Berlin, Berlin … – Ein kurzes Stück Bekenntnisliteratur

Was heute als eine Art Jahrmarktsbelustigung der Gegenwart in TV-Pseudo-Dokumentationen oder Trash-Talk-Shows dem Vergnügen des Massenpublikums dient, war in den 70ern noch in der Literatur zu finden. Auch damals ging es darum Gefühle, öffentlich zu machen, und jedes Fitzelchen Ich wurde auch ohne allzuviel Handlung als beachtenswert empfunden. Ich! Ich! Ich! Seht her, eine interessante Geschichte stört nur! Damals hatte sich die deutsche Literatur durch stetes Bekennen zur eigenen Befindlichkeit der Autoren in die Langeweile geschrieben. Das fiel den meisten Altersgenossen der Schriftstellerinnen und Schriftsteller aber nicht weiter auf.  Sie waren begierig darauf, von ähnlichen Gemütszuständen und Lebensvorstellungen zu hören, weil sie sich wiedererkennen wollten.

Dieser Wesenszug der damaligen angesagten deutschen Literatur lebt in den Nischenwelten dieser Gesellschaft weiter. Ob Haustierfreund, Esoteriker oder Fußball-Fan, wir alle teilen unsere Gefühle mit. Euch ist klar, dass wir mit unserem Hunger nach Erfahrungsaustausch und unserem Mitteilungsdrang ein Erbe der Bekenntnisliteratur angetreten haben? Da hat das Internet viel für uns Interessengruppen aller Spielarten getan und das Bekennen können demokratisiert.

Deshalb ist mir auch nur ein ganz klein wenig mulmig, wenn ich heute ganz tief in mein Innerstes blicken lasse. Nichts anderes als ein Teil von diesem Innersten ist ja ein Traum. Aber ich weiß mich von gleichgesinnten Lesern angeklickt, und außerdem beginnt in wenigen Stunden in Duisburg das Viertelfinale des DFB-Pokals. Ich glaube, besonders aus diesem Grund könnte euch diese doch sehr private Begebenheit in Maßen unterhalten.

Vorletzte Nacht schickte mich nämlich ein Traum nach Berlin. Zu meiner Überraschung befand ich mich dort auf dem Oberdeck von einem Touristenbus. Während der Bus langsam durch eine Straße fuhr, stand ich im Mittelgang, sah mich um und rätselte, warum ich dort stand und wie ich dorthin gekommen war. Ich fragte mich, wieso ich nach dem x-ten Berlin-Aufenthalt noch eine Stadtrundfahrt machte und mich nicht wie üblich bei dem Freund einquartiert hatte. Währenddessen bemerkte ich auf den Bürgersteigen immer wieder Gruppen von MSV-Fans. Fahnen wurden geschwenkt – eine Stimmung wie vor einem Spiel. Mir kam es aber nicht in den Sinn, dass diese Fans tatsächlich wegen eines Fußballspiels in Berlin hätten sein können. Von jetzt auf gleich waren dann sämtliche Blau-Weißen im Stadtbild verschwunden. Der Bus fuhr weiter, und plötzlich bemerkte ich vorne im Bus einen großen Fernseher oder eine Leinwand. Es wurde ein Fußballspiel gezeigt. Zu meinem Entsetzen erkannte ich den MSV, der im ausverkauften Berliner Olympiastadion spielte. Mir war sofort klar, es findet das Endspiel des DFB-Pokals statt. Fassungslos fragte ich mich, wie mir das hatte passieren können, vom Halbfinale (!) nichts mitbekommen zu haben. Wie war der MSV ins Finale gekommen? Mich durchdrang das Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben. Ich wusste allerdings nicht, worin dieser Fehler bestanden hatte. Ich haderte mit meinem Schicksal und konnte mich nur ganz allmählich beruhigen. Obwohl ich  sah, dass der MSV 1:0 führte, war ich unglücklich. Der Bus fuhr weiter, und ich konnte mich gar nicht richtig auf die TV-Übertragung vom Spiel einlassen. Unbeteiligt sah ich eine wunderbare Kombination des MSV Duisburg über mehrere Stationen, die zu meinem großen Erstaunen Michael Zeyer (!) zum zweiten Tor des MSV abschloss. Aber in einem Traum wirkt auch ein Spieler der 90er Jahre in einer Mannschaft der Gegenwart ganz bald normal. Selbst das Tor holte mich nicht aus meinem düsteren Gefühl heraus. Immer noch fand ich keine Antwort auf die Frage, wie es sein konnte, jeglichen Fußball nach dem Viertelfinalspiel gegen den 1. FC Kaiserlautern einfach verpasst zu haben. Dann war das Endspiel tatsächlich mit einem 2:0-Sieg des MSV Duisburg zu Ende. Auf dem Oberdeck holten die meisten der Menschen blau-weiße Schals und kleine Fahnen hervor. Sie zogen ihre Jacken aus und zeigten ihre Zebra-Trikots. In dem Moment gab ich mir einen Ruck und begann mitzufeiern.

Ein ganz klein wenig mulmig war mir, weil meine Gefühle in dem Traum doch sehr selbstbezogen wirken. Der so einmalige Pokalgewinn des MSV Duisburg rückte nicht in den Mittelpunkt des Traums. Mich beeinträchtigte es zu sehr, nicht im Stadion dabei gewesen zu sein. Dabei war es einer dieser Träume, der sich völlig wahr angefühlt hat. Dieser Pokalgewinn des MSV war die Wirklichkeit – auch noch am Tag nach der Nacht. Ich meine einmal gelesen zu haben, dass Hirnforscher anhand der beobachteten Hirnaktivität nicht entscheiden können, ob jemand die Wirklichkeit wahrnimmt oder nur träumt. Wenn das falsch sein sollte, korrigiert mich bitte. Wenn das stimmt, dann hat der MSV nach dieser Nacht schon einmal den DFB-Pokal gewonnen. Ich hoffe morgen auf den Sieg gegen den 1. FC Kaiserslautern, damit das ein zweites Mal passieren kann, und außerdem bitte ich euch, mich nach der Auslosung am Sonntag an den Kartenkauf für das Halbfinale zu erinnern.

0 Antworten to “Berlin, Berlin … – Ein kurzes Stück Bekenntnisliteratur”



  1. Kommentar verfassen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.




JETZT IM BUCHHANDEL
Die berührende, oft komische und tief emotionale Geschichte über ein Leben in Duisburg mit dem MSV

Kees Jaratz im Buchhandel

Die Seite zum Buch

Statt 14,95 € nur noch 8,90 €
Hier bestellen

Hier geht es zum Fangedächtnis

Kees Jaratz bei Twitter

Sponsored

Bloglisten


%d Bloggern gefällt das: