Das Duisburger Fauna-Wunder: Aus Schwan wird Eichhörnchen

Warum hätte das Spiel gegen die Sportfreunde Lotte anders werden sollen als die Spiele der letzen Wochen? Weil es jetzt aber wirklich um den Aufstieg ging? Es geht die ganze Zeit wirklich um den Aufstieg. Sehr wirklich, ganz ganz wirklich. Das wissen alle. Deshalb wählt Ilia Gruev seine Taktik. Deshalb spielt die Mannschaft, wie sie spielt. Die gesamte Saison gibt es diesen Druck aufsteigen zu müssen für die Mannschaft und die sportlich Verantwortlichen. Es gab keinen realistischen Grund anzunehmen, wir könnten etwas anderes erleben als in den Wochen zuvor. Es gab nur die Hoffnung, dass jedes Fußballspiel seine eigene Geschichte haben kann. Es gab nur die Hoffnung, wir könnnten begeistert werden.

Aber um Begeisterung geht es nicht als erstes, es geht darum ein Spiel zu gewinnen. Es geht um das profane Ziel Aufstieg. Wir haben eine erste Halbzeit gesehen, in der der MSV das Spiel komplett unter Kontrolle hatte, eine Halbzeit, in der die Sportfreunde Lotte ihr eigenes Tor so dicht machten, wie es irgend geht. Der MSV hatte dennoch zu Beginn eine Chance durch Tim Albutat, dessen freier Schuss von der Strafraumgrenze aus den Lotter Torwart vor keine Probleme stellte. Nach etwa 20 Minuten verlor sich der Druck im Spiel des MSV. Blieb noch Zlatko Janjics Weitschuss über den weit vor seinem Tor stehenden Torwart, der ein Versuch wert war. Wirklich gefährlich war er dennoch nicht.

Das Offensivspiel war wie immer durch gleichmäßigen Rhythmus geprägt. Geduldiger Aufbau, Tempoaufnahme im Dribbling. Ahmet Engin unermüdlich am Flügel gegen zwei, drei Lotter Spieler. Ihm fehlte oft ein Mitspieler in der Nähe gegen diese Übermacht. Neben diesen Dribblings mit Zug zum Tor flog der Ball immer wieder auf verschiedene Weise in den Strafraum, wo Kingsley Onuegbu ebenfalls meist alleine auf sich gestellt war. Zwei, drei Lotter Defensivspieler standen bei ihm. Es wurde auf ihn von den Außenbahnen geflankt, oder es wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld gespielt. Das Ergebnis: Keine Torgefahr.

Die Versuche der Lotter zu kontern endeten kläglich. Doch wer das Hinspiel gesehen hatte, erinnerte sich bei den Flügelläufen, wie gefährlich sie hätten sein können. Auf der Außenbahn geht es für die Lotter besonders über links sehr schnell. Um die Abschlüsse und Flanken musste sich niemand in der ersten Halbzeit sorgen.

In der Halbzeitpause war also offensichtlich, der Aufstieg sollte auch in diesem Spiel so kontrolliert geschehen, wie die gesamte Saison über dieses Ziel verfolgt wurde. Dennoch kann ein Gegentor ohne dauerhaften Druck auf das gegnerische Tor durch den eigenen Ballbesitz immer geschehen. Das war die Gefahr, und nachdem das Spiel wieder angepfiffen wurde, war zu merken, die Lotter kamen mit mehr Mut aus ihrer Kabine. Sie hatten auf einmal mehr Zugriff auf ihr eigene Spielweise. Die Konter wurden gefährlicher. Die Zebras mühten sich dagegen zu halten. Sie hatten nach einem Eckball sogar die große Chance mit dem gleichen Haijri-Kopfball wie gegen Frankfurt in Führung zu gehen. Der wuchtige Kopfball ging knapp am Tor vorbei.

Stattdessen fiel nach einem dieser immer besser vorgetragenen Konter das Lotter Führungstor. Dieses Tor ließ die Zebras für Minuten geradezu verzweifeln. In der Körpersprache fast aller drückte sich eine große Enttäuschung aus. Vielleicht kam Angst zu versagen hinzu. Die Mannschaft geriet ins Schwimmen und Mark Flecken war derjenige, der den MSV im Spiel hielt. Schon vor dem Führungstor hatte er zweimal großartig reagiert. Wenn es einen Sieger dieses Spiels gibt, ist es Mark Flekken.

Für zehn Minuten bestimmt drohte ein Totalversagen. Dann hatten sich alle gefangen. Ab der 80. Minute begann das Dauerspiel auf das Lotter Tor. Immer wieder wurden hohe Bälle aus dem Halbfeld geschlagen. Präzise war das immer noch nicht, aber es reichte, um die Lotter Defensive in Unordnung zu bringen.

Was für ein unsympathische Mannschaft im Übrigen. Jeder Spieler geht zu Boden, wenn er gefoult wird. Trashtalk ist anscheinend üblich, wenn ein Duisburger gefoult wurde. Zuminest lässt sich so die Körpersprache der Lotter oft deuten. Dazu Nickligkeiten im Zweikampf immer wieder. Für die stoische Ruhe vom „King“ in den letzten Minuten dürfen wir ruhig einmal besonderen Applaus geben. Wie er angegangen wurde, das war nicht feierlich. So war sein Ausgleichstor in der Nachspielzeit auch der Lohn für diese Kärnerarbeit im gesamten Spiel. Wer zwei Drittel des Spiels alleine auf sich gestellt im Sturmzentrum steht, kommt immer wieder in Situationen, in denen die eigene Leistung nicht gut aussieht. Dennoch immer weiter zu machen, das ist seine Qualität in diesem Spiel gewesen. Nur deshalb stand er an der richtigen Stelle. Nur deshalb konnte er die gar nicht einfach zu verarbeitende Flanke ins Tor bringen.

Die Enttäuschung der Spieler hielt nach dem Schlusspfiff an. Auf den Rängen herrschte eine gemischte Stimmung. Doch schnell war an allen Ecken von Köln zu hören. An diesen letzten Spieltagen geht es tatsächlich schnell wieder um das nach vorne Sehen. Das hässliche Entlein ist kein Schwan geworden sondern Eichhörnchen. In Duisburg schaffen wir solche besonderen Verwandlungen der Tierwelt. Punkt für Punkt sammeln wir uns dem Aufstieg entgegen. In Köln wird die Mannschaft dann hoffentlich das vollenden, was vom ersten Spieltag dieser Saison an von Bedeutung war – der Aufstieg.

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4 Responses to “Das Duisburger Fauna-Wunder: Aus Schwan wird Eichhörnchen”


  1. 1 ballblog 8. Mai 2017 um 22:46

    Lotte kann wirklich sehr unangenehm sein. Mich wunderte schon, daß die das Spiel zu elft über die Bühne gebracht hatten.Das gelingt denen ja weiß Gott nicht immer 🙂 Kein Wunder bei der Spielweise.
    In Köln sollte das endlich klappen mit dem Aufstieg, anderenfalls muß ich nochmal gegen Zwickau vorbei schauen. Hoffentlich feiert die Mannschaft den Aufstieg wenigstens und nimmt ihn nicht nur unterkühlt zur Kenntnis…

    • 2 Kees Jaratz 9. Mai 2017 um 08:54

      Wenn es erstmal so weit ist, denke ich schon, dass dann endlich Platz ist für die Freude. Gerade auf den Rängen und bei den Spielern sicher auch. Nicht für uns Zuschauer auch für die Mannschaft war das Spiel gegen Lotte sehr enttäuschend. Als das Tor für Lotte fiel, brachen fast alle Spieler innerlich zusammen. Brandstätter stand zur Einwechslung bereit und sackte in sich zusammen. In der Mannschaft gibt es definitiv den Willen Meister der Liga zu werden. Die wollen alle. Dieses zwischenzeitliche Ballgeschiebe ist keine Frage der Anstrengung. Meiner Meinung nach gelingt den Spielern es nicht, die Angst vor dem Scheitern und das notwendinge Risiko in eine gute Balance zu bringen. Und der Jubel auf den Rängen über den Ausgleich zeigt, wenn es denn feststeht, wird die Freude auch da erst einmal ungetrübt sein.

  2. 3 Theo Steegmann 11. Mai 2017 um 14:35

    Ich sehe das anders, nach diesem Lotte-Spiel vor 17.000 Zuschauern war ich ernstlich sauer. „Wir wollen euch kämpfen sehen“, sage ich dazu nur. Der Trainer redet alles schön, Kommentar eines Fans, mit dem wir zusammen rausgingen: „Alle raus schmeißen, außer dem Flekken“
    Dem habe ich nichts hinzuzufügen

    • 4 Kees Jaratz 12. Mai 2017 um 08:12

      Ich sehe nicht, dass die Spieler nicht wollen und nicht kämpfen. Für mich ist das immer der Zwiespalt zwischen Sicherheit über alles und dem notwendigen Druck in der Offensive. Der Aufstieg ist so nötig gewesen, und die Frage war immer, welches Risiko ann die Mannschaft eingehen. Ich glaube inzwischen, der Schock durch die hohe Niederlage in Wiesbaden nach dem so glanzvollen Saisonbeginn war so groß, dass danach Sicherheit als allererstes gedacht wurde. Und so kommt es zu diesem Ballgeschiebe, das so uninspiert wirkt. Aber der Aufstieg gelingt. Die Alternative wären vielleicht viel mehr solcher Niederlagen wie gegen Wiesbaden gewesen. Man weiß das nicht. Das ist auch meine Antwort auf deinen zweiten Kommentar.

      Und dass ein Teil der Spieler in der 2. Liga sich nur schwer durchsetzen werden können, wissen wir auch. Aber bessere Spieler kosten mehr Geld, das der MSV nicht hat. Wir müssen auf die kostenlose Verpflichtung hoffen, die alle überraschen wird.


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