Mehr als Erfüllung einer Zielvorgabe

Nicht nur Milan Sasic musste vor dem Auswärtsspiel des MSV Duisburg beim FC Augsburg sehr schnell umplanen, als Ivo Grlic sich beim Aufwärmen das Knie verletzte. Auch in Duisburg wurden zu Beginn des Wintergrillens im städtischen Jugendzentrum die Pläne für die Live-Übertragung des Spiels über den Haufen geworfen, weil der Mann mit dem Beamer erkrankt war und nicht kommen konnte. Der Kader eines städtischen Jugendzentrums ist ebenso wenig breit aufgestellt wie der des MSV Duisburg. Der Ausfall eines einzigen Mannes kann das gesetzte Ziel leicht gefährden. Doch hier wie dort war man mit den übrig bleibenden Möglichkeiten nach dem Standhalten in ein paar kritischen  Momenten erfolgreich. Die Live-Übertragung  gab es etwa ab der 20. Minute über den 17-Zoll-Bildschirm eines PCs, obwohl die Verbindung des PCs zum Router zunächst sehr instabil war. Und die Mannschaft des MSV Duisburg erspielte sich das torlose Unentschieden in der zweiten Halbzeit souverän, nachdem die Augsburger Spieler zum Ende der ersten Halbzeit ihre letzten größeren Chancen nur unzulänglich nutzten.

Wenn man in einer Gruppe ein Fußballspiel auf einem kleinen PC-Bildschirm verfolgt, ist der Abstand zum Bildschirm doch beträchtlich und deshalb fallen detaillierte Urteile schwer. Ein Eindruck ergibt sich automatisch aus dem großen Ganzen und nicht aus der Bewertung einzelner Spieler. Vor allem fiel auf, wie entschlossen die Mannschaft des MSV Duisburg in der zweiten Halbzeit antrat, um im Spiel zu bleiben und frei nach dem Motto, Angriff ist die beste Verteidigung, den einzig möglichen Schluss aus den letzten zwanzig Minuten der ersten Halbzeit zu ziehen. Gefahr strahlte der FC Augsburg in dieser zweiten Halbzeit kaum mehr aus. Deutlich wurde das Bemühen des MSV Duisburg, durch die offensivere Spielweise Druck auf den FC Augsburg aufzubauen. Ebenso deutlich wurde aber auch, dass in der gegnerischen Hälfte bei vielen Angriffen ein Spieler in der Mitte gesucht wurde und natürlich nicht gefunden ward. Da stand niemand, der die Flankenläufe hätte verwerten können. Wirkliche Torgefahr ergab sich deshalb nur einmal überraschend. Ivica Banovic nahm einen aus dem Strafraum geschlagenen Ball auf und traf mit einem Schuss aus der Distanz den Pfosten. Zwei, drei Dribblings erreichten den Strafraum zwar, verebbten aber dort. Schließlich konnte kurz vor Spielschluss Srdjan Baljak nach einem Steilpass ebenfalls in den Strafraum dringen und wurde fast sofort von Gibril Sankoh von den Beinen geholt. Das war ein Foul im Strafraum und damit den Regeln gemäß ein Elfmeter. In vielen Spielen gibt es für den eigentlich fällig Elfmeterpfiff aber neben dem Foul auch atmosphärische Bedingungen. Die standen allesamt gegen den Elfmeterpfiff. Baljak hatte noch keinen Zug zum Tor, sondern war weiter in der Vorwärtsbewegung parallel zur Außenlinie. Bis zu dem Zeitpunkt fehlten zudem ganz deutliche Torchancen innerhalb des Strafraums vom MSV Duisburg. Das Spiel befand sich kurz vor Schluss mit dem Unentschieden in einem Gleichgewicht, das dem Spielverlauf entsprach. All das entschuldigt natürlich nicht den ausbleibenden Pfiff, sondern versucht ihn nur zu erklären.

Was mich aufgeregt hat, war auch gar nicht der ausgebliebene Elfmeterpfiff sondern die Geste von  Gibril Sankoh nach seinem Foul. Was geht in so einem Spieler vor, der den Körperkontakt gespürt haben muss und der Srjdan Baljak dennoch beschimpft? War Sankoh tatsächlich der Ansicht, Baljak habe sich fallen gelassen und er habe regelgerecht gegrätscht? Oder gehört das zu bewusster Stimmungsmache und zu den Versuchen den Schiedsrichter zu beeinflussen?  Diese Geste war mehr als das übliche Unschuldsgegreine nach dem Foulpfiff, weil Sankoh das Opfer Baljak für das Opfer-Sein auch noch angreift. Sankohs Geste entspricht dem Reden eines Jugendlichen, der auf der Straße vor anderen Jugendlichen dicke Hose macht und sie mit den Worten,  „du Opfer“ beschimpft. Sankoh überschreitet mit seiner Geste gegenüber Srdjan Baljak eine Grenze. Er zerstört Standards des kollegialen Umgangs. Wenn Jos Luhukay im Interview nach dem Spiel den Elfmeterpfiff als möglich beschreibt, arbeitet er auch gegen dieses Benehmen von Sankoh an. Hoffentlich mit Erfolg.

Das Unentschieden des MSV Duisburg gegen den FC Augsburg ist mehr als die Erfüllung einer Zielvorgabe. Schon ohne den Ausfall von Ivo Grlic hätten wir zufrieden sein können mit dem Unentschieden. Diese Mannschaft bewies aber mehr. Diese Mannschaft ist so in sich gefestigt, dass trotz kurzfristiger Umstellung  der Mannschaft und ungewohnter Positionen von Spielern im Mannschaftsgefüge als Notlösung sie zu einem strukturierten Spiel findet. Das Unentschieden ist zudem entgegen der Meinung Uwe Möhrles nach dem Spiel keineswegs durch eine Spielverhinderung erreicht worden. Diese Mannschaft des MSV Duisburg hat in der zweiten Halbzeit sehr wohl Zug nach vorne gehabt. Das waren nicht einzelne Konter, um Tore zu erzielen. Das war ein kontinuierliches Versuchen in den Strafraum des FC Augsburg zu gelangen. Dieser Punkt in Augsburg ist sehr verdient, und er hat sich vorhin, kurz vor halb vier, als ein noch wertvollerer Gewinn erwiesen. In dem Moment erzielte Arminia Bielefeld kurz vor Spielende im Spiel gegen den VfL Bochum den Ausgleich. Der MSV Duisburg ist oben sehr nah dran – auch an Platz 2. Bleibt mir mal wieder nur, mich weiterhin eine Woche lang am sorgfältigen Ausbalancieren von Hoffnung auf und Erwartung des Unaussprechlichen zu üben.

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