV Duisburg mit Hilfe der Polizei Personalien feststellen. Es kam zu folgenden Reaktionen:
• Nach den Vorkommnissen vom Pokalspiel gegen den Halleschen FC wurden gegen einwandfrei ermittelte Täter mehrere Stadionverbote ausgesprochen.
• Eine Person, die „Heil“ an den Ruf „Sieg“ angehängt hat, wurde ebenfalls mit bundesweitem Stadionverbot belegt. Allerdings hat die Staatsanwaltschaft ein weiteres eingeleitetes Strafverfahren eingestellt.
• Drei Personen, die an der Auseinandersetzung nach dem Spiel gegen Saarbrücken beteiligt waren, sind mit bundesweiten Stadionverboten belegt worden.
• Nach dem Spiel in Dortmund hat der MSV insgesamt 28 zeitlich begrenzte Hausverbote ausgesprochen. Die Entscheidungen über bundesweite Stadionverbote werden durch den DFB und Borussia Dortmund getroffen. Die Auswertungen aus Heidenheim liegen uns noch nicht vor.

Folgende Maßnahmen – basierend u.a. auf den Beratungen mit Experten der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS) und der Kompetenzgruppe ‚Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit‘ (KoFaS), dem DFB und anderen Vereinen – hat der MSV Duisburg ergriffen, um Gewalt und Extremismus noch effektiver bekämpfen zu können:
• der Ordnungsdienst wurde über die vorgeschriebenen Maßnahmen hinaus erneut geschult und sensibilisiert
• der regelmäßige Dialog mit Fanvertretern aus den verschiedensten Gruppen und Fanclubs wurde weiter intensiviert
• die Arbeit mit den Fanclubs zum Thema „Für Integration, Respekt und Toleranz“ wird in Kooperation mit dem Fanprojekt Duisburg weiter fortgeführt
• Gespräche zwischen Verein und Polizei bzw. Staatsschutz haben stattgefunden.

Darüber hinaus sind weitere Aktivitäten geplant:
• Kooperation mit dem Institut für Präventionsforschung und Sicherheitsmanagement (Klaus Stüllenberg/Münster – erfahren auch im Sportbereich). Hier soll ein externer Anbieter unvoreingenommen die Rolle des Vermittlers übernehmen.
• Weitere gemeinsame Aktionen mit dem Fanprojekt Duisburg – nächster geplanter Programmpunkt ist im April 2014 eine Lesung „Sexismus im Fußball“ • Gründung eines Fangremiums – bestehend aus Fanclub- und Gruppierungsvertretern, von Fans gewählt. Regelmäßige Treffen in diesem Kreis als Fixpunkt
• Kooperation mit der mobilen Beratung NRW gegen Rechtsextremismus (gehört zum Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes NRW / kostenloses Angebot)

Wir möchten betonen, dass wir hinter den Zielen, die wir in unserem Leitbild definieren, stehen:
• Als Zebrafamilie, mit all unserer Vielfalt, sind wir weit über die Grenzen unserer Stadt hinaus bekannt.
• Wir halten zusammen, insbesondere in schweren Zeiten.
• Integration wird von uns gelebt. Respekt und Toleranz prägen unseren Umgang miteinander.

Und auch in unserer Stadionordnung für die Heimspiele in der Schauinsland-Reisen-Arena heißt es: „Den Besuchern des Stadions ist das Mitführen folgender Gegenstände untersagt: rassistisches, fremdenfeindliches und rechtsradikales Propagandamaterial … Verboten ist den Besuchern weiterhin: rassistische, fremdenfeindliche oder rechtsradikale Parolen zu äußern oder zu verbreiten.“

Unser Wunsch ist es, künftig mit allen, die sich offen und ehrlich zum MSV bekennen, noch intensiver für unsere Ziele zu arbeiten. Das heißt im Gegenzug: wir werden uns gegen das Auftreten von Gruppierungen, die nicht bereit sind, sich diesen Zielen anzuschließen, sondern den Namen unseres Traditionsvereins nutzen wollen, um ihr oft unfassbares Gedankengut zu verbreiten, mit allen uns zu Verfügung stehenden Möglichkeiten wehren!

Wir wissen aber auch, dass diese Möglichkeiten für einen Fußballverein nicht grenzenlos sind, vor allem auch außerhalb unserer Arena.

Bei den Landtagswahlen haben 2012 die Parteien „pro NRW“ und „NPD“ 3,45% aller Zweitstimmen in Duisburg erhalten. Da das Stadion ein Spiegelbild unserer Gesellschaft ist, können wir nicht ausschließen, dass es im Stadion oder in sozialen Netzwerken eben auch Menschen gibt, die mit dem rechten Gedankengut sympathisieren.

Wir möchten aber auch betonen: Der Großteil unserer Fans verhält sich einwandfrei. Gerade im letzten Sommer haben die Fans aus Duisburg sehr eindrucksvoll bewiesen, mit welch friedlichen Aktionen sie „Streifen gezeigt“ haben.

Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass wir auf Hilfe angewiesen sind. Wer extremistisches oder gewalttätiges Verhalten wahrnimmt, ist aufgefordert, seine Wahrnehmungen umgehend mitzuteilen. Nur so können wir Ermittlungen einleiten, die dann auch zu Sanktionen führen.

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4 Responses to “Fangewalt und Extremismus – Eine Grundsatzerklärung vom MSV Duisburg”


  1. 1 Skeptiker 12. März 2014 um 18:02

    Ich bin nicht sicher ob der MSV das Problem wirklich verstanden hat. Dieses ausweichende „Extremismus“-Geschreibe scheint mir zumindest darauf hinzudeuten. Wir haben in der Fanszene wohl eindeutig ein Problem mit RECHTSextremismus, was man auch so deutlich beim Namen nennen sollte, um es nicht zu relativieren. Hinzu kommt, dass nach dem Saarbrücken-Spiel verharmlosend von einer „handfesten Auseinandersetzung zwischen verschiedenen MSV-Gruppierungen“ gesprochen wird. Brutaler Nazi-Hooligan-Überfall auf Jugendliche MSV-Fans hätte es wohl besser getroffen. Na ja, dennoch bleibt die Hoffnung, dass jetzt weitere Maßnahmen folgen..

    • 2 Kees Jaratz 12. März 2014 um 19:28

      Ich verstehe, dass du dir in der Bewertung der vergangenen Vorfälle größere Eindeutigkeit gewünscht hättest. Ich meine aber, so eine Eindeutigkeit hätte die Durchschlagskraft der Erklärung gemindert. Es hätte das Augenmerk auf die alten Diskussionen gelenkt. Doch wenn es später um die zu ächtenden Haltungen von Fans geht, geht es nur um Rechtsextremismus und die ihn begleitenden Einstellungen. Da wird deutlich, um welches Problem sich der Verein kümmern will.


  1. 1 #Link11: Nach Stadelheim im Bus | Fokus Fussball Trackback zu 12. März 2014 um 11:01
  2. 2 Always look on the bright side of life | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 16. März 2014 um 11:16

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