Besser als der Eindruck

„Die Abwehr – wie ein Hühnerhaufen“, ruft der WDR-Reporter in das Mikro. Durch den nächsten herrlichen Konter fällt das dritte Tor. In der achtzehnten Minute. Jetzt sagt ihr, Moment, es sind doch nur zwei Tore gefallen. Richtig. Das war auch gestern. Wir haben aber Samstagnachmittag, ich komme spät zum Schreiben, und ich höre „Sport und Musik“.  In Mönchengladbach erleben die Zuschauer gerade das, was wir gestern auch gesehen haben. Mit dem Unterschied, dort kontert die Heimmannschaft und die Gäste versuchen sich am Spielaufbau.

Relativieren die Bremer Erfahrungen die erste Halbzeit des gestrigen Spiels vom MSV Duisburg gegen den FC St. Pauli schon etwas? Manchmal ist es ein Vorteil, wenn ein wenig Zeit verstreicht, ehe ein Urteil gefällt und Enttäuschung in Worte gefasst wird. Was soll ich all das wiederholen, was fast überall schon geschrieben wurde? Natürlich offenbarte sich ein Klassenunterschied in der ersten Halbzeit. Natürlich hätte es fünf oder sechs Tore für St. Pauli geben können – gerade steht es in Mönchengladbach übrigens 4:1. Und natürlich hielt Tom Starke überragend. Für seine Stärken war das Spiel perfekt geeignet. Natürlich wirkt eine Abwehr bei solchen Kontern überfordert. Wie das Mittelfeld, das beim Spielaufbau jene Fehler machte, die der Abwehr erst das Unmögliche abverlangte. Mal abgesehen vom ersten Tor, bei dem die Abwehrspieler die Stürmer St. Paulis zur freien Kombination einluden. Soll ich also auch schreiben, dass man mit der zweiten Halbzeit halbwegs zufrieden sein konnte? All das ist allerorten schon geschrieben worden.

Wäre es da nicht zumindest unterhaltsamer, provokativ zu sagen, der MSV Duisburg hätte das Spiel gewinnen können. Den Klassenunterschied hat es nur deshalb gegeben, weil der Verein aller Vereine mit seiner für eine Heimmannschaft typischen Spielweise die Stärken des FC St. Pauli nur besonders zur Geltung gebracht hat. Soll ich provokant fragen, ob das Heimpublikum es ausgehalten hätte, einen nach dem frühen Gegentor abwartenden MSV Duisburg zu sehen, eine Heimmannschaft, die sich erst einmal zurück zieht, um sich zu besinnen und aus der verstärkten Abwehr heraus zunächst nicht mehr als das Unentschieden zu wollen? Es waren noch 83 Minuten zu spielen. Im Fußball gibt es solch einen Wechsel der Taktik mitten im Spiel kaum. Es fehlen die Auszeiten, um die Mannschaft kollektiv während einer Ruhephase in eine andere Richtung zu schicken. Dennoch sollte man dieses Gedankenspiel einmal vornehmen. Dann lässt sich die Leistung des FC St. Pauli in der zweiten Halbzeit auch noch einmal gesondert bewerten. Denn bei einem ruhigen Spielaufbau gelingt dieser Mannschaft auch nicht allzu viel.

Das schreibe ich auch deshalb, weil in Duisburg das zu-Tode-betrübt-Sein ein Lieblingsgefühl des Publikums ist. Mich haben die Pfiffe zum Abpfiff der ersten Halbzeit auf dieselbe Weise geärgert wie die vergebenen Torchancen in der zweiten Spielhälfte. Da kann man dieses Mal die von den Ultras motivierten Fans kaum zu wenig loben, die dieses idiotische Pfeifen übertönen wollten. Was soll dieses Pfeifen? Hat diese Mannschaft in der ersten Halbzeit etwa nichts versucht? Das Können dieser Mannschaft reichte nicht aus, um diesen so früh und perfekt agierende Defensivverband St. Paulis zu überspielen. Prügelt ihr auf eure Kinder ein, wenn sie partout nicht aus dem Stand heraus partielle Differentialgleichungen lösen können? Was soll das: „Schlicke raus“? Darf man während des Spiels trotz aller Enttäuschung nicht auch einen Funken Verstand erwarten? Wer sitzt denn da zurzeit auf der Bank als Ersatz? Frank Fahrenhorst. Von ihm lese ich natürlich wegen seiner so überragenden Spielweise immer wieder als „Gefahrenhorst“.

Im Grunde haben wir es vorher gewusst. Es gibt die Schwächen dieser Mannschaft, und manchmal ist der Gegner dazu in der Lage, diese Schwächen auszunutzen. Diese  Schwächen werden in dieser Saison dauerhaft nicht abzustellen sein. Dennoch kann die Mannschaft um den Aufstieg weiter mitspielen. Eine Niederlage gegen einen starken Gegner hat es gegeben. Das nächste Spiel ist auswärts, normaler Weise liegt dem MSV das mehr. Im übrigen nicht nur dem MSV wie die große Zahl der Heimniederlagen in der Bundesliga während dieser Saison zeigt.

8 Responses to “Besser als der Eindruck”


  1. 1 jekylla 3. Februar 2010 um 08:56

    Ich komm dann auch mal hier vorbei, feines Blog haben Sie da 🙂

    Tja, die erste Halbzeit war ein Traum, die Mannschaft hat auch uns (St. Pauli Fans) schwindelig gespielt. Aber das leider nicht durchgehalten, so kam dann auch der Meidericher Sportverein noch zu Chancen, die zu unserem Glück genauso wenig verwertet wurden wie wir unsere der ersten Halbzeit.

    Was die Reaktionen einiger Fans angeht, das kann ich auch nicht so ganz nachvollziehen. Wenn sich eine Mannschaft sichtbar bemüht -und das hat sie ja- sind Pfiffe oder Schmährufe in Richtung eigenes Lager nicht angebracht.

    Wünsche auf jeden Fall viel Erfolg fürs nächste Auswärtsspiel.

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    • 2 Kees Jaratz 3. Februar 2010 um 09:15

      Herzlich willkommen geheißen wird man natürlich auch in blau-weiß gestrichenen Räumen! Ihre Worte weiß ich, schon etwas länger bei Ihnen mitlesend, sehr zu schätzen.

      Das Publikum in Duisburg ist schon kein einfaches. Und wir MSV-Interessierten reden immer mal wieder gerne darüber, was man da so machen kann. Allerdings fehlte da bis vor kurzem auf Vereinsseite noch das entsprechende Bewusstsein. Bei Bruno Hübner meine ich nun ein Wissen um die speziellen Belange dieses Publikums zu erkennen. Mal sehen, wo sich das hin entwickelt.

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      • 3 jekylla 3. Februar 2010 um 09:44

        Natürlich sollen die Fans Signale setzen, der Spielsituation angepasst. Ein ständiges rosarotes Dauer-LaLa, wie es bei uns öfter mal zur Kritik ansteht, ist auch nicht das Richtige. Unser Trainer hat in Sachen Fans und Support dazu kürzlich ein sehr gutes Interview gegeben. Sollte es Sie interessieren, wühl ich mal nach dem Link.

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  2. 4 Kees Jaratz 3. Februar 2010 um 10:01

    Interview habe ich nicht, aber YouTube-Ausschnitt aus der Diskussionsrunde nach dem Aachen-Spiel – schon verlinkt im Vorbericht zum Pauli-Spiel – Und da spricht er ebenfalls alles für mich Entscheidende an. Bin ich derselben Meinung: Da zeigt er auf sehr beeindruckende Weise seine Haltung gegenüber Fans und sein Wissen um deren Gefühle. Das war mehr als „die Mannschaft braucht die Unterstützung“. So was kennt man ja von allen Trainern. Da steckte mehr Überzeugungskraft drin bei Holger Stanislawksi – wie ich ihn unter uns MSV-Fans lieber nenne.

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  3. 5 jekylla 3. Februar 2010 um 10:07

    Da können Sie mal sehen, wie vertraulich ich hier schon bin, ja, Holger Stanislawski 😉

    Schade, das Interview, das ich meinte, ist aus der kostenpflichtigen „Flimmerkiste“ des FC St. Pauli, aber Sie wissen, was ich meine.

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  4. 6 Kees Jaratz 3. Februar 2010 um 10:24

    Mit dem Namen war ich nur etwas vorauseilend – wohl wissend um die Hamburger Sitten und Gebräuche. Sie haben ihn vorhin sehr dezent „Trainer“ genannt! Und es versteht sich von selbst, nur ich bekomme diesen anderen Namen nicht in die Tastatur … Sie wissen ebenfalls schon, was ich meine.

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  1. 1 Ein Zebra in der Achterbahn Trackback zu 31. Januar 2010 um 10:36
  2. 2 Versuch sich auch mit geschriebenen Worten heillos zu freuen « Fakten und Gerüchte aus dem Stadionbus Trackback zu 28. November 2010 um 18:24

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