Wissen ist Macht

Auch wenn es mancher jetzt nicht glauben mag, heute schreibe ich als teilnehmender Beobachter in vorwissenschaftlichem, mir selbst gegebenem Auftrag. Ich schreibe nicht als emotionaler Fan. Ich bewerte nicht, sondern nehme Daten auf. Beim Lesen dieses Artikels zu Milan Sasic in Der Westen stellte ich mir nämlich sofort die Frage, ob er vielleicht auch ein Beleg für den sich ausentwickelnden Kunstsektor Fußball ist, wie er mir neulich in Zusammenhang mit dem Xavi-Interview in der Süddeutschen Zeitung in den Sinn kam. Vielleicht ist dieser Artikel ein unbeabsichtigtes Zeugnis für diese Entwicklung.

Milan Sasic hatte anscheinend Sportberichterstatter Duisburgs geladen, um Erklärungen für mangelnden Erfolg zu geben. Ich lese als Erklärung aber nichts anderes als den allgemeinen Verweis auf Fehler der Spieler, der eine Geste der Machtdemonstration mit unausgesprochenem Herrschaftswissen folgt: „Der Trainer zeigt auch Eckbälle. Sasic schmunzelt: ‚Es gibt immer noch Leute, die nicht verstehen, warum bei uns zwei Leute an der Eckfahne stehen.'“ Dazu muss man wissen, es gibt viele Zuschauer, die diese Eckballvariante heftig kritisieren.

Milan Sasic gibt nun keine Erklärung für diese Eckballvariante. Im Artikel gibt es nur diese Beschreibung eines wissenden Schmunzelns. Wem ist nun die ausbleibende Erklärung anzulasten? Den Journalisten? Milan Sasic? Als teilnehmender Beobachter interessiert mich das gar nicht. Als teilnehmender Beobachter stelle ich fest, im Geschehen zwischen Milan Sasic und den Duisburger Sportjournalisten offenbaren sich Zeichen von Herrschaftswissen. Für den Fußball, der sich als Kunst verstehen möchte, ist das normal. Auch im Kulturbetrieb gibt es immer wieder Menschen, die Duftmarken setzen, um den Wert des eigenen Kulturerlebens zu steigern. Sie wollen sich unterscheiden. Die Mechanismen für diese Unterscheidung sind immer dieselben. Hier stehen wir, die sehen und erkennen, dort sind die, deren Reden ein Zeugnis ihrer Unkenntnis ist.

Als Fan lässt der Artikel mich übrigens verwirrt zurück. Ich weiß nicht so recht, an welcher Stelle es mit der Wissensvermittlung an die Leser hapert. An wen wollte sich Milan Sasic wenden? Wollte er die Zuschauer erreichen? Das hat er eindeutig nicht geschafft. Haben das die Journalisten vermasselt? Wollte er den Journalisten privatissime eine Fortbildung in Sachen Fußballlehre geben? Warum haben sie dann daraus diesen Artikel gemacht? Warum haben sie ihr neu erworbenes Wissen nur unzureichend weitergegeben?

Die Quintessenz dieses Artikels lautet, die Spieler des MSV Duisburg können‘ s einfach nicht. Warum das aber so ist, das scheinen die Anwesenden für so selbstverständlich zu halten, dass sie es nicht weitererzählen. Das muss von selbst verstanden werden. Das lässt sich auch als Signal an Zuschauer interpretieren, stille zu sein. Wenn ich wollte, könnte ich den Artikel als Versuch verstehen, öffentliche Stimmen durch Zuschreibung von Unkenntnis zu entkräftigen. Wenn ich wollte, könnte ich glauben, hier sollen Zeichen gesetzt werden, dass entgegen einer weit verbreiteten Meinung doch nicht jeder beim Fußball mitreden darf. Wenn ich wollte. Ich will aber gar nicht.

Die Absicht von Milan Sasic war vielleicht eine andere. Vielleicht wollte er tatsächlich etwas erklären, vielleicht wollte er einer vermuteten wirksamen Kritik von Seiten interessierter Fans mit Argumenten entgegen wirken. Vielleicht sind Dirk Retzlaff und Thomas Tartemann auch einfach nur dem Charme Milan Sasics erlegen. Könnte mir im Übrigen auch passieren.

4 Responses to “Wissen ist Macht”


  1. 1 Christian Moosbrugger 21. September 2011 um 23:27

    Finde, das der Artikel, auf den du dich beziehst, einfach
    schwach ist. Milan Sasic hat damit kaum etwas zu tun oder
    kann jedenfalls nichts dazu. Warum soll er die Sache mit
    den Eckbällen etwa erklären, wenn ihn niemand dazu fragt?!
    Schliesslich machen andere Mannschaften das auch so mit
    zwei Eckballschützen, andere nicht. Der Journalist muß doch
    hieraus etwas machen, was der Leser nachvollziehen kann.
    Glaube, es geht nur darum, mal anzureissen, das Sasic auch
    zu denen gehört, die auf dem vielbeschworenen
    Trainerkarussell mitfahren.
    Ein Gutes hat der Artikel aber: endlich hört man was von
    Jiayi Shao. Was zu ihm mitgeteilt wird, überzeugt sogar.

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    • 2 Kees Jaratz 22. September 2011 um 06:14

      Beim Frühstück heute Morgen habe ich gedacht, du musst es noch einmal auch ganz deutlich schreiben. Weder die beiden Journalisten noch Milan Sasic haben sich bei diesem Treffen mit Ruhm bekleckert. Sicher hat Milan Sasic nichts damit zu tun, dass ich den Eindruck habe, die beiden Journalisten haben sich benutzen lassen. Aber dass er sie benutzt, macht mir Gedanken. Wozu? Dieser Artikel wirft einfach zu viele Fragen auf und sorgt mich mehr, als dass er mir Hoffnung gibt. Später mehr.

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      • 3 Christian Moosbrugger 22. September 2011 um 18:03

        Ich glaube, solche Sachen werden mehr an einen Trainer herangetragen.
        Das empfiehlt die Presseabteilung, vielleicht, weil sie natürlich mitkriegen,
        das und was für Fragen aufkommen. So einer wie Sasic macht dann solch
        ein Seminar daraus. Wahrscheinlich hatte er keine sonderliche Lust dazu,
        und das haben die Reporter dann mitgekriegt und lassen ihn schlecht
        aussehen. Und natürlich, mit dem Punktestand, wird der Trainer an sich
        in Frage gestellt. Ich glaube, in Kaiserslautern gab es für Sasic auch schon
        ein Imageproblem. So einen mögen sie halt nur, wenn er erfolgreich ist.

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  2. 4 Kees Jaratz 23. September 2011 um 09:30

    Das wäre wirklich mal zu klären, wie es zu diesem Termin gekommen ist. Ich werde nicht noch einen eigenen Text dazu schreiben. Aber du kennst meine Skepsis. Selbst wenn die Journalisten ihn haben schlecht aussehen lassen wollen, verstehe ich dennoch nicht die Beweggründe, Fehler von Spielern nochmals vorzuführen. Wir als Zuschauer sehen Fehler von Spielern ohnehin. Darum geht es also gar nicht. Sprich: So etwas macht nur Sinn, wenn Fehler nicht allgemein gezeigt werden, sondern in der Bezug zur gewünschten Taktik grundsätzlich erklärt werden. Dann aber hätte Sasic sich selbst auch zum Thema machen müssen.
    Und da kommt meine Skepsis her. Seine persönliche Art hat etwas spalterisches, das eine Gruppe nur unter bestimmten erträgt. Ein Image entsteht ja nicht aus dem Nichts. Es gibt ein Verhalten dazu. Ich wünsche mir natürlich Erfolg und kontinuierliches Arbeiten. Im Moment befürchte ich aber weiterhin, es fehlt Milan Sasic jemand im Verein, dessen Meinung er ernst nimmt und dem er so vertraut, dass er diese Meinung als mögliches Korrektiv wahrnehmen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob dieses Korrektiv wirklich notwendig ist. Ich weiß nur, dass es in Gruppen sinnvoll ist, wenn es solche Strukturen zur Fehlerkorrektur gibt.

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