Ein offener Brief an den DFB samt Anmerkungen zum Auswärtsspiel gegen SSV Jahn Regensburg

Sehr geehrte Mitglieder des DFB-Spielausschusses,

um mein Anliegen vorzutragen muss ich ein wenig ausholen, damit Sie sich nicht vorschnell ein Urteil bilden und meinen berechtigten Wunsch als kuriose Anfrage eines Exzentrikers abtun. Sie werden sicher mit mir der Meinung sein, in unserer Gesellschaft hat der Fußball in den letzten Jahren eine große Bedeutung erhalten. Begrüßenswerten gesellschaftlichen Entwicklungen sollte er sich deshalb keineswegs verschließen. Auch darin sind wir uns wahrscheinlich einig. Jeder in Ihrem Kreis wird zudem  hoffentlich in einer Gesellschaft leben wollen, in der Anforderung und Unterstützung den Möglichkeiten eines jeden gemäß angepasst sind. In den Schulen etwa wird dieses so grundlegende soziale Anliegen gerade umgesetzt. Schüler besitzen unterschiedliche Fähigkeiten, und  Lehrer haben die Aufgabe, Lehrpläne auf diese Fähigkeiten hin individuell auszurichten. Auf diese Weise können Schüler sich am besten entwickeln und bleiben nicht unter ihren Möglichkeiten. Nur auf diese Weise kann die allseits geforderte Inklusion gelingen.

Sollte sich der Fußball diese Entwicklung nicht zum Vorbild nehmen? Wäre es nicht eine großartige Sache, wenn Sie sich auf diesem Gebiet sozialen Fortschritts neben die Schulen stellten? Nun wissen Sie vielleicht nicht, wie das im Fußball als traditioneller Form eines Wettbewerbs geschehen kann. Einem Wettbewerb ist ja das Aufteilen der Teilnehmer in Sieger und Verlierer wesenseigen. Am Wettbewerbscharakter des Fußball soll auch keinesfalls gerüttelt werden.

Aber nehmen Sie einen Fußballverein wie den MSV Duisburg. Gestern war im Auswärtsspiel gegen den SSV Jahn Regensburg zu erkennen, selbst wenn vier bis fünf Stammspieler ausfallen, spielt die Mannschaft des Vereins eine Halbzeit lang ganz gut. In der zweiten Halbzeit aber gelang das nicht mehr. Zunächst nur  waren die Zebras lange Zeit spielbestimmend. Sie störten früh in der gegnerischen Hälfte den Spielaufbau von Jahn Regensburg. Die Mannschaft kombinierte sich regelmäßig sicher in Richtung Strafraum, auch wenn die Passgenauigkeit in Tornähe ebenso noch verbessert werden kann wie die Treffsicherheit beim Abschluss. Einen Vorgeschmack auf die zweite Halbzeit gab es kurz vor dem Pausenpfiff. Mit einem Mal wirkte die Defensive unkonzentriert, schien die innere Anspannung abzufallen, wurde den Gegenspielern mehr Raum gegeben. Der gerade eroberte Ball wurde ohne Not dem Gegner zurück gespielt.

Nutzen konnten die Regensburger diese zwei, drei Minuten andauernde Schwäche noch nicht. Im Gegenteil, der MSV Duisburg kam sogar noch zu einem Angriff kurz vor der Halbzeitpause, bei dem Matthias Kühne mit starkem Einsatz einem zweiten Ball im Strafraum hinterherging und  ihn fast schon fallend raus auf den Flügel spielen konnte. Die Flanke kam sofort auf den frei stehenden Patrick Zoundi, der im zweiten Versuch den Ball über die Torlinie zur 1:0-Führung brachte. Branimir Bajic hatte kurz zuvor wegen einer Verletzung ausgewechselt werden müssen. Insgesamt fehlten in der zweiten Halbzeit schon sechs Spieler aus der Anfangsformation.

Eine schwache zweite Halbzeit der Mannschaft hatte ich befürchtet. Im Verlauf der Saison kam es schon oft zu einem Bruch im Spiel der Zebras, wenn die Spieler nach der Pause wieder auf dem Platz standen. Zwar hatte Pierre De Wit noch eine große Chance, die Führung auszubauen. Doch das blieb nur ein Aufflackern. Fortan griff der SSV Jahn Regensburg an und der MSV Duisburg wirkte zu überfordert, um konsequent und sicher die Angriffe zu verteidigen. Der Ausgleich war nur eine Frage der Zeit. Es schien lange so, als ob die Führung folgen könnte. Ihr Ausbleiben war mehr der Abschlussschwäche der Regensburger geschuldet als der Stärke des MSV. Dennoch wurden die Zebras zum Ende des Spiels hin auch selbst noch ein-, zweimal gefährlich. Das half die Regensburger zumindest so sehr zu verunsichern, dass sie nicht mehr mit aller Macht auf die Führung drangen. Das Unentschieden war gerecht. Beide Mannschaften hätten allerdings ebenfalls gewinnen könnnen. Niemand hätte sich darüber beschweren dürfen.

Ahnen Sie vielleicht, worauf ich mit diesem kurzen Rückblick auf das gestrige Spiel hinaus will? Über die gesamte Saison hinweg spielt der MSV Duisburg immer wieder in der zweiten Halbzeit schlechter als in der ersten. Ich gebe zu, der Gedanke ist ungewöhnlich, möglicherweise sogar irritierend. Aber ich bin der Meinung, wenn die Leistung einer Mannschaft so offensichtlich wie  beim MSV Duisburg an die Spieldauer gebunden ist, sollte ihr diese zweite Halbzeit von der Gesamtspieldauer erlassen werden. Der DFB würde damit nur dem sozialen Bildungsideal folgen. Wer nämlich die Spieldauer an die Möglichkeiten der Mannschaft anpasst, ermöglicht den Spielern des MSV Duisburg Erfolgserlebnisse und trägt zu zukünftig besseren Leistungen wesentlich bei. Ich bin nicht allein mit meiner Meinung. Vielen anderen MSV-Beobachtern ist es schon aufgefallen, wie schwer es die Zebras mit jenen Anforderungen durch die so starr festgelegte Spieldauer haben, die einfach nicht zu den momentanen Möglichkeiten der Mannschaft passen. So führt im MSVPortal der User Red Bull sechs Spiele auf, in denen der MSV Duisburg führte und die die Mannschaft letztlich nicht gewann. Mehr als diese aussagekräftige Statistik braucht man eigentlich nicht, um folgerichtige Regeländerungen vorzunehmen.

Ich weiß selbst, letztlich müssen die Verantwortlichen des MSV Duisburg aktiv werden und Anträge stellen. Aber Sie wissen auch, ehe irgendwo auf dieser Welt konkrete Maßnahmen gegen Missstände ergriffen werden, braucht es viele Anstöße von außen. Wir brauchen eine breite Diskussion, in der alle Betroffenen beteiligt werden. Gerade wir Zuschauer sind ja Leidtragende, wenn wir den Verein unserer Zuneingung in den zweiten Halbzeiten jeweils so gebeutelt sehen. Ich hoffe, nach meinen Ausführungen sind auch Sie nun der Ansicht, die Anpassung der Spielzeit an die Spielstärke des MSV Duisburg gehört auf die Agenda des DFB. Ich weiß aber auch, mit Radikalforderungen kommen wir nicht weiter. So kann ich mir als erste Akutmaßnahme auch vorstellen, dass der Verzicht auf die zweite Halbzeit nur beim Ausfall von vier Stammspielern zum Tragen kommt. Das wäre schon mal ein Anfang, der aber deutlich machen würde, einmal mehr trägt der Fußball entscheidend zum gesellschaftlichen Fortschritt bei.

In Erwartung Ihrer hoffentlich wohl gesonnenen Antwort grüßt Sie freundlich

Ihr Kees Jaratz

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2 Responses to “Ein offener Brief an den DFB samt Anmerkungen zum Auswärtsspiel gegen SSV Jahn Regensburg”



  1. 1 #Link11: Bundesliga Pur | Fokus Fussball Trackback zu 27. Januar 2014 um 11:48
  2. 2 Zeit als Zwangsgeschenk vom MSV | Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 24. Februar 2014 um 10:43

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