Bitter, bitterer, am bittersten

Seit gestern Abend versuche ich die Ruhe zu bewahren. Das hat absolute Priorität. Nur mit Ruhe stellt sich der Erfolg ein. Keine Sorge darf vor dem Anpfiff des nächsten Spiels in unseren Köpfen sein. Die Mannschaft, ich, wir alle auf den Rängen, wir müssen gerade das nächste Spiel so beginnen, als gäbe es keine Vorgeschichte. Wir müssen im Heimspiel gegen FSV Frankfurt diese verdammte 2:0-Niederlage gegen den FC St. Pauli vergessen haben. Wir müssen vergessen haben, wie die Mannschaft in Hamburg so lange hat mitgehalten und wie sie tatsächlich die Chance besaß, einen oder gar drei Punkte mitzunehmen nach Duisburg. Wir müssen vergessen haben, wie die Mannschaft alles gab, was ihr möglich war und sie dennoch erneut verlor. Sonst lähmt die Enttäuschung. Sonst wächst die Angst, ohnmächtig den Niederlagen ausgesetzt zu sein. Zwei Punktespiele nacheinander gab es das Versprechen auf Erfolg. Wir müssen diese Spiele so vergessen, als hätte es sie nie gegeben.

Es war kein schönes Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem MSV Duisburg. Es gab keinen Spielfluss, es gab kaum erfolgreiche Spielzüge, Kombinationen, egal ob im Kurzpassspiel oder mit langen Bällen. Vielleicht kombinierte St. Pauli etwas erfolgreicher im Mittelfeld. Fast immer war damit aber an der Strafraumgrenze des MSV Schluss. Im ganz engen Raum besaßen die Hamburger auch keine spielerischen Möglichkeiten mehr. Sie passten vielleicht genauer, schossen aber mindestens ebenso unpräzise wie der MSV. Das Spiel bestand vor allem aus vielen aufreibenden Zweikämpfen.

Die klareren Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen, besaß sogar der MSV. So frei wie in der 2. Halbzeit Kevin Scheidhauer – und  war es Steffen Bohl? – tauchte genau ein Spieler St. Paulis vor dem Tor der Duisburger auf, und das war Lasse Soblech, als er den Elfmeter zum Führungstreffer St. Paulis in der 70. Minute einschoss. Selten wird ein Elfmeter dieser Art gepfiffen, und wenn, so nennt ihn alle Welt unberechtigt. Einerseits. Andererseits bewegte sich Dustin Bomheuer ungeschickt in dieser Situation und gab dem Schiedsrichter Anlass zu glauben, sein Ziel sei nicht der Kopfball gewesen, sondern der Körper des Gegenspielers, den er mit dem Gewicht seines ganzen Körpers zu Fall bringen wollte. Es wirkte nur so aus einer bestimmten Perspektive, und das ist eine Kleinigkeit, aber es sind genau diese Kleinigkeiten, die den MSV momentan scheitern lassen.

Im Grunde haben es die Zebras vom Anpfiff an gut gemacht. Sie haben kein Spiel aufkommen lassen. Läuferisch und kämpferisch waren sie präsent. Auch in der Offensive konnten sie auf dem Niveau mithalten. Mit dem Pfostenschuss von Andreas Wiegel gab es auch in dieser ersten Halbzeit die größere Chance für den MSV. In der Halbzeitpause der Sky-Übertragung wurde das auch von einem verletzten Pauli-Spieler anerkennend angemerkt. Er hoffte für die 2. Halbzeit auf das Durchsetzen der spielerischen Überlegenheit.

Mit Beginn der 2. Halbzeit wurde das Spiel tatsächlich offener. Bis zum Elfmeterpfiff war aber überhaupt noch nicht entschieden, welche Mannschaft durch diese Offenheit bevorteilt werden würde. Natürlich war es wahrscheinlicher, dass St. Pauli den größeren Nutzen zöge. Abschlussschwach waren sie bis dahin aber immer noch, und wie gesagt, es war Kevin Scheidhauer, der völlig frei zum Schuss kam, auch wenn nach der Flanke der Ball nur schwer zu nehmen war. In diesem offener werdenden Spiel wurde in einer Spielsequenz auch wieder erkennbar, wie anfällig eine aufgerückte Mannschaft des MSV für Konter ist.

Das Spiel hatte Schwung aufgenommen, auch der MSV bekam etwas Raum. Ein Angriff wurde druckvoll vorgetragen, im Strafraum abgewehrt und schon lief der Konter, gegen den die Defensive machtlos wirkte. Ein einziges Mal kam das vor. Das nur angemerkt für all diejenigen, die glauben, der MSV hätte offensiver agieren müssen. An der Stelle war deutlich zu sehen, warum das ein ganzes Spiel nicht gelingen kann.

In solch einem Spiel wie gestern gibt es nur wenige Torchancen. Wenn die nicht genutzt werden, darf kein Gegentor fallen, sonst geht das Spiel verloren. Dieses Gegentor fiel mit Hilfe des Schiedsrichters, der den Elfmeter pfiff. Das zweite Tor wäre eine unbedeutende Zugabe geworden, wenn es nur nicht wieder Michael Ratajczaks gegenwärtiges Leistungsvermögen in den Blick gerückt hätte. Bei solchen Schüssen aus einer Distanz von knapp außerhalb Strafraums macht er momentan oft keine gute Figur.

Zu dem Zeitpunkt spielte die Mannschaft des MSV schon nur zu zehnt. Andreas Wiegel hatte verletzt ausscheiden müssen. Das Wechselkontingent war ausgeschöpft. Die Verletztung erweist sich heute als Kreuzbandriss, und das ist die andere bittere Nachricht, weil Andreas Wiegel in seinem ersten Spiel nach der letzten langen Verletzung sich mit einer starken Leistung präsentierte. Die Verletztung war die Folge eines Fouls von Marc Rzatkowski, für das er die gelbe Karte erhielt. Damit war er gut bedient. Es war eines jener Fouls, bei denen im Ansatz klar ist, der Gegenspieler ist das Ziel und der soll das gefälligst spüren. Diese Verletzung steigert den bitteren Nachgeschmack der Niederlage ins Unerträgliche.

Vergessen wir das alles wieder. Nur so entsteht nicht das Gefühl von Vergeblichkeit. Nur so lässt sich das Glück trotz der kleinen Fehler im Spiel des MSV auch manchmal zwingen. Am besten am nächsten Sonntag schon.

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